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Ausführliche Erklärung der Hogarthischen Kupferstiche

Georg Christoph Lichtenberg: Ausführliche Erklärung der Hogarthischen Kupferstiche - Kapitel 9
Quellenangabe
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typeessay
authorGeorg Christoph Lichtenberg
titleAusführliche Erklärung der Hogarthischen Kupferstiche
publisherZweitausendeins
seriesGeorg Christoph Lichtenberg. Schriften und Briefe
volumeDritter Band
printrun6. Auflage
editorWolfgang Promies
year1998
isbn3861500426
firstpub1799
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120613
modified20150421
projectidd1989bfb
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Zweite Lieferung

Hogarth unrivall'd stands, and shall engage
Unrivall'd praise to the most distant age.

Churchill

Vorrede

Die Vorrede zur ersten Lieferung von unserm Kommentar über Hogarths Werke schloß sich mit einem Paar Weissagungen, wovon leider! keine ganz in Erfüllung gegangen ist. Nach der einen sollte die zweite Lieferung bereits in der Michaelis-Messe vorigen Jahres erscheinen, und nach der andern, die Erklärung von der Heirat nach der Mode enthalten. Sie erschien damals nicht, und jetzt, da sie ein halbes Jahr später erscheint, enthält sie die Heirat nach der Mode nicht. Wir halten es für Pflicht gegen das Publikum, ihm jetzt den Grund dieses Irrtums kurz anzuzeigen, und ihn dadurch so viel wie möglich zu entschuldigen, so sehr wir auch überzeugt sind, daß das Publikum die Zeit über nichts vermißt haben, und wahrscheinlich das Versehen selbst erst aus der Entschuldigung kennen lernen wird. – Als man nach der Ostermesse v. J. Hand an das Werk zu legen anfing, fand der Künstler bald, daß es ihm bei seinen andern Arbeiten, die weder Aufschub noch Abänderung litten, unmöglich sein würde, die sechs nicht von Hogarth gestochenen und höchst ausgearbeiteten Blätter, welche jene Heirat vorstellen, bis Michaelis fertig zu schaffen; wohl aber sechs andere in Hogarths gewöhnlicher Manier. Man änderte also ab, und die Wahl fiel auf die sechs Blätter, die wir hier dem Publikum überreichen, – auf das Leben der Buhlerin. Da nun dieses eigentlich ein ganzes Gewebe von Heiraten nach der Mode ist: so wurde durch diesen Schritt noch so ziemlich für die Erfüllung der zweiten Weissagung gesorgt. Allein für die der ersten – da war keine Rettung. Es stellten sich Hindernisse ein, die aber auch unsere Entschuldigung mit sich führen: eine Krankheit die sich nicht mit Kupferstechen und eine Kränklichkeit die sich nicht mit Beschreibungen vertrug, wenigstens nicht von Werken dieser Art. – Daß jene Krankheit von Grund aus gehoben worden sei, wird nicht leicht jemand bezweifeln, der unsere Kopien mit den Originalen zusammenhalten will. Aber die Kränklichkeit! – die wird man, fürchten wir, und vielleicht mit Recht, überall finden. Indessen, damit dieser, unserer treuen Begleiterin durch das Leben, auch nicht zur Last gelegt werde, woran sie keine Schuld hat, müssen wir ein Paar Anmerkungen vorausschicken.

Diejenigen unter unsern Lesern, die ihre Begriffe von Hogarth nach einem gewissen Ruf, oder nach unsrer ersten Lieferung, formiert haben, werden sich vielleicht bei dieser zweiten etwas betrogen finden. Dieses ist nicht ganz unsere Schuld. Das Leben einer Buhlerin und einer Londonschen obendrein, von Hogarth dargestellt, verspricht allerdings sehr viel launigen Mutwillen. Wir dachten selbst so – ehmals. Es findet sich aber anders, und wir glauben mit Zuversicht behaupten zu können, daß unter allen seinen Werken von Wert, diese sechs Blätter gerade diejenigen sind, die die kleinste Quantität von eigentlich sogenannter lachenmachender Materie enthalten. Die Ursache fällt in die Augen; der Hauptgegenstand verträgt sich nicht damit. Denn die Geschichte eines unschuldigen Mägdchens, der Tochter armer aber rechtschaffener Eltern, die in London ihr Glück sucht, und aus Unerfahrenheit in das tiefste Verderben stürzt, ist wahrlich kein Gegenstand zum Lachen. Auch hatte Hogarth, bei aller seiner Munterkeit, viel zu viel Empfindung und Geschmack, eine daraus machen zu wollen; ja zu einem solchen Pasquill auf sich selbst und die menschliche Natur war er als Mensch, ich will nicht einmal sagen, als rechtschaffener Mann, schon nicht fähig. Wenn also der Erklärer dieser Blätter zuweilen sehr ernstlich spricht, und hier und da so gar in den Fehler zu verfallen scheint, den er in der Vorrede zur ersten Lieferung Herrn Ireland vorwarf, so ist dieses nicht Kränklichkeit gewesen. War sie es indessen, so wünscht er wenigstens aufrichtig, nie davon geheilt zu werden. Auch hofft er, wenn ihn sein Gefühl nicht ganz trügt, sich noch immer hierin von Herrn Ireland, wenigstens in modo, merklich unterschieden, und also seinem damaligen Urteil nicht widersprochen zu haben. Allein was er fürchtet, ist, daß er dieses Gefühl von Mitleid mit dem Hauptgegenstand, das ihn eigentlich nie verließ, bei der Beschreibung von Nebendingen, wo es nicht hätte herrschen sollen und dürfen, mehr gewaltsam erstickt, als ruhig abgelegt, und, anstatt ungezwungen zu lächeln, sich durch Kitzelung seiner selbst zu einer sehr unnatürlichen Lustigkeit gereizt hat. Er zeigt die Stellen nicht an, für welche er dieses besonders fürchtet. Der geschmackvolle Leser wird sie leicht von selbst finden. Dieses Versehen hat vielleicht seinen Grund in Kränklichkeit; vielleicht aber auch (und dieses sollte ihm sehr angenehm sein) bloß die Entschuldigung.

Noch muß er ein Paar Worte, die er über eine bedenkliche Materie auf dem Herzen hat – nicht verlieren. Es kommen auf diesen Blättern einige seltsame Dinge vor. Dahin gehört z. B der Restaurations-Besen auf dem dritten und einiges (!) auf dem sechsten Blatt. So etwas erklären zu müssen, ist unstreitig, wo nicht gar eine gefährliche, doch sicherlich eine höchst unangenehme Lage für einen Erklärer von Gemälden. Der Maler, der sie unter dem Schutz der Vieldeutigkeit hinmalt, bekümmert sich um nichts. Denn fragt man ihn: aber wie in aller Welt hast du so etwas malen können? so kann er immer, selbst, während ihm die Röte der Überführung ins Gesicht steigt, antworten: wer sagt dir denn, daß ich das gemeint habe? Eine gemalte Zweideutigkeit also beharrt in ihrem Wesen, so lange sie gemalt bleibt, aber sie fährt sogleich als simple Zote aus, so bald der Beschwörer, ich meine der Erklärer seine Worte über sie spricht. Und hat denn endlich der arme Erklärer alles getan, was er konnte, Sorge und Mühe und Angst genug ausgestanden: so muß er sich doch wohl noch gefallen lassen, daß man am Ende so etwas von losem Vogel und oder gar etwas – von in der Haut, zum großen Dank hinter ihm drein murmelt. Das ist abscheulig. Indessen glauben wir doch, uns noch so ziemlich aus der Sache gezogen zu haben; nicht durch Überspringen, denn das ist gar nichts; auch nicht durch direktes Hinweisen, denn das wäre kein So ziemlich, sondern etwas sehr Unziemliches gewesen; sondern durch ein weises (sit venia verbo) Darumherumgehen und ein Hinwegsehen mit gesuchter Direktion. Wer in einer Gesellschaft von Frauenzimmern, immer nur Eine und ebendieselbe ansieht, verrät sich nicht um ein Haar mehr, als der, der nur immer Eine und ebendieselbe nicht ansieht. Das eine löst das Problem so gut als das andere. In der Algebra sind das längst bekannte Dinge. Auch dieser ganze Absatz unserer Vorrede steht nicht bloß hier als Entschuldigung, sondern auch als Erklärungsmittel für jene Stellen. Denn Unrat wird leicht gefunden, so bald man obiter weiß, wo welcher liegt.

Übrigens danken wir dem Publikum für den Beifall sowohl, als die Erinnerungen, womit es die erste Lieferung beehrt hat. Von beiden soll gewiß der beste Gebrauch gemacht werden. Vor allen Dingen versichern wir, daß uns auch der größte Beifall nie zu Nachlässigkeiten verleiten soll, so wenig als der strengste Tadel zu Erbitterung. Es ist mit dem schriftstellerischen Beifall ohnehin bei uns eine eigene Sache, er gründet sich in den meisten Fällen mehr auf das menschenfreundliche Sprechen, und vielleicht noch öfter auf das menschenfreundliche Schweigen derer, die die Sache besser verstehen, als auf innern Wert. Wir haben indessen alles getan was wir konnten, vielleicht auch hier und da etwas aufgedeckt, was bisher übersehen worden ist, aber auch vermutlich sehr vieles geschrieben, was nur so lange einigen Wert behält, als Forster, Wendeborn, von Archenholtz, Küttner usw. schweigen.

Einige Druckfehler die den Sinn verstellen, haben wir angezeigt, die übrigen, deren wir erst nach dem völligen Abdruck mehr gefunden haben, als wir erwartet hätten, wird der Leser gütig entschuldigen. Dahin gehört einigemal den statt dem, das statt daß, zeitich, geistich usw. Wichtiger werden vermutlich die gedruckten Fehler sein, die aber bekanntlich, der Autor mag sein Büchelchen drehen und wenden, wie er will, immer eine solche Lage annehmen, daß etwas zwischen sie und sein Auge zu liegen kömmt, das sie ihm verdeckt. So etwas zu sehen, gehört schlechterdings für Personen, die von der Seite stehen, an denen es auch gottlob, nie fehlt. Damit man aber einen Übereilungsfehler, der S. 773 in der 15ten Zeile von unten steht, und den wir erst nach dem Abdruck des Bogens, nicht ohne Lächeln entdeckt haben, nicht dahin rechne: so verbessern wir ihn hier. Es muß nämlich dort nach versteinert ein Punkt stehen, und dann die nächste Periode mit den Worten: Alles Luce etc. anfangen. So wie die Konstruktion jetzt dasteht, erinnert sie fast, wiewohl nicht unter so guten Umständen, an Shakespears Enter three witches solus. – Die nächste Lieferung wird, wann sie erscheint, das Meisterstück von satyrischer Laune, das Leben des Liederlichen in acht Blättern, gewiß enthalten. Die erste Platte ist bereits ihrer Vollendung nah.

Göttingen den 18. April 1795.

G.C.L.

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