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Ausführliche Erklärung der Hogarthischen Kupferstiche

Georg Christoph Lichtenberg: Ausführliche Erklärung der Hogarthischen Kupferstiche - Kapitel 8
Quellenangabe
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typeessay
authorGeorg Christoph Lichtenberg
titleAusführliche Erklärung der Hogarthischen Kupferstiche
publisherZweitausendeins
seriesGeorg Christoph Lichtenberg. Schriften und Briefe
volumeDritter Band
printrun6. Auflage
editorWolfgang Promies
year1998
isbn3861500426
firstpub1799
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Night
Die Nacht

Die Nacht

Hogarth hat für gut befunden, hier eine Nacht vorzustellen, die nur dem Stand der Sonne nach diesen Namen verdient, denn man sieht hier so gut in die Ferne, als bei den drei übrigen Tages-Zeiten, und kann sogar die kleinste Schrift auf Schildern und Postkutschen etc. lesen. Denn erstens brennt hier im Vorgrunde ein Freuden-Feuer (bonfire); zweitens ist gleich dabei eine Handlaterne; drittens werden Schwärmer geworfen, wovon einer den Passagieren in der Kutsche zu Grabe leuchtet; viertens werden diese von einem Knaben an einer Fackel angezündet, die ihr Licht in einen tiefen Winkel sendet, um der Polizei etwas vorzuweisen; fünftens hat ein Kerl, der da bei einem Fasse lukubriert, sein eignes Stümpchen Licht, mit seinem lehmenen Leuchter auf das Faß geklebt;Man hat diesen Mann für einen von den nützlichen Leuten gehalten, die sich dem schmutzigsten Geschäft im Staat widmen, und die man aus Scherz im Englischen zuweilen Goldfinders, Goldfinder nennt. Sonst heißen sie Nightmen und ihre Karren Nightcarts; Nachtmänner, Nachtkarren. Diese Namen und die diesem Geschäfte gemeiniglich gewidmete Zeit, hätten (aber freilich sonst nichts in der Welt) wohl einen Mann wie Hogarth verleiten können, so etwas hieher zu stellen. Ähnliche Mängel an Delikatesse finden sich wohl bei ihm, und wirklich selbst auf diesem Blatt. Aber es ist gewiß was anderes; die beträchtliche Größe des Fasses, und daß ganz und gar keine Spur von einem Karren da ist, läßt schon etwas Reinlicheres vermuten. Herr Ireland ist hier sehr richtig: Man ist hier willens, dem Volk an diesem, wie wir gleich hören werden, freudigen Abend ein Faß mit starkem Bier zum Besten zu geben, und das wird hier gefüllt. Ärger können doch Scholiasten nicht leicht gegen einander laufen. Hier indessen nicht ganz ohne des Autors Schuld; man kennt den Schalk und vermutet nicht viel Gutes von ihm, zumal im Düstern. sechstens sind mehrere Häuser illuminiert; siebentens scheint der Mond; und achtens brennt am andern Ende des Prospekts, dem Freuden-Feuer gegenüber, ein großes Trauer-Feuer, nämlich ein Haus ab. Vielleicht zur nützlichen Lehre, als Folge eines Freudenfeuers. Also Natur, Kunst und Zufall, leihen hier dem Künstler ihr Licht. Bourseault, wenn er seiner Babet dieses Blatt hätte erklären sollen, würde vermutlich gesagt haben: »hier fehlte nichts als noch der Glanz Deiner Augen, um völlig Tag zu machen.«

Dieses ist die Nacht nach dem 29ten Mai, als dem Tage, an welchem die Wiederbringung der Monarchie und Karls II. (King Charles's restoration) von den Freunden dieser großen Begebenheit, (und wer sollte der nicht sein?) mit Freudenfeuern und Illuminationen gefeiert wird. Daher kommen hier die Eichenblätter an die Häuser und auf die Hüte, zum Andenken der berühmten Karls-Eiche,Von dieser Eiche wird an einem andern Orte, wo sie auch abgebildet erscheint, mehr gesagt werden. die sogar unter den Sternen steht. In dieser Rücksicht ist wirklich der Schauplatz von dem Künstler gut, und mit einem Gefühl gewählt, wovon die Spuren in diesem Werke eben nicht häufig vorkommen. Denn man muß wissen, daß dieses die Gegend von Charing-Cross in London ist, wo ein Meisterstück der Bildgießerei, die Bildsäule des unglücklichen Königs Karls I. aufgestellt ist, die man auch hier in der Ferne erblickt, und die also unser Künstler gleichsam Teil an diesen Freuden nehmen läßt. Welcher unter unsern Lesern würde wohl nicht mit Sehnsucht wünschen, daß künftige Bildsäulen des gleich unglücklichen Ludwigs XVI. dereinst Zeugen von ähnlichen Freudenfesten sein möchten? Man muß sich den Eindruck, den dieser Gedanke des Künstlers auf jeden gefühlvollen Menschen machen muß, nicht durch den Mutwillen verwischen lassen, den er im Vorgrunde angebracht hat. Bei den öffentlichen Freuden eines großen und gesunden Volks geht es nicht anders. Jedes Wesen freut sich nach seiner Art; der Metzgerjunge (hier stehen welche) anders als der Kammerherr, und der Zechbruder, der ebenfalls hier steht, anders als der Erzbischof; und in einem solchen Falle handelt gewiß der Künstler, der diese Freuden darstellen will, am weisesten, der sich nur diejenigen wählt, denen er gewachsen ist.

Der Alte im Vorgrunde ist ein schwer betrunkener und verwundeter Freimäurer, noch in vollem Anzuge, mit Winkelhaken und Schurzfell. Seine Stirn trieft von Blut, so wie sein Mund von Wein. Er glüht über und über, und würde aufbrennen, wenn er nicht glücklicher Weise dem Strom einer künstlichen Pisse-vacheDer honorable Name einer berühmten natürlichen Kaskade in der Schweiz.aus einer obern Etage begegnete. Er wird von dem Logenwärter und Lichtputzer der Gesellschaft, der ihm den Degen abgenommen, aber den Stock gelassen hat, nach Haus geführt. Solche signierte und resignierte Schädel und Stirnen, wie diese, fürchten keinen Stock, aber gegen den Degen wird die Weisheit selbst zu Schanden. Der Alte soll das Porträt von einem gewissen Sir Thomas De Veil sein. Sir John Hawkins, der den Sir Thomas gekannt hat, hat Herrn Nichols versichert: es sei gar keine Ähnlichkeit. Indessen versichert Herr Ireland von neuem, es gleiche einem Porträt dieses Edelmanns, das er gesehen habe, sehr. Grammatici certant. Genug, wir sehen den betrunknen Freimäurer unter der Pisse-vache, – Satyre auf den Orden ist es aber sicherlich nicht, wenigstens nicht auf den wahren. Es scheint vielmehr auf die Saufgelage- und Beutelschneider-Clubs zu gehen, die sich Logen nennen, und womit London in allen Winkeln überschwemmt ist. Vermutlich geht der Hieb gar auf das hier bezeichnete, berüchtigte Haus, the Rummer tavern, den Gasthof zum Römer,Bekanntlich eine Art geräumiger, bauchichter Trinkgläser. wo auch ehemals Logen gehalten wurden, aber das zweite Schild, das es trägt: The new Bagnio (das neue Bad-, Schwitz- und *** Haus) gibt deutlich zu erkennen, was für welche.

In dem Hause linker Hand ist eine Barbierstube mit einem Schilde, worauf ein Kopf abgebildet ist, dem eine Hand einen Zahn sanft ausziehen wird, wenn er anders die Hand nicht vorher selbst auffrißt, mit der Unterschrift: Shaving, bleeding and Teeth drawn with a touch. Ecce Signum. Rasieren, Aderlassen und Zahnausziehen (sollte heißen ausbrechen) mit einem Ruck; wie hier zu sehen. Durch das aufgeschobene Fenster sieht man in die Stube selbst, wo wirklich an einem alten Kopf zwei von den Operationen in Erfüllung gehen, die das Schild verheißt, nämlich Rasieren und Aderlassen mit demselben Ruck. Zähne werden nicht ausgezogen, aber dafür fast die Nase, die Dulderin! Der Geselle, der die Exekution verrichtet, ist, wie man an dem Kamme sieht, zugleich Friseur. Vergleicht man den überströmenden Mund des Kerls und sein in einen rechten Winkel gebogenes Schermesser, mit dem Munde und Winkelhaken des Sir Thomas: so wird man fast geneigt zu glauben, er gehöre mit zur Loge im Römer, und sei nur ein wenig abgerufen worden, um dem alten Herrn aufzuwarten. Wozu auch der alte Herr noch so spät in der Nacht seinen Bart zu entbehren nötig hat? – Unter dem Ausstell-Laden des Barbiers entdeckt man ein öffentliches Dormitorium, dergleichen es in London ehemals viele gegeben haben soll; wahre Diebs-Karavansereien, wo jung und alt beiderlei Geschlechts, mit Hühner-Gleichheit und Hahnen-Rechten öffentlich durch einander schlief. – Also auch hier ein Bagnio, so wie gegenüber noch ein drittes.

Zur Linken ist die fliegende Postkutsche von Salisbury (The Salisbury flying Coach),Wenn die Engländer von flying auf dem Schlag ihres Postfuhrwerks sprechen: so kann man auch auf flying rechnen. Es ist kein cito, citissime auf einem Briefcouvert. Sie halten Wort. Nur muß man sich zuweilen kleine Pausen, wie diese, nicht verdrießen lassen. Die Spanier machen es daher besser, sie setzen auf ihre Postwagen, die von Maultieren gezogen werden: Seguridad y celeridad, sicher und schnell, und halten ebenfalls Wort. Der deutsche Postwagen ist der klügste, er verspricht nichts, und kann daher tun was er will so eben willens, von ihrem Fluge auszuruhen und sich auf die Fußbank niederzusetzen, da alsdann selbst die langsamste und schwerste deutsche Diligence (Negligenzen sollte man sie hier und da nennen) Zeit gewinnen würde, ihr vorzukriechen. An der Seite, wo sie sich hinlegt, ist die Gosse, und auf der andern das Freudenfeuer, welches schon das eine Rad ergriffen zu haben scheint. Die armen Passagiere haben sich mehr auf sanften Schlaf als auf das Dilemma geschickt, das hier schnelle Entschließung fordert: ob sie sich wollen wässern oder sengen lassen. Der kleine Bösewicht beim Dormitorio hat vermutlich Schwärmer nach den Pferden geworfen, und bläst mit fast platzender Ungeduld an einem zweiten. Die Knaben vor der Kutsche sind Fleischerjungen, die das Feuer unterhalten. Sie scheinen sehr fröhlichen Anteil an der glücklichen Ankunft der Reisenden zu nehmen und sie bei der Gosse zu bewillkommen. Einer unter ihnen hält einen Wischer, womit man die Fußböden naß reinigt und wieder abtrocknet (a mop), vermutlich die Reisegesellschaft naß damit zu reinigen oder abzutrocknen. Dieses Instrument könnte wohl dem Schwärmer gegenüber stehen, so wie die Gosse dem Freudenfeuer.

Wer sollte nun nicht glauben, daß hiermit alle Satyre, bei dieser Szene wenigstens, abgetan wäre? Allein das ist sie bei weitem noch nicht halb, ja sie geht eigentlich erst jetzt an. Da oben hängt nämlich auf dem Schilde ein etwas breit und stolz ausgefallener, statiöser Herr, und unten darunter liest man seinen Namen The Earl of Cardigan (der Graf Cardigan). Dieses ist der Erfinder der fliegenden Kutschen, der also hier hängt, die Exekution da unten mit anzusehen und gleichsam als Epitaphium über dem Grabe seines eigenen Werks. Andere ziehen den Hieb bloß auf das schnelle und oft unvorsichtige Fahren dieses Mannes. Was es aber auch sein mag: so ist die Lehre für ihn herrlich. So etwas hätte sein Bild in einem marmornen Pantheon nie erlebt.

Zum Beschluß einen nicht sehr bemerklichen Zug, aber so bald man ihn auch bemerkt hat, einen der schönsten auf dem ganzen Blatt. Dort, vor der Statüe, sieht man einen Karren mit Hausrat. Das sind Leute, die sich aus dem Staube machen wollen und daher des Nachts ausziehen, sind aber so unglücklich, weil Plan und Abrede vielleicht schon einige Zeit voraus festgesetzt worden war, nicht allein in eine Nacht zu geraten, da eine Illumination ist, sondern auch noch zwischen diese Feuer: so, daß man, wie bei den Lichtkugeln von Belagerten, die Silhouetten ihrer Betten und Stühle und ihrer ganzen Machinationen auf ein Paar hundert Schritte sehen kann. Sollten sie von ihren Gläubigern gefunden werden, so wird es auch da ohne Restoration nicht abgehen.

Von den Original-Gemälden hat der Herzog von Ancaster den Morgen und Mittag für 57 und Sir William Heathcote den Abend und die Nacht für 64 Guineen gekauft.

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