Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Georg Christoph Lichtenberg >

Ausführliche Erklärung der Hogarthischen Kupferstiche

Georg Christoph Lichtenberg: Ausführliche Erklärung der Hogarthischen Kupferstiche - Kapitel 6
Quellenangabe
pfad/lichtenb/hogarth/hogarth.xml
typeessay
authorGeorg Christoph Lichtenberg
titleAusführliche Erklärung der Hogarthischen Kupferstiche
publisherZweitausendeins
seriesGeorg Christoph Lichtenberg. Schriften und Briefe
volumeDritter Band
printrun6. Auflage
editorWolfgang Promies
year1998
isbn3861500426
firstpub1799
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120613
modified20150421
projectidd1989bfb
Schließen

Navigation:

Noon
Der Mittag

Der Mittag

Dieses Blatt stellt, wie alle Ausleger einmütig versichern, die französische Kapelle in Hog-lane St. Giles' zu London vor. Diese Straße so wohl als ein Teil der benachbarten Gegend wurde damals fast ganz von französischen Flüchtlingen und ihrer Nachkommenschaft bewohnt. Daher man auch den papiernen Drachen, der da an der Kirche herabhängt, auf dieses Volk gedeutet hat, das durch einen religiösen Sturm über den Kanal verschlagen, hier eine sichere Zuflucht gefunden habe. Doch von diesem Drachen hernach mehr. Was dieses Hog-lane für eine Straße sei oder gewesen sein muß, wird der Leser leicht mutmaßen können, wenn er weiß, daß Hog auf Deutsch ein Schwein, und Lane einen engen Weg oder auch ein Gäßchen heißt. Es mag den guten Hogarth wohl recht in der Seele gefreut haben, daß das Schicksal, ohne sein Zutun, die Franzosen dahin versetzt hat, wo er sie gewiß selbst würde hingesetzt haben, wenn es bei ihm gestanden hätte: in die Saugasse. Denn einen abgesagtern Feind hatte wohl das sel. Frankreich nie gehabt als ihn; ein Schweinstall und Lutetia minor hieß bei ihm einerlei. Überhaupt aber muß es damals in dem ganzen St. Ägidien-Kirchspiel (St. Giles') in einem hohen Grad lutetisch hergegangen sein. Es wird angemerkt, daß der Fußboden einer dortigen Kirche, die im Jahr 1625 gebaut worden ist, im Jahr 1730 bloß durch Schweinerei acht Fuß tiefer gelegen habe als die Straße. Man sah sich sogar genötigt sie neu zu bauen.

Von Hogarths Franzosenhaß trägt dieses Blatt fürwahr Spuren genug, ja es ist im Ganzen ein recht mörderischer Ausfall auf französische Gesichter, Figuren und Trachten. Wenn er auf dieses Kapitel kömmt, so hält er sich selten im Mittelwege, und das ist auch leider! hier der Fall.

Wie man an der Turmuhr im Hintergrunde sieht, so ist es jetzt eilf Uhr und die Kirche aus. Die Türe der französischen Kapelle ist geöffnet, und die geistliche Herde strömt, mit dem Wort beladen, aus derselben hervor. Die meisten Mitglieder sind so gezeichnet und bezeichnet, daß man glauben sollte, irgend ein reisender Wunderdoktor habe hier seine klinische Session gehalten, und so eben das wandelnde Hospital dimittiert. Die männliche Hauptfigur ist vermutlich ein Tanzmeister, wie denn nach Hogarths Prinzipien der größte Teil der französischen Nation aus Tanzmeistern bestund. Ist er es nicht, so verdiente er es zu sein. Er ist im reich galonierten Kleide, und einer Weste, die mit schwerer Schabrackenpracht fast die Knie bedeckt. Die ganze Figur hat unglaublich viel Zärtliches und Süßes, wenigstens von Seiten des Willens. Sie steht in einem Menuet-Pas; die linke Hand ist etwas abwärts gesenkt und am Gelenke wieder rückwärts gebogen, voll unverkennbaren Ausdrucks von Unterwürfigkeit gegen die Dame. An dem Gelenke der rechten Hand hängt das modische spanische Rohr. Die Spitze des Zeigefingers ist subtil an die des Daumens angebogen, so daß beide einen Ring bilden, für die feinste Prise Tabak viel zu fein geschlossen, sondern so wie man etwa ungefaßte Brillanten gegen das Licht besieht. Sehr schön und bedeutungsvoll. Er will nämlich mit diesen Fingern die Worte, die aus dem nicht sehr reizenden Munde etwas breit und voll heraus zu laufen scheinen, noch im Laufe feiner spinnen. Dieser Gestus ist auf Kanzeln und Kathedern nicht selten, da wo man den unnützen Schlacken, die der Mund auswirft, zuweilen noch im Fluge das Ansehen von ungefaßten Brillanten, oder dem Hanf, den man spinnt, das von gesponnener Seide geben will. Die Dame mit dem zwar zart aber etwas lang geschlitzten Munde, scheint überhaupt durch vorsätzliche Verengerung eines an sich geräumigen Sprachwerkzeugs, ihren Gedanken den Anstrich geben zu wollen, den ihr Liebhaber, oder wohl gar der ihr Neuangetraute seinen Worten mit dem Daumen und Zeigefinger gibt. Ob sie gleich kaum zwei Schritte von der Kirchentüre weg ist, so lehnt sie sich doch schon mit dem rechten Arme auf dessen Schulter. Dieses wirft etwas Licht auf allerlei, was der Reifrock in den Schatten bringen soll. Der ganz eigene und sonderbare Schnitt desselben scheint nämlich nicht so wohl gewählt zu sein, dem Ganzen mehr Ansehen und Relief durch Ausdehnung zu geben, als vermutlich die etwa zu sichtbar werdende natürliche Ausdehnung, die keiner Beschreibung bedarf, zweideutig zu machen. Das Kleid verträgt sich mit jeder Taille, und bei jeder wiederum mit der Ebbe so gut als mit der Flut. Auch könnte es sein, daß es noch eine kleine Unkorrektheit im Tritt bedecken sollte, die der kleine Erbe derselben aus erster Ehe nicht so gut verbergen kann. Ich rede hier von dem hochgeputzten jungen Menschen letzter Größe, der mit Haarbeutel, Solitaire, Stock und Degen sichtbar gemacht, voraussteigt. Auch könnte der Tanzmeister wohl sein Vater sein, der dann freilich von Seiten des Körpers seines Sohnes wenig Unterstützung im Dienst von ihm erwarten kann. Doch das geht gewöhnlich so: Heroum filii nequam. Daß indessen dieser Zwerg mit so großem Wohlbehagen den Silberblick seines Ärmels auffängt, zeichnet seinen Geist dem Körper ähnlich. Auf diesen Blättern verdienen vorzüglich die Moden von 1738 Rücksicht, die Hogarth pünktlich beobachtet haben soll. An unsrer Dame ist die Situation der Schleife besonders merkwürdig. So auf halbem Wege, zumal ohne Spur von einem Gürtel, erinnere ich mich nicht sie je gesehen zu haben. Ob wohl die dreifarbigen Gleichheits-Kokarden da getragen werden? Hinter diesem lichten Vortrab sieht es sehr dunkel aus. Der alte Kopf, der mit den jugendlichen Köpfen der beiden Verliebten eine etwas stumpfe Pyramide macht, ist herrlich mit denselben kontrastiert. Der Ausdruck scheint etwas gerechter Unwille über das Benehmen dieses Paares so nah an der Türe des Schafstalles, verbunden mit etwas ungerechtem über eignes Unvermögen zu so etwas. Alle sieben Köpfe sind wahre Sinnbilder verschlossener, eiserner Dogmatik, und einer Salbung, die bis auf die Knochen gefressen hat. Gegen diese disputiere einmal jemand. Es hieße die Flut mit einem Sonnenfächer zurückwedeln wollen. Ihr Glaube, wenn er je lebendig war, ist wenigstens jetzt in Versteinerung übergegangen. Man betrachte nur das Gesicht gleich hinter der Schulter des Tanzmeisters, die Miene des Domine in der Kirchentüre, und der Kopfhängerin vor ihm. Man irrt, wenn man glaubt ein Kopfhänger hieße der Mann, oder das Wort sei von dem Manne hergenommen, der ihn vor sich geneigt trägt. Nein! das sind oft sehr brave Leute; sondern es stammt von dem selten ehrlichen, schlauen Horcher ab, der ihn auf der Seite trägt, mit einem Ohr immer aufwärts gespannt, seinen unbefangenen Nebenmenschen zu belauschen oder die Engelchen singen zu hören. Rechter Hand wird von zwei Matronen ein Liebeskuß gewechselt, und mit welcher Innigkeit! Die Seelen scheinen ganz ineinander geflossen, und die Nasen würden diesem Beispiel folgen, wenn sie minder zähe und körperlich wären.

Gleich hinter diesen Matronen hat sich ein Heiliger hart an die Wand hingestellt. Die Predigt hat lange gedauert, und doch kann er nicht wegkommen! – Die Krüppelgarde, die dort in die Straße hineinzieht, kehrt uns den Rücken zu: so wollen wir sie ziehen lassen. Der Knabe oder Zwerg mit der Perücke und einer Mütze, wie ein Bienenkorb, und sein Schwesterchen, sind doch übertrieben, und so etwas geht nur durch, wenn es sparsam angebracht, und überdas mit Zügen begleitet ist, die beweisen, daß man auch etwas Besseres kann. Allein dieses ist der geringste Tadel, der Hogarths Darstellung dieser Gemeinde trifft. Das sind keine Franzosen. Unmöglich! Und am allerwenigsten protestantische Franzosen von 1738, im Auslande. Hogarth hat sicherlich diese Menschenklasse nicht gekannt; wo ich sie gesehen habe, habe ich auch nie einen Zug bemerkt, der Veranlassung hätte sein können, ihnen in corpore so zu begegnen. Sie waren vielmehr überall die Zierde der Gesellschaft, und selbst ihre Matronen, Muster zu lernen, wie anständige Fröhlichkeit das Alter kleidet und durch es ehrwürdig werden kann. Was Hogarth hier gezeichnet hat, sind Engländer, methodistische oder sonst religieuse, englisch-melancholische Schwärmer im Tabernakel gezeichnet, wo der finstere Sektenhimmel schwer auf der Erde lag. Hier ist nichts von dem rosenfarbenen Himmel jenes Volks, der auch in dieser Farbe immer anbetungswürdig, zugleich eine zum Genuß eines ohnehin schnöden Lebens erforderliche Distanz hält. An einem methodistischen Bethause, wo so eben die Predigt aus ist, aufgehängt, litte auch nunmehr der Drache noch eine andere Erklärung. Diese Schwärmer von großer Geistes-Beweglichkeit durch den Geist, werden von jedem Kanzel-Lüftchen leicht gehoben, und schweben der Gottheit zu, mit deren Wesen sie sich zu vermischen glauben; sie zittern und glühen und hören unaussprechliche Dinge; aber kaum läßt der Wind nach, so fallen sie herab und bleiben an der nächsten Straßenecke hängen.

Auf der entgegengesetzten Seite des Blatts kehrt der Künstler in sein Fach zurück und da sieht man ihm mit Vergnügen zu. Zuerst ein Haus mit dem Kopfe Johannis des Täufers in der Schüssel, mit der Unterschrift: good eating (gut zu essen, oder hier speiset man gut). Die beiden Hundszähne vom Löwen oder Wolf, worin das Motto eingeklammert zu sein scheint, sind hier nicht so wohl die Parenthesen-Zeichen, als die Parenthese selbst: Gutes Essen (für ein solches Gebiß nämlich). In London hatten ehemals die meisten Häuser Schilder, oft ohne den geringsten Bezug auf den Stand oder das Gewerbe des Bewohners. Vielleicht zog, nachdem der Kopf Johannis schon da war, ein Traiteur hinein. Gleich darneben hängt an dem Hause eines Branntweinbrenners (distiller), wie der Krug auf dem Pfosten und die am Hause herumhängenden hölzernen Krüge andeuten, ein Schild mit einer Frau ohne Kopf, worunter steht: The good woman (die gute Frau). Also dort ein Kopf ohne Körper, und hier ein Körper ohne Kopf. Wie man in England, wo, wie in Deutschland, die besten Weiber immer die besten Köpfe haben, so etwas hat dulden können, und noch immer duldet, ist mir unbegreiflich. Der Einfall ist nicht von Hogarth, denn wirklich ist diese Vorstellung in London sehr gemein, und wie Herr Ireland anmerkt, jetzt vorzüglich den Farbenhändlern eigen. Das verstehe ich nicht. Ein Mensch ohne Kopf bezeichnet hingegen eine Branntweinbrennerei nicht übel; denn Branntwein setzt Geist an die Stelle des Kopfs, und Geister können nicht gemalt werden. Aber damit hat Hogarth nicht genug. In diesem Hause, wo man übrigens noch nach wahrer Zeit speiset, läßt er zwischen dem Manne und seiner guten Frau einen kleinen Disput über das Essen entstehen. Dieses nimmt ihre Güte so übel, daß sie die Hammelskeule mit samt dem Gemüse, selbst am Sonntage, unter die Heiligen auf die Straße wirft. Das ist recht. Denn wenn schon das Essen durch die Versendung nicht besser wird, so ißt sichs doch nun oben mit mehr Ruhe. Lustig ist es, daß einige vorbeigehende Leute, die entweder den soliden Segen von oben kommen hören, oder weil ihn der flüssige schon auf ihren Kleidern vorläufig angekündigt hat, plötzlich unten in das Haus hineinflüchten, Entschädigung für die Flecken zu fordern, oder zu warten bis der Schauer vorüber ist. Einer hat sogar glücklicher Weise schon einen Besen bei sich, als wäre er gekommen um das gute Essen unten aufzusammeln.

Linker Hand im Vorgrunde, gerade unter dem Einfluß des ominösen Kopfs, wird des guten Essens auf und über dem Steinpflaster noch immer mehr. Ein Knabe hat einen in einer irdenen Schüssel im Backhause gebacknen Pudding (baked pudding), für die rissige Schüssel etwas zu hart, auf den Pfosten gesetzt; sie geht darüber entzwei, und der Pudding wird in demselben Augenblick good eating für ein gesundes englisches Straßenmädchen, die vortrefflich mit dem französischen Zwerge kontrastiert ist. Die Figur des armen Teufels, den dieses Unglück trifft, hat Hogarth aus einem Gemälde von Poussin genommen, das sich in der Sammlung des Herrn Hoare zu Stourhead befinden soll, und den Sabiner-Raub vorstellt. Hinter diesen ist eine etwas üppige Koalition zwischen Afrika und Europa. Das Mädchen, dessen Fülle, vermutlich vorsätzlich, der Flachheit der französischen Dame gegenüber gesetzt ist, so wie die derbe Sinnlichkeit des Mohren dem platonischen Geflüster des Tanzmeisters, hat so eben auch aus dem Backhause eine Pastete geholt. Durch den nachgiebigen Widerstand, den sie ihrem schwarzen Bekannten leistet, fließt auch etwas davon heraus auf die Straße. Das wäre also good eating zum drittenmal, und der müßte Hogarths Schalkheit schlecht kennen, der nicht im ersten Blick sähe, daß dieser Kuß hier als vierter Gang serviert wird. Umsonst stehen diese beiden Köpfe nicht so unmittelbar unter dem Motto. Ganz voran liegt, vermutlich der Unreinlichkeit von Hoglane noch einen Hieb zu geben, eine zu Tode gesteinigte Katze; vielleicht auch neben her zugleich mit als good eating zum fünften und letzten Male.

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.