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Ausführliche Erklärung der Hogarthischen Kupferstiche

Georg Christoph Lichtenberg: Ausführliche Erklärung der Hogarthischen Kupferstiche - Kapitel 43
Quellenangabe
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typeessay
authorGeorg Christoph Lichtenberg
titleAusführliche Erklärung der Hogarthischen Kupferstiche
publisherZweitausendeins
seriesGeorg Christoph Lichtenberg. Schriften und Briefe
volumeDritter Band
printrun6. Auflage
editorWolfgang Promies
year1998
isbn3861500426
firstpub1799
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120613
modified20150421
projectidd1989bfb
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Eilftes Blatt. K.

Fleiß und Faulheit. Eilftes Blatt.

Hier ist nun endlich Idle (1) an der Schwelle des dreisäuligen Altars der Gerechtigkeit, mit ihrem Opferpriester (3) oben drauf. Idle (1) sitzt auf einem Karren mit dem Rücken gegen seinen Sarg angelehnt. Auf dem Sarge steht sein Name T. I. Thomas Idle (auch im Original steht aus Versehen I. T.), vor ihm sitzt oder kniet ein methodistischer Prediger, wie man aus dem Haarschnitt und einem Traktätchen von Wesley sehen kann, das er in der Hand hat, und hält den Zeigefinger hoch, wie einen Blitzableiter über ihn. Außerdem sieht man auch noch den Prediger von Newgate in der Kutsche vorausfahren, dieser wird zu ihm treten, wenn die Katastrophe noch etwas näher rückt, denn in England kann man zu keiner Ehrenstelle im Staat gelangen, wenn man nicht wenigstens die äußern Gebräuche der hohen Kirche mitmacht. Daß Hogarth seinen Helden zu einem Methodisten macht, ist ein mutwilliger Seitenhieb auf diese Sekte, dergleichen sich schwerlich ein methodistischer Kupferstecher gegen eine andere Sekte erlaubt haben würde, überhaupt sollen sie die Satyren lieber und besser ertragen als schreiben. Ich habe einmal gehört, man könne in einem schlechten Wagen ein Gesicht machen, daß der ganze Wagen dadurch ein gutes Ansehen bekäme; Idles Gesicht hier könnte wohl eine Staatskarosse zu einem Leichenwagen oder noch etwas Schlimmerem verderben. Das Gewühl ist hier groß, von allerlei Menschen, besonders der Klasse, die sich um die Exspektanz zu ähnlichen Promotionen bewerben. Wir können nur einiges hier mitnehmen. Nro 4 ist eine Gin trinkende Heilige. Der Gestus ist gut gewählt, und kann eben so gut Bewunderung des Branntweins, als der unbegreiflichen Führungen des Himmels bezeichnen. (5) ist ein Kerl der einen lebendigen Hund beim Schwanze hält, und im Begriff ist ihn voll gerechten Unwillens nach dem Missetäter zu schleudern. Ein braver Kerl, will er sagen, kann wohl einmal gehenkt werden, aber morden muß man nicht. Es ist ein starker Zug von Niederträchtigkeit, den Hogarth hiermit dem Charakter seines Helden einwebt, daß er andeutet, er sterbe selbst unter den Verwünschungen solcher Menschen. Denn auch in der Stimme dieser Volksklasse, ist immer noch ein leises Hallen von Gottes Stimme nicht ganz zu verkennen. (6) die Frau mit dem Kinde, verkauft unter schrecklichem Schreien the last dying speech von Thomas Idle; die Rede die der Mann vor seiner Hinrichtung gehalten haben soll, der noch nicht hingerichtet ist, und vermutlich, wie man aus dem gänzlichen Mangel von oratorischer Fassung in seinem Gesichte sehen kann, auch nicht halten wird. Die Frau ist indessen um diesen kleinen Anachronismus wenig bekümmert, und ihr Publikum eben so wenig, das sie begierig kauft und liest, so wie wir die Reden der Helden bei den alten Geschichtschreibern. (7) mit dem Federhut ist das Porträt eines berüchtigten Honigkuchenbäckers, Tiddy Doll genannt, nach einem Refrain, womit sich jedes Mal die Stanzen schlossen, worin er seine Kuchen singend anpries. Ein kleiner Junge, oder wohl gar ein kleines Mädchen, beraubt mit vieler List die Tasche dieses Sängers. (10) und (11) haben einen kleinen Disput über das Meum und Tuum bei einem Umsturz, den eine Schiebkarre mit Apfelsinen erlitten hat. (8) und (9) ein Paar drollige Galgenfrüchtchen, die ihre Freude über einen Stadtsoldaten äußern, dessen Unvorsichtigkeit ihn bei seinem Landdienst in eine Pfütze führt, in welcher es sich leichter schwimmen als marschieren läßt. Zur Rechten steht die Mutter des Helden mit verhülltem Gesicht in tiefstem Schmerz, auf einem Karrn, worin sie nach dortiger Sitte den Leichnam wegführen will. Ein kleiner Knabe der etwas in die Familie sieht, ist bemüht sie zu trösten. Oben auf der Galerie läßt ein Kerl eine Taube fliegen, die dem Stockhausverwalter von Newgate Nachricht von der Ankunft des Delinquenten bringen soll. Trusler nennt dieses einen alten Gebrauch. Hier bei diesem Blatte verwandeln sich nun die emblematischen Verzierungen der Einfassungen in aufgeknüpfte Todengerippe. Unterschrift: Sprüchw. Sal. Cap. 1. V. 27, 28. Wenn über euch kommt, wie ein Sturm, das ihr fürchtet, und euer Unfall, als ein Wetter; wenn über euch Angst und Not kömmt: dann werden sie mir rufen, aber ich werde nicht antworten; sie werden mich frühe suchen und nicht finden.

Fleiß und Faulheit. K.

Fleiß und Faulheit. K.

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