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Ausführliche Erklärung der Hogarthischen Kupferstiche

Georg Christoph Lichtenberg: Ausführliche Erklärung der Hogarthischen Kupferstiche - Kapitel 31
Quellenangabe
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typeessay
authorGeorg Christoph Lichtenberg
titleAusführliche Erklärung der Hogarthischen Kupferstiche
publisherZweitausendeins
seriesGeorg Christoph Lichtenberg. Schriften und Briefe
volumeDritter Band
printrun6. Auflage
editorWolfgang Promies
year1998
isbn3861500426
firstpub1799
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Sechste Platte

Die Heirat nach der Mode. Sechste Platte

Wir haben die Verbrechen gesehen mit einigen ihrer außergerichtlichen Folgen. Den Grafen in seinem Blute, dessen Mörder im Hemde flüchtig in einer Winternacht, und die Mitschuldige in gleichem Anzuge in Ablegung der Urgicht auf der Folter des Gewissens. Noch war die Strafe gering. Hier auf diesem Blatte steigt sie nun für beide zu einem fürchterlichen Grade, dem höchsten, den sie gerichtlich und außergerichtlich diesseits des Grabes erreichen kann.

Unmittelbar nach dem physischen Tode ihres geliebten Lords, und ihrem damit verbundenen eignen moralischen, verläßt die Gräfin die westliche, höhere Welt der großen Stadt und deportiert sich oder vielmehr begräbt sich zugleich mit ihrem Kinde und dessen edlem Blute in der östlichen aus der sie genommen war, in den Gewölben ihres Herrn Vaters, unfern der Altstädter-Brücke (London bridge), die man mit ihren Gebäuden hier aus dem Fenster sieht.

Hier nun, auf immer entfernt von dem Zauber der Sphären-Musik des Hofes, und dem Getöse von Lady Townleys und Lady Heathens Trommeln und Miß Hairbrains Tumult-Pomp, hatte sie Gelegenheit eine Bekanntschaft zu machen, die ihr von unendlichem Nutzen hätte sein können, wenn es in bessern Zeiten dazu gekommen wäre, – mit sich selbst. – Nun war es viel zu spät! – Mit einem Donnerschlag des Gewissens eingeführt, erschien sie nun zum ersten Male vor sich selbst. Was für ein Anblick! – Verstoßen in Westen von allen, um derenwillen sie so manchen in dem mütterlichen Osten verstoßen hatte – und nun selbst von diesen Verstoßenen verstoßen; ohne Visiten und selbst ohne Visiten-Karten; ohne Rang und endlich ohne – Ehre, der Spott und der Hohn, das Gespräch und die Lektüre der ersten Stadt der Welt. Immer näher, erblickte sie sich endlich als die Mörderin ihres Mannes; freilich nicht gerichtlich henkbar, aber dafür außergerichtlich zu einer Selbsthenkerei verdammt, worin sich, bei unauslöschlicher Schande und in der Einsamkeit, große Progressen machen lassen. Wahrlich! So von seines Selbstes Gnaden den letzten Stoß zu erwarten, ist unendlich peinlicher, als der Strang, den die Justiz von Gottes Gnaden dem Verbrecher unverweigerlich verordnet.

Indessen blickte noch immer ein schwacher Strahl von Hoffnung in ihren Kerker. Herr Silbermund ward zwar ergriffen und eingesperrt, allein er lebte noch; und kannte die Schliche sowohl als Wege Rechtens, und was braucht ein solcher Vogel mehr, um sich schon mit bloßer Schnabelkraft aus jedem Käfig heraus zu helfen. Es war also noch immer möglich, daß diese beiden Galgen-Täubchen,In einigen Gegenden Deutschlands nennt man die Raben, sehr schön, des Scharfrichters Tauben. wonicht am östlichen oder westlichen Ende der Stadt, doch in irgend einem Winkel der östlichen oder westlichen Erde, ihr Nestchen noch einmal wieder bauen konnten. Allein bald darauf macht man Herrn Silbermund den Prozeß; er wird schuldig befunden und zum Galgen verdammt. Das war auf einmal ein zu großer Schritt auf dem Wege Rechtens; man befand sich also plötzlich auf der letzten Station.

Das hölzerne, schmucklose Portal mit der Fangschlinge, durch welches der Weg führte, lag schon ganz nah. Noch immer tröstete sie sich: »Es ist unmöglich – er kann nicht gehenkt werden – es war ein gar zu liebes Herz! Gewiß hatte mein Seliger die größte Schuld. Immer betrunken, immer bepflastert und immer bepillt! Er hätte mich besser hüten müssen. Da nicht zu stehlen, wo das liebe Eigentum so an der Straße herumfährt, ist nicht in der menschlichen Natur, so wenig als es in der menschlichen Natur ist, sich gutwillig erstechen zu lassen, wenn man selbst einen Degen führt. Und das waren ja doch die ganzen Verbrechen meines Silbermunds. O! mein Vaterland hat eine Gerechtigkeit, aber auch eine Gnade! Dies, dies war es was ich suchte; dies ist Trost: Gerechtigkeit aber auch Gnade. O! gewiß, Gnade – mein Silbermund lebt und wird leben.« – Mit diesen Träumen hatte sie sich noch so eben diesen Morgen getäuscht, als sich plötzlich eine Begebenheit ereignete, von der fürchterlichsten Wirkung für die Träumerin. Sie enthielt für sie nichts Geringeres als die Donnerworte: »Nein, dein Silbermund wird nicht leben, und lebt nicht mehr. Glock zehn diesen Morgen blieb er in der Schlinge des Portals hängen; du kannst ihn noch schwingen sehen, wenn du willst.« Diese Begebenheit wollen wir nun unsern Lesern kurz und in einfacher Prose erzählen.

Dieser Morgen war, wie die Dame wohl aus öffentlichen Blättern wissen konnte, wenn sie es auch nicht sonst erfahren hätte, zur Exekution ihres Liebchens ausgesetzt. Das Verbrechen selbst war von der Beschaffenheit, daß sie, die mit den Subtilitäten des Rechts nicht bekannt war, sich leicht ähnlicher, wenigstens ähnlich scheinender Fälle erinnern konnte, da eine solche Tat bloß mit Gefängnis oder Transportation war bestraft worden. Hierauf gründete sie ihre nicht ganz verwerflichen Hoffnungen, und diese erhoben nun Liebe und sehnlicher Wunsch sie erfüllt zu sehen, mit bekannter Zauberkraft zur Gewißheit. Sie schickte also, um dieser Gewißheit sobald als möglich gewiß zu sein, eine Art von Hausknecht (nämlich das Ding, das dort beim Tische sich in einen Manns-Rock verkrochen hat) nach dem Richtplatze ab. Dieser arme Teufel bringt nun, ohne vielleicht selbst einmal zu wissen wie viel er brachte, nicht allein die Nachricht, daß Herr Silbermund so eben das Zeitliche mit dem Ewigen, und das batistene JustizkrägelchenSiehe oben S. 921. mit dem hänfenen verwechselt habe, sondern noch obendrein das Blättchen Vergiß mein nicht, das wir da unten neben einem leeren Arzneigläschen liegen sehen. Dieser Bogen, dessen Stempel niemand leicht verkennen wird, der einigermaßen weiß was Humanität ist, enthält nichts Geringeres als Herrn Silbermunds Schwanen-Gesang unter dem Galgen, seine Galgen-Rede.Counsellor Silvertongue's last dying speech. Es ist dieses eigentlich das Opusculum, auf welches wir oben S. 920 angespielt haben, und aus welchem allein man eigentlich erfährt, daß der Selige wirklich Silbermund geheißen habe. Übrigens hat es in dem klassischen England mit diesen Reden eben die Bewandtnis wie mit den Reden der Helden bei den alten Autoren, die Helden selbst wußten nicht darum. Dies war zu viel für ein zärtliches Herz. Der Mann – das wäre noch hingegangen, aber der Liebhaber! – Blitz und Schlag eins, greift sie nach einem zwei Unzen-Gläschen Laudanum,Denjenigen unter unsere Leserinnen und Lesern, die nicht wissen was dieses Laudanum sei, dient zur Nachricht, daß es eigentlich eine Art von Böhmischem Liquor ist, der, tropfenweise äußerlich auch wohl innerlich unter der Leitung eines erfahrnen Arztes gebraucht, heilsam sein kann; allein in den Tag hinein und gar lotweis verschluckt, völlig wirkt wie Blei in Pillenform unzenweis aus der Pistole genommen. Weitere Nachricht davon findet man in Apothekerbüchern und Romanen, zumal den recht-süß-empfindsamen, mit Verlobungen im Grabe. das sie sich, vermutlich in den ersten wilden Augenblicken der neulichen Selbsterkenntnis, verordnet hatte, aber doch schon etwas zu kräftig gefunden haben mag, als es ankam – und trinkt es bis auf den letzten Tropfen aus. Bei der Mittagstafel zeigt sich die Wirkung des Giftes; sie stürzt mit dem Stuhle zurück; man rafft sie auf, schleppt sie nach dem Armsessel, ruft den Doktor, ruft den Apotheker und einen Teil der Apotheke; alle erscheinen, aber – wäre Silbermund selbst lebendig und im Fleische mit einem Ball-Billet gekommen, er hätte sie nicht wieder zurückgebracht – es war zu spät. Daß es wirklich zu spät ist, sieht man auch aus dem Arzt, der sich bedächtlich zurückzieht, um der Seele die Honneurs vor die Haustüre zu machen. Dieses ist der flüchtige Umriß dieser Szene, die wir nun nach Vermögen ausmalen wollen.

Sie stirbt auf dem Armsessel, mit den Insignien der über sie ausgebrochenen Strafgerichte, Giftfläschchen und Galgen zu ihren Füßen – und so ist endlich Squanderfield gerochen. Eine alte Haushälterin, vermutlich bereits vor zwanzig Jahren von der Natur auf Grau in Grau angelegt, hält der Hingerichteten das Kind entgegen, dessen Rassel wir oben von einem Sessel anderer Art herabhängen gesehen haben. Dieses Jammerbild schlingt die kleinen rachitischen Arme um den Hals, und küßt die erblaßte Wange der Menschen-Gestalt, die man seine Mutter nannte, aber es nie viel mehr gewesen sein mag, als jetzt in diesem Augenblick des auf ewig entwichenen Gefühls. An der Wange trägt das arme Geschöpf bereits das Siegel der Belehnung mit Squanderfieldischem Blute, und so zart und leicht auch das Körperchen geraten ist, so sind dennoch, wie man deutlich sieht, schon jetzt Schnürstiefel mit Stahl-Aussteifungen nötig, damit die abgezehrten Beinchen sich unter der papiernen Last nicht biegen. Bei dieser Szene, die nicht rührender gedacht werden kann, bleibt der alte Vater so ruhig als wäre die ganze Tochter bis auf die Finger-Ringe assekuriert, die er daher vor allen Dingen eigenhändig rettet. Die Philosophie des Mannes geht in der Tat unglaublich weit. Wenn sich unsere Leser die Mühe nehmen wollen, die linke Seite dieses Stoikers mit einem Blatte Papier so zu bedecken, daß der geradelinichte Rand desselben an der rechten Wange und der äußersten Spitze des Daumens der rechten Hand hinstreicht, so werden sie sich, in Rücksicht auf die Handlung dieses Mannes, bloß in der kleinen Verlegenheit befinden, nicht sogleich sagen zu können ob er sich ein frisches Pfeifchen wirklich stopft, oder, um sich eines zu stopfen, ein altes ausräumt. Er empfängt wirklich diese seine secunda-Züchtigung vom Himmel, so wie er vermutlich die primam auch empfangen hat, mit einer Gelassenheit als wäre es ein Frachtbrief. – Was für eine granitmäßige Unerschütterlichkeit in der ganzen Bildsäule da, von der breiten bedachtsamen Stirne an, die selbst der Holzaxt Trotz zu bieten scheint, bis zu den beiden Börsen-Pflaster-Rammen hinab, die mit ihrer Festigkeit selbst das gezimmerte doppelte Fußwerk des Sterbe-Sessels beschämen. Und das alles hart neben dem Leichnam seines einzigen Kindes und mit der kalten Hand desselben in der seinigen, nicht um sie noch einmal zu drücken, sondern zu verhindern, daß sie nicht etwa der Todenfrau heimlich einen Ring zusteckt. – So was kann sicherlich kein Elefant und kein Pudelhund, das kann nur allein der allmächtige Geiz. Der Erklärer dieser Blätter hat auch, was Hogarth hier lehrt, häufig in seinem Leben wahr befunden: nämlich, daß ein gewisser Sammelgeist, eigentlich eine Art von Hamster-Instinkt, jährlich gewisse runde Sümmchen, wie es diese Leute verkleinerend nennen, zurück zu legen, nach und nach das Herz des Menschen mit einem nobeln Kallus überzieht, der es so sicher vor aller moralischen Erwärmung schützt, als ein weiches Schwanenfell die Brust vor physischer Erkältung; ja endlich seinem Besitzer die beneidenswerte Fertigkeit verleiht, alles Ungemach seines Nebenmenschen, wie sich Swift ausdrückt, – mit christlicher Gelassenheit zu ertragen. Übrigens bemerkt man, zumal wenn man den Schnupfen hat, mit wärmendem Wohlbehagen, wie sorgfältig dieser Mensch, oder was er ist, sein Horazisches aes triplex circa pectus mit dem heimischen panno triplici circa stomachum zu vereinen gewußt hat. Er hat drei Röcke an; denn in jenen glücklichen Zeiten standen Rock und Weste noch al pari, so wie zuweilen auch – die Stocks. Man sieht, der Mann wirft nichts weg, weder Geld noch Menschenliebe, noch tierische Wärme; von allen wird so viel wie möglich zurückgelegt. Die Kette unter der kalten Hand ist kein Armband der Tochter, sondern die goldne Amtskette, die der Alte im Hause trägt, vermutlich um im Comtoir den Rock, gewisser Ursachen wegen, nicht so allein stehen zu lassen.

Hinter der Alten steht, vermutlich in Gala-Schwarz gekleidet, ein Mann auf einem so derben Waden-Postament, daß es fast scheint, die Natur habe ihn zum Fleischhauer bestimmt und so bei dessen Bildung gleich auf die Ochsen-Viertel mit gerechnet, die er würde zu schleppen haben. Sie irrte sich aber diesmal. Der Mann wurde bloß Apotheker, praktizierte zu Fuß, kurierte auch,In London findet man häufig praktizierende Apotheker oder, wenn man will, Ärzte die zugleich dispensieren. und ließ am Ende die vier Viertel durch andere Leute wegschleppen. Daß er so was ist, erkennt man aus dem pharmazeutischen Lösch-Apparat, der ihm aus der Tasche hervorsteht, einer kleinen Handspritze und einer Flasche Julepp; der dienstfertige Mann kam nur hierher, wie das Gebäude schon in der Asche lag. Mit der Linken faßt er, und zwar gerade mit dem Griff, womit ehemals der Terrorist, Gaßner, den bösen Feind anzupacken pflegte, eine ziemlich freihängende Staats-Liverei beim Kragen, vermutlich um ihr den armen Teufel auszutreiben, von dem sie ad interim besessen ist. Wirklich scheint es auch mit der Beschwörung weit gekommen zu sein. Denn, wenn ich anders in dem Gesichte des Beschwornen richtig lese, so scheint es nebst großer Herzensangst etwas Unentschlossenheit auszudrücken, ob er oben aus dem Rock herausspringen oder aber untertauchen und unten herausschlüpfen soll; gerade so wie es der Teufel bei Gaßnern zuweilen auch machte. Die Geschichte ist diese: Die arme Seele da ist, wie wir schon gehört haben, so etwas von einem Dienstboten im Hause, ein klägliches Geschöpf, das vermutlich ums halbe Brot dient, dafür aber auch nichts weiter zu tun hat, als gleich, so schnell als es die Staats-Liverei verstattet, zu laufen, so bald jemand apporte ruft. Dieses unschuldige Haustier hat nun unglückseliger Weise auch die Gifte apportiert, die da neben einander auf der Erde liegen, die Galgen-Rede und das Laudanum. »Sieh', du Galgenvogel, was du da gemacht hast, donnert ihn der Apotheker an, indem er mit der Rechten auf die Gifte hinweist, wer hat dich das geheißen? Verdientest du Spitzbube nicht, daß man dich sogleich auch aufhinge?« Dabei schüttelt er ihn derb mit der Linken, und das mit einem Blick, der kaum noch einen Zweifel über das übrig läßt, was die Rechte sogleich ferner tun wird. Und der arme Sünder, der sich draußen auf der Brücke gewiß nie schuldig gefühlt haben würde, fängt nun, in den Klauen des Terrorismus, aus Respekt an zu glauben, er habe wirklich den Galgen verdient. Daher der Jammer und der Mund der wirklich so etwas von last dying Speech zu probieren scheint. – Was man nicht dem Herrn der Erde und dem Erbprinzen des Himmels glauben machen kann, wenn man ihn gehörig beim Kragen zu fassen, und seinen Ideen-Vorrat zweckmäßig auseinander zu schütteln weiß! Er tut und denkt und fühlt alsdann sogar alles, was man will. Welche weise Einrichtung der Natur! Wie wäre es auch sonst möglich, ganze Millionen solcher Erbprinzen zu leiten und zu führen, wo man sie hin haben will. Allein so fühlt am Ende ihr Geist die Faust am Kragen und ihre stäte Kraft so wenig wie ihr Körper den Druck der Luft. So sieht der Mensch mit einer Art von Wonnegefühl seinen Namen in Linnés Adreß-Kalender oben an und selbst den Affen himmelweit unter sich, ohne zu bedenken, daß bei weiten der größte Teil seines Geschlechts, nach einem gewissen andern, vielleicht vernünftigem Systeme, unter den Jagdhunden und Müllereseln steht.

Der Kontrast zwischen beiden Personen ist herrlich. Die Miene des Apothekers wahres, gediegenes Erz, voll Stierkraft und Entschlossenheit; die des Bedienten erbärmliche Milchsuppe; der ganze Kopf, obgleich nicht übel akkommodiert, ganz der von einem Drehschäfchen; zitterig, aktiv zu nichts, passiv zu allem entschlossen. O! was auch noch aus dem armen Teufel werden mag, der Orateur du genre humain wird er gewiß nicht. Der Rock des einen fast westenartig und selbst zugeknüpft, dem Kniespiel bei der Sanitäts-Visitation durch die Gassen nicht hinderlich; der des andern viel, o! viel zu lang ein förmliches Sperrwerk beim Apportieren, zumal wenn die Magazinbeutel zu beiden Seiten gut besetzt sind, ein wahrer spanischer Mantel; ferner sitzt das Kleid des ersten firm an, es ist kein Fleckchen leer, alles ist ausgestopft; nur noch ein einziges Pfündchen Pudding, so reißt die Naht oder die Knöpfe fliegen; das Kleid des andern, o! du liebste Zeit! – kaum zur Hälfte bewohnt, mit einem Plus von Vakuum, das ganze Pfündchen Pudding mit samt dem Apotheker aufzunehmen. Da springt sicherlich kein Knopf; herausfallen aber würden die Knöpfe aus ihren respektiven Löchern, wenn das Sperrwerk symmetrisch gerade zugeknüpft wäre. Es ist aber schief geknüpft, und der zehnte Knopf steckt wirklich im neunten Knopfloch und der eilfte im zehnten usw. Die Erfindung ist nicht neu, verriete aber wirklich einiges Talent für Statik in dem armen Teufel, wenn er selbst darauf gekommen wäre. Denn jetzt schließt sich die Knopf-Seite des Rocks an die Löcher-Seite nicht bloß gerade an, sondern die erste hängt an der letzten, sie wird von ihr getragen. Nimmt man nun an, daß, wie es dem Menschen natürlich ist, die Tasche an der Knopf-Seite immer vorzüglich beladen wird, so kann, wenn z.B. beim Brotholen, die Überwucht nur 6 Pfund betrüge, der Knopf so wenig aus seinem Loch heraus, als ein Nagel an der Wand aus der Schlinge, vermittelst welcher ein Kleid an ihm hängt, so weit auch die Schlinge übrigens sein mag. Das stämmige Fußgestell des Apothekers haben wir schon betrachtet, die Beine des Bedienten und der permanente Knicks der Ohnmacht, worin sie begriffen sind, verdienen kaum den Namen von Fußgestell und sind überhaupt nicht der Rede wert. Also nur noch ein Paar Worte über den Rock. Diese Staats- und Alltags-Liverei ist eigentlich ein uraltes Bedienten-Lehn in dieser Familie, das immer, bei jeder Veränderung des Investierten, nach geschehener Häutung, an den Lehnsherrn zurückfällt. Weil nun bei diesem Verfahren mit der Zeit offenbar etwas gewonnen werden muß, so hat man auch gleich anfangs bei dem Kleid das Tuch nicht gespart und alles etwas stark und völlig genommen, so daß es von jedem Menschen von 4 Fuß 6 Zoll an, bis zu der Größe, da er sich allenfalls für Geld sehen lassen könnte, füglich, teils getragen teils geschleppt werden kann. Daß es dem einen nicht so gut sitzt als dem andern, ist freilich an dem, gilt aber in gewissem Grade von allen Bekleidungen der Menschen sowohl als der – Ämter.

Ehe wir uns nun zur nähern Beleuchtung des Zimmers und seines Ameublements wenden, müssen wir dem Arzte dort in der Stubentüre noch ein Paar Zeilen mit auf den Weg geben, so wenig sie ihm auch übrigens nützen mögen. Diese Figur hat nämlich etwas Drolliges, das sich besser fühlen als beschreiben läßt. Wenige Personen haben noch diese Retraite des Doktors ohne Lächeln angesehen, aber worin eigentlich das Lächerliche dabei besteht, wußten sie sich selbst nicht anzugeben. Es ist wahr, die breite Knoten-Perücke, das Degengefäß im Rockschlitze, und das spanische Rohr mit dem goldnen Knopfe etwas unter dem Schwerpunkte gefaßt, und mit Meditation sanft gegen den Mund geführt, haben etwas Feierliches und zwar hier zur Unzeit. Aber ist das alles? Schwerlich. Mich dünkt der Anblick des Mannes erweckt offenbar die Idee von Übelangekommen oder dem so genannten Angelaufen sein, einer Situation, die überhaupt äußerst unbehaglich, aber vorzüglich dem Eindruck aller Gravität schlechterdings tödlich ist. Das Zuspätkommen, selbst das unverschuldete, kleidet niemanden sonderlich und kann lächerlich machen, wenn es mit der Miene der Pünktlichkeit geschieht. Über das nimmt sich selbst der beste Arzt vis-à-vis von einem Verstorbenen, den er retten wollte, nie sonderlich aus. Denn, ob man gleich einer Seits sehr gut weiß und gerne glaubt, daß die Heilkunde nichts weniger sei und sein könne und sein solle, als eine Kunst die Menschen unsterblich zu machen, so ist es von der andern doch manchen Menschen auch nicht zu verdenken, wenn ihnen bei einer solchen Zusammenkunft etwa der Gedanke aufstößt: Nicht helfen können sei eine Kunst, die andere Leute auch verstehen. Um einer solchen Vergleichung auszuweichen oder sie wenigstens abzukürzen, schleichen sich der Herr Doktor in der Stille weg und überlassen die Klagen der Leidtragenden, über Dürftigkeit unsers Wissens und vergebliche Unkosten, dem minder feinen Gehör des Apothekers.

Das ganze Zimmer des Alten hat Hogarth mit den sprechendsten Zügen des niederträchtigsten Geizes und jener gesindelhaften Geschmacklosigkeit, die der Knickerei immer auf dem Fuße folgt, besetzt und behangen. Zuerst fällt in die Augen der gedeckte Tisch mit dem Mittagsmahl. Hier hätte der Franzos so ganz Unrecht nicht gehabt, der dieses Wort einmal durch Mal de midi übersetzte. Unter den Gerichten findet sich nur ein einziges warmes für die hysterische Gräfin, nämlich ein weichgesottenes Ei auf Salz balanciert. Das übrige ist ein todes Rippenstück, (denn es findet sich hier auch ein lebendiges,) das heute zum letzten Male geschabt werden sollte, und ein halber Schweinskopf, der im Leben von Nahrungssorgen und nach dem Tode, vermutlich von häufigem Hin- und Hertragen zwischen Speisekammer und Tafel durch Luftzehrung etwas gelitten hat. Für den Gaumen ist, wie man sieht, nur mäßig gesorgt, aber desto reichlicher für Auge und Phantasie. Dahin gehört einiges schweres und bis zur Plumpheit schönes Silbergeschirr und vorzüglich der Prospekt auf die Themse. Von letzterm hat der liberale Mann wirklich heute etwas aufgehen lassen, er hat beide Fensterflügel geöffnet; einer wäre genug gewesen. Teller für Gäste sieht man eigentlich nicht, einen kleinen ausgenommen, vermutlich ein Familien-MeridometerVon μερὶς portio und mensura; portio und μέτρον mensura; ein Portionenmesser. für Suppe und Gemüse. Was in dem großen silbernen Pracht-Gefäße mit Henkeln sein mag, ist schwer zu sagen, versteht sich da, wo man nicht hinsehen kann, denn so weit als man hineinsehen kann, ist es offenbar leer. Wenn, wie es wahrscheinlich ist, der schlaue Wirt durch das Gefäß gut gemacht hat, was dem Getränke abgeht, so könnte es allenfalls schales Bier sein und wäre immer noch ein köstliches Getränk. Was da in dem silbernen Krug an der Erde steht, ist wohl gewiß ehrlicher, reiner Middlesexischer Fünf und vierziger aus der Themse. – Dieses ist also das Mahl, bei welchem der Tod den schönen Gast übereilte. Freilich hatte das Gift da alle Schuld. Allein fürwahr, bei einem Appetit und einer Verdauungskraft, wie z.B. die des Polizeidieners auf der fünften Platte, hätte ein solcher Mittags-Tisch selbst, nur ein Paar Tage fortgesetzt, notwendig ähnliche betrübte Folgen haben müssen. Man sehe nur das lebendige Rippenstück da, den Hund. Der arme Teufel! Feierte man nicht glücklicher Weise so eben den Sterbe-Tag der Haus-Tochter, er hätte fürwahr heute gewiß den seinigen gefeiert. Er greift zu, ohne den Portionenmesser anzuschlagen. Sehr brav! Gewiß ist auch niemand unter unsern Lesern, der nicht dem treuen Tiere einen glücklichen Rückzug mit seiner Beute wünschen sollte. Aber man sieht nur nicht wie ein solcher Rückzug möglich ist, und die Beute vor der Fronte des Feindes zu verzehren, daran ist nicht zu denken. Den rechten Flügel zu umgehen ist völlig unmöglich, da kommandiert der Alte in Person, der mit gleicher haushündischer, geschärfter Allwachsamkeit Demanten-Ringe zu hüten weiß, und alte Schwarten. Das ratsamste wäre also entweder den linken Flügel, wo ohnehin etwas Meuterei herrscht, zu umgehen oder durch die Beine des Apothekers zu brechen, und so vor den alten Doktor und die Seele zu kommen, von deren Verschwiegenheit er überzeugt sein kann, und ihr den Vortritt abzugewinnen. Wir wollen das Beste hoffen.

In das prachtvolle Bogenfenster (bow-window) mit Glasmalerei, hat offenbar die Haus-Polizei mit ihrem Staub- und Spinnen-Besen ein Paar häßliche Ventilatoren geschlagen, wodurch der Alte veranlaßt wurde, damit nicht das ganze Fenster zum Ventilator würde, jene Gegend künftig von aller Reinigung zu dispensieren. Dieses Friedens bedient sich eine Kreuzspinne, ihr Netz dort in Sicherheit auszuspannen.Daß das Wappen, welches nicht bloß durch ein Kreuz geteilt ist, sondern überdas noch ein kleines Kreuz enthält, in dem Bogen da hängt, wie die Spinne, die ebenfalls ein Kreuz im Wappen führt, in ihren Bogen, hat gewiß eine Bedeutung, die ich aber nicht zu entziffern wage. Doch ist vielleicht schon dieses genug, daß gerade das Tier mit dem Hausherrn einerlei Wappen führt, das wegen seiner liebreichen Uneigennützigkeit, und seines harmlosen Betragens gegen seine schwächern Nebengeschöpfe, die Geschäfte mit ihm haben, zum Sprüchwort geworden ist.Hierbei ist es einem doch kaum möglich, sich nicht an die Verse Churchills zu erinnern, worin er Schottland, freilich mit südbritischem, antischottischen Spottgeist, als das gelobte Land beschreibt,

Where half starv'd spiders feed on half starv'd flies,
wo halb verhungerte Spinnen Sich nähren von halb verhungerten Fliegen.

Denn, in Wahrheit, wenn der Alderman seine Fliegen nicht besser füttert als seine Hunde, so möchte die eben genannte Kreuz-Ritterin sich allerdings hier in dem Falle ihrer schottischen Ordensschwester befinden, da hier sogar das Skelett von einem Hunde das trockne Präparat von einem Schweine anpackt. – Mit dem Flicken des Vergänglichen hält es der Mann auch auf eine eigene Weise. Die Fensterscheiben läßt er nicht flicken, nicht einmal mit Zuckerpapier, das doch sonst nicht übel läßt, aber dafür die Stuhllehnen von Prachtstühlen, und das auf eine Art, die gar nicht sonderlich aussieht. Die Leser werden bemerken, daß der umgefallene Stuhl schon ehemals einen ähnlichen Fall getan, und dabei beide Hauptstützen der Rücklehne zerbrochen haben muß. Diese hat man nicht etwa geleimt, sondern wenigstens an einer Seite mit einer derben Schiene versehen, welches auch wirklich viel solider ist. Was das Aussehen betrifft, so ist doch auch wieder gewiß, daß, wenn man einmal sitzt, der Verband, von dem, der sitzt, gar nicht, und von den übrigen nur mit Mühe gesehen werden kann. Das einzige Bedenkliche ist der Mangel an Symmetrie bei der Flickerei. Ja es scheint fast, als wenn die Schiene auf der Rechten, den Bruch der Linken zugleich mitdecken sollte, denn da scheinen die Teile etwas ausgewichen, sie anastomosieren nicht mehr, vielleicht ist auch dieser Bruch neu, und wenn der Stuhl nur erst wieder steht, so gibt sich so was bald von selbst. – Tabaks-Pfeifchen findet man an mehrern Orten des Zimmers, eines am Fenster und drei sogar in dem kleinen Schranke der die Handlungs-Manuskripte enthält. So sorgfältig bewahrt der Allsparende sogar das, was jeder Taglöhner in England, nach gemachtem Gebrauch, wegwirft, weil er es bei dem geringsten Trunk, den er fordert, umsonst wieder erhält. Doch da, wo ich nicht irre, die Wassertrinker leer ausgehen, so läßt sich hier die Sache noch entschuldigen.

Die Handbibliothek besteht ganz aus Manuskripten: dem Tage-Buch (Day book), dem Konto-Buch (Ledger), dem Quittungs-Buch (Rect Book), und endlich dem dicksten unter allenDieser Zug ist durch ein gewiß sehr verzeihliches Versehen, in unserer Kopie verloren gegangen. In dem Original ist dieses merkwürdige Manuskript fast um die Hälfte dicker als die andern. Bei dieser Gelegenheit zeige ich noch ein Paar andere kleine Errata auf diesem Blatte an. Im Originale hat das Tischtuch einige ganz notable Flecken, und die Decke des Zimmers ist von dem Weißbinder ungefähr so repariert, wie die Stuhllehne von dem Tischler. Vermutlich rührt beides von einerlei Künstler her, oder ist wohl am Ende gar ein kleines Ipse fecit. zunächst der Schranktüre, betitult Kapitalien auf Interessen von Interessen, (Compound interest). Das Werkchen in Quart scheint der Briefwechsel von der letzten Post zu sein.

In der untern Abteilung des Bücherschranks, neben den Pfeifchen, steht ein selbstgemachter Tabaksbeutel, aus einem Quartblatt gedreht und vermutlich die Dinten-Bouteille. Vielleicht enthält aber auch die Flasche so etwas von Ipse fecit für den Magen, am Sonntag-Morgen in Brunnenwasser zu nehmen. Der so ganz geschmacklosen Stumpfheit dieses Schranks ist, wenigstens vom Giebel-Ende ab, durch eine alte umgestülpte Punsch-Campane vortrefflich abgeholfen. Da die Zeit mit Hülfe der Unvorsichtigkeit bereits, wie man sieht, schon eine zweite Löffelscharte in den Rand derselben gehauen hat, so scheint sie da oben zugleich in ehrenvolle Ruhe gesetzt.

Die Verzierungen der Wand stehen an Pracht den Squanderfieldischen unter den beiden letzten Regierungen allerdings nach, sind dafür aber auch durchaus echt englische Arbeit. An einem Nagelbrett hängt der Amtshabit (gown) des Alderman und dessen Hut; darneben eine englische Uhr, wahrscheinlich mit einem Räderwerk aus englischem Holz. Aus dem Kaliber der Glocke zu schließen reguliert ihr Schlag- und Wecker-Werk die Geschäfte des Hauses in allen Etagen. Der Zeiger weist auf eilf Uhr fünf Minuten. Diese Mittag-Essen-Zeit ist nicht die schlechteste Anstalt in dieser Wirtschaft. Es läßt sich auch sogar von Geizigen etwas lernen. Eilf Uhr des Morgens ist allerdings spät für den Mann, der schon um vier beim Renten-Buch wacht. Am westlichen Ende der Stadt speist man zu Mittage, wenn es hier in Osten schon fünf Uhr ist. Dieses gibt also der Stadt London eine sittliche Ausdehnung in Länge von sechs Stunden in Zeit oder 90 Graden im Bogen. Sollte sie noch ferner zunehmen, wozu man die beste Hoffnung hat, und der König von Spanien sich je einmal wieder rühmen, daß die Sonne in seinen Staaten nie unterginge, so könnte ihm jeder CockneySo pflegt man in London spottweise die Stadtkinder, zumal die der Altstadt, zu nennen, die nie aus der Stadt heraus gekommen sind. Die Etymologie des Worts ist unbekannt. Eine vermutlich zum Scherz erdachte ist: daß ein solcher Cockney, der endlich einmal auf das Land geraten sei, bei seiner Zurückkunft seiner Mutter mit Verwunderung erzählt habe, er habe einen Hahn wiehern hören (he had heard a cock neigh). getrost antworten: seine Vaterstadt allein sei schon so groß, daß die Sonne, sie stehe auch wo sie wolle, immer irgend eine Familie beim Mittag-Essen antreffe.

Die übrigen Dekorationen bestehen, außer einem angekleisterten Almanach in Patentform, aus drei Schildereien. Die Originale sind, wie man sieht, nicht aus der italienischen Schule; nicht im südlichen Europa, unter einem reinen Himmel und über vulkanischem Boden so geworden, sondern in irgend einem nordwestlichen Winkel unseres Weltteils, auf angeschwemmtem Torfboden und in etwas schwerer Nebel-Luft. Das größte darunter enthält die, – zum Sprechen kann man nicht sagen – aber fast zum Anbeißen getroffenen Porträte von Hammelskeulen am Spieße, Kohlköpfen, Kartoffeln, Rüben, Zwiebeln etc. alle mit einer Appetitlichkeit ausgeführt, an welche die bare Natur des Schweinskopfs auf der Tafel bei weitem nicht reicht. Das kann die Kunst! Außerdem sieht man hier Stalleuchten, denen bloß die ölige Kleberigkeit, Herings-Tönnchen, denen nichts fehlt, als der Geruch und Spül-Lumpen zum Einstecken reizend, wenn sie nicht, wie lebendig, zu triefen schienen.

Von dieser leblosen Natur hat der Besitzer beinah ein ganzes Viertel mit einem lebendigen Teniers bedeckt, und dadurch jenem Küchenparadies gleichsam einen Bewohner gegeben. Ein wahres Meisterstück dieses niederländischen Raffaels. Es hängt da zugleich über dem Almanach, vermutlich an Morgensegens Statt zur Stärkung sittlichen Gefühls, welches doch am Ende der Zweck aller Malerei ist, und ganz vorzüglich der Zweck alles Bestrebens, des Teniers von Urbino, Raffaels, war. Sollte auch dieser Zweck hier etwas verfehlt sein, so läßt sich wenigstens an diesem Stück des Morgens probieren, ob man sein sittliches Gefühl noch hat. Es stellt ein großes leeres Trinkgefäß und ein noch geräumigeres, etwas übervolles vor, die vermutlich ihre contenta vertauscht haben. Ein ganzer Teniers ist das Stück nicht, denn da sieht man wenigstens Gesichter in Menge von allen Seiten. Sollte es etwa aus einem Ganzen ausgeschnitten, oder bei irgend einer Zerstörung des übrigen allein geblieben sein? Dieses ist mir höchst wahrscheinlich, weil einen solchen simplen Filtrier-Prozeß für niederländisches Getränke allein darzustellen, selbst ein Niederländer, des sittlichen Gefühls wegen, kaum unternehmen würde. Ist es aber ein geretteter Ausschnitt, so ist es allemal sonderbar, daß bei einer Zerstörung des Ganzen gerade, einem bekannten Verfahren zuwider, einer übrig bleiben mußte, der an die Wand – sieht. Über der Stubentüre hängt das dritte Gemälde, auch aus der Sumpf-Schule. Dieses herrliche Bild verträgt mehr als eine Erklärung. Entweder brennt der eine dem andern eine Nasen-Warze mit der Pfeife; so etwas geht wohl; oder Hogarth dachte an Bardolphs Nase beim Shakespeare, die im Dunkeln leuchtete, wie eine Kohle, und der Mann will jetzt sein Pfeifchen daran bloß ermuntern.

Ohne mein Erinnern werden die Leser bemerkt haben, daß Hogarth in den Wandverzierungen auf diesen Blättern sich teils über die heiligen Mordgeschichten und subtilen Obszönitäten der Italiener, teils über die friedlichern Cochonnerien der Niederländer lustig macht. Er hielt sich also, wie dieses gewöhnlich der Fall mit jedem Manne von Wert ist, für besser als alle. Sehr brav! Nicht ein Sandkorn läßt sich auch ohne einen solchen Glauben versetzen, und an Berge ist gar nicht zu denken; also in des Himmels Namen immer frisch zugeglaubt; bei diesem Verfahren steht sich die Sparbüchse der Zeit und der Menschheit am besten.

Ich komme noch einmal auf das vorzüglichste Schaugericht bei der Mittags-Tafel zurück, nämlich die Aussicht auf die Themse. Die Reihe Häuser, die man sieht, sind die berühmten und zuletzt berüchtigten Gebäude auf der Brücke, die 915 Fuß lang und 72 breit ist. Sie war noch vor dem Jahre 1756 zu beiden Seiten mit Häusern besetzt, die eine Tiefe von 26 Fuß hatten, so daß also darzwischen noch eine 20 Fuß breite Straße übrig blieb. Diese Gebäude wurden gegen das Jahr 1746 so baufällig, daß die Bewohner der obern Etagen die seltsame Gefahr liefen, beim nächsten Sturm zu ertrinken, und die Schiffer die nicht minder unerhörte, auf den Verdecken ihrer Schiffe von Backsteinen und Dachziegeln erschlagen zu werden. Den Hang dieser Häuser zum Wunderbaren hat Hogarth nicht undeutlich ausgedrückt. Er tat dieses im Jahre 1745 und im folgenden wurde vom Parlament beschlossen die Häuser abzubrechen. Beschlossen sage ich, aber wirklich abgebrochen wurden sie erst im Jahre 1756. So geht es in der Welt. Jedoch war das Parlament noch unendlich glücklicher bei seiner Absicht mit den Häusern als Hogarth bei der seinigen mit gegenwärtigem Werk. Die Häuser kamen denn doch am Ende noch weg, aber unser ehrlicher Mann wollte die Heiraten nach der Mode abstellen, allein nach den neuesten Briefen aus England dauern sie noch immer fort.

Nach Herrn Nichols' Bericht hatte Hogarth auch eine glückliche Heirat entworfen und sogar schon in Farben flüchtig ausgeführt. Diese Blätter sollen jetzt im Besitz der Madam Garrick sein. Er kam aber nicht vor das Publikum damit, ob er gleich noch lange nachher gelebt hat. Hat es ihm etwa an datis gefehlt? In seinem Hause gewiß nicht, denn er selbst lebte in einer zwar kinderlosen, aber sonst sehr glücklichen Ehe. Mir ist es aus dem ganzen Genie des Mannes erklärlich. Wahrscheinlich haben ihm seine Freunde noch zeitig genug zu verstehen gegeben, er befände sich mit seinem großen Landsmanne Milton in einerlei Fall: Milton war bekanntlich im verlornen aber nicht im wiedergefundenen Paradiese.

Nach einem Avertissement im daily advertiser von 1750, ließ Hogarth die Original-Gemälde verauktionieren. Sie wurden von einem gewissen Herrn Lane zu Hillingdon bei Uxbridge für 120 Guineen erstanden, obgleich die Rahmen allein dem Künstler 24 Guineen gekostet haben sollen. Im März 1792 wurden sie, wie ich aus dem European Magaz. April 1792. p. 317 sehe, für 910 Guineen ebenfalls in einer Auktion gekauft, es wird aber nicht gesagt von wem. Das vorletzte Gebot tat der berühmte Boydell mit 900 Guineen. Endlich wurden sie, einer Nachricht zufolge, die ich in einigen Zeitungen und Journalen gelesen habe, zu Anfang des Jahres 1797 von einem Bankier namens Angerstein für 1000 Guineen gekauft. Die Original-Kupferstiche kosteten bei der Witwe des Künstlers, von welcher ich mein Exemplar im Jahre 1775 selbst gekauft habe, 1 Guin. 11½ Schilling, also den Louisd'or zu 5 Rtl. gerechnet, etwa 9½ Taler.

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