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Ausführliche Erklärung der Hogarthischen Kupferstiche

Georg Christoph Lichtenberg: Ausführliche Erklärung der Hogarthischen Kupferstiche - Kapitel 29
Quellenangabe
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typeessay
authorGeorg Christoph Lichtenberg
titleAusführliche Erklärung der Hogarthischen Kupferstiche
publisherZweitausendeins
seriesGeorg Christoph Lichtenberg. Schriften und Briefe
volumeDritter Band
printrun6. Auflage
editorWolfgang Promies
year1998
isbn3861500426
firstpub1799
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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modified20150421
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Vierte Platte

Die Heirat nach der Mode. Vierte Platte

Es ist eine bekannte Sache, daß nach manchen Frauenzimmer-Kalendern die längsten Tage im Jahre eigentlich die sind, auf welche eine Tanz-Nacht folgt. O! das sind Stunden! So lang, so lang! Es ist als wenn der Schlag die Uhrzeiger und die liebe Zeit selbst gelähmt hätte. Es ist kein Auskommen mit der Sonne; es will nicht Nacht werden! – Ein solcher Tag ist der heutige auf dieser Platte, ja es ist diesen Abend noch viel mehr hier, es ist heute nicht bloß Ball, es ist – Maskerade. Würde also hier nicht Rat geschafft, fürwahr, die Zeit käme nicht aus der Stelle. Die Gräfin Squanderfield bot daher alles auf, sie dieses Mal den Sporn fühlen zu lassen, um sie, wo nicht zu einem raschen Trab, doch wenigstens zu dem gewöhnlichen Polizei-Schritt zu zwingen, den sie für sich selbst am Tage zu gehen pflegt, wenn die nächste Nacht eine Schlaf-Nacht ist. Man stand daher diesen Morgen auf, numero rotundo um zehn; frühstückte bis um eilf; lief hierauf im leichten Fang-Kleidchen in eine Auktion auf die Stutzer-Jagd; (hier soll die Zeit wirklich getrabt haben) verwundete ein Paar Herren; ließ sich einige moderne Antiquitäten, die hier auf dem Fußboden liegen, zuschlagen und kehrte so nach Haus zurück. Dieses brachte den Stundenzeiger um ein beträchtliches über den Berg hinüber, in die absteigenden Zeichen.So heißen hier die Abteilungen des Zifferblattes, in welchen die Zeiger abwärts gehen, versteht sich bloß bei Wand-, Tisch- und Turm-Uhren. Denn bei Taschen-Uhren kann es, selbst wenn sie gehörig in der Tasche stecken, plötzlich kommen, daß sich wenigstens einige der aufsteigenden Zeichen in absteigende, und umgekehrt, verwandeln und dieses oft zum größten Nachteil des Herrn, der sie trägt, wovon wir auf dem nächsten Blatt ein betrübtes Beispiel, wenigstens von der Möglichkeit, sehen werden. Aber noch sind die drei bis vier Stunden vor dem Mittag-Essen zurück, bekanntlich für den gesunden Müßiggänger gerade die hartnäckigsten und schwerfälligsten des ganzen Vormittags, weil das Mittag-Essen auf die Zeit des gut Verdauenden eben eine solche Verlängerungskraft äußern soll, als die Ball-Nächte auf die des Tanzlustigen. Lady Squanderfield weiß auch hier Rat und wie? Dieses ist der Hauptinhalt dieses vierten Blattes.

Sie hat hier Lever, und das auf einen Fuß, worin Hochgräfliche Würde mit bürgerlicher Vertraulichkeit und Herablassung geschmackvoll gepaart sind. Man nimmt vertraulich Morgenvisiten im Schlafgemach an, läßt sich hochgräflich dabei frisieren und gibt fast hochfürstlich dabei ein Konzert, zwar klein, wenn man die Stimmen bloß zählt, aber, wenn man sie wiegt, es sei nun auf der Waage der Kunst oder auf der Goldwaage, sehr groß und sehr kostbar. Denn im Vorbeigehen anzumerken, so ist der Sänger der berühmte Kastrat Carestini und der Flötenspieler, der treffliche Weidemann, ein Deutscher und ein ganzer Mann. Es ist ein Privatissimum. Das wird was kosten! Hier verweise ich auf das Hausbuch und den Segensblick des Gerechten auf der zweiten Platte.

Die Dame selbst sitzt neben ihrem entschleierten Spiegel unter den Händen des Friseurs, mit einem Puder-Mäntelchen angetan zu züchtig-ökonomischer Bedeckung der – – Stuhllehne. Von dem innern Kriege, den wir auf dem ersten Blatte auf ihrer Stirne bemerkten, ist auch nicht eine Spur mehr vorhanden. Auch scheint aller Rost der Altstadt (City) weggeschliffen und alles Linkische, das ihr aus der Kostschule anklebte, wegkultiviert. Vielmehr bemerkt man nicht ohne Vergnügen eine gewisse Behaglichkeit in ihrem Wesen, vermutlich die Folge froher Aussichten in das Vergangene oder in die Zukunft. O! hätte doch häusliches Glück, und namentlich die Begebenheit Anteil daran, wovon wir ein sehr sprechendes Zeichen von der Stuhllehne herabhängen sehen! Es ist eine silberne Kinder-Rassel, mit der Zahn-Koralle, was da herabhängt; die Dame ist Mutter! – Aber leider! leider! Keine Spur von Empfindungen eines Mutterherzens; dazu ist alle Fähigkeit lange, lange – wegkultiviert! O! es läßt sich, ohne das Haus-Hofmeister-Gesicht dazu zu machen, kaum denken, woher die Behaglichkeit in diesem Zuckergesichtchen jetzt rührt. Von dem Duett, das dort aus Weidemanns Flöte und Carestinis Goldmäulchen hervorgeht, vernimmt sie nichts, deutlich wenigstens nicht. Sie lauscht vielmehr einzig und allein auf das entzückende Solo ihres geliebten Prokurators, Silbermund, der ihr da, in ihrem eignen Schlafgemach, mit orientalisch-weichlicher Gemächlichkeit, als wäre es in seinem Harem, auf einem Sopha gegenüber ruht. In seiner Rechten hält er ein Einlaß-Billet zu der heutigen Maskerade, das er seiner Dame anbietet oder wirklich überreicht.So wird die Sache von allen Auslegern erklärt, die sich auf diesen Artikel einlassen, und ich kenne die Einrichtungen solcher Billete zu wenig, um ihnen gerade zu zu widersprechen; sehr wahrscheinlich aber ist mir diese Erklärung nicht. Denn erstens hat das Blatt gar kein Billetformat, wenigstens sehen die zu Konzerten anders aus und zweitens ist es offenbar zerlumpt. Wer in aller Welt wird seiner Dame, und wäre sie auch keine Gräfin, einen solchen Einlaß-Wisch überreichen? Sollte das Blatt nicht irgendwo an einer Straßen-Ecke angeheftet gewesen sein, von welcher es Herr Silbermund beim Hierherfahren etwas eilig abnehmen ließ, um sich wegen des Datums darauf zu beziehen? So wäre es mehr ein Avertissement, als ein Einlaß-Billet. Juristen lieben die Belege und Zettel, und Papier-Rollen in der Hand waren seit jeher das Attribut der Oratoren. Die Worte 1 door, 2 door, 3 door (erster, zweiter, dritter Eingang) scheinen auf die Erfrischungszimmer und die verschiedenen Preise des Zutritts zu denselben zu gehen. Was aber die auf dem Blatte befindlichen Kritzeleien bedeuten sollen, ist mir ganz unverständlich, und war es auch einigen Engländern, die ich befragt habe. Wäre es etwa abgetrockneter Schmutz, so könnte das Blatt in seinem Dienst an der Mauer wohl gar den gerechten Unwillen des redlichen, oft sehr richtig fühlenden und rechtlich denkenden John Bulls erfahren haben, der sich bekanntlich der Einführung dieser Lustbarkeiten oft nachdrücklich widersetzte. Aber warum hat Hogarth gar keinen weiteren Schriftzug auf dem ganzen Blatt angebracht, als die Worte 1 door etc.? Dieses kann nur von Leuten ausgemacht werden, die mit den Gebräuchen der damaligen Zeit bekannt sind. Die Entdeckung der wahren Bedeutung dieses Blattes mit seinem Schmutz oder seinen phantastischen Zügen wäre gewiß ein Gewinn für die Satyre, die in dieser Szene liegt. Was Herr Silbermund da vorträgt, ist ein Vorschlag, sich diesen Abend, wenn es gefällig wäre, auf der Maskerade zu sprechen. Dieses erhellet schon deutlich genug aus des Advokaten Hinweisen auf eine spanische Wand, auf welcher eine Maskerade abgebildet ist; erhält aber völlige Gewißheit durch die fünfte Platte, wo wir finden werden, daß sie sich wirklich auf einer Maskerade gesprochen haben. Man glaubt, er weise vorzüglich auf eine Nonne hin, die da im Vorgrunde bei einem Mönch in der Ohrenbeichte begriffen ist, und empfehle der Dame diesen Anzug für ihre gemeinschaftliche Andachten diesen Abend. Sie wollten Mönch und Nonne sein. Diese sehr gewöhnliche und daher auch nicht ganz zu verwerfende Mutmaßung wird aber auch nicht sonderlich gerechtfertigt. Die Haupt-Hinweisung mußte mit dem Munde geschehen, mit der Hand geschieht sie sehr unvollkommen, zumal für das Auge der Gräfin. Es ist ein sehr unbestimmtes Weisen. Auf dem folgenden Blatte werden wir einen Teil der Maskenkleider sehen. Da hat wenigstens der Habit der Gräfin so wenig von der Nonnentracht, als sie selbst von einer Heiligen. So geringfügig dieses Hinweisen auch hier läßt, so wichtig ist es für den armen Silbermund, es liegt nämlich darin nichts Geringeres als ein Nagel zu seinem – Galgen.

Unten, zu seinen Füßen liegt ein Buch mit der Aufschrift: Sopha. Keiner von allen mir bekannt gewordenen Auslegern dieser Blätter berührt diesen Umstand auch nur mit einer Silbe, und doch konnte man leicht denken, daß ein so verschmitzter Mann wie Hogarth sich unmöglich die Mühe würde genommen haben, selbst nur ein simples Buch ohne Bedeutung dahin zu zeichnen; und nun gar eines mit einem Titul? Und das für nichts und wider nichts? – Die Bedeutung ist doch auch in Wahrheit nicht schwer zu finden; es hat sogar eine doppelte. Das Buch ist nämlich das berüchtigte, heißblütige Produkt der Feder des jüngern Crebillon, das diesen Titul führt,Le Sopha, Conte moral. und gerade so in eine Damen-Bibliothek gehört, wie übergoldete Stechäpfel oder überzuckerte Tollbeeren an einen Christbaum. Dieser Zug charakterisiert also hier in hohem Grade, und läßt selbst die schönsten Züge hinter sich, die der Künstler zu gleichem Zweck auf diesem Blatte angebracht hat. Die Gräfin ist ein verworfenes Geschöpf. – Dieses ist wohl die Hauptbedeutung, auf welche der ganze Charakter des Blattes unverkennbar hinweist. Allein außer dieser gibt es noch eine zweite, possierlichere, die etwas tiefer liegt, auf die aber Hogarth, der das Buch gekannt haben muß, ohne Zweifel hinweisen will. Sie wird durch den Charakter des Genies unseres Künstlers eben so gerechtfertigt, wie jener erste durch den des Stücks. Crebillons Märchen dreht sich ganz um folgende Dichtung: Amanzéi, eine Art von Hof-Junker an Schach Bahams Hofe, ward einmal zur Strafe in einen Sopha verwandelt, und erzählt nachher was er als solcher gesehen und gehöret hat, und ein Sopha, wie man weiß, kann wohl etwas sehen und hören in der Welt. Die Bedingungen des Zaubers und der Erlösung sind: er kann sich eine Form, einen Stoff, eine Farbe, Bordierung und Brodierung wählen, welche er will; er kann dienen, wem er will, nur Sopha muß er bleiben, so lange bis er in der Nähe eine Begebenheit erlebt, die freilich in den höheren Regionen der gesitteten Welt so etwas sein mag, wie die große Konjunktion aller Planeten in den Regionen des Himmels: nämlich Unschuld gegen Unschuld wechselseitig verloren. – Es ist also Amanzéi, auf dem hier der Prokurator ruht, und auf welchem die Gräfin diesen Morgen ihren Crebillon gebetet hat. – O! trabe von hinnen, armer Amanzéi, auf deinen Vieren; hier, in diesem Hause, ist keine Erlösung für dich!

Hinter der Dame, deren stoffener Schoß, wie wir vergessen haben anzuzeigen, hier zugleich als Prachtgehäuse für die Taschen-Uhr, zumal vom Sopha aus gesehen, erscheint, steht der Friseur. Er ist sichtbarlich aus dem Lande, aus welchem England, wenigstens das höhere, schon längst zuweilen Menschen verschrieb, sich den Kopf schmücken und den Magen verderben zu lassen, – Haaristen und Köche, für Putz und Indigestionen – des Magens, sage ich ausdrücklich, denn sie, oder wenigstens ihre Rezepte, zu Beförderung von Indigestionen des Kopfs kommen zu lassen, ist ein neuer Gebrauch. Also das Geschöpf ist ein Franzos. Hogarths Blätter haben, wie unsere Leser nun schon werden gefunden haben, ihre eigne Zeichen für die Franzosen, so wie die Kalender für die Mondsviertel. Für jeden Hauptpunkt ihrer Bahn, die sie über dem britischen Horizont durchlaufen oder durchtanzen oder durchkriechen, haben sie ihr eignes. Dieser hier ist noch einer von den hohlen, hungerigen; er wird erst noch. Man sieht ihn da mit einem pyrometrischen Versuche beschäftigt; er haucht auf das Brenneisen und horcht auf die Stimme des Advokaten und gafft wohl gar obendrein noch nach – der Stuhllehne. Nur Eins auf einmal zu tun ist diesem Volk unmöglich. Trotz der Miene d'un mouton, qui rêve, kann man wetten, daß er jetzt schon mehr von der Maskerade und ihrer Tendenz weiß, als alle die übrigen. Aus dieser Notiz kann etwas werden, wenn er sie gehörig absetzt. Dieses führt auf dem natürlichsten Wege zu einer kleinen Bemerkung über die Barbier und die Friseur. Es ist unglaublich, zu was für großen Zwecken sich die Natur dieser sonst unbedeutenden Wesen bedient. So wie manche Insekten befruchtenden Blütenstaub nach Blumenkelchen tragen, die, ohne diesen Dienst, unfruchtbar geblieben wären, so tragen diese Menschen Familien-Anekdötchen von Ohr zu Ohr zur Beförderung einer Menschenliebe, die ohne diese Vermittler nie erweckt worden wäre: oder schicklicher vielleicht: wie gewisse Vögel unverdaute Samenkörner in unzukommliche Höhen zur Beförderung physischer Vegetation tragen, so tragen sie zur Beförderung einer gewissen moralischen, manches Anekdoten-Körnchen aus den Tiefen der Stadt in die höhern Regionen derselben. Die Sache hat wirklich Ähnlichkeit und der ganze Unterschied liegt hauptsächlich in der geringen Verschiedenheit der Organe, womit beide den unverdauten Stoff an die Behörde absetzen.

Zur Linken also sitzt, mit britischem Golde, britischen Demanten und britischem Schmalz reichlich besetzt und behangen, den Arm nachlässig auf einen benachbarten Stuhl gelehnt, der Hämling Carestini, wie man sagt, eines der lieblichsten Pfeifchen, die das Stimm-Messer je aus italienischem Rohr geschnitten hat. Aber man sehe nun auch hin! Gütiger Himmel! was für ein ekelhafter Dudelsack aus dem Meisterstück der Schöpfung wird, sobald es die Kunst unternimmt, aus ihm ein Flötenwerk zu schnitzeln. Dem talgigen Unterkinn fehlt beides, Bart und Kraft. Die starrende Bandschleife mit dem funkelnden Demant-Kreuze, dem heil. Kreuze der Unheiligsten,Pope in s. Lockenraub sagt von Belindens Halsgeschmeide:
    On her white neck a Diamond cross she wore,
    Which Jews might kiss and infidels adore.
An ihrem weißen Busen hing ein Demant-Kreuz, welches Juden hätten küssen und Ungläubige anbeten mögen.
sind nur ein erbärmlicher Ersatz für jenen Verlust. Dadurch erhält das Mäulchen eine gewisse milchbreiichte, schlabberichte Unbedeutsamkeit, die, wenn sie bei einem Erwachsenen noch irgend einen Reiz für den Anschauer hat, es in der Welt kein anderer sein kann, als der zum Daraufschlagen. Wie das Schmalz nicht alle Form und Elastizität aus den dicken Knieen und dem ganzen Beinwerk verdrängt hat! Aus dem kraftlosen, schlotternden Pauschen der Beine zu schließen, sollte man sie fast für die Windschläuche zu dem Flötenwerk halten, die so eben einen guten Teil ihres Vorrates an einen Triller erster Größe abgesetzt haben. – O! wenn schon angeborne Neutralität in der Liebe, obgleich noch immer bewaffnet, die bedeutendsten Züge des menschlichen Gesichts und menschlichen Anstandes für Kennerinnen und Kenner, wie ich gehört habe, verwischen soll, was in der Welt kann die unbewaffnete oder gar entwaffnete anderes erzeugen, als ein solches Scheusal von Balggeschwulst? – Schön ist also freilich dieses Kunstwerk nicht, aber dafür desto kostbarer. Ärmel und Saum des Kleides sind schweres Gold, und an jedem Gliede der Finger, an Knie- und Schuhschnallen und Ohr blitzet der Demant. Als bloße Einfassung für die Stimme hat er alles mögliche getan.

Hinter ihm steht unser Landsmann, der berühmte Virtuose auf der deutschen Flöte (so heißt die Querflöte in England), Weidemann. Ich müßte mich sehr irren, oder es lauert in dem rechten Augenwinkel sowohl als Mundwinkel eine Art gutmütiger Schelmerei, die am Ende, zumal mit der Habichtsnase zusammen genommen, für den ehrlichen Mann einnimmt. Er scheint beim Blasen selbst zu lächeln. In einer Gesellschaft, wo jedes Gesicht und jede Gebärde so reich an Lachstoff ist, ist es schwer zu sagen, worüber er lächelt, sobald man annimmt, daß er einmal über die Noten weggeblickt hat. Doch erfordert es Herrn Weidemanns Virtuosen-Ehre hier anzunehmen, er habe nie weggesehen. Dann aber bliebe, um das Lächeln zu erklären, nichts übrig, als etwa ein geheimer Kosten-Überschlag ihrer beiderseitigen Instrumente. Wie viel Geld bezahlte ich für meine Flöte, und was bezahlte der Kastrat für seine Pfeife an Geldeswert? Neutralität ist nicht in Weidemanns Miene.

Neben dem gemästeten italienischen Kapaun sitzt der im Dienst vertrocknete englische Haushahn; jeder in seinem Extrem von Beleibtheit so wenig wert als der andere. Über diese Figur ist viel kommentiert worden. Man hat sogar einen Preußischen Gesandten Michel (nicht Mitchel, wie ich im hiesigen Taschenbuch für 1786 gesagt habe) daraus gemacht. Freilich mag wohl mancher Michel in der Welt so ausgesehen haben und künftig noch so aussehen, aber nach allen Regeln der Auslegungskunst ist dieses sicherlich unser Held, der Graf Squanderfield. Träte Hogarth selbst gegen diese Erklärung auf, so hätte er sich es allein zu zuschreiben, wenn man ihn nicht verstanden hat. Magerer erscheinen der Herr Graf hier freilich, als vorher, und, was noch seltsamer ist, auch magerer als nachher, diesen Abend. Aber was schadet das? Aufgestanden ist dieser Kunststutzer vielleicht wohl diesen Morgen, aber sicherlich noch nicht auferstanden. Es ist noch die Raupe erst. Verpuppt hat sie sich um den Kopf herum schon, das übrige folgt nach und noch, ehe die Eßglocke schallt, erscheint der Schmetterling in seiner Herrlichkeit. Das sind Kleinigkeiten. Lenden hin, Lenden her. Seitdem Kleider Leute machen, hat die Natur hierin viel von ihrer Kundschaft verloren. Auch ist es wirklich ein wenig boshaft von unserem Künstler, daß er diesen halbdurchsichtigen Pickling da mit dem gemästeten italienischen Spiegel-KarpfenBekanntlich verschneidet man auch die Karpfen, aber nicht um ihre Stimme zu verbessern. gleichsam wie in einer Schüssel serviert. Denn wirklich sind die Beine des Lords die Strohhälmchen gar nicht, die sie dem flüchtigen Blick zu sein scheinen. Man bedecke nur einmal die beiden Bambus-Klötze des Italieners, deren Nachbarschaft ihnen offenbar schadet, so sind es immer ein Paar Beine auf denen ein Mann von Stand, der nicht viel stehet oder geht, noch recht gut stehen und gehen kann. Aber was tut Hogarth nun gar? Er bedeckt mit unverzeihlichem Mutwillen nun noch obendrein recht vorsätzlich das linke Bein des Grafen mit dem linken des Italieners weit über die Hälfte. Ist das Recht? Fürwahr, wenn Fehler so zudecken nicht ärger ist als sie aufdecken, so weiß ich nicht was zudecken und aufdecken ist. So freilich läßt sich aus dem derbsten Spazier-Prügel des modernsten Pariser Zier-Bengels (Incroyable) oder gar des Herkules selbst, ein Schwefelhölzchen machen, in einem Augenblick. – Also dieser ganze Beweis gegen die Identität der vorigen und künftigen Squanderfielde, und dieses Geschöpfes hier, der von den schwachen Beinen des Subjekts hergeholt wird, steht selbst auf sehr schwachen Füßen. Überdas war es einem Künstler, von Hogarths Lebhaftigkeit und Witz, schwerer als irgend einem andern, den Kontrast nicht zu übertreiben, so bald er den Gedanken gefaßt hatte, Kontrast zu zeigen. O! der schulrichtigste Witz, von der Vernunft selbst geritten, ist im Stande mit seinem Reiter davon zu laufen, wenn es solche Kunstsprünge gilt. – Man sagt alsdann gewöhnlich entweder nur die Hälfte der Wahrheit oder sechs Viertel davon, welches, mutatis mutandis, auf eins hinausläuft. – Aber nun höre man auch die andere Seite: Es muß Graf Squanderfield sein. Denn erstlich sitzt er in Papilloten da, gerade wie seine Liebste, eigentlich bloß seine Frau, dort auch nicht bei ihrem Manne, sondern bloß bei ihrem Liebsten sitzt. Er erwartet das Brenneisen des gemeinschaftlichen Franzosen. Niemand hat das Recht bei dem Lever einer Dame sich so zwicken zu lassen, als der Mann. Also sie gehören zusammen, civiliter wenigstens; sie sind verheiratet – nach der Mode. Zweitens sehe man nur den Kopf an. Ist das nicht völlig das gehörnte Tier? Wer in der Welt sähe so was nicht? Bemerkt es ja doch der kleine schwarze Junge da, rechter Hand in der Ecke, und weiset mit dem Finger auf die Papilloten eines kleinen Aktäons, der so eben aus der Auktion angekommen ist. Ja der zehnendige Bruder Aktäon scheint sogar mit dem gestumpften Arm auf den siebenendigen Ordensbruder Squanderfield hinzuweisen: »Seht doch, ist das nicht auch einer von den Unsrigen?« Und der arme Teufel (der gräfliche Bruder) scheint wirklich das Brüderchen so eben anerkannt zu haben. O! es zwickt, es zwickt schon jetzt irgendwo etwas an ihm. Wer wird Chokolade so schlürfen, selbst die heißeste, wenn es nicht noch sonst wo brennt. Jetzt sieht sein Auge nicht, so wenig als vermutlich sein Ohr hört, oder seine Zunge schmeckt; es ist geistige Kost, die er genießt, oder zu verdauen sucht; vielleicht ein Paar Papier-Schnitte vom Haushofmeister und etwas von der Herzens-Kollation, die dort jetzt von Almanzéi belauscht wird. Er ist sicherlich der Ehemann – nach der Mode.

Drittens streitet sehr stark für diese Behauptung, die Miene und selbst der Anzug, zumal wenn man Squanderfields Figur auf der zweiten Platte dagegen halten will. Er liebt die Palletten-Kleider.Diese breiten Schleifen, zumal die mit Quästchen, hieß man, wo ich nicht irre, ehemals in England Brandenburghs. Vielleicht waren sie durch einen Preußischen Gesandten eingeführt, und daher die Mutmaßung, dieses sei der Preußische Gesandte. Selbst bei der Katastrophe auf der fünften Platte hat er eines an; dessen Schnitt ebenfalls von dem auf der zweiten verschieden ist. – Aber unter dem Ohre fehle das bon ton-Pflaster, wendet man ein. Antwort: So machens die Pflaster in der Nacht, und unter dem Ohre ist auch wirklich so etwas sichtbar, was wohl ein einzölliches Schönpflästerchen verdient hätte. Auch ist dieses das erste Mal, daß uns der Held das rechte Ohr gönnt. Es war immer das linke, was wir gesehen haben. Daß also ein sonst freilich gewöhnlich symmetrisches Übel einmal hier gegen die Regel verstoßen hätte, wäre, wenigstens in dieser Haushaltung (die Kamin-Pracht auf der zweiten Platte etwa ausgenommen), ganz in der Regel. – Stärker ist der Einwurf, den ich mir selbst gemacht habe: Der Herr da hat, wenn ich anders recht sehe, einen Hut mit einer Kokarde unter dem Arme, also, nach englischer Sitte, einen Offizier-Hut. Offizier aber sind der Herr Graf nicht. Wie aber, wenn Sie vorige Nacht vielleicht den Offizier gespielt hätten und so eben erst nach Hause gekommen wären wie neulich, oder sich bloß im Taumel vergriffen oder im Tumult eine Eroberung gemacht hätten wie neulich? Die Leser können hier wählen, wenn sie es der Mühe wert achten. Vielleicht wird ihre Wahl etwas durch die Betrachtung erleichtert, daß unser Held auch wohl deswegen mit dem Italiener hier in so enge Verbindung gesetzt ist, zu zeigen, daß es, um sich in der Welt in Rücksicht auf allerlei Arten von Mut und Tapferkeit, einen gewissen Kastraten-Kredit zu verschaffen, nicht immer gerade des Messers bedarf.

Die Dame mit dem Hute, bereits etwas über die Tag- und Nachtgleichen des Lebens nach der Winterseite zu, hinaus, ist eine gewisse Mrs. Lane, und der schlafende Fuchsjäger im Hintergrunde, mit der schwarzen Perücke und schwarzen Halsbinde, Mr. Lane, ihr Mann. Er liebte diese Art Jagd so sehr, daß man ihn schlechtweg Fox-Lane (Fuchs-Lane) nannte. Nach seinem Tode wurde diese sehr einfache Frau Lane noch die sehr zusammengesetzte Lady Bingley. Also teuerste Leserinnen, die ihr, jenseit der Nachtgleichen des Lebens nach der Winterseite zu, noch immer ohne einen Begleiter wandelt, ums Himmels willen nicht zu früh verzweifelt! Eure Glückssonne hält es, in unserem Klima wenigstens, wo nicht ganz, doch nicht selten so, wie die Königin des Tages, von der sie den Namen trägt. Den Frühling des Lebens, und selbst dessen Sommer, beschenkt sie mehr mit Leckerbissen als mit derber, dauerhafter Nahrung. Im Herbst erst reift der Göttertrank, der das Menschenherz erfreut. Der ist die Zeit der königlichen Bergamotte, der erquickenden St. Germain, der schmalzigen Poire de beurrée blanche, und des – braunen Kohls und alles dessen, was sich bis in den spätesten Winter hält.

Der Blick von Madam ist ganz nicht bloß auf den singenden Halbmann (physiologisch) sondern auch auf den halben Mann (militärisch) angeschlagen, vermutlich mehr der verächtlichen Mündung des melodischen Stroms auszuweichen, als etwa den Quell selbst zu suchen. Sie ist entzückt; – sie ist wie weg. Der Wurf ihrer Arme versinnlicht dem Auge, was das Ohr hier entbehren muß, nämlich die Cadence, der sich Carestinis Gesang nähert, wenn er nicht schon gar darin begriffen ist; so wie die Hinbeugung der ganzen Madam in corpore das Hinreißende in derselben anschaulich macht. Geht es auch nicht bald mit der Cadence zu Ende, so kann fürwahr diese Cadence von der Tonleiter für Mrs. Lane eine wahre Cadenz vom Stuhle werden. Wie ganz anders beträgt sich dort hinten ihr Gemahl, wenn man anders schlafen sich betragen nennen kann! Keine Spur von Ähnlichkeit, die kleinen Umstände etwa abgerechnet, daß er gleichfalls wie weg, und gegen eine Kadenz vom Stuhle ebenfalls nicht ganz gesichert ist. Sollte aber nicht unser Künstler auch hier unserem Auge etwas haben versinnlichen wollen, was unserem Ohre entgeht, nämlich daß dieses Konzert eigentlich ein Trio ist, wobei Herrn Lane etwa die dritte Stimme, ich meine das Akkompagnement mit dem Nasal-Schnarr-Werk übertragen worden wäre? Gestimmt und angesetzt scheint er wenigstens das Instrument zu haben, und, nach der starken und gesunden Brust zu urteilen, sind auch die Bälge dazu in nicht schlechtem Stande. Wie ruhig er schläft! Aber O! wie würde er erwachen, wenn nun auf einmal das Tally Ho!Jagd-Geschrei der englischen Fuchsjäger. ertönte, oder irgend ein englischer Baß-Kastrat sein:

The echoing horn calls the sportsman abroad, etc.Der Anfang eines muntern englischen Jagdgesangs:
    »Das Horn mit seinem Widerhall
    Ruft: Jäger, fort! Ins Feld« etc.

anstimmte, oder wenn gar, statt Carestini und Weidemann, Melampus anschlüge, akkompagniert von Lälaps, Ocydromus, Pamphagus und Hylactor!Dieses sind die Namen bloß von fünfen von den 82 unsterblichen – Jagdhunden, die einst Aktäon im Stalle hatte, und deren Namen uns zum Teil Ovid in seinen Verwandlungen, am vollständigsten aber Hyginus in seinen Fabeln aufbewahrt hat. Die Namen sind, wie man auch schon aus diesen fünfen sieht, sämtlich sehr bedeutungsvoll und schön. Vornehme Liebhaber von Jagdhunden, die kein Griechisch verstehen, und um Hunde-Namen verlegen sind, könnten daher füglich manche darunter durch ihre Hofpoeten für ihre Koppel übersetzen lassen. – Zur Ehre von Mrs. Lane muß notwendig erinnert werden, daß hier, in dieser Note, Aktäon bloß als eminenter Fuchsjäger genannt worden ist, und gar nicht, wie oben S. 953/54, als Hochwild selbst. Wirklich ist auch Herrn Lanes Kopfzierde, eine der niedrigsten und anspruchlosesten die sich denken läßt. Vielleicht schliefe alsdann Madam. Ist dieses auch Heirat nach der Mode?

Unmittelbar neben dem gefühllosen Fuchsjäger erblicken wir leider! in Mannes-Gestalt, die ewige Gegenfüßlerin alles wilden Weidewerks, die süßeste Toiletten-Empfindelei im höchsten Ausdruck affektierten Entzückens. Was für ein Balsam-Büchschen gegen den Teer-Topf dorthinten. Schade, daß das Pflästerchen an der Unterlippe, so sehr es auch sonst die Reize des Gesichtchens erhöht, doch die Wirkung des kostbaren Schmunzelns etwas stört. Ohne dasselbe würde man, was freilich schon der ganze Anstand des Zier-Äffchens beiläufig lehrt, viel deutlicher von dessen Lippen selbst lernen können, nämlich wie man prononcieren muß, wenn man das Unaussprechliche prononcieren will. Um dem Ohre so viel als möglich einzuräumen, versagt er seinem Auge mehr als die Hälfte des Lichts; seinem Gaumen die Chokolade und vermutlich, weil er dem Manne mit der Reitpeitsche so bedachtsam den Rücken kehrt, entzieht er auch seiner Nase einen Teil des Pferdestall-Duftes, der von dort ausströmen mag. Obgleich der laute Ausruf der Bewunderung notwendig fehlt, so verraten doch die fünf Exklamationszeichen, die er mit den Fingern der linken Hand aufstellt, die stille Gegenwart derselben unverkennbar. Von eben dieser wie ein Fächer ausgebreiteten Hand hängt der Sonnenfächer der Dame selbst zusammengefallen herab. Er hat ihn vermutlich in Verwahrung genommen, um ihn am Ende mit einem Kuß auslösen zu lassen. So hängt alles bei diesem Männchen zusammen. Nun nur noch ein Alter von Sechszigen, ein papageigrünes Kleid mit rosenfarbigen Unterfutter und ein Paar Schuhe mit roten Absätzen, so hätte der künftige Naturgeschichtschreiber des erkünstelten Menschen, die Züge des alten Gecken hier so ziemlich beisammen.

Hinter der entzückten Dame (ich meine der Carestinischen empfindsamen, nicht der solider denkenden Silbermundischen) erblicken wir einen Kopf, oder klotzt vielmehr ein Kopf gegen uns hervor, der freilich eben nicht der schönste, aber dafür einer der sprechendsten der ganzen Gesellschaft ist. Es ist der Kopf des Negers, der die Chokolade da ins Blaue hinausserviert. Wahrlich, mit seinen drei Brillanten im Gesicht, wovon der eine auf der Nase noch obendrein unecht und bloß vom Fenster geborgt ist, blitzt er alle die Demanten des Kastraten an Ohr und Solitär nieder und wieder nieder. Ist das nicht Sprache und Bedeutung? Und ist es nicht Kunst dem Neumonds-Zeichen, das der Afrikaner da auf seinen Schultern trägt, mehr Bedeutung zu geben, als hier dem italienischen Vollmonde? Man versuche einmal ein solches Nachtstückchen, so wird mans finden. Affektation ist hier nicht; es ist reiner, derber, menschlich-tierischer Instinkt was seine Augen-Axen so steif auf den Italiener hinspannt. Vermutlich gilt es aber nicht sowohl der Stimme des Sängers, als vielmehr den Gebärden, die sie begleiten und der Mündung, aus welcher sie hervorkriecht. Er lächelt über das Brei- und Lappen-Mäulchen, das sich ehemals aus der weichlichen, weibischen TiberUxorius amnis. Horat. wusch, und weist bei der Gelegenheit selbst eines, das sich aus dem Niger oder dem Senegal gewaschen hat, von solchem Umfang, daß fürwahr weder der Senegal noch der Niger noch sonst irgend ein berühmter Fluß-Gott Klage über Mangel zu befürchten haben würde, wenn er seinen Vorrat, den er bisher aus seiner Urne goß, künftig von einem solchen Kopf speien lassen wollte.

Wir haben bereits gehört, daß die Gräfin diesen Morgen in einer Auktion gewesen ist. Hier sieht man nun aus dem Auktions-Katalog, der rechter Hand auf der Erde liegt, daß da eine Sammlung verkauft wurde und wem sie gehörte, und aus einigen daraus erstandenen Artikeln, die da herumstehen, ergibt sich, daß es eine Kunstsammlung war. Der englische Titul des Verzeichnisses ist:

A catalogue of the entire collection of the late Sir Timothy Babyhouse to be sold by auction: »Verzeichnis der vollständigen Sammlung des sel. Barons von Püppchenhausen, welche an den Meistbietenden verkauft werden soll.«

Der ganze Kram, den die Dame daraus erstanden hat, gehört, wie man sieht, zu der Sippschaft von Antiken, dergleichen wir über dem Kamin auf der zweiten Platte gesehen haben. Die Artikel sind schier so gestellt, daß das Ganze einer Prozession ähnlich sieht, worin die Glieder immer wichtiger kommen je weiter sie hinten gehen. Es läßt wie ein Triumph. Voran trabt ein unbekanntes Tierchen, das bloß seiner Unbedeutsamkeit wegen den Vortritt zu haben scheint, auf seinen Füßen; hinten drein kriecht ein Pärchen ohne Füße, daneben ein Schüsselchen, dann ein gräßlicher Katzenkopf, ein Näpfchen, ein Paar bezauberte Prinzessinnen mit dem Zauberer dazu; hierauf eine fürchterliche Mißgeburt der Töpferkunst als Lichthalter; nun, immer wichtiger, eine Butterbüchse und, noch wichtiger ein mystischer Topf mit der mystischen 7 darauf, und endlich das wichtigste, der Imperator Aktäon selbst mit der Sieges-Krone auf dem Haupte. Er lehnt sich gegen ein Waschbecken aus Majolika von Julio (Giulio) Romano bemalt; eine große Seltenheit. Raffaelschen Plunder dieser Art findet man überall. »Das Gemälde selbst stellt ein entkleidetes Weibsbild vor, welches von einer bösen Gans gebissen wirdDiese Beschreibung des Gemäldes ist wörtlich aus dem Intelligenz-Blatt eines benachbarten Orts entlehnt, worin bei Gelegenheit des Deckel-Gemäldes einer gestohlenen Dose, eben diese berühmte Geschichte des Altertums gerade so erzählt wurde. Ob es Sittsamkeit allein war, was dem Bestohlenen obige Worte eingab, ist ungewiß. Gewiß aber ist es, daß sie es wenigstens hauptsächlich ist, die jene Worte aus dem Intelligenz-Blatt hierher bringt; denn sonst empfiehlt sich jene Beschreibung hier auch besonders noch durch den Umstand, daß der Schwan dieses Giulio Romano wirklich eine Gans ist. Den Beschluß macht noch eine Pracht-Vase; so etwas von Potpourri.

Mystischer vielleicht noch als die 7 auf dem Topfe, mag wohl hier die runde Zahl 100 auf Aktäons Unterleibe stehen, worüber wir hier nicht entscheiden wollen. Auf dem Comtoir des Herrn Vaters der Frau Gräfin, sah man solche runde Zahlen auf wichtigern Zetteln. Auf einer der Figuren steht die Zahl 4. Unsere Dame war also mit Anfang der Auktion bei der Hand, und hat ausgehalten bis No. 100.Das Wort Lot, das, wo dergleichen Dinge mit Würfeln ausgespielt, oder durch Lose gezogen werden, so viel als Gewinst bedeutet, sagt hier, wo von einer Auktion die Rede ist, nicht mehr als unser No., schlechtweg. Sehr lange, wenn es an demselben Morgen war. Es galt aber auch ein Bildchen für den Herrn Gemahl, am Abend – – den Hut darauf zu hängen. – So wird am Ende die Reihe von Schnurrpfeifereien auf der Erde da sehr bedeutungsvoll für unsere Geschichte. Sie zeugt nämlich unwidersprechlich von roher Geschmacklosigkeit, grober Sinnlichkeit und, was am Ende nicht viel besser ist, (videatur der Haus-Hofmeister) von tätiger Kauflustigkeit aus Müßiggang. Was mag sie wohl für die Puppe mit den Hörnern dort bezahlt haben? Hierüber urteilen zu können, denke man sich etwa nur noch ein einziges solches Geschöpf oder ein Paar in derselben Auktion, alle eben so käufisch, eben so weise und eben so wohlerzogen, als Madam. Man denke sich dann die noble Verachtung des Geldes und überhaupt die hohen Gefühle, die sich so leicht der Damen-Seelen in jener Art von Auktions-Begeisterung bemächtigen, zumal wenn ihre abwesenden Männer etwa mit gleichem Feuer in irgend einer ähnlichen Ruhm-, Rang- oder Titul-Auktion begriffen sind. Man höre alsdann, wie sie sich, als wäre es ein Wettgesang, bald mit wechselnden Stimmen, bald im gleichzeitigen Duett und Trio, immer höher und höher treiben, und, wie eifersüchtige Nachtigallen in einem Zimmer, so lange fortschlagen, bis erst eine, dann die andere, endlich kraftlos vom Stengelchen fällt. Wie? O die Puppe, die war keine drei Groschen wert. Aber der Jokus in Gegenwart so vieler Herren und Damen einen Mann mit Hörnern zu erstehen, und das Vergnügen die Nachtigallen eine nach der andern so fallen zu sehen. – Für so etwas sind eben so viele Louisd'or eine Kleinigkeit.

Freilich hat unser Künstler wohl hier ein wenig übertrieben. Wer in aller Welt, höre ich manche Dame fragen, wird solche Possen und obendrein gar solche Unflätereien kaufen? Fi donc! – Freilich wohl. Wie aber, wenn wir einmal die Nummern da in Büchertitul übersetzten, und so aus der Sammlung eine moderne Damenbibliothek herausbrächten? Wie da? – Gesetzt auch die Schüsselchen und Näpfchen könnten ein Kochbüchelchen oder eine Anweisung zum Lichterziehen oder Seifenkochen bedeuten, müssen sie es denn deswegen gleich bedeuten? Könnten es nicht eben so gut Anweisungen zur Gesichts-Gerberei, zur Veredelung der Haarzwiebeln und zur Schönfärberei mit Milch und Blut sein? Und wenn man nun gar die verwandelten Prinzessinnen, die Zwerge, den Gänserich in der Schüssel und endlich den Gehörnten mit seiner eins und zwei Nullen auf dem Unterleibe in Bücher umwandelte, würde es da auch nur um ein Haar besser in der Bibliothek aussehen als hier auf dem Fußboden? Schwerlich, schwerlich. – –

Fast drollig läßt die kleine Prozession, wenn man bedenkt, daß sie gerade auf Carestini zu geht, und einem dabei Orpheus einfällt. Und warum sollte einem Der nicht dabei einfallen? Wenn Orpheus es mit seiner Leier dahin brachte, daß Eichbäume und Granitblöcke sich ihm in einem Walzer näherten, warum sollte nicht Carestini mit seiner Pfeife Nürnberger-Ware locken können? Entweder jene Geschichte ist nicht wahr, oder diese ist wenigstens möglich. Mit dieser Idee auf die Übersetzung in Bücher-Titul zurückzukommen, müßte wohl das kleine, niedliche Tierchen, das da voran auf Füßchen trabt, eben deswegen, weil es auf Füßchen trabt, und so niedlich ist, ein Musenalmanach sein, und so gerechnet wären seine beiden fußlosen, prosaischen Treiber nichts anderes, als etwa ein Paar Taschen-Kalenderchen. –

Neben Carestinis Stuhle liegen Visiten- und Invitations-Karten, Stich auf Stich. Einige kehren die beschriebene, akquirierte Komplimenten-Seite, andere die angeborne heraus, noch andere weisen gar nichts, so wie es fällt. Wir wollen sie kurz durchnehmen.

Lady Squander (so heißt sie auf allen diesen Karten statt Squanderfield, vielleicht weil die meisten Felder – bereits versquandert sind) wird eingeladen 1) zu Lady Townleys Trommel (Drum, eine Art von Assemblee worin gespielt und gemaultrommelt wird) und zwar auf nächsten Montag. Im Englischen steht munday statt monday, also eigentlich Mohntag. Ein wichtiger Umstand. 2) Zu Lady Heathans (Heathens) großer Staats-Trommel (Drum Major), wo alles weitläufiger und prächtiger ist, Spiel sowohl als Maultrommel, und zwar auf nächsten Sonntag. Spiel und Musik am Sonntage vergibt der fromme John Bull in England keiner Seele, daher heißt die Sabbatschänderin auch hier Lady Heathen, Lady Heidnisch. So viel mir aber bekannt ist, so ist die Maultrommel, die in Assembleen gerührt wird, am Sonntage in England so wenig verboten, als bei uns. 3) Zu Miß Hair-BrainsVon hairbrained, eigentlich harebrained, flüchtig, wild, unbesonnen. Alles was hier von Maultrommel, Tumult und Auflauf bei Gelegenheit der Wörter Drum und Rout gesagt wird, ist bloß ein Zusatz des Erklärers, und wohl ein sehr erlaubter. Er soll dienen, die durch die Zeit verblichenen Züge der Satyre wieder etwas aufzufrischen. Von Anfang mögen diese Wörter an den Ursprung erinnert haben, auch wohl noch länger nachher einen Mann, wie Hogarth, der sich wohl schwerlich die Zeit genommen haben mag, sie sich durch Teilnahme geläufig zu machen und in bloß willkürliche Zeichen zu verwandeln. An Maultrommel aber konnte der Engländer unmöglich bei seinem drum denken, die heißt bei ihm Judenharfe (Jews harp). Drum und Rout waren Namen für das, was jetzt in der großen Welt bloß Assembly heißt, selbst die Benennung Rout, die noch vor nicht gar langer Zeit am westlichen Ende der Stadt galt, ist nun ganz in das östliche, die Altstadt, verwiesen. Drum heißt eine Trommel, und Rout ein kleiner Auflauf von weniger als 12 Personen; über 12 heißt er Riot, und solcher Assembleen gibt es zuweilen auch, sowohl in der Altstadt als in der Neustadt. Tumult (Rout), auch eine Art Assemblee, die wenn sie das ist, was das Wort sagt, einem kleinen Auflauf ähnlich sehen muß. Endlich liegt noch dabei 4) die Karte, worauf sich ein ausländischer Graf Basset nach dem Befinden der Frau Gräfin erkundigt. Er ist vermutlich nach England gegangen um Englisch zu lernen und legt hier eine Probe seines Fleißes ab, deswegen setzen wir sie ganz her: Count Basset begs to no how Lade Squander sleapt last nite. Sollte heißen C.B. begs to know how Lady Squanderfield slept last night. (Graf Basset winscht su wihß, wi Lehdi Squander fergangen Nackt geslaffen.)

In den Gemälden an den Wänden umher fährt unser Künstler fort seiner Zeichnung der Hauptleidenschaft der Gräfin immer mehr Relief zu geben. Mit dem Lesebuch für junge Frauenzimmer, dort auf dem Sopha, fing er an; unten, im Korbe, fuhr er fort, und an der Wand erblicken wir nun die Vollendung. Es sind der Gemälde vier. Hier müssen wir kurz sein. Rechter Hand hängen die Folgen des Rausches, ein Paar Staffeln über dem so genannten Mittel-Hieb, in der Geschichte des Noah mit seinen Töchtern. Die Erklärung des Schüssel-Gemäldes schrieben wir aus einem fliegenden Blatte ab, eben, weil es ein fliegendes Blatt war, das sich nun auch längst verflogen hat. Die Erklärung des gegenwärtigen aber müßten wir von Blättern abschreiben, die nichts weniger als fliegend sind, und sich auch hoffentlich diesseits des Rheins nie verfliegen werden, daher wir die Leser darauf verweisen. – Neben diesem Bilde hängen die Folgen der Maskeraden in der Geschichte der schönen Prinzessin Jo, wie sie von dem erzürnten Jupiter, in seinen gewöhnlichen Donner-Wolken-Domino gekleidet, ebenfalls gebissen wird. Es ist dieses eine Kopie einer sehr bekannten Vorstellung dieser Beißerei von Michelangelo Buonarotti, natürlich hier von unserer Dame für das Original selbst, wenigstens gekauft, und vielleicht gar dafür bezahlt. Zur Linken hängt Jupiter zum drittenmal, wieder en masque, denn wir müssen nur gestehen, daß der Gänserich dort auf der Schüssel, eben dieser Jupiter gewesen ist. So etwas kann aufmuntern, sein Glück auch einmal auf einer Maskerade zu versuchen, zumal eine Freundin von Lady Heidnisch. Jupiter erscheint hier als Adler, wie er seinen Ganymed nach dem Olymp trägt.Bekanntlich wird die Geschichte von Jupiter und Ganymed verschieden erzählt. Nach einigen sandte Jupiter seinen bekannten Trabanten, den Adler, ihn abzuholen; nach andern aber übernahm er dieses Geschäfte höchst selbst, in der Adlersmaske, die er auch bei der schönen Wachtel, Asterie, angenommen haben soll. Die letzte Vorstellungsart empfiehlt sich hier durch reineren Zusammenhang mit dem übrigen Maskenspiel bei den schönen Prinzessinnen Leda und Io.. Sonderbar ist es, daß der Gott der Götter auch hier wieder beißen will. Es wird einem fast bange zu zusehen. O! ritte doch Ganymed dieses Mal, ich meine, wäre er doch dieses Mal, wie die Franzosen vortrefflich sagen, à cheval sur un aigle. So wie er jetzt da am Adler hängt, nimmt es fürwahr kein gutes Ende. Ich fürchte, ich fürchte, Jupiter, der grade da über Carestinis Kopf schwebt, vernimmt so eben die Götterstimme dieses Sterblichen. Einen solchen Sänger muß ich auch haben, denkt er, und schreitet, gedacht getan, sogleich mit höchst eignem Schnabel zur Operation.Wenn dieses, wie ich glaube, der eigentliche Sinn dieses Zuges ist, so gehört er unstreitig mit unter die vorzüglichsten in Hogarths Werken. Und wie reich mußte nicht das Genie eines Mannes sein, der so etwas, was mancher Dichter vielleicht zu einer ganzen Ballade ausgesponnen hätte, in einen wahren Winkel seines Werks, das heißt, in ein Bildchen an der Wand eines Bildchens, das selbst an die Wand gehängt wird, hinwirft, unbekümmert darum, wer es findet, oder ob es überhaupt je gefunden wird? Zugleich ist dieses die herrlichste Reparation d'honneur für den armen Kastraten, wenn er sich etwa durch das übrige für beleidigt hätte halten können. Carestini konnte leicht lächerlicher gemacht, aber schwerlich feiner gelobt werden.

Über diesem Gemälde, also etwas ominös, im Olymp selbst, und unter den Unsterblichen hängt offenbar Herrn Silbermunds Portrait ganz unmaskiert, mit aller der Würde im Äußern, die einem Kommandanten des Hauses geziemt. Zu seinen Füßen nagt das von ihm gestürzte, gehörnte Tier an seiner Kette. Gut. So wollen wir es lassen. Nur noch ein Paar Blätter weiter, so erblicken wir beides, Hängen und Stürzen in – soliderer Form.

Daß Silbermunds Bild dem Sopha gerade gegenüberhängt, ist bloß zur Beförderung der Andacht geschehen. Sobald diese aufhört, erhält er, wie wir hören werden, einen andern Platz, oder eigentlich, sobald dieser Götze einen andern Platz erhält, so hört die Andacht auf.

Nun zum Beschluß eine Kleinigkeit, denn eine Kleinigkeit ist ja wohl jedes Rätsel. An dem Betthimmel der Dame hat der Künstler die französische Lilie angebracht. Wie kömmt das französische Wappen da an das englische Bett?

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