Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Georg Christoph Lichtenberg >

Ausführliche Erklärung der Hogarthischen Kupferstiche

Georg Christoph Lichtenberg: Ausführliche Erklärung der Hogarthischen Kupferstiche - Kapitel 27
Quellenangabe
pfad/lichtenb/hogarth/hogarth.xml
typeessay
authorGeorg Christoph Lichtenberg
titleAusführliche Erklärung der Hogarthischen Kupferstiche
publisherZweitausendeins
seriesGeorg Christoph Lichtenberg. Schriften und Briefe
volumeDritter Band
printrun6. Auflage
editorWolfgang Promies
year1998
isbn3861500426
firstpub1799
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120613
modified20150421
projectidd1989bfb
Schließen

Navigation:

Zweite Platte

Die Heirat nach der Mode. Zweite Platte

Der alte Graf scheint nun bereits aufgelöst und bei Wilhelm dem Eroberer zu sein. Weder der Herr Sohn noch die Frau Schwieger-Tochter, die hier sitzen, scheinen es sonderlich zu empfinden, daß der Tod seinen 80jährigen Prozeß endlich gegen den Alten gewonnen hat. Sie prozessieren hier jetzt auch, aber nicht mit dem Tode, sondern bloß ad interim ein wenig mit dessen Halbbruder, dem Schlafe, und, wie man sieht, mit sehr ungleichem Glücke. Sie verliert ihren Prozeß gewiß, und er, bei welchem der Unmut ein Wörtchen mit drein spricht, wird sicherlich den seinigen gewinnen. Sie haben vorige Nacht beide wenig oder gar nicht geschlafen; Sie hier im Hause nicht, und er in einem andern, vielleicht eine englische Meile davon, auch nicht. Der Verlauf der Geschichte ist der:

Es ist hier noch früher Morgen, die Wanduhr mag übrigens weisen was sie will; man gähnt hier noch, man reckt sich noch und man frühstückt noch. Ob das recht ist oder nicht, das geht der Bauern-Sonne nichts an. Verkehrt ist es freilich allemal ein wenig, aber das sind die Fische da oben in den Bäumen auch. Hier ist nun der Geschmack einmal so. Der junge Herr, der aber (im Vorbeigehen zu sagen) die Nacht über um eine ganze schwere Campagne älter geworden ist, scheint, so eben von der Karosse abgeladen, sich hierher geworfen zu haben. Vermutlich stolperte er über den Stuhl mit den zarten Cremoneserinnen, stürzte und zerbrach den Degen. Die Figur ist ein Meisterstück und unstreitig eine der besten, die Hogarth je gezeichnet hat. Das wahre Sinnbild der Erschlaffung nach der wildesten Debauche aller Art. Nichts hält sich an ihm mehr durch innere Kraft. Die Stellung ist bloß so geworden durch Aktion der Schwere, durch Gliedermanns-Reaktion und passive Stuhlform. So wie der Hut und die Haare, so sitzen die Weste und die Strümpfe. Der Haarbeutel ist fort, die Uhr ist fort, und das Geld ist fort. Wo das Geld stak, da stecken jetzt die leeren Hände, die es suchen und nichts finden als eine traurige Unterstützung, für sich und die langen, schweren, lederweich gewachten und geschwärmten Arme. Was noch am wenigsten in dem Tumult gelitten hat, ist das schwarze Fakultäts-Siegel unter dem Ohr. Wo mag der Blick hingehen? Auswärts bleibt er gewiß auf der Hälfte des Weges nach dem umgefallenen Stuhle zu in der freien Luft schweben; einwärts geht er an diesem häuslichen Morgen ungewöhnlich tief. Selbst durch den Nebel von Kopfweh, der um seine Stirne schwebt, sind doch einige Spuren von tieferem Herzensweh nicht ganz zu verkennen. So geht es diesen Fischchen, wenn sie einmal ein allzu mutwilliger Sprung ein wenig zu weit aus ihrem Element wirft. Der Rausch, der bei seiner Ankunft und während seiner Fortschritte den Trinker über seinen gewöhnlichen Geistes- und Herzens-Zustand hinaus spannt, spannt ihn auch bei seiner Entweichung unter diesen Zustand hinunter wieder ab, so, daß er bei jeder Art von Gemüts-Anlage auf dieser Leiter-Tour gewöhnlich irgend ein Sprößchen findet, von welchem aus er sein ganzes Wesen ohne viele Mühe übersehen kann. Er scheint zu rechnen; nicht doch, nein! bloß schwer zu empfinden, was es werden würde, wenn er rechnen wollte. Dieses ist der Unmut, der, wie wir gesagt haben, die Rechte des jungen Herrn wider den Schlaf unterstützt. So sehr geschlagen er indessen da liegt, so ist er doch nicht ganz ohne Beute vom Schlachtfeld abgezogen. Aus seiner Rocktasche hängt ein Produkt aus Linon und Band, dergleichen selten, und nie ohne irgend eine große Revolution, in Männer-Taschen gerät. Es ist ein kleines parfümiertes Kopfzeug, das hier von dem Schoßhündchen der Dame mit Bologneser-Sagazität entdeckt und mit friedliebender Behutsamkeit beschniffelt wird. Also, was kaum ein sicherndes Unterpfand für den bloßen Haarbeutel wäre, ist nun vermutlich noch oben drein der ganze Ersatz für Börse und Uhr! So viel von den Taten des jungen Herrn in voriger Nacht, wovon hier das Hündchen die Witterung hat, – und nun ein Wort von den Taten der jungen Dame die der junge Herr selbst wittert. Sie hatte dort in dem herrlichen ägyptischen Saale die Nacht hindurch Spielgesellschaft und Spiel mit Karten, jungen Herrn und dergleichen, ein wenig Tee, ein wenig Konzert und ein wenig Tanz. Man hat lange und wild gespielt; die Lichter brennen tief und verbrennen, wie man sagt, das Tageslicht, obgleich der Tag ein Wintertag ist. Einer der Tische hat seine Karten auf die Erde geworfen, die Pandekten des Whistspiels, Hoyle on Whist,Hoyle über das Whistspiel. Dieses Buch hat sich in der englischen Literär-Geschichte merkwürdig gemacht. Es wird in Miltons Leben angemerkt, daß der Dichter für sein verlornes Paradies zehn Guineen, Hoyle für sein wiedergefundenes aber zweihundert von dem Verleger erhalten habe. wurden mit Füßen getreten, und vielleicht stürzte auch der Stuhl mit seinem kostbaren Holzwerk, den Violinen, durch ein Getümmel in diesem düstern Winkel. Denn das bloß dämmernde Licht eines Steinkohlenfeuers und das sehr entfernte des Kronleuchters ausgenommen, war hier, vermutlich vorsätzlich, keine besondere Erleuchtung. Die beiden Lichter bei der Uhr haben wenigstens nicht gebrannt. Ein vortrefflicher Zug! wie mich dünkt. Ein Paar unangebrannte Lichter auf einem jeden Wandleuchter hätten schon hinlänglich bezeugt, wie wenig man sich hier um Erleuchtung bekümmert habe; daß es aber oben drein die Uhrlichter sind, bezeugt dieses auch zugleich mit für die Zeit. Wirklich kann aber auch die eigentliche Zeit für die Werke der Dämmerung sowohl, als der Finsternis füglich ohne alle Uhr gefunden werden, oder will man sich ja ihrer dabei bedienen, so wird es wenigstens die sein, da man weder Uhrzeiger noch Uhr sieht. –

Die junge Dame ist also freilich sehr – sehr müde. Sie beweist dieses durch einige Manieren, in denen in der Tat nicht viel Adel ist, oder ist ja welcher darin, so ist er wenigstens sehr – sehr neugebacken; sie reckt sich ein wenig oder droht, wie man in einigen Gegenden sagt, dem Herrn Gemahl mit dem Hörner-Zeichen. Gesund ist sie gewiß, vielleicht allzugesund. Selbst der schläfrige Blick ist nicht ohne Kraft und verrät, so wie die ganze Stellung, Überfluß an allem, woran ihr armer Abgebrannter so großen Mangel leidet. Es scheint sie hat ein wenig auf dem Stuhle geschlafen und wird, wenn die Konversation zwischen ihr und dem Liebsten mit der Lebhaftigkeit fortgesetzt wird, mit welcher sie angefangen hat, vermutlich bald wieder schlafen. – Was das leere Döschen oder das leere Etui in ihrer Hand bedeutet, ist nicht so ganz leicht zu sagen. Wäre ein Spiegelchen im Deckel, so hätte die Sache, und zwar sehr zu ihrer Ehre, keine Schwierigkeit. Sie wäre nämlich alsdann vermutlich beim Erwachen sogleich einer der ersten Pflichten, ich meine der Pflicht der Selbstprüfung nachgekommen, und daß das Gesichtchen diesen Morgensegen gut bestanden habe, erhellte alsdann deutlich aus der ruhigen Dehnung, die sogleich darauf erfolgt.

Sie hat das Frühstück vor sich. Es ist wie man sieht, und wie es nach einer solchen Ehestands-Nacht nicht anders möglich war, einpersönig. – O wäre es doch die Dame nur auch! Man vergäbe ihr vielleicht alsdann, bei einem solchen Manne, wohl noch eine Nacht, wie die vergangene. Allein bei solchen Rockfalten, die gar nicht mehr so brechen wollen, wie an dem Hochzeit-Tage, und leider! wegen der Knospe zu Wilhelms des Eroberers Stammbaum, nicht mehr so brechen können; – mit denen noch, bis an den frühen Morgen auf Karten, Violinen und Pandekten sich so herum zu tummeln, Madam, das war, so sehr es übrigens nach der Mode gewesen sein mag, fürwahr nicht schön. Er, er hat so eben auch gefrühstückt. Es muß erbärmlich geschmeckt haben, denn der alte Haushofmeister, der das Frühstück brachte, trägt es ganz ungenossen wieder weg. Es bestand aus einem Pack Rechnungen, die diesen Morgen berichtigt werden sollten, aber nur eine ist berichtigt und diese schon am 4. Junii,Nicht am 4. Jänner, wie Herr Ireland gelesen hat.da es doch hier offenbar Winter ist. Die berichtigte hängt an dem Sammeldraht (file) des Haushofmeisters mit der Unterschrift. Es war freilich eine harte Kost, und doch sind das nur Semmelschnittchen gewesen gegen den Pumpernickel, den er da unter dem Arm trägt, das Hausbuch (Ledger); an dem ist schwerlich nur einmal gerochen worden! – Über den Kopf des Haushofmeisters und über die Bedeutung seines Blicks und des Gestus seiner Hand noch mit Schriftsprache kommentieren zu wollen, wäre wohl der unverzeihlichste Mißbrauch, der von Buchstabenschrift gemacht werden könnte. Dafür werden die Lettern in der Welt nicht gegossen. Die feinste Notenmacherei, nach ihren beiden großen Abteilungen, müßte bei einem solchen Texte zu Schanden werden; die so wohl, die sich ergießt, auf daß man verstehe, als die unendlich gelehrtere, auf daß man nicht verstehe. Wenn ich sagte: Seht so steht es mit den Finanzen von Ihro Gnaden, und wiese dabei auf diesen Haus-Heiligen hin: würde wohl irgendjemand noch fragen: Wie steht es denn eigentlich mit Ihro Gnaden Finanzen? Sicherlich niemand; wenigstens zwischen Kap St. Vincent und Nova Zembla nicht. Umgekehrt soll uns vielleicht dieser Kopf noch erklären helfen, und wir rechnen daher mit Zuversicht voraus auf die Vergebung des Lesers, wenn etwa in der Folge einmal statt einer Erklärung nichts weiter gesagt werden sollte, als: videatur der Haushofmeister.

Ob aber gleich die Bedeutung dieses Gesichts keiner Worte bedarf, so erfordert doch die Geschichte desselben noch ein Paar. Das Gesicht ist ein Porträt und zwar, wie man sagt, von einem gewissen Edward Swallow, einem alten ehrlichen Mundschenken des damaligen Erzbischofs von Canterbury. Hogarth, der einen Kopf für diese Haushofmeister-Stelle suchte, wünschte lange diesen wegen seiner redlichen Einfalt zu haben. Endlich nahm ihn ein Freund des Erzbischofs mit nach Lambeth,Die Residenz der Erzbischöfe von Canterbury., da zeichnete er ihn unbemerkt, und beim Einsteigen in die Kutsche flüsterte er seinem Gefährten zu: now I have him, nun hab' ich ihn. Die stumpfen Schuhe, der altmodische Rock und das stracke Haar, zeigen, daß der Mann nicht von dieser Welt, und am allerwenigsten von derjenigen ist, von welcher neun Zehnteile der englischen Bedienten solcher Häuser sind. Er scheint ein Methodist zu sein, wenigstens hat Hogarth, vielleicht aus Mutwillen, einen aus ihm gemacht. Aus seiner Tasche guckt nämlich ein Buch über die Wiedergeburt (on regeneration) hervor, und bekanntlich ist das Wort Wiedergeburt die bleibende Parole dieses geistlichen Corps. Auch mögen die Gespräche darüber wohl für manche ihrer Gesellschaften ein andächtiger Zeitvertreib, eine Art von geistlichem Whist sein, und so kämen denn freilich Hoyle und WhitefieldEin berüchtigter methodistischer Prediger und, wo ich nicht irre, der Stifter dieser Sekte. hier ganz gut zusammen – pagina jungit amicos. – Aber für einen schlauen Betrüger, wozu ihn Herr Ireland macht, kann ich den Mann unmöglich halten. Hierzu hätte wohl Hogarth die nötige Physiognomie näher haben können, denn nach meiner völligen Überzeugung, möchte wohl die alte, und folglich bewährte Dienerschaft eines Erzbischofs von Canterbury, die letzte Menschen-Klasse, nicht bloß in England sondern vielleicht in der Welt sein, worin ein Maler nach Spitzbuben-Physiognomie zu suchen hätte.

Dort hinten in dem Tempel der Hochgräflichen Bacchantin, wo, wie wir erinnert haben, die Lichter den Tag verbrennen, scheint eins, das mit seinem Pensum fertig geworden ist, nach der Hinterseite einer Stuhllehne zu greifen. Sie brennt wirklich schon. Die Sache könnte gefährlich werden. Zum Glück aber wird eine andere Stuhllehne, auf welcher ein Bedienter stehenden Fußes etwas geschlummert hat, dieses gewahr, droht ihren Reiter abzusetzen, und so wird die Schwester vermutlich noch gerettet. Der junge Mensch reibt und kratzt sich Kopf und Herz um sich zu ermuntern und scheint alles mögliche zu tun, für einen Beiläufer-Supernumerarius. Denn so was ist er bloß; das eigentliche galonierte Ministerium schläft. Die Gemälde im Salon sind nicht schauderhaft und blutig, wie die im Verlobungs-Zimmer, sie gehen vielmehr ganz auf ruhige, kaltblütige Erbauung. Es sind hauptsächlich vier Heilige mit ihren Glorien. Man kann zwar die Glorie des vierten vor Lichterdampf nicht sehen, aber auf ihre Gegenwart aus der Gesellschaft und der völlig gleichen Einfassung schließen. Herr Ireland hält diese für die vier Evangelisten. Das sind sie nun wohl nicht. Der mittlere von den dreien ist offenbar der heil. Andreas mit dem Kreuze seines Namens, und die Figur, die ihm zur Rechten hängt, eine Heilige, vielleicht eine Madonna mit dem Kelche, und der vierte hält ein Schwert in der Hand. Was sollte einem Evangelisten das Schwert? Mit dem Degen in der Faust schreibt man keine Evangelia, man erklärt sie bloß den Leuten damit, und das ist eine neuere Erfindung. Die heiligste Figur unter allen scheint die zu sein, wovon der Vorhang nur das nackende Füßchen sehen läßt. Das ist Schade! Wären wir früher gekommen, wie die jungen Herrn noch da waren, so hätten wir alles sehen können. – O! Madam! Madam! –

So wie unser Künstler durch den liederlichen Kontrast in den Gemälden des Salons auf die Grundsätze der Moral des jungen Ehepaars hingewiesen hat, so zeigt er uns nun in den Verzierungen des Vorzimmers die ihres Geschmacks. Es ist dieses ein Punkt, der, zumal in diesen Blättern, nicht übersehen werden darf, auch wohl nicht leicht übersehen werden kann. Hogarth hat nämlich mit großer Feinheit und überall, wo er nur konnte, den gänzlichen Mangel an Gefühl für das Schöne in den bildenden Künsten sichtbar zu machen gesucht, der in diesen beiden Familien, zumal in der Hochadeligen herrscht. Es ist unmöglich, daß er etwas anders damit habe sagen wollen, als: es würde besser mit diesem Hause stehen, wenn der Geschmack des Besitzers in der Jugend mehr gebildet worden wäre, und es ist auch nicht zu leugnen, daß wenigstens die groberhabnen Sottisen, die das Unglück einzelner Familien und, nachdem der Mann ist, ganzer Länder, ausmachen, gemeiniglich von Leuten herrühren, die mit großem Vermögen oder großer Macht einen gänzlichen Mangel an Gefühl für das Schöne verbinden, das für die Mädchen etwa ausgenommen.

Hier ist der ganze Sims des Kamins mit den infamsten Kunstwerken des nordöstlichen Asiens überdeckt. Hochschwangere schinesische Götzen sitzen nackend da, damit die Rockfalten nicht falsch brechen, andere haben die Hände unmittelbar an den Schultern, wollen das Hörnerzeichen machen und können nicht. Vasen wie Geländer-Pfosten und Fläschchen wie Korkstöpsel wechseln hier mit künstlichen Naturalien ab und mit Kunstsachen, dergleichen zuweilen der Zufall macht. Das Beste ist noch eine antike Büste. Schade, daß der Kopf daran neu ist und die Nase noch neuer als der Kopf. Er scheint für eine Faustina gekauft zu sein. Übrigens herrscht unter diesen Lappalien da eine bewundernswürdige Symmetrie und die gewissenhafteste Ordnung. Jedes Fläschchen hat sein Gegenfläschchen und jede Fratze ihre Gegenfratze. Es scheint der regelmäßigste Fleck im Hause zu sein. Man sieht, man kann wohl Ordnung halten unter diesem Dache, wo es der Mühe wert ist. – Das Kamin-Gemälde stellt einen Amor vor, dem es ebenfalls erbärmlich gegangen ist, oder wenigstens jetzt geht. Sein Tempel ist eingestürzt, sein Bogen hat keine Sehne und sein Köcher keine Pfeile mehr, es bleibt ihm nichts, als ein Dudelsack und eine Pfeife, auf der er nun sein einförmiges Lamento fingert.

So verächtlich die Uhr da oben mit ihren Fischen in den Bäumen und mit ihrer Katze unter den Fischen aussieht, so wäre es doch möglich, daß sie nicht bloß das größte Kunstwerk in diesem Zimmer, sondern oben drein das größte Meisterstück der Uhrmacherkunst wäre. Ich glaube nämlich aus der feierlichen Stellung der Katze, die nichts weniger als müßig da zu sitzen scheint, schließen zu können, daß diese Uhr eine Katzen-Uhr ist, die die Stunden maut oder miaut, so wie man Guckgucks-Uhren hat, die sie rufen. Eine Uhr worauf ein schön gearbeiteter Hund die Stunden abbellte, soll, wie mir ein Freund schreibt, noch vor kurzen von einem Engländer zu einem hohen Preise feil geboten worden sein, dieses bestärkt diese Mutmaßung nicht wenig. Allein Lord Squanderfields Uhr übertrifft diese bei weitem, zumal wenn man annimmt, daß die Viertel vielleicht durch eine veränderte Stimme, oder gar von jungen Kätzchen abgemaut worden sind. Wie ich höre, so soll jetzt ein Schüler von Le Droz damit umgehen, eine Uhr zu verfertigen, woran ein wildes Schwein die Stunden in kurzen Stößen grunzt. Vermutlich brachte ihn das berühmte Schweine-Konzert des Kapellmeisters Pepusch zu Berlin auf den Gedanken, in welchem die Schweinestimmen auf Bassons, Porco primo, Porco secondo etc. geblasen wurden und das so großen Beifall erhielt. Auf diese Art hätte uns also das 18te Jahrhundert unter so vielem Neuen auch mit einer Menagerie von Uhren beschenkt, unter welchen es sich doch fürwahr künftig lustiger schlafen lassen wird, als bei dem ewigen Memento mori-Schlag unserer Sterbeglocken, die eigentlich auf die Kirchen gehören. – Die beiden Fische sehen mir fast aus, als steckten sie auch an einer Welle, die mit der Uhr in Verbindung steht. Wer weiß, ob sie nicht auch ihren stündlichen Karpfen-Sprung (saut de la carpe) machen. Der Gedanke wäre artig und schon deswegen merkwürdig, weil es in den Hecken geschieht, etwas, was man in der Natur nicht leicht zu sehen bekömmt.

 << Kapitel 26  Kapitel 28 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.