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Ausführliche Erklärung der Hogarthischen Kupferstiche

Georg Christoph Lichtenberg: Ausführliche Erklärung der Hogarthischen Kupferstiche - Kapitel 23
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typeessay
authorGeorg Christoph Lichtenberg
titleAusführliche Erklärung der Hogarthischen Kupferstiche
publisherZweitausendeins
seriesGeorg Christoph Lichtenberg. Schriften und Briefe
volumeDritter Band
printrun6. Auflage
editorWolfgang Promies
year1998
isbn3861500426
firstpub1799
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Siebente Platte

Der Weg des Liederlichen. Siebente Platte

Sir William Hamilton in seiner Nachricht von dem letzten Ausbruch des Vesuvs im Sommer 1794 merkt an, daß um den Fuß dieses gefährlichen Berges und des benachbarten Somma, also in einem Umfange von etwa 30 italiänischen oder achtehalb deutschen Meilen, mehr Menschen beisammen wohnten, als auf irgend einem Flecke von gleichem Umfange in Europa. Die Menschen scheinen sich zu dem Feuer-Schlunde zu drängen, wie Mücken um eine Lichtflamme. Verbrennen sich auch ein Paar die Flügel, so kommen immer wieder andere; so wenig scheuen oder kennen jene Menschen die Gefahr. Das ist allerdings seltsam. Aber doch bei weitem noch nicht so sonderbar, als daß mitten in dem Lande der Freiheit und des Überflusses, ich meine in England, gerade die Häuser am dichtesten mit Menschen besetzt sind, in welchen jeder, der sie beziehet, sogleich das Votum obedientiae passivae et frugalitatis an der Türe ablegen muß. Ja, daß alles Dichten und Trachten keines geringen Teiles dieses glücklichen Volks dahin geht, seinen Wandel darnach einzurichten, um dereinst eine solche Klosterstelle im Leben zu erhalten. Es mißlingt auch selten, wenn man es nur ernstlich darauf anlegt, und wie dieses am leichtesten bewirkt werden kann, davon haben wir das vollkommenste Muster in dem Leben unsers Helden.

Er ist so eben aufgenommen worden, hat sein Gelübde getan, und ist noch mit jenen Herzerhebungen beschäftigt, die gewöhnlich dergleichen Veränderungen bei Leuten von wahrer Salbung hervorbringen. Lange hat er die Welt noch nicht verlassen. Noch liegt sein Bett gepackt da. Darauf ist ein Brat-Rost gebunden. Das ist alles, was er aus dem Säculo mitgenommen hat. – Wenn es nur mit dem Gewissen so ganz richtig ist. Ich fürchte fast, der äußere Bruder Rakewell hat sich noch nicht so ganz mit dem inneren abgefunden. In dieser Hinsicht könnte der Bratrost, so auf das Bett gebunden, wo nicht das Modell, doch das Sinnbild der Bettlade sein, auf der er willens ist, sich des Nachts an seinen eigenen Vorstellungen lebendig zu rösten. –

Was dieses für ein Kloster sei, werden die Leser bereits aus der Gatter-Türe und dem Kammerherrn-Schlüssel erraten haben, der da an der Hüfte des Pater Cubicularius herabhängt. Rakewell sitzt,He is arrested, er sitzt Schulden wegen. In der englischen Sprache wird, mit eben so vieler Philosophie als Billigkeit, sehr zwischen sitzen und sitzen distinguiert. Denn die Nachrede, daß man sitze, ist allerdings schon eine Strafe, die also von Rechts wegen auch nach den Umständen ihre Grade haben sollte. Wenn ein Verbrecher ergriffen und festgesetzt wird, so sagt man, er sei taken up oder apprehended. Ein solcher kann nämlich, nach Befinden der Umstände, oft wieder ohne förmlichen Prozeß loskommen. Wird er aber gesetzt, um den Prozeß zu bestehen (for trial), so sagt man: er sei committed. Sitzt er zur Strafe, so heißt er imprisoned; ein Offizier in gleichem Falle is put under arrest; ein gemeiner Soldat confined; Schulden wegen wird man arrested. Also Captain N. is arrested sagt ganz etwas anders als he is put under arrest. Ersteres heißt Schulden wegen durch zivile Obrigkeit, letzteres wegen eines Vergehens im Dienst durch seine militärischen Vorgesetzten. und zwar im Fleet, einer Art von Lombard, das sich nur von den gewöhnlichen Instituten dieser Art dadurch unterscheidet, daß es nicht so wohl ein Gefängnis für Mobilien, als vielmehr für die ersten Moventien selbst, und ungefähr das ist, was man in Deutschland Schuldturm nennt.

Oben auf der 825ten Seite ist von gewissen Segenswünschen und Weissagungen geredet worden, die an unserm Helden in Erfüllung gehen würden. Da sind sie. Hier krümmt er sich nun unter der Geißel seines gerechten Verhängnisses, – tout beau! Ist es möglich, Kummer, Elend und erwachtes Gewissen mit seiner ganzen zweischneidigen Qual von Furcht und Reue in einem liederlichen Taugenichts stärker zu zeichnen als hier? Worte sind noch nicht da. Statt ihrer aber läuft mit unverkennbarem Ausdruck eine Welle beredter Zuckungen durch die ausgemergelten Glieder von unten nach oben hin. Die auf das Knie gestützte Hand hebt sich mit großer Bedeutung, und ihr folgt der Fuß sympathetisch, so wie der aufgerollten Stirnhaut die Augenlider und die Achseln nachziehen; der Strom geht aufwärts. Es ist keine Erhebung, oder wenigstens bloß die, ohne welche der Ausdruck von tiefem Fall, Ohnmacht und Verderben, durch Gebärden, unmöglich ist. Es fällt alles nur desto tiefer zurück, und so spricht er sich selbst das Verdammungs-Urteil, und wird sein eigner Henker durch Verzweiflung. Was das starrende Auge sehen mag? Den Tanzmeister vielleicht? Oder die Gärten, oder die Rennpferde? Oder sieht es gar nichts, und lauscht bloß das Ohr auf die Töne des Orpheus, der die Bestien zähmte? O hätte man die Dose noch! Hier werden die Bestien wohlfeiler gezähmt. Wir wollen sehen. Die Mittel sind heroisch.

Neben ihm steht die kleine Akquisition, die man in der Kirche zu Marybone gemacht hat, sein teures Weib, freilich etwas verändert. Ihr Mund, der dort schön, wie Luna ein Paar Tage nach ihrer Wiedergeburt, sich mit sanfter Krümmung zu einem zärtlichen Lächeln bog, könnte hier mit seiner schwarzen Fülle als Zeichen des neuen Lichts selbst, in jedem Dorf-Kalender figurieren. Ja, was noch mehr ist, das ganze Köpfchen, das dort an das freundliche und friedliche Knarpeln des niedlichen Eichhörnchens erinnerte, ist hier ein männlicher Löwenkopf mit Mähne und Rachen geworden, der Menschenschädel knackt wie Haselnüsse. Es ist doch gewiß, daß es nach der Hochzeit ganz anders ist als vorher. Sie ist hier beschäftigt, mit den Fäustchen, die so eben mit ihrer eignen Frisur in der Eile fertig geworden sind, eine kleine Änderung in der von ihrem Gemahl vorzunehmen. Eigentlich wohl bloß, um seinem Gedächtnis über einige Umstände, die ihr zugebrachtes Vermögen betreffen, etwas zu Hülfe zu kommen, welches nach dieser Methode ohne Störung des Kapillär-Systems schlechterdings unmöglich ist. Wirklich verfährt sie sehr richtig. Sie klopft erst mit der linken Faust auf die Schulter, um die festsitzenden Gedanken loszukriegen, und so bald sie merkt, daß sie flott sind, nimmt sie mit der rechten einen Zulauf gerade nach dem Orte, wo sie schwimmen, um ihnen die neue Richtung zu geben. So gibt man selbst dem Eisen Polarität. Es kann nicht fehlen. Allein alles dieses, so lästig es auch unter solchen Umständen einem Manne von Gefühl sein mag, ist doch diesem armen Teufel bei weitem nicht so empfindlich, als das fürchterliche Kartätschenfeuer, das die Zunge seiner Ehehälfte aus jenem finstern Mordkeller hervor auf seine Ohren und sein Herz macht. Hier verdient er fürwahr unser Mitleid. Das ist zu hart, würde man sagen müssen, wenn es nicht so natürlich wäre, und etwas, was natürlich ist, hart sein könnte. Alle Schriftsteller über das Defensions-System des schönen Geschlechts und die militärischen Operationen desselben in einer Ehe-Kampagne, sprechen von diesem Teil ihrer Artillerie als von einer Art von Wunder. Fielding, einer der vorzüglichsten, merkt an,In seiner meisterhaften Beschreibung der Schlacht im Wirtshause zu Upton. Tom Jones, IXtes Buch, Cap. 8. daß die weisesten Menschen davor gezittert und gebebt, und selbst die tapfersten, die mit kaltem Blute in die Mündung eines geladenen 24-Pfünders hineinschauen konnten, sich mit einem erbärmlichen Gesichte zurückgeschlichen hätten, so bald sie in die Mündung eines solchen Böllers hätten blicken sollen. Dieses taten also die Weisesten und Tapfersten unter den Menschen, was mag nun der nicht leiden, der weder das eine noch das andere ist, und sich obendrein nicht einmal wegschleichen kann? Und doch ist dieses bei weitem noch nicht alles. Während ihn die Frau in der Fronte und auf der rechten Flanke angreift, fällt ihm ein anderer Feind in die linke, ein dritter in den Rücken, und zugleich meldet ihm ein Bekannter in einem freundschaftlichen Billet, sein Haupt-Magazin sei in die Luft geflogen. Fürwahr, unter solchen Umständen anders dasitzen, als hier Rakewell sitzt, könnte doch nur Sokrates oder Carl der XII.

Ein Knabe nämlich, oder was es sonst ist, (denn an der Bildung seiner Physiognomie scheint die Insolenz schon wenigstens ein viertel Jahrhundert gearbeitet zu haben) bringt ihm den verlangten schäumenden Porter; noch zur Zeit bloß zum Anschauen. Ohne Tausch wird ihn der arme Lechzende nie schmecken, und hier ist nichts mehr zu vertauschen! Selbst die Schuhschnallen scheinen ein Paar Trauerschnallen zu sein, von denen der Lack oder die Bläuung bereits weggetrauert ist. Hinter ihm steht der hochpeinliche Unterschließer (under turnkey)! Aus dem Buche, das auf seinem Arme ruht, ersieht man, daß er das Einstandsgeld (Garnish money), den Willkomm, von dem Arrestanten einkassieren will. Das Gesicht, das der Kerl also hier zum Verkauf anbietet, scheint noch eines der besten zu sein, die er für den Kauf machen kann. Schade, daß es Rakewell nicht sieht, indessen er würde es doch nicht kaufen können. Die Insolvenz, die keinen Trunk Bier bezahlen kann, begnügt sich auch wohl mit Gesichtern, die ihr die Insolenz umsonst reicht. Bemerken die Leser wohl den Schluß in forma Juris, der hier gemacht wird? Ein armer Teufel, den man gesetzt hat, weil er nicht bezahlen kann, soll dafür bezahlen, daß man ihn gesetzt hat. Gerade so vergingen sich bekanntlich vor ein Paar Jahren die Franzosen an der guten Stadt Worms, bloß weil, wie sie sagten, sich diese Stadt an der guten Stadt Worms selbst vergangen haben sollte.

Und nun die Rolle und das Billet mit der Nachricht von dem aufgeflogenen Magazine! Dieser Schlag ist einer der stärksten, und fällt so mächtig auf den Geist, als das Feuer aus dem kasemattierten Gesichte dort auf das Herz. Es ist nicht auszuhalten. Das Billet lautet so: Sir, I have read Your play and find it will not doe (do).Ob Hogarth diesen Fehler wider die Orthographie absichtlich und als Satyre auf Herrn Richs Erziehung gemacht hat, oder ob er als ein kleines Denkmal seiner eignen da steht, ist jetzt schwer auszumachen. Da man aber ersteres von Anfang allgemein glaubte, nachher aber auch das letztere wahrscheinlich fand, so ist wohl das einzige was sich jetzt mit einiger Gewißheit hierüber behaupten läßt, dieses, daß weder Hogarth noch Herr Rich sonderliche Orthographen müssen gewesen sein. Yrs J. R...ch. (J. Rich). Deutsch: Mein Herr, ich habe Ihr Stück gelesen, finde es aber ganz unbrauchbar. Der Ihrige J. Rich. Der Zusammenhang ist kurz der: Dieser Herr Rich war damals Direkteur und Beständer (Manager) eines der großen Londonschen Schauspielhäuser. Diesem bot Rakewell beigehende Rolle mit Act. 4 markiert an. Sie enthält nämlich ein Schauspiel, das er mit Hülfe der zehnten Muse, die sich, bei allem Verfall der übrigen neun, noch immer in England so wie in Deutschland, hält, ich meine der Paupertas audax, in müßigen Stunden ausgearbeitet hatte. So hoffte er, wo nicht als ein reicher Mann, doch wenigstens mit der splendida miseria eines modernen schönen Geistes in die Grube zu fahren. Alle diese Hoffnungen vernichtet das Billet mit Einem Male. Es ist alles dahin; aufgeflogen; fort – it will not do. Was wohl das Thema des Stücks gewesen sein mag? The Rake's Progress oder the Road to Ruin?»Der Weg zum Verderben.« Dieses ist der Titel eines Stücks, das in den letzten Jahren mit großem Beifall in London aufgeführt worden ist, und wovon man auch einige Szenen in schwarzer Kunst gut vorgestellt hat. Schwerlich, denn es gehört mit zu dem Wesen eines schlechten Schriftstellers, sich nicht zu kennen, und nie über Dinge zu schreiben, über die er allein schreiben könnte.

Was für ein Bild dies, an die Wände zu nageln, zwischen welchen die schriftstellerische Hoffart so manchen hohen Wechsel auf die Musen stellt, der am Ende, wie hier, mit schimpflichem Protest zurückgeht! O! Alle, die ihr auf hohen Musen-Sold im Alter rechnet, tretet her vor den Marter-Stuhl dieses kassierten Genies; auch es rechnete auf diesen Sold. – Dieses ist das Schicksal von Tausenden. Bedenkt, teureste Freunde, daß, seitdem calamus auf Lateinisch mehr heißt, als Halm oder Rohr, auch calamitas mehr heißt als Hagelschlag. Seitdem jenes Wort so gar einen Gänsekiel bedeutet, zieht sich die Zahl der Kalamitäten für Schriftsteller, und mitunter auch für Leser, ins Unendliche. Das geringe Unheil, das in den gediegenmetallischen Zeitaltern der Welt nur zerknickte Saaten über einzelne Menschen bringen konnten, das bringen jetzt in den Tagen ihrer Verkalchungen die präparierten Federwische mit zehnfacher Stärke über ganze Generationen. Was war denn am Ende ein wenig vorübergehender Mangel durch Hagelschlag, gegen die jetzigen ewigen Indigestionen durch schweres, schwarzes, saures Kommißbrot der Musen, woran so mancher Bürger der gelehrten Bettler-Welt kränkelnd umherkriecht, – auf wahren calamis von Beinen und mit Wangen von der Farbe seiner Lorbeern?

Jammerschade, daß uns durch einen strafbaren Mißbrauch eines der kräftigsten Mittel zur Veredlung des menschlichen Geschlechts schier ganz unwirksam gemacht worden ist, ich meine die Belehrung durch Tapeten, sonst müßte eine Gruppe, wie diese, schon im Deklinier- und Konjugier-Stalle angeschlagen, dem jungen Anflug von unendlichem Nutzen sein. Ich fürchte aber, es ist auch von dieser Seite vorbei, so wie es bald von allen vorbei sein wird. Man hat das allgemeine Bestreben des menschlichen Geschlechts die Mittel zum Zweck zu machen, als einen zweiten Sündenfall anzusehn, unter welchem am Ende alles erliegen muß. Hat man nicht jetzt schon eine Abart von Gelehrten, die man Bücherfreunde nennt, und sind das nicht schon völlig die Insekten mit Flügeldecken ohne Flügel? Hat sich nicht das Zeit- und Stunde-Halten unserer weisen Vorfahren jetzt in bloßes Anhängen von Taschenuhren verwandelt? Ja hängt man nicht jetzt ihrer zwei einander gegenüber, wie Schildwachen, in einer Gegend auf, wo vielleicht seitdem man das Feigenblatt von dort entfernt hat, nie schlechter Zeit und Stunde gehalten worden ist, als jetzt zwischen den beiden Zeithaltern? (time keepers).

Rakewelln gegenüber fällt eine Frauensperson in Ohnmacht; ein Mann im Negligé bemüht sich, den Fall zu brechen, wenigstens in den Grenzen der Dezenz zu halten, und zwei geborne Doktorinnen haben ihr den Schnürleib gelöst und suchen sie wieder zu ermuntern. Das Erweckungs-Mittel der einen scheint fast hyperphysisch, und wenigstens nicht ganz von dieser Welt zu sein, und die Fiduz in ihrem Gesichte auch nicht. Die Ohnmächtige ist eben die Sarah Young, die wir nun hier schon zum vierten Male erblicken, und das weinende Kind, eine kleine Miß Rakewell, die auch schon sichtbar zum zweiten Male erscheint. Also Sarah Young kömmt auch noch in diesen Kerker ihrem treulosen Verführer nach.Über die Moralität dieses Zugs in einem Charakter, den Hogarth ganz auf Unschuld angelegt hat, sollen weiter unten, wo sich die Gelegenheit dazu noch einmal darbietet, einige Bemerkungen gemacht werden. So schwer auch nun die gänzliche Rettung sein möchte, so leicht ist denn doch nun die Erquickung dessen, für den ein Trunk Porter eine Gnade ist. Das konnte sie wissen. – Daß der erste Anblick des schrecklichen Verfalls ihres ehemaligen Liebhabers, wie man glaubt, allein die Ohnmacht bewirkt habe, glaube ich nicht. Moralisch ist indessen die Ursache gewiß, nur hier vermutlich gar mächtig von physisch-chemischen unterstützt. Denn, wie man sagt, soll die Luft, da, wo man in England die Leute, die am Golde verschuldeten Mangel leiden, eingesperrt, oft nicht um ein Haar besser sein, als die in den geheimen Küchen worin man das Gold macht. Und unglückseliger Weise, dient dieses Cabinet zu beidem Gebrauch. Der Angstschweiß über verschwendetes Gold mischt sich hier, wie wir sogleich hören werden, mit dem sulphurischen Merkurial-Tau, der die Morgenröte des neu geschaffenen Metalls der Metalle bei seinem Aufgange aus dem Tiegel gewöhnlich zu begleiten pflegt; jedoch ist die moralische bei weitem die stärkere. Der bloße Anblick des verfallenen Geliebten kann es indessen nicht gewesen sein, denn Sarah Young ging von der Türe nach dem Ort, wo sie niedersank, und es ist wahrscheinlich, daß sie so gar eine Zeit lang Platz genommen hat. Ich vermute daher, daß sie durch eine Salve aus dem Mordkeller von Rakewells rechtem Flügel her, gefallen ist. Wahrscheinlich wurde sie und ihr Kind von Madam Rakewell erkannt, die dann plötzlich mit Bastard, H... und Nickel lud und ein Feuer machte, das freilich auf ein Geschöpf von Sarah Youngs Gesinnungen wirken mußte, wie Radnägel und gehacktes Blei. Indem sie fällt, ereignen sich ein Paar Umstände, die man sich – – kaum zu bemerken getraut, die aber unstreitig mit unter die Leiden, und zwar ziemlich oben an, gehören, die hier auf diesen Sündenbalg losbrechen. Der aufgerissene Busen von wenigstens – Hogarthischer Schönheit – die Lage des Fußes, und überhaupt der ganze Umsturz mit dem Stuhle, der vielleicht schon gefährlicher für manche Augen war, als er jetzt für die unsrigen läßt, sind hier sicherlich nicht umsonst gezeichnet. Sie mußten bei Rakewelln, der gerade gegenüber sitzt, notwendig Vergleichungen veranlassen, die jeder Leser vermutlich schon angestellt haben wird, zwischen dem, was er einst so leichtsinnig wegwarf, und dem, was er nun da, auf dem rechten Flügel, so ernstlich besitzt. Gesetzt auch, er mache die Vergleichung nicht ganz auf der Waage der Sinne, die bei ihm etwas außer Stand zu sein scheint, so findet doch das wach gewordene Gewissen auf der seinigen noch immer Ausschlags genug zur Verzweiflung! Hier ist sehr viel mehr als Mr. Richs Billet: Es hätte gehen können, aber nun nicht mehr; es ist vorbei; it will do no more!

So weit geht auf dem Blatte der Faden der Geschichte. Das übrige sind Verzierungen, aber von so meisterhafter Art, daß man beklagen muß daß ihrer nicht mehrere sind. Hier wäre Hogarth so ganz in seinem Fache gewesen.

Den Dezenz-Wächter von Sarah Young haben wir den Mann im Negligé genannt, und hoffen, daß die Leser nichts gegen den Ausdruck einzuwenden haben werden. Die Perücke ist, so wie die von Rakewell, und das Haar seines Engels, bloß vom Hazard akkommodiert; lange nicht ein- aber desto öfter ausgestäubt, vermutlich bloß durch Schwungkraft um die Stuhl-Lehne wie eine Flachsdocke. Sein Bart scheint mit dem Monat zu laufen, und etwas weit in den Zehnen (in its Teens) vorgerückt. Der Physiognomie nach wäre der Mann etwas ganz Gemeines, aber aus dem Schlafrock erkennt man den Schriftsteller. Der Ellbogen hat sich wirklich freigeschrieben, und aus dem Schreib-Ärmel läßt sich auf den Meditier-Ärmel schließen, der muß noch gar den Kopf tragen. – Die Beinkleider sind zwar, wo der Schlafrock Herr im Hause ist, nie von sonderlicher Bedeutung, aber so lichtscheu, wie diese, findet man sie doch selten. Sie hören um die Knie herum auf, man weiß nicht wie, fast mit einem bloßen Und so weiter. Es scheint beinahe als wären es ein Paar Pantalons gewesen, wovon man die unteren Teile zur Unterstützung der oberen, nach und nach habe eingehen lassen. Artig ist es hier zu sehen, daß man schon damals, in den Londonschen Schuld-Türmen wenigstens, um Schuhschnallen trauerte. Die Kalkanten-Stellung, worin sich der Gefangene befindet, hat, außer der Absicht die Ohnmächtige damit zu unterstützen, noch eine doppelte. Denn erstlich verloren, durch die Beschäftigung der Hände, die Beinkleider offenbar ihre vorzüglichste Stütze. Um also zu verhindern, daß sie nicht gerades Weges die Stelle des abgeschnittenen Teils einnähmen, mußte Rat geschafft werden, und dieses geschah am sichersten durch diese waagerechte Stellung des Schenkels. Für das zweite hatte der Mann einige Rollen Manuskripte irgendwo gefaßt, die nun ebenfalls das Weite suchen. Drei davon liegen schon größtenteils auf der Erde, denen eine vierte so eben folgen will, und diese scheint er noch klemmen zu wollen. Es ist zwar hier nichts zu zerbrechen, aber es sieht nicht gut aus, und am Ende muß alles wieder aufgenommen werden. Diese kleine Unordnung ist für den neugierigen Zuschauer von unendlichem Wert. Hier erfahren wir auf einmal, wem der vieleckige Ellbogen gehört. Auf einer der Rollen liest man die Worte: Being a new scheme for paying the Debts of the Nation by T.L. now a prisoner in the Fleet. Es ist nämlich der zweite, erklärende Teil des Titels des Werks: »Das ist, neuer Vorschlag die National-Schuld zu bezahlen, von T.L. gegenwärtig Gefangenem im Fleet; also von einem Autor, der seine eignen Schulden nicht bezahlen kann. Der Einfall hat sich so berühmt gemacht, wie der von der Spinnenwebe über der Armen-Büchse, vermutlich weil er, wie jener, eben so deutlich ist, als treffend. Auch sind die Schwachheiten, gegen die er gerichtet ist, gleich gemein. Andern die Hülfe zu versagen, die er ohne Schaden hätte leisten können, ist dem Menschen so gewöhnlich, als ihnen in der Not mit Verhaltungs-Regeln aufzuwarten, die den Geber selbst zum Bankrott geführt haben. Es soll wirklich damals ein solcher Herr L. vorhanden gewesen sein. Dieses wundert mich nicht; mit andern Anfangsbuchstaben existieren immer welche; und nun gar mit andern Projekten! O da ist kein Land und keine Fakultät von ihnen frei: mutato nomine de Te usw.

Dort hinten an der Mauer sitzt wirklich schon mutato nomine ein anderer, ich meine ein halbverkohlter Alchymist, der ein Töpfchen nicht bloß zum Besten der Nation, sondern des ganzen menschlichen Geschlechts auf dem Feuer hat. Die philosophische Ruhe in des Mannes Gesicht und ganzer Stellung hat wirklich etwas sehr Gefälliges; man sieht, er hat warten gelernt, eine Kunst, die auch bei keinem Geschäfte in der Welt so nötig ist, als beim Goldmachen. Daß er nichts von allen dem hört oder sieht, was um ihn herum vorgeht, hat er mit allen den Menschen gemein, die eigentlich durch Sehen und Hören unsterblich geworden sind. Die Freundschaft zwischen dem Manne und seinem Ofen, ist doch in der Tat rührend, wenn man bedenkt, daß beide bloß ihrer Verbindung wegen hier sitzen, und jeder ohne den andern vielleicht etwas sehr viel Besseres hätte sein können. Dennoch halten sie zusammen, wie aus einem Stück, (sehen auch fast so aus) und füttern einander wechselseitig mit Hoffnungen und Kohlen bis zum Tag der Lösung des großen Problems. Weit kann dieser Tag hier unmöglich entfernt sein. Die Abzugs-Röhre durch das Gitterfenster ist zu gut angelegt, – es kann nicht fehlen; die Anstalt hingegen, wodurch das große Produkt in die Flasche geleitet werden soll, gar nicht sonderlich, – es muß fehlen. Ob Hogarth selbst ein Kenner war, oder ob er hier durch einen Kenner geleitet worden ist, oder ob er durch Kunsttrieb des Genies den Griffel zu einem Zweck richtig führte, den er selbst nicht übersah, lassen wir unentschieden. Genug, der circulus in destillando ist hier nicht zu verkennen; die Vorlage ist dem Feuer näher als die Retorte, und während beide um den Besitz der Tinktur streiten, nimmt das unermeßliche Weite draußen alles zu sich, und so ergibt sich die Auflösung des Problems; freilich durch einen Ausdruck, an den man bei der Frage nicht dachte, der aber nichtsdestoweniger die Frage auch beantwortet. – Durch das Gitter-Fenster steckt etwas, das man fast für ein Instrument halten sollte, bei verwickelten chemischen Fällen die Planeten mit in den Rat zu nehmen, wenn das Stativ nicht von allzu eingeschränktem Gebrauch und überhaupt zu unbequem wäre, zumal für Personen, die gewohnt sind, mit dem rechten Auge zu observieren. Auch läge der Lichtfang des Sehrohres etwas zu nahe am Rauchfange des Ofens. Es ist auch wohl überhaupt kein Rohr, sondern nichts weiter, als ein derber, solider Zylinder, den schweren Fensterladen damit aufzustoßen oder zu schließen. – Rechter Hand oben stehen einige numerierte Gefäße. Sie scheinen leicht zu sein, weil sie sich so hoch halten. Ob aber dieses auch von den Büchern der hangenden Bibliothek gilt, ist nicht so leicht auszumachen; der Titel Philosophica läßt wenigstens die Sache noch zweifelhaft. Ein Wunder ist es, daß Hogarth bei dieser Bibliothek die Gelegenheit ungenützt gelassen hat, einigen damaligen Werken seiner Landsleute den doppelten Liebesdienst zu erzeigen, sie als Gefangene im Fleet und als die geheimen Vertrauten des Alchymisten und Universaldoktors zu behandeln. – Wenn man die ganze Anlage des Ofens, dem es wirklich nicht an Eleganz fehlt, betrachtet, und sieht, wie alles gerade so in den Winkel beim Fenster paßt, so gerät man fast auf den Gedanken, die Polizei halte im Fleet in den Käfigen für die Goldmacher, chemische Öfen parat, so wie man Ringe in denen für die Papageien aufhängt. Ist es nicht, so verdient der Gedanke doch allemal als Spekulation die Aufmerksamkeit des Unterschließers. Es ließe sich sicher auf jährlichen Ofen-Zins rechnen. Das wären also zwei Mitglieder aus der Klasse der Phantasiereichen im Fleet, und dort oben über der Bettlade liegt wirklich die Häutung eines dritten. Diesem waren die Mythen der Finanzkunst und der Chemie zu niedrig, er eilte auf Adlerschwingen der Ode dem Olymp zu, blieb aber, so wie oft sein Vorbild, zwischen dem Himmel der Bettlade und der Stubendecke eingeklemmt stecken; mit dem Kopf nach unten. Der Apparat ist vortrefflich; es mag brav gebraust und gedonnert haben. Schade, daß es so bald vorüber war. Wenn die Federn selbst so fest sitzen, als die Flügel am Leibe mögen gesessen haben, so hatte der Mann von der Nähe der Sonne nichts zu fürchten, wie sein Vorgänger Ikarus, denn an Schnallen und Rindsleder ist nichts gespart. Also mit diesem Apparat erhob sich sein Erfinder vermutlich aus dem Schoße seiner Familie und über das niedrige Geist und Körper lähmende Einerlei seiner Amtspflichten bis über den Himmel seiner Bettlade im Schuldturme.Ich habe hier des Himmels über der Bettlade zweimal Erwähnung getan, und ihn einmal so gar dem Olymp gegenüber gesetzt. Es läßt sich im Deutschen nicht anders von der Sache sprechen, und es fügte sich so von selbst. Hogarth konnte sich freilich die Höhe der Bettlade immer als Maßstab für den Flug gedacht haben, aber an einen Olymp dabei denken konnte er nicht. Dieser Vorhangsträger oder Deckel heißt bei den englischen Bettladen schlechtweg Tester. Stünde der Finanzier T.L. etwas weiter zurück, und mehr nach dem Alchymisten zu, und wäre dann der linke der beiden Flügel etwas mehr ausgebreitet, so wäre diese Gruppe das schönste Sub umbra alarum tuarum, das je gezeichnet worden ist.

Noch merke ich an, daß Rakewell auch einen ganz feinen Rohrstuhl, vermutlich den letzten vom Dutzend, mitgebracht hat, und daß die Zwickel an seinem rechten Strumpfe sehr merklich kürzer sind, als die am linken. Es sind also entweder zweierlei Strümpfe, oder der eine hat bereits einen Anfang gemacht, aus bekannten Ursachen von oben herunter zu dienen, wie die Hosen des Finanziers von unten hinauf.

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