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Ausführliche Erklärung der Hogarthischen Kupferstiche

Georg Christoph Lichtenberg: Ausführliche Erklärung der Hogarthischen Kupferstiche - Kapitel 11
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typeessay
authorGeorg Christoph Lichtenberg
titleAusführliche Erklärung der Hogarthischen Kupferstiche
publisherZweitausendeins
seriesGeorg Christoph Lichtenberg. Schriften und Briefe
volumeDritter Band
printrun6. Auflage
editorWolfgang Promies
year1998
isbn3861500426
firstpub1799
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Zweite Platte

Der Weg der Buhlerin. Zweite Platte

Höher als hier, steigt Pandemchen nicht. Es ist ihr silbernes Alter; Teetisch, Teekessel, und was nicht sonst noch alles, ist von diesem Metall. Ihre goldene Zeit verlebte sie in Yorkshire, – ohne Gold; die silberne in London unter Silber, und das ist sehr viel mehr wert – für ein junges Mädchen. Und wie viele Männer denken besser? O liebe, güldne Zeit, es würde um deinen Kredit in der Welt sehr viel besser stehen, wenn du den Deinigen nur ein einziges Mal jetzt mit etwas Klingenderem zahlen wolltest, als mit Philosophen-Assignaten und Papier-Geld. Die Löwen wollen leider! mit deinen Sitten-Lämmchen nicht mehr spielen, und dein Sitten-Gold ist, weißt du das wohl? zu Rechenpfennigen geworden!

Von Charters vielleicht weggeworfen (denn bei dem hatten die Mägdchen das Schicksal von Spielkarten an großen Pharao-Bänken; es war bald vorbei, aber dafür kamen sie auch für neu wieder an andere), hat sie nun ein reicher Sünder aus dem alten Testamente an sich geschachert. Sie erscheint hier als die Mätresse eines Juden aus dem Portugiesischen Tempel. Er unterhält sie, wie man sieht, mit Judenpracht; alles ein wenig reich, ein wenig schwer, auch mit unter, so wie das Mägdchen, ein wenig aus der zweiten Hand, aber immer unter Brüdern was wert. Doch hiervon in der Folge. Ehre dem Ehre gebührt. Molly Hackabout also voran.

Man vergleiche ums Himmels willen, diese Figur mit dem Schnitzbilde auf dem ersten Blatt. Wie geschwind nicht aus Füßen Füßchen werden können, auf Londonschem Glatt-Eise! Dort sind sie, wie das – langsame – treue – schwere und gute Tier, das fette Möpschen, alles parallel, gleichgültig für Ruhe und Bewegung. Hier, ob sie gleich sitzt, ist sie nicht das lebendige Bild der Mobilität? Das Windhündchen, wie aus Email geschmolzen, das auf drei Beinchen mehr schwebt, als steht, und die Kraft, die es nicht verlaufen kann, wenigstens verzittert; immer geteilt zwischen Luft und Erde? Und ihr Gesicht! Ist das Karikatur? – Wie? O! noch immer nennt man dich den Karikatur-Maler, guter Hogarth, dich Seelenmaler, aber tröste dich. Die dich so verkennen, sind sehr gewöhnliche Menschen. Ein griechisches Stein-Gesicht mit blinden Augäpfeln nach irgend einem verheimlichten Müsterchen, aus Tuschschälchen mühsam zusammen zu lecken, verstundest Du wohl so gut als sie, und wie es hundert deiner Landsleute verstunden, die alle vergessen sind, während Du bleibst und bleiben wirst.Von Hogarths Künstler-Charakter wird umständlich in dessen Leben gehandelt werden. Die Bemerkung im Text trifft nicht den gefühlvollen Bewunderer und Nachahmer der Antike oder der unsterblichen Werke Raffaels, Domenichinos, da Vincis, Guidos usw., sondern nur das Heer von Schönheits-Schwätzern und Sudlern, die ein ekelhafter Connoisseur-Schnupfen entweder im Belvedere selbst gefangen oder gar bloß von daher überliefert, für alle wahre Kenntnis von Kunst und menschlicher Natur auf immer verdorben hat.

Ich habe auf das Gesichtchen aufmerksam gemacht. Um es durchaus zu verstehen, wollen wir diese ganze Szene erst in einem flüchtigen Umrisse geben, und dann ausmalen. Das Mägdchen ist die Mätresse dieses Israeliten, der ihr, weit von seinem Comtoir, und vielleicht seiner rechtschaffenen Frau, ein Zimmer gemietet hat, in welchem er ihr, nach Befinden der Umstände, die Visite machen kann, zu jeder Stunde des Tages, den Tag zu 24 Stunden gerechnet. Diesen Morgen ist er zum Frühstück vorgefahren. Gefahren sicherlich, denn eine solche Perücke, solche Rockärmel und einen solchen Chapeau bas zu Fuß dulden die Straßenjungen aus dem neuen Testament in London schlechterdings nicht. Alles, was zu London zu Fuß so prangen will, stellt sich an einen Pranger, zumal in dem geschäftigen Teile der Stadt. Allein der betrogene Betrüger kömmt zu früh. Man hatte Sicht, wo nicht verlangt, doch wenigstens erwartet, und so endigt sich diese Präsentation mit einem Protest. Es steht mit der Kasse erbärmlich. Ein Liebhaber, den man die Nacht bei sich hatte, ist noch vorhanden, und muß erst gewechselt werden, ehe man es wenigstens nur wagen darf, von Zahlung zu sprechen. Dort hinten schleicht er, nur kaum nicht hosenlos, nach der Türe, die sich noch dazu gerade nach der bösen Seite öffnet, unter dem Schutz eines Kammermägdchens, die, aus dem Munde zu schließen, noch nicht sehr geübt scheint. Um diesen Rückzug nun zu decken (eine Kunst, die die größten Feldherrn fast für noch einmal so schwer gehalten haben, als zu siegen), läßt Molly ihre ganze Artillerie spielen, und sprengt sogar eine Mine. Vermutlich leitete sie die Unterredung auf so etwas wie debet und credit, und in dem Augenblick da der Jude auf dem unterminierten Fleckchen steht, springt die Mine; hebt sie das rechte Bein auf und tritt den silbernen Tisch, mit Teetopf und Tassen, und allem was da war, über den Haufen. Alles klingt und hallt und schallt, selbst Zona torrida, der Mohr mit seinem Landsmann, dem Affen, bebt und erstarrt oder flieht. Man bedenke nun erst, wenn der Tisch fällt, und fallen wird er gewiß! Kein Schild im Homer, wenn sein Träger fiel, hat auf der Heide von Troja vielleicht so geklungen, wie er. Und so ist der Rückzug gedeckt, und der Liebhaber aus dem Portugiesischen Tempel hinaus. Nun zu dem Gesichtchen.

Größere Impertinenz, in den Augen eines Mägdchens, noch in ihren Zehnen, größere Geübtheit in allen Künsten der Buhlerei, mit Bewußtsein eines größern noch ungebrauchten Vorrats im Hinterhalt, läßt sich schwerlich anders mit so wenigen Strichen ausdrücken. Im ganzen Gesicht keine Falte und kein abstechender Schatten, und doch wie sprechend!»Sieh, Mauschel, nicht So viel achte ich dich und deinen elenden Plunder; da liegt er;« und dabei wird mit einem Schnippchen genau gemessen, wie viel sie den Plunder achtet. Es ist ein halbes Fingergliedchen und ein Bißchen Schall, was sie ihm weist. Das rechte Auge hat etwas unbeschreiblich Höhnisches. Allein der Schelm hat Geld, und das ist ein wichtiger Artikel, den das linke deutlich anerkennt. Die Finte ist, dünkt mich, für uns unverkennbar. Auf dem ganzen rechten Flügel des Mägdchens ist Krieg, und auf dem linken, Friede, wenigstens scheint man da sein Unrecht zu erkennen. Auf jenem ist das Knie aufgehoben, wenigstens ein Paar Fäuste hoch über die Linie der Ehrbarkeit, und, häßlich, so, daß die Fußspitze einwärts zu stehen kömmt; der Arm ausgestreckt, um in der Quart das Schnippchen dem Feinde so nahe unter die Nase zu rücken, als wäre es Schnupftabak. Das Armbändchen fehlt. Wo das die Nacht geblieben sein mag? Ich habe es zuweilen bei, und an dem Wegschleicher wiewohl vergeblich gesucht. Der Oberleib ist übergelehnt, um den Ausfall mit Gewicht, und der Kopf zurückgezogen, um ihn mit Verachtung zu unterstützen. Die Brust dringt vor, freilich nicht sehr offensiv, aber die Frechheit der rechten Seite gewinnt offenbar dadurch. Und dann habe ich irgendwo gelesen, daß man einem eingeschlossenen Feinde einmal nicht bloß mit Kugeln zusetzte, sondern auch, auf eine höchst kränkende Weise, mit gebratenen Gänsen und Weizenbroden, die man ihm auf Spießen aus der Ferne wies. Man sagt, die letztere Attaque habe weher getan als die erstere, weil man sie mit nichts erwidern konnte, und jeder Schuß immer richtig traf. Auf der linken Seite ist alles viel verträglicher, selbst das Ärmchen zeugt bloß von Gesprächigkeit. Ich habe sie zuweilen so gesehen, wo gar kein Feind im Spiele war, sondern bloß der unschuldige Nächste.

Noch können wir das Köpfchen nicht verlassen. Wäre die ganze Szene kein Überfall, und eigentlich ein Frühstück, das der argwöhnische Jude zu einem Zufrüh-Stück gemacht hat: so würde ich die Frisur des Mägdchens fast für ein künstliches Frühstück halten. Was das sein mag, daß zerstörte Frisur ein schönes Gesicht besser kleidet, als die, von der man nur so eben das Bau-Gerüste abgenommen hat? Der Grund von diesem Reize muß sehr tief liegen, und ganz in menschlicher Natur. Denn selbst die niedrigste Klasse des weiblichen Geschlechts fühlt, daß es wenigstens einträglicher ist, die Frisur zuweilen aus dem Gesicht zu schütteln, als sie zurück zu stecken. Die Römerinnen haben das längst gefühlt. Freilich was fühlten die nicht?

Et neglecta decet multas coma. Saepe jacere
Hesternam credas; illa repexa modo est.
Ovid. Art. am. III. 153.

»Was dem Mägdchen so reizend läßt, hältst du für Trümmer der gestrigen Frisur? Du armer Tropf! So eben ist sie erst fertig geworden.« – Es sind Ruinen, die man auch in englischen Gärten sogar bekanntlich ganz neu baut, um die Aussicht zu verschönern. Da zielt es auf Andacht über Hinfälligkeit aller menschlichen Pracht und Größe nach Jahrhunderten. Hier ist die augenblickliche Rechnung auch chronologisch, geht aber allein auf Möglichkeit von mystischer Zerstörung in einer einzigen Nacht. Höchst ungewiß muß diese Möglichkeit allerdings sein, sonst ist alles verloren, und die wärmste Begeisterung erfriert an einem ekelhaften, kalten Perückenstock. – Die guten jungen Weiber, die sich in Intelligenzblättern engagiert haben für ihre – lieben – Ehemänner nicht zu trauern (von Geist und Wahrheit ist hier die Rede nicht, sondern bloß von Flor und Schwarz) beklage ich sehr. Nehmen Sie, ums Himmels und Ihrer selbst willen, das Wort zurück. Es wird sonst nichts daraus. Schwarz und Flor bei jungen Witwen, hat man längst als eine Art von freilich etwas düsterer Illumination der abgebrannten Stelle eines herrlichen Gebäudes angesehen, wovon gerade der schönste Flügel stehen geblieben ist. Und wer wird, denkt jeder, das Beste und Schönste bei einem Brande nicht retten? Trauern sie nicht mehr, so betrauert man sie auch nicht mehr, und alle die großen Verbindungen durch Fangen und Sichfangenlassen in der Welt, wodurch alles ausgerichtet wird, verlieren hier ihre Kraft, und junge Witwen schwinden zu bloßen Mamsellen von gleichem Alter. Das ist eine schlimme Vergleichung, wenigstens eine, die durch die Ruinen nicht gewinnt. – Soviel von reizenden – Ruinen.

Was Mollys Mund spricht oder gesprochen hat, darzustellen, haben wir hier kein Zeichen. Das müßten Musiknoten tun, wenigstens viermal gestrichen. Die Ohren fehlen ihr, wie bei allen diesen Gelegenheiten, ganz. Dafür wird der Mund zweizüngig – Bilinguis-Billings – Billings gate – Billingsgate-language.Für den Engländer, oder den, der England kennt, ist dieses Climax verständlich. Des bloß deutschen Lesers wegen merke ich nur an: daß Billings gate eigentlich der Fischmarkt von London ist, den größtenteils Weiber besorgen. Poissarden. Ein Volk, von ungemeiner Redseligkeit, und einer Volubilität der Zunge, die über alles geht. Bessere Repräsentanten, als diese, hätte das stumme Fischgeschlecht, in einer Welt, wo man notwendig sprechen können muß, nicht erhalten können. Zehn Schimpf-Worte auf eine Sekunde, mit Schnippchen-Takt, wie ein Wetter. Behüte! – und bewahre! – vor solchem Wetter und Porzellan-Hagel! Der Jude, wie sich der benimmt? Unnachahmlich jüdisch. Er hält die viermal gestrichene Diskant-Nötchen seiner Schönen im tiefen, langsamen Nasal-Baß aus, und daran tut er recht. Die erste Violine würde springen, wenn er selbst geschwindern Takt angeben wollte. Davor hütet er sich. Er hat sie auf Leib- und Lieb-Rente. Die Interessen freilich für diesen Morgen, sind fort, aber das Kapital muß gewahrt werden. – Wer noch nicht weiß, was Kleists:

Man sieht die Stimm' und hört sie nicht,

sagen will, der tue wenigstens, als wolle er diesen Mund und dessen Nachbarin, die Resonanz-Nase, behorchen, und er wird alsdann sicherlich sehen, wie sie tönen. Alles ist Schrecken und Erstaunen und Erwartung in diesem schönen Kopf. Das nicht sehr beschnittene eigene Haar scheint sich unter der Last von künstlichem zu sträuben, wodurch ein Liebesgott Zeit gewinnt, ein Büschelchen von orientalischer Bleiche über die Stirne hervor zu schieben, das nicht reizender sein kann. Hesternam credas. Der arme Schelm! Ohne Lächeln läßt er sich denn doch nicht ansehen. Denn das Schrecken selbst wird lächerlich, wenn Verlust von nicht verlizenteter Ware oder verbotener Frucht die Ursache ist; und dieses ist hier der Fall. Wie er mechanisch zugreift, mit fünf Fingern, (es hätten ganz wohl sechs sein könnenWirklich hat Hogarth in seiner Jugend, als er noch Shop-Bills für Kaufleute und Künstler stach, einmal eine Figur, die den Handlungs-Segen vorstellen sollte, an einer Hand mit sechs Fingern gezeichnet. Man nannte es damals ein Versehen, aber ich traue auch dem Fuchs nicht, selbst wenn er jung ist. Auch sehe ich das Ungereimte hiervon nicht ein. Wenn nur die Zahl zehn beibehalten wird, und die andere Hand also vier bekömmt. Jenes wäre alsdann die Nimm-Hand und dieses die Gib-Hand. So hinge alles recht gut zusammen. auf deren einem der Segen Ephraims, ich meine des Berlinschen Juwelierers, sichtbarlich ruht. Es ist Silber was er halten will, allein der Tisch wird sicherlich fallen, weil er kein Bein vorzustrecken hat, wie sein Eigentümer, der sich durch dieses Prärogativ alles Lebendigen mit Beinen, selbst nur kaum in seinem Sitz erhält. Noch ist eine Teetasse gerettet; doch schwebt sie nur noch in der Rechten des Juden. Aber die andern! Man wagt es kaum hinzusehen. Da ist Verwirrung und Not überall. Alles ist auf der Flucht vor dem aufgehobenen Knie, und sucht sich zu retten. Die Zuckerdose und ein Schälchen, und vermutlich ein Milchkännchen, wagten es zuerst über Bord zu springen und – sind nicht mehr! Hinter ihnen drein sprang ein Deckelchen, und sieht bereits gleichem Verhängnis in der Luft entgegen. Ein anderer Deckel nimmt, wie es scheint, auf dem Verdeck einen Zulauf, um über die andern wegzuspringen – zu gleichem Schicksal. Am meisten gefaßt scheint noch der Teetopf. Ehe er den tödlichen Sprung wagt, entledigt er sich erst nicht allein seines Deckels, den er eine beträchtliche Strecke voraus geworfen hat, sondern auch gleich darauf seiner siedheißen Bürde, und zwar seinem Herrn recta in den Strumpf und von da weiter fort in den Schuh. Aus dem übereilten Fluge des Deckels zu urteilen, und weil diese Art Menschenhaut gar zu machen langweilig ist, wird er sich vermutlich vor seinem Ende noch umkehren, um den Guß zu beschleunigen! Ließe sichs mit Teetöpfen sprechen, so wüßte ich wohl was ich diesem zurufen würde: »Das war, würde ich sagen, ein treuloser Streich von dir, und desto treuloser, jemehr er einem Vermächtnis ähnlich sieht. Kömmst du anders ohne gänzliche Zerschellung davon, so nimm dich in acht, daß du nicht wenigstens für deinen Mutwillen, an deinem Haupt-Ende, schlecht geleimt, oder gar verstümmelt, dem Juden-Gesinde, bei jedem deiner künftigen Dienste lächerlich wirst.«

Daß das, was das Mägdchen so eben gesagt hat, sehr viel größer muß gewesen sein, als was sie da mit den Fingerchen präsentiert, sieht man aus der Versteinerung des Juden, aus welcher ihn der heiße Tee, ganz am unrechten Ende eingeschenkt, nicht einmal wecken kann. Das hat Hogarth gut gemacht. Denn fürwahr, wer das nicht fühlt, der hört auch wohl das Knarren einer Türe nicht, und noch weniger die Fußtritte eines schlauen und glücklichen Nebenbuhlers, dem man die Schuhe noch dazu nachträgt.

Was von Europäern auf diesem Blatte lebt, scheint wenig auf das Prasseln eines stürzenden Teetisches mit allen seinen Herrlichkeiten zu achten. Drei darunter verlieren auch nichts dabei, und der vierte hört vor lauter Verlust nicht. Desto stärker empfinden die beiden dirigierenden Liebes-Götter aus der heißen Zone, Affe und Mohr, die traurigen Bewegungen, zweier ihnen anvertrauten Herzchen, die sich stutzen. Wenn man den Affen neben so gepaarten Liebenden erblickt, so ist es kaum möglich, nicht an Pfeil und Bogen an ihm zu gedenken. Er flieht, der arme Teufel, der noch so eben mit dem Kopfzeuge der Mutter friedlich spielte, wie ehemals das griechische Ideal, wovon er der Affe ist, mit dem Helm des Krieges-Gottes, der mit väterlichen Absichten zur Mutter kam. Und nun der schwarze Liebes-Gott! Sein Wollenhaar scheint sich zu sträuben. In Natur-Trauer, vielleicht über das Schicksal seiner westindischen Brüder, sieht er mit Entsetzen, daß er auch hier – – aufwaschen muß, schwerlich weiter. Diese Figur ist merkwürdig, und der Ausdruck derselben fast sprichwörtlich geworden. Garrick, dessen Figur mehr zu den niedlichen, als den majestätischen gehörte, und dessen ganze Seele vorzüglich im Gesicht ausgedrückt lag, wagte es einst, Shakespears Mohren von Venedig, den starken leidenschaftlichen und donnernden Othello, auf dem Theater vorzustellen; eine Rolle, die ohne körperliche Masse, der biegsamsten Seele zu spielen unmöglich ist. Er mußte also notwendig bei jeder Maske verlieren, und vorzüglich, bei der vom Schornsteinfeger, die aus seinem Tag schlechtweg Nacht machte. Als er erschien, rief der berüchtigte, beißende und liederliche Quin, ein komischer Schauspieler vom ersten Rang: Here is Pompey, where is the Tea-Kettle? Hier ist Pompey,Pompejus, ein Name, den man in England zuweilen Mohren gibt, so wie bei uns Hühnerhunden den von Mylord. wo ist der Teekessel? Noch ein einziges Mal soll es Garrick gewagt haben, nachher in dieser Rolle zu erscheinen (so was erfordern bald Etiquette, bald Kriegs-Recht zwischen witzigen Köpfen) und dann nicht mehr.

Den Wegschleicher wollen wir wegschleichen lassen. Es ist genug, daß man ihn sieht. Nur eine einzige Bemerkung auf den Weg, über die Sentimentalität seiner Zusammenkunft. Es ist hier kein Amor sichtbar, der über diesem Adonis hinflattert, und den Rückzug mit zarten Fittigen deckt, und am Ende zum Schlupfloche herein hohnlächelt. Dafür aber erscheinen, und so etwas ist sicherer, Knüppel und Stoß-Degen unter dem Arm. Wer in solche Körbe kriecht, muß immer erwarten, daß das erste was ihm aufstößt, ein anderer Hahn ist. Auf seinem Hute ist die Kokarde nicht zu übersehen. Er war also hier bloß auf der Wache.

Gleich vor dem Affen steht die Toilette, vermutlich geht seine Flucht dahin; er will unterkriechen, wo er die Gefahr wenigstens nicht mehr sieht, und dieses ist bekanntlich für Affen und Kinder, und was sonst noch hieher gehört, so viel als Sicherheit. Auf dem Tische steht der Spiegel, und liegt ein Spielchen Visiten-Karten und eine Maske. Vielleicht kam Molly vorige Nacht von der Maskerade, und brachte den neuen Rekruten mit, der dort hinten in der Desertion begriffen ist. Was da rechter Hand unten im Winkel liegt, sieht wenigstens weggeworfenen Dominos sehr ähnlich. Fürwahr eine größere Warnung vor Maskeraden, wenigstens vor Londonschen, gibt es nicht. Solche Menschen (Menscher möchte ich sagen) mit Menschen bei vollkommener Gleichheit in dasselbe Spiel gebracht, durch einen leichten Überzug! Daraus kann nie was Gutes werden. Wir hoffen alle auf Gleichheit in jener Welt. Sie hier schon zu suchen, ist überall, und selbst im Domino, gefährlich; denn sie hört nicht immer auf, wenn er weggeworfen wird, und auf ein solches Aufhören gründet sich doch allein der ganze Reiz der kurzen Illusion.

An der Hinterwand hängen zwei Gemälde, wenn sie nicht gar in die Tapete gewürkt sind, denn über das eine geht wenigstens die Bekleidung der Türpfosten weg. Doch strenge Perspektiv war Hogarths Sache nie. Das eine, zunächst der Türe, stellt den Propheten Jona der Stadt Ninive gegenüber vor, wie er sich mit einem Sonnenstrahlen-Büschel boxt, den der wurmstichige Kürbis nicht mehr abhalten konnte. Solche Fäuste haben in England den Wert von Worten. Das andere stellt den König David vor; nicht in seiner Herrlichkeit, sondern wie er vor der Bundeslade hertanzt, und von Michal, der Tochter Sauls, die aus dem Fenster sieht, verachtet wird. Die Bundeslade wird von Rindern gezogen, die austreten, wie es in der Bibel heißt, und die BundesladeKönnten wir den Lesern unser Manuskript zeigen, so würden sie finden, daß wir hier aus einer sonderbaren Ideen-Assoziation, statt die Bundeslade, der Teetisch geschrieben hatten. Vermutlich hatten die Wörter fällt und fallen, die wir hier so oft vom Teetische gebraucht haben, allein die Schuld. fällt oder will fallen. Ein gewisser Usa will sie halten, und ein Mann mit der Bischofsmütze rennt ihm, für diesen Dienst, einen Dolch von hinten in die Brust. In der Bibel steht bloß: Und der Herr schlug ihn, daß er starb. Es war mir leid zu finden, daß Hogarth die alte Bibel modern erklären wollte. Nimm dich in acht, guter Freund, dachte ich, Du stehst auf der gefährlichen Brücke, die Sonntags-Glauben mit Werktags-Vernunft zusammenhängen soll. Was wollen deine Blättchen gegen Folianten, wovon du keine Silbe verstehst, und die, wenn sie auch noch so wenig Kraft hätten, immer durch ihre Masse respektabel bleiben. Nimm dich in acht! Von hinten morden wird dich niemand, wie deinen Usa vor der Bundeslade, aber daß Dir nicht, ehe du dich es versiehst, einmal etwas sehr Heißes in die Schuhe geschüttet werde, wie deinem Mauschel am Teetische, dafür möchte ich nicht mit einem Pfennig bürgen. Bleibe bei deinem Leisten, ist ein Sprichwort, auf welchem die Erde ruht. Eben dieses wahre Wort ist es, was uns hier Grenzen setzt, und uns nötigt, die Absicht des andern Bildes schier ganz zu übergehen. Da die Deutung der planen Prophezeiungen selbst der kleinen Propheten für die größten Gelehrten schon so viele Schwierigkeit hat, wie viele wird es nicht der gekünstelte Mißbrauch, den ein schlauer Fuchs von denselben macht, für einen unbedeutenden Schriftsteller haben! Indessen nur ein Wort: Jona klagt über nicht erfolgtes Unheil, und fürchtet Sonnenstich. Lichtstich wenigstens wird auch hier gefürchtet, zumal aus den beiden Brillanten im Juden-Kopfe; und Unheil, sicherlich von jedem Leser fast vermutet, ist auch hier nicht erfolgt. Nun auch nichts weiter über diese Gemälde, worüber ein herzhafterer Erklärer vielleicht mehr sagen könnte und würde. Wer sich versuchen will, kann hierüber nachlesen, das 4te Kap. des Propheten Jona, und 2. Sam. Kap. 6. Noch hängen an derselben Wand zwei Kupferstiche von Männern aus dem neuen Testament, mit Perücken und Chapeau-bas, also von Gelehrten. Der am höchsten hängt, war in den ersten Abdrücken der berühmte Dr. Clarke, und der untere Mr. Woolston. Letzterer hat eine Verteidigung der christlichen Religion gegen die Juden geschrieben, und der erstere Verschiedenes, was hier Stoff zu Mutmaßungen geben könnte. Sie müssen aber unterbleiben, weil Hogarth durch Weglöschung der Namen ausdrücklich den Wunsch zu erkennen gegeben hat, daß sie unterbleiben möchten.

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