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Aus toten Tagen

George Moore: Aus toten Tagen - Kapitel 9
Quellenangabe
typenovelette
authorGeorge Moore
titleAus toten Tagen
publisherEgon Fleischel & Co.
year1909
translatorMax Meyerfeld
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151210
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Liebesleute in Orelay

Ich war tausend Meilen gefahren – eher noch mehr, fast fünfzehnhundert – in der Hoffnung, den Faden eines Liebesverhältnisses, der sich vor etlichen Jahren verwirrt hatte und dann jäh gerissen war, wieder aufzunehmen. Ein seltsames Mißgeschick hatte über unserm Liebesbunde geschwebt: Doris war mir zwar sehr weit entgegengekommen, hatte mir aber auch viel versagt, so viel, daß ich mich schließlich voller Verzweiflung durch die Flucht dem einseitigen Verhältnis entzog; es war zu einseitig, als daß man (oder wenigstens ich) es auf die Dauer hätte ertragen können. Dabei war es nicht leicht, sich von ihrem hübschen, verführerischen Gesicht zu trennen, das reizend und einnehmend war wie die Gesichter, die man auf den Holzschnitten der alten deutschen Meister findet. Man mag sich mit Erfolg nach ihrem Gesicht in der Frankfurter Galerie umschaun, wo man es, in blassen Tönen gemalt, nur die Wangen karmin angehaucht, auf einer Tafel aus Eichenholz findet. Auf dem Hintergrund dieser Bilder gewahrt man alle möglichen seltsamen Dinge: sehr oft eine goldene Laube, an der sich allenthalben Rosen emporranken. Wer war der Meister, der verschmitzte Jungfrauen in Rosenlauben gemalt hat? War es nicht der Meister von Köln? Ich weiß nicht mehr. Einerlei. Das Haar meiner Doris war dunkler als das dieser Jungfrauen, üppiges Goldhaar, eine Mähne von verschwenderischem Wachstum, wie die Wiesen im Juni. Und der goldene Farbton war überall ausgeprägt: in den Brauen, in den Pupillen, in den Sommersprossen, die ihre kleine, an den Flügeln so stark und schön geformte Nase bedeckten. Nie hat es einen holderen, mehr zum Lieben geschaffenen Mund gegeben – schwach und schön wie eine Blume; und die langen Hände waren wie Lilien geschweift.

Da hätt ich nun ihr Porträt reizvoll und wahrheitsgemäß gemalt – das Porträt eines Mädchens, das ich vor mehr als siebzehn Jahren eines Nachmittags in London verlassen und aus den Augen verloren hatte, ich fürchtete: für immer. Ob ich an sie gedacht habe? Ja, gelegentlich. Die Zeit verging, und ich fragte mich manchmal im stillen, ob sie verheiratet sei, was sie wohl für einen Mann habe und warum ich ihr nie schrieb. Es ist gewiß unfreundlich, ihr nicht zu schreiben, sagte ich mir ...

Man kennt diese leisen Regungen des Bedauerns. Ohne sie wäre vielleicht das Leben flach. Die Reue ist ein Berggipfel, von dem aus wir unser erstorbenes Leben betrachten, auf dem wir rasten und nachsinnen; wenn wir dann ins Zwielicht blicken, fragen wir uns oft, ob es nicht angebracht wäre, ihr einen Brief, ein Zeichen zu schicken.

Wir hatten nun ein solches für den Fall einer Entfremdung vereinbart: ein paar Takte aus Schumanns Lied ›Der Nußbaum‹; der Empfänger sollte sofort zu dem andern Teil eilen und aller Zwist beigelegt sein. Aber ich hatte nie dies verabredete Zeichen geschickt, wahrscheinlich weil ich die Noten nicht schreiben konnte. Sie hielt vielleicht ihr Stolz zurück. In jedem Falle sind fünf Jahre eine lange Frist, und Doris schien völlig, wie eine Tote, aus meinem Leben geschieden zu sein. Eines Tages rief jedoch der Anblick einer mit ihr bekannten Dame sie mir leibhaftig zurück, und ich erkundigte mich bei ihr, ob Doris verheiratet sei. Sie konnte es mir nicht sagen; sie hatte sie seit vielen Jahren nicht gesehn, weil auch sie sich entzweit hatten. Auf dem Heimweg sprach ich also zu mir: ›Doris muß verheiratet sein. Was für einen Mann hat sie genommen? Ist sie glücklich? Hat sie ein Kind? Schändlicher Gedanke!‹

Man wird sich erinnern, wie Balzac auf der letzten Seite von ›Massimilla Doni‹ erklärt, er wage es nicht, dem Leser das Ende dieser abenteuerlichen Geschichte zu erzählen. Ein Wort, sagt er, genüge für die Idealisten: ›Massimilla Doni war guter Hoffnung‹. Im nächsten Absatz, den man mit mehr Vergnügen sich ausdenkt als liest – denn Balzac war in Kunstfragen doch ein wenig Autodidakt, und ich bin nicht einmal ganz sicher, ob die Stelle grammatisch einwandfrei ist –, erzählt er dann, wie die Ideen sämtlicher großen Künstler, der Maler und Bildhauer, – die Ideen, die sie auf Holz oder in Stein ausgeführt – ihre Nischen und Rahmen verließen, wie sich all diese entkörperten Jungfrauen um das Bett Massimillas versammelten und weinten. Es wäre für Doris keine geringere Schmach, wenn sie ›guter Hoffnung‹ wäre, als für Massimilla Doni. Man stellt sich mit Freuden vor, wie alle Peris, Nymphen, Sylphen, Elfen der alten Legenden, ihre ganze Verwandtschaft sich um das Bett versammelte, ihren Zustand beklagte und sie als eine Verlorene betrachtete. Wäre das Wirklichkeit, ich würde gewiß im Geiste mit ihnen niederknien. Mich beherrschte das gleiche Gefühl, das Massimilla Doni in Balzac erweckte, daß es eine Entweihung bedeute, wenn Doris ›guter Hoffnung‹ oder verheiratet wäre; und aus diesem Gefühl heraus schrieb ich an sie, wobei ich es freilich unterließ, ihr mitzuteilen, warum ich mich plötzlich entschlossen, das Schweigen zu brechen. Ich schickte ihr also ein Briefchen, nur ein paar Worte: es tue mir leid, so lange nichts von ihr gehört zu haben; wenn wir auch auseinander gekommen wären, so sei sie darum doch nicht vergessen – ein Briefchen, dessen Trivialität vielleicht durch einen Anflug von Sehnsucht, von schmerzlichem Bedauern gemildert wurde. Ich ließ es durch einen Boten überbringen, dem ich gehörig einschärfte, auf Antwort zu warten. Der Bescheid, den er mir zurückbrachte, war recht enttäuschend: die Dame sei verreist, der Brief werde ihr jedoch nachgeschickt. ›Sie ist also nicht verheiratet‹, dachte ich, ›sonst wäre mir doch ihr Name angegeben worden ... Wer weiß?‹ Andre Gedanken kamen mir in den Sinn, und die beiden nächsten Tage dachte ich nicht mehr an sie, bis man mir ein langes Telegramm einhändigte. Doris! Es kam von ihr. Mehr als tausend Meilen hatte es zurückgelegt, ›Kostenpunkt Nebensache‹. Ich sagte mir: ›Sie muß doch mindestens ihre zehn, zwölf Schilling für das Telegramm ausgegeben haben‹. Sein Inhalt: sie sei hocherfreut über meine Nachricht; sie sei krank gewesen, aber es gehe ihr jetzt wieder besser, und das Telegramm schloß mit dem üblichen ›Brief folgt‹.

Der Brief, der zwei Tage später eintraf, war ganz sie selbst, temperamentvoll und zärtlich; aber er enthielt einen Satz, der mich mit schwarzen Ahnungen erfüllte. Sie schrieb von ihrer Krankheit, ihrer jetzigen Rekonvaleszenz und wie es gekommen, daß sie in einer so entlegenen Stadt des Südens weile; dabei machte sie eine Anspielung, wie langweilig der Ort sei, und fügte hinzu, wenn ich hinkäme, müsse sich die Tugend Lohn genug sein. ›Albern von ihr, mir gegenüber von Tugend zu sprechen,‹ murmelte ich vor mich hin; ›sie muß doch zur Genüge wissen, daß die Tugend auf ihrer Seite uns getrennt hat und an der langen Entfremdung schuld ist.‹ Und ich saß grübelnd da und suchte herauszubekommen, ob sie den Satz auf sich bezog oder auf ihren jetzigen Aufenthaltsort. Wie konnte nur der Ort damit gemeint sein? Überall gäbe es für uns ein Paradies, wenn ...

Ein Dezember-Abend ging zu Ende, als ich an sie schrieb. Ihre Antwort sollte den Ausschlag geben, ob ich die lange Reise antreten sollte. ›Dein Brief enthält einen Satz, der mich mit Bangen erfüllt. Du sagst darin, die Tugend müsse sich selbst Lohn genug sein. Das macht den Eindruck, als ob Du entschlossen wärst, noch aggressiver platonisch zu sein als früher. Wahrhaftig, Doris, das ist eine Hiobspost. Du verlangst doch nicht etwa, daß ich es als Freudenbotschaft aufnehme?‹

Als ich zum Bahnhof fuhr, fragte ich mich, ob es denn möglich sei, daß ich eine Reise von mehr als tausend Meilen antreten wollte auf der Suche – wonach? Nach Doris' reizendem Gesicht! Wer weiß, ob es noch reizend war! Und doch konnte sie sich nicht sehr verändert haben. Sie hatte geschrieben, in zehn Minuten würden wir uns bestimmt ebenso gut unterhalten wie in früheren Zeiten. Zugegeben – aber nur ein Verrückter reist tausend Meilen, um ein reizendes Gesicht zu sehn. Und der Verrückte, der in uns allen steckt, ließ mir keine Ruhe, oder war es der prähistorische Mensch, der in irgend einem Urwald unsres Wesens kauert? Eins wußte ich sicher: ich war kein Durchschnittsbürger mehr des neunzehnten Jahrhunderts. Ich war zwei oder drei Jahrtausende zurückgegangen; denn sämtliche charakteristischen Züge meines Wesens, alles, woran ich mich selbst kannte, war verschwunden! Und doch schien es mir, als sei ich mir schon irgendwo begegnet – in einem Buch, einem Gedicht, einer Oper ... Zuerst wollte es mir nicht einfallen, aber bald entdeckte ich eine schattenhafte Ähnlichkeit zwischen mir und – darf ich die Namen erwähnen? – alten Sagenhelden – einem Menelaus oder Jason – welchem von ihnen? Beide waren tausend Meilen gezogen auf der Suche nach der Schönheit. Jason suchte ein goldenes Vließ; ich tat ein gleiches. Und der prähistorische Held, den ich in mir entdeckt hatte, half mir, den Gedanken an die Reise mannhaft ertragen, denn nichts erschöpft mich so wie eine lange Eisenbahnfahrt.

Zu meiner Überraschung fand ich, daß die ersten beiden Stunden sehr angenehm vergingen. Es wollte mir scheinen, als wär ich erst ganz kurze Zeit im Zug gewesen, da hielt er in Laroche; doch Laroche ist mehr als eine Stunde von Paris entfernt, schon eine richtige Provinzstation. Merkwürdig übrigens, daß der Côte d'Azur da hält. So hieß der Zug, mit dem ich reiste. Prachtvoller Name! Man denke sich, eine englische Eisenbahngesellschaft wolle einen Zug ›Himmelblaue Küste‹ nennen! Man denke sich, man reise vom Bahnhof Euston oder Charing Croß ab und sage, man fahre mit dem ›Azure Shore‹. Solang der Name dieses Zuges besteht, kann kein Zweifel aufkommen, daß der französische Geist pittoresker ist als der englische, und man wundert sich auch nicht mehr, warum die französische Malerei – – und so weiter.

Bis Lyon hielten wir wohl nicht mehr. Die hohen, weiß gestrichenen Häuser erinnerten mich an Paris – Lyon, vom Fenster des Côte d'Azur aus an einem zur Rüste gehenden grauen Dezembertag gesehn, könnte Paris sein. Das Klima schien das gleiche; der Himmel war ebenso schmutzig, ebenso grau. Endlich hielt der Zug an einer Stelle, von wo aus ich auf eine Seitenstraße hinunterblicken konnte. Da gewann ich doch die Überzeugung, daß Lyon einen provinzielleren Anstrich hatte als Paris, und ich mußte an den großen Seidenhandel denken, an den Stumpfsinn der Kaufleute, an ihre Tafelfreuden und dergleichen. Ich nahm, um mir die Zeit zu vertreiben, von allem Notiz, was es zu bemerken gab; aber es war so wenig Interessantes da, daß ich ein Telegramm aufsetzte und damit zum Bureau eilte. Doris wußte ja nicht, mit welchem Zug ich kam. Um ein Haar hätt ich den Zug versäumt; mein Fuß stand eben auf dem Trittbrett, als die Pfeife des Schaffners ertönte. ›Eine schöne Geschichte, wenn ich den Zug versäumt hätte,‹ sagte ich mir, setzte mich auf meinen Platz und fügte hinzu: ›So, nun wollen wir die Landschaft studieren; wer weiß, ob sich eine solche Gelegenheit je wieder bietet!‹

Die weite, mit langweiliger Regelmäßigkeit bebaute Ebene, durch die wir gefahren waren, ehe wir nach Lyon kamen, floß, Feld nach Feld, dahin, als ob wir nie ihr Ende erreichen sollten. Auf dieselben Felder blickend – es waren wirklich dieselben –, sagte ich mir: Wäre ich Landwirt, so würde mich die Ebene hier interessieren; aber seitdem ich Doris' Brief habe, bin ich ein Urmensch, und dem graust vor braunen, wogenden Feldern. Was muß diese Ebene doch für ein seelenloses Geschlecht hervorbringen, wie seelenlos werden die Tage da verlebt: in der Dämmerung brechen die Bauern auf, um zu pflügen, in der Dämmerung kehren sie heim, zu essen, sich fortzupflanzen und zu schlafen.‹ Endlich ward ein Fluß sichtbar, zwischen spärlichen, verkümmerten Bäumen und Schilfrohr dahingleitend, ein großer, breiter, träger Fluß mit niedrigen Ufern, der so langsam floß, daß er sich kaum zu bewegen schien. Nur in der Normandie scheint es Weiden zu geben, da allein findet man noch den Schäfer an den Ufern der Seine. Die Picardie bringt, obwohl sie Moorland, nie den Eindruck der Wildnis hervor; und Mittelfrankreich, das ich damals zum ersten Male zu Gesicht bekam, entsetzte mich, denn der Urmensch herrschte jetzt, wie ich schon sagte, in mir vor, und ich wandte mich von der weiten Ebene ab, die mich öde, ereignislos wie ein Boarding-Haus dünkte.

Doch die hügellose Ebene zieht sich lang hin, und als ich wieder hinaussah, lag eine ganze Gebirgskette so reizvoll malerisch vor mir, daß ich nicht umhin konnte, einen Mitreisenden nach ihrem Namen zu fragen. Es waren die Esterel-Alpen. Nie werd ich den malerischen Eindruck des einen Augenblicks vergessen: da das gezackte Ende der Esterel-Alpen über das Tal vorsprang, sich von dem im letzten Sonnenschein verglühenden Himmel abhob – ein oder zwei düster rote Strahlen waren noch sichtbar – und dann jäh verschwand hinter schweren Wolken, die sich wie zum Gewitter auftürmten; bald darauf brach die Nacht über die Landschaft herein.

›Von nun an werd ich mich mit meinen eignen Gedanken vergnügen müssen,‹ sagte ich. In meiner Lage gab es nichts Vernünftigeres, als an Doris zu denken. ›Kurz vor Mitternacht werd ich sie auf dem Bahnhof zu sehn bekommen.‹ Ich muß geträumt haben, denn die Stimme des Schaffners, der ausrief, das Abendessen sei serviert, ließ mich mit einem Ruck emporfahren.

Meine Landsleute stehn in dem Ruf, niemals mit Fremden im Zuge eine Unterhaltung anzuknüpfen, aber ich bezweifle, daß das richtig ist. Alles hängt von dem Takt dessen ab, der zuerst das Schweigen bricht. Flößt sein Verhalten dem Mitreisenden Vertrauen ein, so wird er Antworten empfangen, die die Unterhaltung eine oder zwei Minuten in Gang bringen; und in der Zeit werden sich beide darüber schlüssig geworden sein, ob sie das Gespräch fortsetzen oder einstellen wollen. Man könnte ein nettes Büchlein über Reisebekanntschaften schreiben. Oft denkt man, es wäre erfreulich, also geschlossene Bekanntschaften fortzusetzen, aber die Etikette des Unterwegs verlangt das nicht, und sicher ist es auch in neunzehn von zwanzig Fällen ratsamer, die Fremden in der Versenkung der Träume verschwinden zu lassen.

Doch in einem von zwanzig Fällen lohnt es sich der Mühe, und vielleicht war es unklug, den Bewohnern der Sahara, mit denen ich im Côte d'Azur bekannt wurde, nicht nach ihrer Oase zu folgen. Die Frau entpuppte sich auf den ersten Blick als Französin; je mehr man sie ansah, desto mehr schien sie Französin zu werden, während ihr Mann auf einen Araber schließen ließ. So stellen sich wenigstens Leute einen vor, deren Kenntnis von Algerien aus Fromentins Schriften und Bildern stammt. Der lange Aufenthalt bei den Arabern in der Wüste hat Fromentin zum Araber gemacht, sagten wir, wenn er in den Tagen des Cafés ›Nouvelle Athènes‹ über die Place Pigalle schritt. Er war auf die Malerei der Impressionisten nicht gut zu sprechen, und Manet sagte einmal zu ihm im Salon vor dem Bilde ›Le linge‹ oder ›Wettsegeln bei Argenteuil‹: ›Es ist Ihnen nicht maurisch genug, Fromentin‹. Mein Reisegefährte erinnerte mich an diesen Fromentin. Sein Akzent verriet, daß er Franzose; und als er den Hut abnahm, war es offensichtlich, daß er aus den Tropen gekommen war – höchst wahrscheinlich aus Algerien. In vieler Beziehung glich er einem algerischen Soldaten, einem Zuaven. Mir fiel seine Redeweise auf, aber sie hatte nichts Soldatisches an sich; und als er mir erzählte, er habe in einer Oase in der Wüste gelebt und sei jetzt auf der Rückreise begriffen, mußte ich wieder an Fromentin denken. Mein Reisegefährte hatte seit seinem vierzehnten Jahr in der Wüste gelebt und kannte sie aus dem Effeff; vielleicht hatte er deswegen nie ein Buch über die Wüste gelesen, weder ›Un été dans le Sahara‹ noch Lotis ›Le Désert‹. Schade – seine Kritik hätte mich interessiert.

Während des Essens und noch lange nachher saßen wir beisammen und unterhielten uns von dem Unterschied der orientalischen und europäischen Rassen; von den zahlreichen arabischen Mundarten. Er sprach tunesischen Dialekt und schrieb die Sprache des Korans, die in der ganzen Sahara und im Sudan verstanden wird, ebenso wie in Mekka. Was mich vielleicht noch mehr als die Sprachenfrage interessierte, war der Unternehmungsgeist des Wildlings, der die Wüste zu kultivieren suchte. Er hatte seinen Grundbesitz schon durch Auffindung zweier altrömischer Brunnen bereichert, und er war davon überzeugt, daß der ganze Wüstenstrich zwischen den drei Oasen kultiviert werden könne. In der alten Zeit hätte es nicht drei Oasen, sondern nur eine gegeben; die Brunnen seien zerstört und hunderttausend Morgen Land von den Numidiern verwüstet worden, die sich – so erzählte er ja wohl – vor den sie verfolgenden Sarazenen retten wollten. Er verlebte alljährlich acht Monate in seiner Oase und bat mich, sobald ich von Plessy genug hätte, in Marseille – es war doch wohl in Marseille – ein Schiff zu nehmen und einige Zeit bei ihm in der Wildnis zu verbringen.

»Besucher,« sagte er, »sind spärlich. Sie sind uns herzlich willkommen. Die Eisenbahn führt Sie bis auf hundert Meilen zu uns. Die letzten hundert Meilen müssen auf dem Rücken eines Dromedars zurückgelegt werden. Ich schicke Ihnen dann ein schnelles samt Eskorte.«

»Famos,« antwortete ich. »Schon seh ich mich ankommen, hoch auf dem Kamelsrücken, und Datteln pflücken – es gibt doch wohl Dattelpalmen in Ihrer Gegend? Ja? – Schon seh ich mich in Turban und Burnus.«

»Möchten Sie meinen Burnus einmal sehn?« fragte er, machte seinen Mantelsack auf und zeigte mir ein Prachtexemplar, das mich mit Bewunderung erfüllte; hätte ich mich nicht geschämt, ich hätte ihn um die Erlaubnis gebeten, den Burnus einmal anzuprobieren.

Fixe Ideen wird man nicht los. Als ich ein kleiner Junge war, wollte ich durchaus in einem Turban auf meinem Pony ausreiten und dabei eine Damaszener Klinge, die mir mein Vater aus dem Orient mitgebracht hatte, durch die Luft sausen lassen. Mit nichts anderm wollte ich mich zufrieden geben. Mein Vater führte den Pony, und ich habe diese Schwärmerei von jeher für außerordentlich bezeichnend gehalten. Sie muß es sein, denn sie kam nach zwanzig Jahren wieder zum Ausbruch. Mag sie auch phantastisch und albern scheinen: ich hätte gar zu gerne den Burnus meines Reisegefährten, wenn auch nur für ein paar Minuten, im Zug getragen. All das liegt zwölf Jahre zurück. Noch immer hab ich ihn nicht in seiner Oase besucht, aber wie oft bin ich in der Phantasie bei ihm gewesen, habe mich auf dem Rücken eines Dromedars ankommen sehn und rufen hören: ›Allah! Allah! Und Mohammed ist sein Prophet!‹ Aber kann man auch jahraus jahrein an einen Burnus denken, länger als zwei oder drei Stunden läßt sich nicht darüber plaudern; und wenn ich mich auch darauf freute, mindestens vierzehn Tage bei meinen Freunden zu bleiben, mit ihnen Ausflüge in die Wüste zu machen und den Sommer, wie Fromentin sagt, chez lui zu finden: es war mir doch nicht unangenehm, als ich mich von ihnen in Marseille verabschiedete. Noch war ich vom Ziel meiner Reise weit entfernt und so müde vom vielen Reden, daß ich zuerst nicht recht wußte, ob es der Mühe wert sei, wieder eine Unterhaltung anzuknüpfen. Ein würdiger alter Herr war nämlich eingestiegen, einer, bei dem es nur eines geringen Anstoßes bedurfte, damit er mir seine Lebensgeschichte erzähle. Er hatte sehr bescheiden angefangen; aber jetzt war er ein reicher Kaufmann. Es hat immer etwas Interessantes, wenn das Glück dem Lehrling zum ersten Male lächelt; die Anfänge fesseln uns. Und ich könnte seine Lebensgeschichte hier nacherzählen, wären wir nicht mittendrin von seinem kleinen Mädchen unterbrochen worden. Die Gesellschaft ihrer Mutter, die im Coupé nebenan saß, war ihr langweilig geworden; deshalb kam sie zu uns und setzte sich ihrem Vater aufs Knie. Das Haar hing ihr um die Schultern wie meiner Doris vor fünf Jahren, von dem Tag an gerechnet, als ich nach dem goldenen Vließ auszog. Es war ein Kind von einnehmendem Wesen mit einem flackrigen Lächeln um die Lippen und einem merkwürdig verständigen Blick in den Augen. Sie machte aus ihrer Müdigkeit kein Hehl, krank sei sie aber nicht gewesen; ihr Vater erzählte mir nämlich, lange Eisenbahnfahrten hätten bei ihr dieselbe Wirkung wie eine Seereise. In ihrer Art zu sprechen hatte sie etwas reizend Unzusammenhängendes. Plötzlich ging sie fort, ich dachte für immer, aber nach einer halben Stunde kam sie wieder und sah, wollte mir scheinen, ein bißchen matt aus, grün um den Mund, und lächelte auch nicht mehr so oft.

Man kann nicht alles im Kopf behalten. Ich habe vergessen, auf welcher Station die Leute ausgestiegen sind. Sie wünschten mir ein freundliches Lebewohl, sagten mir, daß ich in zwei und einer halben Stunde in Plessy sein werde und daß ich auf der nächsten Station umsteigen müsse. Dieser letzte Teil meiner Reise zog sich sehr ermüdend hin. Plessy ist nicht so einfach zu erreichen; man muß umsteigen, und während ich auf den Zug wartete, verlor ich beinah allen Mut. Mir lag an nichts mehr, nicht einmal an Doris. Doch dies sind bloß momentane Kapitulationen des Verstandes und der Sinne.

Als ich ihr allerliebstes Gesicht auf dem Bahnsteig erspähte, beglückwünschte ich mich abermals zu dem klugen Einfall, ihr ein Telegramm geschickt zu haben. Wieviel erquicklicher war es, mit ihr nach dem Hotel zu gehn als allein! ›Sie ist noch immer,‹ sagte ich mir, ›dasselbe hübsche Mädel, dem ich vor fünf Jahren wegen seines Egoismus so bittere Vorwürfe gemacht habe.‹ Ihr Schmeicheleien über ihr gutes Aussehn zu sagen, ihr zu versichern, daß sie keinen Tag älter aussehe, ein bißchen dünner, ein bißchen blasser, aber im übrigen ganz die entzückende Doris – das war der glückliche Gedanke des zurückgekehrten Liebhabers. Und wir gingen den Bahnsteig in lebhaftem Geplauder hinunter, und ich schalt sie in sanfter Weise – warum sie denn aufgeblieben sei? Sie habe ihren Grund ... Meine Hoffnungen, bis dahin lustig auf der Oberfläche treibend wie Kork, begannen zu sinken. ›Jetzt wird sie mir gleich sagen, daß ich nicht mit ihr ins Hotel kommen darf. Warum hab ich auch das Telegramm von Lyon aus geschickt?‹ Sonst hätt ich doch ohne weiteres in ihr Hotel gehn können. Gerade auf das Telegramm hin war sie zum Bahnhof gekommen; sie wollte mir sagen, daß ich unmöglich in ihrem Hotel absteigen könne. Nach einer dreißigstündigen Fahrt war es ja ziemlich einerlei, in welchem Hotel ich wohnte, aber morgen – übermorgen – die lange Woche, die wir zusammen sein wollten, zog an meinem geistigen Auge vorüber, die öden Nachmittage, die verstimmenden platonischen Abende in ihrer Schalheit. ›Himmel, was hab ich mir da eingebrockt!‹ dachte ich, und in Gedanken machte ich die lange Reise noch einmal durch, und ich sah mich, wie der Sportsman sagt, bredouille heimkehren. Jedoch sich mit einem Weib über Einzelheiten herumzanken und in Wut geraten – das tut keiner, der in den Künsten der Liebe versiert ist. Wir stehn immer in Frauenhand; sie haben zu entscheiden. Das Vernünftigste ist, sich bei dem andern Hotel zu beruhigen und nicht die geringste oder doch so wenig wie möglich Enttäuschung zu verraten. Allein wir hatten uns so lange nicht gesehn, daß wir uns nicht gleich trennen konnten. Doris sagte, ich müsse in ihrem Hotel noch zu Abend essen. Nein – ich hatte im Zug gespeist, und sie konnte mich nur zu einer Tasse Schokolade überreden. Bei dieser Tasse Schokolade saßen wir noch eine Stunde zusammen, dann blieb mir nichts andres übrig, als ihr gute Nacht zu wünschen.

Der Mond schien hell auf die Straße herab. Ich ging aus dem Schatten ins Licht, mein ganzer Körper war wie zerschlagen, und ich fühlte mich ein wenig schwermütig, denn am Ende würde ich Doris vielleicht nicht erringen. Ich schlief jedoch, und Schlaf ist manchmal was Gutes. Ich muß an diesem Abend schnell eingeschlafen sein, denn ich fühlte mich, als ich am andern Morgen die Augen aufmachte, sehr erfrischt. Ich blickte durch Moskito-Vorhänge (Symbole des Südens) und war entzückt von dem Spiel der Sonnenstrahlen, die über die blumengemusterte Tapete huschten. Mein erster Gedanke war: sofort aus dem Bett zu springen und les croisées aufzustoßen. Und was sah ich da? Hohe Palmen im Garten, darüber einen blassen, lockenden Himmel, in der Ferne ein blaues Meer von fast derselben Tönung wie der Himmel. Und was fühlte ich? Die weiche, würzige Luft, die mich umströmte. Und was für ein Bild stieg vor meinem Geiste auf? Der sinnlich berauschende Anblick eines Weibes, das am Saum eines sommerlichen Waldes ein Bad nimmt, der betörende Duft ihrer Brüste ... Warum dachte ich gerade an ein Weib, das am Saum eines sommerlichen Waldes ein Bad nimmt? Weil der Morgen ganz dem glich, den sich Venus aussuchen würde, aus dem Meere emporzusteigen und zu einem ins Schlafzimmer zu kommen.

Verzeih mir, lieber Leser, meine Sinnlichkeit! Bedenke, ich atmete zum ersten Male die weiche Luft des Südens, ich sah zum ersten Mal Orangenbäume; bedenke, daß ich ein Dichter bin, ein moderner Jason auf der Suche nach dem goldenen Vließ.

›Ist das der Garten der Hesperiden?‹ fragte ich mich, denn nichts schien unwirklicher als die goldenen Früchte, die wie gelbe Wollknäuel zwischen dunklen, glatten Blättern hingen. Sie erinnerten mich an die Früchte, die ich als Kind unter Glasschirmen in Gasthöfen gesehn hatte. Aber ich wußte trotzdem, daß Orangenbäume vor mir standen, daß die goldenen Früchte, die inmitten grüner Blätter wuchsen, dieselben waren, die ich als Junge von der Karre zu mausen pflegte; die Frucht, von der ich in meiner Kindheit so viel aß, daß ich sie jetzt nicht mehr essen kann; deren Geruch wir mit dem Stehparterre eines Theaters zusammenbringen; von der die Frauen, hoch und niedrig, nie genug bekommen können. Ein Wunder schien es mir, daß ich endlich Orangen an Bäumen wachsen sehn solle, und ich war an diesem Morgen so glücklich, daß ich mich über mein Glück wundern mußte. Als ich nach einem Grunde dafür suchte, stieß mir der Gedanke auf, daß das Glück in letzter Linie vielleicht nichts weiter ist als die Fähigkeit, sich überraschen zu lassen.

Der valet de chambre brachte mir mein Bad. Während ich mein Bad nahm und mich ankleidete, sann ich darüber nach, wie glücklich ein Mensch ist, der sich in mittleren Jahren noch für einen blauen Himmel zu begeistern und in dem Sonnenschein eine Quelle des Entzückens zu finden vermag. Doch wer ist nicht von dem herrlichen Sonnenschein bezaubert, der sich seinen Weg in die Gärten von Plessy sucht? Außerdem wußte ich, daß ich am Meere, das blau war wie ein Zwischenaktsvorhang, mit Doris spazieren gehn würde. Und als sie mir entgegen kam, den Sonnenschirm auf die Seite gelehnt, schien sie mir lediglich eine Figur auf einem Zwischenaktsvorhang. Sind wir nicht alle Figuren auf dem Zwischenaktsvorhang, ist nicht alles ein Zwischenaktsvorhang und die schöne Helena vielleicht die einzig wahre Realität? Jason oder Paris oder Menelaus in Plessy – der Gedanke belustigte mich; und ich fragte Doris, was das städtische Orchester spiele, worauf sie mir mitteilte, daß allabendlich der Marsch aus ›Aida‹ gespielt werde. »Auf dem Piston,« sagte ich und begriff sofort, daß es Plessys Bestimmung sei, die Menschen aus dem Banne ihrer Tagesfron zu befrein, von der hebräischen Literatur und dem, was damit zusammenhängt: Bischöfen, Landpredigern, Pfarrern. Sie alle, besonders Bischöfe, gelten als ernst, während französische Romane und was damit zusammenhängt: die lieben, süßen Mädel angeblich die triviale Seite des Lebens darstellen. Ein Mädchen wird erst ernst, wenn es sich verlobt; ein Haus zu mieten, darin die künftige Familie heranwächst, das betrachtet man als eine ernste Sache; tatsächlich sind alle Vorurteile ernster Natur. Jede Abweichung vom Normalen, vom Herdenmäßigen gilt als trivial. Und das ist wohl auch richtig. Die Welt könnte ohne die Herde nicht bestehn, ebensowenig aber die Herde ohne uns – die Exzentrischen, die auf der Suche nach dem goldenen Vließ nach Plessy gehn, statt Öfen in den Pfarrkirchen aufzustellen (Öfen und Orgeln werden von jeher für zu verteufelt ernst angesehn, als daß man darüber sprechen dürfte). Ich hatte einmal mit meinem Erzbischof eine Unterhaltung über das Buch Daniel; wollte ich Seiner Lordschaft Gelehrsamkeit ausführlich beschreiben, ich würde vielleicht für ernst genug zu einer Besprechung im Kirchenanzeiger gehalten werden. Doch wenn ich auf dies Gespräch zurückblicke und es mit all der Unparteilichkeit beurteile, deren meine Natur fähig ist, ich müßte lügen, wollte ich sagen, daß ich es ernster nehme als das muntere Geplauder der schönen Doris, daß ich den trübseligen Anblick der Kathedrale Seiner Lordschaft ernster nehme als den wohligen Sonnenschein im Süden, der über den Strand des Meeres hinstreift, die Farbe der Häuser leuchten läßt und Doris veranlaßt, ihren Sonnenschirm auf die andre Seite zu nehmen. Was könnte ich für einen glänzenden Aufsatz über die triviale Seite der Ernsthaftigkeit schreiben! Aber Auseinandersetzungen sind immer trivial. Ich werde weit ernster sein, wenn ich mich der anmutigen Bewegung zu erinnern suche, mit der sie ihren Sonnenschirm öffnete, und des schönen Rahmens, den dieser für ihr Gesicht bildete. Allerdings beinahe jedes Gesicht nimmt sich schön aus unter der straffen Seide, auf der Sonne und Schatten liegen, aber Doris' Gesicht – ich schwöre es! – war trotz seiner Modernität so schön wie je eine mittelalterliche Jungfrau. Memling selbst hat nie ein holderes Gesichtchen gezeichnet. Und welches Entzücken bereitete mir nach der langen Reise ein solches Gesicht an dem Meere, das Römer und Griechen in Galeeren zu befahren pflegten, von dem ich als Knabe so viel gelesen habe. Da lag es vor mir, und auf der andern Seite das Ufer, wo ehedem Carthago gestanden. Da lag es, eine blaue Bucht mit langgestreckten, weit ausladenden roten Bergen, die mich an Berge gemahnten, die ich schon irgendwo gesehn hatte – vermutlich auf einem Schlachtbild von Salvator Rosa. Ich mußte die Berge schon früher gesehn haben – nein, auf keinem Bilde; hatte ich von ihnen geträumt oder zermarterte mir die Erinnerung an eine frühere Existenz den Kopf? Ich suchte nach dem verlorenen Faden, so gut ich konnte, denn Doris plauderte fast unaufhörlich.

»Dort liegt das Restaurant,« sagte sie, indem sie ihren Sonnenschirm hoch warf, »der Bau da am Ende der Felsen.«

Wir kamen als die ersten Schwalben an; die Schwärme fanden sich etwa erst in drei Wochen ein. Wir hatten also das Restaurant für uns, den Kellner und gewiß auch den Koch. Und sie widmeten uns ihre ganze Aufmerksamkeit. Man fragte uns, ob wir im Glaspavillon frühstücken wollten. Wie soll ich ihn anders beschreiben? Er schien vollständig aus Glas. Der Geruch des Meeres drang durchs Fenster, und die Luft war wie ein aromatischer Likör – sie berauschte. Ließ man die Blicke über die Bucht streifen, so schien man eben das zu gewahren, was Whistler in seinen Nokturnen gesucht und Steer in dem Bilde der plantschenden Kinder beinahe getroffen hat: dies matte, optimistische Blau, das etwas Lockendes hat und die Welt hinter uns versinken läßt – der Traum des Opiumessers, das Sirenenmotiv aus dem ›Tannhäuser‹, das wie eine Barcarole anfängt, doch die Begleitung stürmt darunter hin, daß wir vor Erwartung beben.

Als ich so den Blick über die Bucht schweifen ließ, schien Doris nur etwas Geringes, fast Unbedeutendes, und der Gedanke kam mir: du bist nicht umsonst gekommen, selbst wenn es dir nicht gelingt, sie zu erringen.

»Doris – Liebste – vergib mir, daß ich die Bucht hier ansehe und nicht dich, aber ich habe so etwas noch nie gesehn.« Und im Gefühl, daß ich den mich bewegenden Eindrücken nur sehr schwach Gerechtigkeit widerfahren ließ, sagte ich: »Ist's nicht seltsam – all das kommt mir alt und neu zugleich vor? Mir ist gewissermaßen, als hätt ich meine Erbschaft angetreten.«

»Deine Erbschaft! Bin ich nicht – –«

»Ja, mein Lieb. Sag, daß du meine Erbschaft bist, meine schöne Erbschaft. Wieviel Jahre hab ich auf dich gewartet?«

Als ich sie in meine Arme schloß, ward sie des Kellners ansichtig. Ich wandte mich von ihr ab, blickte über die Bucht, und mein Verlangen erstarb fast, so unendlich süß wehte es von draußen herein.

»Azurne Berge, nicht blaue. Bis jetzt hab ich nur blaue gesehn.«

»Sie sind heute blau durch den leichten Nebel. In Wirklichkeit sind sie rot.«

»Eine Bucht mit roten Bergen,« sagte ich, »und alle Abhänge mit weißen Villen gesprenkelt.«

»Die durch Olivenbäume schimmern.«

»Olivenbäume – selbstverständlich. Ich habe die Olive noch nie gesehn. Sie fängt in Avignon an oder da in der Gegend – nicht wahr? Es war stockdunkel, als wir durch Avignon fuhren.«

»Du wirst hier nur ganz wenig Bäume sehn – nichts andres als Oliven und Stechpalmen.«

»Die Stechpalme kenn ich. Es gibt keinen schöneren Baum als die Stechpalme.

Fand schönern Krokus je die Biene
An irgend einem Ort,
So reich an Duft und Farb', als den
Unter der Stechpalme dort?«

»Von wem sind die Verse?«

»Von Shelley. Ich kenne keine andern. Sind sie nicht wundervoll? Sie geben scheinbar nur den Tatbestand, und doch wollen sie mir nicht aus dem Gedächtnis. Ich freue mich, daß ich die Stechpalme zu sehn bekomme.«

»Und den Eukalyptus – eine Menge Eukalyptusbäume.«

»Das war also der Geruch, der uns heute morgen verfolgte, als wir durch die Gärten gingen?«

»Ja. Als wir aus dem Hotel kamen, hing einer über die Gartenmauer, und der Wind hat uns seinen Duft nachgetragen.«

Der Kellner, der die Horsd'oeuvres brachte, lenkte unsre Aufmerksamkeit von dem Olivenbaum auf seine Frucht. Ich rühre sonst selten Oliven an, aber an diesem Morgen aß ich viele. Ob wir Hammelkoteletts oder Lamm wünschten? Doris sagte, Hammel sei im Süden abscheulich. »Also dann Lamm.« Mir stieg ein Gedanke auf: daß ich Doris' Schönheit falsch bewertet. Ihr Gesicht hatte doch nichts von denen, die man auf Memlings Bildern findet. Sie glich etwas, doch ich konnte mir nicht darüber klar werden, was es sei.

»Ein Segel würde die Schönheit der Bucht verderben,« sagte ich, als der Kellner den Kaffee servierte und dann verschwand – wir hofften, um nicht wiederzukommen. Wir faßten uns bei der Hand, setzten uns ans Fenster und blickten über die segellose Bucht.

»Wie kommt es, daß man hier keine Schiffe sieht? Betrachtet man die Bucht bloß als Zierat, und dient sie ausschließlich zur Bewunderung der Gäste? Die Hügel da sehn ebenfalls aus, als wären sie zum gleichen Zwecke bestimmt ... Wieviel schöner ist doch die Bucht ohne Segel – warum, kann ich nicht sagen, aber –«

»Was?«

»Eine große Galeere mit fünfzig Ruderern würde sich in der Bucht gut ausnehmen ... Die Bucht samt den Hügeln ist klassisches Altertum. Den ganzen Morgen, während ich mit dir plauderte, ist mir eine Erinnerung oder der Schatten einer Erinnerung durch den Kopf gegangen und hat mich geärgert, wie eine Fliege auf einer Glasscheibe. Jetzt weiß ich auch, warum ich beim Frühstück immer darauf wartete, daß eine Nymphe aus den Wellen auftauche. Tausend Jahre lang haben die Menschen geglaubt, daß Nymphen an den Felsen aufsteigen und daß man Satyrn mit ihrer Brut in den Wäldern und an den Halden begegnet. Nur ein dünner Firnis hat sich auf solchen Aberglauben gelegt. Man braucht bloß hierher zu kommen und in das blaue Wasser des Meeres hinabzublicken, dann glaubt man, daß Nymphen um die Felsen da herumschwimmen. Und wenn wir nachher an den Hügelhängen spazieren fahren, wollen wir scharf nach Satyrn ausschaun. Jetzt weiß ich auch, warum mir dies Land so gut gefällt. Es ist heidnisch. Die Berge da – wie sind sie doch so ganz anders als die lendenlahmen Berge in Irland, von wo ich komme! Und du, Doris – du könntest gestern ausgegraben worden sein, wenn du auch erst zweiundzwanzig bist. Du bist ein Ding der Vorwelt, keine Spur von dem Memling-Köpfchen, mit dem ich dich immer im Zug verglich, und ganz unähnlich allem, was die Nürnberger Meister gemalt haben. Du bist eine Tanagra-Figur, eine von den allerschönsten. Die ganze Liebenswürdigkeit der Antike les' ich in dir. Doch ich muß jetzt die Bucht betrachten. Vielleicht seh ich etwas derartiges nie wieder; jedenfalls hab ich so etwas noch nie gesehn. Verzeih mir! Bedenke: vor drei Tagen war ich in Irland, vorgestern in England, gestern in Paris. Ich komme aus dem grauen Norden. Als ich von Paris abreiste, war alles grau. Als der Zug durch Lyon fuhr, brach ein grauer Abend herein. Jetzt seh ich kein Wölkchen. Der Wechsel ist zu wunderbar. Du kannst mir mein Entzücken nicht nachfühlen. Du hast die Bucht die letzten drei Wochen vor Augen gehabt, und dir ist jetzt la côte d'azur nichts weiter als Palmen und Spaziergänge. Mir ist sie noch etwas ganz andres. Dich werd ich immer schön finden, aber Plessy büßt am Ende seine Reize in ein paar Tagen ein. Gönne mir meine Begeisterung, solang sie anhält.«

»Vielleicht wird es bei mir nicht länger dauern.«

»Doch. Weißt du, Doris – du siehst keinen Tag älter aus wie damals, als ich dich zum ersten Mal in deinem weißen Kleide sah. Du gingst durch das Zimmer ans Klavier, und dein goldenes Haar fiel dir über die Schultern. Es ist etwas dunkler geworden. Sonst ist alles beim alten geblieben.«

»Es ärgert mich, daß du mich gerade jetzt sehn mußt, wo ich so mager bin. Ich wünschte, du hättest mich voriges Jahr einmal gesehn nach meiner Mastkur. Ich habe über acht Pfund zugenommen. Jeder sagte mir, ich sähe nicht älter als sechzehn Jahre aus. Ich weiß, es verhielt sich so, denn die Frauen waren alle auf mich eifersüchtig.«

Ich saß traumverloren da und betrachtete die verschwimmenden Umrisse des Horizonts. Da hörte ich meine Begleiterin fragen:

»Woran denkst du?«

»Ich denke an etwas, das sich vor langer Zeit an Ort und Stelle, hier in der Bucht, zugetragen hat.«

»Erzähl es mir doch!« Und einen Augenblick suchte ihre Hand die meine.

»Möchtest du's gerne hören? Ich will es dir mit Freuden erzählen, aber es ist eine lange, lange Geschichte, und es kostet mich eine Anstrengung, sie mir zurückzurufen. Die Farbe der See und des Himmels genügen; der warme Sonnenschein durchflutet mich, mir ist, als wär ich eine Pflanze. Der einzige Unterschied zwischen mir und einer von den Palmen dort – –«

»Die armen Palmen frieren gewiß. Sie haben hier nicht genug Wärme. Sie kommen aus dem Süden, und du kommst aus dem Norden.«

»Das stimmt wohl. Sie wachsen hier, aber sie gedeihen nicht. Einerlei – ich bin nicht philanthropisch aufgelegt. Augenblicklich kann ich nicht einmal mit einer Palme Mitleid haben. Sieh nur: wie der Rauch meiner Zigarre sich kräuselt und verfliegt! Es ist seltsam, Doris, daß ich dich jetzt hier treffen muß. Vor ein paar Jahren sollte ich nämlich schon einmal hierher kommen –«

»Mit einer Frau?«

»Selbstverständlich. Wie könnt es anders sein? Unser Leben ist der Länge und der Quere nach mit Frauen verflochten. Der eine Mann findet die Realität seines Lebens in den Frauen, der andre, wie wir vorhin festgestellt haben, in Bischöfen.«

»Also erzähle von der Frau, die dich eingeladen hat, hierher zu kommen. Hast du sie geliebt? Und warum ist nichts daraus geworden?«

»Es ist eine höchst komische Geschichte – komisch, nur weil sie mir so ganz ähnlich sieht. Jedes Original schafft seine eignen Geschichten. Wir sind wie Spulen, und jede Spule rollt sich mit andersfarbigem Zwirn auf. Die eigentliche Geschichte fing eines Abends in Victoria Street an, nach einem langen Tagewerk. Ein Brief brachte die Sache in Gang. Sie lud mich zum Abendessen ein, und ihr Brief kam mir sehr gelegen, denn ich hatte an dem Abend nichts vor. Ich weiß nicht: kennst du auch die sonderbare Angst vor dem Leben, die sich mit dem Zwielicht hereinstiehlt? Sie hatte mir eben ihren Finger auf die Schulter gelegt, als es bei mir klingelte. ›Wer es auch sein mag, eine Sie oder ein Er,‹ dachte ich, ›ist mir willkommen.‹ Mein Besuch wäre vielleicht nur ein paar Minuten geblieben, aber der Brief Gertruds – so hieß sie – stellte mir einen langen, genußreichen Abend in Aussicht. Es war nämlich mehr als eine bloße Einladung zum Abendessen. Sie schrieb mir: ›Ich habe weiter niemand aufgefordert, aber es wird Ihnen ja nicht unangenehm sein, mit mir allein zu speisen. Hoffentlich können Sie kommen, denn ich möchte Sie in einer Angelegenheit sprechen, in der Sie mir vermutlich raten können.‹ Während ich mich anzog, dachte ich darüber nach, was sie mir wohl mitzuteilen habe; meine Neugier war wach. Und so ging ich zu Fuß nach ihrer Wohnung. Es war ein schöner Abend – ich weiß es noch ganz gut –, und sie wohnte nicht weit von mir. Wir waren Nachbarn. Du mußt wissen, ich kannte Gertrud schon ziemlich gut, und ich hatte sie gern. Einige Liebeständeleien lagen bereits hinter uns, aber ihr Geliebter war ich nie gewesen. Unsre Beziehungen hatten sich verwirrt, und auf dem Wege zu ihr gab ich mich der Hoffnung hin, daß der ärgerliche Knoten nun endlich aufgelöst werden möchte. Gertruds Geliebter zu werden mußte in der Tat ein Vergnügen sein. Denn wenn sie auch schon eine Frau von vierzig Jahren war, so erhielten doch der natürliche Wunsch zu gefallen, ihr Witz und ihr anmutiges Wesen sie noch jung. Ihr Aussehn hatte den ganzen Reiz der Jugend, und französische Toiletten und Dessous, die ein kleines Vermögen kosteten, machten sie zu einer Frau, der man noch immer mit Vergnügen seine Huldigungen darbrachte. In vieler Beziehung war es angenehm, ihr Freund zu werden. Allerdings, die Sache hatte auch ihre Schattenseiten: denn Gertrud selbst war zwar nicht gewöhnlich, aber sie fand Gefallen an Gewöhnlichem. Ihr Umgang zum Beispiel war gewöhnlich. Die Etage, die sie bewohnte, – sie hatte nämlich gerade ihren Mann verlassen – war zu luxuriös, protzenhaft eingerichtet. Die Fenster trugen zu reichen Vorhang-Schmuck, das elektrische Licht schien immer zu brennen, und nun erst ihre Bilder – na, wir wollen nicht davon reden. Gertrud war das einzige Bild, das das Anschaun verlohnte. Sie hatte etwas von einem Bild aus dem Salon, von einem Gervex, einem Boldini – ich will nicht ungerecht gegen sie sein: so gemein wie Boldini war sie nicht. Sie hatte eine allerliebste Art zu schnäbeln, und das weiße Kleid fiel ihr graziös von den schlanken Hüften herab. Du kannst sie vor dir sehn, – nicht wahr? – wie sie, leise rauschend, auf mich zukommt, einen Duft von Veilchenwurzeln ausströmt, meine Hand ergreift und ganz nah an ihre Brust drückt? Gertrud verstand sich auf Andeutungen. Kaum war mir der Gedanke, daß sie es auf mich abgesehn, durch den Kopf gegangen, als sie meine Hand losließ und sagte: ›Setzen Sie sich doch zu mir! Erzählen Sie mir, was Sie getrieben haben.‹ Und der Zauber ihres Wesens lag darin, daß man unmöglich wissen konnte, ob das, was ich beschrieben habe: Kleidung, Benehmen, Stimme unbewußt oder absichtlich war.«

»Ein bißchen von beidem wahrscheinlich,« meinte Doris.

»Ich sehe, du verstehst. Du verstehst mich immer.«

»Und um die Vertraulichkeit, daß sie deine Hand an ihren Busen preßte, wieder gut zu machen, sagte sie dann: ›Hoffentlich ist es Ihnen nicht unangenehm, mit mir allein zu speisen.‹ Und du entwickeltest auf der Stelle deine kleine Theorie, daß zwei die denkbar beste Gesellschaft sind und drei langweilig wie eine Stadtverordnetenversammlung, es sei denn, die drei setzen sich aus zwei männlichen und einem weiblichen Wesen zusammen. Eine Frau ist nie wirklich glücklich, wenn sie sich nicht mit zwei Männern unterhält, denn im Grunde ihres Herzens ist sie der Vielmännerei ergeben.«

»Doris, du kennst mich so gut, daß du meine Unterhaltungen frei erfinden kannst.«

»Ja, das kann ich wohl. Du hast dich nicht geändert. Ich habe dich nicht vergessen, wenn wir uns auch fünf Jahre nicht gesehn haben. Und jetzt erzähle mir weiter von Gertrud.«

»Also, wie ich neben ihr auf dem Sofa saß – –«

»Unter dem Schirm der elektrischen Lampe,« warf Doris ein.

»– suchte ich herauszubekommen ... nicht warum sie mich zum Essen eingeladen. Dabei war selbstverständlich nichts, daß alte Freunde zusammen speisten, aber sie hatte mir doch geschrieben, sie wünsche mich in einer Angelegenheit zu sprechen, in der ich ihr, wie sie glaube, raten könne. Das Mädchen mußte jeden Augenblick hereinkommen und melden, daß angerichtet sei. Wenn mir Gertrud nicht sofort sagte, was sie von mir wollte, dann mußte ich, falls es eine lange Geschichte war, warten, bis das Essen vorüber. Ihr Widerstreben, sich mir anzuvertraun, schien auf pekuniäre Unterstützung zu deuten. Sollte mich Gertrud wirklich um Geld angehn wollen? Dann handelte es sich um ein beträchtliches Darlehn, um mehr, als ich mir gestatten konnte, ihr zu geben. Darin liegt der Vorteil des Verkehrs mit reichen Leuten: wollen sie einen anpumpen, so verlangen sie mehr, als man ihnen vorzustrecken vermag, und man kann ihnen der Wahrheit gemäß sagen: ›Wollte ich Ihnen fünfhundert Pfund leihen, ich wäre nicht imstande, mit meinen jährlichen Renten auszukommen.‹ Ihr Widerstreben, sich mir anzuvertraun, war unbegreiflich, falls sie nicht wirklich ein Darlehn aufnehmen wollte. Doch das war bei Gertrud nicht zu befürchten; war sie doch eine reiche Frau. Endlich, gerade ehe das Mädchen ins Zimmer trat, wandte sie sich um mit den Worten, sie hätte mich kommen lassen, um mit mir über eine Jacht zu sprechen. Stelle dir meine Überraschung vor! Mit mir über eine Jacht zu sprechen! Wenn es noch ein Bild gewesen wäre!

»Die Tür ging auf, das Mädchen meldete, daß angerichtet sei. Wir mußten bei Tische Französisch sprechen, denn ihre Neuigkeit bestand darin: sie habe für den Winter eine Jacht gechartert, um Griechenland und die griechischen Inseln zu besuchen. Sie getraue sich jedoch nicht, Griechenland ein halbes Jahr allein zu bereisen, und es sei schwer, einen Herrn zu finden, der abkommen und dem sie vertraun könne. Mir könne sie ja wohl vertraun, und da ich sie früher einmal gern gehabt, sei sie auf den Gedanken verfallen, mich zu fragen, ob ich sie begleiten wolle. Ich werde nie vergessen, wie mich Gertrud in ihren Plan einweihte, wie sie mit reizender Bescheidenheit flüsterte: ›Vielleicht haben Sie mich noch immer gern, und Sie werden mir gewiß nicht zur Last fallen, indem Sie Rechte über mich beanspruchen. Ich habe gar nichts dagegen, daß Sie mir den Hof machen, aber von Rechten will ich nichts hören. Sie wissen, was ich meine. Wenn wir wieder nach England kommen, werden Sie mir nicht nachstellen. Sie wissen, wie ich unter solchen Verfolgungen zu leiden hatte. Nicht wahr?‹ Ist's nicht merkwürdig, wie eine Frau manchmal ihr Bild in einem einzigen Satze malt – nein, nicht malt, wie sie in einem halben Dutzend Zeilen ihre ganze sittliche Natur verrät? In den Worten, die ich angeführt, steckt Gertrud genau so, wie Gott sie erschaffen. Und jetzt muß ich dir erzählen, was es mit den Nachstellungen für eine Bewandtnis hat. Als Gertrud davon anfing, hatte ich keine Ahnung, was sie meinte. Meine Verdutztheit war mir anzumerken, und sie fragte deswegen: ›Wissen Sie nicht mehr?‹ ›Aber natürlich, natürlich,‹ antwortete ich. Dies ist die Geschichte in der Geschichte:

»Eines Tages nach Tisch, als Gertrud aufstand und unbewußt auf mich zukam, schloß ich sie ganz selbstverständlich in meine Arme. Ich sagte ihr, wie gern ich sie hätte und welches Vergnügen mir ihre Gesellschaft sei. Da versprach sie, mit mir in einem Hotel in Lincoln zusammenzukommen. In vierzehn Tagen wollten wir uns dort treffen. Doch zwei Tage vorher ließ sie mich rufen und eröffnete mir, sie müsse mir den Laufpaß geben. Ich hatte Gertrud wirklich gern und war daher wie benommen. Eine lange Stunde beschwor ich sie unaufhörlich, mir doch zu sagen, was sie zu diesem Entschluß gebracht habe. Man sagt natürlich in solchen Fällen einmal etwas Ungerechtes, wirft einem Weib Grausamkeit vor. Was sie denn damit bezwecke? fragte ich. Ob es ihr Spaß mache, mit einem Mann zu spielen, wie die Katze mit der Maus? Meine Vorwürfe schienen Gertrud zwar schmerzlich zu berühren, aber sie wollte ihr Benehmen durchaus nicht erklären. Tränen stiegen ihr in die Augen – echte Tränen scheinbar –, und man konnte nicht gut annehmen, daß sie keine Mühe gescheut, lediglich um zu diesem unbegreiflichen und höchst unerquicklichen Ende zu kommen. Monatelang hörte ich gar nichts von Gertrud, bis sie mir eines Tages ein kleines Geschenk schickte, und als Antwort auf meinen Dankbrief lud sie mich ein, zu ihr aufs Land zu kommen. Als wir dort in den schönen Wäldern spazieren gingen, sagte sie mir den Grund, warum sie damals nicht nach Lincoln gekommen. Ein Pole, den sie in den Spielsälen von Monte Carlo getroffen hatte, stellte ihr nach und drohte, falls er sie mit einem andern Mann erwische, sie samt ihrem Geliebten zu töten. Die Sache hörte sich zuerst ganz unglaublich an, doch als sich Gertrud auf Einzelheiten einließ, konnte kein Zweifel mehr sein, daß sie die Wahrheit sprach. Schon einmal war sie nur mit knapper Not diesem Menschen entgangen. Sie und der Pole waren zusammen in Deutschland, und er hatte sie stundenlang ohne Nahrung auf ihrem Zimmer eingeschlossen. Mit einem Mal stürmte er herein, setzte ihr die Mündung einer Pistole an die Stirn und drückte ab. Zum Glück ging der Schuß nicht los. ›Um ein Haar‹, sagte sie, ›der Abdruck war in der Kugel zu sehn, und ich beschloß, wenn die Sache noch weiter ginge, meinen Mann einzuweihn.‹ ›Noch weiter kann doch die Sache nicht gehn, als wenn die Kugel schon eine Riefe hat,‹ antwortete ich. Aufs neue packte sie Entsetzen. Wir sprachen auf unserm Spaziergang in den Wäldern noch lange davon, und die Furcht verließ uns nicht, der Pole werde mit dem Revolver in der Hand hinter einem Busch hervorspringen. Doch er ließ sich nicht blicken; offenbar wußte sie, wo er steckte, oder sie hatte ein Abkommen mit ihm getroffen. Trotzdem hatte ich, als ich bei Tagesschluß durch den Sommerabend zurückfuhr, von Gertrud nichts weiter erhalten als das Versprechen, daß sie, wenn sie frei wäre, mich rufen würde. Wochen und Monate verstrichen, während deren ich Gertrud dann und wann sah.

»Du siehst, Liebesaffären, die einmal verwirrt sind, bleiben es auch. Deshalb hab ich Angst, es wird uns nie gelingen, den Knoten, den du in unsre Liebesgeschichte gebracht hast, wieder aufzubekommen.

»Doch weiter. Ein Mißgeschick folgte dem andern. Bei manchen Gelegenheiten hab ich mich, scheint's, sehr dumm benommen. Es würde zu weit führen, dir zu erzählen, wieso. Wenn ich sie im Theater traf, tat ich nicht ganz das, was ich hätte tun sollen. Ein ander Mal, als ich sie in einer Vorstadt sah, ließ ich ihren Wagen nicht halten und so weiter und so weiter, bis Gertrud den Entschluß faßte, die Sache zum Klappen zu bringen, und mir eine Einladung zum Abendessen sandte. Ihr reizender Plan bestand, wie ich dir schon erzählt habe, darin, sechs Monate mit mir auf einer Jacht zu verbringen und die griechischen Inseln anzulaufen. Nach dem Essen gingen wir in den Salon zurück, wo sie mir mitteilte, die Jacht sei schon bezahlt – Schoner, Kapitän, Besatzung, alles auf sechs Monate. Doch ich setzte ihr mit vollem Recht auseinander, ich könne ihre Gastfreundschaft nicht so lange annehmen, und brachte den größeren Teil des Abends damit hin, ihr begreiflich zu machen, sie möchte mich bezahlen lassen – Gertrud war reicher als ich –, mindestens ein Drittel der Kosten zur Unterhaltung der Jacht mußte aus meiner Tasche fließen.

»Die Aussicht, ein halbes Jahr im ägäischen Meer zu kreuzen, beflügelte meine Phantasie. Während ich Gertrud lauschte, war ich oft im Geiste weit weg. Vielleicht bei der Landung in Cypern begriffen, beglückt über den Gedanken, den Tempel der Aphrodite zu sehn. Oder ich stand etwa mit Gertrud auf dem Verdeck unsrer Jacht und beobachtete die im Osten verbleichenden Sterne. Die Matrosen singen ein Lied, aus der aschfarbenen Stille erhebt sich ein Wind, und wir hören wieder das Wasser plätschern, wenn sich der Klüver vollsaugt und den Schoner nach Osten treibt. Ich malte mir aus, wie eine halbe Stunde später eine Insel am goldenen Horizont auftaucht, ein stolzes Eiland, die Wege mit weißen Gebäuden, vielleicht mit antiken Tempeln eingefaßt. ›Was wird das halbe Jahr mit Gertrud für ein köstliches Buch geben!‹ sagte ich mir auf dem Heimweg, und der Titel des Buches kam mir wie eine Erleuchtung: ›Eine unempfindsame Reise‹. Gertruds eigne Worte hatten mich darauf gebracht. Hatte sie nicht gesagt, den Hof dürfe ich ihr machen, aber von Rechten wolle sie nichts wissen? Sie konnte sich also nicht darüber beklagen, daß ich ein Buch schrieb, und ich stellte mir vor, wie allabendlich, wenn sich der Liebhaber von ihr verabschiedet hatte, der Chronist eine Stunde an der Arbeit sitzen und seine Eindrücke aufzeichnen würde. Sehr oft würde er so lange schreiben, bis ihm die Feder aus der Hand sank und er in seinem Stuhl einschlief. Man müßte sich sofort Notizen machen, so flüchtig sind die Eindrücke, die man hat, müßte seine Empfindungen sofort analysieren, wie sie kommen und gehn, müßte sich beobachten, wie der Astronom die Bahn eines Planeten, und die Beschreibungen von sich und ihr mit Schilderungen der Meere durchflechten, über die Menelaos gefahren war hinter Helenas Schönheit her – der Schönheit, dem edelsten Ziele des Mannes.

»Da legte die Natur einmal, wollte mir scheinen, einen in jedem Betracht vollendeten Stoff dem Künstler in die Hand. Besonders der letzte Teil entzückte mich: unser Abschied in Plymouth, Portsmouth oder Hull, je nachdem wo wir landen würden. ›Lebwohl, Gertrud! Wir haben ein herrliches halbes Jahr zusammen verlebt. Ich werde nie unsre Tour vergessen. Aber das soll kein Bruch sein; darf ich hoffen, dich manchmal im Winter zu sehn? Gestattest du mir, um die Teestunde vorzusprechen?‹ Und sie darauf: ›Ja. Du bist sehr lieb gewesen.‹ Wir würden uns beide seufzend abwenden, im Bewußtsein eines leisen Kummers, denn jedes Scheiden ist traurig. Doch im Grunde unsres Herzens würden wir uns erleichtert fühlen, froh – so froh, wie sich der Vogel fühlt, wenn er sein Nest verläßt. Es gibt vielleicht nichts Köstlicheres als den ersten Flügelschlag. Ich weiß nicht mehr, worauf ich mich mehr gefreut habe: auf die Dame meines Herzens oder auf das Buch ... Wären die Winde günstiger gewesen, ich hätte vielleicht ein Buch geschrieben, das den Vergleich mit der Literatur des achtzehnten Jahrhunderts hätte aufnehmen können. Das achtzehnte Jahrhundert war zynisch in seinem Liebesempfinden: da kam es oft vor, daß der Galan, während er seiner Dame Huldigungen darbrachte, einen Plan entwarf, wie er sie später demütigen könne. Goncourt zum Beispiel – –«

»Aber Lieber, erzähle doch erst die Geschichte der Jacht fertig.«

»Nun also – es schien unwiderruflich festgesetzt: Gertrud und ich wollten den Schoner in Marseille treffen. Doch die Fahrt durch den Golf von Biskaya ist stürmisch und langwierig. Das Wetter war auf der ganzen Strecke rauh, und das Schiff brauchte lange bis nach Gibraltar. Auf der Fahrt durch die Meerenge wechselte es Signale mit dem Lloyd – wir bekamen ein Telegramm – alles war bereit. Ich hatte mir Seemannskleidung, Schuhe, einen Haufen Sachen bestellt. Doch nach dem Telegramm hörten wir nichts weiter, und eines Abends sagte Gertrud zu mir, sie bekomme allmählich Angst, die Jacht müsse längst in Marseille sein. Nach drei oder vier Tagen lasen wir in der Zeitung – ich glaube, es war im Evening Standard – der große Schoner ›Ring-Dove‹ sei auf der Fahrt zum Golf von Plessy angesichts der Küste gesunken. Wäre er über den Punkt hinaus gelangt, er wäre in Sicherheit gewesen. Die ganze Besatzung, der Kapitän und sieben Mann, waren verloren – auch mein Buch.«

»Lieber Himmel, wie furchtbar! Und was ist aus Gertrud geworden? Bist du nie ihr Geliebter gewesen?«

»Nie. Wir waren enthaltsam, während wir auf die Jacht warteten. Hernach hat sie sich in einen andern verliebt. Sie hat ihn auch geheiratet, und er betrauert sie jetzt. Er war ihr ein trefflicher Gatte. In seinen Armen ist sie gestorben.«

Ich war beständig darauf gefaßt, aus Doris' Munde die Frage zu vernehmen, wie es kam, daß ich mich dazu bereit erklärt hatte, ein halbes Jahr mit einer ungeliebten Frau zu kreuzen, lediglich um ein Buch zu schreiben. Doch es gab eine kurze Frist, da ich sie liebte – in jener Woche vor dem geplanten Rendezvous in Lincoln. Ob Doris stillschweigend damit einverstanden war, daß meine Bewunderung für Gertruds schlanke Hüften, den Zauber ihres Wesens und ihre geschmackvolle Art sich zu kleiden mich zu der Seereise in ihrer Gesellschaft berechtigte, weiß ich nicht. Sie setzte mich nicht durch die peinliche Frage, die ich erwartet, in Verlegenheit. Ist es nicht sonderbar, daß die Menschen niemals die peinlichen Fragen an uns richten, die wir uns ausdenken? Statt dessen fragte sie mich, in wen ich während der letzten fünf Jahre verliebt gewesen sei, und auch das setzte mich in Verlegenheit, allerdings nicht in dem Maße, wie es die andre Frage getan hätte. Ihr zu sagen, daß ich, seitdem ich sie gesehn, ein keusches Leben geführt habe, das wäre ebenso unglaubhaft wie lächerlich gewesen. Ich seufzte also ein wenig und sprach von einer Liaison, die fünf Jahre gedauert habe und nun endlich zum Abschluß gelangt sei. Ich fürchtete schon, Doris möchte fragen, ob der Überdruß das Ende herbeigeführt habe, und es schien daher ratsam hinzuzufügen, die Dame hätte eine heranwachsende Tochter gehabt, und um des Mädchens willen seien wir übereingekommen, unsre Beziehungen abzubrechen, hätten uns jedoch das Versprechen gegeben, Freunde zu bleiben. Doris schwieg, was mich ein wenig beunruhigte; sie erkundigte sich weder nach der Dame noch nach ihrer Tochter. Und aus ihrem Benehmen ging keineswegs hervor, ob sie meinen Worten glaubte, daß besagte Dame mein ganzes Liebesleben in den letzten fünf Jahren umschlossen und daß ich wirklich mit ihr gebrochen hätte. Einen Augenblick wagte ich nicht, Doris anzusehn, bis ich die Überzeugung gewann, daß ihr Mißtraun wenig zu sagen habe, solange es nicht als ein wesentlicher Faktor die gegenwärtige Lage beeinflußte. Unter einem Himmel, der blau, und inmitten einer Natur, die poetisch wie ein Zwischenaktsvorhang, schlummert unser sittliches Bewußtsein. Ja, das war es. Freilich, es gibt eine englische Kirche in Plessy, aber – –! Liebe kleine Stadt, Stadt meines Herzens, wo das Orchester den Marsch aus ›Aïda‹ und die ›schöne Helena‹ spielt! Gelänge es mir, andern eine Empfindung für das köstliche Schäferspiel einzuimpfen, man würde verstehn, warum ich mich während meines Aufenthalts in Plessy ständig als einen Sagenhelden betrachtete, bald als einen des Argonautenzugs, bald als einen vor Troja.

Nachdem ich lange Zeit auf dem Ida geweilt, nachdem ich in Gedanken dem schönsten Weibe den Apfel gereicht, sagte ich:

»Du hast mich über meine Liebesabenteuer ausgefragt – nun erzähle mir auch, in wen du verliebt warst.«

»Ich bin seit drei Jahren verlobt.«

»Und bist du's noch immer?«

Sie nickte, während ihr Blick aufs blaue Meer gerichtet war, und ich sagte lachend, ich hätte weder Heirat noch Verlobung gemeint, sondern die holde, unwiderstehliche flüchtige Neigung.

»Du willst mir doch nicht einreden, daß dich in den letzten fünf Jahren keine Leidenschaft gepackt und dahingeschleift hat, wie die Katze das Mäuschen schleift?«

»Sonderbar, daß du mich danach fragst, denn genau das hat sich zugetragen.«

»Wirklich?«

»Nur daß ich viel mehr zu leiden hatte als die Maus.«

»Doris, erzähl es mir. Du weißt, an Mitgefühl fehlt's mir nicht. Ich werde dich verstehn. Alles Menschliche interessiert mich. Wenn du so innig geliebt hast, wie du sagst, dann wird dein Erlebnis ... Ich muß es erfahren.«

»Warum soll ich's erzählen?« Und ihre Augen füllten sich mit Tränen. »Ich habe schrecklich ausgehalten. Sprich nicht mehr davon. Was hilft es einem, all das wieder aufzufrischen?«

»Doch, es hilft einem. Sehr viel sogar, wenn die Sache vorüber ist, wenn's keine Möglichkeit zu einer Wiederanknüpfung gibt. Erzähl es mir, und dabei wird die Bitternis aus deinem Herzen schwinden. Also wer war es? Wie hast du ihn kennen gelernt?«

»Er war mit Albert befreundet. Albert hat uns bekannt gemacht.«

»Albert ist dein Bräutigam? Die alte Geschichte, die uralte Geschichte. Warum muß es immer der Freund sein? Es gibt so viele andre Männer, aber nein, der Freund lockt immer.«

Und ich erzählte Doris von einem Freunde, der mich einmal beraubt hat, und meine Geschichte hatte zur Folge, daß ihre Tränen trockneten. Doch sie begannen aufs neue zu fließen, als sie den Versuch machte, ihr eignes Erlebnis zu berichten. Kein Zweifel, sie hatte schwer darunter gelitten. Die Dinge sind interessant, je nachdem wir viel oder wenig von uns selbst hineinlegen. Doris hatte offenbar ihr ganzes Leben in diese Affäre gelegt. Sie mag manchem gemein erscheinen, voll Lug und Trug, denn natürlich wurde Albert, wie so mancher andre wackere Mann, grausam übers Ohr gehauen. Aber Doris muß doch tief unglücklich gewesen sein, denn bei der Erinnerung an ihre Leiden war ihr Gesicht tränenüberströmt. Wie ich sie so weinen sah, dachte ich mir: ›Seltsam! Ihr Fall unterscheidet sich doch in nichts von den vielen Fällen, die sich täglich im Menschenleben ereignen. Sie wird mir die alte, schöne Geschichte von den Liebenden erzählen, die ein tückisches Geschick auseinander riß, und hier der Ort ist unbedingt dazu wie geschaffen.‹ Und da ich die Augen erhob, bewunderte ich abermals den ausgebuchteten Strand, die zackige Bergkette, die sich um den Golf zog. Und die Farben waren so stark, daß sie die Sinne betäubten, wie ein Parfüm, wie Moschus. Als ich mich nach Doris umwandte, konnte ich sehn, daß sie ganz in ihren Schmerz versunken war, und nur mit dem Aufgebot aller Kunst vermochte ich sie, mir ihre Geschichte zu erzählen; wenigstens schien es, als ob meine ganze Überredungsgabe dazu nötig sei.

»Sobald du wußtest, daß du ihn liebtest, stand dein Entschluß fest, ihn nicht mehr zu sehn?«

Doris nickte.

»Du hast ihn fortgeschickt, ehe du dich ihm hingegeben?«

Sie nickte, sah mich an, und mit Tränen in den Augen, wodurch sie nur noch schöner schienen, erzählte sie mir, sie hätten beide die Unmöglichkeit empfunden, Albert zu betrügen.

»Wir hielten an uns, bis Fleisch und Blut es nicht mehr ertragen konnten.«

Alle Liebesgeschichten sind darin gleich, daß sie das, was die Rezensenten schmutzige Einzelheiten nennen, enthalten. Doch hätte Tristan nicht aus der Abwesenheit des jagenden König Marke Kapital geschlagen, die Welt wäre um eine große Liebesgeschichte ärmer. Und was bedeutet uns schließlich das Glück König Markes – eines armen, vergänglichen Wichts, dessen Leben nur den einen Gewinn hatte, daß es uns eine unsterbliche Liebesgeschichte schenkte? Und wenn Wagner nicht Mathilde Wesendonk geliebt hätte, und wenn Frau Wesendonk ihrem Manne nicht untreu geworden wäre, hätten wir keinen ›Tristan‹. Wer möchte, um Wesendonks Ehre zu schonen, die Partitur des ›Tristan‹ vernichten? Und Tristans Geschichte ist weder die einzige noch die berühmteste. Wir haben ferner die Geschichte Helenas. Wäre die Gattin des Menelaos ihm nicht untreu geworden, die Welt wäre um die größten Gedichte gekommen, um die Ilias und die Odyssee. Weiß der Himmel, wenn man daran denkt, muß man zugeben, daß die Kunst dem Ehebruch viel verdankt. Kinder stammen aus dem Ehebett, Geschichten aus dem ehebrecherischen Bett; die Welt braucht beide – Geschichten so gut wie Kinder. Selbst meine kleine Erzählung würde nicht existieren, wenn Doris eine zimperliche Maid gewesen wäre, und ebensowenig hätte es mich interessiert, ihr an einem solchen Tag am Meeresstrande zu lauschen, wenn sie mir nichts weiter zu erzählen gehabt hätte, als daß sie Albert unerschütterlich geliebt. Ihre Geschichte ist nicht das, was die Welt ein Heldenepos nennt, und es wäre albern zu behaupten, wenn ein Stenograph sie aufgezeichnet hätte, ließe sich sein Bericht mit der Geschichte Isoldens und Helenas vergleichen. Doch ich habe sie von ihren eignen Lippen gehört, und ihre Tränen und ihre Schönheit ersetzten mir die Sprache Wagners und Homers; so sehr, daß ich nicht weiß, ob die innere Erregung, die ich beim Zuhören fühlte, geringer war als die, welche ich einem Kunstwerk gegenüber empfinde.

»Kennst du die Angst,« begann sie, »vielleicht auch nicht, vielleicht hast du nie genug geliebt, um die Angst zu kennen, die man sich um einen Abwesenden macht. Wir waren einmal den ganzen Tag zusammen, und als wir uns Adieu sagten, machten wir aus, uns zwei Tage lang nicht zu sehn – bis zum Donnerstag. Doch nachts im Bett kam ein unbezwingliches Verlangen über mich, zu wissen, was aus ihm geworden sei. Ich mußte von ihm hören. Ein Wort war mir genug. Doch wir hatten uns das Versprechen gegeben. Es war dumm, es war Wahnsinn, und doch mußte ich ans Telephon, und als ich Anschluß hatte, was glaubst du, was ich zu hören bekam? – ›Gott sei Dank, daß du telephoniert hast. Ich bin wie von Sinnen im Zimmer herumgelaufen. Mir war, als müßte ich verrückt werden, wenn sich nicht das Wunderbare ereignete.‹«

»Wenn du Ralph lieber gehabt hast als Albert – –«

»– warum ich dann nicht Albert aufgegeben habe? Es hätte ihm das Herz gebrochen, sein Leben wäre vernichtet gewesen. Siehst du, er hat mich so viel Jahre geliebt, daß ich der Mittelpunkt seines Lebens geworden war. Er ist keiner von den Männern, die viele Frauen anbeten. Neben seiner Arbeit existiert nichts für ihn. Er macht sich nichts aus Lektüre, aber er liest die Bücher, die mir gefallen. Ich glaube, die Musik an sich ist ihm nichts, aber er hört mich gerne singen, weil ich es eben bin. Er nimmt nie von andern Frauen Notiz. Er weiß wahrscheinlich gar nicht, was sie anhaben, aber meine Kleider gefallen ihm, nicht weil sie geschmackvoll sind, sondern weil ich sie trage. Einen solchen Mann kann man nicht ohne weiteres opfern. Was würde man von sich selbst für eine Meinung bekommen? Man würde an Gewissensbissen sterben. Wir hatten also keine andre Wahl: Ralph mußte gehn. Es hat ihm fast den Todesstoß gegeben.«

»Solche Liebe kann ich dir freilich nicht schenken. Meine Neigung zu dir wird nach so wilden Gefühlsausbrüchen recht lau scheinen.«

»Ich will nichts mehr davon wissen. Ich kann sie nicht mehr ertragen, sie wären mein Tod. Schon ein Teil würde mich umbringen. Zwei Monate nach Ralphs Abschied war ich nur ein Schatten. Ich war noch dünner als jetzt, zu einem Skelett abgemagert, und das Kleid schlotterte mir um den Leib.«

Wir lachten über Doris' Übertreibung, und wir sahen unser Lächeln entstehn und vergehn, wie einen Kringel aus Zigarettenrauch.

»Aber hast du denn in dieser großen Liebe gar kein Glück gefunden?«

»Wir waren nur ganz kurze Zeit glücklich.«

»Wie lange?«

Doris sann nach.

»Wir hatten etwa sechs Wochen – wenn ich es so nennen darf – wahrer Glückseligkeit, während Albert fort war. Als er zurückkam, fingen das Elend und die Gewissensbisse von neuem an. Ich mußte ihn – nicht Albert, den andern – jeden Tag sehn, und Albert merkte mir die Veränderung an. Wir gingen zusammen aus, wir drei, schließlich wurde das Versteckspiel zu durchsichtig, und Albert sagte, er könne es nicht mehr ertragen. ›Geh doch lieber mit ihm allein aus! Wenn es dein Glück ist, will ich dich freigeben.‹«

»Also die Liebe war fast dein Tod. Dafür mußt du aber jetzt der Liebe leben und die Gegenwart genießen. Das Leben ist schön, wenn wir den Augenblick ergreifen, traurig, wenn wir rückwärts, schrecklich, wenn wir in die Zukunft blicken. Eine kleine Christin wie du wird schwerlich in den Tag hineinleben, ohne Schlüsse zu ziehn, und das Heute genießen, wie es die Nymphen tun. Trockne dir die Tränen! Vergiß den Mann! Du sagst doch selbst, es sei ein für allemal vorbei. Denke nur daran, daß Himmel und Meer blau sind, daß es eine Wonne ist, hier am Strand zu atmen. Es wäre mir eine Freude, dich glücklich zu machen, zu sehn, daß du die Vergangenheit dir aus dem Sinn schlägst und der Zukunft die Augen verschließt. Und das kann dir nicht schwer fallen hier an dem herrlichen Strand, unter dem blauen Himmel, wo überall Blumen blühn und wundervolle Spazierfahrten in den Bergen unser warten. Wir schaffen uns unsre eigne Welt. Der Zufall hat dich einmal hierher gebracht und mich zu dir. Du sollst viel essen und schlafen, sollst stärker werden, träumen und Theokrit lesen, damit wir uns, wenn wir in die Berge gehn, ins klassische Altertum versetzt fühlen. Vergiß Albert und den andern, der dich unglücklich gemacht hat. Er war daran schuld, daß du dich mit der Vergangenheit und der Zukunft beschäftigt hast.«

»Ich glaube, ich verdiene auch ein bißchen Glück. Ich habe doch so viel geopfert.«

Bei diesen Worten stieg meine Hoffnung – soll ich sagen: wie ein Ballon, aus dem man eine Menge Ballast ausgeworfen hat? – und schnellte so hoch empor, daß mir Enttäuschung wie ein Federchen erschien, das unten in der Bucht schwimmt. ›Sie verdient ein bißchen Glück und will mich zum Glücklichen machen. Ihre Worte lassen keine andre Deutung zu. Sie hat sie gedankenlos, ganz unwillkürlich hingesagt. Albert ist nicht da; warum soll sie nicht das Glück ergreifen, das ich ihr biete? Ob sie einsieht, daß die Entfernung einen Unterschied ausmacht? Daß es grundverschiedene Dinge sind, Albert zu betrügen, wenn er bei ihr oder wenn sie tausend Meilen entfernt von ihm ist. Hier sind wir doch sozusagen in einem fremden Lande – unter Palmen, am Mittelländischen Meer. Albert ist tausend Meilen fort, da muß es ihr doch leicht werden, mir ihre Liebe zu schenken. Sie hat allerdings gesagt: sie wird nie einen andern heiraten als Albert – aber Untreue ist nicht dasselbe wie Wankelmut.‹ Diese Argumente wollte ich ins Treffen führen, falls ich sie mißverstanden haben sollte. Aber einstweilen getraute ich mich nicht, Fragen zu stellen; es wäre zu peinlich, wenn ich hören müßte, daß ich ihre Worte falsch aufgefaßt. Schließlich sagte ich aus Furcht, sie möchte den Grund meines Schweigens erraten (es fiel mir nichts Gescheiteres ein):

»Du hast von einer Spazierfahrt gesprochen – nicht?«

»Wir haben vom Glück gesprochen – aber wenn du spazieren fahren möchtest ... Es gibt kein größeres Glück als Spazierenfahren.«

»Wirklich nicht?«

Sie kniff mich in den Arm; ich würgte meine Erregung hinunter und fragte, ob ich einen Wagen bestellen solle.

»Wir haben noch Zeit zu einer kleinen Spazierfahrt vor Sonnenuntergang. Du schwärmst doch so für die Berge – eines Tages wollen wir in eine Gebirgsstadt fahren. Es gibt eine wundervolle – Florac heißt sie –, aber dann müssen wir frühmorgens aufbrechen. Heute reicht die Zeit nur, bis zu dem Punkt zu fahren, den du den ganzen Morgen bewundert hast. Der Weg schlängelt sich durch die Felsen, und du willst doch Stechpalmen sehn.«

»Dich, Liebste, will ich sehn.«

»Das tust du ja. Sei nicht lästig!«

»Lästig, Doris! Nie im Leben war mir rosiger zumute. Ich bin noch ganz vertieft in den sonderbaren Glückszufall, der uns zusammengeführt hat. Und noch dazu an einem so gut gewählten Erdenfleck. Kein andrer hätte mich mehr entzückt.«

»Nun sag mir doch, warum dir die Gegend so gefällt.«

»Die Gegend ist mir jetzt einerlei, Doris. Ich denke an dich, an das, was du eben gesagt hast.«

»Was denn?«

»Du sagtest – ich wollte mir die Worte einprägen, aber ich habe sie vergessen, mir ist seitdem so viel durch den Kopf gegangen – du sagtest – wie hast du's nur ausgedrückt? – du hättest so viel durchgemacht, daß du jetzt auf ein gewisses Maß Glück – –«

»Nein, das hab ich nicht gesagt. Ich sagte: nachdem ich so viel geopfert habe, verdiene ich wohl ein bißchen Glück.«

›Sie wußte also ganz genau, was sie sagte,‹ dachte ich. ›Ihre Worte waren nicht rein zufällig.‹ Doch da ich mich nicht zu der Frage getraute, ob sie mich zum Gegenstand ihres Glückes zu machen vorhabe, kam ich auf die Gegend zurück.

»Du fragst mich, warum mir die Landschaft gefällt. Weil sie mich in vergangene Zeiten zurückversetzt, als die Menschheit noch an Nymphen und Satyrn glaubte. Ich hab es immer für etwas Wunderbares gehalten, an Dryaden zu glauben. Weißt du, daß ein Mann, der im Wald umherwanderte, manchmal zwischen den Blättern eine weiße Brust erspähte? Dann konnte er kein sterbliches Weib mehr lieben. Seine Krankheit hieß mit einem schönen Namen Nympholepsie. Jeder würde sich gerne die Krankheit zuziehn.«

»Aber wenn du sie dir holtest, könntest du mich doch nicht lieben. Ich nehme dich deshalb nicht in die Berge mit. Ein Bauernmädchen – –«

»Pfui, Doris! Geh mir mit Bauernmädchen!«

»Dein klassisches Altertum ist das Altertum des achtzehnten Jahrhunderts. Es gibt viele Alkoven darin.«

»Ich weiß nicht, ob der Alkoven eine Erfindung des achtzehnten Jahrhunderts war. Es hat zu allen Zeiten Alkoven gegeben. Aber sieh doch, Doris – lieber Himmel, was sind denn das für Bäume? So etwas Geisterhaftes hab ich noch nie gesehn. Die sind ja wie Gespenster. Die haben ja nicht nur keine Blätter, sondern auch keine Borke und keine Zweige – bloß große weiße Stämme und Äste.«

»Ich glaube, sie heißen Pisang.«

»Das genügt mir nicht, du rätst nur. Ich muß den Kutscher fragen.«

»Ich glaube, Herr, sie heißen Pisang.«

»Sie wissen es also nicht sicher. Halten Sie, ich will einmal die Leute fragen.«

»Sont des plantains, Monsieur.«

»Ich hab's dir doch gesagt,« meinte Doris lachend.

Hinter dieser gespensterhaften Allee lag zu beiden Seiten des Weges freies Feld.

»Sieh nur, wie flach das Land ist,« flüsterte Doris, »bis dicht an den Fuß der Berge heran. Mir macht es Freude, den Landleuten auf dem Felde zuzusehn.«

Ich erklärte, dazu nicht imstande zu sein; keiner hätte es gekonnt, wenn Doris neben ihm gesessen. Ich hatte außerdem lange Monate schwerer Arbeit hinter mir; und ich erinnere mich, wie ich Doris beteuerte, als wir über die Felder bis an die Berge heranfuhren, ihre Schönheit allein reize mich nicht; die wäre nicht, was sie wäre, gewänne sie nicht erhöhten Glanz durch ihr witziges Wesen und ihre Liebe zur Kunst. Was wäre sie ohne die Musik? So wenig wie ihr Gesicht noch das gleiche wäre ohne seinen heitern Ausdruck. Heiterkeit habe jedoch nur dann etwas Bezauberndes, wenn sie aus der Intelligenz stamme. Nichts gehe so auf die Nerven wie ein ausdruckloses Grinsen; da sei ein Gesicht aus Stein verführerischer. Doch Doris bildete sich auf ihre Schönheit mehr ein als auf ihren Verstand und wollte nichts davon wissen, daß die Schönheit von der Intelligenz abhänge. Unsre Unterhaltung schwärmte dahin, bald nach dieser, bald nach jener Richtung.

Liebespärchen lassen sich in zwei Gattungen einteilen: in die Geschwätzigen und die Schweigsamen. Exemplaren der schweigsamen Art begegnet man auf manchem Seitenarm der Themse – dicht bis ans schattige Ufer herangefahren ist das Boot, darinnen das Pärchen Seite an Seite ruht, die Arme umeinander geschlungen den ganzen Nachmittag. Wenn der Abend naht und es Zeit zur Heimkehr wird, rudert der junge Mann ans Land, und sie trennen sich mit den Worten: ›Also, Schatz, nächsten Sonntag um dieselbe Zeit.‹ ›Ja, um dieselbe Zeit nächsten Sonntag.‹ Wir gehörten zu der redseligen Gattung, wie unsre Unterhaltung im einzelnen beweist.

»Aber Liebster, Liebster, bedenke doch, daß wir im offnen Wagen sitzen.«

»Was scheren uns die Leute!«

»Wenn ich es aber nicht mag, Lieber!«

Um mein Verlangen nach ihren Lippen zu rechtfertigen, verglich ich ihre Schönheit mit der eines griechischen Kopfes auf einer Vase; sie sei schön wie eine Kamee, sagte ich, zart wie eine Tanagra-Figur. Ihr Körper, den ich noch kaum gesehn, war sicher ebenso vollkommen.

»Und dich sehn und nicht besitzen, dein Gesicht nicht in meinen Händen halten, wie man eine Vase hält, ist –«

»Was?«

»– ein Unglück. Ich schmachte danach, dich zu besitzen. Stelle dir einmal meine Enttäuschung vor, wenn ich bei einer Ausgrabung hier im Gebirge eine schöne Vase fände und einer sagen wollte: ›Sie dürfen sie ansehn, aber nicht berühren.‹«

»Liebst du mich denn so sehr?« antwortete sie, etwas erregt, denn aus meinen Worten sprach echtes Gefühl.

»Ja, Doris.«

»Wir könnten eigentlich hier aussteigen. Ich möchte gern, daß du die Aussicht von der Bergspitze hast.«

Wir gaben dem Kutscher die Weisung, er brauche uns nicht zu folgen, er solle warten und sein keuchendes Pferd ruhen lassen, und schritten weiter. Ob Doris an die Aussicht dachte, weiß ich nicht; ich weiß nur, daß ich an nichts andres dachte, als daran, Doris zu küssen. Das wäre ein Genuß gewesen – sogar hier auf dem kalten Berggrat.

Der Weg führte, wie ich merkte, um das Joch des Berges. Wir gelangten bald auf die Kuppe und konnten den Weg im Talkessel ins Dorf einmünden sehn, das als eine doppelte Häuserreihe – kaum mehr – der See gegenüber lag. In diesem Dorf frühstückten wir vielleicht einmal; vielleicht auch nicht. Einerlei, wir würden das Dorf gewiß nicht vergessen, so wenig wie den Weg, der auf der andern Seite herausführte bis an die Berge. Manchmal verloren wir ihn aus den Augen; ein Fels verdeckte ihn oder eine Baumgruppe. Dann kam er nach einer Weile wieder zum Vorschein, stieg die Berge vor uns hinan und lief zweifellos auf der andern Seite wieder in ein Dorf ein, und so weiter um die ganze Küste von Italien. Selbst der Gedanke, Doris zu küssen, hinderte mich nicht, den Weg und die Krümmungen des Golfes zu bewundern.

»Du wolltest doch Oliven sehn – das sind Oliven.«

»Das – Oliven! Seh ich endlich Oliven!«

»Bist du enttäuscht?«

»Ja und nein. Der weiße, knorrige Stamm läßt sogar die jungen Bäume alt erscheinen. Die Olive gleicht einem Greise auf schwachen Beinen. Sie hat etwas Rührendes. Man möchte ihr nicht gerne nachsagen, sie sei häßlich; sie ist es nämlich nicht, aber es wäre nicht so einfach, anzugeben, worin ihr Reiz besteht. Schatten spendet sie nicht, und sie ist so grau – nichts ist so grau wie die Olive. Da gefällt mir die Stechpalme doch besser.«

Ich denke an den Weg und die Stechpalmen wie an eine Stelle im Theokrit. Doris – schon der Name erinnert an das klassische Altertum, und es stimmte dazu, daß ich sie unter Stechpalmen zum ersten Male küßte. Ich hatte sie freilich schon vorher geküßt, aber diese frühere Episode hat keinen Chronisten gefunden und wird wahrscheinlich nie einen finden. Der Gedanke erfreut mich, daß die Schönheit der Stechpalme vielleicht an Doris' Küssen schuld ist – bis zu einem gewissen Grade. Ihre liebliche Anmut, ihre Tanagra-Schönheit harmonierte mit der des Baumes; denn er besitzt eine antike Schönheit, wie kein andrer. Theokrit hat gewiß manches Gedicht in seinem Schatten verfaßt. Es ist der einzige Baum, auf den die alte Welt mit Wohlgefallen geblickt hat. Und wenn es möglich wäre, aus Bäumen Statuen zu meißeln, ich bin überzeugt, Bildhauer würden sich die Stechpalme aussuchen. Buche und Birke, alle andern Bäume erschlossen erst ihre Schönheit, als die Malerei aufkam. Kein Baum sonst gibt sich eine so schöne Form wie die Stechpalme, ragt so üppig und würdevoll zum Himmel empor – ein König in einem Samtgewand. Wir standen da und blickten die Gruppe an, voll Bewunderung für ihre Fülle und den Glanz ihrer Blätter, bis mir auf einmal die Stechpalme nebensächlich wurde und ich an die einsame Nacht denken mußte, die mir bevorstand.

»Liebe Doris, es ist mehr, als Fleisch und Blut aushalten können. Es war eine Dummheit von mir, dir ein Telegramm zu schicken. Hätt ich's nicht getan, hättest du nicht gewußt, mit welchem Zug ich komme. Du hättest in deinem Bett fest geschlafen, und ich wäre direkt zu dir ins Hotel gegangen.«

»Aber, teurer Freund, du willst mich doch nicht kompromittieren. Alle Welt wüßte ja dann, daß wir im selben Hotel wohnen.«

»Mein Liebling, es könnte ja ganz zufällig sein. Und wenn es Zufall wäre, was würdest du machen?«

»Ich kann nur sagen, es wäre ein höchst unglücklicher Zufall.«

»Dann bin ich tausend Meilen umsonst gefahren. Das ist ja noch schlimmer als damals in London, als ich dich deiner strengen Grundsätze wegen verließ. Ist denn gar nichts zu machen?«

»Bin ich dir nicht herzlich zugetan? Wir haben den ganzen Tag zusammen verlebt. Es ist wirklich nicht nett von dir, daß du mir vorwirfst, ich hätte dich einen Fleischergang geschickt.«

»Das hab ich nicht gesagt.«

Doris war ärgerlich, und als sie wieder den Mund auftat, sagte sie: »Wenn's dir nicht paßt, kannst du ja wieder abreisen.«

»Das ist unfreundlich von dir, daß du den Vorschlag machst, ich solle wieder abreisen.«

Es blieb mir nichts andres übrig, als zu warten und mich der Hoffnung hinzugeben, daß das Leben, das in jeder Lage voller Zufälle ist, uns zu Hilfe kommen werde; denn Doris lauerte offenbar ebenso ungeduldig wie ich auf eine Gelegenheit, nur wollte sie sich nicht kompromittieren. Das Klügste war es, nicht mehr daran zu denken; denn Nachdenken macht uns unglücklich.

Als ich wach im Bette lag, überlegte ich, ob ich etwas gesagt hätte, das meine Aussichten, sie zu erringen, beeinträchtigen könne, oder ob ich etwas zu sagen unterlassen, das sie vielleicht bestimmte nachzugeben. Wenn man nachts wach liegt, denkt man an die Fehler, die man begangen; die Gedanken klappern einem im Kopf. Lieber Himmel, wie dumm war es von mir, daß ich mir das oder jenes Argument hatte entgehn lassen! Vielleicht, wenn ich zärtlicher in meinen Worten gewesen, eine christlichere Gesinnung verraten hätte – all das heidnische Zeug, die Redensarten von Nymphen und Dryaden und Satyrn und Faunen haben ihr vielleicht Angst eingejagt. In der Hitze des Augenblicks sagt man mehr, als man will, obgleich man im allgemeinen wohl daran tut, mit allem Nachdruck darauf hinzuweisen, daß es einen Begriff wie gemeine Naturtriebe gar nicht gibt, daß alles an uns göttlich ist. Wir sind so veranlagt, daß der Verstand sich dem Herkömmlichen fügt, und unsre Aufgabe ist es, bei der Konvention zu bleiben, gerade wie in der Oper. Da scheint der Gesang natürlich, solange die Personen nicht sprechen. Sprechen sie erst einmal, so können sie nicht zur Musik zurück; die Konvention ist durchbrochen. Und wie in der Kunst ist's im Leben. Sage einem weiblichen Wesen, sie sei eine Nymphe, und sie darf von dir genau wie von einem Faun erwarten, daß all dein Wissen die Freude am Sonnenlicht ist, daß du keine andern Träume hast als die Anbetung des vollendeten Runds ihrer Brust, keinen höheren Wunsch, als Trauben für sie abzupflücken, und sie wird sich dir, keiner Sünde bewußt, hingeben. Mit solchen Gedanken beschäftigt, muß ich eingeschlummert und mein Schlaf muß gesund gewesen sein, denn ich konnte mich an gar nichts erinnern, bis mir das Bad ins Zimmer gestellt wurde und ich wieder die holden Sonnenstrahlen über die Tapete huschen sah.

Ehe wir uns gestern abend getrennt, hatten Doris und ich verabredet, ich solle eine Stunde früher als gewöhnlich im Hotel vorsprechen – schon um halb elf. Sie hatte versprochen, bis dahin fertig zu sein. Wir wollten nach Florac fahren, einem Bergstädtchen, das in zwei Stunden zu erreichen war, und wollten dort frühstücken. Während ich mich ankleidete und im Wagen zu ihr ins Hotel fuhr, nährte ich die Hoffnung, vielleicht werde es mir gelingen, Doris zu einem Frühstück im Séparé zu überreden; daß dies allerdings schwer sei, war mir die ganze Zeit über klar: denn der gemeinsame Speisesaal war noch leer, fiel mir ein, und ganze Schwärme Kellner, von denen jeder einzelne versuchen würde, uns an seinen Tisch zu locken, scharten sich voraussichtlich wie Krähen um uns.

Das Dorf Florac liegt hoch oben im Gebirge; es zieht sich an den Felsenriffen entlang, die ins Tal ragen. Wenn man mit dem Zug nach Süden fährt, sieht man viele solcher, am Berghang gebauter Städtchen, die wie Vogelnester über dem Rande des Abgrunds hängen, sich von einem roten Hintergrund abheben und den felsigen Berg krönen. Zweifellos, diese aus dem Mittelalter stammenden Städtchen wurden an so merkwürdiger Stelle angelegt, weil der Berggipfel gegen feindliche Überfälle Schutz gewährt. Ein andrer Grund läßt sich nicht ausdenken; man kann doch nicht gut annehmen, daß die Menschen im fünfzehnten Jahrhundert so von dem Pittoresken gefesselt wurden, daß sie deshalb alle Lebensbedürfnisse die Berge hinaufschafften, mehrere hundert Fuß über der Ebene, und wahrscheinlich noch auf schwierigen Wegen – die ausgezeichnete Straße, die sich um den Bergrand, bald rechts, bald links, herumzog und um jede plötzliche Steigung wie ein graues Band um einen Hut legte, war noch nicht vorhanden, als Florac gebaut wurde. Links flacht der Boden ins Tal ab, nach dem Meere zu, und dort an den Halden wuchsen überall Oliven. Uns zu Häupten standen auch Oliven; hier und dort tauchte ein Orangengarten auf. Immer wieder wurden wir in unsrer Unterhaltung durch irgend einen überraschenden Anblick gestört: durch den Golf, der rund um die Bergzacken herumging und in der Entfernung mehr denn je einem altitalienischem Bilde glich aus einer Periode, ehe sich die Maler mit Beleuchtungs- und realistischen Effekten abgaben, als sich die Menschen noch mit der Schönheit befaßten.

Das tat ich jetzt, denn so oft ich Doris ansah, kam es mir vor, als hätte ich nie etwas Reizenderes gesehn; und nicht allein ihr Gesicht, auch ihre Unterhaltung bezauberte mich noch immer. Sie erzählte mir mit Vorliebe Schnurren, die sie plötzlich abbrechen mußte, und gerade das war so nett an ihnen.

Neben der letzten Villa wuchs ein Eukalyptusbaum; die Sonne brannte so heiß, daß mich Doris bat, ihr den Schirm zu halten, aber der Weg verlief in einem so beständigen Zickzack, daß ich nie zur rechten Zeit den Sonnenschirm auf die andre Seite hielt. Dann schien ihr ein Strahl prall ins Gesicht und vermehrte vielleicht noch die Zahl der Sommersprossen – ein paar saßen gerade an der kleinen Nase, die man stets mit Vergnügen betrachtete. Doris hatte eine jener kleinen Beichten begonnen, die so interessant sind und die man nur von einer angebeteten Frau zu hören bekommt, die uns auch vermutlich gleichgültig wären, wenn wir sie von jemand anders hörten. Ich war entzückt von Doris' Worten: »Das ist das erste Mal, seit ich allein wohne, daß man mich nicht mit Fragen behelligt. Wie hat es mich gefreut, als mir beim Anziehen plötzlich einfiel, daß mich nun keiner fragen würde, wo ich hinginge, daß ich frei wie ein Vogel war, der nach Belieben vom Ast hüpft und davonfliegt. Zu Hause sind immer Menschen um einen herum, einer ist im Speisezimmer, einer im Salon; und wenn man mit dem Hut auf dem Kopf im Flur steht, ist immer einer da und fragt, wohin man will, und wenn man sagt: ›Das weiß ich nicht‹, dann heißt's: ›Gehst du rechts oder links hinunter? Denn wenn du links gehst, frage doch bitte einmal in der Apotheke nach, ob – –‹« Ich war ganz ihrer Meinung. Das Familienleben, sagte ich, erniedrigt das Individuum und ist nur dadurch harmloser als der Sozialismus, daß man ihm entwischen kann ...

»Aber Doris, du bist doch nicht krank! Du siehst besser aus.«

»Ich habe mich heute morgen gewogen – ich habe zwei Pfund zugenommen. Wie du siehst, bin ich guter Laune, und die Gesundheit einer Frau dreht sich hauptsächlich darum, ob sie gut gelaunt ist und ob ihr jemand den Hof macht.«

»Den Hof macht! Liebe Doris, hier ist keine Gelegenheit dazu. Das ist das einzige, was ich an dem Platz auszusetzen habe. Meer, Golf, Bergstädtchen – alles, was ich sehe, ist in jeder Einzelheit vollkommen, nur das Wesentliche fehlt. Ich habe daran gedacht, Doris, wir könnten eigentlich um deiner Gesundheit willen ein paar Tage in Florac bleiben.«

»Mein Lieber, das ist ausgeschlossen. Alle Welt würde erfahren, daß ich hier gewesen bin.«

»Mag sein, aber ich bin andrer Ansicht. Einerlei – ich freue mich, daß du zwei Pfund zugenommen hast ... Du hast sicher Bergluft nötig. Das Meer ist für die Nerven gar nicht gut. Ich habe einen Freund in Paris, der sehr nervös ist und deshalb jedes Jahr in die Schweiz gehn und das Matterhorn besteigen muß.«

»Das Matterhorn!«

»Na ja, das Matterhorn oder den Mont Blanc. Er muß Berge besteigen, Gletscher oder so was. Voriges Jahr schrieb ich ihm, ich verstünde die drei Zeiten der Vergangenheit im Französischen nicht, ob er mir erklären wolle, warum – irgend etwas, ich weiß nicht mehr was –, und er schrieb mir zurück: ›Avec mes pieds sur des glaciers je ne puis m'arrêter pour expliquer les trois passés.‹«

Doris lachte; es interessierte sie um so mehr, als ich ihr den Briefschreiber vor einigen Jahren vorgestellt hatte. Und dann erörterten wir das Problem der fussent, eussent, été, und nachdem wir die Ausdrucksmöglichkeiten der französischen Grammatik erschöpft hatten, kehrten wir zu unserm Anfangsthema zurück: ob sich Doris überreden lassen wolle, drei Tage im Hotel in Florac zu bleiben – zum besten ihrer Gesundheit, versteht sich.

»Ich weiß wirklich nicht, ob mir Bergluft nicht gut täte. Plessy liegt sehr tief und ist sehr erschlaffend.«

»Sehr.«

Aber wenn ich ihr auch die Überzeugung beibrachte, daß es klüger gewesen wäre, gleich nach Florac zu gehn, so waren alle Überredungsversuche umsonst, sie zu veranlassen, drei Tage mit mir dort im Gasthof zu verweilen. Als wir durch die Stadt fuhren, war meine einzige Hoffnung noch, daß ich sie vielleicht bewegen könne, mit mir in einem Séparé zu speisen. Doch die salle du restaurant war fünfzig Fuß lang und dreißig Fuß breit, hundert Tische standen darin, eher noch mehr, der Fußboden war aus gebohntem Eichenholz, die Decke gemalt und vergoldet, und fünfzig Kellner harrten der Schwalben, die aus dem Norden eintreffen mußten. Wir waren die ersten Vögel.

»Sollen wir in einem Privatzimmer frühstücken?« flüsterte ich zaghaft.

»Gott bewahre! Ich würde mich nicht getraun, vor all den Kellnern in ein Privatzimmer zu gehn.«

Mein Mut sank abermals, und als Doris fragte: »Wo wollen wir uns hinsetzen?« antwortete ich: »Irgendwohin, irgendwohin – mir egal.«

Die Pferde hatten zwei Stunden gebraucht, zu dem Bergstädtchen hinaufzuklimmen, und da ich um mein erstes Frühstück gekommen war, hatte ich einen Bärenhunger. Eine Büchse Sardinen und eine Portion Butter und die Aussicht auf ein Omelette und ein Beefsteak verdrängten alle Gedanken an Doris für den Augenblick aus meinem Hirn, und das war gut so. Wir schwatzten ununterbrochen, und es ließ sich unmöglich sagen, wer von uns beiden mehr in der Unterhaltung aufging; jeder schien eine auffallende Freude daran zu finden, selbst zu sprechen und den andern Teil sprechen zu hören.

»Ich habe dich jetzt eben nicht unterbrochen – es schien mir grausam, denn du hast dich so gut dabei amüsiert,« sagte Doris lachend.

»Dafür verspreche ich, dich das nächste Mal nicht zu unterbrechen. Du bist mitten in einer deiner Schnurren stehn geblieben.«

Bald darauf erzählte mir Doris noch eine, denn sie war voller Schnurren. Sie beobachtete das vorüberziehende Schauspiel des Lebens und konnte wiedergeben, was sie gesehn hatte. Unser Gespräch war auf verflossene Jahre zurückgekommen, auf den Abend, als ich sie zum ersten Mal in weißem Kleide, mit aufgelöstem Haar, das ihr golden über die Schultern wallte, durch den Salon schreiten sah. Und in diesem Moment hatte ich an dem Blick ihrer Augen gemerkt, daß sie mich durchschaut, daß sie in mir einen ihres Schlags erkannt hatte. Ich hatte oft mit ihr über diesen Blick gesprochen, und wir sprachen gerne davon und über die Zeit, als wir in Paris befreundet wurden. Sie hatte mich schriftlich aufgefordert, sie und ihre Mutter zu besuchen. Ich hatte sie in einem seltsamen kleinen Hotel vorgefunden, als sie eben im Begriffe waren, in eine entfernte Vorstadt zu fahren, um dort bei einem alten Trödlerpaar, das mit Porzellan und Glas handelte, Geschenke zu kaufen; hier bekomme sie, erklärte Doris' Mutter, ihre Geschenke fünfzig Prozent billiger als anderswo. Sie war eine von den Frauen, die drei Mark für einen Wagen ausgeben, um zwanzig Pfennig an einer Blumenvase zu sparen.

»Wir brauchten mehrere Stunden dazu, in das alte, vergessene Viertel zu kommen, in die alte, sonderbare Straße, in der die Leute wohnten. Es waren alttestamentarische Juden, die den Talmud lasen und scheinbar ganz abgesondert, ohne jede Berührung mit der modernen Welt lebten. Man glaubte sich ins Mittelalter versetzt, wenn sich dies wunderliche Paar koboldartig unter dem Porzellan und Glas bewegte. Siehst du sie je? Oder sind sie tot?«

»Ich will dir erzählen,« rief Doris, »was aus ihnen geworden ist. Der alte Mann starb vor zwei Jahren, und seine Frau, die vierzig Jahre an seiner Seite gelebt hatte, konnte die Einsamkeit nicht ertragen. Was meinst du, was sie da getan hat? Sie ließ ihren Schwager kommen – –«

»Um ihn zu heiraten?«

»Nein, das nicht – um sich mit ihm über ihren Mann zu unterhalten. Die beiden Menschen hatten so lange zusammen gelebt, daß die Frau mit ihrem seligen Mann sozusagen verschmolzen war. Ihre Gewohnheiten waren die seinen geworden, seine Gedanken die ihren. Die Geschichte ist wirklich sehr komisch.« Und Doris platzte heraus und konnte einige Zeit nicht weiter sprechen, so sehr mußte sie lachen. »Der alte Mann tut mir leid,« sagte sie schließlich.

»Wer? Der Schwager?«

»Ja. Er ist nämlich magenleidend und kann alle die Lieblingsspeisen seines Bruders nicht vertragen, aber die Frau kann und will nichts andres kochen.«

»Mit andern Worten,« sagte ich, »das Andenken an Bruder Isaak vergiftet Bruder Jakob.«

»So ist's.«

»Was ist doch diese Welt für eine absonderliche Stätte!« Plötzlich trieben aber meine Gedanken wieder zurück. »Ach, Doris, ich bin so unglücklich – hier der Ort – ich wünschte, ich wäre nie gekommen.«

»Na, na, hab nur ein bißchen Geduld. Zum Schluß wird noch alles gut.«

»Wir sind ja nie allein.«

»Doch. Warum denkst du das?«

»Weil ich an nichts andres denken kann.«

»Nun, du mußt aber. Wir wollen in die Parfümfabrik gehn; da will ich mehrere Flaschen Odeur für mich und Geschenke für meine Bekannten kaufen. Wir kriegen dort das Parfüm fünfundzwanzig bis fünfzig Prozent billiger.«

»Wollen wir nicht lieber Bilder betrachten? In der Kirche sind einige.«

Bei näherer Erkundigung hörten wir jedoch, sie seien entfernt worden. Ich ging daher mit Doris durch die Parfümfabrik. Die Arbeit ruhte fast ganz; wie der Inspektor sagte, wartete man auf Veilchen. Ein paar alte Weiber rührten Kessel um, und gelangweilt – denn es interessierte mich nicht im mindesten, zumal in diesem Augenblick – hörte ich seinen Bericht mit an: die Blumen würden auf Fettschichten gelegt, das Fett ziehe den Wohlgeruch ein und werde dann durch Alkohol beseitigt. Die Arbeitsräume waren kalt und zugig, und die Auswahl der Parfüms, die wir kaufen wollten, nahm lange Zeit in Anspruch. Schließlich entschied sich Doris für drei Flaschen von dem, drei Flaschen von jenem, vier von diesem und zwei von jenem. Ihr Parfüm war Heliotrop; das benutzte sie immer.

»Du hast es auch gern – nicht wahr, Lieber?«

»Ja, aber was kommt es darauf an?«

»Sei nicht eigensinnig! Mach kein so trauriges Gesicht!«

»Was du deinen Bekannten mitbringst, geht mich nichts an, aber daß du Heliotrop für dich kaufst, ist wirklich zu zynisch.«

»Zynisch! Warum ist das zynisch?«

»Weil es, mein Lieb, herausfordernd an dich erinnert, an den schlanken Körper, der in eine Duftwolke von parfümiertem Batist gehüllt ist und seinen lieben Wohlgeruch ausströmt, wenn ich dir zum Gruß entgegentrete. Warum suchst du mich zu quälen?«

»Aber, lieber Freund – –«

Ich war nicht zu beschwichtigen, rückte von ihr ab und saß finster vor mich hinbrütend in der Wagenecke. Aber Doris streckte die Hand aus, die seidenweiche Hand, deren Berührung meine nervöse Reizbarkeit besänftigte. Wir fuhren die steilen Straßen hinab, wobei der Kutscher häufig die Bremse benutzen mußte. Der Abend wurde schon recht kühl; ich fragte deshalb Doris, ob ich dem Kutscher sagen solle, er möge anhalten und das Verdeck heraufklappen. In einem geschlossenen Wagen ist man so gut wie allein. Aber jeden Augenblick wurde ich daran erinnert, daß Leute vorübergingen, und zwischen Doris' Küssen tauchte der Gedanke auf, daß ich nach Paris zurückkehren müsse, mochte sie es mir noch so sehr verübeln. Es wäre wirklich unfreundlich, sie allein zu lassen, denn sie fühlte sich nicht besonders kräftig; sie brauchte jemand zu ihrer Pflege. Während ich die Frage im stillen erwog, sagte Doris:

»Du hast nichts dagegen, Liebster? Aber eh ich ins Hotel fahre, muß ich einen Besuch machen.«

In den drei Wochen, die Doris vor meiner Ankunft in Plessy zugebracht, hatte sie alle möglichen Bekanntschaften angeknüpft mit alten Jungfern, die in den verschiedenen Hotels en pension wohnten und, sobald Gäste eintrafen, das Feld räumten, um sich einen andern Kurort zu suchen, wo die Saison noch nicht begonnen hatte und wo sie Kost und Logis für zehn Francs täglich haben konnten. Auch ich war mit Miß Tubbs und Miß Whitworth bekannt geworden, und wir speisten an diesem Abend bei ihnen. Doris meinte, wir könnten es nicht ausschlagen, wenigstens einmal bei ihnen zu essen.

»Aber wenn wir den Abend bei ihnen verbringen, seh ich wirklich nicht ein – –«

»Du hast ganz recht. Lieber, aber weißt du nicht mehr: du hast fest versprochen, mit mir zu Formans zu gehn?«

Miß Forman hatte gestern abend bei uns gegessen. Ihre Mutter war nicht imstande gewesen mitzukommen; das war für mich ein Trost – einerlei, was es für Doris gewesen. Mrs. Forman war, wie ich erfahren, eine sehr alte Dame, und da die Tochter auf mich den Eindruck einer ganz indifferenten Person machte, dachte ich, als ich mich zu Tisch setzte: ›Eine von der Familie ist gerade genug‹. Das Alter der Mutter konnte ich nicht erraten, denn die Tochter mochte für siebzig gelten. Wenn man aber kurze Zeit mit ihr sprach, merkte man, daß sie nicht so alt war, wie sie auf den ersten Blick aussah. Nichts stimmt mich so traurig wie Menschen, die vorzeitig altern, denn der Grund liegt gewöhnlich in einer Abnahme der Geisteskräfte. Fängt erst der Geist an, sich zu verengern und abzusterben, so folgt der Körper bald nach; Vorurteile und Konventionen machen älter als die Jahre. Man konnte Miß Formans Erscheinung leicht anmerken, noch ehe sie den Mund aufgetan, daß seit langem keine neue Anregung in ihr Leben getreten war. Ich sah sofort in ihr eine von den Töchtern, die man im Ausland vielfach in Provinzstädten findet, wo sie mit ihrer Mutter von einer kleinen Rente leben. ›Die Tragödie der Tochter steht ihr auf dem Gesicht geschrieben,‹ dachte ich, und während ich mit ihr sprach, nahm ich sie aufs Korn und las alles aus ihr heraus, was diese Tragödie bildet. Miß Forman hatte das Gesicht dieser Heldinnen, denn es sind Heldinnen – die breite, niedrige Stirn, die hohe Nase, die grauen, gefühlvollen Augen, aus denen Pflichtbewußtsein und Selbstaufopferung spricht. Ihre Kleidung und ihr Benehmen waren ebenso bezeichnend, gleichsam eine Andeutung des Lebens, das sie geführt hatte. Sie trug ein schwarzseidenes Kleid, das altmodisch aussah – warum, vermag ich nicht anzugeben. War es das Kleid oder das Stück schwarzer Spitze, das sie auf dem Kopfe trug, oder die viktorianischen Ohrringe, die von den Ohren bis in den aschgrauen Hals herabhingen, was ihrer Erscheinung einen verjährten Anstrich gab, das Aussehn einer alten Photographie? Ihr Benehmen führte noch weiter ins vorige Jahrhundert zurück als die Photographie; sie schien aus den Seiten eines alltäglichen, uninteressanten Romans hervorgetreten zu sein, aus einem recht gleichgültigen Buch, das Ende des achtzehnten Jahrhunderts entstanden, ehe man die Kunst des Romanschreibens erfunden hatte. Die Art, wie sie zuhörte, war die Höflichkeit selbst, und sie ließ sie nie außer acht, wiewohl sie selten meine Worte verstand. Wenn ich einen Satz beendet hatte, wiederholte sie in ihrer Antwort das, was ich indirekt gesagt hatte, wie jemand, dessen Hirn nur der allergewöhnlichsten Unterhaltung zu folgen vermag. Sie lachte, wenn sie glaubte, ich hätte etwas Komisches gesagt, und sah bisweilen etwas verlegen aus; ganz behaglich schien sie sich nur zu fühlen, wenn sie von ihrer Mutter sprach. Kam die Rede zum Beispiel auf Bücher, so warf sie die Ansichten ihrer Mutter dazwischen; sie hielt es für etwas Großartiges, daß ihre Mutter – sagen wir: ›Die drei Musketiere‹ dreimal gelesen hatte. Sie interessierte sich für alle Eigenheiten der alten Frau, die sie Mama zu nennen pflegte. Das Wort machte ihr offenbar besonderes Vergnügen: so oft sie es aussprach, flog ein Freudenstrahl über ihr altes Gesicht. Allmählich lernte ich sie verstehn und wußte, wo ich sie unterzubringen hatte. ›Die Tragödie der Tochter‹, flüsterte ich, sann darüber nach, indem ich in meiner gewohnten Weise philosophierte, und suchte mich mit dem Besuch auszusöhnen. ›Schließlich bin ich in eignen Geschäften hier, ich habe daher kein Recht zu murren.‹

Nun wollte ich wissen, wie sich Miß Forman in ihren vier Wänden ausnahm; vor allen Dingen: ob ihre Mutter so typisch für die Mutter war, die das Opfer der Tochter annimmt, wie Miß Forman für die Tochter, die das Opfer bringt. Dem Aussehn der Tochter nach zu schließen, hatte ich mir Mrs. Forman als eine schlanke, hübsche, vornehme Dame vorgestellt, auf dem Sofa liegend mit einem Häubchen auf dem weißen Haar, die Füße mit einem Schal zugedeckt, den ihr die Tochter von Zeit zu Zeit zurecht rückte. Die Natur bietet immer Überraschungen, sie folgt ihrem eignen Rhythmus; wir schlagen den Takt: eins, zwei, drei, vier, aber der unsichtbare Dirigent gibt einen feineren Rhythmus an. Doch gefällt sich die Natur auch in einem unregelmäßigen Takt, diese Schwankungen sind scheinbar größer als in Wirklichkeit; denn wenn wir genau hinhören, merken wir, daß alles wie am Schnürchen geht. Als ich Mrs. Forman ansah, erkannte ich, daß sie die unvermeidliche Mutter einer solchen Tochter und daß die Klangverbindungen der Natur harmonischer waren als meine eignen. Das erste, was mir an ihr auffiel, war die persönliche Energie, die ich an der Tochter vermißt hatte und die bei der Mutter trotz ihren fünfundsiebzig Jahren noch nicht erloschen war. Die Tochter kam mir jetzt wie ein Baum im Schatten vor. Sie war ein Kind geblieben und hätte sich nur zum Weibe entwickeln können, wenn jemand sie fortgenommen hätte. Sicher, auch um sie hatte einmal einer geworben; es gibt kein weibliches Wesen, das nicht seine Herzensangelegenheit gehabt hätte (oder nur sehr wenige). Und ich malte mir aus, wie Miß Forman zugunsten ihrer Mama verzichtet, und wie die Mama – die untersetzte, dicke Frau, die einer Schmalzkugel zum Verwechseln ähnlich sah, trotz ihrer Ischias noch geistig rege, mit einem Paar Vogelaugen in dem glänzend weißen Gesicht – wie die Mama, ohne an das Opfer der Tochter zu denken, als sie eines Abends am Kamin ihre Beine wärmte, zu ihr sagte: ›Ich habe nie begriffen, Caroline, warum du den Soundso nicht geheiratet hast. Er hätte sehr gut zu dir gepaßt.‹

Mein Interesse an diesen beiden Frauen, die ihr ganzes Leben Seite an Seite gelebt, war nur geringfügig. Eine leise Neugier hatte es angefacht: ich wollte sehn, ob Miß Forman in ihrem eignen Haus an der Seite ihrer Mutter dieselbe Teilnahme für sie zeige, wie im Hotel unter fremden Menschen. Ich war gespannt, sie ihre Mutter Mama nennen zu hören. Und ich brauchte nicht lange zu warten. Sobald sich die Unterhaltung dem Haus zuwandte, das Formans kürzlich gekauft, und dem Grundstück, das Mrs. Forman dazu nehmen und mit Orangenbäumen bepflanzen wollte, griff Miß Forman lebhaft ein. Mit ihrer Fistelstimme erzählte sie ganz begeistert, wie rührig Mama sei: nichts könne sie veranlassen, sich ruhig hinzusetzen; selbst ihre Ischias vermöge sie nicht an den Sessel zu bannen. Auch während der Sommerhitze gingen sie nicht von Plessy fort. Mama lasse sich nicht dazu bringen. Das letzte Mal seien sie nach einem Bergdorf gefahren, um dort drei bis vier Wochen zu bleiben, aber das Essen sei Mama gar nicht gut bekommen. Im entscheidenden Augenblick habe sie da zu ihrer Mama gesagt: ›Siehst du, Mama, du verträgst hier die Luft nicht; es wäre schon besser, wir führen wieder nach Hause.‹ Und so seien sie nur sechs Tage in dem Bergdorf geblieben und dann nach Plessy zurückgekehrt, um es wahrscheinlich nie wieder zu verlassen. Miß Forman wandte sich mit einem Blick der Bewunderung ihrer Mutter zu und sagte: »Mama wird nicht mehr von hier fortkönnen – das sag ich ihr immer –, bis das Reisen im Luftballon aufkommt. Wenn ein Ballon vor Mamas Balkon hielte, dann könnte sie einsteigen und ließe sich bewegen, sich kurze Zeit eine Luftveränderung zu gönnen. Angst hätte sie nicht. Mama hat nie vor etwas Angst gehabt.« Bei diesen letzten Worten schien mir eine gewisse Verzückung aus ihrer Stimme zu sprechen. ›Sie ist stolz auf ihr Ideal,‹ dachte ich. ›So gehört es sich auch, denn es gibt – wenigstens für sie – kein andres auf der Welt.‹ Da die drei Frauen in einer Unterhaltung begriffen waren und ich, wie ich merkte, nicht weiter beobachtet wurde, stand ich auf, um einmal das Milieu zu studieren, darin Mrs. Forman und ihre Tochter lebten.

An der Wand gegenüber dem Kamin hingen zwei Bilder – Kupferstiche; ich brauchte nicht nach dem Datum zu sehn, um zu wissen, daß sie aus dem Jahre 1840 stammten. Das eine war Ihre Majestät die Königin Viktoria, das andre der Prinzgemahl Albert, Königliche Hoheit. Wird man mir glauben, wenn ich versichere, daß ich auf meinem kleinen Streifzug durch das Zimmer und den Nebenraum ein Tischchen aus Rosenholz entdeckte, auf dem Wachsfrüchte standen, ferner ein geripptes Sofachen mit Schonern, ganz wie in alter Zeit? Noch charakteristischer war das Harmonium mit einem Gesangbuch auf dem Notenpult; darauf spielte gewiß Miß Forman jeden Sonntag mit ihren steifen, krummen Fingern, und die beiden Frauen beteten zusammen, dieselben altmodischen englischen Gebete, für die ich von jeher ein Faible habe. Ein Körnchen Glaube würde aus mir einen vortrefflichen Protestanten machen.

Da ich fürchtete, man werde es mir als Rücksichtslosigkeit auslegen, wenn ich noch länger fortbliebe, ging ich wieder in den hinteren Salon, nur um die Damen Forman und Doris in den vorderen Salon zu geleiten, denn dort stand ein Klavier, und Doris hatte sich zum Singen überreden lassen. Sie wollte ihnen damit einen Gefallen erweisen. ›Sie haben ja keine Ahnung von Gesang,‹ flüsterte sie mir zu, ›aber was tut's? Die armen Geschöpfe haben so wenig Abwechslung im Leben. Für sie ist es ein kleines Ereignis, mich singen zu hören.‹ Und sie setzte sich ans Klavier und sang ein Lied nach dem andern.

»Es ist wirklich sehr freundlich von Ihnen, daß Sie uns etwas vorsingen, einer alten Frau und einer nicht mehr ganz jungen,« sagte Mrs. Forman. »Hoffentlich kommen Sie einmal wieder zu uns – Sie beide.«

›Was könnte mich wohl veranlassen, sie wieder zu besuchen?‹ fragte ich mich, als ich Doris fortzubekommen versuchte. Sie stand nämlich noch eine ganze Weile mit ihnen im Flur, schmiedete unmögliche Pläne, lud sie zu Besuch ein, wenn sie nach England kämen, und versprach ihnen, sollte ihr Gesundheitszustand es verlangen, daß sie je wieder nach Plessy komme, sofort bei ihnen vorzusprechen. ›Warum sie nur solches Zeug sagt? Sie weiß doch ganz gut, daß wir sie nie wiedersehn, auf dieser Welt nicht,‹ dachte ich. Mrs. Forman wollte durchaus, daß uns ihre Tochter bis ans Tor bringe; auf dem ganzen Weg dorthin bestürmte Doris Miß Forman mit Bitten, sie möchte zu uns zu Tisch kommen; Miß Tubbs und Miß Whitworth, mit denen sie auch befreundet, hätten zugesagt, und da wäre es so nett, wenn sie sich anschließen wolle. Der Wagen bringe sie dann wieder heim; das sei ja weiter nicht umständlich. Ich schickte ein Gebet zum Himmel, Miß Forman möchte ablehnen, und sie bedauerte auch wiederholt; doch Doris setzte ihr so zu, daß sie schließlich ja sagte. Als wir aber in den Wagen stiegen, fiel ihr etwas ein. »Nein,« rief sie, »es geht nicht. An dem Abend kommt die Schneiderin zu Mama zur Anprobe, und Mama ist in Toilettefragen sehr eigen. Sie ist außer sich, wenn das Kleid in der Taille zu weit ist. Das letzte hat sie zurückgegeben. Also, bitte, entschuldigen Sie mich!«

»Adieu, adieu!« rief ihr Doris noch aus dem Wagen zu, und ich dachte: ›Wie liebenswürdig sie ist!‹

»Nun, mein Lieber, freust du dich nicht, daß du mitgekommen bist? Sind's nicht nette Leute? Ist sie nicht eine gute Seele? Und ich weiß, Güte imponiert dir.«

»Das stimmt, liebe Doris, und es macht mir auch Freude, dein gutes Herz zu entdecken. Weißt du noch, wie ich gesagt habe, dein reizendes Gesicht sei von deiner Intelligenz bedingt und ohne deine Musik und dein witziges Wesen würde dein Gesicht die Hälfte seines Zaubers einbüßen? Jetzt – siehst du, jetzt hab ich den Eindruck, daß es nur ein Drittel seines Liebreizes verlieren würde, denn ein Drittel meiner Liebe zu dir besteht aus der Bewunderung für dein gutes Herz. Du erinnerst dich doch noch, wie ich dich vor Jahren bei wohltätigen Stiftungen überrascht habe. Was ist eigentlich aus den beiden blinden Frauen geworden, die du unterstützt hast?«

»Wie! Du hast sie nicht vergessen? Du sagtest damals, es sei erstaunlich, daß eine Blinde ihren Lebensunterhalt verdienen könne.«

»Natürlich ist es das. Ich hab es immer für etwas Besonderes gehalten, wenn jemand imstande war, seinen Unterhalt zu verdienen.«

»Na ja, Liebster – du hast es nicht nötig gehabt, dich allein durchzuschlagen, und daher kannst du nicht begreifen, daß neunzig Prozent Männer und Frauen darauf angewiesen sind. Ist dir das Schicksal der Blinden noch gegenwärtig?«

»Ich glaube wohl. Sie war früher reich – nicht? Oder doch in ganz behaglichen Verhältnissen, und sie hat ihr Vermögen verloren. Es hat sich sachte abgenutzt, ein bißchen nach dem andern. Mir fällt jetzt wieder alles ein: das Schicksal hat in der Geschichte, so wie du sie erzählt hast, wie ein schwarzer Schatten seine Tatze ausgestreckt und einen Teil ihres Einkommens nach dem andern weggerissen, bis es ihr den letzten Pfennig genommen hatte. Und selbst dann gab es sich noch nicht zufrieden: deine Freundin holte sich die Pocken und verlor das Augenlicht. Sobald sie aber wieder gesund war, beschloß sie, nach England zu gehn und Masseuse zu werden. In Australien, wo sie bekannt war, wollte sie nicht länger bleiben. Mut ist doch etwas Wundervolles! Wo findet man zum zweiten Mal solchen Mut, wie ihn diese Blinde hatte, die nach England ging, um Masseuse zu werden? Das einzige, was ich nicht verstehe, ist: daß sie das Leben im Dunkeln ertragen konnte, jeden Tag an die Arbeit ging, um ihr Essen zu verdienen, und sehr oft von dem Mädchen, das sie führte, ausgeräubert wurde.«

»Wie gut du dich der Einzelheiten entsinnst!«

»Selbstverständlich. Wie ging nun die Sache weiter? Ihr nächstes Mißgeschick war sentimentaler Natur. Irgend eine Liebesgeschichte spielte in das Leben der Blinden hinein – nicht die gewöhnliche Gefühlsduselei, die nie passiert, sondern eine Andeutung der Leidenschaft, die in hunderttausend Gestalten auftritt und sich sogar in das Leben einer Blinden ihren Weg bahnt. Nein, sag's mir nicht – ich komme schon wieder darauf. Es hängt mit einem Studenten zusammen, der im selben Haus wohnte. Ein ganz junger Mensch. Auf der Treppe wurden sie miteinander bekannt. Daraus entwickelten sich dann gegenseitige Besuche. Sie freundeten sich an, aber nicht in ihn verliebte sie sich. Der Student hatte einen Freund, der manchmal das Zimmer mit ihm teilte, ein älterer Mann mit ernsten Neigungen, ein klassischer Gelehrter. Der ging abends zu der Blinden hinunter und las ihr vor. Er übersetzte ihr die griechischen Tragödien laut vor. Ob sie wohl darauf gerechnet hat, daß er sie heiratet?«

»Nein, sie wußte, daß er sie nicht heiraten konnte, aber das machte ihr nichts aus.«

»Du hast ganz recht. Sie hatte nur dies eine Interesse im Leben, und das wurde ihr genommen. Er war Arzt – nicht?«

Doris nickte. Dabei fiel mir ein, daß er später nach Afrika gegangen war. »Kaum war er dort, da holte er sich ein Fieber – ein ganz schlimmes. Die arme blinde Masseuse erfuhr lange nichts von ihrem Verlust. Der Freund oben getraute sich nicht, zu ihr hinunter zu gehn und es ihr zu sagen. Aber schließlich konnte ihr doch die Wahrheit nicht mehr verborgen bleiben. Es ist merkwürdig, wie das Unglück manche Menschen verfolgt.«

»Ja, wahrhaftig.«

»Und jetzt sitzt sie allein im Dunkeln. Keiner liest ihr mehr vor. Aber sie will lieber die Einsamkeit ertragen als mit den Frommen zu tun haben, die an ihrem Los Anteil nehmen möchten. Du hast gesagt, es gäbe keine interessanten Bücher für die Blinden, nur Andachtschriften. Mildtätige Gesellschaften sind oft nicht besser als Shylock, sie wollen was für ihr Geld haben. Ich sehe sie natürlich nur in deiner Beleuchtung, aber wenn ich sie recht sehe, war sie eine von denen, die das Leben geliebt haben, und das Leben hat ihr alles genommen.«

»Kennst du auch noch die Geschichte der andern Blinden?«

»Ja und nein – unklar. Sie ist Sängerin gewesen?«

Doris bejahte.

»Sie war blind geboren oder verlor ihr Augenlicht im dritten oder vierten Jahr. Du hast sie mir als eine große, schöne Frau mit dunklem, krausem Haar geschildert und einem Mund wie roter Samt.«

»Das hab ich wohl nicht gesagt, mein Lieber: wie roter Samt.«

»Schön, es klingt auch nicht so, wie wenn's eine Frau von der andern sagt. Aber du hast mir erzählt, daß sie Liebeshändel hatte, und deshalb hab ich ihren Mund mit rotem Samt verglichen. Warum sollte sie auch keine haben? Sie war so gut ein Weib wie jede andre. Man macht sich nur, solang man eine solche Geschichte nicht kennt, falsche Vorstellungen von dem Leben der Blinden, man berücksichtigt nicht, daß sie ganz anders denken und fühlen müssen als die, die sehn. Ihr Geliebter muß für sie ein Wunder gewesen sein, etwas ganz Besonderes, etwas Geheimnisvolles. Die Blinden müssen fähiger zur Liebe sein als alle andern Menschen. Sie konnte ja nicht wissen, ob es ein Mann von vierzig oder von zwanzig Jahren war. Und was für einen Unterschied machte es auch schließlich?«

»Oh, die Blinden sind sehr empfindlich, viel empfindlicher als wir.«

»Vielleicht.«

»Ich glaube, Judith hätte den Unterschied zwischen einem jungen Mann und einem in reiferen Jahren gemerkt. Sie hat nur wenig nicht gemerkt.«

»Da hast du wohl recht. Immerhin, alle Eindrücke müssen für sie stärker und dabei doch unbestimmter gewesen sein. Wenn der Geliebte einer Blinden nicht mit ihr spricht, ist er nicht da; sie kann ihm nicht überallhin folgen, und wenn sie zu Hause sitzt, stellt sie ihn sich in Gesellschaft vor, wie er von andern Frauen, die nicht blind sind, umschwärmt wird. Sie weiß nicht, was Augen sind, aber sie stellt sie sich vor wie – was? jedenfalls denkt sie sich die Augen schöner, als sie in Wirklichkeit sind. Das heißt: schönere Augen als deine, Doris, gibt es nicht. Sie stattet jeden mit Augen wie den deinen aus. Ich hab in der letzten Zeit nicht viel an sie gedacht, aber sie hat mich oft beschäftigt, als du mir erzähltest, wie sie auf dem Podium vor dem Publikum stand, regungslos wie eine Karyatide. Sie muß eine schöne Stimme gehabt haben, sonst hätte sie kein Engagement gefunden. Und dann, was diese Blinden für einen Mut haben! Denk dir nur, was es für einen Kampf kostet, ein Engagement zu bekommen! In jeder Lage ist das keine leichte Aufgabe – nun gar in ihrer! Und als die Stimme allmählich versagte, muß sie schwer gelitten haben. Ihre Stimme war doch ihr einziger Besitz, das, was sie vor andern auszeichnete, das, woran sie sich selbst kannte, sozusagen ihre Persönlichkeit. Sie wußte nichts von ihrem Gesicht, wie andre Frauen; sie kannte sich lediglich, wenn sie sang, dann wurde sie ein bestimmtes Wesen. Und das Stundengeben war nur ein schwacher Trost für ihren Verlust, mochten ihre Schülerinnen auch noch so tüchtig sein und sie noch so gut bezahlen. Wodurch hat sie eigentlich ihre Schülerinnen verloren?«

»Einen besondern Grund hatte es wohl nicht. Auf die gewöhnliche Art: sie hatte eben Unglück. Wie du gerade gesagt hast: es war für sie schwerer, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, als für die, die sehn können. Und Judith ist auch nicht mehr so jung – sie ist noch nicht alt, sie ist immerhin noch eine hübsche Frau, aber in ein paar Jahren ... Wenn man Menschen Alterspensionen aussetzt, soll man sie wahrhaftig blinden Frauen zukommen lassen.«

»Ja, jetzt fällt mir ein – ich erinnere mich wieder an den Kern der ganzen Geschichte, nur die Tatsachen werf ich ein bißchen durcheinander. Du hast in der Sache eine Menge Briefe geschrieben – wie war es doch gleich?«

»Nun, ich sah eben, daß die einzige Rettung für Judith eine Jahresrente war. Selbst konnte ich ihr keine geben, das erlauben meine Mittel nicht. Ich setzte mich daher nach manchen Unannehmlichkeiten mit einer reichen Frau in Verbindung, die sich für Blinde interessierte und den Grund zu einer solchen Rente legen wollte.«

»Das war's. Du mußt Dutzende von Briefen geschrieben haben.«

»Freilich, und alle erfolglos. Judith wußte, was ich für sie tat, aber sie konnte es in ihrer Einsamkeit nicht länger aushalten. Die Furcht vor den langen Abenden unterwühlte ihre Nerven. Da zog sie nach Peckham und heiratete einen Blinden – schon einen ziemlich alten Mann; er war über sechzig. Sie kannten sich bereits seit einiger Zeit. Er war ebenfalls Musiklehrer, aber wenn sein jährliches Einkommen auch nur vierzig bis fünfzig Pfund betrug, so wollte sie doch lieber mit jemand zusammenleben, als eine Jahresrente beziehn.«

»Ich sehe nicht ein, warum sie deshalb ihre Rente verlieren sollte.«

»Weißt du's nicht mehr, Lieber? Das ist für mich der springende Punkt. Die edle Spenderin zog sich zurück, nicht aus Knauserei, weil ihr ihr Geld leid tat, sondern weil sie eine fixe Idee hatte. Irgend jemand hatte ihr gesagt, Blinde sollten nicht heiraten, und sie hielt sich nicht für befugt, ihr Geld zur Förderung solcher Ehen herzugeben.«

»Hat es je etwas so Merkwürdiges gegeben wie die menschliche Natur? Mit all ihrer Güte, ihrer Dummheit, ihrer Grausamkeit! Die Frau meinte es gut – man kann ihr deshalb nicht einmal böse sein. Es war eben ein Mangel an Verständnis, Prinzipienreiterei. Allen verdreht es die Köpfe, daß sie ihren Grundsätzen, abstrakten Ideen gemäß leben wollen. Wenn sie doch nur daran denken wollten, was sie sind und was andre sind! Die Torheit! So ein Wirrkopf von einem Frauenzimmer – ich meine die mildtätige Dame – macht sich Gedanken über das Wohlergehn der Nachkommen, als ob sie etwas dazu tun könne, deren Geschick zu beschleunigen oder aufzuhalten.«

»Du warst von jeher ein Freund von solchen Geschichten, Liebster. Du wolltest sie doch aufzeichnen.«

»Ja, aber ich fürchte, die Tragik liegt etwas tiefer, als es mir zu schürfen vergönnt ist. Turgenjew war der einzige, der das gekonnt hätte. Doch da wären wir ja am Hundeloch.«

»Sag doch so was nicht – es ist unhöflich.«

»Ich wollte nicht unhöflich sein, ich muß nur suchen, die Dinge zu verstehn, eh ich sie würdigen kann.«

Es wollte mir recht ungereimt scheinen, daß die beiden alten Fräulein für unser Essen bezahlten. Ich gab mir alle Mühe, Doris zu einer Abänderung des getroffenen Arrangements zu bewegen, aber sie erwiderte, es sei ja der Wunsch der Damen, uns als Gäste bei sich zu sehn.

Der Abend, den ich bei ihnen im Hotel verbrachte – Doris sang und ich unterhielt mich über Literatur mit einer Gesellschaft von etwa zwölf alten Jungfern, die samt und sonders häßlich waren und von einem Einkommen zu leben suchten, das zwischen hundertfünfzig und zweihundert Pfund im Jahr schwankte, – der Abend steht vor mir mit jeder einzelnen Begebenheit. Das Leben ist voll solcher Begebenheiten, unser Verstand ist bloß nicht immer geschult genug, sie wahrzunehmen. Der Vorfall, den ich jedoch erwähnen möchte, ist in der Lebensgeschichte, die ich hier beschreibe, bedeutungsvoll.

Miß Tubbs hatte mich gefragt, was für Wein ich trinken möchte. Und in einem unbedachten Augenblick antwortete ich: »Vin ordinaire«; dabei vergaß ich ganz, daß die zwei Francs, die der Wein kostete, für Miß Tubbs eine beträchtliche Ausgabe darstellten. Höchst wahrscheinlich mußte sie morgen nachmittag um fünf Uhr auf ihre Tasse Tee verzichten, um ihr Budget nicht zu übersteigen. Wie schwer, dachte ich, muß das Leben auf so klippenreichem Grunde sein, wenn man ein jährliches Einkommen von hundertfünfzig Pfund hat! Armer kleiner Mittelstand! Da streifen sie von einer Pension in die andre, fahnden immer nach dem Billigsten, geraten manchmal auch in ein Haus, wo das wohlfeile Essen sie zwingt, den Doktor rufen zu lassen, so daß der Gewinn auf der einen Seite ein Verlust auf der andern ist. Armer kleiner Mittelstand, du Abfall des Daseins, Scheidemünze des Menschenlebens!

Daß Doris' Gesang den Anlaß zu peinlich verständnislosen Bemerkungen gab, war nicht das Schlimmste. Verständnislose Bemerkungen über Musik und die andern Künste sind in Londoner Salons ebenso alltäglich wie in Hotels und Pensionen (alle Hotels sind Pensionen; es ist wirklich kein Unterschied dazwischen). Die Gesellschaft, die ich in diesen Winterkurorten versammelt fand, hätte mich zu jeder andern Zeit interessiert. Ich kann mich für die Briefmarkensammlerin interessieren, für die treue Seele, die sich ein Herbarium mit allerlei vertrackten Bemerkungen angelegt hat, für die Journalistin und für die Frau, der eine Vergangenheit nachgesagt wird. Wo sich immer menschliche Wesen zusammenfinden, da trifft man jemand, der einem Interesse einflößt; aber wenn sich unser Interesse auf eine Dame konzentriert, wird jeder andre zu unserm Feinde. Und ich betrachtete alle diese harmlosen Jungfern als meine Feinde, und ihre Einladungen zu Ausflügen, zum Mittag- und Abendessen ließen mich nichts Gutes ahnen; nicht nur weil sie mich von Doris trennten, sondern weil ich das Gefühl hatte, als könne jedes Ereignis, selbst ein geplantes Picknick, zur Klippe werden, an der wir strandeten. Man kann nie voraussagen, was da wird. Das Leben ist voller Zwischenfälle. Die eifersüchtige Zunge eines Weibes, die Ankunft einer neuen Bekanntschaft führt möglicherweise eine Katastrophe herbei. Ein Liebesbund hängt an einem Spinnenfädchen, und deshalb suchte ich Doris von ihren Freundinnen loszueisen.

Sie war sehr liebenswürdig und gut und behelligte mich nicht zu sehr mit der Gesellschaft dieser Menschen. Vielleicht ahnte sie die Gefahr selbst; und wir gingen nur abends in die Boarding-Häuser. Aber die Besuche wurden mit der Zeit unerträglich. Das Zusammensein mit Miß Tubbs und Miß Whitworth verdarb mir die Eindrücke eines langen Tages, den wir in freier Luft verbracht, in einer Landschaft, wo ehedem Göttertempel gestanden, wo einst Menschen gelebt, die Faune, Dryaden und die Grotte, darin die Sirene schwamm, gesehn hatten oder zum mindesten daran glaubten.

Eines Nachmittags sagte ich zu Doris: »Ich kann heut abend leider nicht mit zu Miß Tubbs gehn. Können wir nicht was andres unternehmen? Noch ein solches Essen in einer Pension würde mich zum Selbstmord treiben.«

»Du möchtest dich in der Bucht ertränken, um zu den Nymphen zu kommen. Glaubst du, die wären freundlicher als ich?«

Ich gab ihr keine Antwort. Ich war plötzlich am Verzweifeln. Die köstliche Zartheit des Himmels, der Golf mit seinen verlockenden Ausbuchtungen machte einen gräßlichen Eindruck auf mich, schien mir theatralisch, abgeschmackt. ›Großer Gott, ich werde sie nie besitzen,‹ dachte ich. ›Die ganze Reise und all das Liebesgetändel sind umsonst.‹ Die Szenerie vor mir war an Gestalt und Farbe die schönste, die ich je gesehn; aber ich bin nicht in der Laune, die Leonardohaften Berge, die den azurblauen Golf einrahmten, zu beschreiben. Malt euch selbst aus, wie wir über einer niedrigen Mauer lehnten und den zwischen den Felsen glucksenden Wellen zusahen. Wir wollten einige Gärten besichtigen. Der Kellner in meinem Hotel hatte mir davon erzählt; sie gehörten einem Herrn, der sie zweimal wöchentlich dem Publikum freundlicher Weise öffnete. Ich hatte den Rat des Kellners befolgt, obwohl Gärten sonst in meinen Augen wenig Gnade finden – gelegentlich ein alter englischer Garten, aber die wohlgepflegte Blumenausstellung ist mir ein Greuel. Man kann dem Kutscher nicht gut sagen, er möchte den Weg entlangfahren, man muß ihm ein Ziel angeben; und so waren wir denn hingefahren und hatten alles besichtigt, was dort zu sehn war. Und alles war gerade so, wie ich es mir vorgestellt, nur noch schlimmer: das schmiedeeiserne Tor war zwanzig Fuß hoch; dahinter ein offner Kiosk, und eine Frau saß an einem Tische mit dem Geldkasten vor sich. Sie forderte für jede Person einen Franc und sagte uns, das Geld fließe einer wohltätigen Stiftung zu. Dann stand es uns frei, auf einem Kiesweg zu promenieren, der zwanzig Fuß breit war und rechts und links abzweigte, an einer Reihe beschnittener Sträucher vorbei; hier stand ein hoher Grasbusch, dort eine ausländische Kiefer – Gärten, von denen sich ein Maler mit Abscheu wenden würde.

»Das ist langweilig wie ein Stück in der Comédie,« sagte ich zu Doris, »öde wie eine Tragödie von Racine und genau so. Wir wollen lieber draußen einen Weg mit der Aussicht auf das Meer einschlagen. Und selbst da, fürcht ich, wird uns der Gedanke, daß die Sträucher hinter uns stehn, alle Freude verderben.«

Doris lachte. Das war einer ihrer reizenden Vorzüge: sie konnte sich freun. In solcher Stimmung setzten wir uns auf eine in eine niedrige Mauer eingelassene Bank mit der Aussicht auf den Golf, blickten uns an und wärmten uns in den Strahlen der Nachmittagsonne. So saßen wir eine Weile da, untätig wie Eidechsen. Ich deutete auf eine in geringer Entfernung und sagte:

»Es ist entzückend, hier mit dir zu sein, Doris, aber die Sonne ist mir nicht genug. Doris – Liebste – ich bin sehr unglücklich. Ich habe die ganze Nacht wach gelegen und an dich gedacht, und jetzt will ich dir etwas gestehn: ich war gestern ernstlich versucht, dort in die Bucht hinunterzugehn und mich den Nymphen zu gesellen. Frage mich nicht, ob ich glaube, eine Nymphe zu finden, die mich liebt. Man weiß nicht, was man glaubt, ich weiß nur, daß ich unglücklich bin.«

»Aber warum, Liebster, läßt du eine solche Stimmung aufkommen? Sieh mal da die Eidechse. Ist sie nicht schön? Ist sie nicht zufrieden? Sie verlangt nichts andres, als was sie erreichen kann: Licht und Wärme.«

»Möchtest du, ich wäre auch so genügsam wie die Eidechse, Doris – daß ich nichts weiter verlangte als Licht und Wärme?«

Doris sah mich an, und ihre Augen dünkten mich noch schöner als der Sonnenschein. Da sagte ich:

»Und die Sonn' umfängt die Erde,
und das Meer küßt Mondenlicht;
doch was soll mir all dies Küssen,
küssest du mich nicht!

Das ist der ewige Wettgesang der Sphären und der Blumen. Wenn ich nicht in diese große Harmonie eingehe, muß ich sterben.«

»Aber du küßt mich ja doch,« entgegnete Doris eigensinnig, »wenn es kühl wird am Abend und der Kutscher das Verdeck heraufschlägt.«

»Eigensinnige Doris! Reizendes Kätzchen!«

»Ich bin kein Kätzchen, ich spiele nicht mit dir, mein Teurer. Ich gebe dir mein Wort, ich fühle, wie ich mir Gewalt antun muß. Aber was soll ich machen? Du willst doch nicht, daß ich dich zu mir ins Hotel ziehn lasse und mich vor allen Menschen kompromittiere?«

»Diese Menschen! Diese Pensionen machen mich wahnsinnig! Diese Miß Forman!«

»Ich dachte, du hättest sie gern. Du sagtest doch selbst, wie gut sie ist. Deine eignen Worte waren: ›eine schlichte, freundliche, anspruchslose Person‹. Und das genügt nach dem Evangelium von gestern. Du warst nie so nett wie gestern, als du von ihr sprachst – ich weiß noch deine Worte: das Fleisch verblüht, der Verstand schrumpft ein, nur das Herz bleibt erinnerungsfrisch. Willst du all das widerrufen?«

»Nein, ich widerrufe nichts, aber die Wahrheit von gestern ist nicht die von heute. Einen Tag fühlen wir uns von Herzensgüte angezogen, den andern von Schönheit. Tag für Tag ist der Ruf der Schönheit zu mir gedrungen. Erst erklang er weit in der Ferne, wie ein Horn im Walde, aber jetzt ist er gebieterischer geworden, die ganze Landschaft ist voll Musik. Als ich gestern an den Ruinen stand, kam es mir vor, als wäre ich aus meiner jetzigen Natur in mein ursprüngliches Wesen verwandelt worden, das zweitausend Jahre zurückliegt. Der Anblick der Säulen hat eine neue Seele in mir erweckt – oder soll ich sagen: eine Seele, die zugedeckt war, begann hervorzubrechen? Die Toten sind nie ganz tot, ihre Ideen leben in uns. In England hab ich dich sicher nie so zu würdigen verstanden wie hier. Doris, jetzt hab ich's gelernt: ich schätze dich wie ein Kunstwerk. Der Geist der Antike hat mich in seinen Bann geschlagen. Er ist aus der Erde aufgestiegen und hat mich eingefordert ... Du, ich würde den Hut ausrangieren – –«

»Gefällt dir mein Hut nicht?«

»Doch, aber ich denke an die Doris, die vor zweitausend Jahren gelebt hat. Die hat keinen Hut getragen. Ich begehre nicht nur dein schönes Gesicht, nein, all deine Schönheit will ich: die rosigen Brustknöspchen, die reizenden Arme, die Seiten weich wie Wolle, die köstlich gezeichneten Hüften, die runden Schenkel, die wohlgefügten Knie, die langen Waden, die abgeschrägten Knöchel, die dünnen, weißen Füße ... und die Hände mit ihren langen, durchschimmernden Fingern, ihren langen, roten Nägeln. Meine Phantasie sieht die Nymphe, wenn ich sie vielleicht auch nie mit sterblichen Augen zu sehn bekomme.«

»Warum sollst du mich nicht zu sehn bekommen, Geliebter?«

»Ich verzweifle allmählich. All die Pensionen mit ihren Insassen vernichten den Geist, den die Landschaft hier in mir entzündet. Ich möchte mit dir fort, wo ich dich lieben kann. Was ich sage, mag ja übertrieben klingen, aber es ist wahr: du erinnerst mich ans klassische Altertum, in einer Weise, die ich nicht erklären kann, obwohl sie mir ganz klar ist.«

»Aber du besitzt mich ja doch, Lieber.«

»Nein, Doris, nicht wie ich wünsche. Du weißt recht gut, was ich unter besitzen verstehe: dich sehn, dich fühlen, deinen Duft einatmen. Liebe Doris, wenn ich nicht irgendwo mit dir hingehe, wo ich dich ganz besitze, dann bleibt die Reise für mich in alle Ewigkeit eine traurige Erinnerung. Wir müssen nicht nur an das Heute denken, sondern auch an die Tage, die vor uns liegen. Wir müssen unsre Erinnerungen aufspeichern, wie das Eichhörnchen Nüsse aufspeichert, müssen einen Wintervorrat haben. Wenn wir aus dem gräßlichen Dilemma keinen Ausweg finden, dann werde ich an dich denken, wie ein Sammler an eine Vase, die ihm entglitt, als sie ihm ein Arbeiter in die Hand gab, und zerbrach oder wie an eine Vase, die ihm gestohlen wurde. Ich kann kein völlig zutreffendes Gleichnis finden, wenigstens nicht im Augenblick. Das Bild ist mangelhaft, aber du wirst schon verstehn.«

»Ja, ich verstehe, ich glaube zu verstehn.«

»Wenn ich dich nicht erringe, dann ist's mir, als hätt ich umsonst gelebt.«

»Aber so schlimm ist's ja gar nicht, mein Lieber. Wir brauchen noch nicht in den nächsten Tagen nach Paris zurück. Wenn ich dich auch nicht zu mir ins Hotel bitten kann, so ist doch kein Grund –«

»Doris, erwecke keine falschen Hoffnungen.«

»Ich wollte bloß sagen: es ist nicht nötig, daß wir direkt nach Paris zurückfahren.«

»Du meinst, wir könnten uns in einer alten römischen Stadt aufhalten, zum Beispiel in Arles, in einem Haus aus dem achtzehnten Jahrhundert. Doris, das wäre himmlisch! Ich wage es kaum zu denken, damit nicht –«

»Was, Geliebter? Damit ich dich nicht hinters Licht führe?«

Ein wonnig girrender Ton war in ihrer Stimme, das echte Liebesgirren; es läßt sich so wenig nachahmen wie das Todesröcheln. Hingerissen und begeistert von ihrem Versprechen, sich mir zu schenken, sich mir ganz zu schenken, sprach ich zum Ruhme des achtzehnten Jahrhunderts: das achtzehnte Jahrhundert, sagte ich, hätte die Antike mehr geliebt als das neunzehnte und ihren Geist wieder erweckt.

»Sonderbar – mitten in der Wirklichkeit umdrängen mich stets künstlerische Vorstellungen! Aber ist's auch wahr: soll ich dich je mein eigen nennen, Doris? Hat es mir ein seliges Geschick bestimmt, drei Tage mit dir in einer altrömischen Stadt zu verleben?«

»Ich sehe nicht ein, warum nicht. Aber wohin wollen wir?«

»Jede Stadt wäre mir recht, Doris. Aber wir wollen uns einen besonders schönen Platz ausdenken.« Und indem ich über den Golf in die untergehende Sonne blickte, besann ich mich auf möglichst viele Namen. Eine ganze Reihe altrömischer Städte tauchte vor meinem geistigen Auge auf; klassische Ruinen vermengten sich mit Burgen aus dem Mittelalter, Kirchtürme ragten über Mauern empor, auf denen einstens römische Schildwachen gewandelt. Wir konnten unsre Flitterwochen nur in einer Stadt mit einem schönen Namen verbringen – ein schöner Name war wesentlich – ein Name, an den man fortan stets mit Entzücken dachte. Er mußte in harmonischer Silbenverbindung die Freuden der Liebe ausdrücken, die unser dort harrten. Rocomadour klang zu deutlich an das Geräusch saugender Tauben an und ward aus diesem Grunde verworfen. Cahor lockte uns, aber der Name war zu streng; sein italienischer Name, Devona, hatte etwas Ansprechendes, allein wir konnten uns Cahor nicht als Devona vorstellen. Und aus zahlreichen Gründen wurden Armance, Vezelay, Oloron, Correz, Valat und Gedre abgewiesen. Einzig Armance wurde einer prüfenden Erwägung unterzogen. Armance! An diesem und dem folgenden Abend studierten wir eifrig das Kursbuch.

»Armance!« sagte ich, Doris das Wort abschneidend, die mich darauf aufmerksam machte, daß wir unsre Billetts für den Côte d'Azur verlieren würden. Doris meinte nämlich, wir müßten Plessy unbedingt mit dem Côte d'Azur verlassen, weil alle ihre Freundinnen gewiß an die Bahn kämen, um ihr Lebewohl zu sagen. »Aber das ist ja ganz nebensächlich,« sagte ich. »In Marseille können wir einen Schnellzug erreichen, und der fährt fast ebensogut. Es gibt zwei ausgezeichnete Züge. Beide können wir benutzen, wenn du wirklich entschlossen bist, die drei Tage in Armance zu verleben.«

Sie fragte mich, ob Armance ein Dorf oder eine Stadt, und ich antwortete: »Was tut's?« Überall in Frankreich gibt es gute Betten, gutes Essen, guten Wein und – Omeletten. Drei Tage mußte es sich in einem Dorfe Südfrankreichs schon aushalten lassen. Aber plötzlich fiel mein Auge auf zwei Namen: Orelay und Verlancourt, und wir waren uns darüber einig, daß beide uns besser gefielen als Armance.

»Welcher Name soll also einem unglücklichen Liebespaar, das sich auf der Flucht befindet und die Einsamkeit sucht, ein Asyl sein?«

»Orelay ist ein schöner Name.«

»Dann soll es Orelay sein,« sagte ich. »Von Marseille aus läßt es sich in ein paar Stunden erreichen.«

»Siehst du, Lieber, ich kann unmöglich die ganze Reise nach Paris auf einmal machen. Eine Eisenbahnfahrt von mindestens vierundzwanzig Stunden wäre mein Tod, und ich fühle mich noch gar nicht kräftig. Nichts ermüdet mich mehr als Eisenbahnfahren. Wir müssen irgendwo rasten. Also warum nicht in Orelay?«

Da dies Histörchen nur ein Verdienst haben kann: absolut wahr zu sein, muß ich bekennen, daß mich die Ausrede entzückte, mit der sich Doris vor sich selbst zu rechtfertigen suchte. Vielleicht ist keine Eigenschaft so menschlich wie die: Ausreden zu gebrauchen. Ihren Körper konnte sie enthüllen (und ich lebte der Hoffnung, sie dies tun zu sehn); ihre Seele nicht. Wir dürfen nur einen Zipfel des Schleiers lüften. Wer die Menschennatur nackt ausziehn und bloßstellen wollte, der zeigt ein klapperndes Skelett – nichts weiter; wo es keine Ausreden gibt, da ist nicht Leben.

Diese Geschichte werden gewiß Jung und Alt lesen, Weise und Toren, Phlegmatiker und Choleriker. Der Stoff ist allen Männern so vertraut, daß er einen jeden interessieren muß, sogar Geistliche, einen jeden mit Ausnahme gewisser Herren, die vornehmlich in Konstantinopel zu Hause sind. Deren feindliche Gesinnung gegen den fahrenden Ritter der Liebe ist so allgemein bekannt und so leicht zu begreifen, daß ich alle Hoffnung, sie zu den Bewunderern meiner eignen oder Doris' Schwachheit zu zählen, aufgeben muß. Doch zum Glück sind diese Herren in England selten, obgleich man den Verdacht hegt, einer oder zwei seien unter den Kritikern gewisser Zeitungen zu finden. Was für eine Erklärung hätte man sonst für einzelne Fistelstimmen im Chor unsrer täglichen und wöchentlichen Presse, die vom Dache herunter laut Enthaltsamkeit predigen? Mit Ausnahme dieser wenigen Rezensenten wird sich aber jeder dieser Erzählung freun. Selbst bei bejahrten Männern und Frauen ist noch so viel Geschlechtliches vorhanden, daß sie eine Liebesgeschichte goutieren können. Heutzutage, wo die Belletristik sogar bis in die Zellen der Nonnen dringt (die Tatsache ist mir aus guter Quelle verbürgt worden), darf ich vielleicht auf eine alte Äbtissin als Leserin rechnen; wenn sie sich äußerlich auch absprechend verhält, im Herzen stimmt sie mir zu. Ja, ich rechne auf den Asketen mehr als auf eine andre Klasse, denn die Phantasie derer, die keine Erfahrung in Liebesabenteuern besitzen, wird Feuer fangen, und sie werden vielleicht mit mehr Verständnis als die andern zu würdigen wissen, wie sinnverwirrend eine Reise mit Doris nach Orelay sein muß.

Dem Kursbuch nach brauchte man fast fünf Stunden von Marseille bis Orelay. Die fünf Stunden, ahnte ich, würden sich ermüdend hinziehn im Gespräch mit Doris, wenn ich mit ihr über alles plauderte, nur nicht über das, was mir am nächsten lag. Ich hätte ein Tagebuch führen sollen, wie ich es geplant hatte, als ich mich zu der Reise auf der Jacht rüstete, die ich mit Gertrud nach den griechischen Inseln unternehmen wollte. Aber da ich keine Aufzeichnungen besitze, kann ich mich nur an die Phantasie des Lesers wenden. Ich muß ihn freundlichst ersuchen, zu berücksichtigen, daß ich eine Woche grausamer Enthaltsamkeit hinter mir hatte. Lieber, lieber Leser – du kannst mich, wenn du dir Mühe gibst, gewiß sehn (vor deinem geistigen Auge selbstverständlich), wie ich auf den Gängen umherirrte, den Schaffner suchte und jeden, der mir entgegentrat, fragte: »Wie weit ist's jetzt noch bis Orelay?« – »Orelay? Noch fast zwei Stunden bis Orelay.«

Unser schweres Gepäck hatten wir vorausgeschickt, aber wir hatten eine Menge Handkoffer und Necessaires mit. Am Ende hielt der Zug nicht lange genug, um sie alle herauszunehmen. Der Schaffner, der sie uns aus dem Wagen reichen wollte, war vielleicht nicht zur Zeit da. Jedenfalls war er nirgends zu erblicken, und ich lief Gott weiß wie oft den schier endlos langen Zug nach ihm ab. Du kannst mich sehn, Leser – nicht wahr? – wie ich im Zug herumrannte, wie ich mir alle möglichen Katastrophen ausmalte: der Zug könne entgleisen oder in Orelay nicht halten oder noch wahrscheinlicher: die junge Dame könne sich anders besinnen. Was sollte ich machen, wenn das im letzten Augenblick passierte! Ah, dann müßt ich mich aus dem Zug stürzen – es sei denn, ich unterließe es zu dem Zwecke, die Geschichte des gefoppten Liebhabers zu schreiben. Das Übergangsstadium ist nicht zum Aushalten – ob Doris es ebenso unangenehm empfand? So oft ich auf der Suche nach dem Schaffner an unserm Coupé vorbeikam, blieb ich einen Augenblick stehn und studierte ihr Gesicht. Wie prosaisch von ihr, auf dem Wege nach Orelay einzunicken! Warum war sie nicht so aufgeregt wie ich?

Und plötzlich erhob sich die Frage: legen Frauen Liebesabenteuern das gleiche Interesse bei wie wir? Denken Frauen ebenso oft wie wir darüber nach, ob Gott, der Teufel oder ein mißgünstiges Geschick sich zwischen uns und unsre Freude stellen wird? Wird sie uns aus den Armen oder vom Munde weggerissen werden? Vielleicht nie zuvor, höchstens ein einziges Mal, hab ich eine so aufwühlende Erregung durchgemacht wie an diesem Tage. Und da ich jetzt schreibe, zieht der traurige Gedanke vorüber, daß mir solche Erwartungen nie wieder zuteil werden. Die Wonnen des Augenblicks liegen vielleicht hinter mir, aber warum soll ich deshalb schwermütig sein? Das Leben ist immer schön, im Alter sowohl wie in der Jugend. Die Greise kennen eine Freude, die der Jugend versagt ist: Erinnerung. Durch das Gedächtnis kennen wir uns; ohne das Gedächtnis, könnte man sagen, haben wir überhaupt kaum gelebt oder nur wie das Tier.

Über diesen Punkt möchte ich allen Lesern ein ernstes Wort sagen, insbesondere meinen jugendlichen Lesern; denn es ist von höchster Wichtigkeit, daß jeder Erlebnisse sucht, die ihn nicht nur momentan ergötzen, sondern auf die er auch voll Bewunderung zurückblicken und für die er ein stummes Dankgebet zum Himmel senden kann. Mein Leben wäre nicht vollständig gewesen, ein Eckstein hätte ihm gefehlt, wenn Doris nicht mit mir nach Orelay gefahren wäre. Ohne sie hätte ich nicht die Freude kennen gelernt, die uns vollendete Schönheit bietet – die Schönheit, die im klassischen Altertum zu Hause war.

Doch ohne weitere Umschweife zurück zu Doris. Ich fragte sie, ob sie geschlafen habe. Nein, das nicht, sie ruhe aber, wenn sie die Augen schließe, die Sonne ermüde sie. Es war mir unangenehm, sie von Müdigkeit sprechen zu hören, und um ihr zu verbergen, was in mir vorging, suchte ich eine Unterhaltung zu erfinden. Orelay – was das für ein herrlicher Name sei! Ob sie glaube, daß die Stadt ihrem Namen Ehre machen oder ihn Lügen strafen werde? Sie lächelte schwach und sagte, ihre Müdigkeit werde vorbei sein, sobald sie aus dem Zug steige, und der Gedanke hatte wenigstens den einen Trost, daß ihr ihre Gesundheit nicht gestattete, heute noch weiter als Orelay zu fahren.

Wir beschlossen, im Hotel des Valois zu wohnen. Ein Mitreisender hatte mir das Hotel genannt; er habe zwar selbst nie da gewohnt, aber es solle ausgezeichnet sein. Doch seine Empfehlung gab bei mir nicht den Ausschlag, es war der Name – Hotel des Valois. Glänzend! Und als wir in Orelay ausstiegen, fragte ich die Gepäckträger und den Stationsvorsteher, ob sie ein Hotel empfehlen könnten. Nein, aber das Hotel des Valois war ihrer übereinstimmenden Meinung nach so gut wie jedes andre. Unterwegs im Wagen waren wir gespannt, als was es sich entpuppen werde. So weit war alles gut abgelaufen, aber alles wäre uns vereitelt, wenn das Hotel des Valois seinem Namen nicht entspräche. Und auf den ersten Blick enttäuschte es allerdings. Der Hof war nichtssagend; nur eine schöne Stechpalme, die in einer Ecke wuchs, rettete die Ehre. Gleich darauf bemerkte ich, daß das Portal des Hotels schön und vornehm war – ein merkwürdiges Portal, das dem Hotel einen Augenblick den Anstrich eines englischen Landhauses aus dem achtzehnten Jahrhundert gab. Da waren zahlreiche Fenster mit kleinen Scheiben, und man konnte ahnen, wie die Halle hinter dem Portal aussah. Sie entzückte uns, und als wir hindurchschritten, sagte ich zu Doris, das Hotel müsse einmal vor langer Zeit eines Edelmannes Haus gewesen sein, als Orelay noch seine eigne Aristokratie, vielleicht eine eigne Sprache hatte, denn im siebzehnten oder achtzehnten Jahrhundert muß in Orelay das Provençalische oder ein andrer Dialekt geschrieben oder gesprochen worden sein. Wir bewunderten die Galerien, von denen aus man auf die Halle herunterblickte, und die Treppe, die zu ihnen führte. Es war uns, als seien wir ins achtzehnte Jahrhundert versetzt; das Milieu gemahnte an Boucher, vielleicht an einen Provinz-Boucher, immerhin an einen Künstler des achtzehnten Jahrhunderts. Die Tauben, die sich um Aphrodite scharen, schienen uns richtig geführt zu haben; und wir machten uns auf ein großes, ruhiges Schlafzimmer gefaßt mit einem Aubusson-Teppich auf dem Parkettboden und Schreibtischen in den Ecken des Zimmers oder in den mit seidenen Vorhängen geschmückten Fenstern.

Also hatte ich mir das Zimmer gedacht: groß wie ein Salon und ebenso eingerichtet, mit Sofas und Sesseln, die sich um den Kamin stellen ließen, wenn Doris und ich dort Platz nahmen und plauderten; denn ein Teil meiner Freude sollte es sein, an ihrem intimen Leben teilzuhaben, an der Intimität des An- und Auskleidens. Die Liebe besteht in reichem Maße aus dem Wunsch nach Intimität; wollte man die Zärtlichkeit der Vögel, wenn sie ihr Nest bauen, nicht nachahmen, so würde man die Liebe erniedrigen zu der gemeinen Befriedigung der Tiere, die lediglich zusammenkommen, um einem Trieb zu gehorchen, und sich trennen, sobald ihm Genüge geschehn ist. Die Vögel verstehn sich besser auf die Liebe als alle Säugetiere mit Ausnahme des Menschen. Wer denkt nicht mit Bewundern an den Webervogel und unsern heimischen Zaunkönig? – Aber die Räume, die man uns anwies, entsprachen keineswegs dem Phantasiebild der Zimmer, zu denen, wie wir glaubten, die schönen Galerien führen würden. Das französische Wort chambre meublée kann einen Begriff von den Zimmern geben, in die man uns geleitete; wird bei dem Wort nicht die Vorstellung wach an ein hohes, in die Ecke gerücktes Bett mit einer Eiderdaunendecke, an ein langes, staubiges Fenster gegenüber dem Bett mit dürftigen roten Vorhängen und an einen leeren Kamin? Ein paar Stühle standen herum – aber was für Stühle! Der wollüstige Traum, den ich geträumt hatte: wie ich mit Doris vor einem schönen Kamin aus dem achtzehnten Jahrhundert sitze, mit ihr plaudere und ihr zusehe, während sie die Vorbereitungen für die Nacht trifft, ihr Haar herabläßt und es auskämmt – ein in den Künsten der Liebe versiertes Weib rüstet sich so unmerklich zum Schlafengehn, daß jeder Versuch, ein Stadium im Prozeß des Entkleidens namhaft zu machen, einen Mißton hineinbringt – denn es ist ein harmonischer Prozeß, der sich abspielt von dem Augenblick an, wo sie in Abendtoilette dasitzt und mit ihren Armbändern spielt, bis zu dem Moment, wenn sie ihr Nachtgewand überwirft, ihre seidenen Strümpfe von den schneeweißen Beinen zieht und die Pantöffelchen zur Seite stößt, ehe sie über den Bettrand kriecht und sich in die Mitte des wie ein Schlachtfeld breiten Bettes kugelt – mein wollüstiger Traum ward beim Anblick dieser hohen Betten zu schanden. Mein ganzer Liebesbau, das Nest, darin wir kosen wollten, das Flattern mit den Flügeln, die Freude an zarten Wohlgerüchen und weichem Linnen – alles vereitelt.

Es war eine tragikomische Szene. Für mich und Doris bedeutete es eine Lebensfrage, ein Schlafzimmer zu finden, in dem wir der Liebe pflegen konnten, und dem Kellner war es ebenso gleichgültig, ob uns das gelang oder nicht. Wie wir uns dabei ausnahmen, das gab der Szene ihren Charakter. Doris' Aussehn habe ich schon darzustellen versucht; meins muß man sich denken; es bleibt mir also nur noch übrig, den Kellner zu schildern. Es war ein alter, kleiner, dicker Mann, vom langen Dienst schwach auf den Beinen; er steckte in einer ungeheuren Schürze, so daß man nur die Hosenenden und den Kopf sah. Und der Kopf war einer der absonderlichsten, die man je gesehn: kein Härchen darauf; er war kahl wie ein Ei und hatte auch die Form eines Eis und die Farbe eines Ostereis, über und über rosa. Augen hatte er wie ein Frettchen, kleine, unstete, wässerige Augen, eine lange Nase, ein gerades, herabhängendes Kinn und einen schwerfälligen Dialekt – der allein hätte mich schon erheitert.

»Haben Sie sonst keine Zimmer?«

»Nous n'avons que cela.«

Ich zitiere die Worte in seiner eignen Sprache, denn ich weiß noch, wie brutal sie klangen und wie sie so ganz zu dem Charakter des Zimmers stimmten. Ohne jede Frage, die Worte werden dem Leser flach und zahm erscheinen, mir werden sie das nie. Nous n'avons que cela wird für mich stets so inhaltsschwer bleiben wie das berühmte ›Sein oder Nichtsein‹. Denn darauf liefen sie ja wirklich hinaus. Ich kann Doris neben mir stehn sehn, reizend, anmutig wie ein Tanagra-Figürchen, scheinbar ohne daß sie eine Ahnung davon hatte, welche Erniedrigung der Besitz ihrer Liebe in einem solchen Raume bedeutete. Und ich darf ehrlich sagen: ich wünschte, wir wären nie nach Orelay gekommen, sondern direkt nach Paris weiter gefahren. Eher auf ihre Liebe verzichten, als sie von einem gemeinen Milieu herabziehn lassen! Statt eines heiligen Ritus kamen mir meine Flitterwochen allmählich vor wie das, was die schwarze Messe dem frommen Christen sein muß.

»Es wird schon besser aussehn in den Zimmern,« sagte Doris, »wenn erst das Feuer angemacht und die Koffer ausgepackt sind. Man braucht nur einen Rock über eine Stuhllehne zu werfen – gleich ist das Zimmer möbliert.«

Ich nahm ihre Hände in meine, küßte sie und fühlte mich fast getröstet; doch da fielen meine Augen auf die Betten, und ich sagte:

»Die Betten! Doris, die Betten! Deins ist nicht besser als meins.«

Frauen sind immer zufrieden, oder sie sind gütig, oder sie sind klug und fügen sich ins Unvermeidliche, ohne zu murren.

»Liebster, sag dem Kellner, er möchte etwas warmes Wasser bringen.«

So tat ich. Als er draußen war, durchmaß ich das Zimmer und konnte an nichts andres denken als an das hohe Bett; es war mir unmöglich, das lächerliche Schauspiel eines Paares, das – sie im Nachtgewand, er im Schlafanzug – das Bett erklimmt, nicht vor Augen zu haben. Ich sah mich und Doris unter den Eiderdaunen liegen, gegenüber dem hohen Fenster, und nichts andres als die gemeinen Spitzenvorhänge haben, um das Licht auszuschließen; der Anblick verfolgte mich, und ich schritt im Zimmer auf und ab, bis der rosa Kellner mit zwei Kannen zurückkam. In höchster Verzweiflung begann ich meine Handtasche auszupacken, kam aber nicht weiter als bis zu den Bürsten und Kämmen. Doris packte ein paar Gegenstände aus und wusch sich die Hände. Das hatte ich auch vor; aber ehe ich mich noch fertig gewaschen, zog ich sie aus dem gräßlichen Becken, ging mit triefenden Händen zu Doris und sagte:

»Es ist fast gar kein Unterschied zwischen den Zimmern. Vielleicht möchtest du lieber in meinem schlafen?«

»Ich kann keinen Unterschied sehn. Ich denke, ich bleibe, wo ich bin.«

Es mag dem Leser belanglos scheinen, in welchem Zimmer sie schlief, aber es ist nicht so; denn wenn wir unsre Zimmer getauscht hätten, wäre diese Geschichte nie aufgezeichnet worden. Ich kann mich noch jetzt sehn, wie ich, gleich einem Tier im Käfig, das umsonst nach einem Weg zur Flucht späht, hin und her ging, bis ich auf einmal – mein Erlebnis erinnert mich sehr an die Kapitelüberschriften vieler Kolportageromane: ›der vom Wind zur Seite gewehte Wandteppich‹, ›die Entdeckung einer geheimen Tür‹ – bis ich auf einmal eine Tür in der Tapete fand. Sie war nicht verschlossen, ich stieß sie auf, stieg zwei Stufen hinab, und siehe! ich stand in einem Zimmer nach Herzenswunsch. Es war ein großer Salon in reichen Farben, mit schön geformten Fenstern und roten Seidendamastvorhängen an geschnitzten Gardinenstangen, auf denen noch die ganze alte Vergoldung lag. Und die Seide fiel in so zierlichen Falten, daß die Größenverhältnisse der Fenster dadurch noch in günstigeres Licht gerückt wurden. Und die Wände waren mit Seidenstoff von einem feinen, romantischen Muster bespannt, der in seinem vorwiegend roten Farbenton zu den Vorhängen paßte. Leuchter hingen an den Wänden, und eine seltsame alte Uhr stand auf dem marmornen Kamin zwischen verzierten Kandelabern. Ich blieb einen Augenblick vor der Uhr stehn und prüfte sie, kam aber sehr bald zu dem Schluß, daß sie nicht viel wert sei – Marseiller Fabrikat aus dem vorigen Jahrhundert.

›Ein schönes Zimmer‹, dachte ich, ›schön in seinen Größenverhältnissen und in der Farbe.‹ Und da ich noch eine Tür angelehnt sah, ging ich hindurch und entdeckte ein Schlafzimmer, gleichfalls rot, mit zwei Betten nebeneinander. Allerdings, die Betten waren hoch, und eine Wendung, die ich in einem Brief an Doris gebraucht: ›aggressiv tugendhaft‹, fiel mir ein, als ich die Betten betrachtete. Aber die Vorhänge waren gut an den ciels de lit angebracht (man kann, glaube ich, nicht cieux de lit sagen). ›Der Raum ist vom Schlafzimmer meiner Träume weit entfernt,‹ flüsterte ich, ›mais à la rigueur ça peut marcher.‹ Doch indem ich meine Untersuchung noch etwas weiter ausdehnte, stieß ich auf ein geräumiges Schlafzimmer mit zwei Fenstern, die auf den Hof führten – ein Zimmer, das dem phantasiebegabtesten Liebhaber genügt hätte, ein Zimmer wie geschaffen für die anbetungswürdige Doris; ich kann das sagen, wenn ich zärtlich auf ihre vielen vollendeten Reize mannigfacher Art zurückblicke. Ein großes, breites, niedriges Bett, ›gleich einem Schlachtfeld, wie es unser Lager sein soll‹, dachte ich, denn mir gingen die Verse des alten Dichters durch den Kopf:

›Madame, soll'n wir Euch ausziehn für die Schlacht?
Ihr führet einen nackten Krieg heut nacht.‹

Und wie ich es so betrachtete, stand ich wie verzaubert, beseligt da. Die Vorhänge, die an dem zierlichen Betthimmel wie eine Krone schwebten, hätten den Ansprüchen des Malers Boucher genügt ... Er hat selten Schlafzimmer gemalt. Ich kann mich im Augenblick an keins erinnern; dafür an viele solche Bilder von Fragonard, der gesagt hätte: ›Ich habe an dem Bett nichts auszusetzen.‹ Der Teppich war zwar kein Aubusson, aber trotzdem von ansprechendem Muster und harmonischer Farbenwirkung; das Sofa recht wohlgefällig, und die tiefen Louis XVI.-Sessel waren mit Kissen angefüllt. Ich wandte mich dem Toilettentisch zu nicht ohne Bangen, er werde aus dem Gesamtbilde herausfallen, aber er stimmte vollkommen zu dem Zimmer, und ich freute mich schon darauf, ihn mit all den verschiedenen Elfenbein- und Silbergegenständen aus Doris' Necessaire bedeckt zu sehn.

Nun stelle dir, lieber Leser, wenn du kannst, vor, wie ich zu Doris eilte, die ich in dem elenden viereckigen Raum, der mehr einer Gefängniszelle als einem Schlafzimmer glich, zurückgelassen hatte, während sie das Möglichste daraus zu machen suchte.

»Was ist los, Geliebter?« fragte sie.

Doch ohne darauf zu antworten, sagte ich: »Gib mir deine Hand« und führte sie, wie ein Märchenprinz sein hold Gemahl, durch die Farbenpracht des Salons, wobei ich ihr einen Augenblick Zeit zur Bewunderung vergönnte, und dann durch mein Zimmer – das mit den zwei Betten –, wobei ich in die Worte ausbrach: »All das ist noch gar nichts. Warte nur, bis du in dein Zimmer kommst!« Und Doris blieb wie angewurzelt stehn, übermannt von der Schönheit des Bettes und der Vorhänge, die von dem Baldachin anmutsvoll herabhingen wie Goldregen oder Akazienzweige im Juni.

»Die Zimmer sind schön, aber ein bißchen trist.«

»Doris, Doris, du verdienst nicht, hier zu liegen! Laß erst die Fenster aufgemacht, gelüftet und Feuer angesteckt sein. Denke nur, wenn wir beide hier nebeneinander sitzen und vor dem Schlafengehn plaudern!«

Schnell wurde geheizt, die Dienstboten brachten Leuchter, und in ihrer Mitte, Doris an meiner Seite, fühlte ich mich als Prinz – denn wer sonst ist ein Prinz als der, welcher das Begehrenswerteste auf der Welt besitzt, welcher sich in der köstlichsten Umgebung befindet? Und gibt es eine entzückendere Umgebung als in einem großen, schattigen Schlafzimmer sitzen und zusehn, wie die Holzscheite, die ihre angenehme Wärme dem ganzen Zimmer mitteilen, in Flammen aufgehn? Denn die Scheite, die wir bekamen, waren nicht, wie sich bald herausstellte, das weiche Holz, an dem man sich in Pariser Hotels die Schwindsucht holen kann; die Scheite, die in Orelay unsre Zehen wärmten, waren dicht und hart wie Eisen und brannten wie Kohlen, nur wohlriechender, und gar bald war die Kahlheit des Zimmers verschwunden. Ein über einen Stuhl geworfener Unterrock gibt, wie Doris richtig gesagt hatte, einem Zimmer sofort ein bewohntes Aussehn. Und der Inhalt ihres Necessaires versetzte, wie ich geahnt, das Zimmer ins vorige Jahrhundert zurück, als eine erlauchte Dame in blumigem, seidenem Schlafrock vor einem der mit Schminke, Puder und Flacons beladenen, eingelegten Toilettentische saß.

Ein solcher Tisch stand im Zimmer; ich zog ihn aus der Ecke hervor und hob seinen Deckel auf, den Deckel mit Spiegel. Und das Auspacken ihrer Handtasche machte mir Vergnügen, die Entdeckung einer Menge Gegenstände zum körperlichen Gebrauch, der verschiedenen Schwämme: da gab es einen flachen Schwamm fürs Gesicht, einen runden für den Körper und kleine Schwämme. Allerlei Scheren, Nagelpuder, Parfüms befanden sich in ihrer Tasche, weiche Seidenstrümpfe, Spitzenschleifen und das lange seidene Nachtgewand, das ihr bald über die Schultern gleiten sollte. Meine Aufzählung erschöpft keineswegs die vielen Dinge, die sie aus ihrem Necessaire und den Koffern holte; ebensowenig könnte der vollständigste Katalog einen Begriff davon geben, wie Doris ihren kleinen Körper pflegte. Man müßte zusehn, wie sie ihre Sachen mit den langen, geschweiften Händen und den blaßroten, sorgsam geschnittenen Nägeln zurechtlegte. Diese nahm sie sofort in Behandlung, wozu sie als Requisiten viele Arten Puder, Salben und Glätter gebrauchte. Mancher Leser wird schrein, all das sei ja ganz gleichgültig, aber er ist entweder ein Heuchler oder ein Dummkopf, denn nur durch Wohlgerüche, Seide und künstliche Mittel erheben wir die Liebe vom Naturtrieb zur Leidenschaft.

Eine Geliebte muß sich nicht allein sorgfältig pflegen und viele Stunden auf ihre Toilette verwenden, wenn sie keine Zofe bei sich hat, sondern auch der Mann muß überlegen, in welchem Aufzug er sich seiner Geliebten nähert. Ich glaube, es gibt auf unsern fernen nördlichen Inseln noch Ehemänner, die in Flanell- oder Jäger-Nachthemden das Schlafzimmer ihrer Frauen betreten. Da kann man nur pfui sagen! Und die Frauen hab ich von jeher ein wenig bemitleidet, denn sie müssen uns nehmen – wie mir einmal eine Dame sagte, die in diesen Dingen eine Künstlerin war: ›Wir müssen euch nehmen, wie ihr seid.‹

So war es vor fünfundzwanzig Jahren, ehe die Pyjamas oder Schlafanzüge erfunden waren. Sie ersparen uns die Schande des Nachthemds; kein Zweifel, sie haben uns von dem Übel erlöst. Und da man sich die Qualität und Farbe der Seide sorgfältig aussuchen und die seidenen Schnüre und Quasten vorteilhaft binden und auch eine Brusttasche tragen kann, so läßt sich füglich behaupten, ein Mann brauche jetzt nicht mehr ganz unpassend gekleidet zu sein, wenn er das Zimmer einer Dame betritt. Ich hatte natürlicherweise, bevor ich von London abreiste, meine Sachen sehr eingehend geprüft und darauf gesehn, daß verschiedene Schlafanzüge, und zwar die schönsten in der Farbe, sich unter meinem Gepäck befanden. An manchem Abend in Plessy hatte ich sie seufzend betrachtet in dem Gedanken, daß ich sie vielleicht nie anziehn würde, Doris zum Gefallen und um ihre Bewunderung zu erregen. Und meine Pyjamas waren mir sofort wieder eingefallen, als Doris den Vorschlag machte, nicht direkt nach Paris zu fahren, sondern in Orelay zu bleiben. Ich hatte dem valet de chambre, einem ausgezeichneten, nur etwas beschränkten Burschen, der im Hotel meine Toilette besorgte, gesagt, welche Schlafanzüge er in meinen Koffer legen solle; ich könnte es wörtlich wiederholen. Als ich jetzt plötzlich aufsprang, fragte mich Doris, was denn los sei, warum ich hinausginge.

»Ich will nur auspacken, mein Lieb ...«

Nach ein paar Minuten kam ich zurück – wie ich mich dieses Augenblicks entsinne! – und sah aus, sagte sie, wie einer, der eine Katastrophe erlebt hat. Vielleicht hält man das Wort Katastrophe für übertrieben, obwohl ein größeres Mißgeschick schwerlich einen Verliebten hätte treffen können; denn der valet de chambre hatte nicht nur vergessen, gerade die Pyjamas hineinzulegen, die ich ihm angegeben hatte – er hatte überhaupt keine eingepackt.

»Wie soll ich nun heut nacht bei dir im Zimmer erscheinen?«

Doris schwieg, und ich saß völlig zerschmettert da, noch außerstande, das Unglück, das uns betroffen hatte, in seiner ganzen Größe zu ermessen. Endlich erhob ich mich, schritt durchs Zimmer, blieb dann plötzlich stehn und sagte:

»Großer Gott, Doris, ich glaube wahrhaftig, Schopenhauer hat recht. Die Summe unsrer Leiden ist wirklich größer als die Summe unsrer Freuden. Der Habicht, der einen Spatz frißt, hat nicht so viel Freude von seiner Mahlzeit, wie es den Spatz schmerzt, aufgezehrt zu werden. Nein so etwas! Dieser liebe kleine Leib« – und ich schloß sie bei diesen Worten in meine Arme – »dies himmlische Gesicht – wer weiß es besser zu schätzen als ich? – aber wenn ich an die qualvolle Woche denke, die ich in Plessy durchgemacht habe, die Martern, die ich im Zug ausgehalten, das sprachlose Entsetzen, das mich befiel, als wir hier in die ersten Schlafzimmer geführt wurden – ich werde die Enttäuschung nie vergessen, denn ich habe vorausgesehn, wie alles gekommen wäre, wenn wir darin geblieben wären – –«

»Aber, Liebster, wir sind es ja nicht.«

»Nein, weil ich zufällig hier die Zimmer entdeckt habe. Aber jetzt ist mir die ganze Freude durch den verflixten Zwischenfall vergällt.«

»Es ist halt großes Pech. Hast du auch deinen Koffer gut durchsucht?«

»Ja, ich habe alles herausgeworfen. Pyjamas sind nicht drin. Das einzige wäre, daß ich mir hier in Orelay einen Schlafanzug kaufe. Wenn wir sofort ausgingen! Die Läden sind noch nicht geschlossen.«

»Du wirst schwerlich einen in Orelay bekommen,« erwiderte Doris.

»Nicht wie die, die ich dem Esel sagte einzupacken. Das weiß ich recht gut. Du meinst, die rauhen Dinger, die man hier in den Läden kriegt, wären schlimmer als gar keine? Vielleicht.«

Wir hatten das Essen auf halb acht bestellt, und Doris sagte, als wir durchs Vestibül gingen: »Hinterlaß doch Bescheid, daß wir nicht vor acht zurückkommen.«

Und fort ging es durch die engen, dunkeln Straßen von Orelay, durch die der kalte Nachtwind fegte. Doris war zu leicht angezogen; sie hatte nur die Sommergarderobe mit, die sie in Plessy getragen, und ich beschwor sie daher, ihren Mantel fest zuzuknöpfen.

»Da ist ein Laden,« sagte ich, und wir traten ein. »Madame, haben Sie Pyjamas?«

»Nein, die führen wir nicht,« versetzte eine matronenhafte Frau. Doris meinte, als wir zu einem andern Laden eilten, sie habe ein Gesicht gemacht, als ob wir etwas Unanständiges verlangt hätten. Dieselbe Antwort ward uns Laden für Laden in der ganzen langen Straße zuteil; alle Verkäufer rieten uns, es nebenan einmal zu versuchen, bis schließlich kein Laden mehr übrig war.

»Es gibt nur ein Geschäft,« sagte eine hübsche, junge Frau, die unser Mißgeschick vermutlich erraten und Mitleid mit uns hatte, »wo Sie in Orelay Pyjamas haben können. Gehn Sie die Querstraße an der Kirche hinunter, bis Sie auf den Platz kommen (ich habe den Namen vergessen), da sehn Sie an der Ecke einen Laden, Les Elégants. Wenn die keine Pyjamas haben, nehmen Sie schon besser ein Nachthemd, Monsieur.«

»Danke schön, danke schön.« Doris und ich eilten davon auf der Suche nach Les Elégants; wir brauchten zehn Minuten, da wir unterwegs hie und da in einem kleinen Geschäft nachfragten. »Haben Sie Pyjamas?« – »Nein, wir führen keine, nur Nachthemden.« – Endlich tauchte das ersehnte Schild Les Elégants vor uns auf, und wir wandten uns an den jungen Verkäufer, der uns den Bescheid gab, den letzten Schlafanzug, den er auf Lager gehabt, habe er dem Fabrikanten zurückgeschickt, da in Orelay keine Nachfrage danach sei.

»O weh! Doris, wir sind in eine moralische Stadt geraten. Hohe Betten und Nachthemden!«

»Monsieur, darf ich Ihnen einmal seidene Nachthemden zeigen? Wir haben sehr hübsche vorrätig.«

Ich blickte Doris an.

»Wir wollen sie einmal sehn,« sagte sie. »Das hier ist hübsch gestreift,« und sie prüfte die Qualität genau mit ihren langen Fingern, die – ich erwähnte es schon – schlank und geschweift waren. Während sie mit dem Nachthemd beschäftigt war, suchte ich von dem Verkäufer zu erfahren, wie es denn komme, daß keine Nachfrage nach Pyjamas sei. Ob es denn keine jungen Leute in Orelay gäbe, die es entrüstet von sich wiesen, das Zimmer einer Dame im Nachthemd zu betreten? Der Verkäufer sah mich mißtrauisch an; es gäbe ja gewiß welche, antwortete er, aber die ließen ihre Unterwäsche aus Paris kommen.

»Ich meine, Liebster, das Nachthemd hier – –«

»Gut, Doris, wir wollen's nehmen.«

Heim jagten wir durch die schlecht gepflasterten Straßen Orelays, von schwarzen Häusern umgeben, deren Silhouette im Nu verschwand; nur der Kirchturm tauchte ab und zu empor. Ich trug ein Paket, ein Paket, in dem ein seidenes Nachthemd mit rosa Streifen war – Preis: zehn Francs.

»Ich bin überzeugt, Pyjamas gelten in Orelay als unmoralisch,« sagte Doris.

»Da hast du unbedingt recht.« Wir eilten weiter, und die Ideen flogen herüber und hinüber. Einmal setzte ich Doris auseinander, daß alles Ungewöhnliche für unmoralisch gehalten werde; das brauche uns nicht zu überraschen, da ja die ursprüngliche Bedeutung des Wortes ›ungewöhnlich‹ sei. Die Moralprediger haben feineres Sprachgefühl, als sie denken, denn es wäre ganz korrekt zu sagen: das gefallene Wetterglas ist unmoralisch, obgleich ich bezweifle, daß man dann verstanden würde. In diesem Augenblick wurden wir in unsrer Unterhaltung durch die Auslage eines marchand d'antiquités unterbrochen; wir gingen in den Laden und brachten einige Zeit damit hin, ein Geschenk für Doris aufzustöbern. Auf der Straße setzten wir das Gespräch, das wir so jäh hatten fallen lassen, wieder fort. Wir erinnerten daran, daß es im westlichen Europa als moralisch gilt, wenn eine Frau abends ihren Busen ausstellt – der Grund, warum Frauen tief ausgeschnittene Kleider tragen, liegt auf der Hand. »Liebe Doris, sind wir nicht putzige Geschöpfe?« Im Osten dagegen würde man eine Frau für sehr frivol halten, wenn sie bei Tage ihren Busen entblößen wollte, vom Abend ganz zu geschweigen; ihre Füße darf sie jedoch entblößen, denn das ist Landessitte. »Du siehst daraus, Doris, die Sprache ist der ewige Fels inmitten des ethischen Flugsandes.«

»Willst du damit sagen,« fragte Doris, »daß das, was wir heut allgemein als Sünde betrachten, früher für verdienstlich angesehn wurde?«

»Selbstverständlich, und so wird's wieder kommen.«

»Weißt du auch,« sagte sie mit einem Mal, »daß ich meine Mutter oft habe erzählen hören, die Frauen in England hätten bis zu den sechziger Jahren keine Unterhosen getragen? Die Kaiserin Eugenie hat sie aufgebracht, und man hielt sie zuerst für unmoralisch.«

»Wie amüsant! Wie amüsant!« erwiderte ich. »Es geht doch nichts über unfreiwilligen Humor. Die Dummheit ist der größte Humorist. Wo wären wir, wohin kämen wir ohne die Dummheit? Ich war erst ein kleiner Junge, als die Kaiserin ihre Unterhosen nach England schickte, aber ich weiß noch, wie häßlich sie gewesen sind. Sie gingen bis zum Knöchel – ein schwerer Fehler!« Doch ehe wir noch zu Ende besprochen, worin dieser schwere Fehler bestand und wie man ihm seither abgeholfen, hatten wir unser Hotel erreicht.

»Ich brenne ordentlich darauf,« sagte Doris, »den schönen roten Salon zu sehn, wenn alle Leuchter angesteckt sind und ein halbes Dutzend Scheite im Kamin glühn. Es ist ungewöhnlich kalt draußen.«

Soll der Geist unbefangen sein, so ist körperliches Wohlbehagen vonnöten. Wir saßen zu beiden Seiten eines herrlichen Feuers und wärmten uns die Zehen. Nachdem ich völlig aufgetaut, war ich bereit zuzugeben, daß die feindliche Stimmung, der die Unterhosen der Kaiserin in England begegnet waren, sich nicht derartig auf die Oberfläche beschränkte, wie es zuerst den Anschein hatte, denn das englische Volk ist seinem Wesen nach gut christlich gesinnt, und indem das Volksempfinden die Unterhosen für unmoralisch erklärte, drückte es nur den Glauben aus – roh, wenn man will – aber immerhin unverkennbar den Glauben, der die Wurzel alles Christentums bildet: daß feine Lebensart an sich eine Sünde und daß alles, was zum Luxus führt, gefährlich ist. Im Grunde seines Herzens ist der Christ überzeugt, mag er es auch in der modernen Zeit nur ungern einräumen, daß jeder Versuch, die Liebe zu verschönern und zu einer Freude zu machen, eine Rückkehr zum Heidentum bedeutet. In seinen Augen gibt es für die Liebe des Mannes zur Frau nur die eine Entschuldigung: daß ohne sie die Welt untergehn würde. Warum er nun den Untergang der Welt für ein Unglück erachten sollte, das hab ich nie entdecken können; denn ist seine Religion die wahre, so liegt der Hauptzweck dieser Welt darin, die Hölle mit Brennmaterial zu versehn. Er versichert uns unermüdlich, daß ganz wenige bloß hoffen dürfen, in den Himmel zu kommen.

»Aber Frankreich ist kein christliches Land, und doch ist, wie du siehst, das hohe Bett noch nicht untergegangen,« sagte Doris.

»Ideen sterben langsam aus. Pyjamas gelten noch als strafwürdiger Luxus. Die Nachtmütze ist freilich verschwunden, sogar in Orelay, aber das Nachthemd ist noch da – wehe! wehe!« und ich öffnete mein Paket und holte das Wäschestück hervor. »Die Liebe präsentiert sich in lächerlichem Aufzug, soll wie ein Hanswurst aussehn. Ich wünschte, ich hätte auch eine Nachtmütze gekauft. Es ist ein Jammer, das Nachthemd ohne Zipfelmütze zu tragen.«

»Ich danke meinem Schöpfer, daß du's nicht getan hast,« hauchte Doris kaum vernehmlich.

»Wer weiß! Lieber scheußlich als häßlich aussehn!«

»Du würdest scheußlich aussehn, Schatz.«

»Doris, ich möchte dich mal in einer Zipfelmütze sehn und in einem von den langen Nachthemden mit Rüschen aus der Zeit unsrer Großmütter, wie man sie auf Bildern sieht.«

»Wie ich mich wohl darin ausnehmen würde!« versetzte Doris mit einer Feierlichkeit, die immer auf dem Gesicht der Frau zutage tritt, sobald die Toilettenfrage angeschnitten wird.

»Woran denkst du, Lieber?« fragte sie unvermittelt.

»Nur an die Zipfelmütze, aber es ist schon zu spät. Die Läden sind wohl schon geschlossen. Außerdem gibt es vielleicht gar keine in Orelay. Und dann, Doris – die Nachtmütze hätte notwendigerweise die Rückkehr zu der alten Sitte des Zusammenschlafens im Gefolge. Als sich die Nachtmütze ihrer großen Beliebtheit erfreute, war die Liebe – wenn ich Shakespeare zitieren darf – ›umklaust, gepfercht, umgarnt‹ im Bezirk des Himmelbetts mit vier Pfosten, und die Zeit für die Liebe war reguliert – Nacht! –, und nach dem Festschmaus der Liebe erwartete man von den Eheleuten, daß sie sich schön auf die andre Seite drehten und einschliefen, wahrscheinlich schnarchten.«

Doris' Meinung über die Frage, ob Liebesleute zusammen schlafen sollten, war nicht leicht zu ermitteln. Die Frauen sind konservativ; alte Sitten finden an ihnen eine Stütze.

»Ich hab in meinem ganzen Leben nie mit jemand geschlafen – de cela au moins je suis vierge.«

»Jetzt zitierst du aus deinem Buch Les Confessions d'un jeune Anglais.«

»Man ändert sich nie. Hab ich das da gesagt? Ich hab es ganz vergessen. Aber seitdem ich diese Beichte verfaßt habe, haben mir Fachmänner der Liebe mitgeteilt, daß ich unbestreitbar durch meine Enthaltsamkeit viel versäumt habe. Das hör ich von allen meinen Freunden. Mir ist gesagt worden, und zwar von einem, der's wissen muß: wer noch nicht morgens neben seiner Geliebten aufgewacht ist, wer nie die Sonne hat durchs Fenster scheinen sehn und die Vögel in den Zweigen singen hören, der kennt nicht die Wonne der Liebe, den Zauber ihrer Intimität.«

Während ich die Ansicht meines Freundes Doris anvertraute, spielte ihr der Feuerschein über Gesicht und Haar, und zum ersten Mal ahnte ich, was es bedeuten müsse, das schlafende Köpfchen im verwirrten Golde des langen, dichten Haares neben sich liegen zu sehn. Doris, die sich etwas abgespannt fühlte, starrte in die Glut. Ihre Haltung war dem Schwärmen günstig; ein Traumbild knüpfte sich ans andre, bis schließlich die Kette riß, als der rosa Kellner mit unserm Abendbrot hereintrat. Am Nachmittag hatte ich ihn einen Idioten gescholten, worüber er sehr in Harnisch geriet; er sei kein Idiot, hatte er erklärt, aber wenn ich ihn zur Eile antreibe, verliere er ganz den Kopf. Es tut einem natürlich leid, einen Kellner anzufahren; dergleichen ist empörend, und einzig der Zustand des Schlafzimmers, das er uns zeigte, konnte mir als Entschuldigung dienen. Seine Redseligkeit, die mich am Nachmittag irritierte, erheiterte mich jetzt, als er den Tisch deckte und mir die Speisekarte mitteilte. Ich mußte ihn ferner wegen des Weins um Rat fragen. Es machte mir Spaß, ihn in seinem ausgeprägten südlichen Dialekt von einem Landwein sprechen zu hören, der so gut und so stark wie Pomard sei und in der ganzen Welt berühmt werden würde, wenn er sich verschicken ließe. Da wir sehr müde waren und uns der Vers einfiel:

›Quand on boit du Pomard on devient bon, on aime,
On devient aussi bon que le Pomard lui-même‹ –

so tranken wir in der Hoffnung, der Wein werde uns beleben. Aber der starke Wein aus dem Süden schien mehr eine erschlaffende als aufmunternde Wirkung zu haben. Nachdem wir unser Mahl beendet und unsre Plätze am Kamin wieder eingenommen hatten, waren wir zu müde und zu nervös zum Reden.

»Die Stunde ist da, Doris,« sagte ich; die Kehle war mir wie zugeschnürt, und ich schien bis in die Eingeweide zu zittern. Auch sie war offenbar erregt. »Es ist Zeit, auf unser Zimmer zu gehn. Wir sind beide müde. Was sollen wir noch länger aufbleiben?«

Ich habe schon erzählt, wie ich mich auf ein gemütliches Feuer in Doris' Schlafzimmer freute, darauf, neben ihr am Kamin zu sitzen, zuzusehn, wie sie ihr Haar aufflocht, ihr Mieder aufschnürte, ihren Samtpantoffeln einen Schubs gab, ihre seidenen Strümpfe von den schneeweißen Beinen zog und sich in das große Bett einmummelte, das breit wie ein Schlachtfeld war. Es kommt selten genau so, wie wir es uns vorstellen, aber diesmal spielte mir meine Phantasie keinen Streich. Ich habe erzählt, welche Enttäuschung wir erlebten, als wir die Zimmer besichtigten, die man uns angewiesen hatte, und welche weitere, als sich meine Pyjamas nicht finden ließen; damit waren jedoch die Besorgnisse des Liebhabers noch nicht am Ende angelangt. Ich hatte große Angst, sein stürmisches Begehren könne seine Körperkraft unterwühlen; nur die Schönheit meiner Doris – sie war in nichts hinter dem Idealbilde zurückgeblieben: sie war keine Tanagra-Figur, keine Tonskizze, sondern eine ausgeführte Marmorstatue; une fille en marbre, aber durchaus nicht une fille de marbre – bewahrte mich vor dem Mißgeschick, das alle Verliebten fürchten. Ihre Schönheit rettete mich. Voll Bedauern muß ich darauf verzichten, sie mit allen intimen Details zu beschreiben, denn was verdient mehr eine Schilderung als Schönheit – die schönen Arme einer Frau, wenn sie sie um dich schlingt, die zweitschönste Bewegung in der Welt, und die reizende Bewegung der ebenmäßigen Hüften, wenn sie sich zusammenrollt wie ein Frettchen in seinem Nest und ihr Gesicht einmummelt, ganz wie ein Frettchen? Ich glaube, Frauen sind sich ihrer Schönheit bewußt wie Katzen. Männer sind sich ihrer Häßlichkeit peinlich bewußt; die meine bereitete mir argen Verdruß. »Die Schöne und das Tier,« sagte ich ...

Doch um von etwas anderm zu sprechen. An alles erinnert man sich besser als an den Augenblick der höchsten Wonne. Die Farbe der Zimmer, ihre Größenverhältnisse, die Einrichtung – alles steht mir heute so deutlich vor Augen wie in Wirklichkeit. Das Holz, das wir in dem mächtigen Kamin brannten, die Form eines Scheits, das am einen Ende zu Asche wurde, während am andern ein knorriger Stumpf übrig blieb, die Kerzen, die wir ins Dunkel stellten, um nicht geblendet zu werden – all dieser Einzelheiten entsinnt man sich, nur der Moment der Ekstase ist vergessen. Schade, daß es so ist ... Aber ich weiß noch, wie ich am Fuß des Bettes stand und ihr Gute Nacht wünschte. Der Augenblick der Trennung kommt für alle Verliebten, es sei denn, daß sie Eheleute sind, die ein Zimmer bewohnen. Das gemeinsame Schlafzimmer – eine der wichtigsten Fragen im Haushalt der Liebe – war gerade auf dem Tapet, als uns der rosa Kellner unser Abendbrot brachte; und der Leser wird sich entsinnen, daß ich Doris erzählte, die Gelehrten auf dem Gebiete der Liebe hätten mir gesagt: wer nicht in der Frühe neben seiner Geliebten aufgewacht sei, den Sonnenschein durchs Fenster habe fluten sehn und die Vögel in den Zweigen habe singen hören, der kenne nicht die Wonne der Liebe, ihren innigen Zauber. Der freundliche Leser wird dies Geständnis nicht vergessen haben, und mit einem Sprung seines Instinkts wird er mich triumphierend auf dem Gipfel aller irdischen Liebe haben stehn sehn; daher wird ihn die Tatsache, daß ich Doris am Fuß des Bettes Gute Nacht wünschte, weil ich mich dem Einschlafen nahe fühlte, in den ›Sumpf der Verzweiflung‹ geworfen haben, und daraus kann ihn meine Erzählung bei aller Lebenstreue nicht emporziehn. Mir ist also in Orelay der heilige Augenblick nicht zum Bewußtsein gekommen, und er wird es infolgedessen nie, wenigstens nicht auf dieser Welt, der Augenblick, den Wagner mit Harfenklängen so völlig ausschöpft, wenn Siegfrieds Kuß Brünnhilde erweckt und sie der Schönheit der Welt ihre Augen öffnet. Trotzdem hab ich in Orelay gelernt, daß mein Freund, der behauptete, ich sei nur ein Novize, bloß ein Meßgehilfe im Dienste der Liebe, mit seinem Urteil nicht ganz unrecht hatte: denn als ich plötzlich nach mehrstündigem Schlaf aufwachte, hörte ich Doris an der Klinke meiner Tür herumwirtschaften, und ich fragte sie, ob sie etwas suche. Sie wolle nur wissen, wie spät es sei, sagte sie; in ihrem Zimmer sei keine Uhr, aber auf meinem Kaminsims stände eine. Es schien so gut von ihr, in mein Zimmer zu kommen, daß ich mich nicht enthalten konnte, sie in meine Arme zu schließen, und ich versicherte ihr, ich hätte noch nie ein Weib so früh am Morgen gesehn. Das freute sie, denn sie wollte unsre Liebe nicht durch die Erinnerung an andre Weiber befleckt wissen. Sie verbreitete an diesem Morgen solches Entzücken um mich, daß ich sie am nächsten Morgen in ihrem Zimmer aufsuchte; und auch diese Gegenvisite steht mir klar vor Augen, freilich nicht so deutlich wie ihr Besuch in meinem Zimmer. Als ich sie verließ, um mich anzukleiden, kam sie mir nachgelaufen, um mir etwas zu erzählen, das sie vergessen hatte, und sie sah mir zu, während ich mich rasierte, und lachte über ihre Albernheit, denn es war wirklich albern, daß sie mir immer noch etwas mitzuteilen hatte. Kaum war sie fort, da fiel mir etwas ein, das ich ihr leider zu sagen vergessen, und ich mußte zu ihr eilen und sie bitten, mir den Eintritt zu gestatten, obgleich sie im Bade war.

Ich kenne die Statue eines Weibes, das sich nach vorne beugt und sich die Schenkel trocknet. In dieser Stellung fand ich Doris. Die Statue ist ein blödes Machwerk, weil es ihr an persönlicher Beobachtung gebricht. Alles, was der Bildhauer verabsäumt hatte, gewahrte ich an Doris, aber der Vergleich huschte nur vorüber; das Entzücken, sie nackt zu sehn, nahm mich ganz gefangen. Und ich dachte an andres, an Fragonard zum Beispiel; denn Fragonard hat empfunden, wie klein die Frau im Vergleich zum Manne ist. Dieselbe Idee rief Doris bei mir hervor. Die Masse ihres Haares ließ sie kleiner aussehn, als sie in Wirklichkeit war, der Kopf schien für den Körper zu groß, allein diese Täuschung (denn es war nur ein irriger Eindruck) tat ihrer Schönheit keinen Abbruch. Sie war entzückend wie eine Musterfigur, sie war ein Bild von Fragonard – ein ›Bettschatz‹ aus dem achtzehnten Jahrhundert – ja, das war sie ... Sie hieß mich gehn. Noch nie habe sie jemand im Bade gesehn. Sie wolle es nicht haben; sie wolle es durchaus nicht haben. Ich dachte: wie reizend sind doch diese Ausflüchte, wie wenig wäre doch die Liebe ohne sie! Da rief sie mir noch nach, in zehn Minuten werde sie bei mir sein, ich solle unterdessen klingeln und unser erstes Frühstück beim Kellner bestellen.

Der Kaffee, die Brötchen und die Butter waren eher da als Doris. Der Ärger, das Frühstück kalt werden zu sehn, wurde durch die Freude aufgewogen, sie zu necken, mit Gewalt darauf zu bestehn, sie möchte den Morgenrock überwerfen und kommen, wie sie sei, einerlei, was sie darunter anhabe. Der Kellner zähle nicht; das sei kein Mann, bloß ein Kellner, ein rosa Geschöpf, rosa wie nichts in der Welt, ausgenommen ein Kinderpopochen, und damit habe er sehr große Ähnlichkeit.

»Eil dich doch. Liebste, bitte beeile dich!« Und ich ging in den Salon zurück und ließ mich mit dem alten Provinzler in eine Unterhaltung ein, wobei mein englischer Akzent seltsam von dem seinen abstach. Zum ersten Male vernahm ich den Dialekt des Südens. In Plessy hatte ich alle möglichen mundartlichen Färbungen gehört: schweizerisches, deutsches, italienisches Französisch, auch reichlich Pariser Akzent; und ich hatte zu einer Blumenhändlerin aus Paris, deren Mann ein Savoyarde war, gesagt, ich lehne es rundweg ab, noch länger an eine südliche Klangfärbung zu glauben: ›C'est une blague qu'on m'a fait.‹ In Orelay hatte ich jedoch echten Dialekt entdeckt, und ich hörte dem alten Mann zu um seiner Sprache willen. Er erkundigte sich gerade, wie mir der Wein geschmeckt habe, den wir gestern abend getrunken hatten, als Doris in einem schneeweißen Morgenrock hereintrat.

»Dir hat der Wein geschmeckt, Liebste, nicht? Er möchte wissen, ob wir denselben Wein zum Frühstück um zwölf Uhr haben wollen.«

»Lieber Himmel, es ist ja schon elf Uhr,« entgegnete Doris und blickte nach dem Kellner.

»Monsieur und Madame werden ein bißchen spazieren gehn. Vielleicht möchten die Herrschaften lieber um ein Uhr das Déjeuner nehmen?«

Auch wir waren der Meinung, daß wir vor ein Uhr nicht frühstücken könnten, und der Kellner schlug uns einen Besuch des Domes vor; damit lasse sich die Zeit ebenso angenehm wie nützlich ausfüllen. Allein Doris wollte, nachdem sie ihren Kaffee getrunken, auf meinem Knie sitzen und mit mir plaudern; und außerdem war ein Klavier da, und sie wollte mir einiges vorspielen oder vielmehr: ich wollte einiges von ihr hören. Leider war das Klavier schlecht; die Tasten gingen nicht mehr hoch, sagte sie. So verplauderten wir etliche Stunden, ohne zu merken, wie die Zeit verstrich. Nach dem zweiten Frühstück fragte der Kellner abermals, ob wir einen kleinen Spaziergang unternehmen wollten; um vier Uhr sei die Vesper im Dom.

»Er wird Monsieur und Madame gut tun.«

»Was? Der Spaziergang oder der Dom?« wollten wir wissen. Ein wenig verlegen, begann der alte Bursche zu erzählen, er sei schon mehrere Jahre nicht im Dom gewesen, doch als er zuletzt dort war, habe ihm die Finsternis einen tiefen Eindruck gemacht. Er habe sich nur von Säule zu Säule weiter tasten können und wäre um ein Haar über die am Boden knieenden wenigen Frauen gestolpert, die da krauchten und dem lateinische Verse singenden Geistlichen lauschten. Seiner Schilderung nach waren nirgends Fenster als hoch oben in der Kuppel. Die Hände hatte er auf den Tisch gestützt und sah aus wie der Inbegriff aller Kellner, die je existiert haben oder noch existieren werden; seine mit Schulterbändern befestigte Schürze reichte ihm fast bis ans Kinn. Man hätte ganz unmöglich sehn können, erzählte er, was auf der Kanzel vor sich ging. Hinten im Dunkel hätte offenbar noch eine große Anzahl Geistlicher gesessen, denn man hätte hinter dem hohen Gestühl Stimmen vernommen, die lateinische Verse sangen; man hätte nur die Endsilben gehört, ein ›us‹ und ein ›noster‹ und die Wörter, die mit ›e‹ endigen, und die Orgel sei immer etwas zu spät eingefallen.

»Lieber Freund und Kupferstecher,« sagte ich, »Ihre Beschreibung läßt nichts zu wünschen übrig. Was soll ich in der Kirche? Ich kann höchstens die Richtigkeit Ihrer Eindrücke bestätigen. Der Gottesdienst ist sicher genau so, wie Sie ihn schildern. Nicht um alles in der Welt möcht ich mir das Bild verderben, das Sie von den unbeachteten Priestern entworfen haben, die inmitten der Kirche aus Granit hinter einem dreiarmigen Leuchter die Vesper intonieren.«

Ganz außer Fassung verließ der arme Teufel das Zimmer; Doris meinte, ihm sei zumute gewesen, als hätte er eine Gabel verloren.

»Gott sei Dank, das wäre erledigt. Mir ist ein Stein vom Herzen.«

»Aber das Museum! Möchtest du gerne hin?« fragte Doris, und meine Gesichtszüge veränderten sich.

»Nun ja, Doris – der Kellner hat uns erzählt, im Museum sei eine berühmte Skizze von David ›Die Nymphe von Orelay‹.«

»Aber, Liebster, bin ich denn nicht deine Nymphe von Orelay?« Und Doris ließ sich auf die Kniee gleiten und schlang ihre Arme um mich. »Bin ich dir nicht so viel wie die gemalte Puppe im Museum?«

»Weit mehr, weit mehr!« sagte ich. »Jetzt sind wir frei – Dom und Museum sind abgetan. Der ganze Tag gehört uns, und morgen können wir ihn im Bett verbringen, wenn's uns Spaß macht.«

»Das wollen wir auch,« sagte Doris nachdenklich. Und das taten wir auch, und ich halte die Zeit für wohl angewandt, denn dadurch hüteten wir uns vor einer Erkältung, die man sich leicht zuziehn kann, wenn der Mistral weht. Und ich sammelte in Doris' Bett viele kostbare Andenken an ihre Schönheit. Erst am folgenden Abend fiel uns ein, daß die Zeit nie stille steht, daß wir nun unsre kleinen Koffer packen mußten. Am nächsten Morgen schlug die Abschiedsstunde.

»Warum nehmen wir denn den Zug?« sagte Doris voll Bedauern. »Ich wünschte, wir könnten im Wagen abfahren. Jetzt gehn wir von Orelay fort und haben nichts gesehn als diese Zimmerflucht.«

»Ich sehe keinen Grund, warum wir nicht einen Wagen nehmen sollen.« Und ich hielt im Packen inne und stand mit meinem halb zusammengelegten Nachthemd in den Händen da, den Blick auf sie gerichtet. »Ah, das Nachthemd!« Sie lachte. »Was soll ich damit anfangen?«

»Du willst es doch nicht hier lassen? Heb dir's auf zur Erinnerung an Orelay!«

»Ja. Ich will nicht, daß es ein andrer auf dem Leibe trägt.« Ich betrachtete die cremefarbige Seide mit den zarten rosa Streifen und hatte den Eindruck, daß es am Ende gar nicht so häßlich sei. »Es wird mir stets die Zimmer hier ins Gedächtnis zurückrufen, in denen wir nie wieder sein werden. Ist das nicht traurig, Doris? Wir haben hier drei solche Tage und drei solche Nächte verlebt, daß man nicht weiß, wem man den Vorzug geben soll: den Tagen oder den Nächten. Lieber Gott, wie dankbar müssen wir dir dafür sein, daß du einen Unterschied gemacht hast zwischen Mann und Frau! Was wäre doch die Welt für ein Jammertal geworden ohne die Geschlechter – was wär all ihre Romantik und Eselei!«

»Wären wir wohl auch drei Tage geblieben, wenn wir nicht die Zimmer hier entdeckt hätten? Herzliebster, ich glaube, in den bescheideneren Räumen wär ich dir nicht so viel geworden. Du machst doch viel Wesens von den Gardinenstangen und Vorhängen.«

»Ich hätte dich überall geliebt, Doris, aber hier kann ich dich doch wohl mehr lieben.« Mit den Koffern in der Hand gingen wir aus dem Schlafzimmer in den Salon und warfen einen letzten bewundernden Blick auf seine entschwundene Pracht. »Doris, du mußt mir den ›Nußbaum‹ vorspielen. Auf dem alten Klavier möcht ich ihn hören. Laß ihn singen und klingen, mein Lieb, aber spiel ihn nicht zu gefühlvoll und auch nicht zu heiter.«

»Wie willst du ihn haben?« fragte sie, »als ›Liebe in Treue‹ oder als ›Liebe im Spiel‹?«

»Ich will ihn graziös und phantastisch haben, wie ihn Schumann geschrieben hat – ›nur eines heimlichen Vogels Gesang‹.«

»Daß das Ergreifende der Einsamkeit herauskommt?«

»So ist's recht,« rief ich, »das ist das richtige Tempo, ohne Überschwenglichkeit nach beiden Seiten hin ... Nein, Doris, bleib noch am Klavier. Sing mir ein paar Lieder. Noch etwas von Schumann oder Schubert. Es gibt keine andern Lieder. Laß mich von dir die ›Mondnacht‹ oder die ›Lotosblume‹ hören. Schumann und Schubert waren die Singvögel der fünfziger Jahre. Ich liebe ihre romantische Sentimentalität: Goldorangengärten, ein sanfter Südwind, ein See mit einem Kahn darauf und die Nachtigall, die im finstern Wald am einsamen Ufer singt. So haben sie empfunden, so geträumt.«

Und indem sie sich meiner Stimmung hingab, sang sie Lied auf Lied, bis ich schließlich aus einer langen musikalischen Träumerei und alten Erinnerungen aufwachte und sagte: »Spiele mir einen Walzer, Doris. Ich möchte hier im Zimmer einen altmodischen Walzer hören. Seine romantischen Klänge werden die abgeschiedenen Geister heraufbeschwören.« Und gar bald wollte es mir, der ich mit halb geschlossenen Augen in meinem Stuhle saß, so vorkommen, als säh ich Krinolinen leise über den Boden schweben, als säh ich Füße in weißen Strümpfen, hängende Schultern und glitzernde Nacken mit Chignons – schwanengleiche Frauen und Kavaliere mit langen Bärten, in Pluderhosen und Borten-besetzten Röcken, die miteinander tanzten oder konversierten ... Plötzlich brach die Musik ab.

»Wenn wir mit dem Zug mitkommen wollen, müssen wir weiter packen,« sagte Doris.

»Sprich nicht von Mitkommen!« Und von Schumannscher Sehnsucht und Schwermut überwältigt, hingerissen von Doris' Schönheit, schloß ich sie in meine Arme. Sie war die Vollendung selbst. Keine Wedgwood-, keine Meißener Figur war je so zierlich, ausgelassen, heiter. Sie war Schumann und Meißen, aber Meißen aus einer früheren Periode als Schumann. Doch warum Vergleiche anstellen? Sie war Doris – ganz die Verkörperung ihres Namens.

»Ach, Doris, warum müssen wir fort? Warum können wir nicht immer hier bleiben?«

»Sonderbar,« sagte sie, »ich fühle den Zauber dieser alten, vornehmen Räume ebenso wie du. Aber, Liebster, wir haben den Zug versäumt.«

Der rosa Kellner kam herauf, ich versprach mich zu eilen, doch meine Zärtlichkeiten hielten uns ungebührlich lange auf, und wir kamen zum Bahnhof, nur um zu hören, daß der Zug ungefähr schon seit zehn Minuten fort sei. Es war der einzige gute Zug am ganzen Tag; ihn versäumt zu haben, bedeutete einen weiteren Aufenthalt von vierundzwanzig Stunden in Orelay. Doris war jedoch abergläubisch. »Unsre drei Tage sind um,« sagte sie. »Gehn wir heute nicht, müssen wir morgen abreisen, und am vierten Tag abzureisen, das bringt Unglück. Was sollen wir den ganzen Tag treiben? Der Zauber ist gebrochen. Aus dem Hotel sind wir fort. Laß uns einen Wagen nehmen,« schlug sie vor, »und bis zur nächsten Station fahren. Die Sonne scheint, die Gegend ist schön. Wir haben sie schon vom Zug aus gesehn – eine merkwürdige, rote Landschaft mit grauen Oliven, Olivengärten, die sich bis dicht an den Fuß der Berge heranziehn, mit Fichten vermischt, die an den Abhängen wachsen.«

»An den Abhängen,« sagte ich, »an den steilen Flanken des hohen Felsens! Ich werd ihn nie vergessen. Wie der Schweif eines Löwen fängt er an, steigt zum Himmel empor und ragt wie eine Sphinx über die ebene Landschaft.«

»Die Fahrt im Wagen wäre entzückend.«

»Und sie würde die Romantik des alten Empire-Salons fortsetzen. Eine Postkutsche wäre das Richtige. Wenn wir nur eine bekommen könnten!«

Manchmal scheint es die Natur darauf anzulegen, einen Gedanken auszuführen. Wenn wir auch keine echte alte Postkutsche in dem Wagenschuppen hinter dem Hof, wo die Stechpalmen blühten, zu entdecken vermochten, so wollte es der Zufall, daß wir einen fünfundzwanzig bis dreißig Jahre alten Wagen sahen, einen schwerfälligen alten Kasten mit C-Federn, für dessen Sicherheit der Kutscher keine Garantie übernehmen wollte. Er sprach in verächtlichem Tone davon: der Besitzer hätte sich alle Mühe gegeben, ihn los zu werden, hätte aber keinen Käufer dafür gefunden, weil die Pferde zu schwer daran zu ziehn hätten und weil er so altmodisch sei; man müsse sich ja schämen, darin auszufahren. Die Schönheitsbegriffe des Kutschers gingen uns nichts an, Doris hatte jedoch Angst, es könne ein Rad losgehn; bei näherer Prüfung erwies der Wagen indes seine Reisetüchtigkeit, und ich sagte zu Doris, als ich ihr hineinhalf:

»Wenn's auch keine Postkutsche ist, so haben doch sicher Damen darin gesessen, die Krinolinen anhatten, und Herren in Pluderhosen, die mit Galons besetzt waren. Herrgott, Doris, wenn du eine Krinoline anhättest, ich würde dich bis zur Raserei lieben. Ich weiß noch: als ich ein kleiner Junge war, trug alle Welt weiße Strümpfe. Schwarze waren mir nur vom Hörensagen bekannt, und meine Hoffnung war immer, einmal eine Dame in schwarzen Strümpfen zu sehn ... Jetzt hoffe ich immer, einmal eine in weißen zu sehn.«

»Wir hätten die Stadt nach einer Krinoline und einem Paar weißer Strümpfe absuchen sollen.«

»Ja, und ich hätte vielleicht eine schwarzseidene Halskrause entdeckt. Wie ich wohl darin ausgesehn hätte! Doris, wir haben den besten Teil unsers Abenteuers versäumt. Wir haben vergessen, uns für die Rolle anzuziehn, die wir spielen: Liebesleute in Orelay.«

Wer wird mir widersprechen, wenn ich sage: kein Erlebnis ist vollständig, sofern es nicht ein gewisses Zeremoniell erfordert – Perücken, hohe Mieder, Strümpfe, Kniehosen? Jeder liebt es, sich entsprechend anzuziehn, sei es für einen Maskenball, sei es, um in einen seltsamen geistlichen Orden aufgenommen zu werden. Wer je ein Mitglied eines solchen Ordens gesehn hat, der wird uns die kleine Komödie verzeihn und sie natürlich finden – die Komödie, die Doris und ich in dem alten Wagen spielten auf der Fahrt von Orelay nach Verlancourt, wo wir zu frühstücken gedachten.

Wir konnten vor Erregung kaum sprechen. Doris' Gedanken weilten dabei, wie sie sich in einer Krinoline ausnehmen würde, und ich erinnerte mich der Abbildungen in einer frühen Balzac-Ausgabe, deren glücklicher Besitzer ich bin. Wie hübsch sahen die Männer in den engen Hosen und den schwarzen Strümpfen der Zeit aus! Ich schlug die Beine übereinander und betrachtete voll Interesse den Verlauf meiner Waden. So hat es jemand in den ›Illusions Perdues‹ gemacht. Wir beide lehnten zurück und dachten darüber nach, welche Geschichte aus der ›Menschlichen Komödie‹ am besten zu uns paßte. Die einzige, deren wir uns entsinnen konnten, war die, in welcher Madame Bargeton, ein Blaustrumpf aus der Provinz, Angoulême verläßt und mit Lucien de Rubempré nach Paris geht. In den vierziger Jahren gab es noch keine Eisenbahnen; sie müssen also in einer Postkutsche gereist sein. Jawohl, ihre Fahrt ist mir gegenwärtig; schwach allerdings, aber sie schwebt mir vor Augen. Madame Bargeton war eine Frau von mindestens fünfunddreißig Jahren, Doris dagegen viel jünger. Lucien war erst einundzwanzig, und selbst damals zählte ich schon mehr. Die Namen der beiden und der Leute, die sie im Theater und im Tuileriengarten trafen – Rastignac, Madame D'Espard, die Herzogin von Chaulieu, Madame de Rochefide und Canalis – führten mich von Krinolinen und weißen Strümpfen, von Pluderhosen und Litzenröcken zu den schlanken Hosen, die schon fast Kniehosen waren, und den hochbrüstigen Kleidern der Restauration. Unsre Mütter und Väter trugen Krinolinen und Pluderhosen, unsre Großväter enge Hosen und schwarzseidene Halsbinden. Die Erinnerung an diese Tracht erfüllte mich mit einer zarten Wehmut, die ich nicht zu unterdrücken vermochte, und ich merkte, daß Doris' Gedanken mit demselben Gegenstand beschäftigt waren.

Wir dachten an das, was die Menschheit interessiert hat, ehe es eine Geschichtschreibung gab: an die Wandelbarkeit des Irdischen, die Vergänglichkeit der Geschlechter. Trotz ihrer Jugend dachte Doris an den Tod, und das ist nicht im geringsten erstaunlich; denn sobald man in das Alter des Nachdenkens gekommen ist, mag uns jederzeit der Gedanke an den Tod beschleichen, ob wir im Tanzsaal sind oder in den Armen einer Geliebten ruhn. Ist der Schauplatz ein Tanzsaal, so brauchen wir nur hinauszusehn – die Nacht mahnt uns, daß in ein paar Jahren die ewige Nacht für uns anhebt; ist der Schauplatz ein Schlafgemach, so erinnert uns möglicherweise der herrliche Busen unsrer Geliebten an eine andre, die nicht minder schön war und nun schon unter der Erde ruht. Geringfügigeres genügt unter Umständen, unsre Gedanken vom Leben dem Tod zuzuwenden: ein Rosenblatt, das auf ein Marmortischchen fällt, oder ein toter Vogel am Wege, wenn wir im Garten lustwandeln. Und mit dem Gedanken an den Tod verknüpfen wir aufs engste den Gedanken an den Verfall unsrer Körperhülle. Das erste graue Haar dünkt uns vielleicht ein amüsanter Zwischenfall, aber ganz wenige Jahre vergehn nur, und dann kommt noch eins und noch eins, und wenn es diesen nicht gelingt, uns an den beginnenden Verfall zu gemahnen, ein schwarzer Fleck auf dem Zahn wird es sicher tun; und wenn wir zum Zahnarzt gehn, daß er dem Schaden Einhalt tue, beginnen wir schon, den einstürzenden Bau künstlich zu reparieren. Die Rüstigkeit der Jugend und ihre Schlankheit schwinden bald. Ich denke noch an den Shock, den es mir gab, als ich einen Athleten erzählen hörte, er könne ein Kilometer-Rennen nicht mehr machen; er sei eine halbe oder eine viertel Sekunde langsamer geworden als im vorigen Jahr. Ich sah ihn an und sagte: »Aber Sie sind ja erst einundzwanzig,« und er antwortete: »Das ist's ja gerade.« Ein Fußballspieler ist, glaub ich, mit achtundzwanzig Jahren fertig. Fertig! Wie ergreifend klingt das Wort: fertig! Suranné, wie die Franzosen sagen. Leiden haftet daran; es hat einen herbstlichen Anstrich, ›wie wenn die Rosen langsam welken‹. Etwas Gespensterhaftes liegt darin. Die Umgebung von Plessy hatte uns ins klassische Altertum versetzt, ließ uns von Nymphen und Dryaden träumen, aber die goldnen Gardinenstangen, die Damastvorhänge und der Salon in Orelay hatten uns von der vorigen Generation, von der Jugend unsrer Eltern schwärmen lassen. Das Antike hat keine persönliche Bedeutung, aber das Veraltete versetzt uns gewissermaßen ans Heck des Schiffes, zwingt uns zu einer klagenden Haltung; wir stützen den Kopf auf die Hand, blicken rückwärts und sehn die weiße Spur des Dampfers, während die Ufer am Horizont verschwinden und die Bergkuppen sich in Wolkendunst auflösen.

Während ich diesen abstrakten Fragen nachhing, die meine Bemerkung heraufbeschworen, wir hätten unser Abenteuer nicht ordentlich gespielt, da wir vergessen, uns die richtigen Kostüme zu beschaffen, drängte sich mir plötzlich die Gegenwart auf.

»Lieber Himmel,« sagte ich zu Doris, »laß uns zurückblicken, denn wir werden Orelay nie wiedersehn!« Und wir sahen, sie von einem Fenster, ich vom andern, die Kirchtürme Orelays zum letzten Male. Wir konnten uns nicht losreißen – da machte der Weg zum Glück eine Krümmung. Orelay war für immer unsern Blicken entschwunden, und wir sanken in die Kissen zurück und vergegenwärtigten uns, daß ein Abschnitt unsers Lebens unwiederbringlich dahin sei; eine schöne Episode unsers Lebens war ins Nichts zerronnen, lag auf dem großen Schutthaufen der Gefühle, die durchlebt, die gewesen sind.

»Woran denkst du? Du bist weit weg gewesen. Das ist das erste Mal, daß wir getrennt gewesen sind, und wir sind noch keine acht Kilometer von Orelay.«

»Acht Kilometer! Wenn's nur acht wären!«

Wir schwiegen lange. Ich betrachtete die Mittagssonne und dachte, sie sei vielleicht nicht weiter von uns entfernt als gestern. Wollte ich das Doris sagen, sie würde antworten: ›In Paris ist's ebenso‹; aber dann hätte sie mir die erste Unwahrheit gesagt, denn wir wußten beide, daß die Dinge nie gleich sind, daß sie sich ändern, zum Guten oder zum Bösen, aber daß sie sich ändern.

Der letzte Satz klingt mir etwas banal. Wollte ich diese Geschichte weiter erzählen, so würde sich meine Feder noch in vielen oberflächlichen Betrachtungen und Binsenweisheiten ergehn, denn ich bin nicht mehr mit dem Kopfe dabei. Ich erinnere mich nicht mehr daran; das soll nicht heißen: ich erinnere mich nicht mehr, ob wir nach Verlancourt kamen, dort frühstückten, oder ob wir die ganze Strecke bis Paris mit frischem Vorspann zurücklegten. Die Tatsachen sind mir natürlich durchaus geläufig: wir frühstückten in Verlancourt, danach fragten wir den Kutscher, ob er uns bis Paris fahren möchte; er machte große Augen: »Der Wagen ist sehr alt, Monsieur – –.« Doris und ich lachten, denn wir waren, um die Wahrheit zu gestehn, so gräßlich geschüttelt worden, daß wir uns darauf freuten, die pittoreske alte Kutsche aus der Zeit unsrer Väter mit dem Zug zu vertauschen.

Diese Geschichte ist Erinnerung, nicht freie Erfindung, und ein Bericht über unsern Aufenthalt in Paris würde niemand interessieren; alle Einzelheiten sind vergessen, und Erfindung und Erinnerung passen so wenig zueinander wie der Bock und der Gärtner. Ich lasse also alles beiseite, was mich nicht interessiert – und wenn es mich nicht interessiert, wie kann es den Leser interessieren? Ich will nur noch hinzufügen, daß mein Erlebnis mit Doris keinen Skandal nach sich zog und keine unangenehmen Folgen hatte. Ihre Mutter, eine gute, arglose Frau – ob ihre Leichtgläubigkeit der Gipfel der Dummheit oder der Klugheit war, weiß ich nicht; es gibt viele solche Mütter, ich segne sie! – nahm ihre Tochter in Obhut und kehrte mit ihr nach England zurück. Ich fürchte, ich werde mir durch das Geständnis, daß von Heiraten zwischen uns nicht die Rede war, die gute Meinung des Lesers verscherzen; er denkt natürlich, ein Liebesabenteuer mit einem so reizenden Geschöpf wie Doris hätte eine Anhänglichkeit auf Lebenszeit verdient. Doch ich bitte den Leser, mildernde Umstände für mich darin zu sehn, daß mir Doris in Plessy gesagt hatte, als Ehemann käme für sie einzig Albert in Betracht. Hatte sie nicht die große Liebe ihres Lebens geopfert, um Albert treu zu bleiben? Kann man danach füglich erwarten, daß sie Albert aufgegeben und ihr Schicksal mit dem meinen verknüpft hätte? Vielleicht hätte sie's getan; Männer und Frauen handeln inkonsequent. Einmal ist ihnen der Spatz in der Hand lieber als die Taube auf dem Dach, das nächste Mal ist ihnen die Taube auf dem Kirchturm lieber. Allein Doris war aus härterem Holze geschnitzt. Etliche Monate später schrieb sie mir einen ehrbaren, vernünftigen, kurzen Brief, der die Nachricht enthielt, daß sie sich nächstens verheiraten werde und daß es ihr ganz selbstverständlich erscheine, Albert ihre Hand zu reichen. Jahre sind seitdem verstrichen; nichts hat sich ereignet, was mich zu dem Glauben veranlaßt, daß sie ihm nicht eine treue, liebende Gattin gewesen ist. Albert hat mir gesagt, er habe alle Vorzüge bei ihr gefunden, die er erwartet, seit er zum ersten Mal ihr hübsches Gesicht mit den funkelnden Augen gesehn habe. Zieh deine Stirn nicht in Falten, Leser, zeihe mich nicht eines seichten Zynismus! Albert trägt mit am Weltenerbe. Vielleicht bist du selbst Albert, jeder ist Albert gewesen oder wird es sein; Albert steckt in uns allen, genau wie ich in euch allen bin. Auch Doris ist in dir, liebe gnädige Frau, die du mit meinem Buch in der Hand dasitzest – Doris, drei Tage lang meine Geliebte in Orelay, und Doris, zwanzig Jahre lang Alberts treue Gemahlin in einer einsamen Vorstadt von London.

Bureau und Boudoir möchten wissen, ob Doris Kinder bekam. Etwa zwei Jahre später hörte ich, sie sei ›guter Hoffnung‹. Das Wort fließt mir unwillkürlich in die Feder, vielleicht weil ich es zu Beginn der Geschichte gebraucht habe. Erinnerst du dich, Leser, wie Balzac auf den letzten Seiten von ›Massimilla Doni‹ erklärt, er wage nicht das Ende des Abenteuers zu erzählen? Ein Wort, sagt er, genügt den Idealisten: Massimilla Doni war guter Hoffnung. Ich habe die Geschichte seit vielen Jahren nicht gelesen, aber die Erinnerung an sie scheint hell in meinem Kopfe – hell, sagen wir, wie der Morgenstern. Ich habe den letzten Absatz nachgeschlagen, als ich diese Geschichte begann, mußte mich aber, weil ich ihn nicht übersetzte, mit dem Vorwand entschuldigen, ich sei über gewisse grammatische Dunkelheiten, oder was ich für solche hielt, gestolpert. Alles schien mir verständlich und bewundernswert, bis ich zu der Stelle kam: ›Les peuplades de cent cathédrales gothiques (was sich wiedergeben ließe: die Figurenkolonie hundert gotischer Kirchen), tout le peuple des figures qui brisent leur forme pour venir à vous, artistes compréhensifs, toutes ces angéliques filles incorporelles accoururent autour du lit de Massimilla et y pleurèrent!‹ Schwierigkeiten verursacht mir die Deutung der Worte, warum Statuen ihre Form zerbrechen sollten – der Ausdruck scheint sehr mangelhaft –, ›um zu euch zu gehn, ihr großen verständnisvollen Künstler‹. Wie können sie ihre Form zerbrechen, um zu den verständnisvollen Künstlern zu gehn, da ihnen doch die Form von den verständnisvollen Künstlern gegeben ist? Ich hätte Balzac besser verstanden, wenn er gesagt hätte: die Statuen verlassen ihre Nischen, die Madonnen und Engel ihre Rahmen, um sich an dem Bette Massimillas zu versammeln und zu weinen. Balzacs Vorstellung hat sich offenbar ein wenig verwirrt, oder aber ich bin heute zu dumm. Einerlei – hier ist die Stelle:

›Les péris, les ondines, les fées, les sylphides du vieux temps, les muses de la Grèce, les vierges de marbre de la Certosa di Pavia, le Jour et la Nuit de Michel Ange, les petits anges que Bellini le premier mit au bas des tableaux d'église, et que Raphaël a fait si divinement au bas de la vierge au donataire, et de la madone qui gèle à Dresde, les délicieuses filles d'Orcagna, dans l'église de San-Michele à Florence, les chœurs célestes du tombeau de Saint Sébald à Nuremberg, quelques vierges du Duomo de Milan, les peuplades de cent cathédrales gothiques, tout le peuple des figures qui brisent leur forme pour venir à vous, artistes compréhensifs, toutes ces angéliques filles incorporelles accoururent autour du lit de Massimilla, et y pleurèrent.‹

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