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Aus toten Tagen

George Moore: Aus toten Tagen - Kapitel 5
Quellenangabe
typenovelette
authorGeorge Moore
titleAus toten Tagen
publisherEgon Fleischel & Co.
year1909
translatorMax Meyerfeld
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151210
projectid5d523d3e
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Marie Pellegrins Ende

Octave Barrès sah seine Freunde gern bei sich im Atelier. Ein paar von uns, die an sein Talent glaubten, stellten sich im Laufe des Nachmittags regelmäßig bei ihm ein. So lernte ich allmählich jedes Bild, jede Skizze von ihm kennen; aber man kennt nie alles, was ein Maler macht. Als ich eines Tages ins Atelier kam, erblickte ich ein Porträt in Lebensgröße, das ich nie zuvor auf der Staffelei gesehn.

»Es stand im Hinterzimmer, an die Wand gelehnt,« sagte er. »Ich hab's herausgeholt, weil ich dachte, der russische Fürst, der den Pegasus bei mir bestellt hat, kauft's vielleicht.« Und er wandte sich ab, weil er meine Lobeserhebungen nicht mit anhören wollte; denn ein Maler hört es nicht gern, wenn man seine Erstlingswerke lobt oder schmäht.

»Ich hab es gemalt, eh ich malen konnte.« Er stand vor mir, mit der Palette in der Hand, und setzte mir seine neue Technik auseinander: bis zum Beginn des neunzehnten Jahrhunderts hätte man alle Bilder zuerst einfarbig ausgeführt und dann lasiert; was wir unter ›Malerei‹ verstünden, das sei von Greuze erfunden worden. Eines Tages habe er im Louvre etwas bei Delacroix entdeckt, etwas, das ihm nicht ganz einwandfrei erschienen. Dies Etwas habe ihn zum Nachdenken angeregt. Rubens habe ihm jedoch das Geheimnis offenbart. Rubens habe ihn malen gelehrt. Es sei gewiß gefährlich, umzukehren, seine Erziehung von vorn anzufangen; aber was habe man für eine Wahl – in den Schulen werde einem die Malerei ja doch nicht beigebracht.

Ich hatte alles, was er mir zu sagen wußte, schon vorher gehört und konnte meine Überzeugung nicht aufgeben, daß der Mensch in den Ideen seiner Zeit leben muß, ob sie nun gut oder schlecht sind. Es ist leicht gesagt: wir müssen uns einfach die Technik Rubens' zu eigen machen und sie ängstlich vor jedem Übergriff unsrer Persönlichkeit bewahren; nein, in der Kunst wird unsre Persönlichkeit durch die von uns angewandte Technik bestimmt.

Octaves Porträt interessierte mich mehr als der Pegasus und die drei fleischfarbenen Liebesgöttinnen, die eine Blumenschale über ihrem Kopfe halten. Das Porträt war roh und gewaltsam, aber das war auch der Mann, der es gemalt hatte; gemalt hatte, als er noch Manets Schüler war, und die Technik Manets entsprach dem Temperament meines Freundes. Wir alle sind heutzutage Impressionisten; wir sind darauf aus, was wir empfinden und sehn aufzuzeichnen. Die sorgsam vorbereitete rhetorische Art eines Rubens stimmte so wenig zu Octaves Temperament, wie die Art John Miltons zu meinem. Ein Hauch von Goyas Art fand sich im Hintergrund, in der Kontrastierung von grau und schwarz, und eine Spur von Manets schlichter Auffassung im Gesicht, doch diese Anklänge waren nur schwach und nicht von Belang, denn sie gehörten unsrer Zeit an. Bei der Betrachtung seines Modells hatte er etwas gesehn, etwas empfunden. Er hatte dies hart, roh festgehalten, aber immerhin festgehalten; und darauf kommt es schließlich an. Sein Modell hatte ihn inspiriert. Das Wort ›inspiriert‹ beleidigte ihn. Ich nahm es daher zurück; sagte, er hätte Glück gehabt mit seinem Modell, und er gab so viel zu: das magere Mädchen mit dem olivenfarbenen Teint, mit den feinen, zarten Zügen und dem blauschwarzen Haar, das dicht anlag wie Federn – sie trug ihr Haar wie die Amsel ihren Flügel – das hätte einen zum Malen getrieben. Nachdem ich mich an dem Gesicht geweidet, bewunderte ich das schwarzseidene Kleid, worin er sie gemalt hatte – ein schwarzseidenes Kleid mit schwarzem Spitzenüberwurf. Sie trug graue Perlenohrringe und eine Perlenhalskette.

Mich interessierte die Malerei, die so ganz anders war als Octaves jetzige Art, aber mehr noch das Weib selbst. Das Bild enthüllte mir etwas in der menschlichen Natur, das ich nie zuvor gesehn, woran ich nie zuvor gedacht hatte. Das Seelische auf dem Bilde war so stark, daß ich die Malerei vergaß und an das Weib zu denken begann. Sie glich so gar nicht den andern, die ich in Octave Barrès' Atelier getroffen hatte – in einem Atelier, das die Weiber mit Vorliebe besuchten. Scheinbar verkehrten dort alle möglichen Arten Weiber, in Wirklichkeit aber waren alle derselben Art. Gegen vier Uhr nachmittags kamen sie an und blieben, bis man sie wegschickte. Er ließ sie Klavier spielen und singen; ließ sie, wie er sich auszudrücken pflegte, in der Wohnung grouiller, und sie erzählten von den Malern, denen sie gesessen, von ihren Kleidern und zeigten uns ihre Schuhe und Strumpfbänder. Er nahm kaum von ihnen Notiz, ging hin und her in Gedanken an seine Malerei, an seine archaische Malerei. Ich fragte mich oft, ob sein Äußeres irgendwie damit zu tun habe, daß er die moderne Technik aufgegeben, und gewiß, sein Äußeres war mit im Spiele: er sah nicht wie ein moderner Mensch aus, sondern wie ein Lehnsherr des sechzehnten Jahrhunderts; der Bart, die gebrochene Nase, das hierarchische Wesen halfen die Ähnlichkeit vervollständigen, und die Wolljacke, die er anhatte, erinnerte an einen Küraß, einen Panzer. Selbst in der Wahl seiner Wohnung schien er instinktiv dem Modernen aus dem Wege zu gehn: er hatte ein Atelier in einer Straße gefunden, deren Namen noch nie jemand gehört hatte, in die man nur schwer gelangte. Und das Atelier war ebenfalls hinter großen, bröckligen Mauern versteckt, mitten auf einem Grundstück, wo Kohl gezogen wurde. Octave war stets – seinen eignen Worten zufolge – dans une dèche épouvantable; gleichwohl brachte er es fertig, sich im Stall hinter dem Garten ein Vollblut zu halten, und er ließ das Pferd kommen, sobald die Dämmerung hereinbrach. Dann sagte er: »Mes amis et mes amies, je regrette, mais mon cheval m'attend.« Und die Weiber sahen ihn mit Vergnügen aufsteigen, und manch eine dachte sicher, wenn er davonritt: er sieht wie ein Kentaur aus.

Doch wer war das verfeinerte Mädchen? dies – ein Bild sagt Dinge, die sich nicht in Worte übertragen lassen – dies Mädchen mit der olivenfarbenen Haut, das Raphael zu einer Madonna gesessen haben könnte, das so ganz anders war als Octaves übliche Weiber? Sie gehörten zur Montmartre-Sippe, aber dieses Wesen war vielleicht eine spanische Prinzeß. Da fiel mir ein: Octave hatte gesagt, er habe das Bild hervorgeholt in der Hoffnung, der Russe, der den Pegasus bei ihm bestellt, werde es kaufen, und der Gedanke durchfuhr mich: sie ist vielleicht die Geliebte des Fürsten. Seine Geliebte! Ah, ein märchenhaftes Glück! Was mochte sie erlebt haben? Ich brannte vor Begier, es zu erfahren, und langweilte mich bei Octaves anscheinend endlosem Geschwätz über seine Technik. Alles, was er sagte, hatte ich schon oft vernommen, aber ich hörte alles wieder mit an, und, um ihn günstig zu stimmen, sprach ich mein Bedauern aus, daß das Bild nicht in seiner jetzigen Manier gemalt sei. »Es hat sein Gutes, das Bild,« sagte ich, »und das Modell – Sie haben offenbar Glück gehabt mit Ihrem Modell.«

»Ja, sie war ein gutes Modell, aber es war schwer, sie zum Sitzen zu bekommen. Eine Conciergetochter – das hätten Sie nicht gedacht, was?«

Mein Erstaunen belustigte ihn, und er brach in Lachen aus.

»Sie kennen sie nicht?« sagte er. »Es ist Marie Pellegrin.«

Und als ich ihn fragte, wo er sie getroffen, entgegnete er: bei Alphonsine; aber ich wußte nicht, wo Alphonsine wohnte.

»Ich esse dort heut abend. Ich treffe sie da. Sie geht wieder mit dem Fürsten nach Rußland. Sie hat während ihrer Ferien im Quartier Bréda gewohnt. Sacré nom! Schon halb sechs, und ich habe meine Pinsel noch nicht ausgewaschen.«

Auf meine Frage, was er mit dem Quartier Bréda und den Ferien meine, antwortete er:

»Das will ich Ihnen alles im Wagen erzählen.«

Aber kaum saßen wir im Wagen, da fiel ihm ein, daß er einem Weib, das ihm Modell zu stehn versprochen, Bescheid hinterlassen müsse; er beteuerte, es würde uns nur ein paar Minuten aufhalten, und gab dem Kutscher die Adresse. Man führte uns in einen Salon – die Dame lief aus ihrem Schlafzimmer, wobei sie sich in ihren Peignoir hüllte, und die Sitzung wurde mitten auf dem gebohnerten Parkettboden besprochen. Endlich kehrten wir zu unserm Wagen zurück, aber wir saßen noch nicht recht, als ihm eine andre Verabredung einfiel. Er kritzelte in den Pförtnerlogen Zettel und erzählte mir zwischendurch alles, was er von der Geschichte Marie Pellegrins wußte. Dies zarte Geschöpf, das, wie mir eine Ahnung gesagt hatte, nicht zur Montmartre-Sippe gehören konnte, war die Tochter eines Concierge der äußeren Boulevards. Mit fünfzehn Jahren war sie davongelaufen und im Elysée Montmartre als Tänzerin aufgetreten.

Sa jupe avait des trous,
Elle aimait des voyous,
Il ont des yeux si doux.

Aber ein russischer Fürst hatte sie eines Tages zu Gesicht bekommen, und er baute ihr einen Palast in den Champs Elysées; doch sie hatte den russischen Fürsten samt seinem Palaste satt.

Durch das Halten des Wagens wurde Octave in seiner Erzählung unterbrochen. »Da sind wir,« sagte er und griff nach der Klingel, die an einem rasselnden Draht herabhing. Die grüngestrichene Tür in der bröckligen Mauer wurde geöffnet, und ich erblickte eine untersetzte Frauensperson – Alphonsine. Und ihr Bild, eine von Octave gezeichnete Karikatur in Lebensgröße, sah mir von der getünchten Wand des Hühnerstalls entgegen. Er hatte sie mit zwei Katzen gezeichnet, die ihr um die Beine schnurrten, und darunter geschrieben: Ils viennent après le mou. Ihr Garten war ein mit Kies aufgeschütteter Raum; ich glaube, es stand ein Baum darin. Von Mauer zu Mauer war ein Zelt gespannt; und ein schäbiger Kellner deckte die Tische (zwei an der Zahl), stellte eine Flasche Wein vor jedes Besteck und legte lange Brotstangen in regelmäßigen Abständen auf. Er wurde in einem hin durch das Klingeln gestört und mußte an die Tür eilen, um die Gesellschaft hereinzulassen. Dann und wann erkannte ich ein Gesicht, daß ich schon im Atelier gesehn hatte: Clementine, die im vorigen Jahre die Elsa studiert hatte und dieses Jahr ›La femme de feu, la cui, la cui, la cuisinière‹ in einem Caféchantant sang, und Margaret Byron, die eben aus Rußland geflüchtet war – sie soll da eine elende Campagne gehabt haben. Die Mehrzahl war hors concours, denn Alphonsinens Haus war für die bejahrte Courtisane, was das Invalidenheim in Chelsea für die Veteranen ist: eine Art irdisches Paradies, voll Oktoberstimmung.

Ich musterte die Menge. Wie konnte nur eine von diesen Weibern das Wesen interessieren, dessen Bild ich bei Barrès im Atelier gesehn hatte? Die da zum Beispiel, die ich jeden Morgen in der Rue des Martyrs in schmierigem Peignoir mit einem Korb am Arm auf den Markt gehn sah. So viel ich auch suchte: ich konnte unter den Weibern keine Freundin, unter den Männern keinen Liebhaber für Marie finden – weder die beiden beleibten, schon angejahrten Herren mit mächtigem Backenbart, die früher vermutlich Börseaner gewesen waren, kamen in Frage, noch der ausgemergelte Journalist, den ich mit Octave über ein Duell sprechen hörte, das er kürzlich ausgefochten. Auch nicht der kleine, rotblonde Schotte, dessen Französisch die Weiber nicht verstanden und dessen Englisch mir beinah unverständlich blieb. Ebensowenig der Kerl, der wie ein Oberkellner aussah – Alphonsinens Liebhaber; er war wirklich Kellner gewesen und erzählte mit der Miene eines Napoleon, der von Waterloo spricht, er hätte ein fashionables Café auf den Boulevards ›kreiert‹. Keinen von diesen konnte ich Marie zuschreiben. Octave sprach gleichgültig von ihr; es hatte ihn gereizt, sie zu malen, und jetzt hoffte er, sie werde den Russen dahinbringen, das Bild zu kaufen.

»Aber sie ist ja gar nicht da,« sagte ich.

»Sie wird gleich kommen,« erwiderte Octave. Dann sprach er weiter mit Clementine, einer hübschen Blondine, die man allabendlich im Rat Mort sah. Erst als die Suppenteller abgetragen wurden, sah ich ein junges Weib in schwarzem Kleide durch den Garten kommen.

Sie war's – Marie Pellegrin.

Sie trug ein ähnliches Kleid wie das auf dem Bilde, aus schwarzer Seide, mit Spitzen besetzt, und ihr schwarzes Haar war um das wohlgestaltete Köpfchen herumgeschlungen. Sie war ganz das Bild und doch mehr. Sie hatte ein eignes Lächeln, ein wehmütiges Lächeln, das aus der Tiefe ihres Wesens zu stammen schien, und eine weiche, melodische Stimme, unberechenbar wie die eines Vogels. Während des Essens bemerkte ich, daß sie ganz unvermittelt zu sprechen anfing, wie ein Vogel zu singen anhebt, und ebenso plötzlich hörte sie auch auf. Ich habe nie ein Weib gesehn, das so ganz sie selbst war, und ihre Schönheit legte sich mir manchmal wie ein sanfter Nebelschleier vor die Augen – sie entschwand meinen Blicken (beinahe wenigstens), und ich aß mechanisch weiter. Mit einem Mal schienen wir fertig, und eh ich es noch wußte, erhoben wir uns von Tische.

Als wir dem Hause zuschritten, wo der Kaffee serviert werden sollte, fragte mich Marie, ob ich Karten spiele; doch ich bat, mich zu verschonen: lieber wolle ich dasitzen und sie ansehn, sagte ich. Und just in diesem Augenblick wurde mir eine schmächtige Person mit rotem Haar, die gleichzeitig mit Marie gekommen war und bei Tisch neben ihr gesessen hatte, vorgestellt. Ich erfuhr, daß sie mit Marie eng befreundet sei, daß die beiden zusammen wohnten, so oft Marie wieder auf dem Montmartre hauste. Sie war als La Glue bekannt; mit ihrem richtigen Namen hieß sie Victorine. Sie hatte Manet für sein Bild der Olympia gesessen, aber das war viele Jahre her. Ihr Gesicht war schmäler geworden, doch ich erkannte das rote Haar und die braunen Augen, kleine, dicht zusammenstehende Augen, die an des petits verres de cognac erinnerten. Ihr Skizzenbuch wurde herumgereicht, und als es in meine Hände kam, bemerkte ich, daß sie kein Korsett anhatte und ein altes, graues Wollkleid trug. Sie steckte eine Zigarette nach der andern an, beugte sich, den Arm um Maries Schulter geschlungen, vor und riet ihr, was sie ausspielen solle. Es war Ecarté. Nach einer Weile sah ich, daß Marie viel verlor, und etwas später suchte La Glue sie zum Aufhören zu überreden.

»Noch eine Partie.« Dabei verlor sie den letzten Louis, den sie auf dem Tisch liegen hatte. »Jemand muß mir den Wagen bezahlen,« sagte sie.

Wir wollten ins Elysée Montmartre gehn, und Alphonsine lieh ihr zwei Louis, pour passer sa soirée. Wir alle fuhren in Wagen fort, und die kleinen Pferde mußten kräftig die steilen Straßen hinanziehn. Die Federn auf den Hüten der Weiber nickten über das Verdeck. Marie saß in einem der vordersten Wagen und wartete auf uns an den hohen Stufen, die von der Straße zum bal führten.

»Es ist mein letzter Abend,« sagte sie, »der letzte Abend, den ich für lange Zeit im Elysée sein werde.«

»Kommen Sie nicht bald wieder?«

»Sehn Sie, man hat mir fünfmalhunderttausend Francs geboten, wenn ich drei Jahre nach Rußland gehe. Stellen Sie sich vor, was das heißt: es drei Jahre ohne das Elysée auszuhalten.« Und sie blickte sich um, wie ein Engel das Paradies anblickt, aus dem er vertrieben werden soll. »Die Bäume sind so schön,« sagte sie, »wie ein Märchen.« Und ganz so nahmen sie sich aus, in das sommerlich warme Dunkel hinaufragend, unnatürlich grün über den Bogenlampen. Inmitten eines Kreises weißer Glasbirnen spielte das Orchester auf einer Estrade, und die Tänzer wirbelten ihre Partnerinnen herum, als ob es Kreisel wären.

»Ich sitze immer da drüben in der Ecke unter den Bäumen,« sagte sie. Und sie wollte mich gerade auffordern, mich zu ihr zu setzen, als ihre Aufmerksamkeit von mir abgelenkt wurde: die Menschen hatten sich zu Gruppen zusammengeschlossen, und ich hörte, wie einer dem andern zuflüsterte: »Das ist die Pellegrin.« Als der Kellner sie kommen sah, zog er sehr auffällig Tische und Stühle zur Seite, und in ein paar Minuten saß sie unter ihrem Baum, sie und La Glue, ihre Freunde um sie, und Marie spendierte Absinth, Cognac und Zigaretten. Plötzlich bildete sich ein kleiner Zug unter den Bäumen; er kam auf sie zu, Marie wurde ein großer Blumenkorb überreicht und ihrer ganzen Gesellschaft Sträußchen. Von verschiedenen Seiten des Tanzlokals schollen Hochrufe herüber: Vive Marie Pellegrin, la reine de l'Elysée!

Die Musik setzte ein, die Menschen stürzten hin, um einer Quadrille zuzusehn, bei der zwei Weiber mit Leichtigkeit den Herren die Hüte mit der Fußspitze herunterschlugen. Und während ich ihnen zuschaute, hörte ich, zu Ehren Maries werde ein besonders großartiges Feuerwerk veranstaltet, da es bekannt geworden, daß dies ihr letzter Abend im Elysée sei. Da vernahm man auch schon ein Zeichen: die Rakete stieg zu ihrer ganzen Höhe empor, hoch hinauf zum dicht bezogenen Himmel. Dann schlug sie um, der Stern fiel eine kurze Strecke und zerplatzte: er löste sich in Türkisblau auf und ging in Rubinrot über, schön wie die Farbe der Blumen, wie Rosen oder Tulpen. Immer wieder änderte sich das fallende Feuer. Und Marie stand auf einem Stuhl und sah zu, bis die letzten Funken verglommen waren.

»Sieht sie jetzt nicht ganz wie mein Bild aus?« fragte Octave.

»Sie haben, scheint's, ihre Seele wundervoll geahnt.«

Er zuckte verächtlich die Schultern. »Ich bin kein Psycholog, ich bin Maler. Aber ich habe was mit ihr zu sprechen.« Und mit einer Unbekümmertheit, die schon fast Frechheit war, bahnte er sich einen Weg durch die Menge und rief ihr zu, er habe sie etwas zu fragen; und sie gingen zusammen rings um das Tanzlokal. Ich konnte es nicht begreifen, daß er ihren Reizen gegenüber so gleichgültig war, und dachte darüber nach, ob er es von jeher gewesen. Nach einem Weilchen kamen sie zurück.

»Ich will mein möglichstes tun,« hörte ich sie sagen; dann kehrte sie eilig um zu ihren Gefährten.

»Sie haben wohl genug vom Elysée?«

»Ah! qu'elle est jolie ce soir; et elle fera joliment marcher le Russe.«

Wir schritten schweigend dahin. Octave merkte gar nicht, daß er etwas gesagt hatte, was mich vielleicht unangenehm berührte; er war mit seinen Gedanken bei seinem Bilde. Gleich darauf meinte er, es tue ihm leid, daß sie nach Rußland gehe.

»Ich möchte gern ein andres Porträt von ihr anfangen, jetzt da ich malen kann.«

»Glauben Sie, daß sie nach Rußland geht?«

»Ja, aber sie wird bald wiederkommen, und dann soll sie mir noch einmal sitzen. Man hält es kaum für möglich, wie wenig von der Kunst der Malerei bekannt ist. Sie ist in Vergessenheit geraten. Die alten Meister haben in zwei Tagen etwas ganz vollendet gemacht, woran wir wochenlang herumstümpern. In zwei Tagen war Rubens mit der Untermalung in grau fertig, und das Lasieren hat er mit Geschick und Leichtigkeit sicher in einer halben Stunde besorgt. Er hat mit dem Lasieren tiefere Farben erzielt, als es heute jemand kann, wenn er auch noch so viel Farbe auf die Leinwand tut. Die alten Meister hatten eben Technik, und die gibt's jetzt nicht mehr. Ein Pinsel taugt so gut wie der andre; ob man von oben oder von unten streicht – darauf kommt's nicht an, solang etwas auf der Leinwand steht. Manet hat damit angefangen, und Cézanne hat – nun, er hat die Sache spruchreif gemacht: die Malerei ist bankrott.«

Ich folgte seiner Auseinandersetzung ohne rechte Lust, denn ich hatte schon oft gehört, was er zu sagen hatte, aber Octave redete immer, wie ihm der Schnabel gewachsen war; und an dem Abend wollte er über Malerei sprechen, nicht über Marie, und ich war daher froh, als wir zu der Stelle kamen, wo sich unsre Wege trennten.

»Sie wissen doch – der Russe kommt morgen ins Atelier. Ich hoffe, er kauft mir das Bild ab.«

»Hoffentlich,« sagte ich. »Ich würde es selbst kaufen, wenn ich das Geld dazu hätte.«

»Ich möchte lieber, daß Sie etwas nehmen, was ich seitdem gemacht habe – nur nicht das Weib, dem Sie nachlaufen … verzeihn Sie einen Augenblick. Sie kommen doch übermorgen zur Sitzung?«

»Ja,« sagte ich, »ich komme.«

»Und dann kann ich Ihnen auch sagen, ob er das Bild gekauft hat.«

Drei Tage später fragte ich Octave auf der Schwelle, ob der Russe das Bild genommen habe; er sagte, bis jetzt sei noch nichts endgültig abgemacht.

Marie war mit dem Fürsten nach St. Petersburg gegangen. Das war die letzte Kunde, die mir für viele Monate von ihr wurde. Aber selten verstrich eine Woche ohne ein Ereignis, das mich an sie erinnerte. Eines Tages schlug ich eine sibirische Reisebeschreibung bei der Stelle auf, die davon erzählt, wie ein Knabe, der einem Stamm asiatischer Wilden angehörte, aus seiner Wüstenei, wo man ihn verlassen und dem Tode nahe aufgefunden hatte, weggeschleppt und nach Moskau gebracht worden war. Der Herr, der ihn gefunden hatte, adoptierte und erzog ihn, und der gezähmte Wilde wurde mit der Zeit ein stadtbekannter, junger Modeheld, der keine Spur seiner Herkunft verriet, bis er eines Tages zufälligerweise einen seines Stammes traf. Der Mann war nach Moskau gekommen, um Felle zu verkaufen; und der Geruch der Felle weckte in ihm eine Sehnsucht nach der Heimat. Der gezähmte Wilde wurde schwermütig. Umsonst versuchte sein Adoptivvater, diesen ursprünglichen Trieb zurückzudrängen; Geldgeschenke linderten indes sein Heimweh nicht. Er verschwand, und man hörte jahrelang nichts von ihm, bis eines Tages eine Karawane mit der Nachricht zurückkam, ein Mensch unter den Wilden hätte sich durch sein Französisch verraten. Als man ihn zur Rede stellte, leugnete er jede Kenntnis des Französischen; er gab vor, nie in Petersburg gewesen zu sein, und äußerte auch nicht den Wunsch, dorthin zu gehn. – Was war diese Geschichte anders als die Geschichte Marie Pellegrins? Wenn sie ihrer russischen Fürsten und Paläste überdrüssig war, kehrte sie zur Erholung ins Quartier Bréda zurück.

Ein paar Tage darauf hörte ich in Barrès' Atelier, daß sie aus Rußland geflohen sei. An diesem Abend ging ich zu Alphonsine zum Essen, weil ich hoffte, sie dort zu sehn. Aber sie war nicht da. Es war niemand da außer Clementine und den beiden Börsianern. Gespannt wartete ich auf Nachricht von ihr. Ich wollte ihren Namen nicht erwähnen, und das unerquickliche Mahl war fast zu Ende, bevor ihr Name fiel. Ich hörte, sie sei krank; zwar nicht auf den Tod krank, aber doch bedenklich. Alphonsine gab mir ihre Adresse: etwas weiter hinauf auf derselben Seite wie der Cirque Fernando, fast dem Elysée Montmartre gegenüber. Die Hausnummer könnte ich durch Fragen feststellen, meinte sie, und ich fuhr davon, die steile, steinige Rue des Martyrs hinauf, bemerkte das Café, alsdann die Brasserie und noch ein wenig weiter den Obsthändler und den Photographen. Wenn ein Druck auf uns lastet, achtet man auf Zufälligkeiten, und auf mir lastete ein Druck, und ich war zu erregt, um nachzudenken. Das erste Haus, vor dem wir hielten, war gerade das richtige, und der Concierge sagte: »Vierter Stock.« Im Hinaufsteigen dachte ich an La Glue, an ihr schlampiges Kleid und ihr rotes Haar, sie kam auch auf das Klingelzeichen heraus und hieß mich in einen ausgeräumten Salon eintreten, wo wir uns an den Kamin stellten.

»Sie hat vor, heut abend ins Elysée zu gehn. Wollen Sie nicht näher treten? Sie sind ihr gewiß willkommen. Drei oder vier von uns sind da. Sie kennen sie doch – Clementine, Margaret Byron?«

Und sie erwähnte noch einige andre Namen, die mir entfallen sind, öffnete eine Tür und rief: »Marie, es kommt Besuch, ein Herr, den wir bei Alphonsine getroffen haben. Du kennst doch den Engländer, den Freund von Octave Barrès.«

Sie reichte mir die Hand; ich hielt sie lange fest. »Comme les Anglais sont gentils! Dès qu'on est malade –«

Mir ist, als hätte Marie den Satz nicht beendet; oder aber ich hörte das Ende nicht, doch ich weiß noch ganz gut, daß sie von meiner Abneigung gegen Karten sprach. »Sie haben bei Alphonsine nicht mitgespielt an dem Abend, als ich mein ganzes Geld verlor. Sie haben sich lieber Victorines Zeichnungen angesehn. Sie hat noch bessere gemacht. Möchten Sie sie nicht sehn? Wir spielen inzwischen fertig. Dann will ich mit Ihnen plaudern. Also bei Alphonsine haben Sie von mir gehört? Ich soll sehr krank sein, nicht wahr? Aber jetzt, da ich wieder hier bin, wird's mir auch bald gut gehn. Auf dem Montmartre geht's mir immer gut – nicht, Victorine?«

»Nous ne sommes pas installées encore,« sagte Marie mit Anspielung auf die kärgliche Einrichtung und weil Uhr und Leuchter auf dem Boden standen. Aber waren zu wenig Stühle da, so lag doch eine Menge Geld und Schmuck zwischen dem Bettzeug; und Marie tändelte während des Spiels mit dem Schmuck. Sie trug weite Spitzenärmel, und die dünnen Arme kamen in ihrer schmächtigen Zartheit zum Vorschein, wenn sie sie hochhob und sich die Ohrringe umhängte. Ihre feine, wie eine Elfenbeinarbeit geformte Schönheit, die kleine Nase mit den wundervollen Flügeln und vor allem der Mund, dessen Enden in schwache, unschlüssige Linien ausliefen, stach grell ab von den rohen Zügen um sie herum. Dann und wann flog es wie ein zarter Hauch über ihr Gesicht. Octave hatte sie in ihrem Wesen erkannt, was er auch sagen mochte; er hatte ihr wahres Selbst gemalt – ihre Seele. Und Maries Seele stieg wie eine Wasserblume in ihren Augen auf, und dann entschwand die Seele den Blicken, und ich sah eine andre Marie, une grue, die mit fünf Bekannten aus Alphonsines Kreis Karten spielte, wobei sie Geld und Gesundheit einbüßte. Ein Flasche Absinth stand auf einem schönen Empire-Tischchen, das ihr der Fürst geschenkt hatte, und Bijou, Clementines kleiner Hund, schlief auf einem gestickten Kissen. Bijou war eins von den lieben japanischen oder chinesischen Wachtelhündchen, die den König-Karls-Hündchen gleichen. Sie bekam nächstens Junge, und ich streichelte ihr das seidene Fell, in Gedanken an die ihr bevorstehenden Schmerzen, als ich mit einem Mal Clementines Stimme laut über den andern vernahm, und da ich aufblickte, sah ich ihr Gesicht in lebhafter Bewegung. Ich hörte, beim Kartengeben sei gemogelt worden. Gleich darauf warfen die Weiber die Karten hin, und La Glue sagte zu Clementine, sie sei hier überflüssig – elle ferait bien de débarrasser les planches; das waren ihre Worte. Ich hörte noch mehr Beschuldigungen und zwischendurch die jammernde Stimme Maries, die mich bat, keine Silbe von all dem zu glauben. Die Weiber packten sich am Haar und zerkratzten sich die Gesichter; Marie richtete sich im Bett auf und beschwor sie, ein Ende zu machen; dann fiel sie weinend zurück. Einen Augenblick wollte es scheinen, als würden sie sich wieder hinsetzen und weiter spielen, doch plötzlich riß jede ihr Geld an sich und dann alles Geld, was ihnen erreichbar war. Sie nannten sich Diebinnen, als sie sich durch die Tür stießen, und ich hörte sie noch den ganzen Weg die Treppe hinunter miteinander schimpfen. Bijou sprang vom Stuhl und folgte seiner Herrin.

»Helfen Sie mir suchen,« bat Marie, und da ich ihr half, sah ich, wie ihre schwachen Hände das Bettzeug durchwühlten. Ein Teil des Schmuckes fehlte, ein Armband und einige Perlen sowie ihr ganzes Geld. Marie sank in die Kissen zurück, außerstande zu sprechen, und jeden Augenblick befürchtete ich einen Blutsturz. Sie fing an zu weinen, und ihr kleines Spitzentuch war bald durchnäßt. Ich mußte ihr ein andres holen. Das gestohlene Geld hatte ihr ein fournisseur aus dem Quartier bezahlt, der ihr zweitausend Francs für ihre garniture de cheminée gegeben hatte. Ein paar Francs fanden sich noch zwischen dem Bettzeug, und die, sagte sie, genügten, pour passer sa soirée. Sie bat mich, zur Schneiderin zu gehn und nach dem Kleid zu fragen, das man ihr für zehn Uhr versprochen hatte.

»Um elf Uhr werd ich im Elysée sein. Au revoir, au revoir! Lassen Sie mich jetzt ein bißchen ruhn. Ich sehe Sie heut abend. Sie wissen ja, wo ich immer sitze, in der Ecke links, der Platz ist immer für mich reserviert.«

Ihre Augen schlossen sich. Ich konnte sehn, daß sie schon eingeschlafen war. Ihr ruhiger, vernünftiger Schlaf gemahnte mich an ihr wildes, unvernünftiges Leben. Ich stand da und betrachtete sie, den armen Schmetterling, der hier ganz allein lag, von Freunden und Spießgesellen ausgeräubert. Doch sie schlief friedlich, nachdem sie die von den andern übersehenen paar Francs gefunden hatte, die es ihr ermöglichten, ihren Abend im Elysée zu verbringen. An den Fürsten konnte man ja schreiben; er war gewiß ihrer überdrüssig, weil sie nicht fähig war, ein anständiges Leben zu führen, und er wußte, daß, wenn er ihr Geld schickte, es denselben Weg gehn würde wie seine letzte Spende. Wenn Marie am Leben blieb, würde sie eines Tages gebackene Kartoffeln auf der Straße verkaufen. So tief zu sinken – konnte sie denn etwas dafür? Oktave würde sagen: ›Qu'est-ce que cela peut nous faire, une fille plus ou moins fichue ... si je pouvais réussir un peu dans ce sacré métier!‹ So redete er, aber in seiner Malerei dachte er tiefer; sein Bild von ihr war doch etwas mehr als bloßer Zynismus.

Sie wollte heut abend ins Elysée gehn. Jetzt war es sechs Uhr – also um zehn sollte das Kleid da sein. Ich mußte sofort zur Schneiderin eilen. Vielleicht war es klüger, es nicht zu tun – sie lag in ihrem Bett, friedlich und schön. Im Elysée dagegen würde sie Absinth trinken und Zigaretten rauchen bis drei Uhr in der Frühe. Doch ich hatte es ihr versprochen; sie würde es mir nicht verzeihn, wenn ich mein Wort bräche. Ich machte mich also auf den Weg.

Die Schneiderin sagte, Madame Pellegrin werde ihr Kleid um neun Uhr bekommen. Um halb elf Uhr war ich im Elysée und wartete auf sie.

Wie oft ging ich um den Kiesweg herum! Das unnatürliche Grün der Kastanienblätter und das Emporschnellen der Fußspitze in der Quadrille wurden mir allmählich lästig. Hin und wieder bildete sich ein Menschenschwarm, und dann verlief sich die Flut wieder unter den Bäumen zu den Zinkstühlen und -tischen, wo Bier und Zigarren als Genüsse winkten. Ich bemerkte, daß Maries Freundinnen den Abend in der Ecke links verbrachten; doch sie riefen mich nicht an ihren Tisch, da sie wohl wußten, ich könne mir denken, daß sie das Geld, das sie ausgaben, gestohlen hatten.

Mißmutig und verdrossen ging ich fort, froh in einer Beziehung, daß Marie nicht gekommen war. Kein Zweifel, die Schneiderin hatte sie im Stich gelassen, oder sie hatte sich zu krank gefühlt. Ich hatte keine Gelegenheit, in der Frühe zu ihr hinzugehn und mich nach ihr zu erkundigen; denn ich frühstückte mit Octave und saß ihm am Nachmittag.

Wir waren mitten in der Sitzung, er hatte eben meinen Kopf skizziert, als wir Schritte auf der Treppe hörten. »Nur ein paar Weiber,« sagte er. »Ich hätte Lust, gar nicht aufzumachen.«

»Doch,« sagte ich, überzeugt, daß es Maries Freundinnen waren, die uns Nachricht von ihr brachten. Und so war es auch. Man hatte sie tot auf dem Balkon gefunden in dem Kleid, das eben von der Schneiderin eingetroffen war.

Im stillen hoffte ich, Octave werde den Vorfall nicht mit einem gemeinen Witz abzutun suchen, und ich war wirklich über seinen Ernst erstaunt. »Selbst Octave hält an sich,« sagte ich, »on ne blague pas la mort.«

»Was hatte sie denn auf dem Balkon zu tun?« fragte er. »Das ist mir unklar.«

Wir alle betrachteten ihr Bild und suchten in den Zügen des Gesichts zu lesen.

»Ich denke mir, sie ist auf den Balkon gegangen, um das Feuerwerk zu sehn. Gegen elf fängt es an.«

Eine von den Weibern hatte es gesagt, und ihre Worte schienen des Bildes Deutung.

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