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Aus toten Tagen

George Moore: Aus toten Tagen - Kapitel 2
Quellenangabe
typenovelette
authorGeorge Moore
titleAus toten Tagen
publisherEgon Fleischel & Co.
year1909
translatorMax Meyerfeld
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151210
projectid5d523d3e
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Thema mit Variationen

Sonntag Morgen. Ich sitze an meinem Fenster und sehe lässig den Spatzen zu – unermüdlichen schwarzen Punkten, die auf dem alten Baum an der Ecke von King's Bench Walk ihr Stammquartier haben. Allmählich nehme ich ein schwaches grünes Flimmern in den Zweigen der alten Linde wahr. Jawohl, es grünt schon in den Zweigen, und ein Trieb regt sich in mir – der Frühlingstrieb ist in meinen Füßen, ganz als ob meine Fußsohlen aus Gummi wären. Ich möchte London sehn. Es ist eine Wonne, durch die Temple-Gärten zu schreiten, stehn zu bleiben – Tauben sausen von den Dächern herab –, einen Wagen anzurufen und im Vorbeifahren das Sprießen hinter der Kirche St. Clement Danes zu bemerken. Der grüne Farbenton hebt sich köstlich von der rauchgeschwärzten Mauer ab. London läßt sich an einem Sonntag besser sehn als an Wochentagen; lehnt man sich im Hansom zurück, so hat man London für sich. London ist schön in der engen, durch ihre anstößige Literatur berüchtigten Straße. Der blauweiße Himmel wölbt sich über einem Giebel aus dem siebzehnten Jahrhundert. Wenige Augenblicke später sind wir in Drury Lane. Das schöne Wetter hat die Bevölkerung aus düstern Höfen und Gassen gelockt, überall schwirren Springseile durch die Luft. Die Kinder retten sich mit knapper Not vor dem Überfahrenwerden. Hökermädchen sitzen in Tücher gehüllt da, zufrieden wie Kaninchen am Eingang ihrer Höhle; die Männer stehn in Gruppen, rauchen verdrießlich ihre Pfeifen und starren auf die geschlossenen Türen des Wirtshauses. An der Ecke des großen Theaters nimmt der Mann, der mit billigem Eis handelt, im Nu die wenigen Spargroschen der Gegend ein. Der Wagen biegt aus der Gasse in die breite Verkehrsader ein, ein heller Glast wie der des Sonnenuntergangs flutet über den Fahrdamm; ein dreieckiger Backsteinbau und die St. Giles-Kirche steigen auf, und der Glockenturm ragt hoch in die blaßblaue, durchsichtige Luft. Kirchtürme sind so schön, daß wir ihnen gern ein längeres Dasein als den Konfessionen zuschreiben möchten; Religion hin, Religion her – wir müssen Kirchtürme haben, in den Städten und auf dem Lande, Kirchtürme, die, zwischen Bäumen emporstrebend, aus dem Weichbild der Städte aufragen.

Der Frühling ist im Anzug. Die Mandelbäume blühn schon; da drüben wächst einer im Kellergeschoß und breitet seinen japanischen Schmuck wie einen Fächer über die Mauer. Die Hecken in den verwitterten Straßen um Fitzroy Square blitzen auf – wie das Grün vorbeihuscht! Hier ist der Frühling lieblicher als auf dem Lande. Man muß in London sein, um den Frühling zu erleben. Von ferne kann man ihn in St. John's Wood tanzen sehn, wenn Nebel und Sonne miteinander spielen, wie ein Bursch und sein Mädel. Die süße Luft, wie verführerisch sie ist! Wie aufregend! Sie zergeht in zärtlichen Küssen auf den Lippen und regt einen leckeren Heißhunger nach dem Leben an. Es wäre eine Freude, in diesen Gärten junge Mädchen durch schattige, hier und da von einem Strahl erhellte Alleen promenieren zu sehn, junge Mädchen, die Hand in Hand dahinschreiten, nach den Zweigen greifen, wie es Mädchen tun, wenn sie von ihrem Liebsten träumen. Doch leider! die Gärten sind leer – bis auf einige Narzissen. Wie wundervoll ist die geschweifte Linie der Blume, wenn man sie von der Seite sieht, und noch schöner ist ihr Sternengelb, von vorn gesehn. Diese antike Blume versetzt meinen Geist zurück – nicht ins griechische Altertum, denn die Narzisse hat ihren antiken Liebreiz zum Teil eingebüßt; sie erinnert mehr an eine Wedgwood-Vase als an eine griechische Urne. Meine albernen Gedanken erheitern mich; ich jage hinter ihnen her, wie ein Kind hinter dem Schmetterling. Und all diese Wonne in mir und um mich herum ist die Freude an der Gesundheit – meiner Gesundheit und der Gesundheit der Welt. Dieser Apriltag hat mir Herz und Hirn in Brand gesteckt.

Nun muß ich an dem alten Kanal träumen! Er sieht aus, als würde er schon lange nicht mehr benutzt. Entzückend! Ein solcher Kanal ist das vollendete Sinnbild der – ich weiß nicht, wovon. Ein Fluß fließt oder stürzt dahin; selbst ein künstlicher See beherbergt Wasservögel, Kinder lassen ihre Boote darauf schwimmen. Aber ein Kanal tut nichts. Da kommt ein Boot! Der Kanal wird also doch noch gebraucht. Schade! das Boot hat mich in meinen Träumen gestört, und jetzt ist mir ganz elend zumute. Ich hatte angenommen, das letzte sei vor zwanzig Jahren vorübergezogen. Da kommt es nun mit seinem dürren Pferd, das Seil zieht sich bald zusammen, bald dehnt es sich aus – eine große schwarze Masse, vor der sich das Wasser kräuselt und auf der eine Gestalt gegen das Steuerruder drückt. Ein Kanal erinnert mich an meine Kindheit; alle Kinder lieben den Kanal. Er ruft das erste Wunder ins Gedächtnis zurück. Wir alle denken noch daran, mit welchem Erstaunen wir die erste Schute betrachteten, wie uns der aus dem Schornstein strömende Rauch in Verwunderung setzte. Als mich mein Vater fragte, warum ich lieber auf dem Kanal als auf der Eisenbahn nach Dublin fahren möchte, konnte ich es ihm nicht sagen. Und ich kann heute noch nicht sagen, warum ich so für einen Kanal schwärme. Diese Vorliebe für Kanäle bleibt einem durchs ganze Leben. Die Boote gleiten dahin wie die Tage, und das sich abrackernde Pferd ist voll tiefer Bedeutung: wie es keucht und seine Hufe in den Leinpfad eingräbt!

Es gibt Besuche zu machen. Drei Stunden vergehn damit – bei Weibern selbstverständlich, immer bei Weibern. Doch um sechs Uhr bin ich frei, und ich spinne meine Gedanken im Dämmerlicht weiter, während der Wagen durch die alten, um Golden Square gelagerten Straßen mit ihren Backsteinbauten rollt; Straßen, deren Namen man in alten Romanen begegnet; Straßen voll Ateliers, wo Haydon, Füßli und andre Maler einer ausgesprochen historischen Richtung Kunstphrasen drechselten, ihre Verzweiflung im Wein ersäuften und es bei ihrem Tode nicht fassen konnten, warum die Welt ihr Genie nicht anerkannte. Kinder klettern einen vernachlässigten Torbogen hinauf und suchen eine aus alter Zeit stammende Laterne zu erreichen. Der Geruch dieser ausgetrockneten, verblichenen Straßen ist London eigentümlich; er hat etwas von dem Duft des ursprünglichen Marschbodens, dringt durch das Pflaster hindurch und vermengt sich mit dem Rauch. Ein Phantom löst das andre ab, Bild folgt auf Bild, bis alles nur ein Gleichnis ist, von Rätseln umwoben. Der Marmorbogen dort scheint aus dem Zwielicht mich anzusprechen. Ich hätte Lust zu glauben, er habe sein Geheimnis. London hüllt sich in Nebel ein; blaue Flore sinken – schleifen. London hat ein Geheimnis! Laßt mich ihm ins verschleierte Antlitz starren und es ablesen. Ich brauche nur meine Gedanken zu sammeln und entziffere – was? Ich weiß es nicht. Etwas ... vielleicht. Aber ich werde meiner Gedanken nicht Herr. Jetzt hat es mir die Schönheit des Marble Arch angetan, jetzt die Perspektive von Bayswater Road, die wie eine Geistererscheinung inmitten der Romantik hoher Bäume verblaßt.

Ich wende mich um, denn der Wind pfeift so scharf, daß ich meine Schritte beschleunigen muß, und denke, wie glücklich ich daran bin, daß mir solche Eindrücke im Hyde Park beschieden sind, während meine Bekannten in die Schweiz gehn und den Mont Blanc besteigen müssen, um die Hälfte von dem zu fühlen, was ich jetzt fühle, während ich über den ebenen Park hinblicke und den Sonnenuntergang – einen tiefdunkeln – beobachte. Der letzte rote Lichtstreifen verglimmt, nun ist nur noch der graue Park da, dahinter die blaue Vorstadt, der verschwimmende Park mit seinem Nebel und seinen Menschen, düster und traurig im Vergleich zu den fahlen Lichtern von Kensington; und seine Menschenmengen gleichen hier und da verstreuten Streifen schwarzer Litze. An den Gittern ist die Litze zu einem schwarzen Knäuel aufgewunden, und die Spule, um die sie gewickelt ist, bildet ein Prediger, der verkündet, die Menschennatur werde von dem Übel erlöst werden, sofern sie auf den Frühling Verzicht leiste. Aber der Frühling knospt, trotz Prediger, weiter, dort drüben unter den Ästen, an denen die Blätter ansetzen, wo die Spatzen lärmen, der Frühling ist da, mitten unter der Jugend. Die halbwüchsigen Burschen tragen schlechtsitzende Anzüge aus schwarzem Tuch, eine Narzisse im Knopfloch; die Mädchen, kaum weniger ungeschlacht, richtige Arbeitsgeschöpfe, sind der Tretmühle der Küche auf kurze Zeit entronnen und versehn jetzt den Dienst der Welt besser als der Prediger – arme Sklaven des heiligen Frühlings. Eine Dame in eng anschließendem grünem Tuchkleid eilt an mir vorüber, einem jungen Herrn entgegen; ein prächtiger Pelz hängt ihr von den Schultern. Und sie gehn in der Richtung nach Park Lane, auf die kapriziösen kleinen Häuser zu mit ihren niedrigen Balkonen und den im Lichtschacht schwebenden Blumenschalen. Sorgsam angelegte kleine Gärten! Da ist einer, klassizistisch wie ein Kupferstich des achtzehnten Jahrhunderts, und die Dame im eng anschließenden grünen Tuchkleid und dem prächtigen Pelz, der ihre niedliche Taille fast verbirgt, tritt hinein. Sie ist Park Lane. Park Lane mit seinen Abendgesellschaften und Ehescheidungsprozessen steht ihr auf dem Gesicht geschrieben, prägt sich in ihrem Wesen aus. Der alte Stutzer, der seine Schritte so beschleunigt, um sich nicht zu erkälten, der augenscheinlich seinen Schnurrbart färbt und sicher seine Taille schnürt – auch er ist Park Lane. Und die beiden jungen Männer, die so aufgeräumt miteinander plaudern – herrliche Exemplare der angelsächsischen Rasse – mit ihren schlanken Füßen, ihren Lackstiefeln, voll strotzender Gesundheit und Jugend – auch sie sind für Park Lane charakteristisch.

Ehedem war hier ein einfacher Weg, wie man ihn auf dem Lande findet. Es ist schon lange her allerdings, weit zurückreichend ins achtzehnte Jahrhundert, und etwas, ein Nachklang, nicht mehr als ein Nachklang des unregelmäßigen Landhauses früherer Zeiten haftet scheinbar noch an dem eigenwilligen Baustil, der in Erker und gedeckte Balkons gesetzlos ausläuft. Das unregelmäßige Landhaus früherer Zeiten lebt in den kapriziösen kleinen Häusern ebenso fort, wie die Hundsrose in der kostbaren Gloire de Dijon. Mag man es auch nicht vermuten, Herzen sind in diesen kapriziösen Häuschen gequält worden – sie scheinen freilich nicht recht passende Stätten für die tieferen Empfindungen des zwanzigsten Jahrhunderts –, und Tränen flossen, wie ich ganz bestimmt weiß, in einem jener kosigen Salons an einem Juni-Abend, da sommerliche Winde die seidenen Gardinen blähten, daß sie geheimnisvoll spukhaft raschelten, und kein Ton in der Stille zu vernehmen war als das Knarren der blumengefüllten Ampeln, die auf der Veranda hin und her schwankten ... meine Tränen, meine Tränen!

Und wie ich jetzt so im Frühlingsabenddämmern dastehe, den Blick noch immer auf ein gewisses Fenster gerichtet, ohne danach zu fragen, ob ich mir einen Schnupfen hole, regt sich die Überzeugung in mir, daß mein Liebesroman sich von allen andern bis jetzt ausgezeichneten unterscheidet ... Würde er mit sämtlichen Einzelheiten niedergeschrieben, Lebemänner würden darin ein ziemlich starkes Stück sehn; doch mich dünkt in diesem Augenblick mein Liebesroman lyrisch wie der Sonnenuntergang, und er singt mir im Kopfe und interessiert mich mehr als alles andre. Großer Gott, wie einem eine erstorbene Liebe im Kopfe singt! Ihr leuchtendes Liebesmotiv, das Motiv des Ewig-Weiblichen, fiel mir heute morgen ein, als ich die knospende Linde betrachtete. Heute morgen war es noch ein einfaches Motiv; aber im Laufe des Tages ist es kompliziert geworden, da es viele Reminiszenzen aufgesogen hat, und jetzt strömt es, Takt für Takt, in reicher Harmonie dahin. Gibt es kein Mittel, seiner habhaft zu werden? Kein magisches Fünfliniensystem, das Motiv zu erhaschen, während es vorüberzieht – flüchtig wie der Duft der Hyazinthen? Großer Gott, wie stark sie riechen! Doch derweil ich an die Blumen denke, geht mir der Rhythmus meines Liebesmotivs verloren ... Würde es ausgezeichnet, die vorurteilsvolle Welt würde es vielleicht nicht als Liebesroman voll Inspiration gelten lassen, sondern nur für Sinnentaumel erklären.

Ans Licht, Liebesroman! Erzähl ihnen, wie sie mir entgegenkam das erste Mal, als wir uns trafen, – ich sollte sagen: als wir das erste Mal allein waren – mit ausgestreckten Armen, dem Gesetze der Vererbung gehorchend. Sie ließ sich in ihrem Duft nur vergleichen – womit? Mit den Hyazinthen? Nichts läßt sich mit ihrem süßen Zauber vergleichen als der Flieder im April, ehe der Busch in voller Blüte prangt, so um den zwanzigsten des Monats, wenn große Wolken vorübersegeln, wenn das Gras dicht und seidenweich ist und die Vögel sich in ihrem Liebesverlangen tummeln. Nichts Ähnlicheres kann man für sie finden als einen Vogel: sie hat die hellen Vogelaugen und ist kühn und ganz Instinkt wie der Sperber. Kühnheit ist eine gewinnende Eigenschaft. Und ihre kalte Sinnlichkeit – kalt, weil sie der Zärtlichkeit und Leidenschaft bar ist – trägt mich zurück in die Zeiten des satzungslosen animalischen Waldlebens, nach Thessalien, zweitausend Jahre zurück, als Pan die Nymphe im Tale Mainalos verfolgte, in die Zeiten, da empfindsame Sterbliche in antiken Wäldern lustwandelten, Dryaden begegneten und sich von ihnen unter duftschwere Zweige ziehn ließen. Der glückliche Erkorene der Dryade wurde seiner Umgebung nicht mehr entrückt als ich: wenn dieses Mädchen seinen Mund zu dem meinen emporführte, zerstob die Welt wie Nebel; und von dem Zauber ihres Wesens der Freiheit zurückgegeben, wandelten wir wiederum auf Wegen der Vorzeit, ich ganz oder fast ganz so frei wie sie. Sie war frei geboren, ich mußte mich frei denken. Der Sterbliche ist nie so frei wie eine Unsterbliche. Sie stammte gewiß von einer unsterblichen Ahnmutter. Die Dryade lebt heut in ihr, mit derselben Stärke, wie sie vor zweitausend Jahren in Thessalien lebte, ehe ihr Dasein von dem Singsang der Mönche und dem Kirchturm, der zwischen den Bäumen aufragt, in den Köpfen der Menschen verdunkelt wurde. Nichts stirbt ganz: wenn die christlichen Wolken verdunsten, kommt die Dryade wieder zum Vorschein.

Mit diesem freien Mädchen in den Wäldern zu spazieren, das hieß: die bebende Verzückung dessen erfahren, der zwischen schimmernden Blättern eine Nymphe gewahrt und mit ihr lustwandelt, von der Heiterkeit und der Anmut des reinen Tieres für alle Zeiten berauscht. Der glückliche Sterbliche, der einer Dryade in den Wäldern begegnete und sich von ihr unter duftschweren Zweigen in eine kühle Höhle führen ließ, der konnte – meldet die Sage – nie wieder ein sterbliches Weib lieben, sondern war hinfort von der Erinnerung an einen Augenblick besessen, sei es nun, daß es ein imaginärer oder ein wirklicher Augenblick gewesen. Wer von uns kann den Traum von der Wirklichkeit unterscheiden? Beide sind über ein kleines verschwommen wie Nebel – wie ein dünner Nebel, der am Waldrand aufsteigt; er nimmt die Gestalt einer Nymphe an, kräuselt sich und zergeht. Nichts ist wirklicher, nichts ist dauernder als Nebel. Das Leben kräuselt sich und zergeht, ganz wie Nebel. Der Augenblick, mag er noch so flüchtig sein, ist alles, was wir besitzen. Auch der Schäfer in Arkadien muß der Dryade zugerufen haben: ›Der Augenblick kommt, wenn du nicht mehr in meinen Armen liegen wirst.‹ Doch sie, eine Unsterbliche, begriff seinen sterblichen Schmerz nicht.

Ebensowenig verstand Elisabeth den meinen. Ihr genügte der Augenblick. Sie sah mich mit den kalten, verwunderten Augen der Dryade an, und jetzt ist sie dahin, fast dahin: ein kleines Unbehagen ist alles, was von ihr übrig geblieben – das Unbehagen des arkadischen Schäfers vor dreitausend Jahren, als er seiner Herden vergaß beim Anblick des Nebels, der am Waldrand aufstieg. Alles ist wie Nebel, ebenso vergänglich. Heute treffen wir ein Weib, in das wir uns verlieben. Morgen treffen wir einen Mann, dessen Weltanschauung uns über alle Maßen interessiert. Nach einer Weile ist uns die Liebe zu diesem Weib aus dem Sinn und den Sinnen gekommen, desgleichen die Verehrung für unsern Freund. Nichts ist von Dauer, alles ist wie Dampf ... Sind wir wirklich nur der Atem der Erde? Wenn der Sterbliche auch nie der Dryade überdrüssig wird und wenn ich auch nie Elisabeths überdrüssig werde, die gewiß von einer Dryade stammte: meine Liebe fand doch ein Ende. Heute liebt uns die Dryade, denn sie ist in der Stimmung dazu. Morgen existieren wir für sie nicht mehr. Wir können Elisabeth nicht heiraten, wir können sie nicht heiraten. In seinem Kampf gegen die Natur, deren Gesetze er zu knebeln suchte, hat der Mann die Ehe erfunden und die Weiber in Käfige gesperrt im Glauben, sie auf diese Weise festzuhalten, aber sie verdunsten durch die Stäbe, wie der Nebel durch das Schilfrohr. Ihr Körper bleibt zurück, doch ein Körper ohne Seele ist gar lästig. Was ich sage, ist einfache Weltklugheit, die älteste, aber wenigen ist sie geläufig. Ich kannte sie von jeher; deshalb heirateten wir nicht, Elisabeth und ich. Wir wußten recht wohl von Anbeginn, daß wir zwei Schiffen glichen, die Seite an Seite im Hafen liegen und auf den Augenblick warten, wo die magnetische Gewalt des Ozeans sie hinauslockt. So drückt es Nietzsche aus an der Stelle, wo er von sich und Wagner spricht. Ein jeder von uns hatte seinen Kurs und sein Ziel, und unsre Augen umdüsterten sich eines Tages, als wir ins Baskenland gefahren waren, um dort unsre Eindrücke von einem gewissen Dichter auf ihre Richtigkeit hin zu prüfen. Bei unsrer Ankunft wehte ein Südwind, der das Tal mit Sonnenschein füllte, obwohl es November war; Blumen blühten zwar, aber die Blätter fielen von den Bäumen, und das köstliche Hinsterben der Jahreszeit gemahnte uns daran, daß alles Wechsel ist. Der Tag mußte kommen, da wir uns nicht mehr kannten oder nur noch in Gesellschaft.

»Wenn wir verheiratet wären, würden wir sehr glücklich sein ... ein halbes Jahr.«

»Nur ein halbes Jahr?« antwortete ich, voll Bewunderung für ihre jedem Zwang abholde Natur. »Ich soll dich also bestimmt verlieren? Es ist demnach nicht dein Schicksal, zuzusehn, wie mein Rücken breiter wird, wenn ich mich über den Tisch beuge und meine Romane schreibe. Du bist in dieses Leben getreten, um in der Gesellschaft zu glänzen, ein Stern zu sein, einen Salon zu bilden und geistreiche Männer um dich zu versammeln.«

So sprach ich zu ihr, und wir waren diesen schönen November im Baskenlande traurig. Aber ebensogut wie ich hatte sie einen Kurs und ein Ziel, und ich wußte wohl, es wäre egoistisch gewesen, ihr Schwierigkeiten in den Weg zu legen. Weit klüger wäre es, einen Mann für sie zu suchen, ein Sprungbrett. Diese Auffassung begleitete uns nach Paris, wo unser Liebestraum zu Ende geträumt wurde. In Heidelberg verbrachten wir einen herrlichen Vormittag auf der Schloßterrasse, von wo aus man die deutsche Tiefebene überblickt. Wir reisten in Holland umher und betrachteten Kirchen und Bilder. Und als wir drei Monate später nach England zurückkehrten, mietete sie auf meinen Vorschlag eines jener kapriziösen Häuschen, die ich so gern habe. Vier Wochen lang saßen wir fast jeden Abend auf dem gedeckten Balkon zusammen ... In einem jener kosigen kleinen Salons fand unsre letzte Liebesszene statt. Die Porzellan-Schäfer und Schäferinnen machten in ihren Lauben einen so glücklich zufriedenen Eindruck; wir allein waren erregt. Der Mond strahlte auf einen staubigen Park, ganz wie der Mond auf der Bühne, und es war, als sammelten sich die Schatten, als nähmen sie Gestalt an, kämen dicht heran und raunten mir zu, daß ich sie nie wiedersehn solle. Und ich blickte in ihre runden, grauen Augen und beschwor sie, mir zu sagen, was in ihr vorgehe ...

Am Ende des Buches sollst du, lieber Leser, wieder von diesem schönen Mädchen hören; die einzelnen Geschichten dieses Bandes folgen nämlich nicht in chronologischer Ordnung. Die Schlußgeschichte ›Resurgam‹ erzählt von meiner Heimreise nach Irland, von dem doppelten Gram in meinem Herzen, und darin wird man lesen, wie ich an einem nebligen, von blassen Bergen eingerahmten See wanderte und der wunderbaren Landschaft überdrüssig ward und ihrer Bewohner – eines verschwommenen, halb ausgelöschten Volkes, das mich an une médaille un peu fruste erinnert. An den Wassern des Lough Carra sann ich darüber nach, ob es nicht besser wäre, zu ihr zurückzueilen und zu erfahren, wie sich mein künftiges Leben gestalten solle: ob wir uns gänzlich fremd werden oder ob unsre intimen Beziehungen fortgesetzt werden sollten; hatte sie doch in dem kapriziösen Häuschen mit dem gedeckten Balkon meine Hand ergriffen und gesagt: ›Schwöre mir jetzt, daß wir stets Freunde bleiben, was sich auch ereignen mag.‹ Das hatte sie gesagt, nicht etwa leichthin, sondern ganz ernst; und von ihrem Benehmen tief bewegt, hatte ich einen Eid geleistet, daß nichts unsre Freundschaft jemals beeinträchtigen solle. Ihre Worte und ihr ganzes Verhalten fielen mir auf meinen Spaziergängen wieder ein, als ich von einem Roman träumte, den ich erst nach Jahren schreiben sollte, und zwischendurch beschäftigte mich oft die Frage, ob ihre Ehe lediglich eine Formsache sei, nichts mit der Wirklichkeit gemein habe, und ob es den keuschen Mann – o Himmel! – auch außerhalb französischer Novellen gäbe. Im wirklichen Leben ist der Mann, weiß Gott, ein sehr gewichtiges Wesen, der Vater seiner Kinder, des ersten wenigstens. Und ich dachte mit Grauen daran, daß mir bei meiner Ankunft in London die Bekanntschaft eines dieser gewichtigen Wesen bevorstand.

Es ist merkwürdig, wie wir uns in die Vergangenheit zurückversetzen lassen – in Gedanken; Denken ist alles, mit dem Denken fängt alles an, zum Denken kehrt alles zurück. Das Leben ist so trügerisch, daß man schwer sagen kann, ob wir in der Vergangenheit, der Gegenwart oder der Zukunft leben. Unsre Gedanken fließen beständig rück- und vorwärts ... Der Balkon, auf dem ich sie zuletzt gesehn, ehe sie zum Traualtar schritt, ist vergessen; meine Gedanken wenden sich dem Tag zu, nein, der Stunde, als ich die Droschke anrief, die mich nach Elisabeths Rückkehr zu ihr führte (sie hatte mir nämlich ihre Ankunft in London mitgeteilt). Und von dem Augenblick an, da ich den Wagen nahm, bis er vor ihrer Tür hielt, stürmten meine Gedanken mit Fragen auf mich ein: was wird sie sagen? Welche Antwort soll ihr werden? Wird er da sein? Wozu sie in Gegenwart einer dritten Person besuchen?

Meine Elisabeth, nunmehr leider! eine verheiratete Frau, sah ich mit nervösem Lächeln am Kamin stehn, und in fröhlichem Geplauder, als ob gar nichts vorgefallen wäre, erzählte sie mir, ihr Mann sei eben ausgegangen. Vielleicht wär' es richtiger gewesen, ich hätte sie in meine Arme geschlossen, ohne mich im geringsten an ihre Verheiratung zu kehren, und sie erwartete wohl auch von mir, daß ich mich darüber hinwegsetzte. Wie dem nun sein mag, so viel steht fest: bei solchen Gelegenheiten darf man sich auf kein Wortgefecht, auf keine Unterhaltung über literarische Fragen einlassen; man soll von Liebe sprechen, nur von Liebe, soll die körperliche Liebe zu seiner Geliebten erörtern, sie stets als die edelste Tugend rühmen, ohne auf die Phrase zu achten: ›Ist das alles, was du an mir liebst?‹ Hat diese Phrase, die noch jeder Liebhaber zu hören bekam, je überzeugt geklungen? Wohl nie, denn jede Frau weiß in ihrem tiefsten Gemüt, daß ihr ganzes Erdendasein von des Mannes Liebe zu ihr umschlossen wird. Ihre Schönheit – was ist sie anders als unsre Liebe zu ihr? Unsre Liebe hat aus ihr ein wonniges Ding gemacht. Nimm unsre Liebe fort, und was wird aus ihr? Ein Ding, halb so groß wie wir, mit hängenden Schultern, breiten Hüften und meistens auch mit kurzen Beinen. Unsre körperliche Liebe zu ihr hüllt sie in Seide und feinen Batist, schmückt sie mit Spitzen, legt ihr Perlen um den Hals, steckt ihr Armbänder an die Arme, Ohrringe in die Ohren und allzuoft Diamanten ins Haar. Die Kunst ist nur ein göttlicher Hauch von ihr. Shelley, Turgenjew, Chopin – unerreichte Poesie, Prosa und Musik; und geniale Künstler malen sie ihr ganzes Leben lang halb im Wasser des Stroms, im Bade oder träge auf dem Polster. Seit Jahrtausenden ist sie in Marmor ausgehauen worden; man hat Paläste für sie gebaut, hat ihr Grabsteine errichtet ... denn sie ist viel geliebt worden, und wenn wir unsre Liebe von ihr nehmen, verkümmert sie auf der Stelle. Die von der Natur im Punkte der Geschlechtlichkeit zu kurz gekommen sind, verachten sie, und die von den Menschen ihrer Geschlechtlichkeit Beraubten sind ihr aufs äußerste feindlich gesinnt. So sollen die Eunuchen in Konstantinopel die Weiber hassen und mißhandeln ... Alles verdankt die Frau unsrer Liebe, und darum steht es ihr schlecht an, diese in Frage zu ziehn oder sich darüber zu beschweren, daß unsre Liebe gelegentlich eine unedle Richtung einschlägt. In Kriegszeiten kommen zweifellos manchmal Exzesse vor: es gibt Verrückte, die mitunter Weibern um die Möbel herum nachjagen; aber solche Auswüchse einer auf Abwege geratenen Liebe sind gering im Vergleich zu den Wohltaten, die sie von der Liebe empfangen haben. Die Liebe des Mannes zur Frau bewahrt sie vor der Sklaverei, und es steht ihr schlecht an, Tugend zu predigen, denn die Tugend macht aus ihr Nonnen und Ehegattinnen, während die Sinnenlust sie in den Himmel erhebt. Wir bauen heutigen Tages der Liebe keine Tempel, errichten ihr keine Statuen mehr. Aber in frühern Zeiten pflegten junge Mädchen Girlanden zu winden, die sie dem Liebesgott umhängten. Diese Bräuche sind abgekommen, und Jahrhunderte werden vergehn, ehe man sie wieder einführen wird; doch das wird nicht ausbleiben, und die Frauen werden in Tempeln beten, die ihrem Gotte geweiht sind, und vielleicht eine neue Religion stiften – etwas, das sie bisher noch nicht getan haben. Ich sehe jetzt, wie eine schöne Prozession von Frauen ihren Weg durch den Forst nimmt, um zu ihm zu flehen, der ihnen ihre Schönheit gegeben und sie in feines Linnen gehüllt hat ...

Wie die Gedanken wandern! Die meinen sind weit abgeschweift von dem Balkon, von der Dame, die zu lieben meine Bestimmung auf der Welt war; ich bin in Thessalien gewesen ... Dort lag ich neben einer Dryade in einer Höhle, und als ich aufwachte, blinkten die Sterne durchs Laub ... Jetzt weilen meine Gedanken bei Jahren der Enthaltsamkeit, der Entfremdung. Hätte ich sie doch nur in meine Arme geschlossen, statt mit literarischen Gesprächen Zeit zu vergeuden! Vielleicht hatte sie sich aber zu dem bekehrt, was die Menschen Tugend nennen. Oder war mir mein Glück untreu? Sehr wahrscheinlich. Eines der seltsamsten Probleme ist die Launenhaftigkeit des Glücks; das weiß jeder Spieler. Es gibt ebensogut ein Glück in der Liebe wie im Kartenspiel. Zuzeiten können wir nichts Unrechtes tun, und dann benehmen wir uns wieder wie Bauernlümmel, die zum ersten Mal verliebt sind. Plötzlich purzeln wir in schlimme Perioden, daß wir uns fragen, ob wir übergeschnappt sind.

Während ich mein Pech der boshaften Vorsehung zuschrieb, hatte sich Elisabeth sachte wieder in mein Leben eingeschlichen, wie sich der Frühling unmerklich in die kahlen Wälder schleicht. Das trübe Wetter hält noch an, aber dann und wann zeigt sich gegen Abend ein kleiner Spalt in den Wolken, so daß wir auf einen schönen Tag rechnen. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist weder der nächste noch der übernächste Tag schön, unsre Augen nehmen am Wetter keine Wendung zum Besseren wahr, aber trotzdem wir verzagen wollen, sind die schönen Tage viel näher als vorher. Und dann treten wir eines Morgens in die köstliche Wärme hinaus, die uns gegen Ende März überrascht. Über Nacht ist der Wind umgeschlagen: gestern war noch Winter, heut ist's Sommer. Ebenso plötzlich verwandelte sich mein Mißgeschick in herrliches Glück. Ein Brief war eingetroffen mit der Bitte, zu ihr aufs Land zu kommen; doch diese Einladung war anscheinend ohne jegliche Bedeutung. Ich war zu kleinmütig, mich in die Hoffnung auf eine Wiederkehr unsrer Liebe einzulullen. So weit schien sie mir entrückt zu sein, daß ich auf dem Bahnhof, wo ich auf sie wartete, eine Dame am andern Ende des Perrons beobachtete. Der lange, elegante Staubmantel sowie Hut und Schleier verrieten ihre Zugehörigkeit zu einer gewissen Gesellschaftsklasse, ihre Freunde, ihre Beschäftigung, wie sie ihre Tage von morgens bis abends verbrachte, so daß ich sie mir ganz leicht zu jeder Stunde ihres Daseins vorstellen konnte. Sie war das Symbol für einen gewissen Lebenszuschnitt. Ich träumte schon, wie nett es wäre, mit ihr zusammen zu fahren, und auch ein leises Bedauern mischte sich in den Traum – denn wie konnte ich nur den Wunsch haben, mit irgend jemand zu reisen außer mit Elisabeth, auf die ich wartete? Die elegante Dame kam näher – sieh da! es war Elisabeth. Sie hatte leider Bekannte bei sich, aber sein Glück kennt man nie: ihre Gäste füllten einen Wagen, und für uns – ob durch Zufall oder ob Elisabeth es so angeordnet, das hab ich nie erfahren – fand sich Platz in einem Coupé. Der Sommer war nicht mehr fern: als der Zug aus der Bahnhofshalle rollte, bemerkten wir, wie die Hecken schon schimmerten.

Es ist ein denkwürdiger Augenblick, wenn wir einem Weib die Hand aufs Knie legen dürfen. »Nun hast du mich wieder,« sagte sie, »nach all den Jahren.« Der Sommer war da: der April ging in den Mai, der Juni in den Juli über, auf den Juli folgt der staubige August. Ich mag den August nicht, denn im August ist weder Wachstum noch Verfall erkenntlich. Wenn der August zum September wird, spüren wir in der Luft einen leisen Frost ... früh morgens; er geht indes bald vorüber, und es gibt im September und im Oktober Tage, an denen der Sommer zurückgekehrt zu sein scheint, aber ein Todesschatten liegt auf seinem Sonnenglanz, und wir denken an den eisigen Wind, der an der Straßenecke lauert ... Ich werde in meinem Gedankenflug gestört. Ein Bekannter macht mich auf meinen Leichtsinn aufmerksam: »Wie kann nur,« sagt er, »ein Mann in Ihrem Alter ohne Überzieher herumlaufen!« Der Ausdruck ›in Ihrem Alter‹ ist mir unangenehm, nichtsdestoweniger knöpfe ich meinen Gehrock zu und eile weiter. Unterwegs kommt mir der Gedanke, daß Zuchtlosigkeit, aber nicht Gehorsam die Phantasie beflügelt. Jedes Weib sieht sich im Traum von einem Räuberhauptmann fortgeschleppt, jeder Knabe will Seeräuber werden; die Zügellosen, die Vogelfreien bringen es zu etwas. Die Jahreszeit, die den stärksten Reiz auf uns ausübt, ist die zügelloseste: der Frühling, »und ein Frühlingstag – sagte ich – gleicht ihr mehr als alles andre in der Welt. Wie ähnlich ist ihr doch dieser ganze Tag gewesen, seitdem ich die knospende Linde an der Ecke von King's Bench Walk betrachtet habe!«

Freilich, der Frühling hat auch seine Traurigkeit. Wer seine Schönheit zu würdigen versteht, der weiß, wie schnell die Wochen verfliegen; und wer erst das mittlere Alter erreicht hat, der denkt an längst verflossene Frühlingsmonate. Meine Gedanken schweifen fünfzehn Jahre zurück zu einem Herbst im Baskenlande. Damals stand ich im Lenz meines Lebens. In mir war es Lenz, draußen war es Herbst. Jetzt ist die Reihenfolge gerade umgekehrt. Diese ganze späte Liebe ist die Liebe des Herbsts; alle Liebe, die ich von ihr seit dem Tage empfing, da wir zusammen im Coupé fuhren, ist reicher, ich sollte sagen: funkelnder gewesen als unsre frühere Liebe, doch am Herbsthimmel ist stets ein Todesschatten zu finden, und in der Ruhe liegt die Furcht vor dem bevorstehenden schroffen Winter. Gleichwohl ist die Lenzliebe nur ein Zittern, ein Auflachen, ein kurzer Rausch. Die Herbstliebe ist tiefer, sie ist mit Erinnerungen beschwert, die Furcht vor dem schroffen Winter läutert sie. ›Im Herbste, wenn die Blätter fallen‹ kniet ein Mann am Bette seiner Geliebten nieder, wie ein Heiliger vor dem Tische des Herrn. Unsre Phantasie weiht sie, trägt sie empor, sie wird zu einer Verklärten. Einmal wenigstens in einem Leben ward eine solche Verklärung Ereignis. Und während ich durch Park Lane eile, fühle ich mich in jene Nacht zurückversetzt auf die Treppe eines Londoner Hotels, wo ich stundenlang wartete, beim Geräusch jedes Schrittes den Korridor hinabrannte, denn es war unbedingt nötig, sich vor den Dienstboten zu verstecken. Ich wartete, bis ihre Zofe aus dem Zimmer ging; ein leises Pfeifen war das verabredete Zeichen.

Wiederum höre ich das heimliche Geräusch der Tür, die sich über dem Samtbezug des Teppichs öffnet ... Daraus, daß ein Weib uns manchmal an eine Dryade erinnert, folgt nicht, daß sie uns zu andern Zeiten nicht an Boucher oder Fragonard gemahnt. In dieser Nacht kam mir Elisabeth wie ein echter Fragonard vor, wie eine dralle Jungfrau von ihm, als sie sich lesend im Bett aufsetzte; ihr goldenes Haar war aufgeflochten, und in der Hand hielt sie ein großes Buch. Ich fragte sie, was sie lese, und hätte ein Weilchen mit ihr über Literatur plaudern können, doch sie warf das dumme Bettzeug beiseite und deckte sich auf. In diesem Augenblick hehrer Nacktheit war das sterbliche Weib vergessen. Ich sah den göttlichen Geist durch sie hindurchschimmern, wie eine Lampe in einer Alabastervase. In dieser Nacht strahlte das sterbliche Weib in seiner Unsterblichkeit ...

Wir finden die Gottheit je nach dem Temperament, das wir mit auf die Welt bringen. Manche finden sie in Jehovah, manche in Christus, manche in Buddha. Das Temperament, das ich mit zur Welt gebracht habe, ließ mich die Gottheit, Göttlichkeit, eines Nachts in Elisabeths Schlafzimmer finden. Einerlei, wie oder wo wir sie finden, wenn wir sie nur finden. Die Liebe ist Gott. Wie oft ist das gesagt worden, und wie vortrefflich hat es Johannes Secundus ausgedrückt, der es wagt, von einer auf Gott gerichteten Fleischeslust zu sprechen, worüber seine Leser sittlich entrüstet sind; denn nur wenige haben begriffen, daß die auf Gott gerichtete Fleischeslust das Ziel menschlichen Strebens sein sollte, genau so wie die auf Sterbliche gerichtete Fleischeslust stets der edle Ehrgeiz der Götter gewesen ist. Die heidnische und die christliche Offenbarung haben nur eine Geschichte zu erzählen: die Liebe eines Gottes zu einer Sterblichen, und meine Geschichte unterscheidet sich davon bloß in dem Punkte, daß sie die Liebe eines Sterblichen zu einer Unsterblichen betrifft.

Sucher der Gottheit sind wir alle insgeheim – insgeheim, denn ein Mann in reiferen Jahren, der durch Park Lane geht und seinen Oberrock zuknöpft, um sich keinen Schnupfen zu holen, würde in ein Tollhaus gesperrt, wollte er sagen, er habe eines Nachts in einem Londoner Hotel die Gottheit in seiner Geliebten entdeckt. Und doch ist ein solcher Glaube keine Besonderheit von mir, jeder Mann teilt ihn ... außer mir wagt es bloß keiner zu gestehn, ich allein setze mich der Gefahr aus, in eine Irrenanstalt gebracht zu werden, indem ich bekenne, an Elisabeths Göttlichkeit zu glauben. Dieser Glaube läßt uns weiter leben, hilft uns die Furcht vor den magern Winterjahren ertragen, wenn jüngere Männer die Gottheit suchen und da finden, wo wir sie nicht gefunden haben. Jüngere Männer! Leider gibt es immer jüngere Männer. Erst gestern hat sie von einem jungen Mann gesprochen, der sie interessiere ... Der Oktober wird zum November. Ich welke fraglos dahin, eine verblühte Blume, die aus ihrem Strauß gefallen ist, und über ein Weilchen wird sie mich vielleicht aufheben und in ein Buch legen,

›wie eine Rose, in ein Buch geschlossen,
von keines keuschen Mannes Blick genossen.‹

Sei dem, wie ihm wolle – ich habe für einen Abend genug an sie gedacht. Hier steh ich in Piccadilly! Elisabeth ist vergessen, vergessen die Furcht vor dem Schnupfen – ich bin gebannt. Piccadilly ist noch nicht gemein geworden, nur ein bißchen modern, ein bißchen zu grell abstechend von der Schönheit des Green Park, jener wundervollen Lichtung, wo ich gern eine Komödie der Restaurationszeit sehn möchte.

Hier pflegte ich vor zwanzig Jahren zu stehn, auf demselben Fleck, und das Mondenlicht zwischen den Bäumen zu betrachten und die Schatten, die über die herrliche Lichtung gleiten. Dann dachte ich an Wycherleys Komödie ›Die Liebe im St. James-Park‹, und ich denke noch heute daran. Damals waren die Argyle Rooms, Kate Hamiltons Vergnügungslokal in Panton Street und das Café de la Régence en vogue. Doch Paris hat mich ihnen abspenstig gemacht, mich zu andern Freuden gelockt: zum Café ›Nouvelle Athenes‹ und dem Elysée Montmartre. Und als ich nach einer Abwesenheit von zehn Jahren nach London zurückkehrte, fand ich ein neues London, ein weniger englisches London. Paris lockt mich noch immer. In drei Wochen werde ich dort sein, wenn die Kastanien blühn.

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