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Aus toten Tagen

George Moore: Aus toten Tagen - Kapitel 14
Quellenangabe
typenovelette
authorGeorge Moore
titleAus toten Tagen
publisherEgon Fleischel & Co.
year1909
translatorMax Meyerfeld
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151210
projectid5d523d3e
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Resurgam

Ich war in London, als mir mein Bruder schrieb, unsre Mutter sei krank. Eine unmittelbare Gefahr liege nicht vor, aber falls eine Verschlimmerung eintreten sollte und mein Kommen unvermeidlich wäre, werde er depeschieren. Ein paar Stunden später wurde mir ein Telegramm überreicht. Es enthielt drei Worte: Komme sofort – Maurice. ›Mutter liegt also im Sterbens‹ flüsterte ich vor mich hin, und ich stand, vom Schreck gelähmt, da und sah im Geiste voraus, wie mich eine Krankenschwester zu ihr ins Zimmer führte und mir einen Stuhl ans Bett schob, sah, wie sich eine Hand aus dem Bett hervorstreckte, die ich umfaßt halten sollte, bis ich das Todesröcheln hörte und den ewigen Frieden auf ihren Zügen bemerkte.

Das war mein erstes Traumgesicht, aber während ich mit Packen beschäftigt war, kam mir der Gedanke, es könne noch tagelang mit Mutter dauern. Die liebe Freundin, die auf dem Kirchhof unter den Dünen begraben liegt, hatte wochenlang zu ringen; jeden Tag sahen ihr Mann und ihre Kinder sie vor ihren Augen sterben: warum sollte mich nicht ein gleiches Mißgeschick treffen? Ich weiß nicht, zu welchem Gotte, aber ich betete die ganze Nacht im Zug und an Bord des Schiffes. Es ist unmöglich – mir wenigstens –, in Worten die Seelenqual vollkommen zum Ausdruck zu bringen, die ich auf dieser Reise durchgemacht habe. Worte können sie nur andeuten, aber ich glaube, jeder, der irgend welche Lebenserfahrung besitzt oder mit Phantasie begabt ist, wird imstande sein, meine Angst zu ermessen – Angst wovor? Nicht so sehr davor, meine Mutter könne sterben; es war auch nicht die Hoffnung, sie werde am Leben bleiben, vielmehr die Angst, daß ich zur rechten Zeit ankommen und sie sterben sehn würde. Ich fürchte, dies Geständnis wird manchem lieblos und selbstsüchtig scheinen aus dem Grunde, weil es vielen Menschen an Einbildungskraft mangelt oder an der Muße, sich einmal darüber klar zu werden, daß es nicht nur verschiedene Grade, sondern auch verschiedene Arten des Gefühls gibt, und es ist fraglich, ob ein Leser der Wahrheit gemäß mehr behaupten kann als dies: daß meine Empfindungen mit den seinen nicht übereinstimmen. Es ist eine besondre Eigenschaft von mir, daß ich Gedanken, die ich nicht teile, sympathisch gegenüberstehe, und in gewissen Stimmungen fühle ich mich denen nahe, die an Sterbeworten, am Abschiednehmen und daran, die Toten noch einmal zu sehn, ein trauriges Vergnügen finden. In meiner jetzigen Stimmung will es mir dagegen scheinen, als sei es nicht unglaubhaft, daß mir das letzte Lebewohl meiner Mutter und ihr Tod in der Phantasie gräßlicher vorkamen, als es je in Wirklichkeit der Fall gewesen wäre. Fürwahr, es kann kaum einen Zweifel geben, daß dem so ist, denn die Vorgänge kommen uns nur halb zum Bewußtsein: die Wirklichkeit umwölkt, unsre Handlungen schwächen unser Wahrnehmungsvermögen ab; deutlich können wir nur sehn, wenn wir zurück oder vorwärts blicken. Die Wirklichkeit hat etwas sehr Barmherziges; sonst wären wir überhaupt nicht imstande zu leben.

Doch um auf die Fahrt zu kommen. Wie soll ich sie beschreiben? Das letzte Drittel muß am peinlichsten gewesen sein, so klar schwebt es mir noch vor – die merkwürdige Seelenqual, die ich empfand, als ich längst vergessene Gegenstände wiedererkannte – einen Baum oder einen Streifen Marschland. Die vertraute Gegend, die mir einen großen Teil meiner Kindheit zurückrief, trug meine Gedanken bald hierhin, bald dorthin. Sie streiften umher wie die Schwalben; gewiß waren die Vögel eben eingetroffen, und auf ihrer schnellen, elliptischen Flugbahn jagten sie an den Ufern des alten Kanals, darin das Unkraut wucherte, den Mücken nach. Der verwilderte Kanal, an dem der Zug entlang fuhr, versetzte mich an den Beginn meines Lebens, da ich am Wagenfenster stand und meine Eltern mit Fragen bestürmte nach dem Schicksal der Barken, die darauf schwammen. Das plötzliche Erwachen aus solchen Erinnerungen war furchtbar, der Anprall des Gedankens, daß ich gen Westen fuhr, um meine Mutter auf dem Sterbebett zu sehn, und daß sie nichts vom Tode, mich nichts von diesem Anblick retten könne. Vielleicht ist das Gefühl, mit einem Mal jeglicher Willenskraft beraubt zu sein, das allerschmerzlichste. Wie oft sagte ich mir: ›Nichts kann dich retten, wenn du nicht auf der nächsten Station aussteigst‹ und ich stellte mir vor, ich nähme einen Wagen und führe über Land. Aber wenn ich das täte, würde man mich für verrückt halten. ›Wir sind an ein Rad gebunden,‹ murmelte ich und sann darüber nach, wie zum Tode Verurteilte sich oft darüber Gedanken machen müssen, daß gerade sie zu solchem Geschick erkoren sind, und das Geheimnisvolle, das Rätselhafte all dessen muß wohl den größten Teil ihrer Leiden bilden.

Der Morgen war so schön, wie ich selten einen erlebt, und ich ertappte mich wiederholt dabei, wie ich nach einem malerischen Ausdruck suchte, ihn zu beschreiben. Es wollte mir vorkommen, als ließe sich die Erde einem Ei vergleichen, so warm sah sie unter dem weißen Himmel aus, und dieser war von einer Weichheit wie die Brustfedern der Taube. Dies plötzliche Geklapper des literarischen Skeletts erweckte in mir eine Empfindung, daß ich nicht übel Lust hatte, mir einen Tritt zu versetzen; leider hat die Natur vergessen, uns mit einem dritten Bein auszustatten, mit dem wir uns an unsern unkontrollierbaren Trieben rächen dürfen. Einen Augenblick darauf entdeckte ich mich in Gedanken versunken über die Unmöglichkeit, seine Sinne eine beträchtliche Spanne Zeit auf einen Gegenstand zu richten. Nach dieser Betrachtung kam ich wieder auf die Frage zurück, ob mir das Schicksal wirklich bestimmt habe, am Totenbett meiner Mutter zu wachen. Es war, als sollte ich an diesem Tag eine rein geistige Kraft werden, gewissermaßen ein Gedankensummen, und ich vermochte mich nur im Bilde einer Fliege zu sehn, die in einer Glasglocke herumkriecht. Ich hatte das Gefühl, ich gliche einer Fliege, die hinaufklettert, zurückfällt, summt und wieder von neuem beginnt. ›Niemals,‹ sprach ich zu mir selbst, ›bin ich mehr gewesen als eine Fliege, die in einer Glasglocke summt. Und, großer Gott, wer hat die Glasglocke geschaffen?‹ Wie oft legte ich mir diese Frage vor und die weitere, welchem Zwecke sie diene, und ob sie ewig bestehn solle.

In so reizbarer geistiger Verfassung wären Fragen eines dritten ganz unerträglich, und ich kauerte mich in die Ecke des Wagens, so oft mich ein Vorübergehender, wenn auch noch so unbestimmt, an irgend wen erinnerte, den ich je gekannt hatte; die geistige Spannung steigerte sich mit jedem Kilometer, denn immer vertrauter klangen mir die Namen der Stationen. Ich suchte mich darauf zu besinnen, wieviele wir noch vor uns hatten bis zur Ankunft in Claremorris, wo ich aussteigen mußte. Eine halbe Stunde später hielt der Zug, der Schaffner rief ›Ballyhaunis‹, die nächste mußte Claremorris sein. Und ich betrachtete jedes Feld, mit meinen Gedanken schon bei der langen Wagenfahrt: ich auf der einen Seite, der Kutscher auf der andern des Gespanns – eine zweistündige Fahrt, schweigend oder plaudernd verbracht – plaudernd, denn ich mußte ihm sagen, was mich hierher geführt ... Unter Umständen konnte er mir von meiner Mutter erzählen, falls die Nachricht von ihrer Krankheit schon bis Claremorris gedrungen war. In der Schenke, wo ich mir einen Wagen bestellte, zog ich Erkundigungen ein, aber es war nichts bekannt. Meine Mutter muß ganz plötzlich erkrankt sein – woran? Ich hatte nicht gehört, daß sie leidend sei, erinnere mich nicht, sie je unwohl gesehn zu haben. In diesem Augenblick gemahnten mich etliche Bäume daran, daß Ballyglaß ganz in der Nähe war, und meine Gedanken wanderten zu der langen Chaussee auf der andern Seite des Berges, und ich sah dort (denn sehn wir nicht oft Dinge im Geist ebenso deutlich, als ob sie vor uns ständen?) die beiden blaßgelben Ponys, ›Elfenbein‹ und ›Primel‹, die Mutter zu lenken pflegte, den Phaethon und mich selbst darin, ein kleines Kind im Kittelchen, dem vor allem daran lag, die Postkutsche vorüberfahren zu sehn. Das war ein herrlicher Anblick, wenn sie mit Postsäcken und Gepäck daherkam: der Kondukteur tutete ins Horn, die Pferde griffen prächtig aus, die langen Zügel wurden geschwenkt, und der Schwager lehnte den Kopf ein wenig zur Seite, damit ihm der Hut – ein grauer Kastorhut – nicht fortfliege. Das große Ereignis jener Zeit war der Tag, als wir uns nach Ballyglaß begaben, nicht um die Kutsche vorüberfahren zu sehn, sondern um sie zu besteigen, denn die Eisenbahn hielt damals in Athenry. Und an diesem Tage sah ich auch den Kanal und hörte zu meinem Erstaunen, daß man vor langer, langer Zeit – gewiß in der Jugend meines Vaters – auf einer Barke nach Dublin fuhr. Solche Erinnerungen lagen wie ein Alb auf mir, und als ich plötzlich erwachte, gewahrte ich, daß mich nur noch zwei und eine halbe Meile von meiner Mutter trennten. In einer weiteren halben Stunde sollte ich erfahren, ob sie noch am Leben oder schon tot war, und ich sah dem dahintrottenden Pferde mit Interesse zu oder vielmehr ohne das geringste Interesse – ich weiß selbst nicht mehr. In Gemütszuständen großer Spannung beobachtet man alles ... Was ich am besten im Gedächtnis hatte, tauchte mit mechanischer Regelmäßigkeit auf. Jetzt war es ein Wald, eine Weile später ein fremder Gutshof, alsdann eine Reihe Hütten, wieder ein Wald, eins meiner eignen Gartenhäuschen. Ein alter Holzsäger wohnte jetzt darin, der mir nach dem Rechten sieht; ich hoffte bloß, das Geräusch der Wagenräder werde ihn nicht herauslocken, denn es wäre mir peinlich gewesen, mit ihm zu sprechen. Die Kiefern in den Niederungen waren während der letzten dreißig Jahre ein wenig gewachsen, doch nicht viel. Wir kamen zur Brücke – ließen sie hinter uns – das Gartenhäuschen am Eingang, nun der Fahrweg – die Pflanzschule, die mir so wohl bekannt, die Fliederbüsche, der Goldregen – großer Gott! Wie entsetzlich war diese ganze Auferstehung! Nebel verhüllen die Berge unsern Blicken, die Gegenwart hüllt die Vergangenheit ein; aber zuzeiten ist die Gegenwart überhaupt nicht vorhanden, da hat sich jeder Nebel verzogen und die Vergangenheit tritt uns in ihrer Nacktheit entgegen, und darum vielleicht ist es mir so schmerzlich, nach Hause zurückzukehren. Die kleine Anhöhe da, wo der Fahrweg anfängt, ist nur eine kleine Anhöhe, aber mir ist sie weit mehr, so innig ist sie mit allen Schmerzen und allem Ungemach der Kindheit verquickt. Dieser ganze Park war mir einst ein Zauberland; jetzt ist er nur eine schale Wirklichkeit, ein Buch, das ich gelesen und an das ich bloß zu denken brauche, um mich zu ärgern, so gut kenn ich es. Da steht der Fliederstrauch! Um diese Jahreszeit pflegte ich vor dreißig Jahren mit meiner Mutter hinzugehn, und wenn wir heimkamen, hatten wir die Hände voll Blüten. Noch zwei Biegungen, dann hatten wir das Haus vor Augen! Solche Gefühle muß ein zum Tode Verurteilter haben. Ich bin davon überzeugt. Bei der letzten Anhöhe ließ der Kutscher das Pferd Schritt gehn, aber ich bat ihn dringend, nur zuzufahren, denn ich sah an den Stufen der Flurtür einige Bauern. Sie warteten gewiß auf Nachrichten oder hatten vielleicht welche. »Wir haben schlechte Nachrichten für Sie,« riefen sie in dem wehklagenden Tonfall, wie er im Westen Irlands zu finden ist.

›Gar nicht einmal so schlechte Nachrichten,‹ dachte ich; ›meine Mutter ist tot, aber mir ist der unnütze Schmerz erspart geblieben, die Seelenqual, die ich erduldet hätte, wenn ich zur rechten Zeit gekommen wäre.‹ Sinarosen wuchsen früher am Staket; nur ganz wenige Blüten waren noch übrig. Ich gewahrte ein paar einzelne, als ich die hohen Stufen hinaneilte, mit der Frage beschäftigt, warum ich nicht die Vergangenheit hinter mich schieben könne. Das war der Zeitpunkt, der Gegenwart zu leben – mehr denn je; aber niemals war sie mir ferner und die Vergangenheit klarer als in dem Augenblick, da ich die Flurtür öffnete und die mit grauen Steinen ausgelegte, grau und blau gestrichene Diele betrat. Hier hatten drei Generationen gespielt; dort in der Ecke hatte ich meinen ersten Kreisel gehn lassen und es immer wieder versucht, wobei ich eine Ausdauer an den Tag legte, die meinen Vater verblüffte. »Wenn er in andern Dingen eben so viel Ausdauer zeigt wie beim Kreiselspiel,« sagte er, »dann wird er's zu etwas bringen.« Gar manches liebe Mal hat er mich bei meinem Kreisel getroffen, wenn er auf dem Weg zu den Ställen, wo er seine geliebten Rennpferde besichtigen wollte, die Treppe herunterkam. Das da ist der Stuhl, auf den er Hut und Handschuhe zu legen pflegte. In jener Zeit trug man auf dem Lande einen Zylinder, und es war die Aufgabe seines Kammerdieners, ihm seine Hüte gut zu halten. Wie scharf mich der kleine alte Herr beobachtete, denn er nahm daran Anstoß, daß ich meinen Kreisel auf der Diele laufen ließ, weil er Angst hatte, ich könne den Stuhl umwerfen, darauf sein Zylinder stand; das kam auch bisweilen vor, und dann – o jemine!

Auf der Suche nach irgend jemand machte ich die Salontür auf. Da war meine Schwester; ich fand sie auf dem Sofa sitzen und um unsre Mutter weinen, die in der Frühe gestorben war. Wir sind so veranlagt, daß wir äußere Zeichen unsrer Empfindungen, zumal unsers Schmerzes, beanspruchen; wir zweifeln an seiner Echtheit, wenn er nicht von Seufzern und Tränen begleitet ist, und aus diesem Grunde waren mir wohl die Tränen meiner Schwester willkommen, denn – um der Wahrheit die Ehre zu geben – ich war über meine eigne Gefühllosigkeit ein wenig betroffen. Das war albern von mir, wußte ich doch aus Erfahrung, daß wir nicht unmittelbar nach der Katastrophe zu leiden anfangen. Alles will seine Zeit haben, Gram so gut wie körperlicher Schmerz. Doch in einem so furchtbaren Augenblick wie dem, den ich eben beschreibe, denkt man nicht nach, man kommt wieder auf die übliche Vorstellung zurück, daß Kummer und Tränen unzertrennlich sind wie Feuer und Rauch. Konnte ich nicht weinen, so war es doch gut, daß meine Schwester es vermochte, und ihre Tränen galten mir als ein der Güte unsrer Mutter entrichteter Tribut – einer Güte, die sich immer gleich blieb, denn sie war instinktiv. Ich bedauerte sogar, daß sich Nina die Augen trocknen mußte, um mir die traurigen Tatsachen zu erzählen: wann Mutter gestorben war, wie ihre Krankheit verlaufen und daß der Spezialarzt nicht zur rechten Zeit eingetroffen war. Ich erfuhr, daß ein Fehler gemacht worden sei – nicht als ob das von Belang gewesen, denn Mutter hätte ja doch nie zu einer Operation ihre Zustimmung gegeben.

Während ich ihr zuhörte, fiel mir unwillkürlich ein, wie wir uns von der teuren Frau unterhalten hatten, deren Begräbnis ich in der Erzählung ›Ein Gedenkblatt‹ beschrieben habe. Wir – ihre Töchter, ihr Sohn, ihr Mann und ich – sprachen von ihr, die oben im Sterben lag – wir waren sehr gerührt, mir wenigstens kam voll zum Bewußtsein, wie gern ich sie hatte, – und doch sprang die Unterhaltung plötzlich von ihr ab und auf gleichgültige Gegenstände über, oder aber der Diener trat herein und meldete, es sei angerichtet. Wie derartige Zwischenfälle unser Zartgefühl beleidigen! Sie scheinen das Leben herabzuziehn bis zu einem Grad, daß wir uns schämen zu leben und versucht sind, das Leben selbst als einen Schimpf aufzufassen.

Ich sah im Geiste voraus, daß dieselben Unterbrechungen, dieselben Abschweifungen sich bei uns einstellen würden in dem viereckigen georgischen Haus auf der Anhöhe mit der Aussicht auf einen langgewundenen See, die bei meinen Freunden in dem italienischen Haus an der Küste zwischen immergrünen Steineichen nicht ausgeblieben waren. Und ich brauchte nicht lange auf eine solche unglückliche Ablenkung zu warten. Meine Schwester mußte mich wissen lassen, wer bei uns im Haus wohnte: eine Tante, die Schwester meiner Mutter, war schon da, und ein Onkel, der Bruder meiner Mutter, wurde morgen erwartet. Man kann leicht ermessen, wie die bloße Erwähnung dieser Namen uns über das hinwegtäuschte, was den Inhalt unsers Denkens hätte bilden sollen. Und auch das Zimmer bot uns in Hülle und Fülle Zerstreuung: die ganze alte Einrichtung, die Farbe der Wände, mit einem Wort die Atmosphäre des Raumes versetzte mich in meine Kindheit zurück. Das Sofa, auf dem meine Schwester saß, war vor Jahren zusammengebrochen, und unwillkürlich entsann ich mich, wie es gekommen war; man hatte es dann in eine Rumpelkammer geschafft und später ausbessern lassen. Ich fragte mich, wer dies besorgt habe – Mutter höchst wahrscheinlich, sie sah nach allem.

Ich sagt es schon: ich hatte eine lange Reise hinter mir. Seit der vorigen Nacht hatte ich nichts gegessen. Meine Schwester riet zu einem Imbiß, und wir gingen ins Speisezimmer. Mitten während der Mahlzeit trat mein Bruder herein mit einer so feierlichen Miene, daß ich mir die Frage vorlegte, ob er den seiner Ansicht nach passenden Gesichtsausdruck eigens für diese Gelegenheit angenommen habe – ich meine, ob er den Ausdruck des Schmerzes, den er ganz natürlich zur Schau trug, unabsichtlich übertrieben hatte. Wir sind so veranlagt, daß das Wahre und das Falsche beständig ineinander übergreifen, und zwar in so feiner Weise, daß keine Analyse bestimmen kann, wo das eine aufhört und das andre anfängt. Ich dachte daran, wie die Verwandten und Bekannten am Beerdigungstage meiner Freundin in Sussex ankamen, jeder mit sehr ernstem Gesicht, und uns vielleicht in einer trivialen Unterhaltung störten; dann wurden wir sofort feierlich und sprachen ein paar Minuten liebevoll von der Entschlafenen. Bei der ersten Gelegenheit fingen wir aber wieder, mit einem Gefühl der Erleichterung, von gleichgültigen Dingen an; diese Komödie wiederholte sich, so oft ein neuer Leidtragender hereintrat.

Indem ich aus der Vergangenheit in die Gegenwart zurückkehrte, hörte ich meinem Bruder zu, der von dem Fehler sprach, der gemacht worden war: ein falscher Arzt sei gekommen infolge von – die Schuld wurde irgend jemand in die Schuhe geschoben, einerlei wem. Es war ein unerquickliches Thema, und man hätte es besser fallen lassen sollen, aber er wagte nicht, von etwas anderm als unsrer Mutter zu sprechen, und wir bemühten uns alle, die Unterhaltung so lange wie möglich fortzusetzen. Doch mein Bruder und ich hatten uns jahrelang nicht gesehn, er war nach langer Abwesenheit aus Indien heimgekehrt. Und auch meine Schwester hatte ich seit ihrer Verheiratung wohl nicht gesehn, und das war schon geraume Zeit her; sie hatte Kinder geboren, wir waren uns in reiferen Jahren noch nicht begegnet. Gar zu gerne hätten wir uns ausgefragt, Neuigkeiten voneinander vernommen und die Landschaft betrachtet, die wir seit Jahren nicht gesehn hatten – wenigstens nicht gemeinsam. Und ich erinnere mich, wie der weiche Sonnenschein, der auf dem Rasen spielte, uns aus dem Hause lockte. Der linde Tag voll zarter Nebelschleier und Sonnenschein, den ich seit dem frühen Morgen beobachtet, hatte sich nicht geändert, und der Abend unterschied sich kaum vom Morgen; nur die Luft wurde ein wenig reiner. Meine Mutter hatte sich zum Sterben sicher den schönsten Tag ausgesucht, den ich je erlebt, den wohligsten, weißesten, wollüstigsten, so reich an Liebe wie ein Mädchen, das auf dem Feldweg stehn bleibt und sich einen Hagedornzweig abpflückt.

Wie oft wunderte ich mich, gleich so manchem andern, im stillen, warum sich der Tod an einem so hochzeitlichen Tage ein Opfer geholt! Daß wir von der Natur erwarten, sie solle unsern Stimmungen entsprechend eine Feier rüsten, gehört noch zur alten Barbarei. Der Verstand sagt uns, daß die Natur sich nicht im mindesten um uns kümmert, daß unsre Leiden sie gar nichts angehn, aber unsre Triebe sehnen die Zeit herbei, als die Sonne stille stand und Engel am Werke waren. Es war uns ganz unmöglich, uns nicht darüber zu wundern, daß der schwarze Schatten des Todes auf einen so weißen, leuchtenden Tag gefallen war. Ich sage: uns, denn zweifellos sann mein Bruder auch über dieses merkwürdige Zusammentreffen nach, wiewohl er seine Gedanken nicht vor mir äußerte. Keiner getraut sich, solche Gedanken auszusprechen; sie bilden den törichten Inhalt unsres Wesens, den wir andern zu verbergen suchen, wobei wir nur vergessen, daß wir alle gleich sind.

Der Tag schritt langsam vom Nachmittag zum Abend vor wie eine Braut im weißen Schleier, deren Hände mit weißen Blüten angefüllt sind. Aber ein schwarzer Vogel, zierlich wie ein Kolibri, hatte sich auf einen Blumenstrauß gesetzt, und es war mir, als entschwände der Tag meinen Blicken vor dem finstern, schwarzen Fleck, der sich hereingedrängt hatte. Mir würde gewiß ein besseres Bild einfallen, wenn ich es mir angelegen sein ließe; aber das war meine Empfindung an dem Tage, als ich mit meinen Brüdern über den Rasen ging und mich schämte und doch den Drang verspürte, davon zu sprechen, was unser Leben in den Jahren der Trennung gewesen. Wie konnte man sich nur inmitten einer so zerstreuenden Umgebung von seinem Schmerz übermannen lassen! Alles, was ich sah, war mir alt und neu zugleich. Ich war plötzlich wieder mit meinen Geschwistern vereint, nachdem ich sie, wie ich schon erzählt habe, so viele Jahre nicht gesehn hatte. Seit unsrer Kindheit war dies unsre erste Begegnung, und wir waren in dem Hause versammelt, darin wir alle zur Welt gekommen. Der Efeu hatte die eine Seite des Hauses ganz überwachsen, der Goldregen war verschwunden, die Wälder hatten sich gelichtet – das war mir neu; doch den See, den ich, seitdem ich ein kleiner Junge war, nicht mehr gesehn, brauchte ich nicht anzuschaun, so gut kannte ich die Senkung jedes Ufers, die Lage jeder Insel. Meine ersten Erlebnisse hatte ich an dem langen gelben Strand. Ich brauchte den Kopf nicht umzuwenden und hinzusehn, denn ich wußte, daß Bäume die Aussicht versperrten, und ich kannte den Pfad, der sich durch die Wälder schlängelt. Der gelbe, mit Binsengrasbüscheln gesprenkelte Strand war mein erster Spielplatz. Doch als mein Bruder den Vorschlag machte hinzugehn, erfand ich eine Ausrede. Warum hingehn? Die Wirklichkeit mußte den Traum zerstören. Welche Wirklichkeit konnte sich mit meiner Erinnerung an die Kiefern messen, wo die Kaninchen ihre Löcher in die Erde gruben, an den Abzugsgraben, in dem wir nach Elritzen angelten, an den langen Strand, wenn sich der See im Sommer weit hinzog? Wie gut ich mich an den gelben Sand erinnere, der an manchen Stellen fest und eben war wie der Fußboden eines Tanzsaals! Das Wasser ist dort so seicht, daß unser Fräulein uns erlaubte, nach Herzenslust darin herumzuplantschen, hinter einem Uferläufer herzurennen. Der Vogel flog piepsend im Kreise herum, und wir dachten oft, wir hätten ihn verwundet; vielleicht tat er so, um uns von seinem Nest fortzulocken. Wir hielten es nicht für möglich, daß uns der See ein neues Bild zeigen werde, und doch lag er da, wie wir ihn noch nie gesehn hatten, so still, so sanft, so grau, wie eine weiße Musselin-Schärpe, die im Winde flattert, und zog an Insel und Landzunge vorbei. So tiefes Schweigen herrschte, daß man der Märchenbücher aus längst entschwundener Zeit gedachte mit ihren schlafenden Wäldern und verwunschenen Schlössern. Da lagen die Schlösser auf den Inseln im umnebelten Wasser, blaß wie Träume. Hin und wieder ließ ein Vogel von den Zweigen der hohen Lärchen ein durchdringendes Zirpen vernehmen, die Enten schwatzten im Schilfe, aber es klang nur wie ein leises Rauschen, kaum lauter als das Rascheln der Binsen, die jetzt im vollen Schmuck der Blätter dastanden. Alles war an diesem Tag wie verzaubert; die Schatten des Schilfes und der Insel schienen für ewige Zeiten festgebannt, wie in einem magischen Spiegel – einem Spiegel, den jemand angehaucht. Und wenn man dem Glucksen des Wassers an dem Kalkgerölle lauschte, schien man die Ewigkeit zu hören, die ihr trauriges, eintöniges Lied murmelte.

Der See krümmt sich landeinwärts und bildet eine liebliche, von Wäldern umgebene Bucht. Dort ist eine spitz auslaufende Sandbank, auf der etliche Fichten Wurzel gefaßt haben, und sie leben kümmerlich weiter, trotzdem der Sturm sie derb im Winter zaust. Am Ufer liegt reihenweise totes Ried drei Fuß hoch zwischen den Binsen; wäre es von Menschenhand hingelegt, es könnte nicht regelmäßiger wirken. Und dort ist eine alte Landstraße, auf der der Hagedorn aus einer zerfallenen Mauer wächst. Der Hügelabhang ist bepflanzt: schöne Buchen und Stechpalmen am einen Ende, am andern rasenbedeckte Lichtungen mit hohen Lärchen, die ihre quastengeschmückten Zweige in der Luft schwingen und kärglichen Schatten spenden. Sie waren das Wunder meiner Kindheit. Ein Pfad führt durch den Wald, und unter der zerzausten Fichte hat jemand eine Bank angebracht, einen roh behauenen Steinsitz, der von zwei senkrechten Steinen gestützt wird. Aus einem mir unbekannten Grunde erweckte diese Bank immer, selbst als ich noch ein Kind war, die Vorstellung einer Wallfahrtsbank. Vermutlich entsprang sie der Tatsache, daß meine Großmutter täglich das Grab am Rande des Waldes besuchte, wo ihr Gatte und ihre Söhne lagen, und wo sie selbst vor langer Zeit, als ich noch Kleidchen trug, beigesetzt wurde; zwanzig Jahre später wurde mein Vater dort bestattet.

Welch eine lückenlose Wiederkehr derselben Geschehnisse! Abermals wird ein Leichenwagen in ein paar Tagen kommen, vielleicht derselbe Leichenwagen, die Pferde über und über schwarz eingehüllt, daß sie lächerlich aussehn in den breiten Schabracken, der Kutscher nicht besser als ein Hanswurst, der unheilvolle Begräbnisoberbonze, der die andern mit einem Stab zurechtweist. Ein Trauergefolge von Verwandten und Bekannten wird sich anschließen, alle in Krepp und schwarzen Handschuhen, die meisten mit dem Gedanken beschäftigt, wie bald sie wieder an ihre Arbeit zurück können. Und diese Maskerade nennen wir Leichenbegängnis!

Aus Furcht vor dem Scheintod (eine sehr weit verbreitete Furcht) hatte meine Mutter angeordnet, ihre Beerdigung solle hinausgeschoben werden, bis eine natürliche Veränderung in dem Grundstoff ihres Körpers keine Zweifel mehr übrig lasse, daß das Leben daraus entwichen sei. Die Zeit zwischen ihrem Tod und ihrer Beisetzung verbrachte ich am Ufer des Sees. Das gleiche Wetter hielt mehrere Tage an, und es ist fast unmöglich, in Worten diese Schönheit auszudrücken: wie sich Insel und Schilf grau spiegelten, wie die matten, verschwimmenden Ufer den Blicken im Dunste der Sonne entglitten, welches Schweigen an den Ufern herrschte, eine Art verzaubertes Schweigen, das nur – ich sagt es schon – von dem leisen Glucksen des Wassers am Kalkgerölle unterbrochen wurde. Dann und wann ertönte das Lied des Vogels, und wieder war alles still ... ›Eine Stille, die aus dem Innersten der Natur dringt,‹ sprach ich für mich hin und blieb stehn, um zu lauschen, wie einer am Ende der Welt. In Gedanken versunken, schritt ich weiter durch das Schilf, die Grasbüschel und die Wacholdersträucher, die am verwilderten Ufer wuchsen bis zum Saume des Waldes. Ich, der aus der Großstadt kam, konnte nicht anders, ich mußte die Ausgestorbenheit des Landes bewundern; kaum je vernahm ich den Klang einer menschlichen Stimme, das Geräusch eines Schrittes. Nur einmal begegnete ich etlichen Holzsammlerinnen, armen Weibern, die Reisigbündel schleppten, von ihrer Last niedergebeugt. In dem Wahn, sie vielleicht zu kennen – sie waren offenbar aus dem Dorf; dann muß ich sie gekannt haben, als ich ein kleiner Junge war – wurde ich plötzlich von einer unerklärlichen Furcht oder Scheu befallen, die zweifellos dem Bewußtsein des ungeheuren Unterschieds entsprang, den die Zeit an uns vollzogen: sie waren dieselben, ich ein andrer. Die Bücher, die ich studiert, und die Bilder, die ich gesehn, hatten mich ihnen entfremdet, den schlichten Menschenkindern; und der Gedanke an die Ungerechtigkeit irdischer Schicksalsfügung machte es mir zur Qual, ihnen in die Augen zu blicken. Ich war daher froh, hinter einigen Büschen vorübergehn und in den Wald entfliehn zu können, ohne daß sie mich bemerkten.

Und ich kam zu freundlichen Lichtungen, noch freundlicheren, als ich sie im Gedächtnis bewahrte, und legte mich nieder; denn hatte der Mai auch erst begonnen, das Gras war lang und warm und schon für die Sense reif, die mit Quasten behangenen Zweige der schlanken Lärchen schwangen sanft, von einem köstlichen Lufthauch bewegt, und mir fielen die Worte eines altirischen Dichters ein: ›Der Wald glich einer Harfe in der Hand des Harfners‹. Die Äste anzusehn, ihnen zu lauschen, dünkte mich ein reichliches Entzücken, und ich bewunderte den niedrigen Himmel mit seinen Wolken gleich Wattebäuschen und die weiße Blume, die an den kleinen Blättern der Hecke zu schimmern begann. Der Weißdorn war es wohl, der mit einem Mal den Gedanken an das geliebte Mädchen, das ich für immer und ewig verloren, wieder in mir erweckte. Durch den Tod meiner Mutter hatte sich die Wunde ein wenig geschlossen, aber in einem Augenblick brach mein Schmerz aufs neue hervor, die Wunde klaffte wieder, und es war unmöglich, das Blut zu stillen.

Ein Mann kann nicht gleichzeitig zwei Frauen beklagen. Erst vor einem Monat war das schönste Wesen, das je in mein Leben eingegriffen, eine Idee, die zu verfolgen, wie ich von Anfang an wußte, mir das Schicksal bestimmt hatte, vor mir erschienen, war eine Weile bei mir geblieben und von dannen gezogen. Alle die einseitigen Liebesabenteuer meiner Jugend schienen endlich in einer Leidenschaft zum Ausdruck zu kommen, die keine Unbeständigkeit kannte. Wer erklärt das Geheimnis der Liebe, über die die Zeit nichts vermag? Schicksalsbestimmung ist das einzige Wort, das einen Begriff davon gibt; denn was hilft es zu sagen, daß ihr Haar blond und dicht, ihre Augen blaugrau waren? Ich hatte viele Frauen vor ihr gekannt, viele hatten so schönes Haar und so tiefe Augen wie sie, aber keine andre besaß die unentbehrliche Fähigkeit, ein Gefühl stärkerer Lebenskraft durch ihre Gegenwart in mir hervorzurufen. Diesen volleren Lebensklang suchen wir immer, und vielleicht müssen wir ihn verlieren, um ihn zu behalten. An solchem Tage, unter den schwingenden Zweigen der Lärchen, mußte mich der weiße See, der sich mit seinen flachen Ufern in so herrlichen Biegungen erging, an ihren Körper erinnern, seine tiefen Rätsel gemahnten mich an das Mysterium ihrer Person; doch die schwermütigen Konturen der Berge, die sich am südlichen Himmel entlangkräuselten, hatten gar nichts mit ihr gemein. Man vergißt die Unähnlichkeiten, möchte nur die Ähnlichkeiten festhalten ... Und da ich an sie denke, umnebeln sich meine Sinne, eine Art Wahnwitz kriecht hinter den Augen herauf – was für eine köstliche Verzweiflung ist das: nie wieder soll ich dies wunderbare Wesen besitzen, süß duftend wie die Maienzeit, nie wieder das zierliche, ovale Gesicht in meinen Händen halten und nicht mehr in ihre schönen Augen blicken, all der traute Zauber ihrer Person ist jetzt nur eine Erinnerung, die sich nie wieder durch die leibhaftige Gegenwart auffrischen läßt. In solchen Augenblicken leidenschaftlichen Gedenkens fühlt man wahrhaften Schmerz, eine Seelenqual, die nie verkörpert worden ist, außer vielleicht in der Niobe; selbst die krampfhafte Zusammenziehung ihres Gesichts drückt mehr Verzweiflung als Gram aus. Und der Gram um dieses Mädchen war daran schuld, daß ich meine Mutter nicht so betrauerte, wie ich gerne gewollt, wie sie es verdient hätte; denn sie war eine gute Frau, ihre Vorzüge erstrahlten mit den Jahren in immer bewundernswerterem Lichte. Hätte ich bei ihr gelebt, wäre ich in den letzten Jahren ihres Lebens um sie gewesen, so hätte mich ihr Tod wie ein persönlicher Verlust betroffen, ich hätte sie an ihrem Sterbetag betrauert, wie ich es jetzt tue: von ganzem Herzen. Wenn ich jetzt abends allein bin, wenn die Asche verglimmt, stiehlt sich ihre holde Gegenwart zu mir herein, und es kommt mir zum Bewußtsein, was ich durch ihren Verlust verloren habe.

Wir trauern nicht um die Toten, weil sie der Freuden dieses Lebens beraubt worden sind (wenn dieses Leben eine Freude ist), sondern um unsern eignen Verlust. Wer möchte einen solchen Egoismus schelten? Er ist das Beste, was wir haben, unser wahres Selbst. Wie würde sich eine Geliebte schämen, wollte ihr Freund zu ihr sagen, er liebe sie, weil sie geliebt zu werden wünsche, weil er glaube, daß sie Vergnügen daran finde, geliebt zu werden! Sie würde ihn hassen ob eines solchen Altruismus und für unwürdig halten. Gewiß würde sie so denken und eine Zeitlang ihr Gesicht von ihm abwenden, bis ein brünstiges Verlangen sie ihm zurückgäbe. Wir denken immer an uns, direkt oder indirekt. Ich dachte an mich, als ich vor Scham nicht mit den armen Holzsammlerinnen sprach; sie hatten durchaus nicht die Ungerechtigkeit empfunden, daß sie bei ihrer Feldarbeit bleiben mußten, während ich in die Welt gezogen war, das Leben zu genießen; es hätte sie gefreut, mich wiederzusehn, und ein paar höfliche Worte hätten ihnen die Bürde aus ihrem Rücken erleichtert. Von einer plötzlichen Ideenassoziation darauf zurückgebracht, begann ich zu grübeln, daß schmähliche Ungerechtigkeit unzweifelhaft ein Teil unsers Erdenloses ist, denn leidenschaftlich können wir nur dem Zufälligen nachtrauern oder dem, was wir für rein zufällig halten, vielleicht weil uns die letzten Ursachen verborgen sind. Dabei denke ich an sie, die unvermittelt in unser Leben tritt und uns durch Farbe, so wandelbar wie die einer Blume, in Versuchung führt, uns lockt durch Licht, so flüchtig wie das Licht, das die Flügel einer Taube verbreiten. Warum, fragte ich mich, als ich unter den Lärchen lag, trauern wir vergänglichen Wonnen so heftig nach, warum ergreifen sie vollständiger von uns Besitz als der Schmerz, den wir um sie empfinden, die die Wehen der Geburt erduldet, die uns vielleicht an ihrer Brust genährt, die sich uns aufopfernd alle Zeit gewidmet hat und die im Laufe der Jahre immer gütiger, immer selbstloser geworden ist? Der Ungerechtigkeit vermögen wir nicht zu entrinnen, nun und nimmer. Wir können uns höchstens, ja wir müssen uns mit der Tatsache abfinden, daß der einzige Schmerz, den wir alten Menschen in unserm Herzen weihen, eine Art linder Schmerz ist, wie das Jahr ihn unsern Sinnen im Herbst spendet, wenn wir heimkommen, die Hände voll schöner Dahlien, wie die Holländer sie mit Vorliebe gemalt haben, Dahlien mit rötlichen wilden Weinranken zusammengebunden; wir gehn nach Hause auf den sonnigen Wegen, über die sich die gelben Buchen so ergreifend neigen, und es tut uns leid um das Jahr, aber wir sind nicht in tiefster Seele betrübt, unsre Herzen brechen nicht. Und dann können wir auch nicht trauern, wie es die Sitte erheischt – in absonderlicher Kleidung; der Umstand allein, daß wir Krepp und schwarze Handschuhe tragen, entfremdet uns unserm wahren Selbst. Wir sind nicht mehr wir selbst, sind Gaukler, die in einem Mummenschanz mitspielen. Ich hätte meine Mutter ohne Flor besser betrauern können. »Nie hat man etwas Abscheulicheres erfunden als das moderne Leichenbegängnis!« rief ich aus. Das Bild des Totenwagens und der Leidtragenden stieg vor meinem Geiste auf. Just in diesem Augenblick fing der Vogel wieder zu singen an, gerade über meinem Kopf in den Lärchen – ein häßliches, schrilles Singen, etwa ein Dutzend Noten, die beiden letzten betont, eine dumme, langweilige Phrase ohne jede Abwechslung. »Was mag das für ein Vogel sein,« rief ich, »der mich in meinen Träumen stört?« Ich erhob mich und versuchte, ihn im Geäst des Baumes, unter dem ich gelegen hatte, zu entdecken. Da tönte es von einem andern, etwas entfernteren Baume herüber und dann wieder von einem andern. Ich folgte dem Vogel, der mich um den Wald führte auf die Anhöhe zu bis an den Fuß der Stufen, zweier kurzen Treppenarme; die zweite Treppe oder wenigstens ein Teil von ihr muß abgenommen werden, wenn die Gruft geöffnet wird. Sie besteht gewiß aus einem einzigen Raume mit Gefächern auf beiden Längsseiten. Nicht viele treibt die Neugier in ein Grab, das erst hundert Jahre alt ist. Auf der Gruft steht ein Monument, ein ganz einfaches, eine Art Tafel, die hineingebaut ist, und als mein Vater beerdigt wurde, kletterte ein Priester hinauf oder wurde von der Menge hinaufgehoben und hielt oben eine Leichenrede.

An diesem Tage waren die Buchsbaum-Rabatten und sämtliche Blumen auf den Beeten zerstampft. Meine Mutter wollte vielleicht nichts von Blumen wissen, oder sie hat nicht lange genug hier gelebt, um dafür zu sorgen, daß diese Gartenanlage ordentlich gepflegt werde; schon seit Jahren waren keine Kinder mehr da, die ihren Spaziergang hierher machten, und man hielt es für ausreichend, die Umfassungsmauer so weit im Stande zu erhalten, daß das Vieh nicht hereinkonnte. Hier hat man keine Bäume gefällt, als die Wälder gelichtet wurden, und die Fichten und Eiben sind so dicht geworden, daß der ganze Platz überschattet ist; selbst um Mittag wird das Grabesdunkel nie von der Sonne durchbrochen. Hinter der Gruft, in dem dort gelegenen Walde, stehn alte Grabsteine heraus, obgleich die Erde sie schon fast verschlungen hat; nur ein paar Zoll ragen noch über das welke Laub empor. Dieser Hügelhang muß ehedem, vor Hunderten von Jahren, ein Friedhof gewesen sein, und ich habe diesen alten Friedhof nie vergessen, hauptsächlich infolge eines Erlebnisses, das in meine Kindheit zurückreicht. Der geheimnisvolle Wald wirkte besonders stark auf meine Neugier, aber ich war zu bange, über die niedrige Mauer zu klettern, bis ich eines Tages von meiner Gouvernante, die am Grabe betete, fortging und ein Loch in der Mauer entdeckte, durch das ich hindurchsteigen konnte. Meine Streifzüge nahmen ein jähes Ende durch die Erscheinung oder die eingebildete Erscheinung einer Gestalt in braunem Gewande – ich dachte, es müsse eine Frau sein; sie schien über den Boden zu schweben, und ich lief zurück, wobei ich hinfiel und, als ich in der Eile durch das Loch entwischen wollte, mich ernstlich am Kopf verletzte. Ich hatte solche Angst, daß ich der Gouvernante nichts von meiner Verletzung sagte, wohl aber von der Gestalt, die ich gesehn, und ich bat sie flehentlich, mit mir zurückzugehn; doch sie wollte nicht, und das hat großen Eindruck auf mich gemacht. ›Wenn sie nicht glaubte, daß jemand da wäre, käme sie mit,‹ dachte ich, und die Furcht hat noch lange vorgehalten. Ich habe sie immer wieder gebeten, den freien Platz zwischen dem Grab und den letzten Ausläufern des Waldes nicht zu überschreiten.

Wir können in der Phantasie ein Gefühl, das wir gehabt haben, wiedererleben. All das, was ich als Kind empfunden vor den geheimnisvollen Höhlungen im Buchenwalde hinter der Gruft und dem alten Grabstein im Angesicht der Gestalt im braunen Mantel, konnte ich wiedererleben, aber der Wald regte mich nicht zu neuen Gedanken an. Alles schien ganz alltäglich. Die Stufen, die zur Gruft führten, die Gruft selbst, die Umfassungsmauer und der verzauberte Wald waren mir jetzt nur eine gewöhnliche Anlage. Ein paar alte Steine blinkten durch die Blätter – sonst nichts. Und doch hören die Wunder nie auf. In der Jugend hält man die äußere Welt für wunderbar, später dünkt uns unser Innenleben erstaunlich, und jetzt kam es mir wunderbar vor, daß ich mich so verändert haben sollte. Die Erscheinung des Geistes mag man meiner Einbildungskraft zuschreiben, aber wie will man den Gefühlswechsel gegenüber dem Walde erklären? War sein geheimnisvoller Zauber auch ein Traum, ein Hirngespinst? Was ist nun richtig: entkleiden wir mit zunehmender Erfahrung die Erde ihres Mysteriums oder verändern wir uns so, daß die flüchtigen Emanationen, die uns plötzlich zum Bewußtsein kamen und manchmal körperliche Gestalt annahmen, zwar noch vorhanden sind, unsre Augen aber sie nicht mehr zu gewahren vermögen? Kann es sich nicht so verhalten? Denn in dem Maße, wie sich ein Sinn schärft, stumpft ein andrer ab. Der Mystiker, der in einer Höhle am Hügelhang lebt und mehr ewigen als ephemeren Fragen nachgrübelt, erhält, ganz wie das Kind, Einblicke in ein Leben, das außerhalb unsers Lebens steht. Oder glauben wir das nur, weil der Mensch sich nicht damit abfinden kann, wie eine Pflanze zu sterben? Und mit dem Gedanken beschäftigt, ob mir einmal ein Einblick in ein andres Leben vergönnt war, als meine Sinne noch feiner ausgebildet waren, stieg ich den Hügel hinab. Der Vogel – wahrscheinlich ein Buchfink – wiederholte seinen abwechslungslosen Schrei. Unten streckte ich mich in den Schatten der Lärchen und suchte mir einzureden, daß ich mich nicht der Hoffnung hingegeben hatte, die braune Dame zu sehn (sofern es eine Dame war, die mir erschienen), wie sie sich über die Grabsteine des alten Kirchhofs beugte.

 

Eines Tages tönte das Geräusch einer Mauerkelle durch das Schweigen der Wälder. Als ich mich bei einem vorübergehenden Arbeiter – dem Mörtelträger vermutlich – erkundigte, erfuhr ich, man habe beim Öffnen der Gruft entdeckt, daß für keinen Sarg mehr Platz sei. Es sei aber nicht nötig, die Gruft zu vergrößern, meinte er; zwei weitere Fächer, das sei alles, was man auf Jahre hinaus brauche. Seine Worte waren nicht mißzuverstehn: wenn noch zwei Fächer hinzukamen, dann hatten meine Brüder, ich und meine Schwester Platz, aber die nächste Generation mußte eine weitere Aushöhlung des Hügels vornehmen lassen oder sich nach einer neuen Begräbnisstätte umsehn. Wie er so vor mir stand, betrachtete ich einen Moment den hübschen jungen Menschen, dessen Augen blaß waren wie die Landschaft, und der Gedanke zog mir durch den Sinn, ob er von mir zu hören erwarte, wie ich mich freue, daß die Sache so einfach zu machen sei ... Das Geräusch der Mauerkelle ging mir auf die Nerven, und da mich der Wald nun eine ungeeignete Stätte zum Nachsinnen dünkte, wanderte ich um das Ufer bis zum alten Bootshaus. Wie kam es nur, daß die Worte eines schlichten Bauers einen so seltsamen Gefühlsumschwung in mir bewirkt hatten? Zweifellos, die Heftigkeit, mit der mir die Tatsache klar wurde, daß wir samt und sonders nie weit vom Tode sind, erweckte den Anschein, als ob ich zum ersten Mal über diese Frage nachdachte. Sobald wir die Jahre der Reflexion erreichen, kommt uns der Gedanke an den Tod nicht mehr lange aus dem Sinn. Es ist ein Thema, mit dem wir uns stets befassen. Wenn wir zu Bett gehn, denken wir, daß wieder ein Tag verstrichen ist, daß wir wieder einen Tag dem Grabe näher sind. Ein beliebiger Vorfall genügt, uns an den Tod zu mahnen. An diesem selben Morgen hatte ich zwei alte Brummer in der Ecke einer Fensterscheibe aneinander gedrängt gesehn; sofort fiel mir ein, daß allen Wesen eine Lebensgrenze gesetzt ist: ein paar Monate dem Brummer, mir ein paar Jährchen. Man vergißt, welche Ansichten man vor zwanzig Jahren hatte, aber ich neige zu der Annahme, daß selbst die Jugend sehr oft über den Tod nachsinnt. Es muß so sein, denn in allen ihren Büchern stehn Gedichte auf die Wandelbarkeit der Dinge, und wenn wir älter werden, will es scheinen, als dächten wir immer mehr über diese eine Frage nach. Ist die ganze moderne Literatur etwas andres als eine Woge der Wehklage, daß wir nur Blasen auf einem Strome sind? Ich glaubte, über diesen alten Gegenstand ließe sich nichts mehr sagen, was mich aus dem Gleichgewicht bringen könne, aber der junge Mensch aus Derryanny hatte mir den Gedanken, der uns von Kindesbeinen bis ins hohe Alter folgt, näher gelegt, als es die Literatur vermocht hätte. Er hatte alle Dichter überflügelt, nicht durch einen Ausdruck, es war mehr seine geistige Haltung gegenüber dem Tode (meinem Tode), die mich aufgeschreckt hatte, und als ich am Ufer entlang ging, suchte ich mir seine Worte zurückzurufen. Sie waren ganz einfach, ohne Frage, so einfach, daß ich mich nicht an sie erinnern konnte, nur daran: daß er mich darauf hingewiesen, daß Michael Malia (so hieß der Maurer) mich, seitdem ich ein kleiner Junge, gekannt hatte. Ich weiß nicht, wie er es herausbrachte; ich wäre nicht imstande gewesen, die Idee auszudrücken, aber ohne seine Worte zu wählen, ohne auf sie zu achten, indem er unbewußt sprach, ganz so wie er atmete, hatte er zu mir gesagt, wenn mein Herz an einer besondern Stelle hänge, brauche ich es nur Michael Malia zu sagen, der werde sie mir reservieren. Ein geeigneter Platz für mich fände sich gerade über meinem Großvater, wenn sie das neue Gefach angebracht hatten; wir wären doch beide Schriftsteller, habe er gehört. Dieser Junge vom Lande hat mich gepackt wie vielleicht nie ein Dichter! Ich werde ihn nie vergessen, wie ich ihn in seiner Tumbheit durch den grünen Wald davongehn sah mit seinem Lehmkübel auf dem Rücken.

Und ich setzte mich hin, daß ich den ruhigen See vor mir hatte, und sprach: »In zwanzig oder dreißig Jahren komme ich sicher zu den andern in die greuliche Gruft. Es gibt keine Rettung.« Und abermals glitt die Gegenwart von mir ab, und mein Kopf wurde wieder durchsichtig wie Glas. Das Heute kommt uns nur teilweise zum Bewußtsein; wär es anders, wir vermöchten nicht zu leben. All das hab ich schon gesagt. Ich sah mich wieder im Bilde einer Fliege, die eine Glasscheibe erklimmt, zurückfällt, summt und aufs neue in die Höhe kriecht. Jeder Ausweg, auf den ich verfiel, erwies sich als illusorisch, jeder führte zu dem gleichen Schluß, daß die Toten machtlos sind. »Die Lebenden fangen mit uns an, was ihnen beliebt,« murmelte ich vor mich hin, und ich dachte an alle meine katholischen Verwandten, die sämtlich an die Vermittlung der Priester und das Weihwasser glauben, an die unbefleckte Empfängnis, an den Sündenerlaß durch den Papst und an eine Menge andrer Dinge, aus die ich mich nicht besinnen konnte, so groß war meine Seelenangst bei dem Gedanken, mein armer heidnischer Leib solle hilflos ihren frommen Händen ausgeliefert werden. Ich stellte mir ihre Gesichter vor, konnte ihre Stimmen hören – die meines lieben Bruders, der mir immer mehr als ein verirrter Kardinal denn als ein Oberst gelten wird, konnte seine blassen Augen sehn, die sich bei dem Gedanken an die Fürsprache der Jungfrau feuchteten – einen Katholiken erkennt man stets an den Augen, genau wie den Schwindsüchtigen. Der gebuchtete See, die blassen Berge, die flachen Ufer, der Sonnenschein und der Dunst taten das ihre, meinen Schrecken zu vermehren; das Land sah in diesem Augenblick durch und durch katholisch aus. Meine Gedanken schweiften ab, und ich suchte zu ergründen, ob sich das Äußere eines Landes nach den Ideen seiner Bewohner modelt. »Wie ist es möglich, sich vor der Familiengruft zu retten?« rief ich plötzlich aus. Michael Malias Mörtelträger hatte gesagt, sie würden mich gerade über meinen Großvater legen, und mein Großvater war Schriftsteller, Historiker, seine Geschichtsbücher hatte ich freilich nicht gelesen. Inmitten des Entsetzens, das mir meine mutmaßliche Bestattung verursachte, sagte ich mir, was mich einigermaßen erheiterte, daß ich den alten Herrn, dessen Porträt im Speisezimmer hing, gern unter den Lesern meiner Romane gewußt hätte. Wahrscheinlich verlangte er dann als Gegenleistung von mir, daß ich seine historischen Werke läse, und ich sann darüber nach, was der Verfasser einer (noch unveröffentlichten) Geschichte der französischen Revolution zu ›Esther Waters‹ sagen werde. Der schokoladenfarbige Rock, den er auf dem Bilde anhat, prägte sich mir ein, und ich verglich ihn mit dem braunen Gewand der Erscheinung, die mir im Wald entgegengetreten. Allmächtiger Himmel, wenn ich seinen Geist gesehn hätte!

Und während ich dem Gurgeln des Wassers lauschte, malte ich mir eine grausige Unterredung in der Familiengruft aus. Unser Dialog war mir ganz gegenwärtig, seine Worte und meine Worte. »Großer Gott!« rief ich, »es muß etwas zu meiner Rettung geschehn.« Und meine Augen blickten angestrengt über den See nach der Insel hin, auf der ein Walliser ein Schloß gebaut hatte. Ich sah alle Wälder, die bis an den Rand des Wassers reichten, und die Wälder, die ich nicht mit dem leiblichen Auge sehn konnte, sah ich mit dem geistigen; sämtliche Lärchen, die an den Hügelhängen wuchsen, tauchten plötzlich vor mir auf, und ich dachte, was für ein herrlicher Scheiterhaufen sich daraus aufschichten lasse. In den letzten dreißig Jahren waren keine Bäume gefällt worden; ich hatte vielleicht noch dreißig Jahre zu leben – was für herrliches Brennholz wäre dann für meinen Scheiterhaufen da, einen Scheiterhaufen, fünfzig Fuß hoch, mit wohlriechenden Ölen getränkt, und ich obenauf mit all meinen Werken (sie gäben ein feines Kopfkissen ab). Den Helden der Sage pflegte man ihre Waffen an die Seite zu legen; ihre Pferde wurden geschlachtet, damit deren Geister frei würden, ihnen in den Schattenreichen zu dienen, die sie hinfort bewohnten. Mein Scheiterhaufen sollte auf dem vor mir liegenden Eiland errichtet werden, meilenweit würde man seine Flammen sehn, der See würde von ihm erleuchtet werden, und mein Leib sollte gewissermaßen ein Freudenfeuer werden – das Fanal der heidnischen Zukunft, die dem alten Irland bevorsteht! Und auch die Kosten einer solchen Bestattung würden nicht gar zu sehr ins Maßlose gehn – vielleicht ein paar hundert Pfund, die Ausgaben für tausend Lärchen, etliche Fässer wohlriechenden Öls und den großen Festschmaus, denn während ich schmorte, sollte mein Trauergefolge Schmorbraten essen, Wein trinken und helle Kleider tragen – die Männer so gut wie die Frauen; und die heiterste Musik sollte gespielt werden. Figaros Hochzeit und einiges aus Offenbach würde meinem Geist gefallen; auch der Walkürenritt wäre eine geeignete Pièce! Doch ich schüttle da ein Programm aus dem Ärmel, und das ist ein Punkt, der sorgsame Überlegung erheischt. Es wäre etwas Großes, wenn ein solches Leichenbegängnis – ich hasse das Wort –, eine solche Verbrennung in die Wege geleitet werden könnte, und es ist kein Grund vorhanden, warum sie nicht stattfinden solle, es sei denn, das Gesetz verböte die öffentliche Verbrennung eines Menschenleibes. Bei diesem Punkt umwölkte sich mein Gesicht und auch meine Seele; ich wurde schwermütig wie der See, wie die Berge am südlichen Ufer, die sich wehklagend wie eine irische Melodie am Himmel entlang kräuselten, denn die Verbrennung, die ich mir so glänzend ausgeträumt, durfte unter Umständen nie vor sich gehn. Ich mußte vielleicht zu dem staatlichen Krematorium in England meine Zuflucht nehmen – in Irland gibt's kein Krematorium –, Irland glaubt noch steif und fest an die Auferstehung des Leibes. »Eh ich eine Entscheidung über meine eigne Bestattung treffe,« sagte ich mir, »muß ich mich erkundigen, was für Beerdigungsfreiheiten das moderne Gesetzbuch und die christliche Moral dem Bürger einräumen«; doch vor meiner Rückkehr nach Dublin war ich nicht in der Lage, mir darüber Klarheit zu verschaffen.

Am Ufer des lieblichen Lough Cara begann ich nun, mir meine Unterredung mit dem alten Familienanwalt auszudenken, einem weißhaarigen Mann voller Vorurteile wie der König in einer gewissen Art romantischer Theaterstücke, einem frommen Katholiken, der sicher von meinem Heidentum sehr wenig begriff; aber ich würde ihn vor die fein zugespitzte Alternative stellen, ob er sich eines so wenig geschäftsmäßigen Verhaltens schuldig machen wolle, mir seine Hilfe bei der Aussetzung eines Testamentes aus theologischen Gründen zu versagen, oder ob er seinem Gewissen Gewalt antun wolle, indem er einen Mitmenschen über seinen Leichnam verfügen lasse in einer Weise, die dem Allmächtigen viel Kopfzerbrechen verursachen sollte, die Auferstehung des Leibes im Tale Josaphat zuwege zu bringen. Die Verlegenheit des Familienanwalts würde mir Spaß machen; weigerte er sich, meinen letzten Willen abzufassen, so gab es eine Menge andrer Anwälte, die nicht zauderten, mein Testament ganz nach meinem Wunsche aufzusetzen. Um mich gegen die Bestattung meines Leichnams zu sichern, hatte ich vor, mein gesamtes Hab und Gut, Grundbesitz, Geld, Bilder und Möbel meinem Bruder, Oberst Maurice Moore, zu hinterlassen unter der Bedingung, daß ich verbrannt und über meine Asche unabhängig von den demütigenden christlichen Riten verfügt würde; falls die an die Erbschaft geknüpften Bedingungen besagtem Oberst Maurice Moore so gegen den Strich gingen, daß er es nicht über sich gewinnen könne, dafür zu sorgen, daß die Verfügung über meinen Leichnam meinen Wünschen gemäß ausgeführt werde, solle mein Hab und Gut, Grundbesitz, Geld, Bilder und Möbel an meinen Bruder Augustus Moore fallen; wenn er sich weigerte, meine Wünsche in betreff der Verfügung über meine irdischen Überreste zu erfüllen, solle mein gesamtes Eigentum an meinen Bruder Julian Moore fallen; wenn er es ablehnte, meine Wünsche in betreff der Verfügung über meine irdischen Überreste zu erfüllen, solle besagtes Eigentum voll und ganz meinem Freunde, Sir William Eden, zufallen, dem es meiner Überzeugung nach ein trauriges Vergnügen sein werde, die Wünsche seines alten Freundes zu vollstrecken. Ein auf dieser Grundlage entworfenes Testament würde mich vor jeder Möglichkeit schützen, mit meinen Ahnen in Kiltoon begraben zu werden. Während der beiden folgenden Tage grübelte ich noch über meine Verbrennung nach. Mein Bruder konnte denken, daß ihm beträchtliche Kosten daraus erwüchsen, aber er würde mich deshalb nicht im Stiche lassen. Er hatte mir beim Tode unsrer Mutter die unangenehme Aufgabe abgenommen, mich mit den Begräbnisbesorgern abzugeben und Anstalten für die Zelebrierung der Messen zu treffen und dergleichen – Anstalten, die meinen höchsten Unwillen erregten; ich hatte daher reichlich Zeit, über die Einzelheiten meiner Verbrennung nachzudenken, und der Gedanke machte mich glücklich, daß ich dem Schimpf einer christlichen Beerdigung entronnen war. Bis vor zwei Tagen hatte ich diesen Schimpf in seiner ganzen Größe nicht erkannt, obwohl ich von jeher üble Vermutungen hegte. Die Furcht vor Kiltoon hatte fraglos den Todesgedanken erweckt, von dem ich mich in letzter Zeit, schien es, nicht mehr frei machen konnte. Ich bin von romantischem Temperament, und es wäre wirklich schade, auf die Verbrennung, die ich mir ausgemalt, zu verzichten. Ich schwelgte in meiner Vision, wie man die Lärchen am Hügelhang fällt und den Scheiterhaufen in der Nähe des alten Schlosses errichtet. Er sollte noch viel höher werden, mindestens fünfzig Fuß hoch. Ich sah ihn im Geiste aufflammen, und wenn er halb heruntergebrannt war, mußten die Leidtragenden auf die Boote flüchten, so unerträglich wurde die Hitze. Welch ein glänzendes Schauspiel! Nie hat ein Mensch eine herrlichere Bestattung ausgedacht. Es wäre ein Jammer, wenn mir das Gesetz meinen Plan vereitelte. Aber es hatte keinen Zweck, sich in die Hoffnung einzuwiegen, daß es anders sein werde. Es gab ein Gesetz gegen die Verbrennung menschlicher Leichen; dann mußte ich eben auf das staatliche Krematorium zurückkommen. Mir blieben nur noch die Anordnungen übrig, was mit der Asche geschehn solle.

In einem Augenblick glücklicher Eingebung faßte ich den Gedanken, daß eine griechische Urne das einzig passende Behältnis für meine Asche sei. Ich ließ sämtliche griechischen Vasen, die ich je gesehn, Revue passieren. Sie sind alle schön, selbst die römisch-griechischen; diese sind freilich manchmal plump und schwerfällig, aber die Bildhauerarbeit ist ebenso fein entworfen wie ausgeführt. Irgend eine griechische Vase würde mir genügen, vorausgesetzt natürlich, daß das Relief einen Bacchantenzug darstellte, und damit sind sie fast alle geschmückt. Der Kauf der Vase kam als weitere Ausgabe hinzu; sicherlich jagte ich meinen Bruder damit in gehörige Unkosten, denn es wird immer schwerer, griechische Originalskulpturen zu erstehn. In einem Anfall posthumer Sparsamkeit verfiel ich auf eine griechische Vase aus Granit, da Granit dauerhafter ist als Marmor, und die Vase sollte ja lange Zeit halten. Es war mir ein Vergnügen, einen Bogen Papier und einen Bleistift zu holen und alles aufzuzeichnen, was ich von den verschiedenen Vasen, die ich gesehn, im Gedächtnis hatte: mehrere Orgien wollüstiger Männer mit Weinhörnern in den Händen, dazwischen anmutige Mädchen in anmutiger Tanzbewegung, Flöten spielende Knaben und unter ihnen Faune, die reizende Sinnlichkeit der Wälder, des Ackerbau-Zeitalters, als die Menschen anfingen, ihre Ziegen zu melken, und einer von dem Stamme, tiefsinniger und erfindungsreicher als die andern, zum Ufer des Flusses ging, ein Rohr abschnitt und ihm Musik entlockte.

Die Vase, die mir am besten im Gedächtnis geblieben ist, hat senkrechte, aus Schwanenhälsen auslaufende Henkel. Sie erreicht eine Höhe von etwa zwei Fuß, vielleicht ein wenig mehr, und ihr Hohlraum sollte imstande sein, alles, was nach der Verbrennung von mir übrig bleibt, aufzunehmen. Kein Mensch hätte aus dem seligen Lächeln auf meinen Lippen geschlossen, daß meine Gedanken bei einer griechischen Urne und einem Häufchen weißer Asche weilten. »O Tod, wo ist dein Stachel?« murmelte ich, und der Bleistift entsank meiner Hand, denn die Bilder, die ich im Kopfe hatte, waren schöner als alles, was ich auf dem Papier festzuhalten vermochte. Ich konnte mich nur an eine Seite eines Jünglings erinnern, die Seite, welche einem leidenschaftlichen Mädchen zugekehrt ist. Ihr Entzücken leiht ihr Flügel. Er hat den linken Arm um ihre Schulter geschlungen, sie ist begehrlicher als er, und sein ernster Ausdruck läßt es im Zweifel, ob er an eine andre Liebste denkt oder an einen Band Gedichte, der mehr nach seinem Geschmack ist. Allmählich tauchten viele der tanzenden Figuren wieder vor mir auf, denn die Skulptur war so trefflich ausgeführt, daß die Jahre mein Erinnerungsvermögen nur umwölkt hatten. Die Wolken verzogen sich, und ich sah jetzt eine ganze Figur: die eines tanzenden Mädchens. Sein rechter Arm ist ausgestreckt, der linke gebogen, es hält eine Schärpe, während es tanzt, und die Armmuskeln und auch die Brüste sitzen so richtig, daß man denkt, das Mädchen müsse vor dem Bildhauer gestanden haben, als er an der Arbeit war. Ingres und die Antike verstanden sich einzig und allein auf einfache Darstellung. Es ist nur wenig da, aber das Wenige ist so korrekt, daß es keiner Einzelheiten bedarf. Und ich schwelgte in der Erinnerung an den zierlich geformten Leib, der von durchsichtigen Fältchen halb bedeckt, halb enthüllt wird. »Wie köstlich,« sagte ich, »ist der Schenkel, wie gut er nach vorn kommt! Und wir armen Modernen haben von solcher Schönheit jetzt an die zweitausend Jahre gezehrt! Aber wie fruchtlos waren unsre Bemühungen, das Tuch nachzuahmen, das um die Knöchel fließt, wie Schaum, der auf einem Wellenkamm zergeht.« Ein schlanker Jüngling steht neben ihr, seine Schultern sind hochgezogen, denn er hat die Flöte an den Lippen, seine Füße eng zusammengerückt, und an seiner Seite führt ein Satyr einen wilden Tanz auf, wozu er die Zymbeln schlägt. An ihn reiht sich, wenn ich mich nicht täusche – es ist schwer zu sagen, ob dies die Erinnerung an eine andre Vase ist oder ob sich die Figur in derselben Gruppe befindet – ein Faun, der Zähne und Klauen eines Panthers durch eine vorgehaltene Traube reizt. Der liebliche Faun hat mich bestimmt, gerade diese Vase als Ruhestätte für meine Asche auszuwählen. Und ich beschloß, in meinem Testament anzuordnen, daß diese Vase genommen werde.

Doch mein Testament durfte nicht zu kompliziert ausfallen, sonst mochte es angefochten werden. Ein geschwätziger Jurist kann vor einem dummen Gerichtshof alles Ungewöhnliche leicht als Wahnsinn auslegen. Wer außer einem Verrückten, fragt der Jurist, würde sich bis zu dem Grad darum bekümmern, was mit seinem Leichnam geschehn soll? Alle Richter sind derselben Meinung, denn vor Gericht ist jedermann darauf bedacht, seinem Nebenmenschen zu beweisen, daß er ein guter Christ ist. Alles ist Konvention, und Bleisärge und Eichenholzsärge können nicht als Beweis der Unzurechnungsfähigkeit gelten, weil die Menschheit noch an die Auferstehung des Leibes glaubt. Waren die Pharaonen nicht bei Sinnen? War der Bau der großen Pyramide ein Akt des Wahnsinns? Gemeinhin wird behauptet, es spiele ganz und gar keine Rolle, was aus unsern Überresten werde, und doch ist die Welt von jeher damit beschäftigt gewesen, Grabmale zu errichten. Nur die allerliebsten Satyrn geben sich nicht damit ab. Sie suchen einen verborgenen Platz auf, wenn sie sich dem Tode nahe fühlen. Aber die arme Menschheit will fortleben. Der Wunsch, wenigstens noch eine kurze Spanne nach dem Tode fortzuleben, ist ein ebenso tiefer Instinkt wie irgend einer, den man im Nu namhaft machen könnte, und unser Leben wird darauf verwandt, uns ein bißchen Unsterblichkeit zu sichern. Was wäre natürlicher als der Wunsch des Menschen, daß sein Tod und seine Beerdigung sozusagen typisch sein sollen für die Ideen, zu denen er sich bei Lebzeiten bekannte? Welchem andern Zwecke dienen die Konsekration von Erbbegräbnissen und die Errichtung von Kreuzen? In diesem Punkte wenigstens unterscheide ich mich nicht von den andern. Wenn ich auf meine Verbrennung so bedacht bin, so geschieht es deshalb, weil ich bis zu allerletzt meine Gedanken offenbaren und ausdrücken möchte, und weder in Prosa noch in Versen hab ich meine Gedanken je so vollständig und so vollendet dargetan, wie in diesen Bestimmungen über meine letzte Ruhestatt.

Eine Sorge blieb mir indes noch. Wo sollte die Urne aufgestellt werden? Nicht in der Westminster Abtei. Pfui über alle christlichen Begräbnisplätze! Ein Museum regt einige wenige Menschen zu erhabenen Gedanken an; Goncourt spricht von der eisigen Bewunderung der Massen. Die Urne könnte in der Steinmauer stehn, in derselben Ecke, wo ich Kreisel spielen lernte. Aber dann würde ein Dienstmädchen sie über kurz oder lang zerbrechen. Das Haus selbst wird in den Besitz einer andern Familie übergehn und der Fremde mit eitel Neugier die Urne betrachten oder es vielleicht für niederdrückend halten, mich in der Vorhalle zu haben. Am Ende würde er mich noch in eine Bodenkammer schaffen lassen.

Die Bestimmung über den Standort der Urne machte mir viel Kopfzerbrechen, und ich hatte eine Ahnung, daß mein Plan, falls ich nicht etwas ausheckte, wodurch ich sie für alle Zeiten gegen Beleidigungen schützen könne, die Hälfte seines Wertes einbüßen werde. Als ich so, in Gedanken versunken, dasaß, hörte ich plötzlich Schritte auf der Treppe. »Jetzt tragen sie den Sarg meiner Mutter herunter,« sagte ich, und im selben Augenblick ging die Tür auf, und man teilte mir mit, daß der Leichenzug auf mich warte. Mein Bruder nebst verschiedenen Anverwandten und Freunden wartete in der Halle; alle hatten schwarze Handschuhe an und einen Flor um den Hut. »Die ganze Aufmachung des Schmerzes,« flüsterte ich; »es fehlt nichts.« Meine Seele empörte sich gegen diese Narretei. »Doch warum soll ich meine Mutter bejammern? Sie wollte neben ihrem Manne liegen. Fern sei es von mir, einen solchen Wunsch zu bekritteln.«

Der Sarg wurde auf den Leichenwagen gehoben. Ein alter Familiengärtner trat an mich heran und fragte, ob ich Wehgeschrei haben wolle. Ich verstand zuerst nicht, was er meinte; er fing mit Auseinandersetzungen an, und ich fing an zu begreifen, daß er das Jammergeschrei meinte, womit die Bauern im westlichen Irland ihre Toten bis zum Grabe geleiten. Schauderhafte Barbarei! Ich befahl, das Wehgeschrei habe zu unterbleiben, aber drei oder vier Weiber stürzten fassungslos vor und stimmten ein Geheul an. Der Versuch, sie zum Schweigen zu bringen, war nicht leicht. – Vermutlich waren aller Augen auf den Himmel gerichtet, um zu sehn, ob Wolken daran stünden, denn es waren anderthalb Meilen bis zur Kapelle; wir brauchten mindestens eine Stunde bis dahin, und wenn es regnete, würden wir uns wahrscheinlich einen tüchtigen Schnupfen holen. Wir dachten an die Feuchtigkeit im Walde und stellten uns vor, daß es von den schwermütigen Zweigen der Eiben und Föhren, die um die Gruft auf der Hügelkuppe herumstanden, tröpfeln werde. Zum Glück drohte kein Regen. Die Insel lag in dem dunstbedeckten Wasser, grau und verschwommen, und erinnerte mich daran, was ich für ein herrliches Leichenbegängnis haben könnte, wenn mir das Gesetz keinen Streich spielte. Und während wir auf dem grauen irischen Zickzackweg dahinschritten – zu beiden Seiten lagen spärliche, magere Felder, die in Marschboden überzugehn schienen – an den Häusern der armen Leute vorbei, suchte ich einen Plan zur Sicherung meiner Urne auszusinnen. Ramses dem Zweiten war es allerdings nicht gelungen, seinen Leichnam vor Gewalttaten zu bewahren; man hatte die Mumie ausgewickelt (ich hatte eine Photographie in London am ›Strand‹ gesehn), und was ihm fehl geschlagen war, wie sollte mir das gelingen?

Zwanzig Priester waren aufgeboten worden, eine Messe zu zelebrieren, und während sie ihren Singsang hielten, schweifte mein Geist weiter umher auf der Suche nach dem Unerreichbaren, nach dem, was Ramses nicht imstande gewesen war zu finden. Ganz unerwartet fiel mir in demselben Augenblick, als der Priester das Pater Noster zu intonieren begann, das Meer ein – das tiefe Meer war der einzig reine und heilige Aufnahmeort für die Urne mit meiner Asche. Wenn sie da versenkt wurde, wo das Meer am tiefsten war, würde sie nicht auf den Grund geraten, sondern in der Schwebe hängen bleiben, in finstern, regungslosen Tiefen, wo nur ein paar Fische herumstreichen, in einem kühlen, tiefen Grab, ›das nicht von Menschenhand gemacht, in einer fleckenlosen Welt‹, von einem lieblichen Bacchantenzug umgeben, von Jünglingen und Jungfrauen und wilden Waldgeschöpfen, der Menschheit in ihrer uranfänglichen tierischen Sinnlichkeit. Aber nichts währet ewig. In einigen Millionen Jahren wird das Meer anfangen auszutrocknen, und die Urne mit mir wird sinken (ich hoffe nur, sie wird auf einen sichern Felsengrund aufstoßen, um fortan in der luft- und wasserlosen Wüste zu stehn, die die Erde dann sein wird). Ramses ist es fehl geschlagen; mir wird es gelingen. Von tanzenden Jünglingen und Jungfrauen umschwärmt, soll mein Grab auf hohem Felsen liegen in der Einsamkeit des ausgetrockneten Meeres, eines erloschenen Planeten. Millionen Jahre werden vergehn, dann wird die Erde, nachdem sie einen langen Winter tot dagelegen, wie sie jetzt etliche Wochen unter Frost und Schnee daliegt, mit allen andern kreisenden Planeten von der Sonne und die Sonne selbst wird von größeren Sonnen aufgesogen werden, wie dem Sirius und ähnlichen Gestirnen. In tief bedeutungsvollen Angelegenheiten sind Millionen Jahre nur Sekunden; Billionen sagen dem Verstand sehr wenig. Nach Ablauf einer – sagen wir: Billion Jahre wird das letzte Ende, auf das alles seit Anbeginn zustrebt, erreicht sein. Von da an wird die Flut wieder auszuströmen, der ewige Kreislauf der Dinge anzuheben beginnen; Sonnen werden in dem All zerstreut und in fürchterlichen Sonnenbeben Planeten ausgespien werden; in lauten Erdbeben werden diese Planeten Monde ausspein. Millionen Jahre werden vergehn, die Erde wird erkalten, und aus dem Urschlamm wird wiederum Leben erstehn in der Gestalt von Pflanzen, dann von Fischen, dann von Säugetieren. Es klingt wie Wahnsinn, aber ist es verrückter als die christliche Schöpfungslehre? Und ich glaube: in Billionen Jahren, in Billionen und abermals Billionen Jahren sitze ich in demselben Zimmer wie jetzt, schreibe dieselben Zeilen wie jetzt; wiederum, ein paar Jahre später, wird meine Asche in der regungslosen, schweigsamen Tiefe des Stillen Ozeans schwingen, und dieselben Gestalten, dieselben Nymphen und dieselben Faune werden wieder um mich tanzen.

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