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Aus toten Tagen

George Moore: Aus toten Tagen - Kapitel 13
Quellenangabe
typenovelette
authorGeorge Moore
titleAus toten Tagen
publisherEgon Fleischel & Co.
year1909
translatorMax Meyerfeld
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151210
projectid5d523d3e
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Sonntag Abend in London

Verheiratete wissen es immer, nur der Junggeselle fragt: ›Wo soll ich essen? Soll ich zwei Schilling in einer Kneipe, fünf in meinem Klub oder zehn im Café Royal ausgeben?‹ Läßt man es sich noch zwei bis drei Schilling mehr kosten, so kann man auf dem Balkon des Savoy-Hotels sitzen und hat das Schauspiel des dunkelnden Abends vor sich, der auf den Fluß herabsinkt, und die Lichter der Brücken, Werften, Warenlager, die sich in den Fluten spiegeln. Verheiratete Leute kennen ihren Schlafkameraden; der Hagestolz und vielleicht auch die alte Jungfer wissen nicht so sicher, wer es sein wird. Dies ist eine Nebenfrage, auf die wir uns nicht weiter einlassen wollen; eine Andeutung mag genügen, den durchgreifenden Unterschied zwischen dem Leben der Verheirateten und dem der Unverheirateten zu veranschaulichen. O ihr Verheirateten, vom Frühstück bis sechs Uhr abends nur gleicht unser Leben dem euren! Dann beschleicht uns ein Gefühl der Freiheit und – daß ich's nur gestehe! – auch der Einsamkeit. Vielleicht ist das Leben wesentlich eine einsame Angelegenheit, und Eheleute und Unverheiratete unterscheiden sich bloß darin, daß wir uns einsam fühlen, wenn wir allein, sie, wenn sie zusammen sind.

Um halb sieben hat der Junggeselle nach des Tages Arbeit aufzuräumen; er stellt sein Bild beiseite, wenn er Maler, macht auf dem Schreibtisch Ordnung, wenn er Schriftsteller ist, und dann erhebt sich die sehr ernste Frage, bei wem er speisen soll. Er läßt die wohlhabenden Häuser in Belgravia und Mayfair Revue passieren, bummelt in Gedanken um Portman Square und einen weiteren Platz im nördlichen Viertel, steigt alsdann in die Lüfte und wendet sich nordwärts gen Regent's Park, um sich dort jemand auszusuchen, der in einer der angrenzenden vornehmen Straßen wohnt und ihn zum Essen dabehalten wird. Bei Soundsos gibt es stets Filet und kaltes Geflügel, während Dingskirchens mit Suppe anfangen. Aber die Verpflegung spielt wirklich keine Rolle; interessante Gesellschaft sucht er.

Vorige Woche kam es mir zum ersten Mal zum Bewußtsein, wie verschieden das Leben der Verheirateten von dem der Unverheirateten ist. Es war ein Sonntag, ich hatte den ganzen Tag geschrieben, und in der Schummerstunde, die gegen sechs Uhr hereinbricht, fiel mir ein, daß ich zum Abend nicht eingeladen war. Die Tasse Tee, die ich gewöhnlich so um halb fünf trinke, hatte es mir ermöglicht, noch eine Stunde weiter zu arbeiten; aber kurz nach sechs wollten sich die Sätze nicht mehr formen, es flimmerte mir vor den Augen, und die Frage – nicht nur: ›Wo sollst du essen?‹ sondern: ›Wo sollst du die Stunde vor Tisch verbringen?‹ trat mir entgegen. Vor allem mußte ich mich einmal ankleiden. Dabei fiel mir ein, daß ich schon eine ganze Zeit nicht mehr im St. James-Park gewesen, der mich seit meiner Kindheit entzückt hat. Der St. James-Park und der Green Park haben an mir stets einen gleichmäßigen Bewunderer ihrer Schönheit gehabt. Die Bäume, die am Gitter in Piccadilly wachsen, sind im St. James-Park schöner oder scheinen es wenigstens durch die gut angelegten Vertiefungen. Die Kunst der Landschaftsgärtnerei berührt sich enger mit der Kunst des Musikers als mit der des Malers, es ist eine Art kolorierter Architektur. Die steife Landschaftsgärtnerei in Versailles erinnert an eine Tragödie Racines; dagegen sind die romantischen Modulationen der grünen Hügel, die sich Piccadilly entlang ziehn, bezaubernd wie Haydn.

Es gab eine Zeit, da ging ein junger Mensch manch liebes Mal von Brompton nach Piccadilly, nicht etwa um die Bäume, sondern um die Weiber zu sehn, wenn sie aus den Argyle Rooms und der Alhambra kamen, aber nach kurzem Zaudern schritt er oft von der lebhaften auf die stille Seite hinüber; da blieb er stehn und bewunderte die weißen Strahlen des Mondlichts, die sich zwischen den Baumstämmen hindurchstahlen und ihm in der Dunkelheit einen Blick auf die Form der Vertiefungen gönnten. Die Bäume wachsen so schön um die Erdhügel herum und auf ihnen, daß man sich wie von selbst die Zwischenräume mit Gestalten Gainsboroughscher Bilder ausfüllt: mit Damen in Reifröcken und gepudertem Haar, eleganten Kavalieren in Schnallenschuhen und Schoßröcken, mit Degen an der Seite, die sie erst zu Kavalieren machten. Gainsborough ließ seine Kavaliere nicht um Gunst betteln – darin versah er es; aber Watteaus Damen führen den Fächer so schelmisch an die Lippen und fragen den Erhörung heischenden Kavalier, ob er auch alles, was er sagt, glaubt, denn sie wissen wohl, daß seine Liebesschwüre bloß Beiwerk sind in dem zierlichen Getändel. Doch warum hat der Meister, der den Grundriß zum St. James-Park entwarf, keine griechischen Tempelchen darin gebaut – jene Tempel mit Säulen und Kuppeln, die dem englischen Park eine solche Anmut verleihn? Vielleicht war der große Künstler, der den Green Park angelegt hat, ein Moralwächter und ein Prophet; vielleicht hat er geahnt, was für ein Strom von Damen sich einmal von Brompton nach Piccadilly ergießen werde, und gedacht – nun, seine Gedanken sind Privatsache, und jetzt deckt ihn der Rasen, würde Rossetti sagen.

Vor fünfundzwanzig Jahren fielen die weißen Strahlen schräg durch die Baumstämme, und die Abstände dehnten sich, in trügerischen Lichtern und Schatten verschwimmend. Dann stieg der junge Mensch die Anhöhe hinan, ließ den Blick über die menschenleere Ebene schweifen und betrachtete voll Staunen die Lichter im Kriegsministerium, das in der Ferne wie ein Dorf schimmerte.

Vielleicht bin ich heut abend, um Mitternacht, wieder in Piccadilly zu finden, denn wir ändern uns sehr wenig: was uns in der Jugend interessiert hat, fesselt uns fast bis zuletzt. Der St. James-Park ist bei Sonnenuntergang womöglich noch schöner. Da ist der See, über dem ich manchmal die Sonne habe scheiden sehn; die Erinnerung daran lenkte meine Schritte, als ich vorigen Sonntag von Victoria Street abbog und durch das östliche Tor eintrat, ganz erfüllt von der Schönheit der Natur. Im Geiste sah ich die Konturen der Bäume, die majestätisch gegen den Abendhimmel standen, und das Kleinleben auf den Teichen: die Enten rudern hin und her, eine jede eifrig beschäftigt, in ihrem Liebesverlangen aufgehend. Ich war ganz besonders vom Glück begünstigt, denn etwas Schöneres als die Lichtwirkung im Green Park am vorigen Sonntag hab ich nie gesehn. Die Zweige der hohen Platanen hingen über den Rasen, das dem Untergang geweihte Blätterwerk bewegte sich kaum im blassen Sonnenlicht, und mein Herz fühlte sich hingezogen zu dem zeremoniösen, zynischen Garten, dessen Künstlichkeit mit den verschlungenen Reimpaaren des achtzehnten Jahrhunderts wetteifert. Die verwilderte Natur dagegen stößt mich ab. Wie interessant ist es doch, dachte ich, über sich selbst nachzusinnen, über seine Sympathien zu grübeln! Unsre Antipathien sind nicht ganz so reizvoll, aber auch sie sind es bis zu einem gewissen Grade, denn sie gehören gleichfalls zu uns, und die eigne Person ist des Menschen Hauptbeschäftigung; alles, was außerhalb unsers Selbst liegt, ist unbestimmt, alles entstammt unserm Selbst, alles kehrt dahin zurück. Gewiß aus keinem andern Grunde begehrte ich am vorigen Sonntag nach dem St. James-Park, als weil er zu mir gehörte, wenn auch nicht zu dem Ich, das meine Freunde kennen; unsre Freunde begreifen nur die freiliegenden Teile ihres eignen Selbst, die sie an uns wahrnehmen. Nie ist mir jemand im Leben begegnet, weder Mann noch Frau, der aus eigner Beobachtung gemerkt hätte, daß ich Bäume lieber mag als Blumen, oder der ein tiefes Interesse für die Tatsache bezeigt hätte, wenn die Rede darauf kam ...

Ich sehe den Bäumen zu und werde nicht müde, das Auf und Ab ihrer Bewegungen zu betrachten. Feierlich still und seltsam grün sind sie an langen Regentagen; aufgeregt, wenn ein frischer Wind weht; bei schönem Wetter schwatzen sie wie leichtfertige Mägdlein. Wenn sie zitternd absterben, sind sie schöner denn je, viel schöner als Blumen. Jetzt beichte ich von mir, meine Seele unter der Schwelle des Bewußtseins hat das Wort. Und wie unsagbar lieblich hingen die langen Äste von den hohen, stolzen Platanen herab, die wie Hutfedern emporstanden. Bei gedämpftem Schall, im ersterbenden Licht sprachen die welken Blätter zu mir wie eine Erinnerung. Es war mir, als kennte ich den Park seit Jahrhunderten. Dort die Lichtung mutete mich an wie eine, die Watteau gemalt. Auf welchem Bilde? Das ist schwer zu sagen, so leicht fließen seine Bilder ineinander über mit ihrer stets gleichen Melancholie, der Melancholie rauschender Feste, dem Schmerz in der Brust, der Sehnsucht nach dem Jenseits, an der alle leiden, deren Lebensaufgabe es ist, bunte oder gestickte Kleider zu tragen und zuzuhören oder das Wort zu führen, mit der einzigen Abwechslung, daß die, welche heute zuhören, morgen das Wort führen werden. Watteau ahnte die Leiden derer, die unter einem Säulengang sitzen und stets eine Rolle, eine große oder kleine, in der Komödie der Liebe spielen, die dem Plätschern des Springbrunnens lauschen, einem Kavalier und einer Dame zuschaun, wie sie aufeinander zugehn und sich verbeugen, sich verbeugen und wieder zurücktreten, wie sie auf einem Teppich in prächtigen Farben eine Pavane tanzen. Pierrot, das weiße Sinnentier, die vom achtzehnten Jahrhundert ausgebildete Spielart des Satyrs, des Fauns, zupft die Gitarre; die Pansflöte ist mit der Gitarre vertauscht worden.

Mit zunehmender Dämmerung wurde mein Traumgesicht unter den Platanen wirrer und krankhafter. Ich wußte kaum noch: war das Bild, das mir vorschwebte, das Gemälde in der Dulwicher Galerie oder das köstliche im Louvre ›Une Assemblée dans le Parc‹? Wir alle kennen das Bild: Kavaliere und Damen am Ufer, während der Abend durch die hohen Bäume schimmert. Das Bild, das mir vor Augen stand, glich diesem; nur die Stellung der Bäume und die Böschung des grünen Rasens ließen eine Komposition von solchen Größenverhältnissen nicht zu. Ein rauher Baumstamm, von dem ein großer Ast abgebrochen oder gekappt war, trat plötzlich mit dem ganzen Naturalismus des neunzehnten Jahrhunderts heraus und beschwor die Erscheinung eines Bildes, in dem ich sofort einen Corot erkannte. Hinter dem Baum tauchte ein zarter, verblassender Himmel auf, der, rein und durchsichtig wie das Innerste einer Blume, den Park mit Romantik erfüllte, und da sich die scheidende Sonne auf das Wasser senkte, sprach meine Seele: ›Der See!‹ Ah, die schwermütigen Schatten, die sich von den Bergen über beide Ufer des Sees breiten, während sie die Mitte des Bildes von einem langen Lichtstrom übergossen lassen! Doch die Bäume auf dem diesseitigen Ufer dieses Londoner Sees waren wuchtiger als die vergeistigten Bäume auf dem Bild ›Am Ufer‹, und nirgends war die Schönheit der geknickten Birke zu sehn, die auf dem Bilde ›Le Lac de Garde‹ sich über den See neigt. Dann fiel mir das Bild ›Der Hohlweg‹ ein, denn die dunkelnde Insel gemahnte mich an die Berghalde auf dem Bilde. Aber es fehlt dem Himmel im St. James-Park die erlesene Konzentration des Lichtes auf dem Bilde ›Der Hohlweg‹, die so wundervoll, tief unten auf dem Gemälde, erstrahlt hinter etlichen dunkeln Zweigen, die rechts vorspringen. Der Unterschied zwischen der Natur und einem Corot ist so groß wie der zwischen einem echten und einem unechten Corot. Womit nicht gesagt sein soll, daß die Natur etwas Unechtes hat, es mangelt ihr nur an Menschlichkeit – an Individualität! Darum ist sie nicht ganz so interessant wie ein guter Corot.

So plauderte ich mit mir, während ich mich der Brücke näherte, der lieben Brücke, die gerade wie ein Brett über den See geworfen ist. Da hatten sich zahlreiche Wasservögel versammelt, ein schwarzer Schwan jagte die Enten umher und schnappte mehr Brot aus, als ihm von Rechts wegen zukam. Kleine Kinder starrten ihn blöde, mit ängstlichen Blicken an und wurden beständig von ihren Müttern ausgezankt – weswegen, das muß dem Junggesellen, scheint es, stets dunkel bleiben. Ein sanften Wind wehte, die Enten tanzten wie Korkstöpsel auf den Wellen und hielten sich durch anmutige Seitenstöße im Gleichgewicht. Manchmal stiegen sie aus dem Wasser auf und flogen um die Bäume oder den See hinunter, mit ausgestreckten Hälsen, wie Enten auf einem japanischen Fächer; dann ließen sie sich wieder an der dunkelnden Insel ins Wasser hinab und zogen lange Silberstreifen hinter sich her, die der Abend sogleich verwischte.

Ein Eindruck der Vergänglichkeit des Einzellebens, des Dahinschwindens. Man seufzt bei dem Gedanken, daß es nun einmal so ist, daß das Leben vergeht, Sonnenuntergang nach Sonnenuntergang, Mondschein nach Mondschein, Abend um Abend, und wir sind nur Libellen auf dem Spiegel eines Stromes, nichts weiter mit all unsern Dichtern und Priestern.

Die Uhr schlug sieben; das erinnerte mich, daß es Essenszeit, daß ich heut abend allein speisen müsse. Um dies zu vermeiden, hätt ich nicht so lang im St. James-Park verweilen sollen, aber dann wär ich um eine köstliche Stunde süßen Träumens gekommen, und das ist mir eine Notwendigkeit, wie Absinth dem Absinthtrinker. Nun fehlte nur noch das Tüpfelchen auf dem i: ich müßte jemand treffen, den ich lange nicht gesehn – ob Mann oder Frau war einerlei – jemand, der mir als Mittel zum Zweck diente, ihm die Dämmerung zu beschreiben, wie sie zwischen den Bäumen hereinbricht. Im Park selbst war ich keinem Bekannten begegnet, aber jetzt auf der Straße tauchte einer auf: ein junger Mann, ein Maler, dessen Bilder mich gelegentlich interessierten. Wir gingen in ein Restaurant, um Kunst zu simpeln.

»Nach dem Essen,« sagte ich, »wollen wir die besten Zigarren bestellen und um Piccadilly-Circus herumspazieren. Da wimmelt es am Sonntag Abend von Menschen. Man sieht die Weiber auf der Liebesjagd. Der warme Abend lockt sie alle in weißen Kleidern heraus, und ein weißes Kleid im Mondenschein ist etwas Bezauberndes. Siehst du es nicht gern, wenn die Federboas fast bis zur Erde reichen? Das ist etwas für mich. Dirnen, die ihrem Geschäft nachgehn, interessieren mich ungemein; sie, die Rastelbinder und die Zigeuner sind die letzten Überbleibsel einer alten Welt, in der Vogelfreie gang und gäbe waren. Jetzt sind wir durch die Bank Sozialisten und kümmern uns mehr oder weniger um die Erfüllung von Pflichten, die sich allgemeinen Beifalls erfreun. Mich dünkt, es ist ein Trost zu wissen, daß auch noch Menschen außerhalb der Gesellschaft stehn. Ich liebe dies London, dies London um Mitternacht, wenn der Vollmond über der reizenden Kurve der Regent Street heraufsteigt und gleich einem Habicht sich der leuchtende Jupiter erhebt, der seiner eignen Bahn folgt. Wir unsrer kleinen, er seiner größeren.«

Die Nacht war heiß, kein Lüftchen regte sich, und an dem weiten, seidenen Himmel zog sich die halbkreisförmige Straße mit ihrem Tönegewirr wie ein Amphitheater hin ... Ich riß meinen leichten Überzieher auf, ergriff den Arm meines Freundes und sagte, in unsrer Unterhaltung über Wagner fortfahrend:

»Er erinnert mich an einen von Houris umgebenen Türken. Die zehrende, schleichende Sinnlichkeit in seinem Motiv – dem einen Motiv –, wie bezeichnend ist sie für die Form und die Weiße einer Schulter, für die geschmeidige Kraft der Armmuskeln, das Feuer des Auges, dessen Glanz noch durch Belladonna erhöht wird! Wohlgerüche schwelen auf silbernen Schalen, und durch den Rauch erscheinen die gedämpften Farben mit Stickereien gezierter Stoffe und die unentzifferbaren Schnörkel von Bronzelampen. Oder die Szene spielt sich vielleicht auf einer Terrasse ab, mit der Aussicht auf einen dunkeln Strom. Hinter den Kuppeln und Minarets steht träumend ein gelber Mond, einer Odaliske gleich, die die Hand an die Rundung ihrer Brust gelegt hat; und durch die schwüle Stille des Gartens, durch den Duft überreifer Früchte und das Geräusch, das ihr Niederfallen verursacht, dringt das schwermütige Lied eines Springbrunnens. Oder ist es das Leid der Lilien, das durch die schlaffe Luft zum Himmel aufsteigt? Die Nacht ist blau und regungslos; in kurzen Abständen zucken die Blitze zwischen den Minarets und Kuppeln; das heiße, ungestüme Fieber des Gartens äußert sich gesteigert in dem mandelartigen Duft der Pfirsiche und ergreift die heraustretenden weißen Odalisken, weiche Stimmungskünderinnen ... Er erinnert mich an den dunkeläugigen Zigeuner, der schweigend in eine Kneipe kommt, sich in eine Ecke stellt und mit weit ausholendem Bogen wilde, hinreißende Weisen spielt. Ich seh ihn nicht, ich höre ihn kaum, meine Gedanken sind weit weg; meine Seele schlummert – wunschlos. Ich mag den Kopf nicht heben. Warum soll ich den Zauber meiner Träumerei brechen? Aber ich fühle, seine dunkeln Augen sind auf mich geheftet, und allmählich erwachen meine Sinne wieder, aller Willenskraft zum Trotz. Ein seltsames Keimen geht in mir vor: Gedanken und Begierden, die ich fürchte, von deren Vorhandensein in meinem Innern ich nichts wußte, deren Dasein ich gern leugnen möchte, kommen geschwind und kommen langsam und setzen sich fest und füllen mich aus und werden ein Teil von mir ... Die Angst packt mich, doch ich kann nicht Halt gebieten; ich werde weiter gejagt, ein Zurück gibt es nicht, Beten, Flehen, Händeringen ist umsonst – Gott hat mich verlassen, das Schlimmste meiner Natur ist zu oberst. Ich sehe es aus den Tiefen meines Wesens aufsteigen, ein klebriger Schaum. Aber ich kann nichts tun, ihn zu hemmen, ich habe keine Gewalt über ihn ... Gott hat mich verlassen ... Ich bin dem dunkeln Zigeuner mit den sinnlichen Augen und seiner fluchwürdigen Fiedel verfallen. Und ich werfe ihm alles, was ich habe, hin: Papiergeld, Gold und Silber. Ich heiße ihn aufhören und sinke erschöpft zurück. Spiel mir den ›Ring‹, spiel mir den ›Ring‹! Seine Wolkenpaläste, seine Meereshöhlen und Wälder, die tierischen Wesen, die da hausen, seine Riesen und Zwerge und Nixen, seine menschlichen und göttlichen Gestalten – wahrhaftig, der ›Ring‹ gibt mehr vom Leben! Oder geh mit Beethoven auf die Wiesen und lausche der Lerche und der Amsel! Wir sind dem Leben näher, wenn wir an einem schattigen Bache liegen und der Wachtel auf den Wiesen und der Goldammer im Dickicht zuhören, als jetzt, unter diesem drückenden Himmel. Hier die Straße gleicht dem Garten Klingsors; und hier gibt es Blumenmädchen – Patschuli, Jasmin, Veilchen. Hier weht die erschlaffende Luft des ›Parsifal‹. Komm, laß uns gehn I Wir wollen eine ländliche Gegend aufsuchen, die vom geisterhaften Mondschein übergossenen Lichtungen, die wir in Piccadilly durchs Gitter sehn. Hast du einmal am tiefsten Punkt von Piccadilly gestanden, das Mondlicht zwischen den Bäumen beobachtet und dir vorgestellt, eine Komödie von Wycherley werde hier agiert vor einem erlauchten Kreise von Kavalieren und vornehmen Damen, die als Zuschauer unter den Bäumen sitzen? Alle sind in bemalten Sänften gekommen, und die Träger stehn in geringer Entfernung auf einem Haufen zusammen.«

»Lieber Freund, du schwatzt so viel, daß du die Vorübergehenden nicht siehst. Das Mädel, das sich eben nach uns umgedreht hat, gebraucht Heliotrop als Parfüm; der wonnige Duft ist noch zu spüren. Sie ist so allerliebst wie nur irgend eine, die je in der Sänfte zu einer Komödie von Wycherley gekommen ist. Die Komödie ändert sich blutwenig: es ist immer dasselbe Spiel, und immer ist es interessant. Piccadilly-Circus gleicht an einem schwülen Sommerabend bei Vollmond Klingsors Garten. Komm, wenn du kein Parsifal bist.«

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