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Aus See und Sand - Zweiter Band

Wilhelm Jensen: Aus See und Sand - Zweiter Band - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorWilhelm Jensen
titleAus See und Sand ? Zweiter Band
publisherHesse & Becker Verlag
year
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080809
projectid0841748f
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XV.

Still, wie unbelebt hatte das Pfarrhaus den Nachmittag hindurch unter der drüber hinschreitenden Sonne gelegen und ebenso ohne Regung, wie leblos, Zea in ihrer Stube. Aus dem Dorf zurückgekommen, war die Pastorin einmal an die Tür derselben getreten, um zu horchen, ob das Mädchen sich nach ihrem Rat zur Ruh' begeben und schlafe; von drinnen her tönte kein Laut und geräuschlos begab Mathilde Hollesen sich fort, auf die Rückkehr ihres Mannes wartend, sich mit häuslichen Geschäften die Zeit kürzend. Doch, obwohl Stunden verrannen, kam er noch nicht, später Nachmittag ward's, sie begriff nicht, was ihn so lange in der Stadt zurückhalten könne. Zuletzt, von Ungeduld getrieben, verlieh sie das Haus wieder, ihm nach Süden am Strand entgegenzugehen. Höchste Ebbezeit war's, oder schon um etwas überschritten, in der Ferne schattenartig über den Sand laufend, begannen spielende Wellen zurückzukommen. Erwartungsvoll mit dem Blick voraussuchend, schritt die Pastorin langsam weiter.

Nun regte Zea sich, richtete ihren Körper zum Sitzen auf und sah vor sich hin. Nicht mit einem Gefühl, aus dem Schlafe erwacht zu sein; nur ohne Bewußtsein hatte sie gelegen und doch auch nicht ohne Empfindung eines mit ihr und in ihr Vorgehens. Davon war ihr eine dämmernde Erinnerung geblieben, auf die sie sich zu besinnen suchte, und aus verschwommenen Umrissen gestaltete ihr's sich herauf. Nicht vom Kopf her, der nützte ihr nicht; noch schwerer als zuvor, mit dumpfbetäubendem Schmerz lag die Bleidecke auf ihm, alles Denken erdrückend. Doch vom herzen her kam's ihr: Sie war wieder ein kleines, Kind gewesen, das am Strand im Sande mit Steinen und Muscheln gespielt. Und plötzlich hatte sie die Augen aufheben, weit öffnen und mit ihnen auf die See hinausschauen müssen. Eine Möwe war mit seltsamem Schrei über sie hingeflogen, und eine Welle lief, sonderbar rauschend, bis dicht vor ihre Füße heran. Das hörte und sah sie wie zum erstenmal, mit einem Gefühl, die Welle strecke weiße Hände nach ihr aus, sie zu fassen und mit sich fortzuziehen. Doch sie konnte sich nicht bewegen, all ihre Glieder waren wie festgebunden, nur ein fremder Schauer ging ihr vom Scheitel her über den Rücken herunter.

Nun rann das Erinnerungsbild verblassend wieder auseinander, ein leiser Ton schien es wegzuscheuchen. Eine ihrer Hände hatte sich geregt, das Knittern eines auf ihrem Schoß liegenden Blattes verursacht, sie sah darauf nieder.

Ja, von dem Blatt war der Schmerz so stark angewachsen, weil sie es sich auf die Stirn gelegt. Deshalb konnte ihr Kopf keinen Gedanken mehr fassen, aber sie brauchte ihn auch nicht. Während sie, die Hände über der Stirn gefaltet haltend, dagelegen, hatte sie mit dem Herzen gedacht, und dies hatte ihr alles Unbegriffene verständlich gemacht.

Sie wußte jetzt, was die Schrift auf dem Blatt bedeutete und besagte, nur ließ es sich nicht mit Worten ausdrücken. Das Herz verstand alles, doch dachte nicht in Worten.

Und eines sprach es deutlich, vor allem, als das Wichtigste: Sie habe eine Mutter nötig, die ihr helfe.

Denn sie selbst vermochte sich nicht zu helfen, ihre Glieder waren ja festgebunden. Nur die Füße konnte sie befreien, und sich bückend, zog sie mechanisch ihre Schuhe und Strümpfe aus. Das tat wohl, war erlösend, ihre Brust atmete erleichtert danach. So war sie früher gegangen, ehe jemand ihr die Fesseln an die Füße gelegt hatte. Die wenigstens konnte sie jetzt wieder bewegen.

Nur der Kopf blieb so eng eingeschnürt – wenn der auch frei würde, dann war eigentlich alles gut, war gar nichts mehr. Dann konnte sie wieder springen, jubeln, lachen – über den lachen, der sie hilflos festgebunden zu haben glaubte.

Der Wind draußen am Strand – er nahm ihr vielleicht die Bleidecke weg. Sie hatte schon früher Kopfschmerz gehabt, den er ihr fortgeweht –

Sie stand auf und trat gegen die Tür zu. Auch das war gut, so machten ihre Füße lein Geräusch. Aber die Tür knarrte beim Öffnen – das mußte sie verhüten, denn ihre Mutter – die andere – die durfte nicht sehen, daß sie hinausging. Darin lag eine heimliche Bedingung, sonst konnte der Wind ihr die Bleidecke nicht wegnehmen.

So kehrte sie um, öffnete das Fenster und schwang sich von dem niedrigen Sims in den Garten hinab, geräuschlos und behend; mit den befreiten, bloßen Füßen war, wie durch eine Zaubermacht verjagt, die schwere Mattigkeit aus ihren Gliedern fortgeschwunden. Rasch und vorsichtig schlüpfte sie aus der Gartenpforte; sie mußte vermeiden, daß jemand sie anredete, durfte überhaupt niemand zu Gesicht kommen. Und nordwärts mußte sie gehen, nach Süden hin waren giftige Ottern, vor denen hatte sie sich mit den unbeschuhten Füßen in acht zu nehmen. So ging sie dem Dünenvorsprung zu, hinter dem sich die kleine Einbuchtung umschlug, in der Tilmar Hellbeck sie an dem Sonntag angetroffen, als sie zusammen nach Herdsand hinübergerudert waren. Sie setzte sich an den Dünenrand, der Wind stand ihr mäßig stark, weich von der See her ins Gesicht und sie hielt ihm die ein wenig vorgebogene Stirn entgegen.

Niemand vom Dorf hatte sie wahrgenommen oder wenigstens kein Blick auf sie geachtet. Der junge Lehrer wartete schon lange nicht mehr am Strand, sondern war ins Schulhaus zurückgegangen; dort saß er in seiner Kammer, ins schwindende Tageslicht hinausblickend. Weder Hoffnung noch Furcht war mehr in ihm, nur eine matte, dumpfe Stille. Sie hatte versprochen, heute zu ihm zu kommen, und der Tag war vorüber – so hatte sie ihm auch drüben auf der Insel versprochen, seine Frau zu werden. Er lehnte sich nicht gegen den Bruch ihres Gelöbnisses auf, die Natur hatte ihn nicht zum Kämpfen bestimmt, ihm fehlten Kraft und Mut dazu, ein sicheres Ruhen auf sich selbst. Das ließ ihn sie auch nicht anklagen, nicht treubrüchig nennen; er war vom Leben untergeordnet worden, und es hatte so geschehen müssen. Unbegreiflich lag's hinter ihm, daß er gestern geglaubt, der Himmel habe mit dem Fund eine Wundermacht in seine Hand gegeben. Jeder andere hätte ebenso die Schriftstücke entdecken können, ein blinder Zufall war's gewesen ohne irgendwelche Bedeutung. Aber wenn er selbst für sie sein Leben einsetzen könnte, ihr einen Stern vom Himmel herabzuholen, es würde das gleiche sein. Seinen Wert vermochte er damit nicht zu erhöhen, er blieb zu wenig für sie. Darum konnte sein Herz keine Anklage gegen sie erheben, nur eines trug es als ein bitteres Wehgefühl in den langsamen Blutwellen. Das eine hätte sie nicht tun sollen, ihm ersparen können. Warum hatte sie ihm das auf der Düne von Herdsand getan? Das war grausam gewesen, wie die blendende Sonne für das kranke Auge.

Zwielichtfäden durchspannen schon so dämmernd die Luft, daß drüben, südlich vom Dorf, die Pastorin Hollesen in Zweifel stand, ob eine Gestalt die ihres Mannes sei, der unerwartet nicht aus der Richtung der Stadt, sondern von Osten her über die Heide komme. Aber dann unterschied sie doch, er sei's und eilte ihm entgegen. Er fragte, noch einige Schritte von ihr entfernt: »Wo ist Zea?« – »Im Hause« – erwartungsvoll setzte Frau Mathilde, hinzu: »Was für Nachricht bringst du?« Manche Nachrichten brachte er zurück, hatte ihr vieles mitzuteilen. Langsam, öfter eine Weile stehenbleibend, gingen sie miteinander dem Dorf zu. Es ward nicht mehr dunkler, sondern heller; der verschwundene Kirchturm von Loagger tauchte wieder sichtbar auf, wie von einem Silberglanz überhaucht.

Nach Norden saß Zea auf dem Dünenrand und blickte über die Wellen hinaus, die dicht unter ihre Füße heranliefen. Sie kamen nicht mehr spielend, sie rauschten, jede schien die ihr voraufrollende einholen und fassen zu wollen, schwoll über sie hin; die rückkehrende Flut war's. Fern auf dem Rand der See stand's noch wie ein roter Himmelsbogen, sonst lag alles, sich mit einem grauen Gewebe zudeckend; nur da und dort glimmerte drunter ein kommender und schwindender weißer Schaumwurf.

Die Sonne war tot –

Ja, sie mußte sterben – vor ihren Augen sah Zea es auf dem Blatt geschrieben: »Alles tot – die Sonne, der Himmel, die Erde, alles tot.«

Der Herzschlag in ihr wiederholte es unausgesetzt: Alles – tot, denn nichts mehr lebte, als ihr Herz, mit dem sie dachte. Das aber war schlimm. Zu spät ward sie sich dessen bewußt, denn nun ließ sich's nicht mehr ändern. Viel besser wär's gewesen, wenn der Kopf gedacht – das Herz hätte nicht anfangen sollen zu denken. Seine Gedanken brannten so – sie fühlte es in der Brust als eine Flamme, von der ein greller Lichtschein durchs Dunkel brach, und wohin er traf, ward alles zu glühenden Kohlen–

Vor ihr griff eine unsichtbare Hand nach dem grauen Gespinst über der See und wandelte es in ein silbernes um, das sich hoch aufhob und senkte und wieder hob, wie vom Auf- und Niederwogen einer großen, tiefatmenden Brust. Die Flut schwoll, der im Osten emporgestiegene Vollmond hob gebietend sich die Nordsee entgegen. Nur auf sein Gebot kam sie, von keinem Sturm getrieben, mit einer großen Ruhe ihrer Bewegung und doch mächtig. Immer klarer übergoß die strahlenhelle Nacht sie mit weißem Glanz.

Nun fuhr's Zea einmal jäh vom Scheitel bis zur Sohle herunter. Neben ihr war etwas – dort – am Dünenhang kam's herauf und heran, ein unbestimmter dunkler Umriß auf dem beglänzten Sand. Doch es reckte sich höher, ward zu einem Kopf mit Linien eines Gesichts.

Der Schatten –

Sie sah darauf hin und duckte sich angstvoll zusammen, und er tat's ebenso, sich duckend und lauernd –

Ja, er war's und sie wußte auch, wer er sei und was er wolle, denn das Herz hatte ihr gesagt, was die Schrift auf dem Blatte bedeute. Von ihm – dem Schatten – kam die bleierne Decke, die er ihr um den Kopf gelegt. Von der roten Heide her war er gekommen, durch den Nebel immer hinter ihr geblieben, weil er die glühenden Kohlen in ihrer Brust sah. Daran erkannte er, wohin sie lief – und nun kauerte er dort und wartete, um ihr die Bleidecke immer enger und enger um den Kopf zu pressen, bis sie ihn zerdrücke.

Mit dem rechten Arm wie zur Abwehr umfahrend, sprang sie auf, um zu fliehen, und mit ihr sprang der Schatten auf und streckte den Arm nach ihr –

Das Blatt sagte, aufs Wasser könne er nicht nach –

Plötzlich brach ein Schrei von Zeas Lippen: »Mutter – Mutter – hilf mir!« Der erste war's, den sie ausstieß, seitdem sie von dem Findlingstein auf der Heide zurückgekommen, ein Schrei des Herzens, namenlosen Jammers, der hilflosen Verzweiflung. Sie hielt beide Anne ausgebreitet, und im nächsten Augenblick lag der Dünenhang leer da, mit dem zurückrollenden Vorwasser lief sie geradeaus in die See. Und es war, als ob diese ihren Ruf gehört, so kam, höher noch als bisher, eine Welle, einer hochanschwellenden Brust gleichend, von der her weiße Hände sich vorstreckten. Ruhevoll und machtvoll zugleich kam sie, umschlang das Mädchen und hob es empor, wie eine Mutter ihr hilfloses Kind in die Arme nimmt. Nichts blieb sichtbar, als flüchtig noch das aufgelöste, goldig schimmernde Haar Zeas, dann neigte es sich über und verschwand, niedertauchend, unter einer weiß sich drüber breitenden Decke.

Zwei Menschenaugen hatten den Vorgang wahrgenommen, doch zu weit entfernt, zu undeutlich, um zu erkennen, was vor ihnen geschehe. Der Strandvogt Henning Witttop war in der wundervollen Nacht noch von seinem Häuschen her auf der Düne entlang gewandert, sich an dem Rauschen und Schäumen der Mondflut zu erfreuen. Ihm schien's, daß sie vor ihm jemand zum Baden habe, aber die in der Welle verschwundene Gestalt kam nicht wieder zum Vorschein. Unwillkürlich eilte er hinzu; eine neue Welle wälzte etwas mit sich und rollte zurück.

Da hielt er's gefaßt, ungläubig mit weitoffenem Blick darauf starrend. Auf den Armen trug er Zea an den Strand, hoch aufschnaubend rauschte die Flut ihm nach, als suche sie zornig-gewaltsam ihm seine Bürde zu entreißen.

Die lag reglos, mit geschlossenen Augen. Doch sie konnte nicht tot sein, zu kurz nur hatte sie unter dem Wasser verweilt. Sie mußte nur in Betäubung liegen, zum Leben zurückkommen.

Im Pfarrhaus waren Christian Hollesen und seine Frau heimgekehrt, suchten unruhig nach ihrer Tochter, von der die Magd nichts wußte. Mit einer Beschwichtigung überkam's den Pastor, wahrscheinlich hatte die Mondnacht sie auf die Heide hinausgelockt, und dann war sie dort wohl nicht allein. Obwohl von seinem langen Tagesweg ermüdet, begab er sich doch eilig wieder fort, sie an der ihm bekannten Stelle zu finden.

Im Schulhause saß Tilmar Hellbeck in seiner Kammer, bei einem rotflackernden Talglicht wiederholend, was er schon ungezählte Male getan. Er las den Bericht Jasper Simmerlunds, wie Henning Wittkop in der Dezembernacht das auf der See zur Welt gekommene fremde Kind in die Schulstube hereingetragen. Dorthin – die Tür zu ihr war offen – und der junge Lehrer wandte den Blick hinüber.

Da sprang er auf, wie eine Vision vor seinen Augen war's. Leibhaftig kam Henning Wittkop in die Schulstube hinein, etwas auf dem Arm tragend, nur nicht klein, sondern lang hingestreckt und, man sah's ihm an, nicht leicht wie damals, mit mühsamem letztem Kraftaufgebot. Deshalb brachte er's hierher, ins nächste Haus, aus erschöpfter Brust stammelnd: »Sie ist nicht tot – Sie kann nicht tot sein –«

Frau Margret kam ebenfalls, tat, wovor die Männer, die sich nicht zu helfen wußten, zurückscheuten. Um das Leben galt's und sie öffnete der Hingelegten die einengenden Kleider, zog diese hastig zur Seite, und in dem rötlichen Lichtschein lag Zea Hollesen mit der halbentblößten, schönen, jungfräulichen Brust da. Doch alle Bemühung, sie zum Atmen zu bringen, war vergebens; sie blieb reglos, war tot. Ihr Herz mußte der Welle geholfen haben; die allein hätte es nicht vermocht.

Wie ein Traumbild war's vor dem Blick Tilmar Hellbecks, ein Schreckensbild und zugleich von geheimnisvoller wundersamer Schönheit. Er dachte nichts, und keine Zeit war um ihn; auch den Pastor und dessen Frau sah er kommen, doch wie durch einen Nebel, ohne den Ausdruck ihrer Züge zu erkennen, und er hörte ihre Stimmen nicht. Er sah nur die Tote.

Dann stürzte etwas von draußenher durch die Tür herein, stieß einen herzzersprengenden Schrei aus, und wie leblos stürzte Meinolf Alfsleben vor der Toten nieder.

Markdurchdringend klang's und doch plötzlich ließ es einen seltsamen Glanz in den Augen Tilmars aufirren. Der Schrei sprach etwas, riß einen Schleier fort, mit dem sich die geheimnisvolle Schönheit umwoben gehalten, und enthüllt stand sie vor ihm da.

Sie hatte ihr Versprechen erfüllt, heute zu ihm' zu kommen, und niemand konnte sie ihm mehr nehmen – auch sie selbst nicht.

Frau Mathilde hatte mit zitternder Hand die Kleider über die Brust der Toten zurückgezogen. Nun hob Christian Hollesen sein Kind auf die Arme, es ins Pfarrhaus zu tragen. So hatte er's vor achtzehn Jahren getan; wie auf einem im Sturm schlingernden Schiff ging taumelnd Henning Wittkop neben ihm und redete vor sich hinaus: »Sie hat der See zugehört, die ließ nicht von ihr.«

Zwei Tage vergingen, da sammelten sich am Morgen die Dorfbewohner auf dem Kirchhof an. Vor dem efeuumwachsenen Gedenkstein Meinolfs von Rhade war eine Gruft gehöhlt; er ruhte nicht unter dem Grabmal, doch seine Tochter legte man heute hier in die Erde, in den Sand der alten Düne. So hatte Christian Hollesen es angeordnet.


Eine Totenfeier war's; festlich stand alles umher gewandet, der Himmel in wolkenlosem Blau, das in endlose Weite schimmernde Meer, die rotblühende Heide, in ihrem Goldkleid die Sonne. Alle erschienen nicht wie Leidtragende, doch in feierlicher Schönheit. Von der Kirchenmauer sahen die alten Findlingsteine nieder; nicht düster, mit einem freundlichen Ernst blickten sie auf den Lebenstraumwahn der ihnen vorüber kommenden und gehenden Menschen. So flatterten die kleinen blauen Falter dort über den Gräbern ein paar Stunden im Licht.

Der Wagen hatte von Helgerslund auch Herrn und Frau von Brookwald und Unna zur Beerdigung gebracht. Gertrud bot körperlich und geistig das Gepräge einer frühalten Frau mit völlig leerem Gesichtsausdruck; nichts lag in ihren Zügen, als eine stumpfe Gleichgültigkeit. Ihr Mann trug schwarze Kleidung und einen umflorten Hut, wie ein dem Vorgang Nahstehender. Er hatte Worte mit der Pastorin getauscht und schien die fast gleichzeitig mit der Todesnachricht zu ihm gelangte Kunde von der Abstammung Zeas als nicht unglaubhaft anzunehmen. Doch jetzt für belanglos; ob sie wirklich eine Tochter seines verstorbenen Schwagers gewesen oder nicht, besaß für sie selbst und für niemand mehr irgendwelche Bedeutung; bei genauerer Achtgabe ließ seine Miene Anstrengung erkennen, den geziemenden Trauerernst zu bewahren. Unna sah bestürzt und betrübt aus; sie hatte Zea lieb gehabt und hielt einen selbstgewundenen großen Kranz von weißen Rosen in Händen, ihn auf das Grab zu legen. Aber sie war noch ein halbes Kind, das den Tod in seiner Wirklichkeit im Innern noch nicht voll begriff, ihn im Gefühl mehr wie einen ungewöhnlichen, langen Schlaf trug, und ungeachtet ihres Kummers blickte sie doch mit etwas Verwunderung nach einer Stelle jenseits der Gruftöffnung hinüber, daß dort Meinolf Alfsleben stehe und sich zu dem Begräbnis mit eingefunden habe. Er hatte gestern in der Stille seinen Vater unter dem Eichenlaubdach des alten Hünengrabhügels beerdigt, war danach auf die Heide zu dem Findlingstein gegangen und dort die Mondnacht hindurch geblieben. Nun stand er, als ob er in seiner Empfindung allein hier sei, nichts von der Anwesenheit aller übrigen sehe und höre. Sein ganz farbloses Gesicht hatte eine wunderbare Schönheit gewonnen; man konnte es sich als das in einem Marmorgebild verkörperte Antlitz des Todes vorstellen, der an der Gruft stehe, die er für ein mit unabänderlicher Notwendigkeit von ihm beendetes Leben aufgetan. Ohne Regung einer Wimper hafteten seine Augen auf dem über der Höhlung ruhenden Sarg, als durchdrängen sie mit einer übernatürlichen Kraft die schwarze Holzwandung und sähen, was kein Blick sonst gewahren könne. In der Hand hielt Meinolf Alfsleben einen von dem Findlingstein draußen mitgenommenen blühenden Heidezweig.

So umgaben die auf dem Kirchhof Versammelten die Stätte, und jetzt kam Christian Hollesen heran, verwundert-überraschte Blicke auf sich ziehend, denn er trug nicht den geistlichen Summar, sondern seine tägliche Kleidung. So trat er an das Grab und sprach:

»Ich bin nicht der Pastor, der dieses Grab weihet; der Vater bin ich, der sein Kind bestattet. Ich bin nicht der Prediger, der zur Gemeinde redet: der Vater spricht zum letztenmal zu seinem Kinde. Mein Kind warst du, denn in meinem Herzen trug ich für dich die Liebe des Vaters; alles andere ist inhaltloses Wort und eitel. Und eitel ist das geistliche Kleid an deinem Sarge, Lüge wär's, käme ich in ihm zu dir. Ich komme, wie ich mit dir lebte, wie ich für dich war; nicht für eine Ewigkeit, für die kurze Zeit unseres Seins. Sie ist dir kürzer gewesen, als mein Hoffen sie maß; du bist nicht mehr, ins Nichts mir vorangegangen und zum Nichts bist du geworden. Die Liebe ist mit dir gestorben, reicht nicht mehr zu dir hin, denn es ist nichts in diesem Sarge. Laßt ihn nieder!«

Die an den Seilen Harrenden kamen dem Geheiß nach, ungläubig staunend blickten rundum die Hörer auf den kurz verstummten Sprecher. Worte waren es gewesen, wie sie wohl noch an keinem Grabe vom Munde eines Pastors gekommen, und so hob er sie jetzt aufs neue an. Ein Mensch stand da, der im tiefsten Schmerz jede Hülle von seiner Seele, seinen Gedanken ablegte, mit dem Herzen sprach, wie er fühlte und war. Liebe nahm Abschied von dem, was als ihr Teuerstes gelebt, und wußte, sie tue es für ewig. An diesem Grabe hielt die Übereinkunft, die er in sich zwischen der Forderung des geistlichen Amtes und seiner eigenen Erkenntnis geschlossen, nicht stand; für sich selbst umkleidete er diese nicht mit freundlich-tröstlichen Bildern, sondern von seinen Lippen trat die hüllenlose harte Wahrheit. Deutlich redeten die verhärmten Züge von schlaflos durchwachten Nächten; die bebende Stimme versagte ihm manchmal, daß er schluchzend innehalten mußte, ein armer, hilfloser Mensch. So hatte keiner der Zuhörer sich den ruhevoll-sicheren, alle anderen fest im Leid und Unglück aufrechthaltenden Pastor Hollesen vorstellen können. Mehr noch als seine Worte, sprach der Zusammenbruch seiner Kraft, was ihm die Tote gewesen und er mit ihr verloren.

Doch nun hatte er den letzten Abschied von ihr genommen, und plötzlich ging eine Verwandlung mit ihm vor. Er lichtete sich hoch auf, wie Flammen loderte es aus seinen milden Augen, und zu mächtigem, weithin hallendem Klang hob sich seine gebrochene Stimme:

»Dich aber, Friedrich von Brookwald, schuldige ich an, daß du meiner Tochter nach dem Leben gestanden. Du hast gewußt, ihr gehöre zu Recht, was du besitzest, und dreimal hast du sie zu töten gesucht mit Arsenik durch das Gift einer Schlange, durch den Niedersturz der Treppe in deinem Hause. Wie ist es geschehen, daß ich sie heute in die Erde legen mußte? Ich weiß es nicht – aber ich schuldige dich an, es kam wieder von deiner Hand, du hast sie getötet!«

Alles Blut war dem Angesprochenen aus dem Gesicht gefallen, kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn, er griff mit der Hand wie nach einem Halt hinter sich zurück. In der Brust jedes der Hörer umher stockte der Atemzug, wie betäubt richteten sie die Blicke auf den jäh mit so ungeheurer Anklage Getroffenen.

Doch nur einen Augenblick hatte Fritz Brookwald die Fassung eingebüßt; nun erwiderte er laut, allen vernehmlich:

»Mein armer Freund, der Gram um seinen Verlust hat ihm den Kopf zerrüttet. Wir sahen's und hörten schon an der unchristlichen Grabrede, mit der er seine Tochter bestattet, daß die Vernunft von ihm gewichen. Ich fühle tiefes Mitleid mit ihm, aber als Patronatsherr habe ich die Pflicht, der Kirchenbehörde Anzeige zu machen, daß die Gemeinde eines Ersatzes für ihn bedarf. Kommt, der Anblick des Unglücklichen erschüttert mich zu sehr.«

Das letzte Geheiß des Sprechers galt seiner Frau und Tochter, die ihm zum Verlassen des Kirchhofes folgten, Gertrud gleichgültig, automatenartigen Ganges, Unna in kinderhafter Willenlosigkeit. Scheu nach ihrem Pastor blickend, machten auch die Dorfleute, einer um den anderen, erst langsam, dann rascher, sich davon. Es ward leer um die Gruft, in die Christian Hollesens Augen niedergingen.

Er selbst fühlte das Übergewicht der Entgegnung des Helgerslunder Schloßherrn. Nur ein der Vernunft Beraubter konnte solche Anschuldigung ohne irgendwelche Beweismittel aussprechen. Und doch hatte er es gemußt, diese Stunde es von ihm gefordert.

Dazu empfand er, Fritz Brookwald habe wohl auch das Richtige gesagt; mit irrem Kopf sei er an das Grab getreten und so stehe er hier. Was er im Innersten trug, hätte er darin bewahren sollen, nicht den Ohren derer, die es nicht zu begreifen vermochten, kundgeben. Und doch wieder hatte er's gemußt, seinem Kinde mit dem letzten Wort die Wahrheit zu sprechen.

In dieser Stunde war der Widerstreit seines Lebens zum Ausbruch gekommen; er wähnte, ihn friedlich ausgeglichen zu haben, doch ein unversöhnlicher war's. Er hatte sich selbst mit dem Wahn betrogen, bis zum Ausgang die Freiheit seines Geistes mit dem Amt der Kirche vereinigt halten, seine Erkenntnis in ihre Ausdrucksworte fassen zu können. Aber dieser Erdhaufen türmte eine Klippe vor ihm auf, an der er gescheitert, er hatte Pastor sein müssen oder Mensch. Der Pastor hätte vor dem Grabe eine hohe, gerecht, gütig und weise bedachte Weltordnung verkünden müssen, doch vor seinem jammernden Herzen lag diese blind und, fühllos, Liebe und Schönheit gleichgültig zerstörend, und straflos ließ sie der Niedertracht den Sieg.

In irrem Gemütszustand, doch sinnbildlich, hatte Christian Hollesen sich der geistlichen Tracht entkleidet; er war kein Pastor mehr, der Patronatsherr brauchte ihn seines Amtes nicht entsetzen zu lassen. Nun löste sich der Kampf seiner Sinne, er schlug sich die Hände vors Gesicht, lindernd brachen zum ersten Male ihm Tränen aus den Augen. Sanft legte ein Arm sich um ihn, er fühlte, der seiner treuen Lebensgenossin sei's, der Liebe, die ihm noch geblieben, und er ließ sich von ihr fortführen.

Zwei auf dem Kirchhof Mitanwesende allein hatten sich nicht um die Grabrede und den ihr nachgefolgten aufregenden Vorgang bekümmert, nichts davon gehört und gesehen. Durch die Gruft voneinander getrennt, blieben sie jetzt als die einzigen an ihr, Meinolf Alfsleben und Tilmar Hellbeck, auch sich wechselseitig nicht wahrnehmend. Nur der erstere regte einmal kurz die Hand und warf den von ihr gehaltenen blühenden Heidezweig in die dunkle Höhlung nieder. Dann standen beide unbeweglich, mit den Augen auf dem Gedenkstein Meinolfs von Rhade haftend, von dessen weißer Marmorplatte, in der hellen Sonne flimmernd, die Inschrift aufsah:

»In Jugend, sprachen die Alten, gehen dahin,
die von den Göttern geliebt werden.
Leidlos aus der Sonne entrafft jäh sie der Blitzstrahl.
So leben sie immer jung dem Gedenken.«

Heute hatte der, welcher es einst ahnungslos auf den Stein gesetzt, gesprochen: »Die Liebe ist mit dir gestorben, reicht nicht mehr zu dir hin, denn es ist nichts in diesem Sarg.«

Aber jene beiden waren noch jung, und ihre Herzen hielten es heute für unmöglich, daß die Liebe je in ihnen auslösche. Für sie barg die schwarze Holzlade das höchste, was ihrem Leben geblieben, zu immer gleichem Gedenken. Als Christian Hollesen die Inschrift verfaßt hatte, war es für fremdes Leid und auch er noch jung gewesen.

Außer den zweien befand sich nur noch ein Arbeiter an dem Grabe, der die Höhlung zuschaufelte. Gleichmäßig warf er den Sand auf den Sarg, und unter jenem verschwand wie ein zerfließendes Traumbild die kleine Blüte, die Meinolf schweigend der Toten mitgegeben. Draußen aber gegen Osten blühte weithin die purpurne Heide fort, und unabsehbar im Westen spielte mit glimmernden, murmelnden Wellen an den Strand und über ihren dunklen Tiefen die See.

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