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Aus See und Sand - Zweiter Band

Wilhelm Jensen: Aus See und Sand - Zweiter Band - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorWilhelm Jensen
titleAus See und Sand ? Zweiter Band
publisherHesse & Becker Verlag
year
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080809
projectid0841748f
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XIV.

Wenig Stunden hindurch nur erhielt sich die nächtige Herrschaft des Mondes; höchste Sommerzeit war's, und rasch nahm die Sonne ihre Oberhoheit wieder an sich. Während ihrer kurzen Abwesenheit lieh sie ihm ihre Lichtmacht, doch entzog sie ihm diese im Augenblick ihrer Rückkehr. Nur als ein Spielzeug ihrer souveränen Laune erschien seine Glanzpracht; mit dem ersten Wurf ihrer Goldstrahlen zog sie ihm das silberne Gewand von den Schultern, und als ein armseliger, der königlichen Gnadenzeichen entkleideter Vasall stand er da, einem zerrinnenden Wölkchen gleich, schien sich in seiner Dürftigkeit vor den Augen zu bergen, die nicht mehr nach ihm sahen. So schwand er unbeachtet in nichts, schon geraume Zeit, eh' er seinen Weg bis an den westlichen Himmelsrand zurückgelegt, und leise rannen die ebbenden Wellen der Nordsee ihm vom Strande nach. Für sie blieb er, trotz seiner Entthronung in der Luft, doch der Gebieter, gegen den sie sich nicht auflehnten; sie wußten, er kehrte am Abend wieder, mächtiger noch als gestern, sie zum Gehorsam zu zwingen. Jene aber, die große Herrin des Tages, hob sich nun voll unter der funkelnden Krone auf ihren blendenden Goldthron. Und wie eine Fürstin, die mit eigenen Augen sich von allem zu unterrichten trachtet, suchte sie den Strahlenblick in jeden verschatteten Winkel ihres weiten Reiches zu heften.

Ein paar Stunden vergingen so, da fand sie auch einen Durchlaß zwischen grauen Buchenstämmen und Laubgewirr, und unter diesem blitzte sie auf die geschlossenen Lider Meinolf Alfslebens.

Ziellos durch den Wald laufend, war er gestrauchelt, hingefallen und nicht wieder aufgestanden; Ermattung hatte ihn kraft- und willenlos gemacht, dann seine verworrenen Sinne mit dumpfer Schlafbetäubung überwältigt. So lag er, neben der Baumwurzel, die ihn zu Fall gebracht, auf einer Moosdecke, und nun ließ der grad' in sein Gesicht gezielte Goldpfeil ihn emporfahren.

Bewußtlos blickte er erst um sich, begriff nicht, wo er sei, bis ihm plötzlich die Erinnerung kam. Und mit einem Schlage völlig überhellt stand alles gestern abend und in der Nacht Geschehene vor ihm; kein Schreckenstraum, gewisse, unabänderliche Wirklichkeit.

Ein frostiger Schauer durchlief ihn, doch ein körperlicher war's, von der Taukühle seines nächtlichen Lagers verursacht, nicht aus seinem Innern, dem rückgekehrten Gedächtnis herauf. Etwas Unbewußtes mußte während des Schlafes in ihm vorgegangen sein, ihm selbst zunächst nicht erklärbar. Aber anders sah das gleich einem Blitz auf ihn Niedergefahrene ihn in der freudigen Morgenhelle der Waldstille hier an, als in der gespenstischen Mondnacht an dem alten Grabhügel.

Wohl entsetzlich; sein Denken wich davor zurück, vor der Vorstellung einer Wiederbegegnung mit seinem Vater. Ohne es denken zu wollen, empfand er, ein weiteres Zusammenleben mit jenem sei für ihn nicht möglich. Wenigstens jetzt nicht – vielleicht später, wenn die Zeit, Jahre darüber hingegangen. Jetzt mußte er Ekenwart verlassen, fort, in die Weite, zu seinem Beruf zurückkehren, sich durch ihn einen eigenen Lebenshalt schaffen. Ihn durchrüttelte es dabei – sein Beruf war, die Hoheit des Rechtes und Gesetzes zu erhalten, Schuld zu erforschen, aus ihrer Verborgenheit ans Taglicht zu ziehen und als Richter zu strafen. Ihm klang's schaudernd im Ohr auf, daß er am Abend seiner Ankunft lachend ahnungslos gesprochen, Themis werde sich trösten, wenn sie noch drauf warten müsse, ihn als Staatsanwalt zu sehen.

Nur eine sich aufdrängende furchtbare Vorstellung war's, wesenlos, sogleich in nichts zerfallend. Recht und Gesetz legten ihm eine Pflicht auf, doch sie selbst erkannten ihm eine andere zu – dem Sohn ein höher darüberstehendes Naturrecht, Sein Schweigen brach nicht Pflicht und Gelübde; hier hatte er keines Richteramtes zu walten.

Was alles war ebenso wie gestern, und dennoch lag's in der hellen Morgensonne anders um ihn und in ihm. Er dachte darüber, woher die Veränderung gekommen, und ihm ging's auf: wie etwas Fremdes, einem anderen Geschehenes war's ihm geworden. Er trug keine Mitschuld, sein eigenes Gewissen belastete die verbrecherische Tat nicht, sein eigenes Leben rührte sie nicht an. Nichts verband ihn mit dem Ermordeten, als der gleiche Name, der ihm beigelegt worden; er hatte ihn nicht gekannt, für ihn war der Tote ein Fremder, nichts als ein inhaltloser Name. Des Vaters Schuld fiel von ihm ab, vor ihm selbst und vor allen, außer vor denen, die das gleiche Blut mit Meinolf Rhade in sich trugen. Nur Frau von Brookwald und ihrer Tochter vermochte er nicht mehr ins Gesicht zu blicken, sie, konnten ihm entgegenrufen, daß er davor verstummen mußte: »Du bist der Sohn des Mörders!« Aber zu jedem sonst durfte er die Augen aufheben wie zuvor.

Der jähe Einbruch des Schrecklichen hatte ihn gestern übermannt, ihm den Kopf betäubt. Jetzt fand er die Besinnung und ruhige, klare Erkenntnis wieder. Vogelstimmen klangen über ihm im Laub, und bunte Schmetterlinge kamen geflattert, wiegten sich auf farbenfrohen, von den Sonnenstrahlen überflossenen Blumen; nah' vor seinen Augen schlug ein großer prachtvoller Falter tiefblau schillernde Flügel auseinander. Die Natur war unverändert, freudiges Leben genoß überall die ihm zugemessene Zeit, und schön war's, mit klopfendem, sehnsüchtigem Herzen diesem Leben mit anzugehören.

Meinolf saß und übersann die Zukunft, die er sich gestalten mußte, womit er sie beginne. Nach dem Lesen des von Frau von Brookwald zurückgelassenen Briefes hatte er den Vorsatz gefaßt, heut morgen seinem Vater als ein Heilmittel eine Tochter ins Haus zu bringen; das war ausgelöscht, Zea konnte und sollte Ekenwart nicht betreten. Noch anderes, mußte geschehen, heut', in der nächsten Stunde, etwas, das er wohl schon früher hätte tun müssen. Aber so unsagbar köstlich war's gewesen, das Geheimnis in der Heide allein zu besitzen und zu bewahren, daß niemand sonst darum wisse; der Gedanke, es anderen kundzutun, hatte ihn angerührt, als werde der Blütenduft dadurch von einer Zauberblume abgestreift, das hohe Festtagswunder des Lebens zu alltäglich Gewöhnlichem. Es war eine traumhafte Schönheit gewesen, die keine Wirklichkeit erhöhen, so wiederbringen konnte.

Doch nun hatte der Tag mit böser Hand in den Traum hineingegriffen, sein zartes Gewebe zu zerreißen, und es mußte geschehen. Meinolf stand auf, nach Loagger ins Pfarrhaus zu gehen, in bräuchlicher Weise bei dem Pastor Hollesen um die Hand seiner Tochter zu werben. Darüber hinaus dachte er noch nicht, aber sie mußte ihm vor der Welt verlobt sein, eh' er von ihr ging, für sie sich durch seinen Beruf und eigene Kraft eine Lebenssicherung zu erringen. Noch einmal wollte er dann mit seiner Braut zu dem alten Findlingstein, dem Urheber seines Glückes, und danach fort, in die Fremde, ohne Ekenwart mehr zu betreten. Welche Gründe er dafür vorgeben werde, wußte er noch nicht, doch sicher entschlossen, mutig und freudig sogar schlug ihm das Herz bei dem Vorausblick, ohne die Beihilfe seines Vaters selbst für seine Frau sich eine Zukunft zu gestalten.

Rasch schritt er westwärts durch den Wald, gelangte bald an den offenen Rand der Heide. Noch frühe Morgenzeit war's, Tautropfen hingen funkelnd an den roten Glöckchen, und nur Bienengesumm ging über die stillleere Fläche. Dann tauchte einmal klein in der Ferne eine von Loagger herüberkommende Menschengestalt auf, geraume Zeit lang nicht unterscheidbar bleibend. Aber allmählich wies sie ein Kennzeichen besonderer Art, denn Nathan Aronsohn war's mit seinem Sack, schon zu seinem Gewerbegang aufgebrochen. Er hinkte nicht aus der Richtung der Stadt her, sondern war gestern nach seinem Vorkehren auf Helgerslund von Norden am Strand entlang bis zum Dorf gekommen und hatte dort die warme Nacht billigst in einer Scheune zugebracht. Nun auf dem schmalen Heideweg mit Meinolf zusammengeratend, trat er, die Mütze abziehend, beiseite und fügte seinem unterwürfigen Morgengruß hinzu: »Ist es ungewöhnlich frühe Stunde, daß mir wird beschert anzutreffen den gnädigen Herrn Junker, der bereits scheint umzusuchen auf der Heide nach dem Karfunkelstein, den ich immer noch nicht kann heraustun vor seine hochgeborenen Augen aus meinem armen Sack.«

Der Angesprochene befand sich nicht in der Gemütsverfassung, eine Zwiesprache mit dem Trödler zu führen, vergaß sogar, ihm zu winken, daß er die Mütze aufsetzen solle, und erwiderte nur flüchtig von einer Erinnerung angefaßt: »Ich trage kein Verlangen nach dem, was du aus dem Sand scharrst, es ist nicht allemal Gutes.«

Doch Nathan blieb trotz der kurzen Verabschiedung noch stehen und versetzte mit einem eigentümlichen Spiel um die Mundwinkel: »Wird es auch sagen der Herr Baron auf Helgerslund, daß es ist nicht allemal Gutes, was kommt aus dem Sand, Wunder, wie doch kann kommen über Nacht aus dem Sand ein Karfunkelstein in einer schlechten alten Flasche von Glas, daß der Herr Baron wird machen geblendete Augen davon, wenn er muß lassen zu eigen das kostbare Gut und Schloß von Helgerslund der hochgeborenen Tochter seines schon lange draußen auf der See verunglückten Herrn Schwagers.«

Etwas von Befriedigung eines tief innerlich verhehlten Hasses flimmerte aus den dunklen Augensternen Nathan Aronsohns, und er zuckte bei den Worten unwillkürlich ein paarmal mit seinem zu kurz geheilten Bein. Meinolf Alfsleben aber fiel jetzt, ungewiß stutzend, ein: »Wovon sprichst du? Ich verstehe dich nicht.«

»Um zu fragen und zu reden so, muß dem gnädigen Herrn Junker noch nicht zu Ohr gekommen sein das Gehör davon, was geworden ist für eine großmächtige Erbin vor Gesetz und Gültigkeit die arme Findlingstochter von Herrn Pastor Hollesen in Loagger, daß es ihm wird tragen guten Zins. Ist es vielleicht ein guter Weg für mich, den ich gegangen hierher, daß ich kann mitteilen dem Herrn Junker die erste Nachricht –«

Nathan sprach fort von dem, was in Loagger viele schon wußten, denen Frau Margret Hellbeck, die alte Mutter des Schullehrers, davon erzählt. Um Gewisses zu erfahren, aber war er zu diesem selbst gegangen und hatte auf seine Erkundigung bestätigt erhalten, daß Tilmar Hellbeck auf der Insel Herdsand in einer langvergrabenen Flasche Schriftstücke gefunden, aus denen unzweifelhaft hervorgehe, wie auch der Herr Pastor es anerkannt, Zea Hollesen sei die rechtmäßige Besitzerin von Helgerslund, da sie auf einem Schiff von der ehelich angetrauten Frau des verstorbenen jungen Freiherrn Meinolf von Rhade als nachgeborene Tochter zur Welt gebracht worden. Das berichtete Nathan mit einem andauernden Durchglimmern heimlicher, schadenfreudiger Befriedigung, brach jedoch beim letzten Wort verwundert und halb schreckhaft ab:

»Gütiger Himmel, Herr Junker, ist Ihnen nicht wohl bekommen der frühzeitige Ausgang, weil Sie vielleicht nicht haben genug zu sich genommen an nahrhaftem Imbiß, daß Sie sind geworden in diesem Augenblick weißfarbig im Gesicht zum Erschrecken? Wenn ich mir darf herausnehmen die große Kühnheit, anzubieten dem gnädigen Herrn Junker ein Stück grobes Brot aus meinem Sack –«

Er machte eine Bewegung, diesen von der Schulter zu heben; denn in der Tat stand Meinolf Alfsleben mit völlig blutlosem Gesicht da, weiß wie ein Toter. Vor den Augen aber lag's ihm, was Nathan Aronsohn nicht sehen konnte, wie jählings auf sie gefallene schwarze Nacht, reglos ohne Atemzug hielt seine Brust an, nur seine Hand griff jetzt vor und stützte sich schwer, wie die eines haltlos vom Umsturz Bedrohten gegen die Schulter des Juden. Ein paar Sekunden lang, dann stand Nathan allein und murmelte, dem ohne Wort schwankend Davongehenden nachblickend, vor sich hin:

»Wunder, was kann ankommen auch die hochgeborenen Herren im Kopf, wenn sie sind gewesen zu sparsam im Magen. Aber wird liegen schwer im Magen heut der neue Karfunkelstein aus dem Sand dem freigebigen Mann mit Eichenknittelholz aus dem hochadligen Herrenwald. Hat er mich beschenkt doch unentgeltlich mit einem Wetterglas am Leib, anzukündigen mir den Umschlag der Witterung, und spür' ich heut' auch in dem guten Wahrsager die Magenbeschwernis des Herrn Baron von Brookwald.«

Sich bückend, streichelte Nathan Aronsohn ein paarmal halb zärtlich mit der Hand über sein linkes Bein, dann humpelte er weiter. Die Heide lag wieder einsam in der Morgenstille da, wohl über eine Stunde lang, bis Meinolf Alfsleben sich abermals der Stelle seines Zusammentreffens mit Nathan näherte. Doch kam er jetzt aus Westen, von Loagger her, gehend, solang er in Gesichtsweite des Dorfes war, dann aber lief er, und neben ihm lief sein Schatten. Vor seinen starrblickenden Augen wogte das purpurne Blütenmeer um ihn wie mit Blutwellen, jeder Heidebusch griff nach seinem Schatten, und alle Glöckchen zischten wie mit Otternzungen: »Haltet ihn! Es ist der Sohn des Mörders ihres Vaters!«

Und nun wieder durch manche Stunden hob sich über der menschenleeren Fläche die hochsommerliche Sonne ihrem Mittagsziel im wolkenlosen Blau entgegen. Da sah sie südlich von Loagger eine hohe und liebliche Mädchengestalt am Strand entlang schreiten, auf täglich gewohntem Weg zur Linken in die Heide einbiegen. Zea ging rasch, mit voraussuchenden Augen, doch in einem Gefühl, als bewege der Boden sich leise unter ihren Füßen auf und nieder. Die Dinge um sie her hatten etwas Unwirkliches, wie in einem wachen Traum um sie Liegendes; was mit ihr seit gestern geschehen, seit sie zum letztenmal hier gegangen, begriff sie nicht mit deutlichen Gedanken; wie ein Sonnenlicht und wie dunkelnder Nebel umgab's sie. Als komme es von diesem, empfand sie einen leichten, stechenden Schmerz hinter der Stirn, doch darunter den Herzschlag so freudig, wie mit lichter Sonne, mit seligem Leben durchfließend und erfüllend. Sie wollte auch nicht darüber denken, was der gestrige Abend in ihre Hand, in ihr Gefühl gelegt – jetzt nicht – später; nur eines kam ihr, der leise Stich im Kopf rühre wohl davon her, daß Tilmar Hellbeck es gewesen sei, der die alten Schriftstücke aufgefunden und ihr gebracht habe. Seine Augen hatten sie so anders dabei angesehen, als am Nachmittag auf dem Kirchhof, nicht hilflos traurig, hatten so geleuchtet – das tat ihr weh – daher kam wohl der Stirnschmerz –

Hatte es sie früher als sonst vom Hause fortgetrieben, der Findlingstein lag noch leer vor ihr, Meinolf erwartete sie noch nicht darauf. Nur etwas Ungewohntes sah ihr von ihm entgegen, ein weißer Schimmer; auf den roten Blüten, die auch den Stein jetzt überrankten, lag ein Stück Papier, der Wind mußte es in Spiellaune grad' dort hinaufgetragen haben. Doch nun gewahrte Zea kleine Kiesel darauf liegen, das konnte nicht vom Wind so hergestellt sein. Verwundert nahm sie das Weiße Blatt und schlug es auseinander. Auf der Innenseite standen einige Schriftzeilen, die sie las:

»Es war nett, hier zu sitzen und sich mit dir zu unterhalten, Zea Hollesen, aber ich habe fortan nicht mehr die Zeit dazu, weil ich mich gestern mit Unna Brookwald verlobt habe. Du rietest mir es ja, so wird's dich nicht wundern. Leb' wohl – ich reise heut von Ekenwart fort und komme erst im Winter, oder wann, zu meiner Hochzeit zurück.

Meinolf von Alfsleben.«

Die Tochter Nathan Aronsohns hatte mit ihrem Vater einen Handel um ein Pulver abschließen wollen, das »weiß im Gesicht« mache. Auch am Grunde ihrer Schatzlade war in einem alten Briefblatt ein feineres und tödlicheres Gift enthalten gewesen und Miriam eine Pandora, die es unbewußt über die »blonde Christentochter« ausgeschüttet.


Wider Wunsch und Absicht Christian Hollesens ging's, daß Margret Hellbeck ohne sein Wissen schon am Abend Leuten aus dem Dorf von dem wundersamen Fund ihres Sohnes Mitteilung gemacht. Doch sie selbst war durch seine Entdeckung zu stark in innere Erregung geraten und gegen ihre Natur schwatzhaft geworden; ihr Mund floß von dem über, wovon ihr Herz voll war. Denn Tilmar hatte der Pflegetochter des Pastors ihren wahren Namen, die Kunde ihrer Herstammung zugebracht, eine Gabe, der keine andere auf der Erde gleichkommen konnte, und zu innigstem Dank mußte sie sich ihm verpflichtet fühlen. Frau Margret machte sich nicht deutlich, daß er durch den Rang und Besitz, den er Zea von Rhade verliehen, den Abstand zwischen ihr und dem armen Dorflehrer noch mehr erweitert habe; sie sah nur den Glanz, der in seine trüben Augen gekommen, die Hoffnung, die plötzlich in ihr selbst aufgeblüht dastand. Eine Mutter war's, die allein für ihren Sohn gelebt, nur an ihn dachte, und wie in einem Rausch hatte sie jedem, auch Nathan Aronsohn, von dem Glücksfund Tilmars erzählt. Der Pastor dagegen hätte dessen Entdeckung lieber vorerst in Verschwiegenheit gehalten, hauptsächlich um ein Hinübergelangen nach Helgerslund zu verhüten. Doch lag die Macht dazu nun nicht mehr in seiner Hand, sondern er mußte darüber nachdenken, möglichst rasch die besten Schritte zur Geltendmachung der Ansprüche Zeas zu tun. Unaufhellbares Dunkel umgab ihm noch den Lichtstrahl, der plötzlich auf ihre Herkunft gefallen; obwohl er seit bald dreißig Jahren das Kirchenamt in Loagger verwaltete, hatte er keine leiseste Ahnung von einer ehelichen Verbindung Meinolfs von Rhade gehabt, nie den im Trauschein angeführten Namen Eduv Nordwalt gehört. Das einzig Haltgebende war, daß dieser Trauschein vor seinen Augen dalag und mit ihm die Beglaubigung des Kapitäns und Steuermanns der »Thetis«, das auf ihrem Schiff geborene Kind sei das der Frau von Rhade. So weit erschien die Tatsache nicht zweifelhaft, doch Christian Hollesen war ein besonnener Mann, der auch durch solchen Augenschein sich nicht in ruhiger Erwägung beirren ließ. Er trug allerdings vollste Überzeugung von der Richtigkeit in sich; die Ähnlichkeit Zeas mit Unna Brookwald sprach fast wie ein Beweis dafür, der Vater der letzteren hatte dies offenbar schon seit langem erkannt und mußte von einer Ahnung berührt sein, woher die Ähnlichkeit stammen möge. Aber eine wirkliche Beweiskraft enthielt auch diese nicht, und es galt zunächst, eine Vergewisserung zu gewinnen, ob die aufgefundenen Dokumente rechtliche Gültigkeit besäßen. Dir Trauschein konnte gefälscht, die Beglaubigungsschrift der beiden Schiffer von anfechtbarem Wert sein. Bei nüchterner Betrachtung nahm die juristische Seite der Angelegenheit sich anders aus, als in der ersten bewältigenden Überraschung.

Im Gange des Vormittags gelangte der Pastor zur Erkenntnis des vorderhand Notwendigsten. Er schrieb einen Brief an den Dorfpfarrer, von dem der Trauschein ausgestellt worden, dann begab er sich, nachdem er sein Ausbleiben über den Mittag angekündigt, auf den Weg zur Stadt. Seine Frau befand sich von dem Ereignis in ähnliche innere Erregung versetzt, wie Margret Hellbeck, nahm Abschied von ihm damit, daß sie seine Rückkunft kaum erwartet können werde. Sie sah und hörte nicht recht, was um sie war; alles Denken und Fühlen in ihr richtete sich darauf, welchen Bescheid des Rechtskundigen, den ihr Mann aufzusuchen beabsichtigte, dieser heimbringe. Hollesen lag beim Fortgang noch ein Wort auf der Zunge, doch er hielt es zurück. Er hatte bis heut' seiner Frau von der Wahrnehmung, die er auf der Heide gemacht, und von seinem Besuch auf Ekenwart geschwiegen, so verschob er auch jetzt eine Mitteilung darüber bis zu seiner nachmittägigen Wiederkehr. Sein Vorhaben drängte ihn davon und außerdem war's ihm, es sei ein schönes Geheimnis, wie etwas Heiliges, das er fast freventlich mit profanen Augen ausgekundet. Nicht er dürfe davon reden, Zea selbst müsse es offenbaren; am Abend wollte er ihr in die leuchtenden Augen sehen und mit den seinigen stumm-verständlich sagen: »Tu's, laß dein Glück auch unseres sein!«

Er hatte sie beobachtet, ihren Weggang vom Hause zur täglich gewohnten Zeit wahrgenommen, ungefähr eine halbe Stunde, bevor er sich auf den Weg begab. Nun wanderte er an der Stelle vorbei, wo ihr Pfad in die Heide nach dem Findlingstein abbog. Zitternde Sonnenwellchen der Luft woben einen duftgleichen Schleiervorhang über rote Blüten; lächelnd blickte er hinüber, er wußte sein Kind in guter Hut. Nur Namen ohne Inhalt für sie hatte die See ihr zugetragen, keine Liebe eines Vaters und einer Mutter; sie blieb sein Kind, nur mit Meinolf Alfsleben mußte er sie fortan teilen.

Der ihm befreundete Rechtsanwalt in der Stadt prüfte die Schriftstücke, gab sein Gutachten dahin ab, die oberste Frage sei, ob der Trauschein sich als richtig und unanfechtbar herausstelle. Wenn das zutreffe, würde sich's darum handeln, die Heimat der beiden untergegangenen Schiffer ausfindig zu machen, um die Echtheit ihrer Unterschriften beglaubigt zu erhalten. Doch würde auch damit noch kaum eine ausreichende Rechtsgültigkeit gewonnen sein, da wiederum der Zeugenbeweis fehle, das von Hennig Wittkop an den Strand gebrachte Kind sei identisch mit dem auf der »Thetis« geborenen. Aus den Äußerungen des Advokaten ging hervor, er sehe ein für die richterliche Entscheidung sicher bestimmendes Ineinandergreifen der vielfältig erforderlichen Belege als sehr schwierig herstellbar an; Hollesen hatte dies ebenfalls in der Empfindung gehabt, doch sich nicht so nach allen Richtungen zur Vorstellung gebracht. Er verließ das Haus des Rechtsanwalts mit der Abrede, zunächst auf die Antwortsauskunft hinsichtlich des Trauscheins zu warten; ziemlich enttäuscht in seiner Hoffnung schlug er den Rückweg ein. Doch nicht lang hielt die Herabstimmung in ihm an. Lag denn das Lebensglück für sie darin, als das, was sie fraglos war, vor der Welt anerkannt, zur Besitzerin von Helgerslund zu werden? Dann wäre seine Schätzung wirklichen Wertes der Erdendinge, die Auffassung dieser, die er auch ihr von Kindheit auf ins Gemüt gelegt, eine haltlose und nichtige gewesen. Das wahre und einzige Glück in der flüchtig vergönnten Daseinszeit ward nicht von außenher geschaffen und bedingt; gleich dem Blütenstaub einer Pflanze entsproß es nur von innen, aus dem Herzen hervor. Das zu behüten galt's, alles andere war nur Tand und Flitter, einer Seifenblase buntglitzernder Schaum.

Der Pastor stand still und blickte auf seine Uhr. Ja, das war der Weg, den er einschlagen mußte, der Richtung nach, die seine Gedanken genommen, wenn er auch erst spät am Abend ins Dorf zurückkam. Und rasch folgte er dem über ihn geratenen Antrieb, wandte sich von der Stadt rechts ab, auf der Fahrstraße dem fernen Waldrand entgegen, hinter dem sich unsichtbar das Schloß von Ekenwart verbarg.

Drüben im Pfarrhause war Zea wieder eingetroffen und in ihre Stube gegangen. Sie saß dort, vor sich hinblickend, in ihr war nur ein Gefühl, Müdigkeit. Unsagbar schwere Müdigkeit der Glieder, der Augen, des Kopfes, und langsam-müde ging in ihrer Brust der Herzschlag. Die Füße hatten sie hierher zurückgebracht, gewohnheitsmäßig den Weg gehend; ohne Gedanken hatte sie's getan, und ohne Gedanken saß sie nun hier. Dann und wann ließ die Müdigkeit sie die Augen zumachen, doch sie hob jedesmal rasch die Lider wieder auf, denn vor den geschlossenen lag immer die blühende Heide in der Sonne um sie. Das konnte sie nicht ertragen; sie hatte dazu ein Gefühl in sich, als ob sie Flügel gehabt habe, mit denen sie über die Heide hingeschwebt, doch seien sie ihr abgefallen und sie aus der Luft, heruntergestürzt. Davon war alles an ihr so schwer, sie nur mit dem einen Wunsche erfüllend, sich auszustrecken und stillzuliegen. Aber das konnte sie nicht, ihr lag noch etwas ob, ein Gang, doch wußte sie nicht was und wohin. Dann klang einmal draußen ein Ruf und sagte ihr's: es war Mittag, sie mußte zu Tisch kommen. So war's ja täglich, wenn sie von ihrem Vormittagsweg zurückkehrte und natürlich auch heute. Sie durfte nicht wegbleiben, nicht zögern, sonst kam jemand, um sie zu holen; das wollte sie nicht geschehen lassen, gerade heute nicht. Wie sie aufstand, drehten die Wände und die Dinge der Stube sich langsam im Kreis um sie herum, und der Boden hob sich unter ihr auf und nieder, so daß ihre Hand nach dem Stuhl zurückfaßte, um sich ein paar Augenblicke draufzuhalten. Aber dann verging's, alles ward ruhig, und sie begab sich ins Eßzimmer hinüber, wo die Pastorin ihrer schon wartete. Hier stand sie ungewiß neben dem Tisch, was sie zu tun habe; doch es kam ihr, sie mußte sich setzen, dort, das war ja auch ihr gewohnter Platz. Daß ihr Vater nicht anwesend sei, geriet ihr nicht zum Bewußtwerden, erst dann, als Frau Mathilde sprach, wohin und zu welchem Zweck er fortgegangen. Sie redete weiter, natürlich von dem, was sie einzig erfüllte; die Hörerin mußte sich besinnen, wovon; nur allmählich dämmerte ihr's auf, wie aus einer weiten Ferne und wie etwas lang Vergessenes. Nun antwortete sie einmal auf eine Frage: »Ja, liebe Mutter,« doch bei dem letzten Wort stockte sie und griff mit der Hand an ihre Stirn; ein schmerzhafter Stich war ihr hinter dieser durch den Kopf gegangen, weckte ihr auf, daß sie einen dumpfen Schmerz dort schon früher empfunden und daß er immer geblieben. Sie führte den Löffel und die Gabel zum Mund, obwohl sie beide eigentlich nicht zwischen den Fingern fühlte und manchmal glaubte, mit ihnen ins Leere zu tasten. Aber sie nahm sich gewaltig zusammen, alles richtig und wie sonst zu handhaben; grad' heute mußte sie besonders darauf acht geben, sich auch zwingen, zu essen, obgleich sie nichts von den Speisen auf der Zunge empfand und schmeckte. Die Pastorin sprach, erzählte, fragte ab und zu, und Zea spannte ihr Gehör darauf, daß ihr das letztere nicht entgehe, damit sie ein »Ja« erwidere, doch »liebe Mutter« setzte sie nicht mehr hinzu. Erst gegen den Schluß der Mahlzeit fiel Frau Mathilde auf, daß im Aussehen und Behaben des Mädchens etwas anders als gewöhnlich sei, und sie sagte: »Du bist blaß, Kind.« Aber sich gleich die Ursache erklärend, fügte sie nach: »Natürlich, solche Spannung auf einen Bescheid nimmt körperlich und geistig mit; dazu ist's auch so schwül heute. Leg' dich etwas hin und suche zu schlafen; ich wecke dich, wenn dein Vater vom Advokaten zurückkommt, und sage dir, welche Nachricht er mitgebracht. Das bleiben wir dir ja doch, Vater und Mutter. Ruh' dich recht aus!«

»Ja, recht lange,« gab Zea zur Antwort, »ich bin sehr müde – wohl weil es so schwül ist.«

Nun war sie wieder in ihrer Stube und wollte sich hinlegen, doch wie vorhin konnte sie's noch nicht, mußte noch etwas tun, ebenfalls wieder ohne sich sagen zu können, was es sei. Aber sie sah es gewissermaßen mit Augen vor sich, ein beschriebenes Blatt Papier, damit hing's zusammen, und sie strengte sich an, darüber nachzudenken. Dabei horchte mechanisch ihr Ohr auf; draußen klang die Stimme der Pastorin, sie sagte zur Magd, daß sie einen Ausgang ins Dorf mache, und die Haustür öffnete und schloß sich. Wie mit einer Sprache kam's Zea aus dem Ton, was sie tun müsse; etwas Unerlaubtes war's, doch sie mußte, sonst konnte sie sich nicht ausruhen. Auf den Zehen ging sie in die Arbeitsstube ihres Vaters hinüber – ja, er blieb ihr Vater, daran war nichts anders geworden – und sah auf seinem Schreibtisch umher. Er hatte die Schriftstücke, die Tilmar Hellbeck gestern abend gebracht, an sich genommen und Wohl zwei davon mit sich in die Stadt. Aber es war noch ein drittes gewesen, das brauchte er nicht für seinen Gang dorthin.

Wie ein Lichtstrahl durch eine kleine Öffnung erhellend auf einen einzigen Punkt fällt und alles umher in Dunkel läßt, so raffte der sonst völlig gedankenleere Kopf Zeas sich eine Denkkraft zusammen, die sich allein auf jenes dritte Schriftstück richtete. Auf dem Tisch lag es nicht, doch wie ein körperliches Empfinden, ein Angerührtwerden war's in ihr, es sei dennoch in ihrer Nähe, und sie suchte, öffnete Schubladen mit Papieren, zwischen denen sie blätterte. Und dann fühlte sie einmal, da mußte es sein, und da war's auch, untergeschoben. Auf den ersten Blick erkannte sie die Schriftzüge des Blattes. Aber nun stand sie, und ihre Hand zauderte –

Ja, sie tat Unerlaubtes. Ihr Vater hatte dies Blatt, nachdem sie es gestern flüchtig gelesen, fortgenommen und hier verborgen, vor ihr, er mußte nicht für gut gehalten haben, es in ihren Händen zu lassen. Doch das verstand er nicht – und es gehörte ihr, ganz allein auf der Welt ihr, denn die Schrift darauf war von ihrer Mutter –

Sie sprach es laut vor sich hin: »Von meiner Mutter.«

Ihre Augen blickten nieder, hafteten auf einem Satz gleich am Anfang:

»Zuerst sah ich ihn an dem Abend, als Meinolf nicht zurückkam.«

Nun streckte sich ihre Hand, nahm das Blatt, und behutsam ging sie wieder in ihr Zimmer. Hier setzte sie sich und las.

Das hatte sie gestern abend auch getan, doch achtlos und verständnislos, kaum etwas von dem begriffen, was sie gelesen. Sie hatte kein Gefühl in sich gehabt, daß es sie angehe, daß die, welche es geschrieben, ihre Mutter gewesen sei. Das war nur ein Name, ein Wort ohne Inhalt, sie besaß ja eine Mutter, brauchte keine andere.

Nein, sie verstand auch jetzt die Schrift auf dem Blatt nicht, wenigstens nicht im Ganzen, nur hier und da einen Satz. Der Schatten – wer war der Schatten, der zu ihrer Mutter gesprochen, immer hinter ihr gewesen, näher und näher auf sie zugekommen, bis er sie angeatmet?

Das letzte – ja, das ward der Lesenden begreiflich, denn sie fühlte es selbst. Von dem Blatt kam ein Atem herauf und hauchte ihre Stirn an. Und da, der Satz – den verstand sie auch: »So müd' war ich, ich konnte nicht mehr weiter – so kalt ward's, und Nebel, lauter Nebel –«

Ja, so kalt – ein eisiger Schauder lief ihr durch's Blut, und doch war's auch so schwül und drückend. Was auf dem Blatt geschrieben stand, sah sie ganz anders an als gestern, jedes Wort, fühlte sie, galt ihr, nur das Verstehen fiel ihr zu schwer. Das rührte hauptsächlich von ihrem Kopf her – könnte sie mit etwas anderem denken, als mit ihm – mit dem Herzen – da würde sie alles begreifen. Aber das Herz schlief, bewegte sich gar nicht, und der Kopf konnte nicht, denn der Schmerz in ihm hatte sich während des Lesens von der einen Stelle hinter der Stirn nach allen Richtungen ausgebreitet und lastete mit schwerem Druck wie eine Bleidecke auf ihm. Sie mußte sich hinlegen und die Augen fest zumachen. Dazu aber tat sie etwas eigentlich Vernunftwidriges, denn ein dunkles Gefühl war in ihr, der drückende Schmerz sei, über ihren Kopf von dem Blatt heraufgekommen. Doch trotzdem benutzte sie dies wie ein Heilmittel, legte es sich auf die Stirn und faltete die Hände drüber. So lag sie ganz langsam atmend, und nach einer Weile kam ihr einmal mit traumverworrenem Ton vom Mund:

»Der Schatten –«


Draußen ging der Sommernachmittag über Land und See, sah Tilmar Hellbeck am Strande stehen und warten, daß Zea ihre gestrige Zusage erfülle. Er wußte nicht, ob er auf ihr Kommen hoffe oder sich davor fürchte; seine Gedanken arbeiteten umsonst, sich durch einen Nebel um sie hindurchzuringen. Seltsames, Unverständliches war am Frühmorgen geschehen, der junge Freiherr von Alfsleben für wenige Augenblicke im Schulhause mit der Frage eingekehrt, ob es sich wahr damit verhalte, daß nach aufgefundenen Schriftstücken Zea Hollesen eine Tochter des verstorbenen Meinolf von Rhade sei.

Sonderbar bleichen Gesichts war er gewesen und auf die Antwort hastig und scheu davongegangen, nordwärts am Strand entlang, als trachte er danach, im Dorf nicht gesehen zu werden. Tilmar wußte sich's nicht zu deuten, nur eines lag klar vor ihm: er hatte sich nicht getäuscht, ein Zusammenhang bestand zwischen dem verwandelten Wesen Zeas und dem, der sie auf den Armen von der niederbrechenden Turmtreppe in Helgerslund herabgetragen. Kein banger Ausdruck war in den Augen des jungen Lehrers, doch auch kein Glanz mehr, wie gestern auf Herdsand, nur Erwartung, sich aus Hoffnung und Furcht zusammenmischend, Die ließ der Nebel seiner Gedanken ineinander verwoben; über ihm aber schritt die helle Sonne fort, stundenlang mählich-gleichmäßig seinen Schatten verlängernd.

Südostwärts hinüber erreichte jetzt der Pastor Christian Hollesen sein verändertes Wegziel. In ihm war die Entscheidung dahin gefallen, daß er bei den zweifelhaften Umständen, ob die Anerkennung Zeas rechtlich möglich sein werde, unumwunden mit dem Freiherrn von Alfsleben sprechen, dessen Einwilligung zu ihrer Verbindung mit seinem Sohn sich versichern wollte; klug bedacht hielt er dafür, die Entdeckung ihrer Abkunft rasch für das Wichtigste, die Sicherstellung ihres Lebensglückes zu nutzen. Den Waldgürtel schnell durchschreitend, trat er nun auf den Platz vorm Schloß hinaus, doch hier empfingen ihn verwirrte, ratlos bestürzte Gesichter. Sein Fragen blieb von ihnen unbeantwortet, bis der Förster Dirk Westerholz aus der Tür hervorkam und kurz Auskunft gab. Er war um Mittag an dem alten Hünengrab vorbeigegangen, zwischen dessen Eichenstämme sein Jagdhund hinausgestöbert und droben plötzlich sonderbar angeschlagen hatte. So folgte er nach, und da stand der Hund unter dichtem Laubdach vor einer lang ausgestreckt regungslos liegenden Gestalt. Der Freiherr war's; herabgeronnenes, vertrocknetes Blut klebte ihm an der Schläfe, aus der Hand gefallen lag neben ihm eine alte, verrostete Sattelpistole mit zersprungenem Lauf; schon seit manchen Stunden mußte er tot sein. Bestürzt fragte Hollesen, wie es geschehen; der Förster zuckte die Achseln: »Gesehen hat's niemand; vielleicht wollte er nach einer Eichkatze schießen, aber die alte Waffe taugte nichts mehr und sprang; dabei schlug sie ihm in der Hand um und die Kugel ging ihm in die Schläfe. So wird's geschehen sein, oder anders. Kein Auge war dabei.«

Wortknapp kam's Westerholz vom Mund, das »oder anders« mit dem nämlichen Ton, wie alles übrige, aber doch hatte etwas dringelegen, als ob er seine Meinung damit ausgedrückt, es sei anders geschehen. Der Pastor folgte ihm ins Haus, wo Dietrich Alfsleben auf ein Bett hingestreckt lag. Er sah wie ruhig schlafend aus; an seinen Zügen war nichts Verzerrtes, mehr als im Leben besaßen sie trotz dem ergrauten Haar noch etwas Jugendliches. Der Förster sagte Wunderliches: »Ich wollte ihm heut' von meiner Golddrossel sprechen, jetzt hört er's nicht mehr.« Hollesen fiel laut ein, daß jeder von der umstehenden Dienerschaft es vernehmen mußte: »Ein entsetzlicher Unglücksfall, durch das Zerspringen der alten Pistole herbeigeführt – wo ist der junge Herr?« Das wußte niemand und es erhöhte die allgemeine Ratlosigkeit; man hatte ihn an dem Tage nicht gesehen, er mußte sich in der Morgenfrühe ahnungslos auf einen weiteren Weg fortbegeben haben. Der Pastor blieb noch eine Weile, den Toten betrachtend; was lag ausgelöscht unter dieser Stirn und gab keinem Ohr Kunde von sich? Wieviel, dem Menschenblick undurchdringliches Dunkel barg die helle Sonne auf der Erde; Wohl jeder nahm etwas Verschwiegenes mit sich ins Grab. Der Himmel, die Erde und das Leben auf ihr bildeten selbst ein unnahbares Rätsel, das erkannt zu haben, erkennen zu wollen unglaublich vermessen und töricht war. Nur dann und wann warf die große dunkle Flut ein kleines Stückchen aus, grub es in den Sand, und ein Zufall brachte es aus ihm ans Licht.

Mechanisch nahm Hollesen die alte Pistole, die man neben dem Totenbett auf einen Tisch gelegt, in die Hand und wiederholte nochmals: »Ja, ein Unglücksfall und Unvorsicht; ihr Anblick zeigt, daß ein Versuch, sie noch zu benutzen, nicht anders ausgehen konnte.« Er hatte den Gedanken gehegt, die Rückkehr Meinolfs zu erwarten, doch ein Blick durchs Fenster zeigte ihm die Sonne schon weit niedergestiegen. Es ward später Abend, bis er heimkam, und seine Frau harrte sicher mit Unruhe auf ihn. Hier konnte er nichts ändern und nichts helfen; über vieles besaß das Leben Macht, doch vor dem Tod endete sie. So ließ er von seiner Absicht, schrieb einige Zeilen an Meinolf Alfsleben auf ein Blatt und begab sich auf den Heimweg.

Der, dem seine zurückgelassenen Schriftworte galten, war, nachdem er in der Frühe sich verstohlen in die Schulstube Tilmar Hellbecks geschlichen, den Tag hindurch ziellos umhergeirrt. Nur eines war in ihm gewesen, was geschehen, was er tun müsse; so hatte er auf einem Blatt Papier, das er bei sich fand, inmitten der Heide hastig mit Bleistift das nächste. Was ihm durch den Kopf gefahren, niedergeschrieben, war damit zu dem Findlingstein gelaufen und, wie von einem Orkan fortgepeitscht, weiter. Ihn trieb's nach der Stelle, wo er im Wald die Nacht zugebracht; ermattet warf er sich dorthin, doch wie hohnlachend sah ihn alles an, was nach dem Erwachen beschwichtigend, trostreich, lebensfreudig zu ihm gesprochen, die Sonnenstrahlen, die Blumen, die Falter. Er sprang wieder auf und irrte fort; über sich sah er die Sonne durch den Mittag gehen und abwärts steigen. Seit gestern hatte er keine Nahrung zu sich genommen, aber sein Körper stand unter anderer Macht, als der des täglichen Bedarfs, ließ ihn nichts davon empfinden. Ängstlich hielt er sich im Laubdickicht, huschte nur wie ein verfolgtes Wild über eine Lichtung, niemand zu begegnen, von keinem Auge gesehen zu werden; ein Verbrecher mußte sich verbergen. Dabei aber wuchs eine andere Angst in ihm an, eine unbestimmte, er wußte sich nicht zu sagen, wovor. Nur daß sie ihn in eine Richtung hindränge, der weiter absinkenden Sonne zu. Anschwellend wie eine Flut stieg diese Angst zu einer ungeheuren, und plötzlich einmal verstand er, wohin sie ihn trieb. Nach dem Findlingstein zurück, das Blatt wiederzuholen, das er dort gelassen.

Zu spät war's, es lag nicht mehr dort. Seit vielen Stunden schon mußte Zea gekommen sein und es gefunden haben.

Doch aus seiner Gedankenbetäubung brach jetzt eine zweite Erkenntnis hervor, grell wie ein schwarze Wolken durchschneidender Strahl. Nicht mit bewußtem Geist, in einem Irrsinnsanfall hatte er die Zeilen auf das Blatt geschrieben.

Ja, so konnte nur der Wahnwitz handeln, von der Verzweiflung des Herzens in den Kopf hinaufgetrieben.

Zu spät – aber wär's nicht, was sonst? Was hätte er anders können? Unabänderlich hatte er das Band zerschneiden müssen zwischen ihr und dem Sohne dessen, der ihren Vater nicht im Zweikampf getötet, der ihn unvorbereitet, wehrlos ermordet.

Wenn er es nicht erfahren, nie gewußt – dann wäre es nicht gewesen, ruhvoll sein Leben mit dem ihrigen zu einem geworden, zu unsagbarem Glück. Aber ein unzertrennliches Leben neben ihr, ein innigstes Vertrauen mit dem Wissen, dem unablässigen hehlen des entsetzlichen Geheimnisses in der Brust, der Angst, es im Traum zu verraten – das hätte zum Wahnsinn gebracht, zum heranschleichenden, unrettbar anpackenden.

Kein Ausweg war möglich – und doch, das Blatt – das Blatt.

Nichts, als daß er davonging, gleich, in die Fremde – irgendwohin, wo er nichts mehr hörte und sah – wohin er nur die Erinnerung mit sich nahm. Die blieb ihm, ein Eigentum, das nichts ihm entreißen konnte.

Er dachte irrverworren und doch nicht völlig der Besinnung beraubt. So wie er ging und stand, konnte er nicht in die weite Welt davon, mußte noch einmal nach Ekenwart zurück. Heimlich – oder auch nicht – offen; sein Vater würde, wenn er ihn sähe, ebenso scheu vor einer Begegnung ausweichen wie er.

Da schritt Meinolf Alfsleben über den Platz vor dem Schloß, und Dirk Westerholz kam dem Erwarteten entgegen.

Nun stand er und wußte, was während seiner Abwesenheit geschehen und wie es geschehen sei. Wie ein Blitzstrahl war es, blendend und betäubend, doch einer, der neben ihm niedergefahren, ihn selbst nicht getroffen. Nicht aus eigenem Trieb, um der Leute willen trat er ins Haus und sah seinen Vater liegen. Mit einem Grausen streifte sein Blick über die Pistole zur Seite, doch in ihm war kein Schmerz, nur ein Gefühl, das den Toten um seine leidlose Ruhe neidete. Einer der Diener reichte ihm das von Pastor Hollesen für ihn hinterlassene Blatt; die kurzen Worte darauf baten, er möge morgen ins Pfarrhaus kommen.

Meinolf sah auf. War alles ebenso, wie es gewesen, oder war etwas anders geworden? Er hatte keine Antwort darauf – nur eines hämmerte, drängte in ihm –

Nicht morgen – heute noch mußte er hinüber, ungesehen sich ans Pfarrhaus hinanschleichen, durchs Fenster spähen –

Um einen Augenblick später ging er wieder draußen. Der Tag schritt zum Ende, die Sonne war nicht mehr am Himmel; als er den Heiderand erreichte, stand Abendrot über der See. Seit dem Morgen hatten seine Füße kaum gerastet, doch er fühlte keine Mattigkeit; er lief.

War etwas anders geworden?

Wenn er vor sie hintrat und sprach: »Ich bin der Sohn dessen, der deinen Vater ermordet, der seine Schuld gesühnt, mit der gleichen Waffe sich selbst den Tod gegeben – und wenn ihre Hand nicht schaudernd vor seiner zurückwich –?

Ja, das war anders geworden – er konnte es sprechen, seine Zunge fesselte keine Sohnespflicht mehr. –

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