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Aus See und Sand - Zweiter Band

Wilhelm Jensen: Aus See und Sand - Zweiter Band - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorWilhelm Jensen
titleAus See und Sand ? Zweiter Band
publisherHesse & Becker Verlag
year
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080809
projectid0841748f
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XII.

Ziemlich um die gleiche Nachmittagszeit, zu der Gertrud Brookwald auf der Bank im Helgerslunder Park den vor achtzehn Jahren geschriebenen Brief ihres Bruders las, trat drüben in Loagger der junge Lehrer Tilmar Hellbeck aus der Tür des kleinen Schulhauses. Sein blasses Gesicht machte den Eindruck von Überanstrengung durch die Unterrichtsstunden, die er bis zum Mittag hin gegeben, doch er hatte schon bei ihrem Anfang farblos und überwacht ausgesehen, als ob die Nacht ihm keinen Schlaf gebracht, und fast ohne etwas von der heut' besonders sorgfältig durch seine Mutter zubereiteten Mittagskost berührt zu haben, war er vom Tisch aufgestanden. Verstohlen blickte Frau Margret ihm durchs Fenster nach, murmelte, den weißen Kopf schüttelnd, vor sich hin: »Mein armer Junge – er hätte besser mein Haar als seins.« Aber doch war's auch besser und notwendig gewesen, daß sie gestern, wie er von seinem Abendgang am Strand zurückgekommen, nicht verschwiegen, welchen guten Rat Zea Hollesen ihm von ihrem Vater ausgerichtet habe und was diese selbst an Wünschen und Besorgnis für ihn in bezug auf die Wahl einer Frau, wunderlich aus dem Munde eines halben Kindes, hinzugefügt. Und nickend sagte Margret Hellbeck ebenso halblaut noch hinterdrein: »Ja, er hatte es nötig, ich sah's ihm schon lang' an – und wie er's gehört, da brauchte er meinen Ohren nichts zu sagen.«

Gegen die Kirche hinangestiegen, stand Tilmar, ungewiß, wie ziellos um sich blickend, auf dem Dünenrücken, doch kehrten seine Augen nach einem Rundgang stets in die Richtung des Pfarrhauses zurück, um eine Weile dorthin verwandt zu bleiben. Einigemal regte sich sein Fuß wie zum Fortschreiten in der gleichen Richtung, aber er gelangte nicht weiter, als zu der kurzen Bewegung, hielt scheu wieder an. So verging wohl eine halbe Stunde, wie mit dem Zeiger einer Uhr wies die Sonne es durch den langsam mehr sich ostwärts drehenden Schattenwurf des reglos Stehenden. Dann schlug ihm einmal rasch die Wimper, drüben tauchte die schlanke Gestalt Zeas an der Pforte des Pfarrhausgärtchens auf und sie kam daraus hervor, schritt gleichfalls der Anhöhe unter der Kirche zu. Sie nahm ihn nicht gewahr, denn im Gehen hielt sie die Augen nach Osten gedreht; es schien, ein Verlangen, den Blick weit über die Heide schweifen zu lassen, führe sie herauf. Erst wie sie fast auf ein Dutzend Schritte nahegekommen, sah sie bei einer Kopfwendung plötzlich Tilmar stehen, stutzte sichtlich einen Augenblick, doch ging dann schnell auf ihn zu, ihm mit freundlichem Grußwort die Hand zu reichen. Ihre Augen warfen leuchtende Strahlen, der ganze Sommer blühte aus ihrem Antlitz entgegen. Nur wie sie sprach: »Ich wollte dich gestern abend aufsuchen, aber du warst nicht zu Hause«, klang ein wenig Befangenes aus ihrer Stimme, danach indes lachte sie, etwas wohl auch, um über einen Anflug von Verlegenheit fortzukommen, doch hörbar im eigentlichen aus innerer Freudigkeit herauf. Er erwiderte: »Ja, meine Mutter hat es mir gesagt«, und er verstummte, blieb schweigend ein paar Atemzüge lang stehen, bis er hinzufügte: »Ich – ich wollte deshalb eben zu dir, dich zu fragen, ob du – der Nachmittag ist schön – ich dachte mit dem Boot nach Herdsand –«

Abgebrochen und stotternd brachte er die Worte hervor, und es war, als ob die Ungelenkigkeit seiner Zunge sich auch auf die Sprache Zeus übertragen habe. Denn sie antwortete ebenso, doch sehr rasch: »Es tut mir leid, Tilmar – ja, der Tag ist so schön – aber heut' – du denkst nicht daran, daß du selbst, als wir zum letztenmal drüben waren, für besser hieltest – nein, gerade heut' kann ich nicht, ist's mir nicht möglich – ich bin nur einen Augenblick hierher – meine Eltern warten schon auf mich.«

Da stand Tilmar Hellbeck und sah mit den traurigen hilflosen Augen, deren Ausdruck ihr innerlich weh tat, vor sich hin. Gleich langsam fallenden Tropfen kamen ihm die Worte von den Lippen:

»Ja, wenn du nicht kannst – vielleicht ein anderes Mal.«

So weh taten die schwermütigen Augen ihr, sie mußte nach seiner Hand fassen. »Nur nicht jetzt, nicht gleich, in dieser Stunde –« abschlagen konnte sie's ihm nicht, nur einen Aufschub wollte sie und sie wiederholte schnell:

»Nein, heut' – heute kann ich ja nicht – aber – aber morgen.«

Etwas Helleres kam zwischen seine Lider; er fiel hastig ein:

»Morgen? Fährst du morgen mit mir? Gewiß?«

Sie nickte rasch. Seine Hand hielt sich zaghaft und doch so bittend um ihre gelegt. Etwas unbedacht hatte sie's wohl gesagt, doch konnte sie es nicht zurücknehmen, und so lang' war's ja auch noch bis dahin. Außerdem – sie fühlte es deutlich in diesem Augenblick – einmal mußte es doch sein, und drüben auf der Düne von Herdsand war die beste Stelle dafür. So entgegnete sie:

»Ja, gewiß, morgen – verlaß dich darauf – ich verspreche dir's.«

Nun ging sie eilig zum Pfarrhaus zurück; flüchtig hatten seine Augen sich ein wenig erhellt, aber wie sie ihr nachblickten, kehrte ihnen das Traurige, Hilflose und Hoffnungslose zurück. Sein Glück war zu sonnenhaft gewesen, er wußte nicht, von woher ein kalter, dunkelnder Schatten darauf gefallen sei, nur daß es geschehen. Seit Wochen hatte er ihn herankommen gefühlt, näher und näher, wie mit gebundenen Händen stehend, machtlos, ihn abzuwenden. –

Unwillkürlich hob er einmal beide Hände über sich gegen den Himmel auf. O, daß er etwas könnte, was kein anderer auf der Erde vermöchte – daß er etwas vom Himmel herniederholen könnte, einen Stern, ein Wunder, und sprechen: »Das gebe ich dir – ich weiß, daß ich zu wenig hatte, um es dir zu bieten – doch sieh, das bringe ich dir, mein Leben hätte ich hingegeben, es für dich zu erringen.«

Sommerschön breitete der Himmel sich über Land und See, aber er besaß keine zaubermächtige Wundergabe, sie in Tilmar Hellbecks Hand zu legen. Beklommen atmend, ging der junge Lehrer zum Strand hinunter, seine Brust rang nach einer Befreiung durch körperliche Kraftanstrengung; halb unbewußt trat er in das bereitgehaltene Boot und ruderte auf die See hinaus. Eine Weile ziellos, dann führte er aus, was er für den Nachmittag beabsichtigt hatte, hielt auf Herdsand zu. Ihm kam's, sich allein dort auf die Düne zu legen, wo er mit Zea gesessen, wo ihr der Gedanke gekommen, er solle sie zu seiner Frau nehmen. Dahin zog's ihn, mit geschlossenen Augen zu liegen, als sitze sie neben ihm, und auf ihre Stimme zu horchen.

Auch die kleine Insel hatte sich nun sommerlich angetan, ähnelte einem langgewachsenen Bettlerkinde, dem unter hellgrünem, ärmlichem, zu kurzem Kleid magere bloße Beine und Arme hervorsahen; so gliederten sich von einem bißchen niedrigen Graswuchs in der Mitte die kahlen Dünensträuche gegen die umgürtende Wasserfläche hinaus. Doch auch darüber hin ging jetzt eine Lebensbewegung, ein halbes Dutzend von kleinen Schafen rupfte an dem kargen Bodenwachstum. Sie waren sich selbst überlassen, ringsum hütete sie die See; einige über vier eingerammten Pfählen liegende Bretter boten ihnen einen Unterschlupf für einbrechende Unwetter. An Menschennähe gewöhnt, hatten sie merklich ein Gefühl der Einsamkeit, begrüßten den Ankömmling mit leise blökenden Tönen; sie standen von ihrem Futtersuchen ab, drängten zu ihm hin und folgten ihm auf den Fersen nach. Tilmar Hellbeck überkreuzte das Eiland bis zu der von ihm gesuchten Stelle; sie war nicht zu verkennen, nach rechts fiel die Düne, zu einem kleinen Halbkreis aufgerundet, gleichsam einen winzigen Hafen bildend, in ziemlicher Steilheit ab. Der Boden zeigte hier dunklere Färbung, Jahrhunderte hatten Kiesel, Muscheln und losgerissene Tange in die Höhlung hineingerollt, mit Sand und Schlamm zugedeckt, das Spiel immer neu wiederholend. Gegenwärtig zwar kamen die Wellen nicht bis zum Fuß der Düne heran, sondern hielten, leise plätschernd, schon eine Strecke vorher inne, um schnell wieder rückwärts zu laufen. Ebbezeit war's, erst gegen Sonnenuntergang kehrte heut' die Flut wieder und ein vom Wasser entblößter Vorstrand verbreitete sich noch.

Nun lag Tilmar hingestreckt, über ihm das Himmelsblau und sonnengoldene Luft, von leichtem Wind flimmernd bewegter Strandhafer umher. Ab und zu ein Möwenschrei; die Schafe blieben in der Nähe, stiegen auf und ab über den Dünenwall und schnoberten am Grund.

Der junge Lehrer hatte die Lider geschlossen und horchte. Ja, die Stimme Zeas klang neben ihm, doch nur ein winziges Wort sprechend: »Morgen –«

Sie hatte es ihm zugelobt, morgen war sie mit ihm hier. Aber wenn es so ward – was sprach sie hier morgen?

Die Wellen vor ihm rauschten leis', als raunten sie etwas, und lauschend spannte er sein Ohr. Ja, sie redeten, mit dem Klopfen seines Herzens sprachen sie, doch er verstand nicht, was sie sagten.

Warum?

Er zählte die Wochen, die Tage seit jenem, an dem sie hier neben ihm gesessen –

Warum?

Vor seinen Augen stand sie wie lebend, wie in Wirklichkeit. So leuchtend, als sei die Sonne in ihr, als seien ihre Augen der Himmel, und aus ihnen flute der Strom von goldenen Strahlen, die sie in sich trage.

Plötzlich einmal verwandelte sich ihm ihr Bild; eine Erinnerung überflog es, flüchtigem Wolkenschatten gleich. Er sah ihr Gesicht bleich entfärbt; wie leblos hing es übergebogen zurück auf den Armen des jungen Freiherrn, der sie mit eigener höchster Lebensgefahr aus dem Zusammenbruch der Turmtreppe gerettet.

Tilmar Hellbeck fuhr in die Höh', wie einer, der aus einem Schreckenstraum halb zur Besinnung kommt, und sah verstört vor sich hinaus. Da war das Bild noch vor seinen geöffneten Augen – über die See her ging Meinolf Alfsleben und trug Zea auf seinen Armen. Nur nicht mehr blaß und totenbleich, sondern ihr Antlitz leuchtete rot wie die blühende Heide, und lachend strahlte darüber die Sonne aus ihren Augen.

Der Aufgefahrene griff mit der Hand an seine Brust. Am Herzen fühlte er einen jähen Schmerz, als sei etwas daran zerrissen oder zersprungen, wie ein Glas, denn ein solcher Klang verband sich damit, schlug ihm deutlich ins Ohr.

Nun besann er sich; das Phantasiebild war verschwunden, friedlich und leer dehnte die See sich vor ihm, und im plötzlichen Übergang von der Wirklichkeit in einen vollen Gegensatz der Empfindung gedrängt, mußte er fast lachen. Unweit von ihm machte eines der Schafe einen komischen Rücksprung, glotzte dumm-erschreckt auf etwas vor sich hin. Es hatte in der kleinen Ausrundung der Düne zwischen dem Strandhafer am Boden geschnuppert, vermutlich von einem hervorragenden Stückchen Seetang angeführt, mit der Schnauze ein Loch in den Sand gewühlt und fuhr entsetzt vor einem klirrenden Ton zurück, den es dabei veranlaßt. Das war der Klang wie von einem zerspringenden Glas gewesen, der Tilmar ans Ohr geschlagen.

Eine Einbildung seines Gehörs – so war's wohl auch das, womit die Augen ihn überkommen gehabt. Sein Herz klopfte beruhigter; die Erklärung, der Gegensatz, der Anblick des verdutzten Schafes machten ihre Wirkung geltend. Er kam nicht zu einem Lachen, das war seinen Lippen zu fremd geworden, doch unwillkürlich trat er hinzu, um genauer zu erkennen, was den eigentümlichen Ton verursacht habe. Und klar ergab sich's, ein niedergerollter Kieselstein hatte in der Tat an ein im Sand steckendes Glasstück geschlagen. Von dunkelgrüner, fast schwärzlicher Farbe, saß es fest, offenbar mit dem Unterende noch weit in den Boden reichend, von zusammengeschwemmtem Schlamm und Steingeröll gehalten; doch ließ das sichtbare Stück nicht Zweifel, einer augenscheinlich schon seit langer Zeit hier angespülten und untergegrabenen Flasche anzugehören. Es kam natürlich dann und wann vor, daß eine solche von einem Schiff über Bord geriet und Wind und Wellen nahmen sie mit sich, sie allmählich bis an eine zuweilen viele Meilen weit entfernte Küste zu treiben. Auch geschah's – Tilmar erinnerte sich an zwei Fälle aus den Aufzeichnungen Jasper Simmerlunds – daß Flaschen von Fahrzeugen, die mit dem Untergang bedroht waren, absichtlich ins Meer geworfen wurden, um auf einem ihnen anvertrauten Blatt eine letzte schriftliche Nachricht ans Land zu bringen. Der Gedanke wachte den jungen Lehrer auf, während seine Hände mechanisch die Glaswandungen aus dem verfilzten Grund herauslösten, doch ohne sich ihm zu einer wirklichen Mutmaßung zu gestalten. Aber dann hielt er die Flasche in der Hand, sie war unversehrt, fest verkorkt, darüber offenbar noch verpecht, und durch das dunkle, schmutzüberkrustete Glas kam aus ihrem Innern ein matter hellerer Schimmer hervor. Halb ohne Wissen und Denken faßte Tilmar nach einem Stein, zerschlug die Flasche damit, und aus dem abgebrochenen Hals ragte das Endstück eines zusammengerollten Papierblattes. Es war beschrieben, vorsichtig zog er's heraus, setzte sich an den Rand der Düne und las das darauf Stehende:

»Ich muß heute schreiben, was notwendig – morgen – ich fühle es – morgen kann ich's nicht mehr. Er kommt näher auf mich zu – er, der Schatten – und wenn er mich berührt, dann – dann ist's vorbei. Zuerst sah ich ihn an dem Abend, als Meinolf nicht zurückkam. Da stand er auf einmal draußen vorm Fenster und sagte etwas. Aber ich konnte es nicht verstehen – jetzt weiß ich's, schon damals sagte er: ›Du wartest umsonst, er kommt nicht – nie – nie wieder.‹ In der Nacht bin ich wohl hingefallen und wußte nichts mehr, denn ich lag neben dem Bett, als jemand davon sprach. Mit dem anderen war' er auf die See hinaus und im Sturm sein Boot umgeschlagen. Da erkannte ich die Stimme, die's sagte – er war's, der Schatten – und ich wußte auch, wie es geschehen, gleich, als ob's ein Blitz mir in den Kopf hineingeschlagen. Das darf ich nicht schreiben – es ist ja auch umsonst und alles tot – er, die Sonne, der Himmel, die Erde, alles tot. Nur das Kind wird leben, sein Kind – darum – ich muß mich besinnen, wie es war. Aus Angst, daß der andere käme, lief ich fort, lange, weit fort. Aber der Schatten war immer hinter mir – auf der Heide, im Wald, bei Tag und Nacht, überall war er hinter mir und wollte mich fassen. Die Blätter wurden gelb – so müd' war ich, ich konnte nicht mehr weiter. Nur für das Kind – das durfte er nicht in seine Hände bekommen – so kalt ward's, und Nebel, lauter Nebel. Ich sah ihn nicht mehr, fühlte nur, es half nicht, immer blieb er hinter mir, wie ein Jagdhund auf der Fährte. Der Blitz, der mir in den Kopf geschlagen, hatte gezündet – es brannte drin, eine Flamme schlug heraus, wie aus unserm Dach im Waldhaus. Daran erkannte ich, wohin ich im Nebel lief und ließ nicht ab – mir fiel ein, auf das Wasser könne er vielleicht nicht nach – ich war klug, sagte dem Kapitän nichts, daß der Schatten hinter mir drein sei, und er nahm mich aufs Schiff. Aber da – der Mond schien hell und auf den Strahlen konnte er über die Wellen nachkommen, zu mir herein in die Kajüte, gestern nacht. Im Schlaf fühlt' ich's, er atmete mich an – nun ist's Tag, und ich weiß, heut' nacht kommt er wieder und hat mich, hält mich – darum muß ich's heute schreiben und das Blatt dazu legen – morgen ist's zu spät. An Gertrud von Rhade auf Helgerslund soll's, es ist ihres Bruders Kind – ich kenn' es nicht und hab's doch lieb – sie wird ihm helfen – ich werd' es nie kennen lernen, denn der Schatten ist zu dicht über mir und der Blitz frißt mir im Kopf –«

Abgebrochen endete mit dem letzten Wort die Schrift auf dem Blatt, das Tilmar Hellbeck aus der Flasche hervorgezogen. Noch zwei andere Blätter lagen in jenes eingerollt; das eine enthielt ein mit Namensunterschrift und Kirchensiegel versehenes Dokument, das die rechtsgültig vollzogene Trauung des Freiherrn Meinolf von Rhade mit Eduv Nordwalt, der Tochter des Försters Dirk Nordwalt beurkundete. In fiebernder Hast rollte der junge Lehrer das dritte Blatt auf; ebenfalls beschrieben, tat es kund:

»Auf der Hamburger Bark ›Thetis‹.

Es hat die Wahnsinnige, die ich unklugerweise mit an Bord genommen, wohl zu frühzeitig ein Mädchen zur Welt gebracht, in voll ausgebrochenem Wahnsinn, daß sie nichts mehr davon gewußt, und ist alsbald nach der Geburt mit Tode abgeschieden. Sie hat aber vorher, da sie noch einen hellen Augenblick gehabt, mich ihr schwören lassen, wie ich's denn aus Mitleid getan, eidlich zu bezeugen, das erwartete Kind sei ihres und ihres verstorbenen Ehemannes, Herrn Meinolf von Rhade auf Helgerslund. Sind wir aber hier am andern Tag, nachdem wir das Feuer von Helgoland passiert, ungefähr wohl auf 55° Breite unversehens in schweren Nordwest geraten, daß außer mir und dem Steuermann alle an Bord drauf schwören, es rühre von der toten Frau und dem Kind her, die beide Ran zugehörten, und die ›Thetis‹ müßt' ihretwegen mit Mann und Maus untergehen. Hoffe ich noch auf Abflauen vom Sturm oder ihnen Vernunft einzureden, daß sie davon lassen, wie sie's vorhaben, die Böte klarzumachen und das Schiff treiben zu lassen, denn bei der schweren See kommt keiner irgendwo an Land. Wenn aber bei ihrer Tollheit nichts hilft und wir mit müssen, geb' ich hier letzte Nachricht von der ›Thetis‹ und halt' dabei mein Gelöbnis, daß ich die Papiere, die mir die Frau gegeben, mit in die Flasche tue und hier mit Handschrift bezeuge, es sei ihr Kind, dem sie auf unserem Schiff gestern zum Leben verholfen. Weiß ich zwar nicht, wozu es noch von Nutzen sein könnte, da das Mädchen ohn' alle Aussicht ist, am Leben erhalten zu bleiben, vielmehr selbst gleichfalls von ihm schon wieder verlassen erscheint. Doch will ich mein eignes nicht zu End' gehen lassen, ohne eines rechtschaffenen Schiffers zugesagtes Wort ehrlich in Erfüllung zu bringen, darum habe ich dies aufgesetzt und zum Zeugnis mit meinem Namen unterschrieben. Weiß keiner, was der unbekannte Steuermann oben vorhat, daß er vielleicht noch zu Besserem verhilft.

Bernhard, genannt Beren, Emerich,
Kapitän auf der ›Thetis‹.
Steuermann Martin Wienbarg
bezeugt mit.«

Man sah der mehrfach fast unleserlichen Schrift an, daß sie äußerst mühsam bei heftigem Schwanken des Tisches, auf dem sie abgefaßt worden, zu Ende gebracht sei, doch Tilmar Hellbeck kam dies im Augenblick nicht zum Bewußtwerden. Rascher und rascher hatten sich ihm während des Lesens sein Gesicht rot überglühende Blutwellen herausgedrängt, klopften mit fiebernder Hast in seinen Schläfen. Zu wirklichem Denken unfähig, nahm er alles nur mit der Empfindung auf, brachte sich's durch sie zum Verständnis. Doch über allem wogte ihm im Kopf und Herzen ein ungeheures, übermächtiges Gefühl: Aus Sand und See waren diese Schriften in seine Hand gekommen. Nein – halb betäubt sah er über sich – nicht dorther – der Himmel hatte auf sein Flehen gehört und das Wunder, das leuchtende Wunder ihm in die Hand gelegt.

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