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Aus See und Sand - Zweiter Band

Wilhelm Jensen: Aus See und Sand - Zweiter Band - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorWilhelm Jensen
titleAus See und Sand ? Zweiter Band
publisherHesse & Becker Verlag
year
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080809
projectid0841748f
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XI.

Nach ältestem Erdenbrauch ging's zu, daß die nämliche Zeit keineswegs überall das nämliche mit sich brachte. Flora und Pandora erschienen in ihr vereinigt, die Gaben beider streute sie durcheinander gemischt aus. Der Behälter, drin sie jene bei sich trug, ließ sich in etwas mit dem Sack Nathan Aronsohns vergleichen, so vielfach verschiedenartig war sein Inhalt; die Wirkungen dagegen, die sie damit erregte, beschränkten sich eigentlich nur auf zwei, eine, die Freude, und eine andere, die Betrübnis verursachte. So teilte sie beglückenden Herzschlag und heimliches Leid zu, schuf frohe Erwartung und wandelte Hoffnung in Enttäuschung. Margret Hellbeck erfüllte sie mit Bekümmernis, Nathan Aronsohn selbst dagegen um die gleiche Abendstunde mit Befriedigung. Und zwar mit einer großen und doppelten, sowohl über ein unerwartetes, vortreffliches Geschäft, das er bei seiner Heimkunft abgeschlossen fand, als über seine Tochter, die es klug bewerkstelligt hatte. So zufrieden war er, daß er sich an einem Kistchen mit altem Portwein vergriff, den er vor Jahren von einem unvermögenden Schuldner billigst als Zahlung angenommen, um ihn nach seinem Wert zum fünffachen Preis wieder anzubringen. Davon holte er eine Flasche auf den Abendtisch, machte sie vorsichtig auf, schenkte sich selbst und seiner Ladenverwalterin ein halbes Gläschen daraus ein und sagte: »Bist eine Perle, Miriam, in meinem Hause, wärest gewesen auch eine Perle unter den Töchtern von Jerusalem. Hast verdient dir den kostbaren Trunk, der, wenn du ihn legst auf die Wage, hat ein Gewicht wie gutes Silber, und hast verdient dir noch mehr. Du kannst auftun den weißen Zahnverschluß hinter deinen Lippen und sagen nach deinem Verlangen, was du möchtest noch mehr.«

Miriams weiße Zähne blinkten zwischen den karminroten Lippen, und sie antwortete: »Wenn du mich heißt eine Perle, möcht' ich auch haben eine Perle.«

»Willst du sein eine Fürstin? Wenn es noch gäb' einen König Salomo, würdst du sie können haben um ein billiges. Aber von woher sollt' ich nehmen eine Perle, von welcher würde sagen der Juwelier, sie wäre nicht gewachsen in der Muschel, daß er könnte aufwägen sie mit Gold?«

»Ich weiß, du hast gut aufbewahrt liegen in der Schublade eine, die du hast angekauft im Winter um hochbilligen Preis.«

Nathan drückte ein Augenlid zu. »Hast du Augen, zu sehen durch's Holz. Was du heißt hochbillig! Ich würd' heißen nur hochbillig, was du dir Gutes könntest einkaufen, ohne zu haben davon Unkosten. Wolltest du dir lassen einfassen die Perle, daß sie sollte sein wie vor einer Gartentür ein Zierat, den der Gärtner bringt an für Augen, ihnen zu zeigen von weitem, wo sind zu finden preiswürdige Blumen?«

Doch Miriam versetzte nur kurz: »Ich möcht' sie zerstoßen zu einem weißen Pulver und es tun in den Wein.«

Das ließ Nathan das zugedrückte Lid weit verwundert wieder aufreißen. »Wär's ein kostspieliger Trunk, welcher, wenn du ihn wolltst legen auf die Wage, hätt' ein Gewicht nicht wie Silber, sondern wie feinstes Gold. Hast du aufgefunden vielleicht ein altes Buch und gelesen darin von dem Glauben, den haben gehabt immer die reichen Töchter von großmächtigen Leuten, daß sie sich könnten schaffen mit einem solchen kostbaren Trunk besondere Schönheit von einer weißen Hautfarbe, zu bekommen im Gesicht das Aussehen von einer Perle? Hast du doch nicht nötig, dir herzurichten an deinem etwas auf andere Art, denn es ist wohlgeraten als eine Rarität von der Natur, daß sicherlich noch wird kommen zu dir ein hochfürstliches Angebot, ohne daß du brauchst dir zu machen darum so große Unkosten.«

Vortrefflich gelaunt sprach er's, doch Miriam zeigte sich nicht empfänglich für das ihr in Aussicht gestellte gute Angebot, sondern gab zurück: »Du hast's richtig gesagt, es soll nützen mir für die weiße Hautfarbe der Trunk. Aber es ist nicht nötig dazu eine heile und kostspielige Perle, es kann sein eine, die schon ist zerstoßen zu weißem Pulverstaub und ist um ein billiges zu bekommen.«

Die Sprecherin stand auf, trat in ihre Kammer und kam mit einem alten Holzkasten zurück. Ihr Vater hatte ihr verständnislos nachgesehen, empfing sie bei der Wiederkunft: »Weiß ich nicht, daß ich jemals hab' gehört, man könnt' irgendwo kaufen Perlen, die sind kleingestoßen zu weißem Pulverstaub. Was hast du eingeschlossen in dem Kasten, Miriam? Ist etwas drin zu besehen, weil du ihn holst herüber aus deiner Stube?«

Sie zog einen Schlüssel aus ihrer Tasche, mit dem sie die wurmstichige kleine Lade aufmachte. Dazu sagte sie: »Es ist drin, was du mir hast gegeben als Geschenk, wieviel Jahre es mögen her sein, wenn du warst zufrieden mit mir. Ich will machen mit dir ein Geschäft und unbesehen dir liefern alles zurück, was ist gekommen in den Kasten, wenn du verschaffst mir dafür von dem weißen Pulverstaub, der verhilft zu der weißen Hautfarbe.«

Die Augensterne Miriams glichen geschliffenem schwarzem Kohlengestein, doch während sie das letzte sprach, sah's aus, als wurde darauf geblasen und ein rotglimmernder Schein komme unter dem dunklen Gefunkel herauf. Nathan Aronsohns Schulter machte unwillkürlich einen Ruck, wie wenn sie den aufgeladenen Sack ins Gleichgewicht schiebe, dabei sah er groß seiner Tochter ins Gesicht und sagte: »Hat dich der kostspielige Wein gemacht unrichtig im Kopf, daß du kommst auf den Einfall, anzustreichen ein gute Ware mit einer schlechten Farbe, so daß sie behielte keinen Wert mehr? Ist mir doch nicht vorgekommen in meinem Leben auf die gesunde Menschenvernunft eine solche Einwirkung, die könnte bringen einen Menschen, ich weiß nicht wozu und wohin und um was; mir läuft's über den Rücken, Miriam, was für ein schlechtes Geschäft könnte machen ein Hals mit solch einer Perle im Trunk. Du wirst dich legen ins Bett und gut ausschlafen heut' nacht deine Verkehrtheit, daß du kannst aufwachen morgen früh mit richtiger Gesundheit im Kopf.«

Damit hatte Nathan eine unverhohlene und nachdrückliche Mißbilligung des rätselhaften Perlenpulvergelüsts seiner Tochter kundgegeben, aber hinterdrein ging ihm ein Schmunzeln um die Mundwinkel, denn er war zu gut aufgelegt heut' abend, um sich durch ihren verkehrten Einfall die Laune verderben zu lassen, und er fuhr fort: »Will ich ansehen, was du hast als wie ein Hamster getragen ins Nest seit den Jahren, ob kann kommen in Rede dafür die echte Perle, von der du weißt, daß sie liegt in der Schublade. Hätt' ich wollen kaufen die Katz' im Sack, wär' nicht gekommen aus meinem Sack das eigene Dach über unseren Kopf und was drunter ist zu haben für bares Geld oder gute Handschrift.«

Wortlos und gleichgültig stand Miriam am Tisch, ihrem Vater zusehend, der die Gegenstände aus der Lade hervornahm und betrachtete. Zumeist wertloser alter Plunder war's, allerhand kleines Gerät und Schmucksachen aus Messing oder Zinn statt Gold und Silber, da und dort mit bunten Glasstücken wie mit Edelsteinen besetzt, nur für begehrliche Kinderaugen verlockend, demgemäß indes von der Besitzerin ehemals wie große Schätze sorgfältig in Papier eingewickelt. Es war begreiflich, daß Nathan sich leicht davon getrennt hatte, um eine gute Leistung seiner Tochter anspornend zu belohnen, doch trotzdem verursachte ihm's augenscheinlich einen Genuß, jedes Stück herauszuwickeln und durch die Finger gehen zu lassen. Es versetzte ihn in Zeiten zurück, wie er kleiner vor sich selbst gewesen, ab und zu kam ihm vom Mund: »Es ist mir geblieben sitzen in der Erinnerung, wo ich's hab' aufgefunden; war's eine Zeit, wär's ein schlechtes Geschäft, müßt' ich heut' wieder tauschen damit.« So häufte auf dem Tisch sich der unechte Trödel, für den Miriam sichtlich längst die richtige Schätzung gewonnen und das Besitzinteresse verloren, und der Kasten ward leer. Nur ganz zu unterst lag noch etwas Größeres, besonders achtsam mehrfach in einen Bogen Schreibpapier eingeschlagen; als Inhalt kam eine breite, schwarzangelaufene Schnallenspange zum Vorschein, über die der Beschauer mit dem Finger streichelte und sagte: »Sie ist gut, wenn du nicht wirst scheuen die Arbeit, sie abzuputzen ein paar Stunden lang mit Kreide, wirst du sehen, es kommt heraus altes richtiges Silber. Es ist mir in der Erinnerung, daß ich sie dir habe gegeben als Kind für ein besonderes Verdienst, aber ich weiß nicht mehr zu sagen, was es ist gewesen.«

Doch während Nathan dies sprach, gingen seine Augen weiter auf; sie sahen nicht mehr auf die Silberschnalle, sondern waren auf das zerknitterte, beschriebene große Quartblatt gefallen, aus dem er sie herausgewickelt, und sich mit den Fingern über der Augenbraue kratzend, brachte er halb murmelnd durch die Lippen: »Ist mir doch, als ob ich sollte kennen die Sorte Papier und auch die –«

Er sah auf, in das Gesicht seiner Tochter. »Wie bist du gekommen zu dem Stück Papier, darin zu wickeln die silberne Schnalle?«

Sie erwiderte, nachlässig die Achsel zuckend: »Davon weiß ich nichts mehr.«

»Wirst du doch suchen, dich zu besinnen darauf. Es könnte sein, daß es wäre dein Vorteil, noch zu wissen, von woher es ist gekommen in deine Hand, daß du könntest machen mit mir den Handel um die Perle in meiner Schublade.«

»Ich kann nur sagen, daß ich kein Gedächtnis mehr besitze davon. Es hat vielleicht zehn Jahre lang unten gelegen im Kasten, ohne daß ich es mehr angefaßt mit der Hand und aufgemacht.«

Nathan dachte sichtlich angestrengt nach. »Es muß sein die Sorte Papier – willst du nicht versuchen, dich zu besinnen zu deinem eigenen Besten, ob du einmal vielleicht fast noch als ein unvernünftiges Kind getrieben ein Spiel im Laden mit einem großen Buch, das war eingebunden in Schweinsleder – kannst du dich nicht erinnern? Ich habe nicht gekonnt immer bei dir stehen aufzupassen, ob du auch machtest einen Unfug, wenn du in einer Ecke dich hattest versteckt im Laden. Hast du nicht vielleicht gesucht nach Bildern in dem großen Buch?« Miriam wiederholte: »Bilder? Die Rebekka, wie sie steht am Brunnen –«

»Gott, die Rebekka, wie sie steht am Brunnen – fällt sie dir ein? So wird sie haben gestanden in dem dicken Band mit der Schweinshaut, und du wirst haben gefunden drin dies lose Blatt Papier und es genommen mit deiner kindischen Unvernunft zu wickeln drin die silberne Schnalle, die ich dir muß haben gegeben um die Zeit. Gott, hast du damit angerichtet einen Schaden – will ich nicht reden von dem Schaden an meinem Bein, bloß von den Kosten allein auf der grausam teuren Rechnung des Doktors. Aber ein Wunder der Welt ist's; wie es sonst kommt alles wieder aus dem Sand, ist es heut' wieder gekommen aus deinem Kasten. Ist dir auch wieder gekommen die Besinnung, daß du hast mit der einfältigen Hand gegriffen dies Papier aus dem Buch mit der Rebekka am Brunnen?«

Nathan faltete und glättete sorgfältig mit der Hand das zerknitterte Blatt, von dem Miriam nichts weiter begriff, als daß er es auf einen guten Handelswert einschätzte. Darüber jedoch konnte sie nicht in Zweifel bleiben, versetzte rasch, ob der Wahrheit gemäß oder nicht: »Ja, es ist mir so aufgewacht in der Erinnerung«, und als Tochter ihres Vaters hurtig die günstige Geschäftslage ausnutzend, fügte sie, ihre Hand nach dem Blatt streckend, hinterdrein: »Ich will's dir geben dafür, wenn du mir verschaffst das weiße Pulver von der zerstoßenen Perle.«

Doch Nathan Aronsohn kam ihrer Bewegung zuvor, steckte schnell das Blatt in seine Brusttasche und entgegnete: »Rede nicht als eine, welcher wächst ein gefährliches Unkraut im Zopf, das sich kann ausbreiten über den Hals und ihn verschnüren, nicht mehr lassen die Luft einzugehen in ihn. Du sollst bekommen die heile Perle aus der Schublade morgen früh, wenn du dich jetzt wirst gelegt haben in dein Bett und wirst sein wach geworden bei gesunder Vernunft. Ich will nicht hören mehr, Miriam, von dem weißen Pulverstaub, der macht die weiße Hautfarbe, ob du hättest ein Begehren nach ihr für dich selber oder für jemand sonst, denn es ist ein schlechtes Geschäft auf alle Fälle, und du wirst machen noch ein gutes mit Geduld, wie ich habe gehabt Geduld, um zu bringen über mich dies gute Dach aus meinem schlechten Sack.«


Auf Helgerslund waren Maurer und Zimmerleute beschäftigt, die eingestürzte Turmtreppe wieder herzustellen, und ab und zu besichtigte der Gutsherr kurz den Fortschritt der Arbeit. Sein Aussehen ließ nichts von dem Unwohlbefinden wahrnehmen, wegen dessen er am Sonntag den Kirchenbesuch in Loagger versäumt hatte, doch aus seinem Gesicht und Behaben sprach statt der sonstigen jovialen Laune etwas andauernd Verdrossenes, das er an allen in seine Nähe Geratenden ausließ. Mit den Handwerkern schalt er, als ob sie an dem baufälligen Zustand der Treppe Schuld getragen, und fuhr eines Nachmittags seine vorüberkommende Frau vor den Arbeitern mit dem nämlichen Vorwurf an. Er habe seit Jahren auf die Ausbesserung gedrungen, sei indes immer von Gertrud aus nichtigen Gründen, hauptsächlich übel angebrachter Sparsamkeit, davon abgehalten worden, bis schließlich ein Unglück geschehen oder es doch auf ein Haar dahin gekommen, daß sie ein Menschenleben auf dem Gewissen gehabt. Er könne sich nicht in Stücke teilen, überall zu sein und aufzupassen, ein mögliches Unheil zu verhüten; sie hätte gewußt, wie er damals den ganzen Nachmittag um einer notwendigen Arbeit willen seine Stube nicht verlassen gekonnt, und es wäre ihre Pflicht gewesen, zu Hause zu bleiben und das Treiben der jungen, unvorsichtigen Leute zu überwachen. Aber sie habe keinen vernünftigen Gedanken im Kopf gehabt, sondern sei vermutlich stundenlang mit Herrn von Alfsleben spazieren gegangen, und nur wie durch ein Wunder sei sie für ihre Nachlässigkeit nicht in der schwersten Weise bestraft worden. Das hielt Fritz Brookwald mit scharf-unwilligem Ton seiner Frau in Gegenwart der Arbeiter vor, und wenn er es auch nicht aussprach, klang doch ziemlich verständlich daraus, durch die von ihm angestellte Untersuchung müsse herausgekommen sein, daß sie die Turmtür geöffnet und in unverzeihlicher Achtlosigkeit nicht wieder verschlossen habe. Und ohne daß er in seinem Mißmut bei den heftig tadelnden Worten die Gescholtene angeblickt, ging er ins Schloß zurück.

Eine derartige Behandlung vor einem Dutzend zuhörender Ohren war Gertrud von seiten ihres Mannes noch nicht widerfahren, und sie stand einige Augenblicke von der unbemäntelten Brutalität derselben wie halbbetäubt da. Die ihr vorgehaltene Beschuldigung, daß sie beinah den Tod Zea Hollesens auf dem Gewissen getragen hätte, hatte sie kaum mit rechtem Bewußtwerden aufgefaßt; dieser Vorwurf war so vollständig ohne irgendeine Begründung und so unbegreiflich gewesen, daß er fast Zweifel an der richtigen Verstandesbeschaffenheit des Sprechers erwecken mußte. Doch etwas anderes hatte kein Mißverstehen zugelassen und Gertrud eine Röte in die Schläfen heraufgedrängt, die Äußerung über ihren Spaziergang im Wald zu der Zeit mit Herrn von Alfsleben. In unglaublicher Roheit schlug er ihr damit vor den Zuhörern wie mit der Faust ins Gesicht, eigentlich auch nicht erklärlich, denn sie wußte, daß ihre neue Wiederbefreundung mit Dietrich Alfsleben ihn völlig gleichgültig belasse. Aber seit einer Woche steckte ein Grimm in ihm, der ihn sein Inneres nicht unter lachender Miene verbergen, sondern mit nackten Worten bloßlegen ließ. Woher jener über ihn geraten, konnte sie sich nicht deuten, doch sie empfand, ein Ausbruch dieses Grimms hatte ihm mit hämischer Absicht die Worte auf die Zunge gelegt, damit die Handwerker das Gehörte weitertragen, erzählen sollten, Herr von Brookwald wisse, daß und weshalb seine Frau sich mit Herrn von Alfsleben allein im Wald aufhalte. Und im Innersten erschreckt, wie betäubt stand sie; sie hatte ihren Mann doch noch nicht gekannt, wohl ein zusammenhangloses, freudeleeres, trostloses Leben neben ihm hingeführt, aber zum ersten Male lag in diesem Augenblick seine Seele in ihrer ganzen rohen und tückischen Nacktheit vor ihr da. Wie zwei gegeneinander treffende Strömungen durchlief sie ein kalter Schauder, während zugleich der Herzschlag ihr warme Blutwellen in die Schläfen hinauftrieb. So blieb sie, ihre Besinnung sammelnd, kurz noch auf dem Fleck stehen, dann atmete sie einmal tief auf und setzte den Fuß vor, auf dem Weg weiterzuschreiten, den einzuschlagen sie das Haus verlassen.

Langsam begab sie sich in südlicher Richtung durch den Park, bis dieser in den Wald überging, an dessen Rand sie noch einmal anhielt und den Blick zurückdrehte. Aber danach wendete sie sich und trat, verschmälertem Pfad folgend, unter das dichte Schattendach der alten Buchen. Fast lautlose Stille lag umher, im Weitergehen fühlte sie nicht nur, sondern hörte auch das Klopfen in ihrer Brust. Sie wußte, auf dem einsamen Weg werde ihr früher oder später etwas entgegenkommen, sich wahrscheinlich um eine Krümmung her voraus durch ein Geräusch, den Aufklang eines Fußtrittes, das Rascheln eines Gezweiges ankündigen. Dies, als von einer noch unsichtbaren Ursache, schon aus der Entfernung zu vernehmen, trug sie eine Scheu in sich, und ihre eigene Hand streifte an den Wegrandbüschen, durch das Blätterrauschen ihrem Ohr jenen sicher zu erwartenden Ton zu übertäuben. Das Tun Gertrud Brookwalds hatte etwas von der Zaghaftigkeit eines jungen Mädchens, doch gepaart mit einem entschlossenen Mut, der sie gleichmäßig den Schritt weitersetzen ließ.

Und dann kam der erwartete Augenblick, Dietrich Alfsleben tauchte aus dem grünen Blätterrahmen dicht vor ihr auf. Die Stunde war's, in der er täglich zum gemeinsamen Spaziergang auf Helgerslund eintraf; rasch zu Gertrud hinantretend, reichte er ihr die Hand, und es war wie seit mancher Woche an jedem Tag. Nur hatte sie bisher stets seine Ankunft im Park erharrt, zum erstenmal sich bis in den Wald hinein ihm entgegenbegeben, und er begrüßte sie: »Das ist eine freudige Überraschung, dich hier schon zu finden.«

Sie antwortete: »Ich wollte nicht, daß du mehr zu uns bis in den Park kämest.« Darauf schwieg sie kurz, eh' sie weiter sprach: »Aber ich wollte mit dir zusammentreffen, um dir zu sagen, daß ich den Entschluß gefaßt habe, mich von meinem Manne zu trennen. Nichts wird mich daran beirren, meine Scheidung von ihm zu bewirken, wenn es nötig ist, zu erzwingen.«

Dietrich Alfsleben flog's über die Lippen: »Du willst?« und aus weitoffenen Augen hielt sein Blick ihr Antlitz umfaßt. Sie dämpfte ihre Stimme zu ruhigem Klang, äußerte so, daß niemals Liebe zwischen ihr und ihrem Manne bestanden, den sie nach dem Willen ihres Vaters als ein halbes Kind geheiratet habe. Frostig und leer, unter einem aufgenötigten Joch sei ihr Leben bei ihm vergangen, bis sie heute erkannt, es nicht länger fort tragen zu können und zu wollen. Mit wenigen Worten tat sie der Beschimpfung Erwähnung, die er ihr soeben vor den Umstehenden zugefügt, doch von dem schweigend, womit er ihr den brutalsten und boshaftesten Streich versetzt hatte. Und sie schloß: »Ich weiß nicht, welche Schritte ich tun muß. Du bist der einzige Freund, den ich um Rat angehen kann, darum ging ich dir hierher entgegen.«

Regunglos hatte Dietrich Alfsleben zugehört; nun fragte er:

»Dein unverbrüchlicher Entschluß ist's, ihm nicht mehr anzugehören?«

Sie nickte und sagte dazu: »Ich habe ihm nie angehört.«

Er hatte bei der Frage unwillkürlich nach ihrer herabhängenden Hand gefaßt und hielt sie mit der seinigen umschlossen. So standen sie nebeneinander, beide jetzt ohne weiter zu sprechen, wohl fast eine Minute lang. Dann hob Dietrich Alfsleben plötzlich den anderen Arm, legte ihn um die Schulter Gertruds, bog sich zu ihr und küßte ihre Lippen. Ein Zucken durchfuhr ihre Glieder, doch ihre Lippen weigerten sich nicht, gaben ihm leise, wie in einem Traum den Kuß zurück. Aber nur eines Herzschlages Dauer lang war's gewesen, dann trat er, auch ihre Hand loslassend, um einen Schritt von ihr fort und sagte: »Mein Rat, Gertrud, ist, daß du jetzt und sogleich deinem Mann offen deinen Willen kundgibst, oder wenn du es anders willst, schreibe ihm. Damit hast du für dich deine Fessel gelöst; dann komme zu mir nach Ekenwart, dort, den Beistand und das Haus eines Freundes zu finden, der dich unter sicherem Schutz halten wird, bis du von deiner Ehe auch vor der Welt losgesprochen bist.«

Er hatte einen betonenden Nachdruck auf das Wort Freund gelegt, und ihm wie einem solchen die Hand reichend, antwortete sie: »Ich danke dir und will tun, was du mir geraten, sprechen oder schreiben. Dann komme ich zu dir in das Haus des Freundes.« Beide blickten sich noch einmal mit einer stumm redenden Sprache in die Augen, danach begaben sie sich auseinander, hierhin und dorthin zurück. Gertrud ging nicht mehr rotgefärbten, sondern blassen Gesichts, aber es erschien wie vom Zauberstab einer Fee angerührt und mit jugendlichem Anmutreiz überhaucht. Was sie lange ungewiß in sich getragen, war ihr heute zu plötzlich jähem Entschluß gereift, durch die rohe Handlung ihres Mannes; doch sie suchte nicht sich selbst zu täuschen, ohne den Wiedergewinn der Jugendfreundschaft zwischen ihr und Dietrich Alfsleben wäre sie nicht zu dem Entschluß gelangt, hätte um ihrer Tochter willen das erdrückend auf ihr lastende Joch mit mählich mehr und mehr abgestumpften Sinnen weitergetragen. Aber dieser Frühling hatte fast wie abgestorben in ihr begraben Gewesenes wieder aufgeweckt, ein Gefühl, daß sie noch lebe, noch ein eigenes Leben habe, und einen Sehnsuchtsdrang, es noch vor dem tödlichen Erstarren zu bewahren. Daraus war ihr geheim die Kraft erwachsen, die ihr heut' die Stärke gegeben, sich aufzulehnen, zu befreien, zu wollen und zu handeln. Sie ging rascher, ein kraftvoller Herzschlag ließ kein Zagen und kein Bangen in ihr aufkommen, sie war gerüstet, dem, mit welchem sie nichts verband, in ruhig furchtloser Entschlossenheit ihren Willen auszusprechen. Im Gehen zog sie ihren Ehering vom Finger. Der Anblick ihrer Hand sollte ihm kundtun, daß sie mit dem äußeren Zeichen der Lebensfessel diese selbst von sich abgelöst habe. Noch ab und zu verlangsamte sie wieder den Schritt, denn manchmal schloß sie unwillkürlich ein Weilchen die Augen. Dann sprachen ihre Lippen halblaut das vor sich hin, was über allem, Glück und trauernde Wehmut zusammenmengend, ihre Brust durchklopfte: Wäre diese Stunde vor zwanzig Jahren gewesen – wären sie ein Traum nur gewesen und wir hätten eben uns so im Wald getroffen und das junge, ganze Leben läge noch vor uns –

Wohl schlug wehmütige Klage ihre Fäden in das Glücksgefühl ein, doch sommerliche Schönheit ging über die Erde und wob einen gleichen holdberückenden Zaubertraum noch um Herz und Sinne Gertrud Brookwalds, wie um die Zea Hollesens. Denn das eigene Herz in ihnen war die Fee, die aus gleicher Sehnsucht ihre Traumwunder um sie schuf.

Da trat Gertrud schon wieder aus dem Wald auf den freien Parkweg hinaus, nun eilig diesen entlang schreitend. Ihr Gang beschleunigte sich fast zum Lauf, so drängte sie's ihrem Ziele zu, dem Abschluß ihres in Herzensarmut verkümmerten Lebens. Dieser einzige Gedanke erfüllte sie jetzt, ließ sie alles nur auf ihr nächstes Vorhaben beziehen, so daß sie überzeugt war, ein seitwärts her auftönender Fußtritt müsse der ihres Mannes sein, den eine für sie vorbedachte Fügung ihr schon hier entgegenbringe. Doch dann erkannte sie's als Täuschung, nicht der Erhoffte bog um den Rand eines Gebüsches, ein anderer, nur Nathan Aronsohn mit seinem Sack war's, eine Gertrud halb fremd gewordene Erscheinung, denn wohl seit zehn Jahren hatte er's vermieden, den Helgerslunder Grund und Boden zu betreten. Vorsichtig, zaudernd ungewiß sein verkürztes Bein nachziehend, kam er auch gegenwärtig daher, ließ beim Gewahrwerden der Gutsherrin zunächst den Fuß halten. Aber danach zog er die Schirmmütze vom Kopf, hinkte auf sie zu und redete sie an:

»Konnte doch nichts kommen mir besser erwünscht, als das hohe Glück, zu begegnen der Frau Baronin, denn es sind eines die Gemahlin und der Gemahl, und kann man doch nicht wissen im voraus, wenn ich ginge hinein ins Schloß, ob ich nicht käme zu unpaß störend in einer wichtigen Angelegenheit den Herrn Baron, daß er mich nicht möchte sehen und anhören, sondern geben Auftrag an irgend wen oder was, wie auszurichten seine Antwort, ohne daß ich hätte gesprochen zu ihm.«

Ungeduldig hatte Gertrud zugehört, fiel ein: »Was wollt Ihr, Nathan? Ich habe nicht Zeit.«

»Werd' ich doch gewiß nicht gehen um leichtfertig mit der hochkostbaren Zeit der Frau Baronin. Ist es doch bloß, daß der Herr Baron ist ein Freund und Liebhaber von altem Papier, welches ich ihm hab' einmal gebracht ins Schloß, daß er hat hochgnädig gewünscht, zu bekommen mehr noch von der gleichen Sorte. Hab' ich mir nicht lassen verdrießen seitdem die Mühe, zu suchen immerfort, ob ich nicht könnte noch auffinden von dem Gewünschten, um mir zu verdienen die hohe Zufriedenheit von dem Herrn Baron. Hab' ich's doch nicht im Sinn, zu verdienen weiter noch etwas damit, wenn es ist das alte Papier von der richtigen Sorte, als das günstige Wohlwollen des Herrn Baron, daß er mir vielleicht wieder wendet zu die Gewogenheit seiner Kundschaft für gute Sachen, die ich ihm könnte vorlegen um billigsten Preis.«

Nathan hatte ein zusammengefaltetes, beschriebenes Quartblatt aus der Tasche gezogen, das er der Gutsherrin überreichte, die mit sichtbaren Zeichen erhöhter Ungeduld gestanden. Augenscheinlich nur um den ihr verursachten Aufenthalt raschmöglichst zu beenden, streckte sie die Hand nach dem Papier, doch zufällig richtete sich ihr Blick dabei auf dieses hinunter und plötzlich flog ihr vom Mund: »Das ist – Woher habt Ihr, das ist ja die Handschrift meines –«

Um ein paar Schritte indes schon entfernt, fiel Nathan Aronsohn ein: »Ich werde gewiß nicht länger verdrießen die Frau Baronin, zu verkürzen ihr noch mehr von ihrer hochkostbaren Zeit, weil ich habe ausgesprochen meine Bitte, zu geben von mir dem Herrn Baron das alte Papier, möge es sein das richtige, das gelegen hat am Brunnen der Rebekka.« Und so schleunig sein linkes Bein es erlaubte, hinkte er, um sich nicht in Mißgunst zu setzen, davon. Es hätte doch ein Irrtum unterlaufen können, daß er Bedenken auch für sein rechtes Bein getragen, wenn er sich bei dem Schloßherrn hätte anmelden lassen, und für alle Fälle bedünkte es ihm ratsam, nach der günstigen Verrichtung seines Zwecks gegenwärtig noch den Park von Helgerslund möglichst bald wieder im Rücken zu haben. Gertrud jedoch gewahrte nichts von seinem Weggang, sie sah noch wie ungläubig auf das große Quartblatt, das er ihr hinterlassen. Aus fern versunkener Zeit, wie aus dem Grab herauf kam's in ihre Hand, denn zweifellos auf den ersten Blick waren es die unverkennbaren Schriftzüge ihres Bruders Meinolf. Nur halb lag ihr im Ohr, was Nathan von dem Papier gesagt, weshalb er es ihrem Manne bringen gewollt, und sie dachte kaum darüber. Doch ein Gedächtnisblatt hielt ihre Hand, das sie im Augenblick vergessen ließ, was sie zu tun beabsichtigt hatte; unwillkürlich trat sie an eine nahstehende Parkbank hinan, setzte sich und begann die Schrift auf dem Blatt zu lesen. Was war's? Vermutlich etwas an sich Gleichgültiges, ein Auszug aus einem Buch oder dergleichen, so erschien's, aber seine Hand hatte es geschrieben und wie ein Gruß von ihm blickte es sie an. Offenbar ein abgerissenes Stück; sie wendete das Blatt um, keine der beiden Seiten zeigte einen Anfang, die eine begann mit der unverständlichen Vollendung eines Satzes: »Mitgift in die Wiege zu legen.« Ihre Augen gingen einmal flüchtig über das Ganze hin, da stutzte sie plötzlich, denn inmitten des Schriftstücks traf sie auf ihren eigenen Namen »Gertrud«. Eine Anrede an sie war's, und im nächsten Augenblick konnte ihr nicht Zweifel bleiben, das Blatt enthielt einen Teil eines Briefes, und zwar eines an sie selbst gerichteten Briefes, der nie in ihre Hand gekommen. Eine sonderbare Erregung überkam sie, etwas Schreckhaftes, sie wußte nicht, woher und weshalb. Hastig drehte sie das Blatt wieder um und las vom Anfang der Seite:

»Mitgift in die Wiege zu legen. So liegt sie da, ruhig atmend, ahnungslos, daß ich noch wache und an Dich schreibe. Möge dieser Brief nie in Deine Hand kommen, möge mir beschieden sein, ihn morgen wieder zu vernichten, Dir mit dem Munde zu sagen, daß Eduv seit vorgestern meine Frau ist. Freilich wenn ich dazu imstande sein soll, so müßte ich ihn – und das will, das werde ich nicht. Er ist ein Unglücklicher, seiner Sinne beraubt – es muß noch ein drittes geben, daß weder er noch ich – vielleicht daß er im letzten Augenblick noch erkennt – ich werde nichts unversucht lassen, all meine Hoffnung ruht darauf.

Doch Du verstehst das nicht, ich schreibe zu hastig und wirr durcheinander. Wie Eduv die Arme um mich warf, stumm damit sprach, wen sie gewählt habe, ward es für ein paar Augenblicke still um uns. Aber ich hörte nichts, mein Herz klopfte und jubelte wohl zu laut, ließ mich, sie auch mit meinen Augen umschlungen haltend, alles vergessen. Da fuhr ich auf – denn der Wahnsinn brach aus D.s Munde. Halberstickte Worte, von irrer Wut ausgestoßen, schleuderte er mir entgegen, hieß mich einen Betrüger, einen Schurken, einen tückischen, ehrlosen Buben. Das Blut stockte mir, doch ich bezwang mich, antwortete: ›Du bist von Besinnung. Du wirst morgen nicht wissen, was du gesprochen, und ich auch nicht.‹ Doch da wandte er sich gell auflachend gegen Eduv: ›Behalt' die Dirne, die du besser bezahlt hast als ich! Wieviel hat er dir gegeben, daß du ihn küßt?‹ Er streckte die Hand nach ihr, mir schien's, ihr Haar zu fassen, um ihren Kopf von mir gegen seine Augen herumzureißen. Mich hatte ich beschimpfen lassen, jetzt verlor ich die Herrschaft über mich. Meine Hand fuhr auf und schlug ihm mit solcher Gewalt ins Gesicht, daß er wie betäubt zurücktaumelte. Eduv stieß einen Angstschrei aus, die alten Leute vom Hause liefen herzu.

D. und ich haben uns nicht wiedergesehen, nur kurze Schrift gewechselt. Was die seinige enthält, brauche ich Dir nicht zu sagen, noch daß ich darauf erwidern mußte, wie er es forderte. Wir sind übereingekommen, morgen früh wie zum Wettsegeln mit unseren Böten in die See hinauszufahren. Doch nehmen wir Pistolen mit uns, trennen uns draußen eine Strecke weit und kehren dann gegeneinander zurück. Der Überlebende wird sagen, daß der andere verunglückt sei und bei unserer bis vor kurzem unzertrennbaren Freundschaft wird niemand auf den Gedanken eines Zweikampfes zwischen uns geraten. Nur Dir mußte ich es schreiben, für den Fall, daß ich Dich morgen nicht sehe.

Aber ich hoffe noch Gutes, nur das eine nicht mehr, was ich als einen Herzenswunsch gehegt. Ich glaube sicher, er hätte sich erfüllt, wenn D. nicht von der unseligen Leidenschaft für Eduv gefaßt und besinnungslos gemacht worden. Auch Dein Herz, Gertrud, ich weiß es, trägt den Wunsch in sich.

Komme ich morgen zurück, so offenbare ich unserem Vater, daß er seit vorgestern noch eine Tochter außer Dir besitzt. Es ist geschehen, unabänderlich, er muß und wird sich darin fügen. Ein mir befreundeter junger Geistlicher, dem ich mich anvertraut, hat in der Stille unseren Eheschluß rechtmäßig vollzogen. Nicht alles weiß er, nicht von D., nur daß ich von einer übermächtigen Nötigung gezwungen sei, um Lebens und Sterbens willen Beistand bei ihm zu suchen. Er weigerte sich, durch eine heimliche Trauung ohne Zeugen und ohne Erfüllung der gesetzlichen Vorschriften gegen seine Amtspflicht zu handeln, doch der Anblick der reinen Holdseligkeit Eduvs brachte ihn zum Wanken. Er ist von der Art des Pastors Hollesen in Loagger, und die Menschenpflicht in ihm ward die stärkere. So gab er mir an, es bestehe eine uralte, von der Kirche nie aufgehobene Rechtsgültigkeit eines Ehebundes, wenn ein Mann vor dem Priester in Gegenwart zweier Anwesenden die Hand seiner Braut fasse und, ehe Einwand erhoben worden, laut spreche: ›Ich erkläre diese zu meiner Ehefrau!‹ Wider die weltliche Satzung sei's eine Eigenmächtigkeit, aber damit geschehen, was die Kirche als das innerlich Bindende und Weihende der Eheschließung anerkenne, die Willenserklärung der Verlobten. Sie mißbillige diese Eigenmächtigkeit als eine Verletzung des irdischen Gesetzes, doch da sie den Bund als unlöslich geschlossen betrachte, ermächtige sie ihren Diener, ihm zur Verhütung argen Übelstandes mit dem göttlichen Segensspruch auch weltliche Geltung zu verleihen. Das habe die Kirche, als das Fundament der Ehe, nie durch eine ausdrückliche Bestimmung aufgehoben – und so geschah's vor zwei wie durch Zufall anwesenden, ahnungslosen Zeugen, uns völlig unbekannten Dorfleuten, die kaum etwas von dem Vorgang begriffen. Danach nahm der Geistliche unsere Trauung auf sein Gewissen, und als Mensch sicherte er mir mit seiner Hand Geheimhaltung zu, bis ich selbst ihm die Junge lösen werde.

Auch das mußtest Du noch wissen, Gertrud – wenn ich morgen nicht zu Dir kommen sollte. Dann nimm statt meiner die Schwester ans Herz, die ich Dir hinterlasse; in Deinen Schutz befehle ich sie! Sie war, sie ist mein höchstes Gut, und Du wirst erkennen, daß sie es sein mußte.

Ein Buch liegt neben mir, damit ich dies Blatt wie das erste schnell darin verbergen kann, wenn Eduv aufwachte. Sie ahnt nichts von morgen und soll es nicht, weiß nur, daß ich in der Frühe einen weiteren Ausritt mache, von dem ich erst am Nachmittag heimkehren kann. Ungesehen soll die Gewitterwolke über ihr fortziehen und zergehen; daß sie davon wüßte, wäre unmöglich für sie und für mich. Nur zwei Worte will ich auf ein Blättchen schreiben, falls ich gegen Abend noch nicht wiedergekommen sei, möge sie Dir das Buch schicken, ich hatte Dir davon gesprochen und Du wartetest heute darauf. Dann wüßtest Du, Gertrud, was ich als erstes von Dir erhoffe, und ich weiß, daß Du es tust.

Aber es wird nicht nötig sein, dies ganze Schreiben wird unnötig gewesen sein. Ich werde es morgen bei meiner Rückkehr in dem Buch vorfinden und vernichten. Der Glaube daran macht mich immer freudiger, wird zur sicheren Überzeugung, denn die alte Jugendfreundschaft kann nicht solchen Ausgang nehmen, muß im letzten Augenblick mit zwingender Macht – –«

Mit dem Wort brach der Brief gegen den Schluß der zweiten Seite unbeendet ab; die letzte Zeile wies sich halb verwischt, ließ erkennen, der Schreiber habe das Blatt, auf dem die Tinte noch naß gewesen, hastig in das Buch geschoben, weil seine junge Frau aufgewacht sei. Danach war Meinolf von Rhade nicht mehr zu einem Abschluß gelangt und, wie es fast zweifellos ward, auch nicht zu der beabsichtigten kurzen Anweisung auf einem Blättchen. Er mochte es vergessen haben; vermutlich hatte er es in seiner immer fester gewordenen Zuversicht am Morgen für durchaus unnötig gehalten.

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