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Aus See und Sand - Zweiter Band

Wilhelm Jensen: Aus See und Sand - Zweiter Band - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorWilhelm Jensen
titleAus See und Sand ? Zweiter Band
publisherHesse & Becker Verlag
year
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080809
projectid0841748f
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X.

Nun ging der Sommer über die Heide und sie blühte auf. Ein rosenroter Schimmer tat es kund, doch eilig, Tag um Tag, vertiefte er seine Farbe. Lange hatte sie scheinbar reglos in winterlichem Zustand verharrt, durch kein äußeres Anzeichen offenbart, daß auch in ihr die alles sonst beherrschende Kraft des Frühlings gebiete und wirke. Aber in der Stille war es dennoch geschehen, unvermerkt hatte die Knospe sich angesetzt, immer noch trotzig, als stehe es bei ihr, sich nicht zur Blüte zu entwickeln. Vergeblich, denn die Natur befahl mit stärkerer Macht, als ihr Widerstand, zersprengte die verschlossene Hülle, drängte den heimlich bereiteten Inhalt ans Licht. Und jetzt blieb kein Stillstand mehr möglich, er wandelte sich in treibende Hast um, mit allen aufströmenden Kräften das Versäumte einzuholen. Einer unfaßbaren Torheit gleich lag das hartnäckige Trachten, sich zu weigern, hinter ihr; die Sehnsucht, der Zweck alles Lebens war, zu blühen, und die Heide ward zu einem purpurnen Meer. Leisen, süßen Duft atmete sie aus, auch die Sommerluft über ihr wiegte sich in weichen, schwingenden Wellen. Nicht immer zwar lachte und leuchtete der blaue Himmel herab, manchmal schütteten Wolken ihre Wasserstürze nieder. Doch der blühenden Heide galt es gleich, sie bedurfte keiner Beihilfe mehr, entfaltete ihren Sommerglanz täglich zauberischer aus sich selbst, und der Wechsel von Sonne und Regen erhöhte nur ihre Schönheit.

An jedem Tag und bei jedem Wetter machte Zea Hollesen sich zur gleichen Morgenstunde auf den Weg nach ihrem alten Lieblingsplatz; um die Mittagsstunde erst kehrte sie zurück, zuweilen im letzten Augenblick und völlig durchnäßt, so daß sie, obwohl die Mahlzeit schon wartete, noch in ihre Stube gehen und sich eilfertig umkleiden mußte. So war's auch früher wohl geschehen, ihr Tun und Treiben seit Jahren gewesen, für das der Pastor ihr immer unbeschränkte Willensfreiheit gelassen. Doch in der letzten Zeit hatte sich etwas in ihrem Wesen verändert, anfänglich berührte ihm's nur die Empfindung, dann sah und erkannte er's auch. Naturgemäßes eigentlich war's, kein hochgewachsenes Kind mehr saß am Tisch da, sondern ein holdseliges, jungfräuliches Mädchen. Diese Wandlung entsprach ihrem Alter, nur das beinah Unvermittelte daran setzte in Verwunderung. Nach dem Sprichwort wie über Nacht gekommen erschien's, wie einmal plötzlich, ohne Ankündigung der Frühling einbrach und da war. Und eine Verkörperung des ganzen Frühlings in all seiner wundersamen Köstlichkeit stellte Zea dar; Christian Hollesens Blick hing an ihr, von lieblichstem Reiz eines Menschengeschöpfes entzückt. So glich alles an ihr in erstem Zauber übermächtig aufgehender Lenzesschönheit, so blühten ihre Wangen und Lippen, hob sich unter der Gewandung in sichtbarlich wonnevollem Lebensgefühl die junge Brust, so strahlte aus ihren Augen ein blaues Edelsteinlicht.

Doch die Augen waren es, in denen die Veränderung gegen früher lag, oder vielmehr, sie benahmen sich sonderbar verschiedenartig. Dem Pastor konnte nicht entgehen, es sei kein Zufall, daß sie den seinigen nur selten mehr begegneten, wenn es geschah, ihnen rasch vorübergingen. Sie suchten es zu vermeiden; das veranlaßte ihn ein paarmal, sie zu nötigen, ihn beim Gespräch gradaus' anzusehen. Aber dann hielten sie seinem Blick wie von Kindheit auf Stand, ohne irgendeine Unruhe oder Scheu, klar bis zum Grund hinab, wie ein kristallhelles Wasser, in dem sich der blaue Himmel spiegelt und mit ihm die Sonne, die ein Goldgeringel hineinspielen läßt. Ruhig, wenn sie nicht ausweichen konnten, schauten die Augen Zeas ihrem Vater entgegen, nur um die Lippen drunter zitterte und zuckte es kaum merklich, als müßten sie gewaltsam einen Ausbruch schwellenden Jugendübermutes beherrschen.

Dies Verhalten der Augen des Mädchens wechselte in einem unverständlichen Gegensatz, über den der Pastor nachdachte. Umsonst, denn nirgendwo fand er einen Anhalt, doch er hatte still zu beobachten angefangen und verwandte eine ihm bisher nie in den Sinn gekommene Aufmerksamkeit auf das tägliche Tun Zeas. Ihr stetiger Ausgang an jedem Morgen und ihr stundenlanges Fortbleiben entsprach dem, was sie immer getan, konnte ihn nicht befremden; nur fiel ihm auf, daß sie stets genau um die nämliche Zeit das Haus verließ und sie einigemal eben zuvor auf die Standuhr in der Wohnstube blicken gewahrte. Und hinzu kam, daß sie bei drohendem Wetter nicht auf eine Besserung wartete, sondern sich gegen ihre frühere Neigung mit einem Schirm ins Freie hinausbegab.

Einen Gedanken, der sich Hollesen zunächst aufdrängte, ließ er rasch wieder fallen. Während der Stunden ihrer regelmäßigen, vormittägigen Abwesenheit hatte Tilmar Hellbeck seinen Schülern Unterricht zu geben, war außerstande, die Schulstube zu verlassen. Doch hielt der Pastor zweimal von der Kirche aus die Fortgehende im Auge, Sie nahm ihre Richtung nach Süden, schritt in einiger Entfernung am Schulhause vorüber, ohne einen Blick dorthin zu wenden; es regte sogar fast den Eindruck, als halte sie den Kopf absichtlich nach der anderen Seite gekehrt, bis das Haus ihr im Rücken liege. Hollesen hatte den ihm gekommenen Gedanken nicht ernsthaft aufgefaßt; er schätzte den jungen Lehrer als solchen und als Menschen, kannte ihn genau in seinem Trachten, nicht nur seines Geistes, auch seines Herzens. Aber es war unmöglich, daß Tilmar Hellbeck der Urheber des leuchtenden Glanzes und goldenen Sonnengeringels in den Augen Zeas sei. Von der Höhe des Kirchhofs ging der Blick weithin, und der ihr Nachschauende gewahrte sie als winzige Gestalt vom Strande zur Linken ins Heideland abbiegen. Um sich vollste Gewißheit zu schaffen, stattete er dennoch einmal einen Besuch im Schulhause ab. Der junge Lehrer stand, seinen Pflichten nachkommend, auf dem Pult, von dem sein Denken manchmal heimlich abschweifen mochte, doch unzweifelhaft setzte er den Fuß nicht vor dem Mittagsschlag der Turmuhr hinaus. Es war ja auch nicht möglich, nur aufgetaucht, weil es nichts anderes gab, was sich zu einer Vorstellung und Erklärung gestalten ließ.

Ein Sonntag fiel jetzt in das ergebnislose Nachsinnen hinein, und ausnahmsweise brachte der Wagen von Helgerslund nur Gertrud Brookwald mit ihrer Tochter zur Kirche; ihr Mann fühlte sich nicht recht wohlauf und war deshalb zu Hause geblieben. Schon bei der letzten Zusammenkunft hatte Gertrud der Pastorin ein Gefühl erweckt, als sei eine Veränderung in ihr vorgegangen, der schwermütige Blick ihrer Augen trat weniger deutlich hervor und aus der Stimme erklang etwas Lebensfreudigeres; beides brachte dieser Sonntag noch mehr zum Ausdruck. Unna plauderte und plätscherte, wie immer, alles heraus, was sie in sich trug, beschwerte sich über Meinolf Alfsleben, der doppelt unausstehlich sei, weil er einmal gut aufgelegt und unterhaltend sein könne, beim nächsten Kommen aber wieder langweilig wie ein Stück Leder dasitze; übrigens lasse er sich glücklicherweise kaum mehr sehen. Erst nachträglich fiel's Unna ein, zu fragen, ob Zea sich von dem Schreck erholt habe, und dadurch erfuhr der anwesende Pastor zuerst von dem Besuch der letzteren auf Helgerslund und der Lebensgefahr, in die sie dort geraten. Er erschrak heftig, verbarg es jedoch möglichst, ließ durch nichts mutmaßen, daß er bisher keine Kenntnis davon besessen, sondern nutzte nur eine unauffällig von ihm herbeigeführte Gelegenheit, ein paar Minuten mit Unna allein zu sein und sich genau über die Einzelumstände des Treppeneinsturzes und der glücklichen Rettung Zeas zu unterrichten. Für diese hatte er im Laufe des Tages kein Wort des Vorwurfs, daß sie gegen sein Verbot nach Helgerslund gegangen sei, noch daß sie davon und von dem, was sich dort mit ihr zugetragen, geschwiegen habe. Er schien ihr dies Verhalten der Mitteilung nicht als Unwahrheit anzurechnen; die Grundsätze seiner Lebensanschauung, nach denen er sie geleitet hatte, ohne ihr ein Gefühl des Zwanges zum Bewußtwerden kommen zu lassen, waren von jeher eigenartiger Natur gewesen, in manchem von den für heranwachsende Mädchen üblichen Erziehungsvorschriften abweichend. Doch am nächsten Morgen verließ er frühzeitig das Haus; es trieb ihn, auch einmal einen Gang in die blühende Heide hinaus zu machen, einen Rundweg, denn er schlug die Richtung nach Süden ein und kam von Norden her zum Dorfe zurück, ungefähr eine Stunde bevor Zea nach gewohnter Weise zu Mittag heimkehrte. Bald nach diesem aber empfand der Pastor bei dem schönen Sommerwetter nochmals einen Antrieb, sich ins Freie zu begeben, sogar noch weiter, als am Vormittag, denn er gelangte schließlich bis nach Ekenwart, dort einmal dem anderen Kirchenpatronatsherrn von Loagger in seiner weltflüchtigen Abgeschlossenheit einen Besuch abzustatten. Der Freiherr war indes, wie seit Wochen allnachmittäglich, nach Helgerslund hinübergegangen, dagegen fand Hollesen Meinolf Alfsleben vor, der beim Anblick des unerwarteten Besuchers ein wenig stutzte und ungewiß stand. Doch der Pastor sprach sich erfreut aus, den ihm fremdgewordenen Knaben zum Manne erwachsen wiederzusehen, wollte die Rückkunft des Vaters, mit dem er in einer Kirchenangelegenheit zu reden beabsichtigt, erwarten und bat Meinolf, ihm so lange Gesellschaft zu leisten. Seit halb unausdenkbarer Zeit war er nicht mehr nach Ekenwart gekommen, interessierte sich für die Veränderungen auf dem Gut, und ging, mit seinem jungen Begleiter bald über dies, bald über jenes sprechend, wohl eine Stunde lang umher. Dann aber ward es ihm doch zu spät, ins Unsichere hinein bis zur Heimkunft des Freiherrn zu bleiben, er nahm, Meinolf freundlich die Hand reichend, Abschied, sich auf den Rückweg zu begeben. Wie er aus dem Wald in den spätnachmittägigen Sonnenglanz der Heide hinaustrat, sprach aus seinen Zügen volle Befriedigung. Sein Gang am Morgen hatte ihm das bisher umsonst gesuchte Verständnis eingebracht und der jetzige ihm jede Unruhe beschwichtigt. Seine stillen Augen lasen gut in einem Menschengemüt; nicht alles lag noch aufgehellt vor ihnen, doch das eine in unzweifelhafter Klarheit, von Meinolf Aflsleben drohe keine Gefahr, die Vorbeugungsmaßregeln erfordere. Und Christian Hollesens Lebensanschauung war eigenartig, er stand, vor sich hinausblickend, und nickte. Freudigste Sommerzeit war's, die Heide vor ihm blühte, und sie wollte es in ihrer Weise. In einsamer Stille, verborgen, nur dem Himmelsblau und der Sonne offen, vor deren Niederblick sie sich nicht scheute. Wer eine solche Blüte aus ihrem heimlichen Erdwinkel ausgrub, sie regelrecht vor gaffende Blicke auf ein Gartenbeet zu verpflanzen, nahm ihr das Schönste, den wundersamen Zauberschmelz ihres Frühlings. Der Pastor nickte im Vorübergehen den Birkenwipfeln zu, die rechtshin in der Ferne die Stelle des alten Findlingsteins deuteten, und schritt gegen die ins Meer niedertauchende rote Sonnenkugel weiter zum Dorf zurück. Doch, nach Haus gekehrt, sprach er auch der treuen Genossin seines Lebens nicht davon, daß er in Ekenwart gewesen.

So besaßen Zea und Meinolf, ohne es zu ahnen, einen Mitwisser ihrer täglichen Zusammenkunft; sie hatten nichts von dem Späher, der behutsam zu Werk gegangen, bemerkt. Doch er hätte wohl weniger Vorsicht aufzuwenden gebraucht, denn sie sahen und hörten nichts als sich gegenseitig. Nach der Himmelslaune saßen sie zusammen in einer Wetterhütte oder auf dem großen Steinblock, nur nicht, wie früher durch Wochen hindurch, voneinander abgekehrt, sondern meistens sich dicht und fest umschlungen haltend. Über diese Verwandlung oder eigentlich über jene vormalige Rückendrehung mußten sie täglich wieder sprechen. So unglaublich närrisch, ein so kinderhaftes Versteckspielen und so über alle Maßen schön war es gewesen, und sie lachten und sahen sich mit glanzgefüllten Augen an. Dann zogen diese ihnen wie an Goldfäden die Lippen aneinander, von denen nie das Wort »Liebe« kam; fremd schien's ihnen oder bedeutungslos, nicht für ihr Beisammensein von der Sprache geschaffen. Und ebensowenig redeten sie vom Künftigen, sie fühlten und lebten nur die selige Gegenwart. Doch gestattete diese zeitweilig ein Zurückschweifen zum Vergangenen, und Meinolf sprach einmal von dem Tag seiner Ankunft auf Ekenwart, an dem er ein Vorempfinden in sich gehabt als erwarte ihn hier ein sonnenhaftes Glück, eine volle Darbietung alles dessen, was er von Kindheit auf im Leben entbehrt. Das glaubte er damals am selben Abend auch noch durch die Offenbarung des Gefühls, daß sein Vater für ihn im Herzen verborgen gehalten, errungen zu haben, und daß deshalb in der verzauberten Mondennacht die Nachtigall ihm so jubelnd bis in den Schlaf hinein geschlagen. Aber sie hatte anderes gewußt und voraus verkündigt – – ja, die Nachtigall, die wußte alles vorher, davon konnte auch Zea sagen. Denn zu ihr war sie in der gleichen Nacht im Traum gekommen, ihr das Verlangen nach dem Gesang der Nachtigall im Helgerslunder Park zu wecken. Eigentlich nicht dort, sondern im Ekenwarter Park – »denn du hattest gesagt, Meinolf, in der Nacht werde sie wieder schlagen, und dabei lese sich's gut in ›Hermann und Dorothea‹!«

Ein Liebespaar war's; den Namen hätten sie nicht verstanden, aber sie hatten sich lieb, am liebsten von allen Menschen auf der Welt, und mehr an Glück konnte nicht auf der Erde sein, als wenn sie beisammensaßen. Als höchstes Besitztum erneuerte es ihnen jeder Tag, und doch setzte er sie immer noch neu darüber in Staunen, daß eine solche Herrlichkeit kein Traum, sondern Wirklichkeit sei. Womit sie die gemeinsamen Stunden verbracht, hätten sie bei der Trennung nicht zu sagen gewußt, nur daß jeder Blick und jedes Wort, jeder Atemzug und jeder Herzschlag ein Wunder gewesen. Sie kamen, flogen sich in die Arme, zwei große Kinder, denen ein süßer Rausch um die Stirn lag; in dem sprachen und hörten sie, schlangen spielend ihre Finger durcheinander, küßten sich plötzlich, weil das sagte, was keine Worte ausdrücken konnten. Die Zeit um sie stand still, und doch auch war sie vorüber, wenn sie kaum erst begonnen zu haben schien. Ein Heidemärchen war's, von Elfenhänden und Sonnenstrahlen, Duft und Blüten gewoben, und daß es ein solches sei, hatte Christian Hollesen voll beruhigt und beglückt in den Augen Meinolf Alfslebens gelesen.

Einmal fragte Zea Meinolf: »Warum brachtest du eigentlich damals Nathans Tochter mit hierher?« Er antwortete: »Sie stand an einer Stelle, wo ich vorüberkam; da dachte ich, es mache dir vielleicht Spaß, auch ihr schönes, buntes Kleid zu bewundern, und hieß sie mit mir gehen.«

»Und deshalb fühltest du mit der Hand auf ihre Schulter, aus was für einem Stoff das Kleid sei,«

»Ja, mir war er unbekannt, und man muß immer eine gute Gelegenheit benutzen, um zu lernen,«

Ernsthaften Mundes, wie zwei Wichtiges redende Kinder, hatten beide gesprochen, ohne sich anzusehen. Nun hob das Mädchen den Kopf auf und fragte weiter: »Das ist hübsch von dir, daß du so lernbegierig bist; hast du, als ich fortgegangen war, dich auch drüber unterrichtet, aus welchem Stoff die Lippen Miriams beständen?«

»Warum gingst du eigentlich fort? Wenn du geblieben wärest, könntest du dir selbst Antwort darauf geben.«

Auch Meinolf hatte ihr das Gesicht zugewandt, so daß sie sich jetzt in die Augen sahen. Beide noch mit der ernsthaften Miene und die Lippen zusammengedrückt haltend. Aber plötzlich brachen sie gleichzeitig in ein unhemmbares Lachen aus, und Zea vermochte kaum hervorzubringen: »Wie muß der Stein hier über uns beide gelacht haben! Und meinst du, ich hätt's nicht gemerkt, daß du noch niemand im Leben geküßt hattest? So ungeschickt tatst du's in der Hütte, ich mußte dich's erst lehren.«

»Du? Du wärst ohne mich ja nie darauf gekommen!«

»Soll ich dir beweisen, wer es besser versteht?«

»Mich deucht, du vergißt jeden Tag wieder das bißchen was du gelernt hast, und ich muß mich plagen, immer neu von vorn mit dem Unterricht anzufangen,«

»O du Armer, nein, warte, plage dich noch nicht – ich will dir vorher noch etwas sagen, was du nicht weißt und mir grad' einfällt. Während deines Lesens hab' ich hier einmal gedacht, du solltest doch Unna Brookwald heiraten. Das wäre eine Frau für dich, auch von so adliger Abkunft wie du, und ihr paßtet so gut zueinander. Willst du nicht?«

»Wenn ich dir einen Gefallen damit tun kann. Ich glaube, ihre Eltern und mein Vater hätten's nicht ungern, und vielleicht, wenn ich mir bei ihr besser Mühe gebe – du sagst ja, daß ich etwas von meiner Ungeschicklichkeit bei dir verlernt habe.«

Da ging's wieder nicht mehr, zugleich konnten sie abermals keinen Widerstand länger leisten, das köstliche Lachen schlug ihnen von den Lippen. Nichts Drolligeres ließ sich erdenken, als daß er Unna heiraten solle und bereit dazu sei, um sich Zea gefällig zu erweisen. Sie redeten nicht weiter darüber, worin das Komische dieser Vorstellung eigentlich liege, konnten es auch nicht, denn sie hatten lang' durch das ernste Gespräch Versäumtes nachzuholen. Ein unglaublich närrisch-seliges Treiben war's, immer nur Gegenwart, die von ihrem unermeßlichen Reichtum zehrte, mit keinem Gedanken über ihr Glück hinausging. Schöner konnte nichts sein und werden, und das Morgen hatte nur Bedeutung, weil es das Heute, das vergehen mußte, wiederbrachte.

Doch täuschten die beiden sich darin, daß niemand von ihrem täglichen Beisammensein wisse, oder richtiger, sie dachten gar nicht daran, daß jemand sie sehen und hören könne, weil sie selbst nichts als sich hörten und sahen. Christian Hollesen war indes nicht der einzige, der sich darüber vergewissert hatte; die kleinen Hügelrücken und Einsenkungen der Heide um den Findlingstein ermöglichten im Verein mit dem Busch- und Strauchwerk ein Herankommen in ziemliche Nähe, ohne von Blicken, die nur sich gegenseitig suchten, von Ohren, die nur der Stimme des anderen lauschten, bemerkt zu werden. So ringelte sich ein paarmal schlangenartig, behutsam zu Boden gedrückt, etwas durch das purpurne Blütenmeer, hielt an und kroch geräuschlos weiter, bis sich langsam ein Kopf zum Rand einer Sandwölbung aufreckte und durch eine Strauchlücke zwei dunkle Augensterne gleich schwarzglimmernden Pfleilspitzen hindurchschoß. Reglos hafteten sie dann geraume Zeit auf den beiden in Hörweite drübensitzenden Gestalten, wie die einer lauernden Katze, die ein Nest mit zwei zwitschernden Vögeln ausfindig gemacht. Eine Hand zog sich zusammen, als ob sie tastend nach scharfen Krallen an den Fingern suche, oder schnellte sich einmal gegen ein granatrotes Lippenpaar auf, um es zu verschließen, dem Herausfahren eines zischenden Tones zuvorzukommen. So lugten die Augen über den alten Dünenkamm der Heide, bis sie sich zurückduckten und zurück auch wieder das lautlos sich am Boden fortwindende Geringel glitt. Dann ging Miriam in der Ferne als etwas Kleines, nicht mehr Unterscheidbares der Stadt zu. Ihr Vater hatte gedacht, sie möchte vielleicht einem heutigen Salomo als ein Karfunkelstein bedünken, für den er einen hohen Preis zu zahlen bereit sein werde. Doch es war kein Geschäft zustande gekommen, so daß Nathan Aronsohn philosophisch die Achsel gezuckt, die richtige Weisheit müsse sich bei einem nicht eingeschlagenen Handel damit zufrieden geben, wenn er keine Unkosten gemacht. Alles indes nahmen die scharfblickenden Augen Nathans doch nicht gewahr, oder vielmehr gab's etwas, das er nicht sehen konnte, weil er von dessen Vorhandensein in der Welt nichts wußte. Denn Miriam hatte in der Tat von ihrem ersten Gang auf die Heide und der Begegnung mit Meinolf Alfsleben Unkosten gehabt. Ihr war klar geworden, wozu er sie mit sich genommen und benutzt habe, und zum erstenmal hatte sich ihr dabei herausgestellt, daß sie doch auch noch etwas anderes in sich trage, als ihres Vaters gleichmütig rechnenden Geschäftssinn. Für sie war's nicht das vergebliche Angebot einer guten Ware gewesen, sondern sich selbst fühlte sie in jener verschmäht, mißächtlich beiseite geworfen und offenbar um einer anderen willen. Dazu aber kam, daß sie in dem Augenblick, als dieser junge König Salomo ihr den Arm um die Schulter gelegt, gar nicht mehr an einen einträglichen Handel gedacht, nur ein ihr bis dahin unbekannt gewesenes Verlangen in sich empfunden hatte, ganz von den Armen in Besitz genommen zu werden. Als ein Flackern in ihrem Blut war's gekommen, zu einem Auflodern und Brennen geworden. Sie besah sich in ihrem Spiegel; war sie mit den schwarzen Haaren und schwarzen Sternen im Gesicht nicht schöner, als die blonde Christentochter mit den wasserblauen Augen? Hatte die etwas anderes, Kostbareres von der Natur im Besitz, als sie? Kam sie nicht auch, um einen guten Handel mit dem vornehmen Junker zu machen, während Miriam an keinen Geschäftsvorteil mehr dachte, nichts wollte, als den Arm wieder um sich haben. Hastig wuchs es in ihr groß, zu heißer Leidenschaft, ließ sie mit Verachtung auf die niedrige Gewinnsucht der anderen sehen. Und so trieb's sie zweimal auf die Heide hinaus, sich hinanzuschleichen und zu winden, um zu spähen, ob er wieder mit der blonden Christentochter zusammen sei und was er mit ihr beginne. Das Blut gärte ihr bei dem, was sie verstohlen sah und hörte; doch wilder noch beim Erkennen, wie schlangenlistig die harmlos gleich einer Taube Erscheinende zu Werke gehe, nichts an dem Wert ihrer Ware zu verringern, eh' sie sich den Preis dafür völlig gesichert habe. Die Lauscherin drückte ihre Finger in die Handfläche, aber sie trug keine Krallen daran und keinen Otterzahn im Mund. Und ohnmächtig mußte sie zur Stadt zurückgehen, wo sie, die Abwesenheit ihres Vaters benutzend, den Laden geschlossen hatte, so daß vermutlich mancher Käufer kopfschüttelnd vor der Tür umgekehrt war. Aber selbstverständlich schwieg sie bei der Heimkunft Nathan Aronsohns von ihrem Fortgang, denn er hätte sie für unrichtig im Kopf angesehen, daß sie gute Zeit und Kunden versäumt habe wegen einer Ware, von der sie erfahren, daß ihre Auslage nicht zum Einschlagen eines Handels geführt.

Und noch einen dritten Mitwisser besaß neuerdings die tägliche Zusammenkunft Meinolfs und Zeas. Seit dem Tage, an dem der Förster Dirk Westerholz durch Herrn von Brookwald zu einer Einkehr im Pfarrhause von Loagger veranlaßt worden war, hatte der erstere mehrmals wieder seinen Fuß auf die Heide, dem Dorf zu, hinausgesetzt. Bis zu diesem selbst ging er nicht vor, doch begegnete er Zea Hollesen einmal auf dem Weg, und aus dem Blick, mit dem er ihr Gesicht gleichsam umfaßte, ließ sich lesen, daß der Grund, der ihn hergeführt, dem Wunsch entsprungen sei, die Tochter des Pastors nochmals zu sehen. Sie begab sich an ihm vorüber, ohne sein auf sie verwandtes scharfes Augenmerk wahrzunehmen, schaute überhaupt kaum auf und erkannte, zu sehr mit ihren Gedanken an ihr Ziel vorauseilend, den nur flüchtig einmal Gesehenen nicht wieder. Doch er folgte ihr mit den Blicken nach, wie sie weglos in die Heide hineinbog, und einigemal schon war ihm aufgefallen, daß der junge Herr von Alfsleben gleichfalls um die nämliche Vormittagsstunde durch den Wald eine Richtung nach der Heide einschlug. Westerholz bekümmerte sich sonst nicht um das Tun und Treiben anderer, und am wenigsten lag's in seiner Natur, etwaigen heimlichen Zusammenkünften eines Mädchens mit einem jungen Manne nachzuspüren. Aber an Zea Hollesen nahm er ein merkwürdiges und außergewöhnliches Interesse, das ihn veranlaßte, sich doch einmal, als er Meinolf auf dem gleichen Weg gewahrte, über die ihm aufgetauchte Wahrnehmung Gewißheit zu verschaffen. Sein Leben lang hatte er die Kunst geübt, unbemerkt auch ein scheues Wild zu beschleichen, so gelang es ihm unschwer bei dem völlig achtlosen Paar, und durch grauen Regenfall sah er in einem Bretterschuppen die Bestätigung vor sich. Mit anderem Augenausdruck, als die Tochter Nathans, blickte er drauf hin, doch auch mit einem, der nicht leere Gleichgültigkeit oder nur Befriedigung von Neugier in sich trug. Ihn ging nicht an, was in der Wetterhütte geschah, und er fühlte sich keine Pflicht obliegen, einem Zweiten etwas von seiner Entdeckung mitzuteilen. Aber wie er gegen den Wald zurückschritt, sprang zwischen seinen weißlich überbuschten Lidern ein eigentümliches Lichtspiel hin und her. Er hielt sie groß aufgeweitet, als sehe er in eine endlose Ferne hinaus; schnelleres Atemholen seiner Brust sprach von einer innerlichen Erregung. Doch seine gewohnte Wortkargheit, von der er nur einmal in der Gewitternacht beim Anblick des brennenden Baumes Dietrich Alfsleben gegenüber abgewichen, ließ auch in der Heideeinsamkeit von dem, was in ihm vorgehen und reden mochte, keinen Laut über die Lippen kommen, und er begab sich nach Ekenwart an seine Tagesaufgabe zurück.

So fiel, trotz den mannigfachen Auskundern und Mitwissern, von außen nichts in das sonnige, blühende Heidemärchen hinein, seine beiden Schöpfer oder Geschöpfe wie ein jählings von kaltem Schatten überschauertes Falterpärchen erschreckt auffahren zu lassen. Nach Haus gekehrt aber ward Zea ebenfalls von keinerlei beunruhigender Empfindung angerührt, aus ihres Vaters Zügen sprach nur innere Beglückung über den Frühlingsglanz ihres Gesichtes. Sie suchte nicht mehr seinen Blick zu vermeiden, begriff nicht, weshalb sie's eine Zeitlang getan; bei jedem Anlaß schlug sie die strahlenden Augen voll gegen die seinigen auf, und ein Einverständnis schien zwischen ihnen hin und her zu grüßen. Doch schweigend, wie in einem Traum, dessen Zauberwelt ihr Wunderbarstes verliere, wenn sie durch ein aufweckendes, lautes Wort selbst zur schönsten Tageswirklichkeit verwandelt werde. Und Christian Hollesen hütete sorglich seine Zunge, den östlichen Duftschleier, mit dem der selige Herzschlag ein Kind umwoben hielt, durch kein Anrühren des zarten Gewebes zu zerstören.

Nur vor einem trug Zea eine Scheu in sich, vor dem Anblick des Schulhauses, Sie machte es wie ein Kind, das die Augen von einem Unruhe einflößenden Gegenstand abgekehrt hält und sich einredet, dadurch werde er verschwinden, beim Umwenden des Gesichtes nicht mehr vorhanden sein; so sah sie mehrere Tage lang nicht in jene Richtung hinüber. Aber sie konnte nicht hindern, daß ihre Gedanken täglich den Weg zum Schulhaus nahmen, doch nicht, um bis zu ihm hinzukommen, sondern in einiger Entfernung davor hielten sie ungewiß an.

Diese Gedanken trugen Nebelschleier um sich, aus denen nichts deutlich Erkennbares hervorkam. Nur das stand zweifellos da: Sie hatte auf Herdsand Tilmar Hellbeck versprochen, seine Frau zu werden, aber sie konnte nicht zu einer Klarheit darüber kommen, wie es damit sei. Freilich hatte sie ja auch gedacht und es Meinolf selbst angeraten, er solle Unna Brookwald heiraten – nur durfte er sie natürlich nicht küssen, was ihm indes ohne Zweifel auch nicht in den Sinn kam – doch sie waren bei der Vorstellung beide in ein solches Lachen geraten, als ob sich nichts Komischeres erdenken lasse. Und wahrscheinlich würde deshalb Meinolf ebenso lachen, wenn sie ihm mitteilte, daß sie Tilmars Frau werde, selbstverständlich auch ohne ihn zu küssen. Sie rechnete öfter genau aus, was alles sie in seiner Hauswirtschaft zu besorgen habe und ob ihr Zeit genug bleibe, am Vormittag auf die Heide zu gehen, um dort mit Meinolf zusammenzutreffen. Diese Stunden mußte und konnte sie auch wohl erübrigen, doch darüber vermochte sie nicht ins reine zu gelangen, ob Tilmar es zulassen, sie nicht daran behindern werde. Natürlich nicht sie wirklich festhalten, dazu war er viel zu schüchtern und, zu unterwürfig. Aber sie hatte ein Gefühl, ihm würde es vielleicht nicht lieb sein, daß seine Frau jeden Morgen nach dem Findlingstein hinausgehe, und sie sah ihn mit den traurigen, hilflosen Augen, die er zuweilen haben konnte, stehen und ihr nachblicken. Das jedoch ließ sich ja nicht ändern, denn Meinolf erwartete sie, und sie durfte und konnte um nichts in der Welt ausbleiben. Es wäre wohl besser, auch für Tilmar, gewesen, wenn sie ihm das Versprechen nicht gegeben, denn eine andere Frau brauchte ihn nicht täglich mehrere Stunden lang zu verlassen. Aber das hatte sie damals ja nicht wissen können, war überhaupt noch ein recht einfältiges Ding gewesen, so wie Unna noch heut. Nun freilich hatte sie die Kinderschuhe ausgezogen, trotzdem aber blieb doch immer noch einiges Ungewisse, das sich durch Nachdenken nicht herausbringen, nur als vorhanden seiend fühlen ließ. Und dies Gefühl brachte Zea ein paarmal plötzlich dazu, sich am späten Nachmittag aufzumachen, um nach dem Schulhaus hinüberzugehen. Sie war indes gleich ihren Gedanken nicht bis dorthin gekommen, sondern beidemal auf halbem Weg wieder umgekehrt. Zu schwierig fiel's, so aus sich allein heraus, gleichsam im Dunkel umhertastend, das Richtige zu finden, und sie hatte den Weitergang wieder auf den nächsten Tag verschoben.

Doch nun war's einmal gegen Abend, daß sie dennoch dazu kam, ihn auszuführen. In der Ferne sah sie Tilmar, ihr den Rücken wendend, am Strand entlang davongehen, und auf der Türbank vor dem Schulhause gewahrte sie allein die alte Margret Hellbeck mit ihrem Spinnrocken sitzen. Da setzte das Mädchen rasch entschlossen den Fuß weiter vor und trat grüßend zu ihr hin: »Guten Abend, Mutter Margret, ich hab' Sie länger nicht gesehen, geht's Ihnen gut?« Und die Angesprochene erwiderte, mit dem Kopf die hellen, klugen Augen des alten Gesichts aufhebend: »Ja, du kamst früher öfter herüber, liebes Kind – aber mich dünkt, du bist in letzter Zeit so groß geworden und anders, ich muß dich wohl auch anders anreden.«

»Nein, Mutter Margret, das wär' mir leid.« Zea setzte sich mit auf die Bank und fragte: »Geht's auch Tilmar gut? Ich habe ihn ebenfalls länger nicht gesehen.«

»Er ist grad' fortgegangen, willst du ihn gern sehen, glaub' ich, kann ich ihn noch zurückrufen.«

»Nein, Mutter Margret – er wird's nicht mehr hören, er ist schon zu weit.«

»So – wenn du ihn gesehen hast, man täuscht sich beim Spinnen leicht in der Zeit. Es tut ihm auch gut, recht weit zu gehen und lang draußen zu sein. Als der Frühling anfing, hatte ich rechte Freude an seinem Anblick, so krustig und frisch und froh sah er aus. Aber in den letzten Wochen ist er wieder magerer und blasser und gefällt mir nicht.«

Zea fiel ein: »Er muß sich zu stark anstrengen – mein Vater meint, die Schulstube hier ist seiner nicht würdig, kann ihm keine Lebensfreude machen, und er müßte durchaus eine besser für ihn passende zu bekommen suchen.«

Die Alte nickte zustimmend, »Und du meinst das auch, Kind?«

»Und dann – wenn er eine bessere Stelle bekommt – sollte er sich doch verheiraten, Mutter Margret – natürlich nicht die erste beste zur Frau nehmen, sondern gut vorher überlegen, ob eine recht zu ihm paßt und nicht vielleicht noch ein einfältiges Ding ist, das von gar nichts in der Welt noch etwas weiß und versteht. Denn damit wäre ihm schlecht getaugt, und auch Sie, Mutter Margret, hätten an solchem vorschnell mit dem Mund redenden Geschöpf nicht die wirkliche Hilfe, die Sie brauchen, sondern würden sie wahrscheinlich so schnell als möglich aus dem Hause wieder los sein wollen. Denn ein Mann, und ganz besonders Tilmar, versteht sich so wenig drauf, ob auf eine, die er zur Frau nehmen will, wirklich Verlaß ist, und er könnte sich das allergrößte Unglück antun, wenn er nicht rechtzeitig von solcher, die nicht die richtige Frau für ihn wäre, noch wieder abließe.«

Leise ließ die Alte ihr Rad summen und nickte weiter zustimmend. »Gewiß, Kind, das sagst du alles ganz richtig. Du hast's wohl von deiner Mutter gehört, denn aus eigener Erfahrung kannst du's doch nicht wissen. Aber das ist auch richtig, ich glaube, mein armer Junge hat guten Rat nötig, damit er seine Vernunft zusammenhält und sich nicht selbst, wie du sagst, ein Unglück antut. Ich will's ihm ausrichten, wenn er heimkommt, du wärst hier gewesen, und welcherlei Wünsche und Besorgnis du für ihn gehabt. Oder wartest du auf ihn, ich denke, er bleibt nicht lang' mehr fort.«

Zea stand auf. »Nein, ich kann's heut' nicht, muß nach Haus, wollte Sie nur schnell einmal begrüßen, Mutter Margret. Nein, sagen Sie's Tilmar nicht von mir – mir würde er's nicht so glauben und zu wenig Erfahrung zutrauen – ja, ich hätt's von meiner Mutter gehört und von meinem Vater, und er möcht's recht bedenken mit einer besseren Lehrerstelle und mit – mit allem anderen. Und auch recht freundlichen Gruß für ihn, ich kam' in der letzten Zeit am Nachmittag schwer vom Hause fort, und am Vormittag müßt' er ja in der Schulstube sein. Aber auf ihn warten hätt' ich nicht können. – Gut' Nacht, Mutter Margret, es ist hohe Zeit für mich, immer später schon, als man meint, die Tage sind so lange hell.«

Der Alten die Hand gebend, ging Zea jetzt hurtig davon. Margret Hellbeck sah ihr nach, und ein Weilchen blieb das Rad stillstehen, denn ihr Fuß vergaß es zu drehen. Dann sprach sie halblaut vor sich hin: »Ja, der Herr Pastor und die Frau Pastorin lassen's wohl sagen, und ich muß dir's ausrichten, Til, denn du hast guten Rat nötig. Aber lieber wär's dir wohl, sie hätten's dir selbst gesagt und nicht durch das Kind bestellen lassen, – ich seh's dir lang an, mein armer Junge, das wär' dir lieber gewesen.« Und mechanisch trat der Fuß der Alten das Spinnrad langsam wieder in Gang.

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