Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Wilhelm Jensen >

Aus See und Sand - Zweiter Band

Wilhelm Jensen: Aus See und Sand - Zweiter Band - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorWilhelm Jensen
titleAus See und Sand ? Zweiter Band
publisherHesse & Becker Verlag
year
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080809
projectid0841748f
Schließen

Navigation:

IX.

Zea Hollesen hatte ihr altangestammtes Recht an den Sitz auf dem Findlingstein nicht behauptet, sondern ihrem Widersacher den Platz überlassen. Warum, wußte sie nicht weiter, als daß ihr's plötzlich so gekommen sei. Oder wenigstens im Verlauf des Tages verdeutlichte sich ihr kein Grund für dies Tun, sie wollte auch gar nicht darüber nachdenken. Erst über Nacht, wie's ja manchmal so geschah, bildete sich in ihr eine Erkenntnis aus, die sie beim Aufwachen vorfand. Es war ein eigentlich unglaublich kindisches Betreiben gewesen, daß sie Tag für Tag auf die Heide hinausgegangen, um dort unbeweglich zu sitzen und dadurch zu beweisen, sie lasse sich nicht von junkerhafter Anmaßung verdrängen. Meinolf Alfsleben mußte täglich innerlich über sie gelacht haben, und sogar mit vollem Recht; ihr kam es bei der Vorstellung rot und heiß in die Schläfen, Aber wie ein eigensinniges Kind hatte sie sich betragen, obendrein ohne allen Zweck, denn ihr lag gar nichts an dem Platz, viele andere auf der Heide waren hübscher. Außerdem hatte die Nötigung, das laute Lesen des »Oberon« anhören zu müssen, sie immer mehr verdrossen, es war im Grunde ein äußerst langweiliges Buch. Und dem entstammte offenbar, daß sie es plötzlich einmal nicht länger ausgehalten, sondern davongelaufen war. So konnte sie doch dem »Oberon« in gewisser Weise dankbar sein, daß er ihr zur Vernunft zurückverholfen und sie sich außerordentlich befreit fühlte, sich nicht mehr auf dem täglichen unsinnigen Zwanggang dem Spott preisgeben zu müssen. Wie in wirklichem Sinn jetzt eben, war sie auch in übertragenem aufgewacht, aus einem wochenlangen Traumzustand, in dem sie sich so närrisch, possenhaft und unklug benommen, als ob es in ihrem Kopf nicht richtig zugegangen sei. Nun aber befand sich alles drin wieder in verständiger Ordnung, und zum Glück hatte niemand etwas von ihrem abgeschmackten Trachten und Treiben bemerkt, außer Meinolf Alfsleben, aber das kam, mit der wiedergewonnenen Vernünftigkeit angesehen, nicht in Betracht, da es keinen Menschen auf der Welt geben konnte, der ihr gleichgültiger gewesen wäre. Und zudem war sie zum letztenmal im Leben mit ihm zusammengetroffen, denn wenn sie hundert Jahre alt werden sollte, würde sie den ihr verleideten Platz nicht mehr aufsuchen.

Dagegen kam er wohl heut' und morgen und an jedem Tag wieder dorthin, weil der Platz ihm ja, wie er gesagt, so besonders gefiel, und wahrscheinlich brachte er jetzt immer seine gestrige Begleiterin mit, um ihr aus dem »Oberon« vorzulesen. Wer das eigentlich gewesen, ging Zea gleichfalls erst nachträglich auf; es mußte die Tochter Nathan Aronsohns sein, die sie ab und zu einmal, doch in den letzten Jahren wohl kaum mehr gesehen. So groß wenigstens stand jene ihr nicht in der Erinnerung, auch nicht so hübsch; es ließ sich nicht leugnen, in ihrer Art sei sie es. Freilich blieb's doch ein sonderbarer Umgang für jemand wie Meinolf Alfsleben, denn von dem Wielandschen Gedicht verstand sie schwerlich etwas, und mutmaßlich machte ihr's gar keinen Unterschied, wie es vorgelesen würde, so, oder in anderer Weise, etwa der von Tilmar Hellbeck. Das geschah dem Lesenden dann recht; es war alles Einfall und Laune, gewissermaßen auch ein kindisches Treiben bei ihm. Zea mußte einmal halb auflachen, denn ihr kam die Vorstellung, daß er plötzlich entdeckte, Miriam habe gar nichts von dem begriffen, was er gelesen. Das hätte er allerdings vorher wissen können und hatte es auch gewußt, darüber konnte kaum ein Zweifel bestehen. Es war eben nur ein Einfall von ihm gewesen, sie mitzubringen, wie er vorher den anderen gehabt, allein Tag um Tag nach dem großen Stein auf der Heide herauszukommen.

Der Platz war also nicht mehr für sie vorhanden, gleichsam von der Erde verschwunden, aber soviel andere gab's, und nach diesen umherzusuchen, trieb es sie heut', zugleich mit dem Verlangen, einen recht weiten Gang zu machen. Doch nicht allein, aus zweifachem Grund; sie trug zum erstenmal eine Scheu davor, ohne Begleitung möglicherweise irgend jemand auf der Heide zu begegnen, und dann wollte sie verhüten, daß ihre Eltern sich über ihr längeres Ausbleiben beunruhigen könnten. So sprach sie am Mittagstisch von ihrer Absicht, mit Tilmar nach einem entfernten Ziel zum Pflanzensuchen zu gehen, und begab sich von der Mahlzeit sofort zum Schulhause hinüber. Das Natürlichste war's, daß er seine künftige Frau begleitete, der Grund, weshalb er sich dessen in letzter Zeit enthielt, erschien ihr allzu furchtsam ausgeklügelt und eigentlich ganz nichtig, denn zu Hause mutmaßte offenbar niemand das Geringste, und sie war so gewöhnt, durch nichts eine Ahnung aufkommen zu lassen, daß sie gar nicht daran zu denken brauchte, sich in acht zu nehmen. Das hielt sie auch jetzt der Zaghaftigkeit des jungen Lehrers entgegen, beredete den im Innersten Frohlockenden und Beglückten leicht, nach alter Weise ihr Weggefährte zu sein. Selbstverständlich wählte sie die Richtung nördlich vom Dorf, bog so in die Heide ein, allerdings damit in die Gegend, vor der ihr Vater die meiste Schlangenbesorgnis hegte. Aber Tilmar befand sich ja mit seinem Handstock bei ihr, und außerdem ging sie nicht barfuß, sondern in sicher schützenden Schuhen. Das war doch ein Vorteil, der ihr aus dem Zusammentreffen mit Meinolf Alfsleben erwachsen; sie begriff eigentlich ihre frühere Neigung und Gewöhnung, mit bloßen Füßen zu gehen, nicht mehr. Oder wenn es auch bequem war, mußte sie doch ihrer Mutter beipflichten, daß es für eine Pastorentochter nicht recht schicklich sei. Selbst Miriam tat es nicht, hätte es sicher nicht getan, obwohl sich sonst keine Bildung und kein Verständnis bei ihr erwarten ließ. Das hatte im Grunde seine junkerhafte Geringschätzung ihr gegenüber am deutlichsten zum Ausdruck gebracht, als er einmal gefragt: »Warum gehst du nicht mehr barfuß, wie damals, als ich dich zuerst hier traf?« Wort für Wort lag's ihr noch im Ohr; sie war für ihn ein Mädchen, bei dem er etwas so Unschickliches als selbstverständlich ansah. Wahrscheinlich unterhielt er sich deshalb lieber mit der Tochter Nathans, weil sie ihm nach dieser Richtung einen gebildeten Eindruck machte. Übrigens auch wohl, weil sie ihm jedenfalls Antwort gab, wenn er zu ihr sprach. Dagegen war es von ihr höchst unschicklich gewesen, daß sie es ruhig zugelassen, sich nicht dagegen gewehrt hatte, wie er den Arm um ihre Schulter gelegt. Ihm konnte man's nicht so sehr verargen, da er's ja, wie alles, nur aus Einfall und Laune, einer kindischen Narrheit getan. Zea war beinah überzeugt davon, er habe, gleich nachdem sie fortgegangen, den Arm wieder von der Schulter Miriams weggenommen.

Sie ging sehr rasch, gradaus in östlicher Richtung, so daß eine Gesprächsführung nicht möglich ward; nur wenn sie einmal anhielt, etwas vom Boden zu pflücken, konnte Tilmar kurz einige Worte mit ihr tauschen. Oder eigentlich redete er allein, von seiner Freude, wieder einmal mit ihr zu gehen, von dem Glück der Zukunft, wenn sie immer bei ihm sein werde, und sie versetzte nur ab und zu: »Ja«, und schritt eilig wieder weiter. So hurtig einmal, daß er, um sie neben sich zurückzuhalten, mit dem Arm ihr leicht um die Schulter faßte, doch sie bog sich mit einem hastigen Ruck unter seiner Hand weg und sagte danach erklärend: »Es ist so heiß heute, nur das Kleid schon drückt fast zu schwer.« Heiße Sonnenluft lag freilich über der Heide, doch zugleich auch eine trotz offenen Augen die Sinne halbverworren und traumhaft umgaukelnde, und Zea war's schreckhaft gewesen, nicht Tilmar, sondern Meinolf Alfsleben gehe neben ihr und lege den Arm um sie.

Und noch einmal kam's ihr so, denn sie gerieten an eine sumpfige Stelle, vor der ihr Begleiter sich bückte und sagte: »Du kannst hier nicht durchkommen, ich will dich hinübertragen.« Aber eh' er sie aufzuheben vermochte, stieß sie aus: »Nein, ich gehe herum!« und sie lief rasch am Rand des Bruchs entlang. Dann besann sie sich zwar, daß es Tilmar gewesen sei, der sie schon manchmal aus dem Boot über das seichte Wasser ans Land getragen, aber das schien ihr unendlich weit hinter ihr zu liegen, und ihr war's, als gehöre das eigentlich ebenfalls zu den Dingen, von denen sie früher nicht gewußt, daß sie nicht schicklich seien. Wenigstens wäre es ihr unerhört vorgekommen, wenn Meinolf Alfsleben Miriam so hätte auf die Arme heben und tragen wollen. Doch das hätte er auch nicht getan, so weit gingen seine Einfälle und Launen nicht, wenn sie sich vielleicht auch nicht dagegen gewehrt haben würde. Aber darin war Zea ihr wieder an Schicklichkeitsgefühl voraus, um keinen Preis ließe sie sich von ihm tragen, und es war auch undenkbar, daß er es tun solle, so sehr mißachtete er sie doch nicht. Denn bei all seinem anmaßenden und herrischen Benehmen war auch etwas Zaghaftes in ihm, das sich zwar nicht hören und sehen, nur empfinden ließ, und nur von ganz anderer Art, als bei Tilmar; für den Unterschied gab's in der Sprache, selbst im Denken keine Worte. Und das wußte sie auch von ihm, er würde sie noch viel geringer schätzen, falls er erführe, sie lasse sich von jemanden auf die Arme nehmen und tragen, selbst wenn er wüßte, daß der es tue, dessen Frau sie künftig werde.

Gedanken und Vorstellungen waren's, die sich ihr beim Umgehen der feuchtbrüchigen Stelle, unwillkürlich eins aus dem anderen entspringend, durch den Kopf drängten; dann traf sie mit dem jungen Lehrer, der gradaus fortgeschritten, wieder zusammen und sagte: »Es war zu weit, ich wäre dir zu schwer geworden,« Er erwiderte: »Nein, gewiß nicht – eher zu kurz –« doch abbrechend fügte er schnell hinterdrein: »Wohin willst du eigentlich, Zea?«

Sie hob den Kopf und blickte vor sich auf. »Weiter!« und sie ging schon wieder gradaus vorwärts; wohin sie wollte, kam ihr selbst nicht zu deutlichem Bewußtwerden. Doch dämmerte es ihr allmählich mehr und mehr auf, wie sie sich nun dem im Osten die Heide begrenzenden Waldrand so stark näherten, daß seine einzelnen Bäume nach ihren Blättern unterscheidbar wurden, und dann standen sie unter dem überhängenden Gezweig. Tilmar Hellbeck sagte mit etwas angestrengt Atem schöpfender Brust: »Ich glaube, schneller als wir kommt am Sonntag, der Wagen auch nicht nach Helgerslund.«

Zea wiederholte: »Nach Helgerslund?« und sie sah um sich. Dann setzte sie hinzu: »Ja, wir müssen nicht weit mehr davon sein. Und während sie's sprach, stand's auf einmal klar vor ihr, wohin es sie heut' gezogen und weshalb sie so rasch gegangen. Wie schon früher, mußte ihr die letzte Nacht im Schlaf das Verlangen wieder erneuert haben, die Nachtigall im Helgerslunder Park schlagen zu hören; das war's, hatte sie die Richtung hierher wählen und so hurtig eilen lassen. Träume, von denen man selbst nicht wußte, konnten ja eine wunderliche Macht ausüben, doch ließ sich's nicht erklären, Tilmar hätte es sicherlich nicht verstanden und wohl darüber gelacht, sie sah einen Augenblick ungewiß an ihm vorbei, dann sprach sie rasch: »Da ich einmal hier bin, wär's unfreundlich, wenn ich umkehrte, ohne Unna die Hand zu geben. Sie bittet mich so oft, zu ihr zu kommen – wir sind so schnell gegangen, ich mag's dir nicht zumuten, noch weiter – du wirst dich lieber etwas ausruhen wollen, es ist hier ja auch schön dazu. Ich gehe nur, ihr guten Tag zu sagen, und komme gleich zurück und treffe dich wieder hier.«

Ein bißchen stockend hatte sie's gesprochen; es war besser, daß er sie nicht bis zum Schloß begleitete, ihr fiel ein, Unna fand so leicht etwas komisch und lächerlich an ihm. Das mochte er selbst auch schon empfunden haben, denn er versetzte, ob auch hörbar, selbst für die kurze Zeit sich sehr wider seinen Wunsch von ihr trennend: »Nein – wenn du meinst, daß du's so mußt – ich kenne die Herrschaften ja nicht und bleibe lieber hier. Aber komm' recht bald wieder und denke an mich, daß ich auf dich warte und immer glaube, ich höre deinen Schritt.«

»Gewiß – längstens in einer halben Stunde, mehr als zehn Minuten noch kann's bis zum Hause nicht sein«. Zea trat schnell weglos zwischen den Stämmen durch in den Waldgürtel hinein. Die große Koppel mit der Viehherde und dem Stier, vor dem ihr Vater Besorgnis hegte, mußte weiter nach rechts liegen, so daß sie nicht darüber fortzugehen brauchte. Jedenfalls konnte sie sich rechtzeitig hüten und war selbst ohne welche Furcht; wahrscheinlich verhielt es sich mit dem bösen Stier nicht schlimmer, als mit den Ottern, Der Gedanke rührte sie auch nur flüchtig an, ein anderer verdrängte ihn gleich oder eigentlich ein ihr im Ohr nachhaltender Klang, der Ton, mit dem Tilmar das Wort »die Herrschaften« gesprochen. Darin lag etwas von dem, was Unna zum Lachen über ihn reizte, Zea selbst fühlte eine Anwandlung dazu. So, sich tief unterordnend und demütig hatte es geklungen; im Grunde war's nicht zum Lachen, sondern traurig, wenn ein Mensch sich als etwas derartig niedrig unter anderen Stehendes empfand. Aber freilich sprach eine gewisse richtige Selbsterkenntnis und Schätzung heraus – nicht weil er ein armer Dorfschullehrer war – doch weil er in seinen Kenntnissen, seiner Bildung und auch in seiner äußerlichen unsicheren Art, sich zu benehmen, anderen so nachstand. Über Meinolf Alfsleben lachte Unna Brookwald wahrscheinlich nie oder wenigstens nicht aus solchen Gründen. Ändern ließ sich jedoch nichts mehr daran; wie ein Mensch in der Kindheit einmal geworden, so war er und blieb er natürlich auch sein Leben lang.

Kurz hielt Zea dann und wann den Fuß an und horchte. Doch umsonst, nur verschiedene andere Vogelstimmen klangen über ihr aus dem Buchenlaub, kein Nachtigallgesang, den zu hören sie hier ging; bis zum Schloß wollte sie gar nicht. Sie hatte es nur bei Tilmar vorgeschützt, allerdings nicht ganz der Wahrheit gemäß, oder richtiger ihm ihren wirklichen Wunsch verschwiegen. Aber das ließ sich nicht anders machen, wenn jemand das Verständnis für etwas abging, und Schweigen war nicht Lügen. Auch von ihrem täglichen Gang nach dem Findlingstein hatte sie ihm und ebenso zu Hause nicht gesprochen, denn was sie dazu veranlaßt, hätte niemand begreifen können als sie; es gab eben Dinge, die man für sich allein behalten mußte, wenigstens solange man nicht deshalb befragt wurde. Und wie gut, daß sie's getan, denn wie würden sonst alle sie wegen ihres kindischen Betragens ausgelacht haben, so wie Unna über Tilmar lachte.

Zea war auf einen Waldpfad gekommen, dem sie nachfolgte, der nun in einen breiteren Weg mündete. Beim Hinaustreten auf diesen fuhr sie indes ein wenig zusammen; seitwärts her tönte ein schon naher Fußtritt, und unerwartet stand sie gleich darauf Herrn von Brookwald gegenüber. Durch seine Augen ging ein Stutzen, als ob er sie nicht sofort erkenne, doch dann lachte er:

»Du bist's – wahrhaftig und leibhaftig – fliegen die Möwen 'mal landein? Darauf ließ sich kaum hoffen, die gebratenen Tauben sind rar in der Luft. Na, das ist ja nett von dir und wird Unna freuen. Hoffentlich hast du dich für länger eingerichtet, bei uns zu bleiben, jedenfalls über Nacht. Kriegst du Heimwehgrimmen, kannst du aus deiner Stube den Turm von Loagger und dahinter die See angucken, höher oben ist die Aussicht natürlich noch schöner. So lustige, junge Gesellschaft hab' ich gern hier, jachtert und kräht nur wie die Puten miteinander herum, mir wird's nicht zu viel.«

Da konnte Zea also nicht zurück, sondern mußte in der Tat mit zum Schloß, das auch schon an der nächsten Wegecke nah zum Vorschein geriet, Fritz Brookwald rief nach seiner Tochter; sie kam und warf fröhlich überrascht der unverhofften Besucherin die Arme um den Hals. Ihr Vater sagte, davongehend: »Nun hast du sie, halt' sie und laß sie nicht los! Matronen seid ihr alle beide just noch nicht, aber so jung kommt ihr doch nicht wieder zusammen. Das war ein guter Einfall von dir, Zea – werd' mir die Ehre geben, mein Fräulein, Sie heut abend feierlich zu Tisch zu führen – tun Euer Gnaden ganz, als ob Helgerslund Ihnen gehörte! Ich bin jetzt wohl überflüssig im Taubenschlag; so zwei Gelbschnäbel gurren lieber miteinander allein.«

Das war Herrn von Brookwalds spaßige Art, Zea nicht gerade angenehm, doch von Kindheit auf bekannt. Die Mädchen blieben selbander zurück und setzten sich auf eine Schattenbank; Unna ließ den Arm nicht vom Nacken der Freundin, zeigte sich überaus glücklich und zärtlich. Sie war ein großes Kind mit plappernder Zunge und Augen, in denen man bis auf den Grund hinuntersah, wie bei einem klaren Quellwasser. Die Nötigung, wirklich den Besuch hier zu machen, hatte im Anfang Zea nicht angenehm überrascht, doch sie fand sich jetzt darin, ja freute sich fast, daß es so geschehen sei. Tilmar wartete ja auch gern ein paar Minuten länger am Waldrand, von dem der Blick so schön über die Heide ging; ihr kam der Gedanke, ob man von dort aus die Birken über ihrem früheren Lieblingsplatz sehen könne. Nein, das war wohl zu weit, und menschliche Gestalten jedenfalls auch nicht. Ob Meinolf Alfsleben eigentlich erwartet hatte, sie werde heut, wie bisher an jedem Tag, wieder dorthin gehen? Nein, das hatte er wohl nicht und vermutlich kam er zum erstenmal ebenfalls nicht, denn sein Aufenthalt drüben hätte ja den Zweck verfehlt. So begab er sich wahrscheinlich heute anders wohin, um seine müßige Zeit los zu werden. Neben ihr plauderte, auch einem plätschernden Quell ähnlich, Unna ohne Unterlaß; Zea richtete plötzlich einmal den Kopf auf und fragte: »Ist's dir so lieb, daß ich hier bin?«

»Das weißt du doch.«

»Ja, weil du immer so allein bist, hast du denn nie anderen Besuch?«

»Nein, wenigstens keinen, der mir wirklich Freude macht. Nur Meinolf kommt in den letzten Wochen zuweilen – Meinolf Alfsleben von Ekenwart – weil sein Vater sich wieder mit meiner Mama befreundet hat. Du, der ist gar nicht so schlimm mehr wie früher – im Gegenteil, ich wollte eher, er wär' ein bißchen wilder und ausgelassener, daß man einmal mit ihm herumjagen und etwas Vergnügtes mit ihm treiben könnte, Fangen oder Verstecken oder sonst was. Aber er sitzt bloß immer langweilig da, man kann sich nicht vorstellen, daß man Angst vor ihm gehabt, er könne einen wieder in den Teich stoßen. Ich kriege jedesmal förmlich beinahe einen Schreck, wenn ich ihn ankommen sehe – da kommt er ja!«

Unna flog jählings vom Sitz auf, einem lupus ex fabula gleich trat der Beredete in nicht weiter Entfernung um eine Gebüschwand hervor. Das war ein merkwürdiger Zufall, aber es gab doch noch Merkwürdigeres. Denn in diesem Augenblick entsann Zea sich plötzlich, daß sie in der letzten Nacht auch geträumt habe, Meinolf Alfsleben komme heute nach Helgerslund, um Unna zu besuchen. Nur war ihr die Erinnerung daran überdämmert gewesen, kam ihr aber jetzt aufs deutlichste zurück, weil sie ihn genau so über den sonnigen Platz vorm Schloß herankommen gesehen hatte.

Unna lief ihm entgegen und rief: »Das ist hübsch, daß du kommst, Meinolf, und trifft sich so gut. Zea ist auch hier – du kennst doch Zea Hollesen noch? – Da sind wir einmal zu dritt und können miteinander Spiel und Spaß treiben.«

Nein, er kannte Zea Hollesen offenbar nicht mehr. Mit dem Munde verneinte er's zwar nicht, doch er verbeugte sich leicht, hübsch und höflich vor ihr, als vor einer Fremden und stellte ihr anheim, sich zu benehmen, wie sie wolle. Das war zugleich herausfordernd und hinterhältisch berechnend von ihm, das Abscheulichste, was er überhaupt tun konnte. Die erste Regung trieb sie, nicht auf seine Begrüßung zu erwidern, sondern sich wie gestern umzudrehen und fortzugehen. Doch stand er augenblicklich ja nicht mit Miriam vor ihr, sondern mit Unna, und um dieser willen durfte sie sich wohl nicht so unhöflich betragen; außerdem kam er hierher nicht, um sie in ihrem Recht zu kränken, kein Einfall, der Zufall brachte ihn, und obendrein hätte sie ja wissen oder wenigstens vermuten können, daß sie hier mit ihm zusammentreffen werde. Es war ihr auch lieber, daß er tat, als ob sie ihm wildfremd wäre und also mit Unna nicht von seinem täglichen kindischen Treiben auf der Heide gesprochen hatte; das Boshafte lag hauptsächlich in seiner harmlosen, leichtgewandten Verbeugung. Denn er wußte oder dachte jedenfalls, sie werde sich nicht darauf verstehen, ihm ebenso zu entgegnen, vielmehr sich linkisch-unbeholfen wie ein Bauernmädchen benehmen und lächerlich machen. Und das setzte er allerdings ja auch ganz mit Recht voraus, sie hatte es nicht gelernt und sich in ihrem Leben noch nicht wie eine Dame verneigt. Aber sie fühlte, gerade seine Heimtücke kehrte sich gegen ihn und leistete ihr Beistand, denn zugleich kam ihr die Überzeugung, er sei doch nicht durch einen Zufall grad' um diese Stunde hergeführt, sondern habe sich wieder von irgendeinem Kobold unterrichten lassen, daß sie hierhergegangen sei. Und da war's begreiflich, daß er sich ebenfalls einstellte, sich an dem gestern über sie errungenen Sieg zu weiden. In seinen Augen drückte sich dieser Triumph natürlich nicht aus, die sahen ganz gleichgültig drein, doch innerlich war er voll von frohlockendem Übermut, daß sie so einfältig gewesen und er gestern seinen Zweck so erreicht habe. Das alles drängte sich Zea in einem Augenblick zusammen, kam ihr zu Hilfe – zum Glück war sie ja auch ein wenig darauf vorbereitet – und ohne unbeholfen zu zaudern, erwiderte sie auf seinen stummen Gruß ebenso höflich mit einer stummen leichten Verneigung. Gar nicht wie eine Dame, aber so vollkommen mit natürlicher Mädchenanmut, wie sie nicht erlernt werden, sondern nur angeboren vorhanden sein konnte. Und selbstverständlich ebenfalls wie einem Fremden gegenüber, den sie zum erstenmal sehe, oder an den sie sich höchstens bei der Nennung seines Namens dunkel aus längst vergangener Zeit erinnere.

Nicht zu erwarten war's, daß er sie anreden, sich überhaupt weiter um sie bekümmern werde; sie fühlte sich darin ganz sicher, und ihre Zuversicht bewährte sich auch durchaus. Er tat, als ob sie gar nicht vorhanden sei, sprach nur mit Unna, doch mit dieser so spaßlustig und übermütig, daß ihre Beschwerde über ihn, er sei ihr zu langweilig und nicht mehr ausgelassen genug, sich nicht recht begreifen ließ. Allerdings erweckte er nicht mehr den Verdacht, er könne sie in ungebärdiger Wildheit blindlings ins Wasser stoßen, aber er scheute sich keineswegs, ab und zu handgreiflich an ihr zu werden, sie ein Stück am Arm mitzuziehen, ihr etwas abzuringen, wonach sie mit der Hand faßte. Das belustigte sie, und sie war augenscheinlich heut ganz mit ihm zufrieden; er benahm sich gegen sie wie ein großer Bruder, neckend und dann und wann gewalttätig, aber doch immer Rücksicht darauf nehmend, daß sie ein Mädchen sei. Sie kannten sich ja auch von klein auf und Unna war gleichen Standes mit ihm, das ließ ihn seinem Wesen freien Lauf lassen. Dazwischen erzählte er ihr außerordentlich lebendig allerhand Geschichten aus seiner Schul- und Universitätszeit, die sie offenbar zum erstenmal hörte, denn sie fragte bald dies, bald das; er mußte heut' besonders aufgeräumt und mitteilungslustig sein. »Und willst du denn nun immer hier bleiben?« fragte sie einmal. Er antwortete lachend: »Meinst du hier auf Helgerslund?« – »Du verdrehst einem immer die Worte im Mund; auf Ekenwart meine ich natürlich.« – »Wenn du machen kannst, daß es immer Sommer bleibt, dann geht sich's nämlich hier viel angenehmer in Wald und Feld herum, als zwischen den Stadthäusern ins Kolleg hinein. Von der Rechthaberei habe ich auch vorderhand genug.« – Unna fiel ein: »Du? Das sieht dir gleich, es gibt ja gar keinen zweiten, der so dazu geboren ist. Oder meinst du vielleicht Rechtswissenschaft?« – »Ich meine dir gegenüber gar nichts, aber mein Vater, glaube ich, meint, es wäre künftig ganz nützlich für mich, wenn ich Weizen von Roggen unterscheiden könnte, überhaupt nützliches Kraut von Unkraut. Kannst du's vielleicht?« – »Ja, Unkraut will ich dir schon zeigen; ihr habt doch wohl einen Spiegel auf Ekenwart? Da komm' ich nächstens einmal und gebe dir eine Lehrstunde. Übrigens kann Zea uns am besten dabei helfen, die versteht sich viel mehr als ich auf Pflanzen. – Du, ich glaube, meinen Namen vergißt du nächstens auch. Bewahr' einen Gott vor solchem Heuhüpfer im Kopf!«

Zea mußte den Kopf seitwärts drehen, sich die Zähne auf die Lippen pressen. Ein Heuhüpfer im Kopf – das hatte Unna vorzüglich ausgedrückt, besser konnte man's nicht sagen. Ein so närrisches Insekt war's; nun schnellte es sich auf und verschwand, aber da kam's schon wieder, um aufs neue ebenso wegzuhuschen, immer fort und immer doch wieder mit einem plötzlichen Sprung auftauchend und zeigend, daß es da sei. Oder noch richtiger traf's zu, als sei der Mund Meinolf Alfslebens ein Stückchen Bodengrund, auf dem unsichtbar ein ganzer Schwarm von Heuhüpfern hocke und auf etwas in seine Nähe Geratendes lauere, um auf einmal in die Höh' zu schwirren, daß es förmlich wirbelig machte, all das hurtige unkluge Gehüpf aufzufassen, und daß es wirklich schwer fiel, ein Lachen dabei zu verbeißen. Zea kannte derartige Stellen auf der Heide, die Sonne lag immer so recht voll und warm über ihnen, und ihr war's vor den Augen, als sehe sie auf einen solchen hin. Das war allerdings nur eine Einbildungstäuschung, die auch rasch verging und sie in der besonnten Fläche vor ihr wieder einen Parkplatz von Helgerslund erkennen ließ. Und halb kam ihr dabei auch, an ihm sei etwas anders als vorher, wie sie mit Unna hierhergegangen. Die Baumschatten machten's, hatten sich verändert, fielen länger herüber: sie mußte wohl schon ziemlich lange auf der Bank gesessen haben. Auch hörte sie Unna jetzt einmal rufen:

»Wollen wir denn immerzu stillsitzen? Wir sollten doch etwas spielen, wobei man laufen kann, Kriegen oder Versteck.« Und danach hörte Zea eine andere Stimme sprechen:

»Sind Sie's, lieber Meinolf? Das ist ja hübsch, daß Sie den jungen Mädchen Gesellschaft leisten, Ihr Vater, glaube ich, macht einen Spaziergang mit meiner Frau. Ja, Versteckspielen, wer das noch auf so flinken Beinen mitmachen könnte, aber wenn die Gäule zu Jahren kommen, kriegen sie den Spat und werden kreuzlahm. Das ist auch ein Kreuz, aber ein Schockschwerenot hängt dran.«

Der Sprecher mußte Herr von Brookwald sein, der wohl grad' vorbeigekommen und den Ausruf seiner Tochter gehört hatte. Noch für gewiß hätte Zea es nicht sagen können; sie verstand zwar die Worte, aber als wären sie nicht in der Nähe gesprochen, sondern klängen von irgendwo aus der Ferne her. Ihr war's, als trüge sie ein schalldämpfendes Tuch über die Ohren geknöpft, überhaupt, wie wenn ihr ganzer Kopf mit einem schleierartigen Stoff umwickelt sei und auch die Gedanken darin mit. Von dem schnellen Gehen und der heißen Sonne auf der Heide rührte es wohl her, das machte sich nachträglich geltend. Sie hörte Unna wieder rufen: »Ich will zuerst suchen! Da, an der Linde ist das Mal, versteckt euch!« Und sie begriff alles, auch daß sie natürlich mitspielen mußte, und handelte danach, aber sie hatte kein rechtes Bewußtsein von dem, was sie tat. Für Augenblicke, wenn sie wollte, sah sie ganz scharf, jetzt, nach welcher Richtung Meinolf Alfsleben sich fortbegab, und sie ging schnell in die entgegengesetzte. Doch dann lag der Schleier ihr wieder um die Sinne; in ihrem Buschversteck hörte sie das Zählen Unnas bis hundert, danach ward's still, so lautlos, daß sie das Klopfen ihres Herzschlags vernahm. Das Sichverborgenhalten, die Erwartung, ein leises Blätterrascheln hatten etwas Aufregendes, sie war nicht an solches Spielbetreiben gewöhnt. Und dann auf einmal Geschrei und Gelächter; Unna hatte sie doch an ihrem Kleid entdeckt, flog zum Baumstamm zurück und meldete ihren Namen dran ab. Nun mußte Zea sich die Augen zuhalten, zählen und suchen, natürlich nur nach Unna, denn Meinolf Alfsleben spielte für sie gar nicht mit, war ihr hier ebensowenig vorhanden, wie am Findlingstein auf der Heide; auch wenn sie ihn gefunden, hätte sie selbstverständlich nichts von ihm gesehen, seinen Namen nicht abgemeldet. Aber mit Unna so zu spielen und um die Wette zu laufen, war hübsch, brachte in Eifer, sie flog wie ein Vogel zur Linde, einem großen Goldpirol ähnlich, denn das Haar ging ihr auf, ohne daß sie's merkte. Meinolf hielt sich so gut versteckt oder lief so schnell, daß Unna ihn nie dranbrachte; die beiden Mädchen mußten immer mit Suchen abwechseln. Einmal kam Zea, wohl wieder von einem verlängerten Baumschatten her, plötzlich in Erinnerung, daß Tilmar drüben am Waldrand auf sie warte. Aber das tat er wohl nicht, er hatte gewiß bemerkt, daß sie genötigt worden sei, länger zu bleiben, und war vorauf nach Loagger zurückgegangen. Sie hatte doch Unna nicht die seltene Freude verderben und um seinetwillen gleich wieder fortgehen können; das wäre unfreundlich und rücksichtslos gewesen. Und Tilmar war ja so geduldig-sanftmütig, ward durch nichts aufgebracht, sondern sah immer das Richtige ein, so daß man bei ihm nicht daran zu denken und sich zu fürchten brauchte, er könne deswegen erzürnt werden oder gar, wie vielleicht ein anderer, weniger Vernünftiger außer sich geraten und Gott möge wissen, was für kindisch unkluge Dinge anstellen.

Darüber weiter zu denken, war ihr nicht möglich, denn Unna hatte jetzt doch einmal Meinolf Alfsleben angeschlagen! Zum erstenmal trat er an die Linde, um zu zählen, und Zea mußte nach einem Versteckplatz suchen. Sie lief hastig davon; warum, wußte sie nicht zu sagen, aber in ihr war plötzlich die Überzeugung, er werde es darauf anlegen, sie zu finden. Nicht um sie dann abzumelden – das war nicht seine Absicht – sondern nur, ihr zu zeigen, daß er sie sehe, und danach gleichgültig weiterzugehen und Unna zu suchen. Den neuen Triumph aber sollte er nicht haben, um keinen Preis wollte sie sich finden lassen, mußte sich anderswo als bisher, besser, ganz sicher verstecken. Mit dem Trieb nahm sie nicht die Richtung in den Park hinein, lief dem Schloß zu und um dies herum. Ein bedachtloses Tun indes war's, denn der Schatten der Hauswand konnte ihr nicht nützen, und sonst gab's hier keinen Unterschlupf. Außerdem sah sie auch grad' jetzt alles nur so undeutlich; sie kam an irgend jemand vorbei, doch ohne zu erkennen, wer es sei. Nur hörte sie, daß er etwas sagte, sie wisse wohl nicht, wo sie sich verstecken solle, und halb atemlos antwortete sie: »Nein – wohin kann ich denn?«

»Ja, hier ist nichts als die Tür«, hieß es. Damit war der Sprecher wohl fortgegangen, denn die Stimme klang nicht mehr weiter. Sollte sie dem Rat folgen, durch die Tür ins Schloß hinein? Drinnen war ihr alles fremd – sie konnte auch doch nicht in ein Zimmer stürzen – und auf dem Flur wurde sie jedenfalls gefunden. Aus der Ferne vernahm sie Meinolf Alfslebens Hundert-Rufen, er hatte offenbar absichtlich blitzschnell gezählt, wahrscheinlich dazu noch durch Auslassung gemogelt; das sah seiner Heimtücke ähnlich. Ihr stieg eine Angst zu Kopf, als ob es sich um Leben oder Tod handle; das riß ihr wohl den Schleier von den Angen, sie sah und unterschied plötzlich dicht vor sich unter altem Efeugerank eine andere kleine Tür, flog darauf zu. Kein Drücker befand sich daran, sie schien verschlossen, und dann war die Hilfesuchende rettungslos verloren; sie glaubte, schon einen raschen Fußtritt von der Rückseite des Hauses herankommen zu hören. Doch nein – welches Glück vom Himmel! – die Tür gab auf Druck heiserknarrend nach, und Zea schoß in das aufgefundene Versteck.

Eigentlich unnötig schien sie sich so geängstigt zu haben, denn aus einem mattgrünen Dämmerlicht ihres Schlupfwinkels vernahm sie bald von drübenher ein lachendes Gelärm, daß Unna entdeckt und angeschlagen worden sei. Dann ward's wieder still, als ob Meinolf Alfsleben weiter suche. Doch danach klang ein Ruf: »Zea! Komm nur! Ich bin's, wir fangen nun an!«

Zweifellos bekümmerte er sich gar nicht um sie, suchte nicht mehr, sie war ja auch nicht für ihn vorhanden. Vor dem Spielanfang hatte er sich ja nicht einmal recht an ihren Namen erinnert.

»Zea! Zea!«

Näher kam's, nun ums Haus her. Zwei Stimmen tönten durcheinander. Die Unnas sagte: »Wo kann sie nur stecken?« und lachend antwortete die andere: »Das mag der blaue Himmel wissen! Vielleicht ist sie bis auf die Heide hinaus.«

»Zea! Halt' doch das Spiel nicht auf!«

Das klang ganz nahe, doch plötzlich hinterdrein:

»Die Turmtür klaffte ja und ist offen. Was ist das? Um Gottes willen, sie wird doch nicht –«

Erschrocken fuhr's heraus; Meinolf Alfsleben fragte: »Was hast du denn?«

»Ach, die alte Treppe in dem Turm ist lebensgefährlich und kann zusammenbrechen; die Tür ist darum schon so lang' ich denken kann, zugeschlossen. Ich begreife nicht, wie sie – aber Zea wird ja auch nicht –«

Unna lief trotzdem auf den Turm zu, stieß die angelehnte Tür auf und rief: »Zea!« Unbemerkt tauchte hinter dem Rücken der beiden noch jemand auf; Tilmar Hellbeck war nicht, des Wartens überdrüssig, nach Loagger zurück, sondern von Unruhe getrieben, Zea nachgegangen. Doch vor dem Schloß hatte er sich bescheiden in einem Gebüsch verborgen gehalten; er gehörte nicht hierher, in die vornehme Gesellschaft, harrte geduldig auf die Beendigung des Spiels, dann unbemerkt wieder fortzugehen, und am Waldrand mit Zea zusammenzutreffen. Aber er verstand, was Unna erschreckt sprach; das ließ ihn seine Vorsicht und Absicht vergessen. Blaßgewordenen Gesichts, fast ohne Wissen eilte er aus dem Buschwerk hervor.

Aus dem Innern des Turmes kam keine Antwort, doch trotzdem zeigte das sich umwendende Gesicht Unnas noch größere Bestürzung. Ein leises Geräusch, wie von einem drinnen im Dämmerdunkel aufwärts huschenden Fuß war ihr ans Ohr gekommen. Meinolf sprang auf sie zu und griff nach ihrem Arm: »Was – was? –Sie ist doch drin – will sich nicht finden lassen –«

Unna stieß voll Angst hinterdrein: »Zea! Zea! Komm herunter! Die Treppe bricht mit dir!«

Tilmar Hellbeck lief jetzt heran, doch vor ihm warf Meinolf Alfsleben Unna beiseite und schoß an ihr vorbei in den Turm. Er sah nichts, hörte nur ein Knarren und Knacken über sich vom Gebälk einer mit den letzten Stufen matt erkennbar vor ihm ansteigenden Wendeltreppe. Gegen ihre Mitte zu ungefähr lief Zea aufwärts. Was sie wollte, wußte sie nicht – nur sich nicht finden lassen – droben sei eine so schöne Aussicht, bis auf die See, hatte jemand gesagt. Sie stieg mit geschlossenen Augen, vor denen ihr lauter buntfarbige Lichterscheinungen durcheinander gingen, und ebenso kreiste ihr's im Kopf. Doch hörte und begriff sie den Schreckensruf Unnas, die Treppe breche mit ihr. Das tat ja auch nichts, dann war's freilich mit dem Spiel vorbei – aber besser, als daß sie gefunden werde. –

Meinolf Alfsleben schnellte sich in der Tat über die Stufen auf wie ein riesiger Heuhüpfer, doch er betrug sich wie ein Bär, und rücksichtslose Bärenstärke anwendend, griffen seine Hände zu. Unna brach ein Schrei vom Mund: »Der ganze Turm stürzt ein!« Ein Krachen, Poltern, Prasseln schien's zu bestätigen. Aber nur die Treppe war's und durch das Getöse des Niederbruchs von Balken und Steinen sprang mit einem Satz wohl über das letzte halbe Dutzend ihrer Stufen etwas Großes, Doppeltes zur Türöffnung herunter, ins Freie heraus. Wie ein gewichtloses Kind hielt Meinolf Alfsleben Zea Hollesen auf den Armen, mit ihnen umschnürt und umklammert, ähnlich als halte er ein unvernünftiges Lamm, das er aus einem brennenden Stall geholt und von dessen Unverstand zu befürchten sei, es könne sich losreißen und wieder ins Feuer hineinlaufen. So trug er sie noch eine Strecke weit fort, ehe er sie in Freiheit und auf die Füße niederließ; der erste Anblick beruhigte darüber, daß sie schwere Verletzung erlitten haben könne. Ein halbes Wunder freilich schien's, wie beide so davongekommen, nur die Haare und Kleider des Mädchens waren, wie seine gleicherweise, grau und dick mit heruntergeregnetem Mörtelstaub überdeckt. Der dröhnende Lärm und Unnas Schreien hatte Gutsknechte und Mägde herbeilaufen lassen, auch Fritz Brookwald kam aus der Schloßtür gestürzt und rief, Meinolf, der das Mädchen noch nicht zu Boden gesetzt, mit dem Blick überfliegend: »Was gibt's denn? Herr Gott – was ist – ist sie – ist sie tot?«

»Nein – Unkraut vergeht nicht – mich mein' ich natürlich« – Meinolf Alfsleben lachte hell hinterdrein – »nur gepuderte Frisur hat's gegeben, wie zum Komödiespielen. Der Friseur drinnen war etwas zu freigebig damit, die Augen haben auch noch mit abbekommen.« Er rieb sich aus den Lidern den Staub und schüttelte ihn vom Haar; mechanisch tat Zea das gleiche, während Unna eilfertig ihrem Vater Aufschluß gab, was vorgefallen und wie es geschehen sei. Noch schreckzitternd schloß sie den kurzen Bericht: »Ich begreife nicht, daß die Turmtür offen gewesen.«

»Was?« Fritz Brookwald fuhr wild auf. – »Die Tür offen? Welcher Hundsfott« – er drehte sich zornweißen Blicks gegen die Knechte um – »hat drin etwas zu suchen gehabt? Natürlich wieder irgendeine Lumperei, und keiner ist's gewesen! Aber das werd' ich schon herausbringen, nachher, und der soll mir – armes Kind, du bist gottlob gut mit einem blauen Auge davongekommen.«

Er trat zu Zea hin, die wortlos vor sich hinausblickend dastand, als ob sie aus einer über sie geratenen Sinnbetäubung erst allmählich zu sich komme. Sie sah Meinolf Alfsleben jetzt neben Unna stehen und hörte ihn sagen: »Hast du Angst gehabt? Wer erschrickt denn wegen solcher Kleinigkeit? Das war bloß ein Spaß!« Unna griff mit der Hand nach seinem Arm: »Die Steine hätten dich totschlagen können!«

»Meinst du? Das kann immer passieren, einem ein Stein vom Himmel auf den Kopf fallen.«

Nun kamen die Augen Zeas dahin, etwas von ihnen entfernt ein anderes Gesicht aufzufassen, doch erkannte sie es noch nicht gleich auf den ersten Blick. Dann aber sagte sie: »Du bist es, Tilmar? Du willst mich – ja, es ist wohl Zeit, daß wir nach Hause gehen –«

Unna klopfte Meinolf den Kalkstaub vom Ärmel ab und entdeckte etwas an seiner Stirn. »Da hat dich doch ein Stück getroffen, du hast eine rote Schramme – ich glaube von einem Holzsplitter und er steckt noch darin. Ich will kaltes Wasser holen – nein, komm mit ins Haus, das geht schneller, da zieh' ich ihn dir heraus.«

Ihrer Freundin war ja nichts Übles zugestoßen, so daß Unna augenblicklich nicht an Zea dachte und ebensowenig tat's Meinolf Alfsleben. Natürlich nicht, er hatte sich den ganzen Nachmittag nicht um sie bekümmert, sie war nicht vorhanden gewesen. Nur sie mit Gewalt von der Turmtreppe herunterzuholen, hatte ihm Spaß gemacht, weil er gemerkt, daß sie sich nicht finden lassen, nicht von selbst kommen wollte, das Spiel aufhielt. Daß wirklich eine Gefahr sei, war ihm vermutlich gar nicht in den Sinn gekommen.

Die gescholtenen Knechte entfernten sich, auch Herr von Brookwald befand sich nicht mehr auf dem Platz, allein Tilmar stand neben ihr. Oder vielmehr, er folgte ihr nach, denn ohne rechtes Bewußtsein von ihrem Tun zu haben, setzte sie die Füße vor und ging. Sie durfte sich nicht länger aufhalten, der Rückweg zum Dorf war weit, und sie fühlte, es müsse hohe Zeit sein, zu gehen; doch hatte sie kein Zeitmaß dafür, wie lange sie eigentlich hier gewesen sei. Beim Heraustreten aus dem verschattenden Wald kam's ihr fast befremdend, daß die Sonne noch ziemlich hoch über der Heide stand. Jedoch in der Geschichte, die sie einmal gelesen, wie jemand um Mittag in den Wald gegangen, hatte die Sonne auch noch geschienen, als er sich wieder auf dem Rückweg befunden. Trotzdem aber hatte er ein Jahrhundert auf der Waldlichtung zugebracht.

Sie hörte neben sich ihren Begleiter sprechen, natürlich ohne einen Laut des Vorwurfs darüber, daß sie nicht Wort gehalten, ihn so lange habe warten lassen. Er begriff nicht, daß Herr von Brookwald nichts zur Ausbesserung der baufälligen Turmtreppe getan, deren gefährlichen Zustand er doch schon seit Jahren gekannt haben müsse. Zea nickte dazu und sagte:

»Ja, seit einem Jahrhundert.«

Die unverständliche Erwiderung ließ den jungen Lehrer verwundert zu ihr aufblicken, doch drängte sich ihm etwas anderes im Kopf nach, eine Erinnerung, von der er weiter redete. Der Traum war's, in dem sich vor ihm eine schwarze Otter gegen Zea aufgerichtet, er ihr zur Hilfe laufen gewollt, aber zu weit entfernt gewesen und es nicht mehr gekonnt. Doch grad' rechtzeitig noch hatte statt seiner ein anderer, von dem er nicht erfahren, wer, sie gerettet – und genau so war es heut', wenn die Gefahr auch anderer Art gewesen, in Wirklichkeit geschehen. Nur wußte Tilmar jetzt, durch wen, konnte dem Lebensretter seiner künftigen Frau dankbar sein, wie keinem zweiten auf der Erde. Er hatte auch den heftigen Drang gehabt, diesen Dank auszudrücken, die Hand Meinolf Alfslebens zu ergreifen, ihm um den Hals zu fallen. Aber das stand ihm bei dem vornehmen adligen Herrn nicht zu, und so mußte er sich schweigend zurückhalten. Schon mehr als dreist hatte er gehandelt, daß er sich bis ans Schloß hinan begeben.

Zea hörte seine Stimme und verstand seine Worte auch. Aber er konnte es doch eigentlich nicht mehr sein, der neben ihr herging, denn das, wovon er erzählte und sprach, war ja vor einem Jahrhundert gewesen.


Mit dem Tage aber hatte die lange heitere Laune des Himmels ein Ende genommen; als Zea am nächsten Morgen erwachte, fiel kein Sonnenschein in ihr Fenster, die Luft war grau, der Wind kam von Südwest her und spielte leis' mit dem vollen Laubschmuck der Gesträuche im Pfarrhausgärtchen. Sie blieb, nachdem sie sich fertig angekleidet, noch eine Zeitlang stehen und blickte darauf hin; in ihren unbeweglich weit offenen Augen lag ein großer staunender Ausdruck, als ob sie ein solches Hin- und Herspielen der Blätter noch nie gesehen habe. Ihr verwob sich damit das Gedächtnis dran, wie sie gestern abend nach Hause gekommen und nichts verändert gefunden; es war ja auch vollständig sinnlos gewesen, daß sie ein Jahrhundert im Helgerslunder Park zugebracht haben sollte. Sie trug das Kleid an sich, das sie gestern morgen ebenso von demselben Haken im Wandschrank heruntergenommen, jedes Stück in ihrem Zimmer stand und lag wie immer – alles rein und blank, und es hätte dichter Staub drauf sein müssen, wenn – aber den hatte sie grad' gestern überall abgewischt, und natürlich war ja auch die ganze Einbildung geradezu närrisch. Doch ließ sich begreifen, woher diese sie überkommen: von einer Erschütterung im Kopf durch den Zusammenbruch der Treppe. Ein kaltes Schauergefühl lief ihr über den Körper; ohne die eigenwillige Gewaltsamkeit von Meinolf Alfsleben läge sie wohl von den Steinen und Balken erschlagen; der Ausruf Herrn von Brookwalds hatte gezeigt, daß er dies auch vermutet habe. Wenn jemand so durch einen glücklichen Zufall vor plötzlichem Tode bewahrt blieb, verlor er wohl leicht etwas seine gesunden Sinne und konnte zu derartigen Vorstellungen kommen, als ob eine Minute ein Jahrhundert gewesen sei. Freilich erinnerte sie sich, daß vorher der Warnungsruf Unnas sie ganz gleichgültig gelassen, ob die Treppe unter ihr niederstürze. Aber zu solchem törichten Denken oder gedankenlosen Tun hatte nur die Aufregung des Versteckspielens gebracht; jetzt fühlte sie durch und durch, daß sie nicht sterben gewollt, unendlich dankbar dafür war, noch am Leben zu sein. Tilmar hatte ja auch ebensolches Dankgefühl in sich gehabt.

So war alles um sie her wie gestern, wie immer, und doch kam es ihr, wohin sie sah, neu, wie etwas Unbekanntes, noch nie so Dagewesenes vor. Oder richtiger, alles hatte einen besonderen Ausdruck und sah sie damit an, als ob es etwas von ihr erwarte. Was, sagte nichts, und sie dachte vergeblich darüber nach. Aber wo sie in der nächsten Stunde ging und stand, bei allem, was sie betrieb, blieb's dasselbe. Jeder Gegenstand, mit dem sie sich beschäftigte, sah sie daraufhin an, sie müsse etwas tun. Wie sie einmal in den Garten hinaustrat, da rief's auch eine vom Strand herüberjagende Möwe, sogar zweimal rasch hintereinander. Sie sagte ebenfalls nicht was, aber ihre Mahnung war nicht mißzudeuten. Das einzige, Zea zu einem Empfindungsverständnis Kommende war, alles mute ihr etwas Schweres zu, eine Selbstüberwindung, gegen die sich ihr Innerstes sträube. Doch trotzdem werde sie dazu genötigt sein, denn es müsse geschehen.

Sie hatte den Garten verlassen, schritt gewohnheitsmäßig in südlicher Richtung am Strand fort; ihr zur Rechten rollten die Wellen auf den Sand, und auch jede von ihnen wiederholte gleichmäßigen Tons: »Es muß sein.« Doch ebenso wie alles andere überließen sie ihr, zu verstehen und erkennen, was.

Da bog der Pfad in die Heide hinein, Zea hielt an und sah ihm entlang. Aus dem fruchtlosen Umhersuchen ihres Kopfes ließ der Anblick des Weges ihr einen Gedanken auftauchen: Wenn sie sich auf den großen Stein setze, so helfe der ihr vielleicht, wie ein alter Freund, zu begreifen, was sie denn eigentlich tun müsse. Zwar hatte sie sich einmal gesagt, sie werde ihn nie wieder aufsuchen, selbst wenn sie hundert Jahre alt würde, aber seltsamerweise war seitdem ja auch ein Jahrhundert vergangen. Nicht wirklich, doch in dem Gefühl, das sie gestern gehabt, und darauf kam es an, nicht ob es tatsächlich geschehen; in einem einzigen Augenblick sogar konnte eine unmeßbare Zeit, wie ein ganzes Leben enthalten sein. Wer das nicht erfahren, begriff es wohl nicht und lachte vielleicht zu solcher Vorstellung. Aber sie sah sehr ernsten Gesichts drein, ihr stand zu Schweres bevor, alles rings um sie wußte davon und bemitleidete sie wohl im stillen auch. Denn nichts bot wie sonst ein heiteres, freudiges Aussehen, die Sonne und das Himmelsblau waren verborgen, eine graue Bleidecke verdichtete sich über der Erde. Die Natur hatte gestern zum letztenmal fröhlich gelacht, und Zea empfand, auch ihr könne nie mehr eine Anwandlung zum Lachen kommen.

Nun saß sie auf dem Findlingstein, das Gesicht nach Osten gekehrt haltend. Vor ihren Augen lag nichts von der gestrigen Verschleierung, aufs deutlichste gewahrte sie jeden Gegenstand in der Nähe, sah so scharf wie je in die Weite. Eher noch schärfer, denn sie unterschied einen winzigen Punkt, der sich von dem fernen Waldrand ablöste und über die Heide heranbewegte. Manchmal verschwand er hinter Buschwerk, doch sie wußte, er tauche wieder auf und komme auf sie zu und bringe das Schwere, über das sie noch immer umsonst nachsann. Atembenehmendes kam daraus, wenn es so geschah, der verschwundene Punkt, größer, zu einer Linie geworden, aufs neue sichtbar ward, die gerade Richtung gegen den Stein innehaltend. Und sie wußte ebenso, er werde nicht aus jener abbiegen, um etwa unbemerkt von rückwärts herzukommen, sondern mehr und mehr anwachsen, bis er unmittelbar auf ein paar Schritte weit in voller Größe dastehe. Nur das allein wußte sie immer noch nicht, was sie dann tun müsse.

Und jetzt rückte der unabwendbare Augenblick dicht heran, war da. Der Herzschlag setzte ihr aus, wenigstens in der Brust stand er still, überall. Nur nach einer einzigen Richtung hin stieg er aufwärts wie eine Welle, die, aus der Tiefe emporschwellend, gleichsam alle Kraft der ganzen See vereinigte und sie gegen ein Ziel, ein Bollwerk richtete, um dies zu durchbrechen. So kam's und schwoll's und drängte unwiderstehlich die zusammengeschlossenen Lippen auseinander. Sie mußten sich öffnen, den übermächtigen Herzschlag hindurchlassen, der sich vor ihnen in Stimmenfang, in die Worte verwandelte:

»Ich bin hergekommen, weil ich gestern versäumt habe, dir dafür zu danken, daß du mir das Leben gerettet hast.«

Das war's gewesen, was alles von ihr gefordert gehabt. Ihr Kopf hatte es bis zuletzt nicht finden können, aber nun, da sie es ohne sein Beihelfen gesprochen, wußte sie's. Tief atmete sie danach auf, das Schwere, Ungeheure war vollbracht. Ihr war's, als ob der große Stein ihr auf der Brust gelegen habe und abgewälzt heruntergefallen sei.

Flüchtig blieb's still, daß Zea hörte, wie der Wind surrend durch das Heidekraut lief. Dann klang fröhlich die Stimme Meinolf Alfslebens:

»Hab' ich dir das Leben gerettet? Ich glaubte, ich tät's für mich –«

Einen Augenblick hielt er an, ehe er hinzufügte: »Denn Unna Brookwald sagte, du verständest dich gut auf Pflanzen, und mein Vater wünscht's von mir ja auch. Das fiel mir ein und ich sprang die Treppe hinauf, weil du mir nicht dazu behilflich sein konntest, wenn du nicht mehr lebendig warst.«

Wieder raschelte der Wind in den vorjährigen dürren Heideglöckchen.

»Aber verlangen kann ich's natürlich nicht von dir, nur fragen, ob dir's zuwider ist, meine Lehrerin zu sein.«

Mit dem Dank, den sie ihm auszusprechen gewußt, war's ihr plötzlich zur Erkenntnis gekommen, ihr Leben gehöre gar nicht mehr ihr selbst an, sie habe es verloren und er es am Weg aufgenommen und halte es wie sein Eigentum in der Hand. Das hatte gestern auf dem Rückweg das sonderbar verworrene Gefühl über sie gebracht; nicht ein Jahrhundert war seit dem Augenblick, in dem er sie gefaßt und aus dem Turm heruntergetragen, vergangen, sondern überhaupt alle Zeit. Denn sie war tot gewesen, durch ihn wieder neu belebt, in einer vollständig anderen, neuen Zeit. Darum sah heut alles sie so anders an, sie gehörte ihm, er hatte das Recht, von ihr zu fordern, was er wollte. Sie besaß keinen eigenen Willen, und er war großmütig, verlangte nichts, als daß sie ihm behilflich sein solle, Pflanzen kennen zu lernen.

So stand sie vom Sitz auf und antwortete: »Wenn du es willst« – doch der Klang des letzten Wortes gab ihm die Bedeutung: Wenn du es befiehlst. Ihr Fuß setzte sich vor und sie ging, aber die Fortbewegung verursachte ihr kein Gefühl; sie hatte keine Empfindung, einen Körper zu haben, sondern werde von etwas außer ihr über den Boden hingeführt. Das konnte auch nicht anders sein, denn sie war ja nicht mehr ihr Eigentum; neben ihr ging Meinolf Alfsleben, bückte sich ab und zu, hielt ihr eine gepflückte Blume vor die Augen und fragte lerneifrig nach dem Namen. Ihr kam manchmal eine Angst, sie könne nicht darauf zu antworten wissen, denn dann hätte er das Recht gehabt, zornig zu werden und ihr Leben, das er in seiner Hand trug, als etwas Unnützes wieder wegzuwerfen. Doch sie wußte es immer, zum Glück hatte sie in ihrem Vorleben bei dem Lehrer in Loagger guten Unterricht gehabt. Lange mußte sie schon so gehen oder willenlos bewegt werden und oft bereits erwidert haben; in der anderen, neuen Zeit gab es kein Maß für ihr Vergehen, sie blieb immer nur Gegenwart. Aber jetzt einmal mußte Zea sich bei einer ihr vorgehaltenen Blume erst besinnen, bis ihr gottlob der Name doch noch kam: »Glockenheide« – auch der lateinische aus dem Munde Tilmar Hellbecks: » Erica tetralix.« Das letzte verbesserte merkwürdigerweise trotz seiner botanischen Unkenntnis ihr Schüler: »So? Tetralix, das Vierfältige.« Sie vermochte sich nicht anzugeben, warum diese Richtigstellung ihrer falschen Betonung ihr das Blut etwas in die Schläfen trieb, aber, rasch darüber weggehend, erwiderte sie schnell: »Die kann eigentlich noch nicht blühen, ihre Zeit ist erst im Juli, es ist noch zu früh.« Das ließ Meinolf Alfsleben mit einem leichten Lachen die Antwort begleiten: »Du bist freilich meine Lehrerin, aber hierbei glaube ich doch meinen Augen mehr, denn ich sehe, daß sie blüht. Und mich deucht, sie brauchte auch nicht länger zu warten, es hat lang genug gedauert, bis sie dazu gekommen ist.«

Beim Letzten brach er ab. »Das, scheint mir, war ein Tropfen auf meiner Hand. Es fängt an zu regnen, merkst du's nicht auch?«

Sie schüttelte verneinend den Kopf, doch zweifellos hatte er sich nicht getäuscht, denn im Nu schlugen sichtbar rundum große Tropfen herunter und wohl ein halbes Dutzend auch auf ihr Gesicht, so daß Meinolf nachrief: »Jetzt wirst du's fühlen!« Doch verneinte sie wieder ebenso, sie fühlte nichts, hätte es ja auch nicht gekonnt, da sie keinen Körper besaß. Nur eins gelangte ihr zur Empfindung – sein Blick war rasch umhergegangen und danach hatte er sich hurtig niedergebückt – und nun ließ die Erinnerung ein halbes Bewußtwerden in ihr dämmern, daß sie nicht mehr aufrecht, sondern, wie gestern einmal, wagrecht durch die Luft fortschwebe. Das geschah wohl, weil Meinolf Alfsleben sie mit seinen Armen aufgehoben habe und vom Tode in ein anderes Leben hinübertrage. –

Er trug sie auch wirklich. Der Regen stürzte jetzt nieder, und sein Umblick hatte in kurzer Entfernung einen der alten Wetterschuppen auf der Heide wahrgenommen. Dorthin lief er mit ihr, sie unter das Dach zu bringen, ließ sie auf die Bank nieder. Doch blieben seine Arme noch einen Augenblick lang um sie geschlungen, und in diesem Augenblick bog er sich vor und küßte ihre Lippen. Dann sagte er: »Das hatte ich gestern versäumt, deshalb kam ich heute wieder«, und dazu setzte er sich neben sie auf die Bank.

Sie saß, aufgehobenen Kopfes, mit groß offenen Augen geradeaus in die seinigen blickend. Ohne Atemzug, staunend, verdutzt, einem gefangen gewesenen Vogel gleich, der von der Hand, die ihn umfaßt gehalten, freigelassen worden, doch noch nicht daran glaubt, sich nicht zu rühren wagt. Dann aber schlug sie ein paarmal mit den Wimpern, man sah, das Bewußtsein ihrer Freiheit kam ihr, sie hob die Arme auf, wie zwei Flügel, sich mit ihnen aus der nach vorn offenen Hütte davonzuschwingen. Doch plötzlich warf sie die beiden Arme Meinolf Alfsleben um den Nacken und küßte ihn wieder auf die Lippen. Dann auf einmal hatte es sie einem Blitzschlag ähnlich durchfahren: das war die Sprache, in der sie ihm für die Erhaltung ihres Lebens danken gemußt, und so habe alles den Dank von ihr erwartet.

Nun war's geschehen, und wie es ein willenloses Tun gewesen, so redeten auch beide nicht weiter davon. Nur hielt Meinolf wieder den Arm um ihren Hals gelegt, ihren Kopf dadurch an seine Schulter gezogen, als ob er sie sicher am Davonfliegen verhindern wolle. Darüber mußte sie heimlich lachen, denn dazu war ihr die Fähigkeit doch noch wieder gekommen; sie fühlte, so hell auflachen hätte sie können, daß die Sonne und der blaue Himmel durch die graue Wolkendecke brechen müßten. Der Herzschlag wieder war's, der ihr die Lippen dazu auseinander zu drängen suchte, aber sie leistete Widerstand und hörte lautlos an, was Meinolf Alfsleben dicht neben ihrem Ohr vom Munde kam. So närrisch klang's, denn er sprach von der Heide, meinte, der Regen sei ihr viel förderlicher, als die Sonne, danach werde sie jetzt rasch immer mehr und mehr aufblühen. Darauf habe er gewartet und sei deshalb täglich herausgekommen, um zu sehen, ob die Knospen sich weiter entwickelten; denn er liebe die Heideblüte so sehr, gar nichts auf der Welt so wie sie. Doch er habe lange umsonst warten müssen, da sie zu den Pflanzen gehöre, die nur ganz, ganz langsam und kaum merklich ihren winterlichen Trotz ablegten und sich sommerlich verwandelten. Und wenn nicht ein guter Kalkregen vom Himmel gefallen wäre, würde er auch heute wohl noch kaum das aufgeblühte Zwerglein der Erica tetralix gefunden haben.

Das war unglaublich närrisch, ein Kalkregen, der vom Himmel gefallen und etwas zum Aufblühen gebracht, so närrisch, wie es nur in Träumen vorkam, und die Zuhörerin drückte ihre Schläfe noch ein wenig fester an die Schulter, oder war's an die Brust Meinolf Alfslebens, aber sonst regte sie sich nicht, um nicht aus dem Traum aufzuwachen. So klang seine Stimme ihr weiter, immer noch von der Heide sprechend; er war gar nicht so botanisch kenntnislos, wie er sich bescheiden hingestellt hatte, wußte sogar manches, wovon Zea nie gehört hatte. Auch von dem großen Findlingstein – freilich redete er von dem nicht wissenschaftlich, sondern erzählte ein Märchen, aber Märchen und Traum gehörten ja wie ein Paar Geschwister zueinander. Der Stein nämlich hatte in früheren Tagen aufrecht gestanden, und ein Mädchen kam bei ihm täglich mit ihrem Liebsten zusammen. Dann jedoch mußte der sich für einige Zeit von ihr trennen, und sie gelobte ihm, währenddessen und immer ihm treu zu bleiben. Aber sie hielt ihr Versprechen nicht, sondern küßte an derselben Stelle einen anderen, der ihr besser gefiel; da schlug der gewaltige Stein zornig um, tötete sie und färbte die Pflanzen umher mit ihrem Blut. Seitdem trug das Heidekraut rote Blüte und im Volksmund den Namen »Brauttreue«, eigentlich unrichtig, da es im Gegenteil »Brautuntreue« heißen sollte. Der Treulosen aber war es nach vollem Recht so geschehen, denn wenn ein Mädchen jemanden, der sie liebte, geküßt hatte, dann gehörte sie unabänderlich ihn fürs ganze Leben bis zum Tod.

Plötzlich flog der Kopf Zeas von der Brust, an der er gelegen, in die Höh', und wie einer, der im Schlaf fällt, fuhr sie aus ihrem traumhaften Zustand auf. Verstört sahen ihre Augen Meinolf Alfsleben an, der halb erschreckt fragte: »Was hast du – ist dir etwas?« Doch nun stieß sie aus stürmisch aufwogender Brust: »Ich habe noch niemand in meinem Leben geküßt als dich und werde und kann und will's niemals!« Und mit einer Heftigkeit, die ihr Leben ebenfalls noch nie gekannt, warf sie die Arme wieder um ihn, klammerte sich an ihm fest, drückte ihre Lippen auf seine. Als sein Eigentum gehörte sie ihm, und so hielt er auch sie umfaßt, aber zugleich doch mit einer zaghaften Behutsamkeit, wie man eine zarte Blume hält, ihren wundervollen Farbenschmelz nicht zu verletzen. Die Hände Meinolf Alflebens mochten zuweilen wild-ungebärdig und ohne Rücksicht mit Mädchen wie mit Knaben umgesprungen sein, doch unverkennbar hielten sie sich zum erstenmal so um den Nacken und Leib eines Mädchens geschlungen, und beinah einem Umtausch ähnlich erschien's. Wie mit achtlosem Ungestüm eines Knaben und fest umschlossen ihn Zea Hollesens Arme, und ob die seinigen gleiches taten, lag's in ihnen fast wie eine mädchenhafte Scheu. Prasselnd schlug schwerer Regensturz auf den alten Wetterschuppen herunter, dessen eine Seite wandlos offenstand. Doch vor dieser breiteten in unablässigem, ebenmäßigem Fall die großen Glanztropfen einen dichten Vorhang nieder, als seien sie von einer Fee beauftragt, ein wunderholdes Heidemädchen jedem entweihenden Blick zu verbergen.

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.