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Aus Saadis Bustan und Gulistan

Musliheddin Sadi: Aus Saadis Bustan und Gulistan - Kapitel 2
Quellenangabe
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typepoem
authorMusliheddîn Sádî
booktitleDer Islam
titleAus Saadis Bustan und Gulistan
publisherVoltmedia GmbH
isbn3938478624
translator Josef von Hammer-Purgstall / Friedrich Rückert
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Aus Saadis Gulistan

Von den Gesinnungen der Derwische

Siehst du, ein ehrlich Kleid hat einer an,
Laß gelten ihn für einen Ehrenmann;
Weißt du nicht wie bestellt sein Innres sei,
Was hat im Haus zu tun die Polizei?

*

Anzuklagen hab ich mich versäumten Dienstes,
Denn nicht Beistand kann erfüllte Pflicht mir leihn.
Gottverehrer flehn, die Sünde zu vergeben,
Gotterkenner, die Verehrung zu verzeihn.

*

Böcke sind auf Gottes Trist und Lämmer,
Sufis nehmts nicht übel, wir sind Schlemmer.
Jeder hat sein Werk und seine Hoffnung;
Wir sind Bettler dieser Stadt, nicht Krämer.

*

In der Demut Staub das Antlitz senkend
Sprech ich, wenn mich weckt des Morgens Hauch:
O du dessen nimmer ich vergesse,
Denkest du wohl deines Knechtes auch?

*

Wer kommt, daß er dir andrer Fehl' aufzähle,
Bringt ohne Zweifel andren deine Fehle.

*

Wer kann wissen welch ein Mann steckt in dem Kleid?
Nur der Schreiber weiß des Briefes Heimlichkeit.
Oder: Wer weiß was in des Herzens Tiefe steht?
Der Schreiber nur weiß was im Briefe steht.

*

Nicht im härenen Gewand ist Klausnertum,
Sei im Geist ein Klausner und leg alles um.

*

Die Frommen tragen Kutten ums Genicke,
Doch aufs Geschöpfe richten sie die Blicke.
Die Frömmigkeit ist, weltlichen Begierden
Entsagen, nicht entsagen Kleiderzierden.
Tu fromme Werk und was du magst, leg an,
Trag auf dem Haupt den Helm, am Arm die Fahn!
Im Panzerrocke stecken muß ein Ritter,
Was hilft das kriegrische Gewand dem Zwitter?

*

Seht die Frommen, die sich in die Kutte stecken,
Machen aus der Kaaba Vorhang Eselsdecken.

*

Einer von dem Trupp macht einen dummen Streich
Und entgelten müssen all es, arm und reich.
Auf der Weide hat sich eine Kuh befleckt.
Sieh, und alle Küh im Dorfe sind bekleckt.

*

Auch nur ein Ungehobelter allein
Ist einer sinnigen Gesellschaft Pein.
Ein ganz Bassin voll Rosenwasser mache!
Ein Hund fällt drein und es ist eine Lache.

*

Bei der Kaaba, fürcht ich, kommst du, Araber, nicht an,
Denn der Weg hier, den du einschlägst, geht nach Turkistan.

*

Der die Tugend auf der flachen Hand
Und das Laster unterm Arme hält,
Was, betörter Mann, am Tag der Not
Willst du kaufen für dein falsches Geld?

*

Nur sich selber sieht der Anspruchsvolle,
Dessen Blick umschleiert Eigenwahn.
Wenn ihm würd' ein Auge Gott zu schauen,
Sah er sich in seiner Ohnmacht an.

*

In der Menschen Augen ist mein Äußres schön,
Während ich verborgne Fehler büße.
Alle Welt belobt am Pfau die Farbenpracht,
Doch er schämt sich seiner garst'gen Füße.

*

Man fragte jenen, der den Sohn verloren:
O weiser Greis, von hohem Stamm geboren,
Du röchest aus Ägypten Josephs Hemde,
Wie blieb er dir in Kanans Brunnen fremde?
Er sprach: Ein Blitzstrahl ist, was wir empfinden,
Der bald sich zeigt, bald wieder muß verschwinden.
Bald ist im vierten Himmel mein Entzücken,
Bald seh ich nicht bis auf des Fußes Rücken,
Wenn stets der Derwisch blieb' in seinem Stand,
So schlug er die zwei Welten aus der Hand.

*

Der nahe Ferne

Er ist näher mir als ich mir bin,
Und, o Rätsel, fern empfind' ich ihn.
Wie erklär' ichs? er ruht mir im Schöße
Und mir ists als ob er mich verstoße.

*

Wenn dem Hörer für die Rede fehlt der Sinn,
Fordre Schwung nicht von dem Rednergeiste;
Bring ihn erst zum Spielraum guten Willens hin
Und dann sieh was er im Ballschlag leiste.

*

Pilgerlied

Wie lange geht des armen Pilgers Fuß,
Wo selbst ermattet keucht der Dromedar!
Indes der Wohlbeleibte schmächtig wird,
Da ist der Schmächtige gestorben gar.

*

Angenehm ist's, unterm Dornbusch
Auf der Wüste Weg auszuruhn,
Wo die Mannschaft aufbrach,
Doch Verzicht aufs Leben muß man tun.

*

Wenn jammervoll zu töten mich hingibt der werte Freund,
O denk nicht, in dem Augenblick tu' mir mein Leben leid.
Ich sage: welch ein Fehl ist von mir Armen denn geschehn,
Wodurch ich ihn erzürnte? das nur eben tut mir leid.
Wenn du in Not gerätst, verzweifle nicht Gesell,
Zieh Freunden aus den Pelz und Feinden ab das Fell!

*

Was Kutte, Rosenkranz und heil'ge Lumpen?
Sei fromm und dir nichts Schmähliches erlaube.
Du brauchst, um einen Derwisch vorzustellen,
Den Kopf nicht zu bedecken mit der Schaube.
Ein Derwisch an Gesinnung sei und trage
Dann auf dem Haupte die Tatarenhaube.

*

Derwischlied

Als wir mit der Pilgerkarawane nach Hidschas aus
Kufa zogen, gesellte sich zu uns ein Derwisch,
barhaupt und barfuß, und sang:
Nicht Reiter auf dem Kamel, noch Maultier unter der Last,
Nicht ein Gebieter der Sklaven, noch Sklav' aus dem Palast,
Besorgt nicht für das Dasein noch um das Nichtsein bang,
Ruhig im Augenblick also geh ich mein Leben lang.

*

Der Heuchler

Der ganz wie die Pistazie lauter Kern mir schien,
Haut über Haut als wie die Zwiebel fand ich ihn.
Ein solcher Frommer betet mit dem Rücken
Zur Kibla, zum Geschöpfe mit den Blicken.

*

Der Knecht, der sein den Herrn will nennen,
Darf auch nichts außerm Herren kennen.

*

Ein Eisen, das der Rost zerfressen,
Macht kein Polieren wieder rein;
Was hilft es, finstern Herzen predigen?
Der Nagel dringt nicht in den Stein.

*

In des Wohlseins Tagen nimm dich der Bedrängten an,
Weil des Armen guter Wunsch Unheil abwenden kann.
Was dir abverlangt des Bettlers flehende Gestalt,
Gib es oder ein Bedrückter nimmt es mit Gewalt.

*

Man kann kein kleinstes Wort im Scherze sagen,
Dem Weisen wird es eine Lehre tragen.
Von Weisheit hundert Hauptstück einem Toren
Gepredigt, sind ein Scherz in seinen Ohren.

*

Dein Innres stopfe nicht mit Fraß, wenn leuchten
Erkenntnisleuchte soll in deinem Glase.
So leer von Einsicht bist du nur deswegen,
Weil du bist so voll Fraß bis an die Nase.

*

Der Strafe Gottes kannst du durch die Büß entgehn,
Doch nicht entgehn kannst du den Menschenzungen.

*

Sei lieber gut und laß dich böse schmähn,
Als böse und dich für gut ansehn.

*

Wenn ich täte, was ich spräche,
Stürb' ich als ein Heiliger.
Schließen unsre Tür wir vor den Leuten,
Daß sie unsre Fehler nicht ausdeuten,
Was hilft der Verschluß, da ein allklares
Auge sieht geheim und offenbares!

*

Sei guten Wandels, daß nichts möge finden
An dir der Übelwollende zu rupfen.
Die Laute, wenn sie hat die rechte Stimmung,
Was braucht der Spieler sie am Ohr zu zupfen?

*

Wenn das Herz dir jede Stunde geht woanders hin,
Bringt dir Einsamkeit auch in der Klause nicht Gewinn.
Ob du Geld und Güter hast und machst Geschäfte mit,
Wo dein Herz bei Gott nur ist, bist du sein Eremit.

*

Nicht Bulbul unter Rosen nur hat Seinen Preis gesungen,
Am Strauch sind alle Dornen, Ihn zu preisen, feine Zungen.

*

Wo weltlich Gut nicht ist, ruhn wir auf Nesseln
Und wo es ist, da wird es uns zu Fesseln.
Kein größer Ungemach als diese Welt,
Die, sei sie oder nicht, zur Last uns fällt.

*

Die Angestellten

In der Würd', in Amtes Drang und Treiben
Haben sie nicht für Bekannte Zeit.
Wenn sie trifft Verlassenheit und Armut,
Tragen sie zum Freund ihr Herzeleid.
Wenn ein lästiger Gast zur Tür
Hinaus will, halt ihm die Hand nicht für.

*

Mir ward erzählt: ein Mann von edlem Stamm
Riß aus des Wolfes Rachen einst ein Lamm.
Nachts setzt' er ihm das Messer an die Kehle,
Darob wehklagete des Lammes Seele:
Du wolltest aus Wolfsklauen mich befrein,
Das seh ich nun, um selbst mein Wolf zu sein.

*

O der du in des Haushalts Fußblock liegest,
Umsonst, daß du in Freiheitstraum dich wiegest!
Die Sorg um Kind, um Speis und um Gewand
Zieht dich ab von der Reis' ins Himmelsland.
Den ganzen Tag such ich es zu beschicken,
Um in der Nacht mit Gott mich zu erquicken;
Wenn ich die Nacht nun im Gebet gesessen,
Was werden meine Kinder morgen essen?

*

Der schöne Schenke

Um ihn verdursten Menschen, denn er ist
Ein Schenke nur zum Sehn und nicht zum Schenken;
Das Auge wird vom Sehn so wenig satt,
Als Euphrats Flut die Wassersucht kann tränken.

*

Wer etwas hat, wem etwas fehlt,
Sei Geistlichen nicht beigezählt.

*

Welch Geistlicher dein Gold nimmt gern,
Such du dir einen Geistlichem.

*

Ich Hungriger laur' an der Speisezelle,
Wie vorm Frauenbad ein Junggeselle.

*

Weltentsagung predigen sie der Welt,
Selber häufen sie Getreid und Geld.
Welcher Weise nichts als Reden hat,
Wenn er redet, findets keine Statt.
Der ist weise, der nach Gutem ringt
Und nicht lehrt, was er nicht selbst vollbringt.

*

Ein Prediger, der seiner Lust und seines Leibs will pflegen,
Geht irre selber, kann er wohl uns leiten auf den Wegen?

*

Antwort

Hör ein Wort des Weisen, mag sein Wort auch
Nicht auf seine Taten sich erstrecken.
Ohne Kraft ist, was die Spötter sagen:
Kann die Schläfer wohl ein Schläfer wecken?
Nimm, o Mann, den Rat, wo du ihn findest,
Seis auch von der Schrift an Mauerecken.

*

Vom Kloster trat ein weiser Mann ins Lehramt ein
Und brach der Weltentsagung heil'ge Kette.
Denselben fragt ich: Sage mir, aus welchem Grund
Von dort du hier herüber bist getreten.
Worin erkennest du den großen Unterschied
Vom Weisen dieser Welt und vom Asketen?
Er sprach: Sein Hemd will dieser aus dem Wasser ziehn
Und jener sucht Ertrinkende zu retten.

*

Ein tiefes Wasser trübt kein Steinwurf leicht;
Wenn Weisheit sich erzürnt, ist sie noch seicht.

*

Wenn jemand weh dir tut, laß dichs nicht kränken,
Vergib und dir auch wird man Sünden schenken.
Da alles endlich wird dem Staub zum Raube,
Freund, werde Staub bevor du wirst zum Staube.

*

Höre diese Mär, wie in Bagdad
Fahn' und Vorhang einst gestritten hat.
Fahne müd vom Ritt, vom Weg bestaubt,
Häufte Vorwurf auf des Vorhangs Haupt:
»Sind wir beide doch Schulkameraden,
Hofbediente von des Sultans Gnaden;
Ich nun durfte rasten nie von Müh,
Stets auf Reisen war ich spät und früh,
Weder Märsche noch Belagerungen
Machtest du, noch wardst vom Wind geschwungen,
Weit an Tat bin ich voraus vor dir,
Wie hast du den Vorzug nun vor mir?
Du hier um mondschöne Knaben schwebend,
Ros'ge Mädchen senkend dich und hebend?
Ich dort in der Knechte Hand gefallen,
Muß gefesselt gehn und tummelnd wallen.«
Vorhang sprach: »Das Haupt zur Schwelle neig' ich,
Nicht wie du voll Stolz zum Himmel steig' ich.
Wer sich mit hochmütigen Gebärden
Überhebt, fällt mit dem Kopf zur Erden.«
Laß dein Pochen auf die Faust, dein Großtun mit dem Mannesleib!
Unterliegend niederm Triebe, bist du Mann dann oder Weib?
Bringe lieber, wo es geht, auf Lippen Honigtropfen,
Keine Manneskunst ist's, mit der Faust den Mund zu stopfen.

*

Wenn dir der Gefährte voreilt, ist er dein Gefährte nicht;
Binde nicht dein Herz an einen, der nicht seins in deines flicht.

*

Von dem Werte der Genügsamkeit

Genügsamkeit, o mache du mich reich,
Denn außer dir ist Reichtum nicht zu finden.
Entsagung ist was Lokman wählt, denn nur
Mit Weisheit kann Entsagung sich verbinden.

*

Ich Ameis, die sie treten mit den Füßen,
Nicht Wesp' um deren Stich sie klagen müssen,
Wie kann ich Dank genug der Gnade sagen,
Daß mir die Macht nicht, ward die Welt zu plagen.

*

Trocknes Brot soll mir genügen und geflicktes Lappenkleid,
Leichter ist die Last der Armut als die Last der Dankbarkeit.

*

Des Kleides Lappen flicken und im Armutwinkel bleiben,
Ist besser als um ein Gewand an reiche Lappen schreiben.
In Wahrheit scheint mit Höllenpein mir gleich zu stellen dieses:
Durch Nachbars Beistand einzugehn zur Lust des Paradieses.

*

Dann wird seine Zung ein Weiser rühren
Oder seine Hand zum Bissen fuhren,
Wenn aus seinem Schweigen Schaden käme,
Und er durch sein Fasten Schaden nähme;
Also wird sein Reden bringen Zucht
Und sein Essen der Gesundheit Frucht.

*

Das Wölflein zu füttern, ein Mann sich befliß,
Da ward es ein Wolf, der den Mann zerriß.

*

Wir essen, um zu leben und nicht Gottes zu vergessen,
Du aber bist des Glaubens, daß du lebest um zu essen.

*

Iß nicht soviel, daß dirs im Schlund aufsteht,
Und nicht sowenig, daß die Seel' im Mund ausgeht.

*

Iß, wenn du ein Mensch bist, mit Mäßigkeit,
In Schmach bringt den Hund seine Fräßigkeit.

*

Besser nicht beim großen Herren betteln,
Als daß von der Tür dich stößt sein Wächter;
Besser ohne Fleisch im Topfe sterben,
Als daß an die Schuld dich mahn' ein Schlächter.

*

Hätt' er als seinen Brodlaib
Im Tischkasten die Sonnenscheib',
So bekäme bis zum Jüngsten Tag
Die Sonne zu sehn weder Mann noch Weib.

*

Aus Saadis Diwan

Lieblich zeigt in meinem Spiegel sich dein Bild,
Weil der Spiegel rein ist und das Bildnis mild.
Wie ein lautres Glas den Wein, so offenbart
Deine Antlitzschöne schöne Sinnesart.
Wer mit einem Blick dich sah, auf einen Schritt
Mit dir ging, trägt ewig von dir Unruh mit.
Mag das Wild im Felde sich dem Netz entziehn,
Doch zu deinem Netze zieht der Trieb uns hin.
Einen Vogel, der einmal liebt einen Ort,
Mag man töten, und er geht von dort nicht fort.
Eifersüchtig auf dein Weh in meiner Brust,
Hab' ich keinem Arzt den Schmerz zu klagen Lust.
Laß mich dir zum Opfer dienen! stirbt nicht gern
Vor der Sonnenfackel Lämpchen Siebenstern?
Wenn du lächelnd einen Ärmel schüttelst aus,
Halten Papagei und Fliege Zuckerschmaus.
Wenn das süße Püppchen einmal trutzig sitzt,
Wollen Anspruchsvolle lauter Süßes itzt.
Deinen Garten zu beschaun ist Saadis Wahl,
Niedre Hunde drängen sich zum Raubemahl.

*

Das sehnsuchtsvolle Herz ging durch des Gartens Pracht,
Vom Blumenwürzeduft ward's außer sich gebracht.
Die Nachtigall rief dort, die Rose winkte hier,
Da fielest du mir ein, und sie entfielen mir.
Dein Bild im Herzen und dein Siegel auf dem Mund,
Dein Rausch im Haupt, dein Duft geheim im Seelengrund.
Seit deinen Bund ich schloß, brach ich die andren Bünde,
Denn jedes Band nach dir zu lösen ist nicht Sünde.
Seit deiner Liebe Dorn ergriffen meinen Saum,
Wird mich zum Rosenbeet die Lust verlocken kaum.
Wohl fühlt ein Herz, wenn solch ein Weh es niederwarf,
Daß es nach Arzenei die Hand nicht strecken darf.
Wenn dich zu suchen Müh uns kostet, ist's kein Schade;
Die Lust zum Heiligtum macht glatt der Wüste Pfade.
Und wer auf einen Freund mit Brauenbogen blickt,
Der muß ein Schild sein, das vor keinem Pfeil erschrickt.
Und kommt ins wunde Herz vom Köcher jeder Pfeil,
Sei dies mein Teil, daß ich der Opfer bin ein Teil.
Sie sagen: Saadi, sag nicht solche Liebesklagen.
Ich sage sie und lang nach mir wird man sie sagen.

*

Dem Schlaftrunknen leuchtet nie das Leben ein,
Was ist rechtes Leben? Trunkenheit vom Wein.
Meine nicht, daß ich von solchem Wein dir sprach,
Der die Schenken baut und den Verstand reißt ein.
Trunken sollst du sein vom Liebesseelenwein,
Was dir den Verstand benimmt, ist Weh allein.
Willst du Hofdienst, weigre den Gehorsam nicht,
Willst du Läuferstelle, stell den Lauf nicht ein.
Der du fortschläfst und der Trupp bricht auf, du wirst
Dein Herberg, furcht ich, sehn im Traum allein.
Eh du Pflichtsaat streutest, wirst du Lebensfrucht
Nicht einernten, arbeit' und der Schatz ist dein.
Tief in Finsternissen ist des Lebens Quell,
Perl in Meeresgründen, Schatz in Wüstenein.
Wer den Ring beständig an die Platte schlägt,
Ließe man nicht eines Tages ihn doch wohl ein?
Gehn am Tage muß man, um dem Ziel zu nahn
Und bei Nacht ruhn bis herankommt Sonnenschein.
Saadi, wenn du ohne Dienst den Lohn verlangst,
Durstig liegt der Reisende beim Wasserschein.

*

Die ganze Nacht nicht schliefen wir,
Wohl, Mittagsschläfer, bekomm es dir!
Die Durstigen starben in der Wüst'
Und das Wasser von Hilla nach Kufa fließt.
Du stark von Bogen, von Treue schwach,
So hieltest du Wort dem Freunde ach?
Gleich Dörnern, wo ich nicht bei dir bin,
Ist mir das Lager von Hermelin.
Du angeschaut von verliebter Schar
Wie von Andächtigen der Hochaltar!
Ich gab in der Liebe Zucht meinen Schopf
Und ging in die Schule mit greisem Kopf.
Gift ist, kredenzt von der zarten Hand,
Mir in der Kehle wie Zuckerkand.
Den Tollen im Gäßchen der Schönen tut
Nicht weh Torwächterübermut.
Nichts kann ums Leben Saadi bringen,
Als wenn ihm seine Freund' entgingen.

*

Durch ihn will ich mich der Welt freun,
Weil sich freut die Welt durch Ihn,
Alle Schöpfung will ich lieben,
Weil sie steht und fällt durch Ihn.
Mache dir zu Nutz, o Freund,
Den jesusgleichen Morgenhauch,
Daß er totes Herz belebe,
Denn er ist geschwellt durch Ihn.
Nicht den Himmeln ist gegeben,
Nicht den Engeln verliehn,
Was der Adamskinder dunkle Herzenstief',
Erhellt durch Ihn.
Gift will ich mit Süße trinken,
Weil der Schenke reizend ist,
Schmerz will ich mit Willen tragen,
Weil er Heil erhält durch ihn.
Wenn nicht meine blutge Wunde besser wird,
Ist's besser so,
Heil der Wund', in die zu jeder Stunde
Balsam fallt durch Ihn.
Weh und Wohlsein, für den Weisen
Hat es keinen Unterschied.
Auf sein Wohlsein, Schenke!
Weil mein Wohlsein mir gefällt durch Ihn.
Fürstentum und Bettlertum
Ist beides einerlei für uns,
Weil Anbetung jeden Rücken krümmt
Vor diesem Zelt durch Ihn.
Saadi, wenn das Haus des Lebens
Der Vernichtung Strom zerbricht,
Halt das Herz fest, denn der Bau
Der Dauer ist festgestellt durch Ihn.

*

Nun Rosengeruch und Vogelgesang,
Tage der Lust und Flurengang.
Herbst Kämmerer hatte die Blätter gestreut,
Lenz Maler hat nun den Garten erneut.
Wir haben nicht Lust in den Garten zu gehn,
Frühling ist überall, wo wir dich sehn.
Nach Schönen zu blicken, verpönt ist es traun,
Doch nicht mit solchem Blick wie wir schaun.
Der Schöpfung Geheimnis, so klar ist das
In deinem Antlitz wie Wasser und Glas.
Um dich mit dem rechten Auge zu sehn,
Möcht' ich des linken verlustig gehn.
Welch Herz kein Gepräge vom Siegelstein
Der Lieb annimmt, ist ein Ziegelstein.
Mich hat verbrannt mit Haut und Schopf
Das Feuer unter der Sehnsucht Topf.
Das Klagen Saadis ohne Maß,
Sie sagen, wider Vernunft ist das.
Der weiß es nicht in welcher Flut
Wir stecken, der draußen am Ufer ruht.

*

Komm, an Friede, Freundlichkeit
Und Freundschaft ist die Reihe nun,
Auf Beding, daß wir mit Schweigen
Das Vergangne lassen ruhn.
Nicht auf Liebe mehr zu kreisen,
War mein Vorsatz fest und stät,
Dich erblickt ich und der Einsicht
Falkenauge war vernäht.
Mich den Herzbetrübten tadeln
Mag ein solcher, der nicht sieht,
Welchen Umfang hat die Liebe
Und die Schönheit welch' Gebiet.
Was kann meine Gier erjagen,
Gibst den Weg zu dir du nicht?
Schwach ist des Bestrebens Auge,
Welchem fehlt der Leitung Licht.
Süßer ist des teuren Lebens
Untergang von deiner Hand
Tausendmal, als aufzusuchen
Andern Schutzes Unterpfand.
Ob ich niemals mich vergangen?
Wenn du scharf danach willst sehn:
Daß ich ging von deinem Antlitz,
Übrig g'nug ist das Vergehn.
Gegen deinen Sinn zu handeln,
Kann mir kommen nicht in Sinn;
Wie könnt' ich den Herrn verklagen,
Dessen Landeskind ich bin?
Nicht in einem Körperumriß
Sieht man soviel Geisteslicht,
Und in einem Koranabschnitt
Soviel Wunderverse nicht.
Ihrem Ende naht die Rede
Und das Leben seinem Ziel,
Doch der Schildrung deiner Schönheit
Fehlt an beiden Enden viel.
Saadis Buch der Trennungsklagen
War zu keinem Ohr gebracht,
Wo nicht einen Schmerzenseindruck
Seiner Worte Kraft gemacht.

*

Kein Reich auf Erden ist dem Reich der Bettier gleich,
Kein Reichtum ist als wie Zufriedenheit so reich.
Wenn irgendeinem Mann hier mag ein Rang zukommen,
Der ist's, der keinen Rang bei andern eingenommen.
Viel Eigenschaften sind, entsage du der Haft
Der Eigenschaften, nichts ist bessre Eigenschaft.
Wer ist der Mann der hier zur wahren Kenntnis kam?
Der ist's der auf der Welt von niemand Kenntnis nahm.
Bekleidet wirst du sehn am Auferstehungsmorgen
Wer heute nackend geht und mag ein Kleid nicht borgen.
Ein Gras und ein Gewächs mit einer guten Kraft
Ist besser als ein Mensch, der keinen Nutzen schafft.
Was, Bettler, weißt du denn von dem was gut dir tut?
Freu dich, wenn du nichts hast, gewiß es tut dir gut.
Der ist kein Freund, der sich will übern Freund beklagen,
Nicht eine Blutschuld ist's, wen irgend Lieb erschlagen.
Das ist der Weg der Zucht den, Saadi, du gewiesen,
Du findest, wen du hörst, nicht bessern Rat als diesen.

*

Süßer ist kein Lebenslauf als Liebesnot,
Morgenrot Verliebter hat kein Abendrot.
Die Musik schweigt, aber die Verzückung blieb:
Einen Anfang, doch kein Ende hat die Lieb.
Einen unter Tausenden ergreift der Laut,
Denn nicht jeder ist dem Liebesgruß vertraut.
Jedem Wunsch der Wünscher ist ein Ziel gesteckt,
Doch das Wunschziel Wissender ist unentdeckt.
Nur Bekannte finden sich zu diesem Schmaus,
Zutritt hat der Pöbel nicht im Fürstenhaus.
Aloe hat Wohlgeruch nur, wenn sie brennt;
Reife wissen, daß der Rohe dies nicht kennt.
Jeder macht sich mit des Liebchens Namen groß,
Aber unser Liebchen nennt sich namenlos.
Frage mich nach Liebesrausch, und sei belehrt:
Was weiß einer, der nicht Hefen hat geleert?
Schlaf zur Unzeit ist's, der dir den Weg versteckt,
Sorg nicht, daß zur Unzeit Morgenruf dich weckt.
Saadi, wenn du Götzen brichst, nicht selbst es sei!
Selbdienst ist nicht minder als Abgötterei.

*

Du weißt es, ruhen kann ich
Nicht ohne dein Gesicht,

Die Last der Trennung trag' ich
So viele Tage nicht.

Von mir war' ohne Sehnsucht
Ein Stückchen? welch ein Märchen!

So unnütz ist an meinem
Leibe kein einzig Härchen.

Nach jenem Körnchen tat ich
Nur einen Blick, nicht mehr;

Ich sah's und fand aus dem Netze
Den Weg zurück nicht mehr.

Nachts will mich oft bedünken,
Nie woll' es werden Tag
Und seh' ich dich morgens, wünsch ich,
Daß Abend nie werden mag.

Zög' all die Stadt mit Hader
Und Streiten gegen mich aus,
Was frag' ich nach der Gemeinheit
In der Erwählung Haus?

Ich kam nicht aus Heuchelei, um
Zu gehn aus Verdruß davon,
Ich habe die Pflicht zu dienen
Auch sonder Ehr und Lohn.

Bei dir von Kopf zu Fuß
Schwör' ich: mit dir im Bund
Wird mir des Feindes Feindschaft,
Des Schmähers Schmäh'n nicht kund.

Ich liebe dich, ob Huld du
Mir oder Unhuld tust.
Bei deinen Augen, im Auge
Hab' ich nicht meine Lust.

Du wärst ein mißgeschaff'nes
Geschöpf, o Saadi, wenn du
Sagtest: ein Herze hab' ich,
Und kein Herzlieb dazu.

*

Ein Herz verliebt und entsagend,
Das mag ein Stein wohl sein,
Von Liebe zur Entsagung
Ist mancher Meilenstein.

O ihr Brüder der Wallfahrt
Redet mir nur nicht ein,
Denn frommes Werk auf Liebsweg
Ist das Glas und der Stein.

Wein und Musik will ich nicht mehr
Verheimlichen im Gemach,
Denn im Liebesglauben
Ist guter Nam' eine Schmach.

Auf welche Zucht soll ich hören,
Auf welchen Ersprieß soll ich sehn?
Mein Auge steht auf die Schenke,
Mein Ohr aufs Lautengetön.

Zum Angedenken von Einem
Ergriff ich beim Gewand
Den Ostwind, was ergab sich?
Wind hab' ich in der Hand.

Meinem im Zorn Gegang'nen,
Wer bringt ihm von mir den Bescheid?
Komm, weggeworfen hab' ich
Den Schild, wenn du kommst zum Streit.

Töte mich, wie dir's im Sinn ist,
Denn ohne deine Schau
Ist für mein Dasein enge
Die weite Weltenau.

Durch Tadel aus Saadis Herzen
Wird Liebe nicht weggetaut.
Wer wäscht vom Mohr die Schwärzen?
Sie sind in seiner Haut.

Lieb ist mir daß dein Mondgesicht Gebrauch vom Schleier mache,
Damit man wie die Sonne nicht es seh' auf jedem Dache.
Wer darf die Fremden schelten? wenn du selber deine Schöne
Erblickst im Spiegel, räumt dein Herz die Brust mit Lustgestöhne.
Zum Lachen ist es, wenn vor dir süß reden will ein Schlucker,
Dein Lebenswasser, wo du lachst, entspringt aus deinem Zucker.
Dem Morgenseufzer darf ich nicht den freien Gang erlauben,
Er möchte deinem Morgenhauch etwa die Reinheit rauben.
Ein Putz ist nimmermehr im Stand dich reizender zu putzen
Und keine Kräuslerin vermag dich schöner aufzustutzen.
Oft sagt' ich: zeige dies Gesicht doch nicht an jeder Stelle,
Damit es nicht ein Auge sieht das nicht ist geistig helle.
Hinwieder sag' ich: Bild und Sinn, die in dir aufgegangen,
Vermag nur der zu schauen, wer die Kunst zu sehn empfangen.
Ich lasse jedem Feind zu mir den Weg um deinetwillen,
Damit einmal ein Freund auch kommt und sagt von dir im Stillen.
So schwer nicht fallen würd' es mir, wenn ich das Haupt verlöre,
O Zarteste, als daß man ein Haar auf dem Haupt verstöre.
Nicht das ist Saadis Kummer, daß er sitz' im Staub der Wege,
Nur daß er sich als Hindernis dir in den Weg nicht lege.

*

Nicht nur auf Erden ist nicht deinesgleichen,
Der Mond am Himmel muß an Glanz dir weichen.
Ich gebe nicht dem Wüchse der Zypressen
Mein Herz, sie können sich mit dir nicht messen.
Beim Brauenbogen! niemand in der Stadt
Ist der nicht deinen Pfeil im Herzen hat.
Hinfort wird niemand Menschenherzen fangen,
Denn keines blieb das deinem Strick entgangen.
Wenn auch du setzen magst auf meinen Platz,
Für dich ist auf der Welt mir kein Ersatz.
Gewiß, in solchen Busen seidenweich
Gehört nicht solch ein Herz dem Stahle gleich.
Die ganze Welt bewegt zum Liebespiel
Der Name Saadis, der dir selbst entfiel.

*

Wen einmal Liebe fing in ihren Stricken,
Der muß in ihre Launen auch sich schicken.
Wer nie verliebt sich hat, der ward kein Mann,
Das Silber wird nur rein, wenn es zerrann.
Kein Braver kann der Liebe Gasse nah'n,
Setzt er nicht Irdisches und Ew'ges dran.
In dein Gedenken muß ich mich versenken,
So daß ich nicht vermag an mich zu denken.
Der Liebe sagt' ich Dank und sag ihr Dank noch heut:
Sie hat mein Herz verbrannt, doch meine Seel' erfreut.
Gepriesen sei'st du süße Rednerzunge,
Von der ist all dies bittre Leid im Schwünge.
O Saadi, angenehmer als dein Wort
Gibt's für Verständ'ge keinen Lebenshort.

*

Brich ab und räume vom Gepäck das Zelt,
Denn in Bewegung ist der Zug der Welt.
Weib, Kind und Freund' und Leut' und Anverwandte
Sind Karawanenbrüder, Wegbekannte.
Laß nicht dein Herz an der Gesellschaft hangen,
Die weiter geht, wenn du bist weggegangen.
Staub sind von Anbeginn die Menschenglieder
Und recht beseh'n am Ende sind sie's wieder
Ist's besser nicht, daß anfangs man ans Ende
Denk, und sich übern eig'nen Wert nicht blende?
So viel verschlang die Erd' und and're leben
Die hochmutvoll das Haupt zum Himmel heben.
An einem Grab rief einer aus die Klage:
Sind dies die Erdenfürsten vor'ger Tage?
Ich sprach: Brich weg ein Brett vom Haupt der Schläfer
Und sieh ob es sind Fürsten oder Schäfer.
Er sprach: Es braucht das Brett nicht weggebrochen
Zu sein; ich weiß, sie sind ein Handvoll Knochen.
Der Rat ist bitt're Arzenei; sie wollen
Wie Juleb soll er durch die Gurgel rollen
Nun, solcher Art Purganz versetzt mit Zucker
Beut Saadis Apotheke jedem Schlucker.

*

Reiche, die ein Paradieshaus haben für den Armen,
Sollten auch zu jeder Stunde seiner sich erbarmen.
Doch du bist ein Schönheitreicher, Armer, unbedürftig,
Fragst nicht, ob sie sind verwundet, siechtumunterwürfig.
Was bekümmert dich, ob Kummer einen mag verzehren,
Da, je mehr du tötest, deine Freunde stets sich mehren?
Bin ich um der Krankheit willen von dir ein Verbannter?
Ist ein treuer Freund doch besser als ein Anverwandter.
Deren Mut veracht' ich, die auf's Spiel ihr Haupt und Hemde
Setzen und dem Freund zu Liebe sind sich selber Fremde.
Eine süße Lippe gibt natürlich bitt're Reden,
Wer der Schönheit Waffen führet, braucht sie zum Befehden.
Hast du keinen resoluten Liebenden gesehen,
Der gesenkten Haupts das Schwert sich über's Haupt läßt gehen?
Saadi, nicht wie ich und du, voll Gierd' und kurz von Arme,
Sondern aller Welt entsagend ist der wahre Arme.

*

Die Nachtigall ist trunken,
Und Knospen trägt das Reis,
Die Welt ist jung geworden
Und Freunde sitzen im Kreis.
Der Liebling unsrer Gesellschaft
Hat immer Herzen geraubt,
Doch heut tut ers besonders,
Da er geschmückt sein Haupt.

Wer erst aus Buße die Laute
Im Ramadan zerbrach,
Hat nun Rosen gerochen
Und Buße gebrochen danach.

Zerstampft vom Fußtritt der Lust ist
Der Rosenteppich ganz,
Weil Geistlicher und Laie
Soviel gesprungen im Tanz.

Den Wert der geselligen Stunde
Kennen zwei Freund' allein,
Die lang geschieden waren
Und neu sind im Verein.

Nun geht aus unserm Kloster
Kein Nüchterner hinaus
Dem Vogt zu sagen, daß trunken
Die Sofis sind beim Schmaus.

Wird mir die Welt zu Feinden,
Wenn nur der Freund mich hält,
So frag' ich nicht nach ihnen,
Ob sie sind auf der Welt.

In Mitten unsres Hauses
Da steht ein Rosenbaum,
Vor dessen Wuchs ist niedrig
Die Zypress' im Gartenraum.

Einer sprach zur Zypresse:
Bringst du mir Früchte zu Stand?
Sie gab zur Antwort: Freie
Kommen mit leerer Hand.

Auf dem Weg des Verstandes
Gehen, o Saadi, viel,
Weil sie den Weg nicht wissen
Zu der Torheit Asyl.

*

Soviel ist die Welt nicht wert, um sich darum zu neiden
Oder um ihr Sein und Nichtsein töricht Gram zu leiden.
Denen, die da gar nicht sehn nach diesen Erdenschollen,
Ist wohl einzuräumen, daß sie sind die einsichtsvollen.
Was ein Weiser sieht, daß es will fallen übern Haufen,
War es auch die ganze Welt, er wird für nichts es kaufen.
Dieses ist ein Haus, das brechen muß in Schutt und Grause,
Glücklich wer sich umgetan nach einem andren Hause.
Hörtest du von einem, dem die Welt blieb treu zum Ziele?
Vor den Augen steht die Wahrheit, aber blind sind viele.
Daß du nicht dich brüsten mögest und dich stolz gebärden!
Deiner Art hat Gott in seiner Habe viele Herden.
Du jetzt auf dem Schoß der Erde, dir nicht fiel zum Lose
Alle Zeit; manch andre harren schon im Mutterschoße.
Alle Tage trägt ein Schaf weg dieser Wolf voll Luge,
Doch nach ihm begierig blicken immer Schaf unkluge.
Der aus Hochmut seinen Schritt nicht ließ zum Boden gleiten,
Ist nun Staub am Boden, über den die andren Schreiten.
Möchten sie den Wert der Augenblicke nur erkennen,
Um die wen'gen zu benutzen, die vom Grab sie trennen.
Rosen ohne Dornen sind dem Garten nicht gegeben,
Dieser Welt dornlose Rosen sind, die schuldlos leben.
Saadi, guter Name wird die Welt ins Grab nicht legen;
Tot ist jener, dessen Name man nicht nennt mit Segen.
Treib nicht Mutwill, Holder, denn du stehst vor Einsichtsvollen,
Rechts und links Fremd' und Bekannte, die dich sehen wollen.
Keiner ist, der nicht mit einem Blick dich möcht' erspähn,
Und ich auch geh damit um, womit sie all umgehen.
Augen haben jene Leute, die mit Lust einsaugen
Deiner Wangen Licht, die andern haben keine Augen.
Manche haben Sorg' um drüben, manche Sorg' um hüben,
Doch nach dir ist eitel jede Sorge, die wir üben.
Schenk, den Krug vom Keller, gib dem Derwisch, daß er klüger
Werd' im Leben, denn die Toten werden Ton für Krüger.
Wer nicht deinen Blick genossen, was hat der genossen?
Ich bedaure die dahingehn sorglos und verdrossen.
Nun, wohin wirst du dich neigen, Lust zu wem bezeigen?
Ringsum steht ein Haufen mit erwartungsvollem Schweigen.
Die bei deinem Anblick jetzt nicht tanzen vor Entzücken,
Reißen, wenn du weggegangen, einst ihr Kleid in Stücken.
Saadi, wegen Unbill kann man nicht der Lieb entsagen,
Laß vorm Tor uns sitzen, wenn sie aus dem Haus uns jagen.
Meine Sterne gaben mirs zu, es vor dir zu klagen,
In der Ferne bet' ich für dich, doch wer wird dirs sagen?

*

Die Rosenzweige haben
Den Schmuck nun angelegt,
Und haben die Nachtigallen
Zum Singen aufgeregt.

Bring das Zelt in den Garten,
Wo vom Kämmerer Wind
Ausgebreitet am Boden
Die seidnen Teppiche sind.

Die ungenierten Schenken,
Sie laufen her und hin,
Den Gästen, die sie tränken,
Nehmen sie Herz und Sinn.

Ich schluckte nur eine Neige
Und meine Besinnung zerrann;
Was haben sie für Taumel
Wohl in den Wein getan?

Ich ward von einem Trünke
So außer mich geruckt;
Wie haben nur die andern
So viel Becher geschluckt?

Auf Brennende fiel das Feuer
Und sie verbrannten noch mehr,
Die frostigen Naturen
Blieben kalt wie vorher.

Was ist das Leben? sterben
In des Geliebten Schoß,
Nur gestorbene Herzen
Hat dieser lebende Troß.

Solang' die Welt gestanden,
Ward mißhandelt im Zorn
Der Kämmerer der Rose
Vom Waffenträger Dorn.

Für Erschlagene sehen
Die Leute Verliebte nur an;
Laß dir von Saadi sagen:
Sie haben ihr Heil empfahn.

*

Die Tür der Klause schlossen
Wir hinter dem Freunde zu,
Wir kamen zurück von allen
Und bei uns bist nur du.

Außer dem Bande des Freundes
Brach ich ab jedes Band,
Außer dem Pfand des Geliebten
Werf ich weg jedes Pfand.

Ein solcher Handel ist ferne
Von der Nüchternen Sinn,
Sie schelten mich natürlich,
Daß ich betrunken bin.

Kein Eigen, daß mit Herzweh
Nicht aufzugeben sei;
Ich gab mich einem Hulde
Zu eigen und ward frei.

Ein Diener deiner Gnade,
Wo ich auch immer bin,
Ein Herold deiner Herrschaft,
Wo ich auch komme hin.

Geehrt in aller Augen
Bin ich von deinen verschmäht,
Vor dir bin ich erniedrigt,
Vor aller Welt erhöht.

O du Abgott der Herzen,
Zeige dich schleierlos,
Daß wir dich schaun und werden
Der Selbstvergött'rung los.

Wir gaben acht auf das Auge,
Daß nicht entwischt das Herz,
aber bei aller Schlauheit
Fingest du uns mit Scherz.

Bis du Erlaubnis wirst geben:
Streu' es zu Füßen mir!
Trag' ich das teure Leben
Auf offnen Händen hier.

Das ist Freundschaft, o Saadi,
Daß der Treue Verband
So bis zuletzt aushalte,
Wie er zuerst bestand.

*

All' andres kannst du entbehren,
Nur nicht entbehren den Freund,
Will alle Welt dir es wehren,
Laß dir nicht wehren den Freund.

Zu Dienstbarkeit und zu Knechtschaft
Wenn er dich brauchet allein,
So nimm von ihm es mit Dank an,
Die Huld von ihm ist nicht klein.

Wer statt des Freundes dir gäbe
Die Welt mit jeglichem Schatz,
Gib deinen Willen dazu nicht,
Der Freund hat keinen Ersatz.

Die Welt und alles darinnen,
Dazu der Lust Paradies
Ist solches Gut nicht, um welches
Den Freund ein Bettler ließ.

Nicht, wenn in Huld er dich annimmt,
Mußt du ihm danken allein,
Du mußt auch wenn dein Verderben
Es war' ihm dankbar sein.

Ich selber, der ich das Auge
Dem Blick des Freundes erschloß,
Ich darf vor ihm es nicht schließen,
Und wenn es traf ein Geschoß.

Und wenn vielleicht, wie man denket,
Der Lieb' ein Herz sich erwehrt,
Erwehrts doch nicht sich des Freundes,
Wohin es immer sich kehrt.

Du magst auf jeglicher Weise
Des Feinds Gefangnen befrein,
Doch kann von dir nicht befreiet
Des Feinds Gefangener sein.

Wer käme mir in die Seele,
Von allen, die auf der Welt,
Da ich noch habe vom Freund nicht
Geräumt der Seele Gezelt?

Du hast nicht einen dir gleichen;
Doch hättest du ihn gleich,
So setz' ich selber doch keinen
An deiner Statt dir gleich.

Erwirb die Gnade des Freundes
Und üb', o Saadi, Geduld,
Nicht Freundschaft ist es zu klagen
Ob deines Freund's Unhuld.

*

Ich sprach: vielleicht daß im Schlummer
Das Bild ich schaue des Freundes!
Und sieh, zum Segen des Morgens
Wird mir die Schaue des Freundes.
Nur nach dem Monde des Festes
Blickt alle Welt; mir im Herzen
Das Fest allein ist
die mondgleichgezogene Braue des Freundes.
Nicht ferner will ich mich kehren
Zur hochgewachsnen Zypresse
Vom Ebenmaße des Wuchses
Im schlanken Baue des Freundes.
Drum bin ich außer mir selber,
Weil kein wahrhafter Verliebter
Des eignen Hauses zu denken
Vermag, im Gaue des Freundes..
Schimmer, schweife du fürder
Nicht um die Augen des Saadi,
Im Aug' ist Platz nicht für Schlummer
Zugleich und Schaue des Freundes.

*

Willst du mein Leben? nimm es hin,
Wiewohl ich gefaßt auf Verschmähung bin.
Bei deinem Leben! ein Haar, das fällt
Von deinem Haupte, geb ich nicht um die Welt.
Wiewohl du Liebe für keinen hast,
Hat jeder für dich von Lieb' eine Last.
Was du im Kopf hast, arger Gesell,
Legt manchen Kopf noch auf deine Schwell.
Dich sollte mein Mühn errennen? Nein.
Kein Wind holt deine Zügel ein.
Denken soll ich an dich einmal?
Dich vergessen hab' ich keinmal.
Kurzsichtige dürfen, ich schäme mich dessen,
Dich vergleichen mit Gartenzypressen.
Bei solchen Brauen, o Feensprosse,
Was bedarfst du zur Jagd Geschosse?
Saadis Schmächtigkeit hat die Sitte
Wohl angenommen von deiner Mitte.
Tat' er sich nicht durch Rede kund,
Wer wüßte zu sagen von deinem Mund?
Süßer nichts ist als meine Kunde,
Außer der Seim in deinem Munde.

*

Wer jeden Morgen gehet einem nach,
Der ist in Sorgen alle Nächte wach.
Such nicht in Torheit diesen Jungen auf,
Der solche Toren aufsucht hundertfach.
Vertraulichkeit und Freundschaft übet er,
Wo Gold im Sack und Vorrat ist im Fach.
Er spricht: Wenns einer in der Welt jetzt ist,
Bist du mein Ruhebett und Wohngemach.
Und dann sagt er zu einem andern drauf:
Die Welt ist ohne dich mein Kerker ach!
Wie eine Hummel fliegt er durch die Welt,
Wie eine Flieg' ist er auf Zucker jach.
Er ist leer wie die Schelle, voller Klang,
Ein schlechtes Haus, auf dem ein schönes Dach.
Er schilt auf dich bei mir: ein Tier ist er,
Und schimpft bei dir auf mich: er ist ein Drach'.
Wo immer du solch einen sehen magst,
Denk, es ist keiner, und sieh ihm nicht nach.

*

Was man hört von dir sagen,
Ist Liebenswürdigkeit,
Was man dir sieht in den Augen,
Ist holde Schelmischheit.

Ich habe gesehn die Zypressen
Und sie betrachtet im Hain,
Kein Wuchs ist wert wie deiner
Gepflanzt ins Herz zu sein.

Gleich kommt nicht deinem Wohllaut
Der Nachtigallen Laut;
Wer sagt, daß Zucker so zierlich
Ein Papagei gekaut?

Du nicht hast an mich Armen,
Noch die Rose, die lacht,
Hat je ans Herzbedrängnis
Der Nachtigall gedacht.

Einsam ist nicht, wer sitzet
In Gedanken dir geweiht;
Damit du nicht fragest: wie kannst du
Ertragen die Einsamkeit!

Du hast gesagt: sie alle
Sind Lug und Trug und Begier.
Ich bin das nicht; ich bin, was
Ich sein soll, sag' es mir.

*

Wenn tausend Schweres über mich
Ergeht, es ist mir leicht,
Weil tausendmal viel weiter noch
Die Kraft der Liebe reicht.

Tust du mir Schmach, es ist nicht Schmach,
Es ist mir Schmeichelei;
Gibst du mir Schmerz, es ist nicht Schmerz,
Für mich ists Arzenei.

Dem Fuße wird der Weg nicht lang,
Der nach dem Freunde geht;
Der Liebeswüste Dornenpfad
Ist ihm ein Rosenbeet.

Nicht Wangenflut, ja soll das Blut
Vergossen sein, so sprich
Ich steh' nicht hier zu Widerstand,
Dir zu Befehl steh' ich.

Es wundern die Vernünftigen
Sich über meinen Sinn,
Die eigne Seele will nicht, daß
Ich dein von Herzen bin.

Von deinem Schöße fiel ich weit;
Was Wunder wenn ich dann,
Der Trennung Brandmal auf der Brust,
Nicht Ruhe finden kann.

Mich wundert jene Locke nur
Bewegt wie Ambraflut,
Die dir im Schöße ruhen kann,
Warum sie doch nicht ruht!

Wie mancher, der die Grenzen nicht
Des Geistigen ermißt,
Den Unterschied, der zwischen Tier
Und einem Menschen ist.

Meint, daß im Schönheitsgartenraum
Hier Saadis Blick mit Lust
Nur nach des Kinnes Apfel späht
Und der Granatenbrust.

Darüber schweig ich besser ganz,
Denn einen, der nicht klug,
Entschuldigt bei Verständigen
Sein Unverstand genug.

Ich wasche mich nicht selber weiß
Und brenne mich nicht rein,
Denn alles was man sagen mag
Vom Menschen, kann wohl sein.

*

Dir gleich gewachsen mag die Zeder sein,
Doch Herzen schmücken kann dein Wuchs allein.
Wenn in Gesellschaft selbst die Sonne käme,
Ich zweifl' ob sie's mit dir an Glanz aufnähme.
Und wenn die Zeiten ihren Lauf von vorn anfingen,
Sie würden ein dir gleiches Kind zur Welt nicht bringen.
Wer führt im Heer des Sultans einen Bogen
So schön wie deine Brau gezogen?
Nie sei, doch sollt' im Islam Plündrung sein,
Ganz Shiraz plündre du allein!
Nicht seinetwillen soll man dich erflehen,
Wir wollen nur, dein Wille soll geschehen.
Zwei Welten räum' ich aus der engen Brust,
Auf einmal, daß du habest Raum nach Lust.
Heut laß mich bar erheben mein Schulden,
Was soll ich auf dein Morgen mich gedulden.
Süß ist Begierde, die im Haupte gährt,
Doch die Begierde nur die dich begehrt.
Weil Saadi seinen Kopf verlieren muß,
So ist es doch am besten dir zu Fuß.

*

Aus der Welt der Gotteseinung kommt ein solcher selten,
Der mit einem Atem sich erhebt ob beiden Welten.
Schmählich auf dem Weg der Liebe kehrt zur Flucht den Rücken,
Wer von jedem Zuckerrohr sich locken ließ wie Mücken.
Paradiesbewohner sind vorm Schicksal unerschrocken,
Stören läßt sich nur ein Kind durch Karawanenglocken.
Bist du hinten, strebe vor! auf Gottes Pfad erstrebet
Ein Verspäteter den Vorsprung, wenn er sich erhebet.
Kannst du wie ein Fels der Flut des Gießbachs widerstehen,
Wenn vom Weg wie Distelflocken dich die Wind' aufwehen?
Saadim an den Saum der Gottesleitung festzuhalten
Ist nicht etwas, dessen mag ein schwacher Lüstling walten.

*

Die Bettler von des Sultans Hofgesind,
Des liebsten Staatsgefangene wir sind.
Kein eigner Name kommt den Sklaven zu.
Wie dir beliebt Beinamen gib uns du.
Wenn der Geliebte zückt das Schwert, empfangen
Wir's auf die Stirn und wenden nicht die Wangen.
Verliebte streuen für die Liebe Schmaus
Ihr Gold, wir streuen unser Leben aus.
Daß ein Verständiger doch nicht beständig
Uns schmähen möchte! Wir sind unverständig.
Für jede Rose, die mit neuem Schimmer
Die Welt betritt, sind wir die Tausendstimmer.
Die engen Augen der Begierde spähen
Nach Frucht, wir wollen nur den Garten sehen.
Du bist vom Glänze des Gebildes trunken.
Wir in die Kunst des Bildners stumm versunken.
Was wir geredet außer Liebesklang,
Bereuen müssen wir es lebenslang.
Ob er uns annimmt oder treibt uns fort,
Wir kennen keinen Weg zu anderm Ort.
Aufgeben kann man nicht das süße Leben,
Wir können nicht den süßen Freund aufgeben.
O Saadi, ohne seines Angesichts
Verklärung achten wir die Welt für nichts.

*

Nicht anders zu erbeuten hoff ich des Herzens Ruh,
Als daß ich dich seh' von weitem und dann umkehr' im Nu.
Nie fällt mir ein zu haschen ein Körnlein dort nach Wunsch,
Wo über mich die Netze der Locken schlagen zu!
Ich steh in Dienstbereitschaft, und wenn du mich mit Huld
Berufest, naht der Diener mit ausgezognem Schuh.
Du magst mir tausend Leides wie tausend Liebes tun,
Das Herz läßt sich's nicht nehmen zu bleiben, da wo du;
Davon werd' ich nicht weichen, daß wo den Kuß vom Mund.
Zu nehmen nicht erlaubt ist, ich es verboten tu.

*

O frohe Stunde, wo du gleich der Rose zu dem Hain
Wirst kommen, oder Freunden gleich zu meiner Tür herein.
Meiner Freunde Rosenbeet wird an jenem Tag erblühn,
Wo du der Zypresse gleich wandelst in des Gartens Grün.
Meine Kerz, ist noch der Tag nicht, meine Nächte zu verklären?
Meine Seel', ist noch die Zeit nicht zum Leib zurückzukehren?
Ich weiß nicht, wie der Flasche stockt das Wasser mir im Schlünde,
Bis wie der Becher eines Tages du kommst zu meinem Munde.
Selber hab ich soviel Glück nicht um dir beizukommen
Und du selbst hast soviel Huld nicht, mir herbeizukommen.
Saadi ist kein Dämon, den man scheucht mit Zauberhort,
Willst du nicht auf Menschenweise nahn mit gutem Wort?

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