Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hermine Villinger >

Aus meiner Heimat

Hermine Villinger: Aus meiner Heimat - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
booktitleAus meiner Heimat
authorHermine Villinger
yearca. 1910
firstpub1887
publisherF. Fontane & Co.
addressBerlin
titleAus meiner Heimat
pages197
created20150102
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Ein Narr.

Wenn der Zug in die Hallen der lebendigen Universitätsstadt einfuhr, standen sie immer an ihren Posten, der närrische Phibs mit seinen Streichhölzern und Fidibussen und die bucklige Lotte mit ihrem Körbchen Blumen. Der eine erwarb sich seine Käufer durch das Kauderwelsch von Sinn und Unsinn, den er zusammenredete, begleitet von einer Auswahl der lächerlichsten Fratzen und Sprünge; das Mädchen schwieg und ließ sein Gebrechen reden. Die beiden wechselten kaum je ein paar Worte miteinander, aber wo man das eine sah, sah man auch das andere, und merkwürdigerweise erregten sie trotz ihres Unglückes keine eigentlich peinlichen Empfindungen; des Burschen Narrheit hatte einen so harmlos vergnügten Anstrich, während der Blick des Mädchens vollkommene Genügsamkeit ausdrückte. Mancher sah sich wohl noch einmal nach ihr um mit einem: »Schade um das nette Gesicht!«, als ob das Schicksal, welches der jungen Blumenverkäuferin wohl ohne ihre Mißgestaltung geblüht hätte, weniger bedauerlich gewesen wäre. So, wie sie war, ging sie völlig unangefochten ihrer Wege, verdiente sich ihre paar Groschen im Tag und teilte sie mit der Geliebten ihres Vaters, die sich des früh 71 verwaisten Kindes angenommen und nun seiner Stütze sehr bedurfte, da sie das Augenlicht verloren. Lotte trug seit ihrem sechsten Jahre die Blumen zum Verkauf aus und kam, da immer von der Hand in den Mund gelebt werden mußte, nie dazu, irgend einen anderen Erwerb zu ergreifen. In frühester Jugend hatte sie freilich eine unbezwingbare Lust fürs Putzmachen empfunden, und ihre Pflegemutter mußte sie allabendlich von dem Hutladen in der Seitengasse an den Ohren heimholen; allein mit der Zeit überwand sie diese Sehnsucht, und der ihr angeborene Schönheitssinn offenbarte sich dafür in der netten Art, mit der sie ihre Sträußchen band. Gewöhnliche Redensarten waren nie aus ihrem Munde vernommen worden, obgleich sie ihr Leben auf der Gasse zubrachte und jedem übermütigen Studenten oder angeheiterten Arbeiter Rede stehen mußte. Auch pflegte sie einen Kuß oder einen Kniff in die Wange mit einem solchen Gleichmut hinzunehmen, daß dadurch für die Männer aller Reiz verloren ging. Nur in einem Punkt war sie, wenigstens zu früheren Zeiten, einigermaßen aus sich herausgegangen, und das war in ihrem Haß gegen den närrischen Phibs. Nie, nicht einmal als ganz kleines Mädchen hatte sie über sein Gebahren zu lachen vermocht; sprach er sie einmal an, so schaute sie mit dem Ausdruck unverhohlenen Ekels zur Seite, und wollte er nicht ausweichen, so trat sie nach ihm wie nach einer giftigen Kröte. Anders der Bursche; mancher würde sich vielleicht gewundert haben, wäre er einem der Blicke begegnet, mit denen der Narr im Vorbeigehen die Gestalt der Blumenverkäuferin streifte; in der That war denn 72 auch Phibs so gesund bei Sinnen, als irgend ein hochlöbliches Mitglied des Staats- oder Bürgerstandes. Als er noch ganz klein war, sandte ihn die Mutter nach der Schulzeit mit seiner Lade voll Streichhölzer und Fidibusse auf die Gasse, und der einzige Ueberfluß, in dem Philipp – kurzweg Phibs genannt – aufwuchs, waren Ohrfeigen, die ihm ungezählt um die Ohren surrten, so oft er ohne merklichen Absatz seiner Ware die heimatliche Schwelle betrat. Da geschah es, daß er eines Abends aus Verzweiflung über seine schlechten Geschäfte in eine Art von Galgenhumor verfiel, so daß er, Fratzen schneidend, mit lauter Stimme zu singen anhub und sich also vor jeden Vorübergehenden hinpflanzte. Das lächerliche Mischmasch von Verzweiflung, Dreistigkeit und demütiger Bitte, das seine Miene ausdrückte, machte die Leute lachen, so daß sie wohl oder übel zugriffen und ihm was abnahmen. Phibs dachte über diesen Fall nach, machte weitere Versuche, und nachdem er's einmal herausbekommen, daß das Lachen die Leute freigebiger stimmte, ging er systematisch ans Werk, sich zum Narren auszubilden; eine wirklich komische Ader und eine außerordentliche Gelenkigkeit der Gesichtsmuskeln erleichterte ihm sein Vorhaben. In einigen Jahren schon nannte ihn kein Mensch mehr anders als den närrischen Phibs, und sein Geschäft, das ihm als bescheiden bittender Junge nur wenig eingebracht, nahm plötzlich einen vollen Aufschwung. Es gab aber auch keinen lustigeren, frecheren und tolleren Narren als diesen Phibs, und was wenig Schauspieler von sich sagen können – Phibs war täglich neu; ein gewisser Ehrgeiz spornte ihn an, die Lacher 73 stets von neuem zu reizen, und so wurde mit den Jahren seine Gestalt immer abenteuerlicher, sein Gesicht affenartiger, und sein loser Mund kannte keine Scheu mehr im Vorbringen der tollsten Ungereimtheiten. Am buntesten trieben's die Studenten mit ihm; wo sie ihn fanden, packten sie ihn auf, narrten und hetzten ihn und machten ihn schließlich betrunken, bis er mit den ebenfalls betrunkenen Korpshunden auf einen Haufen sank und sich nicht mehr rührte. Daß auf diese Weise Phibs' Seele nicht eben in Respekt für die menschliche Gesellschaft aufging, war selbstverständlich. Indes dafür, daß man ihn wie ein vernunftloses Wesen behandelte, hielt er sich an dem Bewußtsein schadlos, die sich so klug dünkenden Lacher nach Lust belügen, betrügen und an der Nase herumführen zu können. Lotte war und blieb die einzige, die ihm mit beharrlichem Mißfallen begegnete. So sehr ihn dies ärgerte, und obgleich er beim Anblick der ärmlichen, aber mit einer gewissen Zierlichkeit gekleideten Erscheinung immer in eine schwermütige Stimmung verfiel, er konnte es nicht lassen, sie zu jeder Tageszeit aufzusuchen. Es war noch nicht die Spur einer Erhöhung an der kindlich zarten Gestalt zu bemerken, welche mit einer kleinen, kaum bemerklichen Handbewegung und einem bittenden Aufschlag ihrer dunkeln Augen die Blumen den Vorübergehenden bot. Und die Einfalt des Mädchens rief in Phibs Empfindungen der Sehnsucht nach seinem eigenen ungeschminkten, vernunftbegabten Selbst wach. Es gab Augenblicke, da fragte er sich allen Ernstes: »Wie komme ich wieder aus meiner närrischen Haut heraus?« – Allein wie er sich's auch 74 überlegte, der Weg war ihm versperrt; denn er hatte während seines Gassenlebens nichts gelernt, womit er sich und die Seinen, die immer anspruchsvoller wurden, hätte durchbringen können. Also blieb er seinem einträglichen Geschäft der Narrheit getreu und machte darin solche Fortschritte, daß es ihm, wenn Lotte nicht gewesen wäre, wohl selber zum Traum hätte werden können, daß er im Grund ein vernünftiger Mensch war.

Eines Abends, sie standen beide an der Bahn in Erwartung des kommenden Zuges, gewahrte Phibs plötzlich, wie ein wohlgekleideter Mensch mit rohem Gesichtsausdruck dem eben aufblühenden, geradgewachsenen Mädchen ein paar Worte zuflüsterte und winkte, ihm zu folgen. Lotte rührte sich nicht von der Stelle; als jedoch der Fremde sie beim Handgelenk erfaßte, schrie sie leise auf, und eine dunkle Röte färbte ihr Angesicht. Phibs stand plötzlich an des Herrn Seite; er hätte ihn umbringen können vor namenloser Wut, allein er machte seine tollsten Affensprünge, krähte wie ein Hahn und grinzte und schwatzte auf den Fremden so lange ein, bis dieser ihn voll Zorn auf die Seite stieß und davonrannte.

In jener Nacht lag Phibs mit dem Oberkörper zu dem schmalen Fenster seiner Kammer hinaus und starrte in die Finsternis. Ein grauenhaftes Gefühl stumpfer Verzweiflung hatte sich seiner bemächtigt, er schaute plötzlich mit offenen Augen in das abgrundtiefe Elend, das ihn umgähnte. In der Stube schnarchte seine Mutter, welche sich dem Trunke ergeben, seit mehr Geld ins Haus kam; die Schwestern hatten sich die 75 menschenverachtende Philosophie des Bruders zu eigen gemacht und führten ein arbeitsloses Freudeleben. Jetzt erst merkte Phibs, daß die kleine Lotte der einzige helle Punkt in der trostlosen Oede seines Lebens war. – »Und ich bin ein Narr,« stöhnte er zur sternenlosen Himmelsdecke empor, »und sie verabscheut mich – und wenn sie verloren ginge« – schrie er auf und weinte wie ein Kind.

Indes Meister Phibs hatte nicht umsonst seine Phantasie in jahrelange Thätigkeit gesetzt, als daß sie ihn in seiner Ratlosigkeit auf die Länge im Stich gelassen hätte. Eines Morgens kam er mit seinem alten, treuherzig schlauen Gesicht zum Bahnhof, näherte sich dem jungen Mädchen und legte ihr einen Brief auf das Blumenkörbchen; er machte dabei ein Zeichen mit dem Daumen nach rückwärts, zog die Schultern bis an die Ohren und hinkte davon, ohne Lottens Frage abzuwarten. Sie war nicht rasch von Entschluß und ließ den Brief eine ganze Weile unerbrochen in ihrem Körbchen liegen; allein in den Stunden langweiligen Wartens, die sie sich oft durch das Lesen alter Zeitungen verkürzte, griff sie endlich auch nach dem Brief. Er trug ihre deutliche Adresse, und es war ihr sehr merkwürdig, zum erstenmal in ihrem Leben einen Brief zu erhalten. Noch merkwürdiger war ihr der Inhalt, den sie sich nicht ohne Mühe aneignete:

»Liebe Lotte!

So war ein Gott im Himmel lebt, Du hast einen so ehrlichen Liebhaber, als ein Menschenherz in einer 76 Brust schlägt! Wohl hält er sich fern! aber es hat seine Bewandtnis! Noch hat ihn ein verwünschtes Geschick am Faden der Erbärmlichkeit, auf daß er nicht im stande, ein Dir erfreuliches Heimwesen zu gründen. Aber Lotte, ich lege die Hand auf mein männliches Herz und schwöre: ich schaffe und harre, bis ich Dein verdienet durch meine treue Liebe. Aber auch ich schwöre, daß, wenn ich erfahre, daß, wenn mein Dich allzeit und immerfort beobachtendes Auge Dinge gewahr wird, als einer Liebschaft ähnlich, so findet man eine Leiche im Neckar, und merke Dir wohl, es ist meine eigene! Wo aber kann über eines Menschen Haupt Glück fallen, wo er sich sagen muß: ich habe einen Atem gelöscht, dem meine Name alles war! Sei ehrsam! Denn was nicht ehrsam ist, sinkt in den Schlamm, wo der Abschaum der Menschheit wie ein Kehrichthaufen der Stunde wartet, in die Hölle gefegt zu werden! O, Lotte, lasse Dich nicht kaufen wie Deine Blumen; denn ihr Los ist der Kehricht! Wo aber eine einen Makel hat, danach greift keines Menschen Hand und darum höre meinen Rat: Mache Dir einen Höcker, liebe Lotte, es bleibt Dir nur ein Höcker mit der sicheren Aussicht eines treuen Mannes, oder kein Höcker und lebenslängliche Schmach! Denn die Männer sind arg! Und wo ein Mädchen mit glattem Gesicht schutzlos am Wege steht, fragen sie nicht lange. Wähle! und denke an meine Leiche im Neckar – denke daran, o liebe Lotte!

Im guten Fall aber

Dein getreuer Zukünftiger.«

77 Und Lotte bedachte sich Tage und Wochen; ihr angeborener Schönheitssinn sträubte sich nicht wenig gegen die Mißgestaltung, die sie sich anthun sollte; andererseits verfehlte die Sprache des unbekannten Freiers nicht, Eindruck auf ihr Gemüt zu machen. Dazu kam noch, daß die Pflegemutter, weit davon entfernt, das Mädchen zu den eigenen Wegen, die sie gegangen war, aufzufordern, ihr im Gegenteil von früh auf predigte: »Heirat', Lotte, denn im Alter braucht man eine Heimat.« Also fühlte sich das Mädchen mit der Zukunft, die ihr der Unbekannte bot, durchaus einverstanden, nur wollte sie dieselbe ohne Höcker erwarten.

Indes, wie recht der Schreiber mit seinem Vorschlag hatte, sollte sie im Verlauf der Zeit mehr und mehr einsehen lernen. Je anmutiger sie sich entwickelte, desto zudringlicher gebärdeten sich ihre Käufer, und dem von Natur mehr leidenden als handelnden Geschöpf blieb oft nichts anderes übrig, als den Narren zu Hilfe zu rufen, der dann auch immer gar schnell bei der Hand war, die kecken Gesellen durch sein Gebaren von ihr abzuziehen.

Im Innersten Abenteuern dieser Art abhold, wurde sie der ewigen Hetzereien endlich müde; einige Briefe des Unbekannten trugen noch das Ihrige dazu bei, kurz, sie entschloß sich eines Tages und erhöhte unter heißen Thränen ihre linke Schulter. Die Belohnung blieb nicht aus; ein hübsches Silberringchen lag in dem Brief, den ihr der Narr tags darauf zusteckte, freilich enthielt das Schreiben den unangenehmen Nachsatz: »Mut, liebe Lotte, aber noch mehr, noch mehr!« – Sie kam durch Erfahrung selber zu der Einsicht, daß mit dem Wenigen 78 nicht geholfen war, und so wuchs der kleine Höcker langsam heran, bis eines Tages der Nachsatz – noch mehr, noch mehr – in den Briefen des Liebhabers unterblieb. Und nun war sie gefeit und lernte die Männer, die ihr in der Zeit ihrer körperlichen Makellosigkeit beinahe hassenswert erschienen waren, als rücksichtsvoll und gütig kennen. Phibs' Briefe aber, die nicht aufhörten, ihr die Zukunft in den glänzendsten Farben zu malen, gaben ihr die nötige Kraft zum Tragen ihrer Last. Der gute Phibs selber lebte inzwischen armseliger als der Aermsten einer, mit der Emsigkeit einer Ameise an dem Gebäude seiner Zukunft bauend. Die Mutter wurde der Pflege einer braven Nachbarin übergeben, wo weder Geld noch geistige Getränke zur Hand waren, dafür aber die nötige Ueberwachung. Phibs legte bei einem auswärtigen Bankier sein sauer verdientes Geld an, das einige glückliche Spekulationen bald um das Doppelte vermehrten. Immer weniger brauchte er zu heucheln, wenn er den lustigen Narren spielte, denn indem sich seine Verhältnisse klärten und besserten, war's ihm geradezu eine Notwendigkeit, seine Hoffnungsfreuden und Sehnsuchtsschmerzen in tollen Verrücktheiten zu äußern. Mit Lotte stand er noch gleich fremd, wie zur Kinderzeit; er überbrachte ihr die Briefe und Geschenke des Liebhabers und hatte auf ihre beständigen Fragen nach diesem immer dasselbe dreiste Kopfschütteln und Achselzucken. Der zerlumpte Mensch mit dem unordentlichen Haar und Bart war ihr insofern kein Greuel mehr, als sie sich eines gewissen Dankgefühls gegen ihn nicht erwehren konnte, auch war 79 ihr das Erscheinen des hinkenden Boten um ihres Liebhabers willen stets erwünscht. Sie zählte jetzt vierundzwanzig Jahre, und in der ganzen Zeit war ihr noch nie ein Zweifel an die Existenz oder Ehrlichkeit ihres eifrigen Briefschreibers gekommen; denn nicht nur mit schönen, erbauenden Worten, auch als Retter in der Not hatte er ihr beigestanden, als die Pflegemutter schwer erkrankte und an keinen Verdienst mehr zu denken war. Ebenso sorgte er eines Tages für das Begräbnis der alten Frau, und Lotte vermochte ihren Erwerb wieder aufzunehmen. Ihre Gedanken waren jetzt immer mit dem Herausputzen ihres Stübchens beschäftigt, und sie konnte kaum den Abend erwarten, wo es ihr vergönnt war, ohne Höcker in dem ihrem Inneren entsprechenden Raum auf und ab zu wandeln, oder über ihrem Holzkistchen zu träumen, in welchem sich, außer dem mit großer Sorgfalt gehaltenen Kamme, die Briefe ihres Liebhabers befanden. Und Phibs' Blicke verweilten immer länger auf dem stillfrohen Gesicht des Mädchens, so daß er oft auf Minuten vergaß, was eigentlich seines Amtes war.

»Du,« sagte einmal bei einer solchen Gelegenheit ein Student zu seinem Begleiter, »hast du eben gesehen, was der Narr ein Paar Augen auf die Lotte geworfen – Donnerwetter, wenn sich zwischen den beiden – das wär' ja köstlich – da müßte man aufpassen . . .«

»Ach was,« unterbrach ihn der andere, »wozu sich um Menschen kümmern, die nicht in Betracht kommen!«

Lotte aber erhielt eines Tages ein größeres Packet mit einem Brief folgenden Inhaltes: 80

»Liebe Lotte!

Wir sind am Ziel! Ich habe eine Schenke gemietet überm Neckar ziemlich weit von hier. Das helle Kleid und die seidene Mantilla sollst Du zu unserem ersten Zusammentreffen anziehen, wobei Du den Höcker in den Ofen schmeißen magst. Ein langes, glückliches Leben, auf Händen getragen, soll ihn Dir lohnen. Wir wollen es festlich begehen und uns heute abends am Schloß, wo Musik ist und Beleuchtung mit Raketenfeuer, treffen, dort an dem kleinen Platz mit der Bank bei der großen Eiche, in die so viel Herzen sich schnitten. Geh hin, wenn es dunkelt, auf daß Dich niemand kennt, und sei zum letztenmal brieflich umarmt

von Deinem getreuen Liebhaber.«

Lotte folgte der Weisung des Schreibers aufs Wort; als sie an dem bewußten Platz ankam, schien der Mond fast tageshell. Nun blieb sie in ihrem hellgeblümten Kleid mitten auf dem Platz stehen und wartete, denn es war ihr, als dürfte keine Falte den bräutlichen Staat verunzieren. Ihre Wangen brannten, und als eben die Musik oben auf dem Schloß begann, trat Phibs auf dem schmalen Weg, und zugleich mit den raschen Schritten hörte Lotte das tiefe Atmen des Mannes. Ohne einen Blick auf ihn zu werfen, fing das Mädchen sofort an zu schluchzen.

»Du mußt jetzt nicht weinen; Lotte, sondern mich anschauen, ob du mich auch lieb haben kannst,« sprach er mit einer Stimme, die sie schon hundertmal gehört zu haben glaubte.

81 Schüchtern hob sie den Blick und schaute den Sprecher an, der sie um einen halben Kopf überragte und ein angenehmes Gesicht hatte mit nur etwas eigentümlich zuckenden Augenlidern. Er konnte, da sie ihn mit so unverkennbarem Wohlgefallen und doch auch wieder, wie sich besinnend, anschaute, der Versuchung nicht widerstehen und eine seiner Fratzen huschte über seine Züge.

»Phibs!« schrie Lotte auf und fuhr, wie von der Tarantel gestochen, ein Stück von ihm zurück. – »Ja, Phibs,« sagte er, »der ebensowenig ein Narr ist, als du einen Höcker hattest. Komm', setze dich zu mir, ich will dir's erzählen, wie ich zu dem traurigen Handwerk gekommen bin, und dann wirst du merken, daß ich einen gar hellen Kopf hab' und ebenso treuen Herzens bin.«

Hinter ihnen spielte die Musik, von Zeit zu Zeit leuchtete es grün oder rot durch das dunkle Geäst, und für einen Augenblick schaute dann die alte Schloßruine wie ein Traumbild auf die beiden Menschen hernieder. Lotte hing wie gefangen an des Erzählers Lippen; was er sprach, war so vernünftig und schön, wie die Briefe, die er geschrieben; seine Stimme, sonst so rauher Töne fähig, klang sanft, seine Augen hatten einen wehmütig feuchten Glanz; nur zuweilen zuckten die Linien in seinem Gesicht verräterisch auf und halbe Grimassen huschten darüber hin. Als er seine Erzählung schloß mit den Worten: »Und jetzt, Lotte, bin ich Dir noch ein Abscheu – Lotte?« da legte sie die Arme um seinen Hals und drückte das Gesicht gegen seine Brust: »Gott sei Dank, daß du kein Fremder bist, ich habe so 82 gezittert.« – »O Herrgott im Himmel,« schluchzte Phibs auf, sie fest an sich pressend, und so verblieben sie eine ganze Weile, bis plötzlich sein leicht bewegliches Gemüt von den Tönen einer lustigen Walzerweise erfaßt wurde: »Komm tanzen,« jauchzte er auf, »wir sind ja gesund, wir sind ja heile, ganze Menschen, Lotte!« Und er umfaßte sie und schwenkte sie herum, küßte ihr selig leuchtendes Gesicht und schwenkte sie wieder – und so erlebten sie miteinander jenen höchsten Rausch irdischer Glückseligkeit, wie er sogar solchen, »die in Betracht kommen,« nur selten zu teil wird. 83

 


 

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.