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Aus meiner Heimat

Hermine Villinger: Aus meiner Heimat - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
booktitleAus meiner Heimat
authorHermine Villinger
yearca. 1910
firstpub1887
publisherF. Fontane & Co.
addressBerlin
titleAus meiner Heimat
pages197
created20150102
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Er cha 's Lebe nit lide.

Friedli, ein baumlanger Kerl, fuhr unmutig mit der Mistgabel zwischen den Beinen der Kühe herum – unter der Stallthüre im grellsten Sonnenlicht stand nämlich seine Mutter, ebenso kurz als er lang war, und in demselben Grad aufgeweckt und behende, als er sich langsam und schwerfällig zeigte – und redete seit einer Viertelstunde folgendermaßen auf ihn ein: »Los, Friedli, i wit der in Guetem ebbis sage, 's isch der Zit, daß de endli 's Mul ufthuesch, denn bigott, i cha viel usholte, aber immer e so e Cherli um mi ha mit eme G'sicht, als wär' em der Peterli verhogelt, sell han i satt. Und so frog i di, was hesch, was chränkt di, wer het der ebber d' Freudigkeit und d' Lebensluscht us em Herze g'stohle, daß de der Chopf hängsch as wie ne chranks Vögeli? I gang nit von der Düre, as bis i im klore bin, un du weisch, wan i ebbis will, dann will is, un domit baschta, heißt mi G'sprüchle. Leg d' Gabel weg un lueg mer ins G'sicht – jo Jessis au, was bisch denn so rot as im Buremeister si Suntig-Fazenetli – Friedli, Friedli, isch ebber e Meidli im Spiel – he Bu – Esel, einfältige Cherli – 60 sappermentische Dickkopf, wan i di denn doch bim rächte Name nenne soll, des isch jo mi heiße Wunsch, un sider, daß de ein un zwanzig bisch, thu i nient als ufpaße, ob de nit endli emol nach de Meidli luegsch – will i denn ebbis anderschs, als e Wib ins Hus, das di glücklich macht un mir d' Arbet abnimmt, wan i müed bin un der Obet chummt! Und do stoht er un seit kei Wörtli un ißt nient un suft nient, u frogt mer e ebbis, so luegt er dri, as wie ne spanische Fliege! Bisch denn nit e riiche Buer, der riichst bigott vom Ort, der numme d' Händ' usz'strecke brucht, um an jedem Finger zeh' Meidli z'ha? Wievielmol han i scho zu unserm Herget bet: numme eimol loß' en g'scheit si un isch er g'hirot, derno chan er wieder so chrüzdumm si, als er Luscht hat. – Chumm us em Duschtere, Friedli, un sag mer d' Wohrheit –«

Friedli hatte die Mistgabel in der That weggestellt, und nun trat er auch vor, aber nur um sich an der Mutter vorbeizudrängen ins Freie. Seine Absicht wurde jedoch erraten, und ehe er sich's versah, that die kleine Frau einen Sprung und hing ihm am Hals. Er rüttelte und schüttelte, fluchte und schimpfte, stürmte in den Hof, von da in den Garten, Beet auf, Beet ab, die Bäuerin hing fest. Da verließ ihn der Atem, und sich verschnaufend, fragte er im Ton unterdrückter Wut: »Was witt?«

»Wisse will i, was de hesch oder i blieb hange, bis z' Obet –«

Sich besinnend, schaute er über der Mutter Kopf weg, ins Blaue; endlich kam's über die zornig aufgeworfenen Lippen:

61 »I cha 's Lebe nit lide –«

Die Mutter ließ ihn los; die Hände in die Seiten gestemmt, mit schiefer Haube und verschobenem Halstuch schaute sie empor in des Sohnes Gesicht:

»Du kannst 's Lebe nit lide, un die Sun scheint der liebli uf's Haupt, un du stohst uf dim eigini Grund und Bode, di Nochber ehrt di, di Muetter sorgt für di Wohl, du hesch d' Gsundheit un e sufres G'sicht un bisch e Suntigskind! Friedli, i chenn di, sider uf der Welt bisch, hesch mit keim Lieb g'sagt, was mer het wisse wolle, un so bisch noch hüt, i kann di nimme schloge, 's kommt mi suer an, aber rus krieg i 's, dafor han i mi Verstand – daß der einzig Mensch im Ort, der 's Lebe nit lide cha, mi Sohn soll sy, dergege wehr' i mi wie ne wildi Küh – und iez isch Zit zum Esse –«

Sie trippelte über den Hof in die getäfelte Stube, wo Knechte und Mägde um den Tisch saßen, die Schüssel voll Milchknödel in ihrer Mitte. Die Frau nahm eine Gabel und begann ihre Mahlzeit, ohne sich zu setzen.

»I iß numme e Hämpfeli, i ha kei Sinn für nient, 's goht mit mer z' unterst und z' öberst – denke an, er cha 's Lebe nit lide, un sagt nit, worüm! Was han i verbroche, um Gottiswille, daß i e Kind habe mueß, so grusig dumm, als der Friedli, der, wie 's lieb Vieh, nit seit, wo 's ihm fehlt! Ratemer, ihr Lütt, i bitt' denk' wohl der Buremeischter, daß er mit em red', 's isch jo si Pfleger, dem er sunst alliwil Red' un Antwort stoht – 's frogt sie numme, wie bring i ne hin, den Sappermoschts-Dickkopf –«

62 Sie fischte sich einen Kloß aus der Schüssel, und eine ganze Weile hörte man nichts in der Stube, als das Ticktack der großen Schwarzwälderuhr, während sich die alten und jungen Gesichter der Knechte und Mägde in ernste Besinnfalten legten.

»Lose, Frau,« meinte endlich der Aelteste von den Knechten, »Ihr kriegt en Euer Lebtig nit ins Buremeischters, wan 'er nit dergliche thue, als gäb 's dürt ebbis z' thü' oder z' lüpfe – i mein' halt, ebbis z' helfe, des numme e Chraft usricht, denn uf 's Helfe isch der Friedli us, as wie ne Chätzli uf d' Milch, und so dick, as sie Chopf isch, so weih isch si Herz –«

»Jo, jo,« hieß es im Chor, »er isch e gar e guet's G'müt – und au nit so dumm grad – numme e bitzeli schüüch – jo – jo –«

»Das wisse natürli ihr besser, als d' eigini Muetter,« fuhr die Frau auf, »wo isch denn do e bitzeli Verstand, wann eins mit sine zwo u zwanzig Johre no niene nach de Meidli g'luegt het –«

»Sell,« brummte der alte Knecht, »sell isch ebbis, was mer niene so rächt wisse cha – Gott g'segne 's –« und damit hob er die Tafel auf.

Die Frau ließ ihm aber nicht das letzte Wort:

»Des weiß mer, daß ihr Mannslütt alliwil z'sameholte – wann Er aber rächt hat, un der Friedli isch numme so verkehrt, wil er e Meidli im Chopf het, so soll Er, mi Seel', e Fäßli vom nige Wi ha, sell sag i –«

Der Knecht, welcher eben die Stube verlassen wollte, wandte sich noch einmal um:

»Hm,« brummte er, »Ihr chönne jo sage, der 63 Buremeischter het e Schlägli g'habt un 's wär' niemes do, der schwer' Ma ins Bett z' lüpfe – do goht er, i wett –«

Inzwischen saß der Friedli im Stall; er war allerdings langsam von Begriff und ungewandt im Ausdruck, aber das hatte ganz allein die rasch denkende und handelnde Mutter auf dem Gewissen, die sich nie die Zeit genommen, den anders gearteten Sohn kennen zu lernen, und ihn so lang dumm schalt, bis er's selber glaubte. Diese Gewißheit nun, die er bisher ruhig hingenommen, machte ihm plötzlich zu schaffen, als er die Mutter eines Tages zur Nachbarin sagen hörte: »Wan er numme halb so viel Grütz im Chopf het, as im Buremeischter si Bäbi, sell isch bigott 's g'scheit'st Meidli im Ort –«

Schon als kleiner Bube war ihm nie wohler gewesen, als mit der Bäbi zusammen; sie lachte wohl auch über ihn, aber so ganz anders wie die Mutter, wie's ihn weder ärgern noch demütigen konnte. Des Bürgermeisters Acker grenzte an die Felder seiner Mutter, und so waren die jungen Leute, Seite an Seite arbeitend, miteinander aufgewachsen, hatten sich im Schatten der Apfelbäume ausgeruht, ihr Mittagessen zusammen verzehrt, und war der Friedli hüben fertig, so half er drüben. Und jetzt hatten ihn die Worte der Mutter aus seinem stillen Glück aufgerüttelt – er, der den Ruf der Dummheit besaß, durfte es sich nicht einfallen lassen, nach dem gescheitesten Mädchen des Ortes zu schauen. Von der Mutter mußte er sich das Auslachen gefallen lassen, aber von der Frau –

»Dofür bidank i mi – lieber goh i z' Grund« – 64 lautete der Schluß seiner täglichen Betrachtungen; er war gerade wieder so weit, als ihn die Mutter mit der Nachricht überraschte: »Friedli, chumm schnell, der Buremeister het e Schlägli g'habt und 's isch niemes do, der schwer Ma vum Stüehl z' lupfe –«

Der Bursche fuhr in die Höhe, und ehe sich's die Mutter versah, war er zur Thüre draußen, ihr aus den Augen –

»Sappermoschts-Kerl,« jammerte die Frau, »des wird ebbis Schöns gebe, um Gottiswille –« und damit rannte sie, was ihre kurzen Beine vermochten, hinter ihm drein.

Es war ein heißer Sommernachmittag; der Bürgermeister saß in seinem fliegendurchsummten Lädchen und schnarchte nach Herzenslust; vor ihm, auf dem Ladentisch, lag ein schwarzer Kater, eng zusammengerollt, sich nur manchmal mit einem Zucken der Ohren gegen das aufdringliche Mückenvolk wehrend. Das Gesicht des dicken Mannes war hoch gerötet, denn ein breiter Sonnenstrahl lag brütend drüber, und so besann sich der eintretende Friedli nicht lang und riß den Mann aus seinem Schlaf, indem er ihn vorsichtig und mit Aufbietung all seiner Kräfte vom Stuhl aufnahm. Das Erstaunen raubte dem Schlaftrunkenen vollständig die Sprache, und als eben Friedli mit ihm durch den Laden wankte, stürzte seine Mutter zur Thüre herein, aus der Nebenstube rannte die Bäbi, und beide Frauen, mit ihnen der Bürgermeister, brachen alsbald in ein lautes Durcheinander von Schreien und Rufen aus, was aber den Friedli nicht irre machte, denn er hatte weiter 65 keinen Gedanken, als den Mann in seinem Bett unterzubringen.

»Jo, bin i denn bi Verstand oder bin i nit bi Verstand,« platzte der Bürgermeister los, »bim heiligi Chrütz, worüm bringt mi der Cherli ins Bett as wie ne Bütschelpöppli,« und er fuhr mit einem Ruck aus dem großkarierten Federbett. Friedli, dem die hellen Schweißtropfen von der Stirne rannen, warf einen kurzen, entsetzten Blick auf seine Mutter, sich dabei rückwärts der Thüre nähernd, allein die behende Frau kam ihm zuvor, indem sie hinter ihm abschloß und den Schlüssel zu sich steckte.

»Du sollst mer nit verwütsche, wani di endli doha!«

»Aber Götti,« unterbrach sie das Mädchen halb lachend, halb ärgerlich, »was häner eigentli, daß Ihr so us em Hüsli sin?«

»Jo, bigott,« schrie der Bürgermeister, »so ebbis Verruckts han i jo mi Lebtig nit erlebt –«

»Do stoht er,« sagte die kleine Frau, »und wienern sehe in siner förchtige Verlegeheit mit'me Chopf als wiene Hannistrube, isch niemes schüldig als er. Denke an, der Bu sagt mer hüt uf mi müetterliche Frog: was hesch in Gottsnamme, daß de nimmi ißisch und ummi gohsch als wie ne bechümmerte Geist – was meinener, was er sagt: ›I cha 's Lebe nit lide.‹ – Un wil i mit allem Rede si verkrackte Dickkopf nit z'racht setze kunn, han i denkt: Du gohsch zuem Buremeischter; wan'em eis Indruck macht, so isch der! Mit gueti Wurte hät' i de Bu aber mi Lebtig nit her brocht un so han i in Gottsname ebbis z'same g'loge und g'sagt, 66 Ihr hätte e bitzeli e Schlägli g'habt, und sie chönnet Euch nit vom Stuehl lüpfe.«

Der Bürgermeister schlug sich auf die Beine und fing nun nachträglich an zu lachen, daß ihm die Thränen über die Wangen liefen.

»Trogt mi bi Gott der Cherli es wie ne Bütschelpöppli in d' Stube, a Ma von min G'wicht – Götti, Götti, Ihr hän uns do ebbis Schöns inbruckt, Ihr meisterg'schäftigs Wib, Ihr!«

»Buremeister,« unterbrach sie ihn, »mi losse us em Spiel – do stoht der Sünder, der unserm Herget sin schönstis G'schenk nit lide mog, mache, daß mer bald der Grund erfohre.«

Der Bürgermeister wiegte den Kopf und schaute den Burschen an, der mit gesenktem Haupt vor ihm stand. Auch die Bäbi am Fenster musterte mit blitzenden Augen den verlegenen Burschen, und so oft ihr das Lachen kommen wollte, legte sie eine ihrer braunen Flechten quer über den Mund.

»Friedli,« begann der Bürgermeister, »du hesch's doch guet –«

»Jo, i ha's guet,« gab der Bursche zu.

»I sollt's meine,« rief die Frau, »bigot –«

»Götti, losse mir's Wort,« unterbrach sie der Bürgermeister, »Ihr mache mir der Friedli numme schüüch – was druckt di – red 's von der Laber weg – hesch ebber a Liebi?«

»I denk' nit ans Hirote,« platzte der Bursche heraus.

67 »Du dumme Cherli, du dumme,« fuhr ihm die Mutter ins Wort, »sell isch's jo grod – e riiche Bursch as du eine bisch un –«

»Götti,« unterbrach sie der Bürgermeister, »was han i g'sagt – chönnemer denn 's Mul nit halte? –«

»I cha allis,« erklärte sie und nahm wieder auf ihrem Stuhl Platz.

»Worüm, Friedli,« fragte der Bürgermeister, »denksch nit an 's Hirote?«

»Villeicht grod – will i riich bin –« kam's zaghaft über des Burschen Lippen.

»Thut der oebber d' Wahl weh?«

»Sell nit – aber i will nit g'hirot si wegen mim Geld –«

»Jo, aber Friedli, du bisch doch e sufre Bu, der sich sehe lasse cha, meinsch des merket d' Meidli nit –«

»I, mein Herr Buremeischter, 's isch 's Bescht, Ihr lasse mi goh –«

»Was han i g'sagt,« schrie seine Mutter, »isch's nit e vertrackte Dickkopf – gibt's no uf der Welt e zweit's –«

Da stand plötzlich die Bäbi neben ihr! »Götti, daß der Friedli e wengili verdrießli isch, sell ist kei Wunder, denn er het g'handlet as e guete Mensch un si ganzi Chraft ing'setzt, daß em iez no 's Wasser von der Stirn tröpflet un zum Lohn sieht er si verrote –«

»Des kommt von siner Dummtheit.«

»Des isch nit dumm, Götti, des isch guet! scho wie 68 ner no e kleis Bübli g'si isch, han i mi mengmol binah z' Tod chränkt, daß Ihr ne alliwil dumm g'heiße hänt, un 's isch bi mi miner Seel' nit wohr! nit wohr isch's, sag i, un i kenn' en, un im ganze Ort isch's numme d' eigini Muetter, die so ebbis von em b'haupt – jo, Götti, rise numme d' Auge uf as wie ne Schüredor, 's isch guet, daß Ihr au emol d' Wohrheit höre, i ha se bigott lang g'nüg verschlucke müesse! Un iez gebe der Schlüssel 'rus, denn bi uns cha jeder komme un gehe, as wie 'ner Luscht hat.«

Damit öffnete sie die Thüre und schritt hinaus; der Bursche folgte ihr.

»Bäbi«, sagte er draußen im Garten, »das isch brav g'si –«

»Was isch do brav,« unterbrach sie ihn, »'s isch numme natürli de guete Mensche – 's Wort z' rede –«

»Weisch,« stotterte er, »i ha des Lebe nit lide könne, wil i denkt hab', du bisch – du bisch –«

»Jo, i weiß,« nickte sie, »'s isch mer jo schier gar selber a bitzeli verd'leid't g'si, sider nimme komme bisch –«

Als Friedlis Mutter den Kopf zum Fenster hinaus streckte, um nach ihrem Sohn zu sehen, sah sie gerade, wie sich die beiden jungen Menschen in die Arme fielen.

»Jessis Marei,« schrie die Frau auf und sank auf den nächsten Stuhl nieder, »do schaue, Buremeischter, was es do gibt!«

»Bim Bluest,« lachte der Mann und schnellte sich mit dem Daumen eine Thräne vom Nasenrücken, »des 69 isch jo beinah, als ob do e Liebi im Spiel wär' – wan Ihr nüt dorgege hänt, Götti? –«

»Nei, nei,« keuchte die Alte, »unser Herget g'segen's, unserm Herget si Lob un Dank – was aber mi Söhnere agoht, do dünkt mer's fascht – wissener, was mer do dünkt, Buremeischter – als ob i künftig 's Mul e wengeli holte müeßt –« 70

 


 

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