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Aus meiner Heimat

Hermine Villinger: Aus meiner Heimat - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
booktitleAus meiner Heimat
authorHermine Villinger
yearca. 1910
firstpub1887
publisherF. Fontane & Co.
addressBerlin
titleAus meiner Heimat
pages197
created20150102
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Ein Weihnachtswunsch.

Im Hause des reichen Holzwart merkte man nichts vom heiligen Abend; die Bäuerin war gestorben, und jeder hatte nach dem Leichenbegängnis, müde von dem, was der Tag gebracht, seine Schlafstätte aufgesucht. Nur der Bauer konnte es nicht in seiner Stube aushalten und irrte durchs Haus, überall mit dem Licht hinleuchtend, als vermute er Diebe im Versteck. Die kranke Frau, die zehn Jahre bettlägerig gewesen, war ihm eine rechte Last geworden, und der Tag ihres Todes war nicht nur eine Erlösung für sie gewesen. Nun aber sollte er's erfahren, daß keiner umsonst vierzig Jahre mit einem Wesen unter dem gleichen Dache lebt. Vor der Stubenthüre der Seligen stand er still und lauschte, lang und anstrengend, als sehne er sich nach dem Gestöhne, dem er sonst so eilig aus dem Weg gegangen war. Ein fremder Zug am alten Holzwart, an dem alles hart war, Knochen und Herz.

Er legte die Hand auf den Drücker und trat in die Stube seiner Frau; das Licht ließ er draußen; es war aber nicht ganz dunkel in dem Raum, der Mond schien zu den beiden Fenstern herein, er streifte mit 42 seinem Silberglanze die dunkle Gestalt, welche am Tisch saß, auf einem Stuhl ohne Lehne, mit vornübergebeugtem Haupte. Es war die Magd, welche vierzig Jahre im Hause diente und die Frau bis zu ihrem Tode gepflegt hatte.

»Rike«, sprach Holzwart, und der Ton seiner sonst so harten Stimme klang beinahe sanft.

»Ja, Frau,« fuhr die Magd auf, erhob sich und rannte noch halb im Schlafe zum Bette hin.

»Sie ist ja fort, einfältig's Frauenzimmer,« sprach der Mann. »Als du heut' auf dem Kirchhofe so zusammengefallen aussahst, dacht' ich, 's ist Zeit, daß die Rike auch einmal zu ihrer Nachtruh' kommt.«

»Gott im Himmel, Bauer,« meinte die Alte, »warum seid Ihr denn so sonderbar, fehlt Euch was?«

»Ins Bett sollst dich legen, dumme Person, du weißt, daß ich das Gefrage nicht leiden kann.«

»Der Bauer könnt' mich vielleicht heut' noch da sitzen lassen,« sagte Rike, »'s thut mir so wohl, wenn ich denk', die Frau sei noch im Bett, und gleich läutet's auch Zwölfe, zur Christmette.«

Holzwart nickte: »'s ist wahr, 's ist heiliger Abend – das ist einem ganz entfallen – hör', wünsch' dir was, Rike,« setzte er plötzlich hinzu, »du sollst es haben!«

Sie that einen leisen Schrei; der Mond beleuchtete in diesem Augenblick ihren silbernen Scheitel, ihr eingefallenes Gesicht, das nur noch ein Auge besaß. »Um Christiwillen, Bauer,« stammelte sie, »Ihr seid mein' Seel' krank, ich geh' und koch' Euch schnell einen Thee.«

43 Da fluchte er aber so laut und kräftig auf sie hinein, daß sie von ihrem Vorhaben abstand und geduldig wartete, bis er sich erleichtert hatte.

»So,« atmete er auf, »und wenn ich einmal etwas gesagt hab', so geschieht's, das weißt – und drum in des Teufels Namen jetzt gleich auf der Stell' – wünsch' dir was!«

»Jo, jo,« ereiferte sich Rike, »wartet nur, Bauer – ich muß mich doch erst besinnen – 's muß doch was sein, was mich auch wirklich freut – nicht daß ich da in der Angst am End' eine Dummheit sag' – aber ich hab's – hab's schon – seid so gut, Bauer, und gebt mir die Stricknadeln von unserer Frau, mit denen sie bis zuletzt gestrickt hat.«

Einen Augenblick war's still, dann winkte der Bauer mit der Hand ein Ja, tappte sich zur Thüre und ging hinaus. Die Nacht war wundervoll, ein Stern glänzte am andern, so weit das Auge reichte, eine weiße glitzernde Schneedecke. Der Bauer starrte darüber hin.

»Die Stricknadeln von der Frau – für« – er schüttelte zornig den Kopf, als habe er nicht Lust, diesen Gedanken auszuspinnen; das Läuten der Kirchenglocken in der feierlichen Stille machte ihn auffahren. Es wurde lebendig im Hause, aus allen Gassen tauchten dunkle Gestalten auf, der Schnee knisterte unter ihren Fußtritten, Kinderstimmen ertönten, und alles folgte in freudiger Erregung dem Rufe der mitternächtigen Glocken.

»Ich nicht,« brummte der Alte und schüttelte die knochige Rechte gegen die kleine Dorfkirche, »grad genug, daß er mir heut' nachmittags was vorgered't am Grab 44 der Seligen – Menschenliebe soll man üben – ja wohl, Menschenliebe – jeder denkt zuerst an sich, und so ist's in der ganzen Welt, und darum die Händel. Gelt, das hat dich gefreut, daß du mich einmal fest hattest, hochwürdiger Herr – meinst, ich hab's nicht gemerkt, daß das mit dem Schluß auf mich gemünzt war? – Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden – ich halt's für genug an der Ehr', die ich unserm Herrgott schenk', und thu' ein übriges an Almosen, vom Frieden aber mit den Menschen will ich nichts wissen; daß ich nimmer zur Kirch' geh', daran ist nicht unser Herrgott, daran sind nur die Kirchenbänk' schuld, in denen Leut' sitzen, wie der Lump der mich an die Freischärler verraten – Kerls, wie der Ignaz, mit dem ich seit zwanzig Jahren prozessiere, und wie der Heinle, der mir 's Wirtshaus verleidet – und . . .«

Holzwart hörte in diesem Augenblick Stimmen hinter sich, und da er von den Seinen nicht vor dem Hause getroffen und darum befragt werden wollte, drückte er sich die Pelzkappe tiefer ins Gesicht und schritt, die Hände in den Taschen, durch die Gasse aufs Feld hinaus. Da fingen seine Gedanken schon wieder an, ihn zu beunruhigen; merkwürdig, sonst verstand er es, sich mit einem Kopfschütteln alles Unangenehme aus dem Sinne zu schlagen; heute schüttelte und schüttelte er, und es wollte nicht gelingen; er konnte die alte Magd mit ihrer Bitte nicht los werden. Um das eine Auge war sie durch ihn gekommen, als er vor langer Zeit im Jähzorn seinen Buben hatte hauen wollen; schon hatte er 45 die Hand zum wuchtigen Schlag ausgestreckt, als sich Rike, ihren weiten Rock ausbreitend, vor die Ecke stellte, in die sich das Kind geflüchtet hatte.

»Gehst weg!« schrie sie Holzwart an.

»Nein, ich geh' nicht weg,« erklärte Rike, und da hatte sie auch schon einen Stoß, der sie mitten in die Stube beförderte, wo sie mit dem Auge gegen die Tischkante stieß. – »Aber gelt, Bauer,« sagte sie, während ihr das Blut über die Wange floß, »'s war ein Glück, daß ich das Kind vor so einem harten Schlag bewahrt hab'?«

Das alles tauchte jetzt vor ihm auf, während er dahinschritt und sich wehrte und dazwischen hineinfluchte: wie losgelassene Geister umstürmten ihn die Erinnerungen, zwangen sich ihm auf und knechteten seinen Trotz.

»Ja,« sagte die Rike, wenn er sich über die duckmäuserischen Kinder beklagte, in denen keine Kraft war, kein Leben, »ist's ein Wunder, sie sind halt so verschrocken.« – »Ja,« sagte sie wieder, wenn er über das kranke, stöhnende Weib fluchte, »die Schrecken sind ihr halt in die Glieder gefahren.«

»Schrecken, nichts als Schrecken,« schrie der gequälte Mann aus, »hab' ich anders werden können als hart, so wie mir's 'gangen ist – eine Wais', vom Pfleger bestohlen und betrogen – von raubgierigen Verwandten umdrängt, die mich von Haus und Hof haben wollten – war da Menschenliebe irgendwo – hat einer gesprochen: ›Holzwart, ich steh' dir bei‹^ – allein war ich, und hab' mich müssen meiner Haut wehren wie 46 ein Wolf – auf der Kanzel ist die Liebe im Mund' des Pfarrers, ich hab' im Leben keine gefunden.«

»Keine gefunden, Holzwart,« hieß es in seinem Innern, erinnere dich des Tages, als die Rike mit schneeweißem Haar und den Worten dir entgegentrat: ›Ich bin nur froh, Bauer, daß Euch der Schrecken nichts geschadet hat.‹« – Der Mann öffnete die Augen und starrte ins Weite – eine entsetzliche Zeit that sich vor ihm auf; die Freischärler zogen durchs Land; er wußte, er war einigen unter ihnen verhaßt, also dingte er ein paar handfeste Knechte mehr, brachte Frau und Kinder zu einem Verwandten in Sicherheit und kehrte dann schnell nach Haus zurück auf seinen Hof. Aber nur die Rike empfing ihn, die Knechte hatten alle miteinander ihren Posten verlassen. Die Magd beschwor ihn, wieder zurückzukehren, aber er lachte – er war der Mann nicht, Reißaus zu nehmen, und sollte der Teufel selber anmarschiert kommen. Da, eines Tages, stürzte die Rike von einem Ausgange heim.

»Bauer,« schrie sie und die Zähne schlugen ihr zusammen, »sie kommen, sie suchen Euch – mit Sensen und Gewehren – Ihr seid verloren, Bauer – o, um aller Heiligen willen, schlupft unter den Tisch – geht zur Hinterthüre hinaus – in den Stall –«

Im letzten Augenblicke riß sie den großen eichenen Schrank auf, der in der unteren Stube stand, und schob den Mann hinein. Eine Minute später polterten die Freischärler über die Schwelle.

»Wo ist er, der uns Gesindel geschimpft hat?« schrieen sie durcheinander; »heraus mit dem groben Kerl, 47 der daherkommt wie ein Fürst mit seinen Thalerknöpfen am Kittel! Aufgemacht, Mädel, Thüren und Kammern – und haben wir ihn, sollst du ihn vor deinen Augen verenden sehen!«

»Ihr könnt ruhig suchen, der Bauer ist fort,« sagte die Rike, »da sind die Schlüssel.«

»Nur vorangegangen und aufgemacht!« befahl der Anführer der Bande, und sie ging, ohne sich zu besinnen, zuerst auf den Schrank zu, in welchem der Bauer sich befand, und öffnete. Es hingen einige Kleider drin, rechts hinter einem Rocke stand Holzwart; die Männer fuchtelten mit ihren Sensen und Bajonetten unter dem Zeug herum; durch einen wunderbaren Zufall blieb jener Rock, hinter dem der Gesuchte stand, unberührt. Es ging nun weiter von Stube zu Stube, von Kammer zu Kammer, auf den Boden, in den Stall und so fort; endlich nach zwei Stunden zogen die Männer ab, überzeugt, daß ihnen Holzwart doch entkommen war. Als Rike in die untere Stube zurückkehrte, war's mit ihrer Kraft aus, und sie brach, ohne ein Wort zu sagen, in die Kniee.

»Trink einen Schnaps,« riet ihr der Bauer, nahm selber einen und machte sich noch in der Nacht auf die Flucht. Bei seiner Rückkehr fand er die Haare der jungen Magd gebleicht.

»Aus Schrecken – um meinetwillen,« murmelte der Bauer, »und was hast du ihr dafür gegeben, für die wackere That, die dich am Leben erhalten – einen Schnaps! Und dafür, daß du sie um das Licht ihres Auges gebracht bei der Verteidigung deines Kindes – 48 für die zehn Jahre Tag und Nacht am Lager der Kranken, für den tiefen Anteil an jedem Leid, an jeder Freud', die das Haus betraf? – Zwanzig Gulden im Jahr!« Und jetzt, da er sich einmal großmütig zeigen wollte und sie aufforderte, einen Wunsch auszusprechen, was war's, was sie verlangte?« – »Holzwart,« tönte es ihm in die Ohren, »und du sagst, du habest die Liebe nicht gefunden im Leben, und sie lebte über vierzig Jahre mit dir unter einem Dache – die Liebe, die nicht das Ihrige suchet – die alles erträgt, alles glaubt und übersteht –«

»Uff,« sagte er und gab sich einen Ruck, »wer bin ich, was kümmert mich eine Magd – eine Person, die mich nichts angeht.« – Was aber wäre sein Haus gewesen ohne sie – wer außer ihr hätte sich einmal zu singen, zu lachen getraut – wie oft kam er in die Küche und fand sie mit den sonst so scheuen Kindern in fröhlicher Lustigkeit – zu ihr flüchteten sie vor dem heftigen Vater, vor der vergrämten Mutter – und diese wiederum wollte keinen anderen Menschen zur Pflege um sich dulden, als die Rike, und diese war es abermals, der der Bauer rückhaltlos die Schlüssel für Wein und Keller anvertraute – von früh bis spät, man hörte nichts im ganzen Haus als »Rike – Rike – Rike!« und doch kam sie nie anders zu Tisch, als mit dem alten Küchenstuhl ohne Lehne, sich nicht würdig fühlend, einen der guten Stühle in der Stube zu benutzen.

Der alte Holzwart wischte sich den Schweiß von der Stirne. Was war denn geschehen – warum kamen 49 ihm mit einem Male lauter Dinge, die er früher nicht gesehen, nie bedacht? Er wollte nach Hause und wollte auch nicht, das öde Zimmer seines Weibes schreckte ihn, und sich besinnend, stand er mitten auf der Gasse, als eine kleine Gestalt an ihm vorbeihumpelte und plötzlich stehen blieb.

»Um Gotteswillen, Bauer, Ihr geht am End' zur Kirch' . . .«

»Meinetwegen,« drang sich's ihm wider Willen über die Lippen.

»Jesus Maria!« schrie die Rike auf, »o wer hat Euch auf den guten Weg gebracht?«

»Deine Stricknadeln, alte Hex',« brummte er in seinen Bart hinein.

Die kleine Dorfkirche prangte in vollem Glanz, und den Eintretenden tönte lieblicher Schalmeiengesang entgegen. Das Christuskind lag in der Krippe auf den Stufen des Altars, von den singenden Kindern umdrängt und bewundert. Holzwart ging langsam zur Bank vor, wo er seinen Sitz hatte und seine Widersacher knieten. Sie schauten ihn groß an, und ein Gefühl des kurz erst niedergekämpften Grolls stieg in dem Manne auf, plötzlich bückte er sich, packte die Rike, welche auf den Steinplatten in die Kniee gesunken war, wie ein Bündel Heu auf und schob sie zwischen sich und seine Feinde.

»Aber um Gotteswillen, Bauer,« flüsterte die Magd, »da gehör' ich doch nicht hin . . .«

»Halt 's Maul, einfältigs Frauenzimmer,« herrschte er sie an, »was dir gehört, weiß ich am besten . . .«

50 Hinter ihm knieten seine Kinder, zwei Söhne und eine Tochter; alle ledig, denn da der Vater mit jedermann schlecht stand, war ihnen das Heiraten sehr erschwert.

»Du,« hörte der Alte die Tochter in leisem Flüsterton sagen, »scheint's der Vater hat die Mutter doch gern gehabt, es war nur bei dem Toben und Schelten nichts davon zu merken . . .«

»Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden« – stimmte jetzt alles an, was singen konnte, und der alte Holzwart blickte zu seinem Erlöser auf und sprach, die nervigen Hände fest zusammenfaltend: »Und Friede den Menschen auf Erden . . . Also sei es.« 51

 


 

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