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Aus meiner Heimat

Hermine Villinger: Aus meiner Heimat - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
booktitleAus meiner Heimat
authorHermine Villinger
yearca. 1910
firstpub1887
publisherF. Fontane & Co.
addressBerlin
titleAus meiner Heimat
pages197
created20150102
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dominke.

»Also,« sagte die Ladnerin zu der großgewachsenen kräftigen Erscheinung vor ihr, die mit ganzer Aufmerksamkeit einen Kleiderstoff betrachtete, »also Dominke, jetzt denkst du endlich ans Heiraten, das ist recht; so eine brave Person darf von Gottes und Rechts wegen nicht ledig bleiben, 's wär' ewig schad'.«

Dominke nickte, die Augen auf den Stoff geheftet: »Teuer ist das Zeug, aber so einen Hochzeitsstaat kauft man sich nur einmal im Leben, das Kränzle gibst dafür ein wenig billiger.«

»Der kleine kostet ja fast nichts,« rief die Verkäuferin, »aber du mußt schon den dicken nehmen, Dominke, weil halt der Franz doch um drei Jahr jünger ist als du, da ist's klug von der Frau, sich 'raus zu streichen.«

»Meinst,« sagte Dominke und streckte die Hand nach dem größeren der Kränze aus; sie zog dieselbe aber ebenso schnell wieder zurück – »ach was, ich mag das Gespreize nicht leiden, der dicke Kranz nimmt mir kein Jahr von meinen sechsundzwanzig weg, her mit dem kleinen – Hochmut kommt vor dem Fall.« – Damit schlug sie auf den Tisch, die Ladnerin packte das Gekaufte in den Korb, ließ sich bezahlen und geleitete Dominke 22 vor die Thüre. Fest ausschreitend, die Arme in die Seiten gestemmt, ging das Mädchen die Landstraße entlang. Als sie in die Wiesen einbog, kam ihr ein kühler Luftzug entgegen; Dominke bückte sich, riß einen Grashalm ab und nahm ihn zwischen die Lippen; mit dem Geschmack, der sich ihrer Zunge mitteilte, kam ihr eine Erinnerung. Einen Grashalm im Mund, war sie als zwölfjähriges Mädchen, Blumen suchend, denselben Wiesenpfad entlang geeilt, als ihr eine wunderliche Gesellschaft in bunten Lappen entgegen kam. Sie wich zur Seite, und das Gesicht mit den Händen beschattend, ließ sie die Leute an sich vorüber ziehen. Es war eine Kesselflickerfamilie; der Mann führte den zottigen Hund an der Leine, welcher einen mit Gerätschaften und Kindern angefüllten Karren zog. Hinterher schlürfte ein Weib, an dessen Rock einige größere Kinder hingen. Beim Anblick des sauber gekleideten frischen Bauernmädchens, das mitleidig in den Karren schreiender Kinder schaute, blieb die Frau plötzlich stehen. – »Willst eins?« – fragte sie. Dominke nickte, und ehe sie sich's versah, lag ein kleines Wesen zwischen den Blumen in ihrer Schürze; sie schlug diese schnell zusammen und eilte mit ihrem Geschenk nach Hause. Ihre Mutter, eine wohlhabende Bäuerin, schaute nicht wenig betroffen drein, als Dominke plötzlich mit einem schreienden Kinde und der Erklärung über die Schwelle trat: – »Mir gehört's – mir ganz allein!« –

Und da half weder Schelten, noch Sträuben; Dominke hatte etwas Gewaltthätiges in ihrer Natur, dem die sanfter geartete Mutter keinen Widerstand entgegen zu 23 setzen vermochte. – »Aber ich will mit dem Balg nichts zu thun haben,« erklärte sie – und dazu wurde ihr auch keine Gelegenheit. Dominke schleppte sich den lieben langen Tag mit ihrer Puppe und opferte, ohne zu klagen, dem Kinde ihre Nachtruhe. Sie verkündete auch, als sie heranwuchs und die Burschen anfingen, sich nach ihr umzuschauen: »Es wird nicht geheiratet eh' die Renzi sechszehn ist und dienen kann; das seh' ich nicht mit an, daß mir einer das Mädel zum Haus hinaus schaut, denn das weiß jeder, die Bauern vergunnen einem Fremden den Bissen im Mund.«

Nach dem Tod der Mutter bestellte sie Haus und Hof allein, und ihre Freier heirateten nacheinander andere Mädchen, bei denen sie keine Wartezeit zu befürchten hatten. Die Renzi wurde inzwischen sechszehn, war aber noch immer zu Haus. Franz, der Nachbarssohn, dessen Beine über dem Gartenzaun gehangen hatten, seit Dominke denken konnte, warf all ihre Zweifel über den Haufen durch die Versicherung: »Wegen meiner brauchst die Renzi nicht fort zu thun.« – Eigentlich war ihr der Bursche auf diesen Ausspruch hin erst lieb geworden, und von Stund' an schaute sie fröhlich und guter Dinge der nahen Hochzeit entgegen.

Als Dominke sich ihrem Häuschen näherte, langte sie in die Tasche und zog einen Kringel daraus hervor leise auftretend setzte sie ihren Korb auf die Bank draußen und streckte das lachende Gesicht durchs offene Stubenfenster. Gerade unter ihr saß das Paar, aber nicht in harmlosem Geplauder ihrer wartend, sondern tief erregte Worte murmelnd, von Schluchzen unterbrochen.

24 »Ich hab's halt nicht gewußt,« stieß Franz hervor, »nichts gewußt hab' ich – als der Vater sagte, du heiratst hinüber – die Wiesen stoßen zusammen – gescheiter könnt's gar nicht passen – da hab' ich mir weiter nichts gedacht und war's zufrieden. Aber jetzt ist mir's gekommen – die Dominke ist's nicht – du bist's.« –

Renzi barg das Gesicht an seiner Schulter, und so saßen sie und schluchzten und bemerkten den Schatten nicht, der vom Fenster über sie herfiel. Dominke trat zurück, ihr Fuß zerquetschte den Kringel, der zerbrochen auf der Erde lag, ihr Gesicht war plötzlich alt geworden, als wären Jahre darüber hingegangen. Mit vorgestreckten zitternden Händen näherte sie sich der Thüre, jedoch statt sie zu öffnen, wandte sie sich plötzlich um, nahm ihren Korb auf und trug ihn in die Küche. Alsdann rannte sie an dem Garten vorüber ins freie Feld. Sehr lang lief sie so hin, unfähig einen Gedanken oder Entschluß zu fassen; gegen Abend kam sie auf einer Holzbrücke an, auf der ein Kruzifix stand; vor diesem sank sie in die Kniee, barg das Gesicht in beiden Händen und rührte sich nicht mehr. Es dunkelte längst, als sie aufsprang, einen flammenden Blick zum Heiland hinauf sandte und dann eilenden Schrittes in einen Waldweg einbog, der sie binnen kurzem vor die Ueberreste einer ehemals stolzen Burg brachte. Der Mond verklärte jetzt das verwitterte Gemäuer, an dem sich der Epheu emporrankte; eine Krähe kam neugierig dem nächtlichen Gast entgegen gehüpft, Hundegebell ertönte aus dem unteren Gelaß, dessen Thüre offen stand. Dominke ging die paar Stufen hinab und 25 schaute in den feuchten, kellerartigen Raum: »Hirtle, seid Ihr zu Haus?«

Ein altes Weib mit tausendfaltigem Gesicht kam zum Vorschein, mit ihr eine Schar Krähen, Katzen und Hunde. Sie nickte Dominke zu, die sich auf den herabführenden Stufen niedergelassen und leise fröstelte.

»Ihr kennt mich doch, Hirtle,« sprach sie, »ich weiß, Ihr geht mit Geheimkräften um und könnt wahrsagen. Ich fand meinen Schatz bei einer anderen sitzen, und Ihr sollt mir ein Mittel geben, daß ihnen das Lieben vergeht. Wißt Ihr was gegen's Lieben – aber es muß was recht Starkes sein –«

»O ja,« sagte die Alte und strich mit der magern Hand über den Rücken der Katze, daß Funken aufstoben, »bei mir haben sich schon vornehme Leute Hilfe geholt, und ich hab' mancher Gräfin in die Hand geschaut. Aber wenn ich Euch helfe, wird es Euch auch einfallen, mir des Sonntags auf dem Kirchenplatz einen Guten Tag zu bieten?«

»Nein,« sagte Dominke, »denn es geht die Rede, daß Ihr nicht an unsern Herrn und Heiland glaubt – oder glaubt Ihr an ihn, könnt Ihr ja sagen und mich anschauen?«

»Warum laßt Ihr Euch denn dann nicht von Euerem Heiland helfen und kommt zu mir?« fragte die Alte. Da sprang das Mädchen in die Höhe, sie zog eine Hand voll Silbergeld aus der Tasche und warf's der Alten vor die Füße: »Ich hab' gebetet – die Händ' zu ihm gerungen, er soll mir den Brand im Herzen stillen – nicht gerührt hat er sich, und ich halt's nicht länger aus, drum komm' ich zu Euch.«

26 Die Alte nickte: »Gut, ich hab' das Mittel. aber bietet mir ein »Grüß Gott« vor den Leuten. –

Dominke verscheuchte die Krähen, welche sich um ihr Silbergeld stritten, nahm's von der Erde, warf's wieder hin und keuchte endlich mit aschfahlem Gesicht:

»Ich versprech's – ich versprech's – macht hurtig, daß ich fortkomm' –«

Die Alte verschwand in ihrem Gelaß; bald darauf kam sie wieder, zwei kleine Flaschen in den Händen.

»Die mit dem Strohband nimmt die Schönheit, macht die Zähne los, die Augen triefen, die Haare schwinden; den Trank gebt dem Mädel, und sie steht Euch nimmer im Weg. Die andere Flasche tötet das Herz im Menschen; ist einer stark, muß er alles haben, für einen Schwachen ist die Hälfte genug.«

Dominke nahm die Mittel an sich und ging davon. Zu Hause angekommen, verfügte sie sich in die Küche und schüttete den Inhalt der mit dem Strohband bezeichneten Flasche in einen Topf Milch, der mitten auf dem Tisch stand. Hierauf entledigte sie sich ihrer Schuhe und trat in die Schlafstube; sie wollte keinen Blick nach der Renzi thun, aber das Mondlicht, welches gerade auf das Kopfkissen des zweiten Bettes fiel, zog ihre Blicke immer wieder an. Renzi war blaß, aber sie schlummerte fest, zwischen den offenen Lippen schimmerten die kleinen Zähne, die sie nun bald verlieren sollte. Dominke schloß die Augen, öffnete sie aber gleich darauf wieder, um sie auf Renzis schönes welliges Haar zu heften, das von jeher ihr Stolz und ihre Freude gewesen. »Damit ist's nun auch aus,« sprach sie, erschrak 27 über den Ton ihrer Stimme, und kehrte das Gesicht der Wand zu. Indem sie nun nicht mehr hinüber schaute, tauchten plötzlich ihres Schützlings Augen vor ihr auf, diese glänzenden braunen Kinderaugen, die ihr so vielmals entgegen gelacht, die sie getrocknet, wenn Thränen sie netzten! Ein Schauder durchfuhr ihre Glieder, sie barg das Gesicht in ihrem Kissen, es half nichts, sie sah immer Renzis Augen, die sich bittend und groß auf sie hefteten. Richte sie nicht zu Grund – verderbe sie nicht – flehte es in ihrem Innern. – »Jetzt grad« – sprach sie laut und hielt sich die Ohren zu, »falsch ist ihr Glanz und falsch ist sein Herz – fort damit –«

Im nächsten Augenblick jedoch stand sie auf den Füßen, sie eilte in die Küche, tastete nach dem Milchtopf und leerte dessen Inhalt zum Fenster hinaus.

Zu Mittag kam der Franz; sie sagte wie immer: »Bleib zum Essen« – und hantierte am Herd herum, heimliche Blicke auf die jungen Leute werfend, welche am Tisch saßen und kein Wort sprachen. »Dir brau' ich was,« murmelte Dominke und stellte ein Glas sauern Weines vor den Burschen hin. Dann brachte sie das Essen, und ihre Augen irrten raubtierartig von einem der Schuldigen zum anderen. Plötzlich – Franz streckte eben die Hand nach dem Weinglas aus, – kam sie ihm zuvor, ergriff's und trank's mit einem Zug hinunter. »Prost,« sagte sie, hart auflachend, als sie jedoch die betretenen ängstlichen Gesichter der beiden jungen Menschen gewahrte, fuhr's ihr wie mit einem Messer durch die Seele, und das Antlitz in den Armen vergrabend, brach sie in ein leidenschaftliches Schluchzen aus. Wie aus 28 weiter Ferne tönte banges Rufen, Schreien und Weinen in ihr Ohr, als sie jedoch aufspringen wollte, kam sie ins Stürzen und stürzte so viele Klafter tief, bis sie auf einem feuchten Grund aufzuschlagen glaubte.

Aha, dachte Dominke, das ist das Grab, und nun handelt sich's um weiter nichts, als daß ich den Weg ins Himmelreich finde – wie aber wird mir's gehen nach dem, was ich gethan, und wo ich nicht einmal Zeit gehabt, Reu' und Leid zu erwecken –

Da – sie wußte nicht, wie ihr geschah, stand sie plötzlich auf einer schönen Flur, wo schneeweiße Lämmer und Rinder friedlich grasten. Unter der Thüre eines hohen Hauses mit farbigen Fensterscheiben aber lehnte die Muttergottes und sagte mit einem freundlichen Nicken: »Grüß Gott, Dominke!« – »Fast gar,« sagte diese, »hätte ich dich nicht erkannt, weil du nicht in Purpur und Seide gehst wie in der Kirche, sondern im einfachen wollenen Rock.«

»Hochmut kommt vor dem Fall,« sprach die Muttergottes und führte Dominke in die holzgetäfelte Stube, in deren Mitte ein langer Tisch stand. Einen Augenblick verschwand die Muttergottes, um gleich darauf mit einer großen Schüssel wieder herein zu kommen; sie setzte sie mitten auf den Tisch, und nun ging vor der Thüre ein umständliches Scharren und Kratzen los, als ob eine Masse Menschen sich die Schuhe reinigten; hierauf überschritten sie die Schwelle, Männer und Frauen, auch Kinder, und alle sahen froh und glücklich aus. »Es sind die, welche nie an ihrem Heiland gezweifelt,« sagte die Muttergottes; und sie umstanden 29 den Tisch, die Hände über der Lehne ihres Stuhles oder über der Brust gefaltet, die Blicke auf die Thüre gerichtet. Ein alter Mann sprach: »Komm Herr Jesus, sei unser Gast –«

Da trat der Gerufene langsam und freundlich über die Schwelle und nichts zeichnete ihn vor den anderen aus als der sanfte Blick seines Auges. Schluchzend sank Dominke zu seinen Füßen nieder; sie dachte: Jetzt wird das Gericht über mich ergehen. – Allein der Heiland sprach weiter nichts als: »Steh auf« und sie durfte an seiner Seite Platz nehmen und mit ihm aus einer Schüssel essen, und alles Leid war ans ihrem Herzen geschieden.

»Ach, lieber Heiland,« sagte sie, »nun bist doch Du es, der mir geholfen nach allem was ich gethan – denn Du wirst es doch wissen, daß ich der Hirtle einen Gruß versprochen, die nicht an Dich glaubt?« – Und voll Reue gegen die Brust schlagend, schaute Dominke zum Heiland empor. Da war ihr, als rücke er ferner und ferner, wie aus einem Lichtmeer schaute sein mildlächelndes Antlitz auf sie nieder, sie fühlte einen leichten Druck auf ihrem Haupte und öffnete die Augen.

»O Dominke, Dominke!« schluchzte Renzi und sank vor dem Bett in die Kniee, »machst du endlich die Augen auf – einen Tag und eine Nacht lang denk' ich, du stirbst dich zu Tod, und halt' dich fest in Deinem Bett und bet' zum Himmel – und o – die grausigen Dinge, die du zusammen geredet – vergib – Dominke, ich hab' ihn nicht mehr gesehen, den Franz – er kommt nur ans Fenster und fragt, wie dir's 30 geht. – Man hat dir zu Ader gelassen vor einer Stund', und da hast du gelächelt wie ein Kind, und ich dacht', du gingst in die Ewigkeit ein. Das hätt' ich nicht überlebt –«

Und sie schluchzte zum Erbarmen. Dominke schaute ganz ruhig, wie verklärt, über das blonde Haupt hinweg nach dem Fenster, wo Franz stand und mit verhärmtem Gesicht herein starrte. – »Nun wart,« murmelte sie, den Blick lächelnd ins Leere richtend, »nun sollst du's erleben, daß eine Gnad' die andre wert – – Renzi,« sprach sie laut, »geh, hol mir mein' Brautsach' aus der Küche!«

Das Mädchen beeilte sich, ihren Wunsch zu erfüllen; alsdann suchte Dominke den Brautkranz unter den Sachen hervor, die im Korb lagen. – »Nun knie nieder, daß ich ihn dir aufprobier' – es war mir doch, gleich als ich den dünnen Kranz nahm, als paßt er nicht für mich – und jetzt steh' auf und geh zum Franz und reich ihm die Hand –«

»Lieber sterben,« schrie Renzi.

»Das muß erst verdient sein – auf der Stell' geh und sei glücklich –«

»Aber du – du –« schluchzte das Mädchen.

»Ich« – meinte Dominke und that wieder ihren sonderbaren Blick ins Leere, »'s gibt noch andre Freuden als Hochzeit machen.« 31

 


 

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