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Aus meiner Heimat

Hermine Villinger: Aus meiner Heimat - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
booktitleAus meiner Heimat
authorHermine Villinger
yearca. 1910
firstpub1887
publisherF. Fontane & Co.
addressBerlin
titleAus meiner Heimat
pages197
created20150102
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Einer von der Station

Dienstmann Bertel Mayer lungerte, die Hände in den Taschen, an der Ecke der Kronen- und Kaiserstraße und dachte nichts, denn Kopfarbeit war nicht sein Fall; dafür griff er um so fester mit den Händen zu und erfreute sich unter seinen Kollegen trotz seiner Jugend eines ehrenwerten Rufes, denn er blieb nie eine Grobheit und noch weniger eine Ohrfeige schuldig.

»Du,« rief er einen Kameraden an, der des Weges kam, »welle mer net in dene schlechte Zeite grad z'Leid ä Frühschoppe trinke?«

Der Mann schüttelte den Kopf: »I kann net, i muß in's Balais, Sach' hinfahre for den Bazar do, weger dere Kindersoolbadstation.«

»Kindersohlen – Kindersoolbadstation?« –

Der Bertel sprach das Wort in einem solchen Ton des Erstaunens aus, daß der andere sich noch einmal umwandte:

»No ja, weisch dann net, weger sellem isch jo der Bazar, wo se so Zeugs verkaufe, un vom Geld werd dann ä neue Kindersoolbadstation baut. Hasch jetzt verstande, Begriffsstutzer?«

Er ging, und der Bertel Mayer spitzte den Mund 17 zum Pfeifen und starrte ihm nach. Kindersoolbadstation – du allmächtiger Gott, was rief dies Wort nicht alles in ihm wach – Dinge, die er ganz vergessen, an die er längst nicht mehr gedacht . . . . Er gab sich plötzlich einen Ruck und trottete mit seinen schweren Stiefeln wie im Traum hinter seinem Kameraden drein.

Du lieber Himmel, damals – ja wohl, da hinten beim Durlacherthor, in jenen kleinen winzigen Gäßlein hatte er gewohnt; sie hatten der Stadtbahn weichen müssen, rein vom Erdboden weg war die Stätte seiner Kindheit gefegt, aber nun standen sie plötzlich wieder vor ihm, jene niedrigen, schiefen, verwitterten Häuslein, die ineinandergeschachtelten Gärtchen, in denen gerade ein Beet Platz hatte und ein verkrüppelter Baum; aber der Epheu wucherte an den Umzäunungen bis hinauf an die Wände der Häuser, und in dem üppigen Gewächs wohnte ein ewig kreischendes und sich streitendes Spatzenvolk, und der Bertele saß auf einem wackeligen Stuhl im Gärtchen seines Großvaters und hörte dem lustigen Gezwitscher zu. Er konnte nicht lustig sein, er war krank, kaum daß er aus den Augen sah, so dick verschwollen war sein Gesicht, und alles that ihm weh, besonders wenn er weinte, und es war ihm doch eigentlich immer um's Weinen.

Der Großvater stand manchmal mit in die Seiten gestemmten Armen vor ihm und sagte: »Ja, ja, Büble, wirsch's nimmer lang mache –«.

Aber er verrechnete sich, ohne daß er sich's versah: mitten aus einem Rausch heraus wurde der alte Mann abgerufen, und der Bertele blieb da.

18 Wenn ihn hungerte, hinkte er auf seinen kraftlosen Beinchen in's Nachbarhaus, und man stellte ihm ein Schüsselchen Milch oder Suppe auf den Stuhl an der Thüre. Zuweilen brachte man ihm auch etwas in's Gärtchen, und wenn zufällig zwei Weiber zusammentrafen, redeten sie darüber, wie lang er's wohl noch mache.

Eines Tages aber erschien der Herr Armenrat in dem kläglichen Stadtviertel und kehrte auch beim Bertele ein. Der saß, da es regnete, auf der Thürschwelle und ließ die Füßchen in den Schmutz hängen. Der Armenrat warf einen Blick in die Stube, kehrte schleunigst wieder um und erkundigte sich beim Bertele:

»Wo sind deine Eltern?«

Der Kleine wiederholte, was er den Großvater immer hatte sagen hören: »Sie sin nimmer heim komme«.

»Aber du gehörst doch jemand?«

»Im Großvadder.«

»Ja, wo ist er denn?«

»G'storbe.«

»Na, Kleiner,« sagte der Armenrat, »vor allen Dingen gehörst du in die Kindersoolbadstation, da wird dir's wohl werden.«

Der Bertele hatte einen halben Nachmittag Zeit das merkwürdige Wort zu wiederholen und seinem Gedächtnis einzuprägen. Gegen Abend kam eine freundliche Frau in weißer Haube und holte ihn ins Spital. Dort wurde er gebadet, frisch angezogen und in ein weiches Bettchen gelegt; da war ihm wohl und er fragte: »Bin ich jetzt in der Kindersohlenstation?«

»Noch nicht,« hieß es.

19 Im Eisenbahnwagen gefiel es ihm noch besser und er fragte wieder: »Aber das ist die Kindersohlenstation?«

Endlich eines Tages wußte er's, ohne daß er mehr zu fragen brauchte, er war in der Kindersoolbadstation, das heißt, nach Bertele's Begriff, im Paradies; denn wie gut hatte er's, wie unbeschreiblich wohl war ihm, es that ihm fast gar nichts mehr weh'. Nur mit dem Gehen ging's noch schlecht, aber was hatte das zu sagen? Wenn die freundliche Frau mit der weißen Haube vor der Hausthüre in die Hände klatschte und den Kindern zurief: »Kommt, kommt, in den Wald«! – wurde der Bertele im Nu von seinem Stühlchen geholt und in einen kleinen Holzkarren gesetzt. Du großer Himmel, und was hatte er für Gäule, nicht weniger als viere und thaten so wild und gebärdeten sich so echt!

»Hopp! Hopp!« rief der kleine Fuhrmann und schwang die Peitsche. Freilich, der mit den säbelkrummen Beinen, der immer stolperte, brachte die andern Gäule nicht wenig in Verzweiflung, besonders den Langen mit dem schiefen Mund, der nicht reden konnte und immer »Dalopp« schrie. Bertele's Lieblingsgaul aber war der mit den schönen, weitabstehenden Ohren, der so ganz bei der Sache war und so wunderbar schnauben konnte.

Nach einer solchen Fahrt war's, die Schwester hob ihn aus dem Karren, da wagte der Bertele die Frage, die er längst auf dem Herzen hatte: »Glaubsch, ich mach's noch ä bisle lang?«

Und die freundliche Frau hob ihn in die Höhe: »Ein ganz, ganz gesund's Bubele wirsch!«

All' diese Erinnerungen waren in Bertel Mayer 20 lebendig geworden durch das Wort: Kindersoolbadstation – denn er war auch vom Waisenhaus, wo man ihn untergebracht hatte, noch etliche Jahre jeden Sommer nach Dürrheim geschickt worden. Und dort war er nicht nur ein gesundes, sondern auch ein fröhliches und glückliches Kind geworden.

»Wie mer nur so was so radikal vergesse kann,« brummte der Bertel unwillig in sich hinein, »denn wo hätt' ich's dann ohne die Kindersoolbadstation zu soere Stellung bracht im Lebe«. –

Er stand jetzt, die Mütze in der Hand, mit dem andern Dienstmann im Hausgang des Palais und sagte, als dem Kameraden die Aufträge erteilt wurden:

»Sie, gelle Se, lasse Se me a helfe, i bin jo einer von der Station.«

Das machte Eindruck, und der Bertel fuhr den ganzen Tag Tische und Stühle und schleppte, schaffte und rannte drei mal so viel als der Kamerad.

Als der Abend kam und den Männern der Lohn ausbezahlt wurde, war der Bertel Mayer verschwunden, er stand wieder an seinem alten Platz, Ecke der Kronen- und Kaiserstraße, die Hände in den Hosentaschen, die vollkommen leer waren, aber so hatte er's gewollt, denn nicht einen Pfennig hätte er mögen annehmen für die Arbeit, die er im Palais gethan – er war das der Kindersoolbadstation zu Dürrheim schuldig. 21

 


 

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