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Aus meiner Heimat

Hermine Villinger: Aus meiner Heimat - Kapitel 19
Quellenangabe
typenarrative
booktitleAus meiner Heimat
authorHermine Villinger
yearca. 1910
firstpub1887
publisherF. Fontane & Co.
addressBerlin
titleAus meiner Heimat
pages197
created20150102
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der andere ist's.

Die Leute standen schon eine ganze Weile vor dem Wirtshaus »Zum grünen Baum« im Vorderdorf. Daß der reichste Bauer aus dem Hinterdorf, der Bürgermeister Ispringer, heute ein paar Taler draufgehen lassen würde, war so gut als sicher. Brachte er doch seinen Erstgeborenen zur Taufe, auf den er volle acht Jahre hatte warten müssen.

Flott kam er dahergefahren mit seinen feurigen Füchsen. Die Patin, eine entfernte Verwandte, war aus der Stadt gekommen, trug Glacéhandschuhe, auf dem Hut eine Feder und um die Schultern eine seidene Mantille. Neben ihr die Hebamme in einem nagelneuen Orleanskleid und steifer weißer Schürze, hielt den drei Tage alten Täufling auf den Knien.

Es war recht schön vom Ispringer, daß er seinen Säger mit hatte aufsitzen lassen. Der Säger brachte auch einen Täufling, nur war's bei ihm das siebente Kind, und die Patin, die's auf dem Schoß hatte, duckte sich ganz klein zusammen neben der Städterin mit dem Federnhut und der seidenen Mantille. Das junge Ding in seinem fadenscheinigen Alltagsrock kam sich unendlich unberechtigt vor in dieser feinen Gesellschaft. 182 Verlegen zog sie das Kränzlein aus Herbstblumen, den einzigen Schmuck nebst ihrer Jugend, tiefer in die Stirne.

Sie hatte die Patenschaft angenommen, weil sie sich einen guten Tag versprach, denn sie war bitter arm und sehnte sich nach Freude. Die Wohlhabenden im Dorf aber wollten schon lange nichts mehr mit den Sägersleuten zu tun haben, die nur überall Schulden machten. Daß der arbeitsscheue Mann noch immer auf der Säge saß, hatte er allein dem Umstand zu verdanken, daß er mit dem Ispringer, seinem Brotherrn, auf der Schulbank gesessen war. Mit des Ispringers Weib war die Sägerin Schulkamerädle gewesen, was diese auch nach Kräften auszunützen suchte. Aber der Ispringer war genau und ließ der Frau nicht freie Hand. Bei den Sägersleuten half weder Geben noch Mahnen; es geschah nichts zur rechten Zeit. Im Winter liefen die Kinder im Sommerzeug herum; im Sommer trugen sie die Winterwämsle. Das Elternpaar war die lebendige Illustration zu dem alten Bauernspruch:

Wer im Heuet nit gablet,
In der Ernte nit zablet
Und im Herbst nit früh ufstoht,
Der kann luege, wie's'm im Winter goht.

Aber ein Rudel herziger Kinder hatten sie, und wenn die Ispringerin diese heimlich hinter dem Rücken ihres Mannes fütterte, standen ihr gar oft die Augen voll Tränen, denn das einzige, was ihr und ihrem Mann zu einem vollkommenen Glück fehlte, das war ein Erbe ihres Hauses. Als dieser nun eintraf, wußten sich die beiden Menschen vor Seligkeit kaum zu fassen.

183 »Weib,« sagte der Ispringer, »jetzt gunn' dir, was du magst, mir soll nichts zu viel sein.«

Als sie hörte, daß bei Sägers zu gleicher Zeit ein Büblein zur Welt gekommen war, gab die Ispringerin der Hebamme den Auftrag: »Bring Sie nur gleich der Sägerin das zweite Tragbettle hinüber mit allem, was dazu gehört. Ihr Büble soll so fein zur Tauf kommen wie das meine. Ich hoff, die Guttat gereicht ihm zum Segen.«

Der Ispringer trug in seiner Herzensfreude dem Säger die Patenschaft an und nahm diesen samt seiner ruppigen Patin mit auf die Fahrt.

Beide Kinder erhielten den Namen Niklaus bei der Taufe.

Von der Kirche ging's hinüber in das Wirtshaus »Zum grünen Baum«, wo den Ispringer eine so vielseitige Freundschaft begrüßte, daß ihm fast ein wenig schwül wurde. Aber er hatte seiner Frau versprochen, an diesem Tag nicht zu knausern. Außerdem war er der Pate des Säger-Buben, also doppelt verpflichtet, die Taler springen zu lassen.

Die Täuflinge schliefen einträchtig auf der Ofenbank, während der zahlreichen Taufgesellschaft ein ansehnliches Frühstück aufgetragen wurde. Immer von neuem keuchte der Wirt mit frischgefüllten Flaschen herbei, und das Anstoßen nahm kein Ende.

Die Patin aus der Stadt oben am Tisch, die sich im Innern wie eine Prinzessin unter diesem derben Landvolk dünkte, mochte sich wehren, wie sie wollte, immerzu mußte sie nach allen Seiten hin Bescheid tun. Als sie, des Trinkens ungewohnt, versuchen wollte, 184 anzustoßen, ohne einen Schluck zu nehmen, wurde ihr das unter heftigen Vorwürfen als Affront ausgelegt, und sie mußte wohl oder übel ihr Schlücklein hinunterzwingen, wollte sie Händel vermeiden. Schon sank ihr die Feder bis auf die Nase herab, und die seidene Mantille, die ihr so stolz von den Schultern abgestanden war, hing betropft und beklext an ihr hernieder.

Inzwischen hatte der Neue allüberall seine Schuldigkeit getan. Sogar die beiden Taufväter vergaßen ihrer Würde und trieben's wie die Jüngsten. Die Wirtstochter konnte einen Ländler auf der Gitarre spielen. Bald tanzte alles wild durcheinander, und die Zwanzigjährige mit dem Herbstblumenkranz hatte das Geriß. Aber auch die fünfzigjährige Hebamme fand noch Gnade und drehte sich mit ihrem Tänzer schwerfällig im Kreis, obwohl ihr von dem vielen Weingenuß die Augen fast zufielen.

So stand's, als sich mitten durch das Tanzen, Stampfen und Johlen und das zitterige Geklimper der Gitarre plötzlich ein Ton erhob, grell und laut und anhaltend wie aus einer Trompete.

Der Ispringer wurde schnell munter: »Hergott, mei Büble – wieviel Uhr ist's? Zum Donnerwetter,« fuhr er den Wirt an, »was laßt Ihr die Uhr stehen – Anspannen – Anspannen –«

Er stürzte zur Ofenbank. Zwei krebsrote Köpfchen mit weit offenen Mäulern schrien ihn an. Er streckte die Arme aus, um sein Kind an sich zu nehmen, hielt aber plötzlich inne: »Kreuzelement, welcher ist's?«

Die gleichen Tragkissen, die gleichen Häubchen, die gleichen dunkelroten, verhutzelten Gesichtchen –.

185 »Da soll sich einer auskennen –.«

Er schrie nach der Hebamme. Die mußte es doch wissen.

Die Hebamme war mit dem halben Oberkörper über den Tisch gesunken und schnarchte.

Der Ispringer wollte sie munter machen und goß ihr eine Flasche Wasser über den Kopf. Da bekam sie einen Erstickungsanfall, und die Wirtstochter hatte nur zu tun, um ihr mit nassen Umschlägen zum Schnaufen zu verhelfen.

Aber die Patinnen – die Patinnen hatten die Kinder auf den Armen gehabt, die mußten sie doch voneinander unterscheiden können.

Der Ispringer schrie nach den Patinnen.

Die eine lag wachsbleich im Bett und verdrehte die Augen bei der Zumutung, sie möchte hinunterkommen.

Die andere mit dem Blumenkranz war verschwunden.

Der Ispringer zerrte den Säger herbei.

»Das . . . . ist . . . . doch einerlei,« lallte dieser, als der Ispringer ihn anschrie:

»Welches ist deiner?«

Die Wirtstochter legte sich ins Mittel:

»Fahrt mit den Buben heim und bringt sie der Mutter. Die wird gleich wissen, welcher der ihre ist.«

Also nahm der Ispringer einen von den Buben, lud dem Säger den andern auf, und sie fuhren heim.

Die Mütter nahmen ihre schreienden Kindlein an die Brust. Die Sägerin war's gewohnt, daß der Mann lange ausblieb und nie anders als betrunken heimkam.

Die Ispringerin war das nicht gewohnt, aber sie 186 schwieg und war glückselig, ihr Kindlein wieder in den Armen zu halten.

Der Mann atmete auf bei diesem Anblick:

»Also ist's der Recht' – Gott sei Lob und Dank!«

»Der Recht'?« fragte sie verwundert. »Was soll's denn sonst für einer sein?«

Der Ispringer lachte und erzählte, wie's ihm im Wirtshaus ergangen war, daß es ihm völlig unmöglich gewesen, die Kinder in ihren gleichen Tragbetten und Häuble voneinander zu unterscheiden.

Die Ispringerin meinte lachend, so was könne doch nur einem Mannsbild passieren:

»Aber hol' mir doch der Sägerin ihren herüber, 's nimmt mich wunder, ob sich die Buben wirklich so gleichen.«

Als nun beide vor ihr auf dem Bett lagen, gesättigt und zufrieden, die Augen zusammengepreßt, die Mäulchen gerundet, wurde der noch eben lachenden Frau plötzlich ein wenig schwül zumute. Sie riß den Kindern die Häubchen vom Kopf: eines wie das andere hatte einen dichten, schwarzen Haarschopf.

»Herrgott im Himmel,« stammelte die Ispringerin und nahm die Kleinen aus den Tragbetten, von denen auch eins wie das andere aussah.

Sie wendete die Büblein um und um, bis diese ungeduldig wurden und zu brüllen anhuben. Da waren sie mit ihren weitaufgerissenen Mäulchen einander erst recht ähnlich.

»Begreifst jetzt?« sagte der Ispringer und kratzte sich hinter den Ohren.

»'s ist wie verhext,« murmelte die Frau, die Augen 187 nicht von den Kindern lassend. Sie verglich und verglich. Sie fand kein Ende.

Die Älteste von Sägers erschien unter der Tür und wollte den Täufling wieder mitnehmen.

Aber welchen?

Die Ispringerin rang die Hände:

»Mann, Mann,« stöhnte sie, »du hast eine große Schuld auf dich geladen!«

»So, ich,« fuhr er auf, »hättst du den Sägerbub in seinem schlechten Zeug zur Tauf' tragen lassen, dann hätt' ich gleich gewußt, welcher meiner ist.«

»Und ich hab' denkt, 's bringt dem Kind Segen,« jammerte sie.

»So gib halt jetzt einen her,« meinte er, »das Mädle wartet –«

Die Frau hielt beide fest:

»Meine letzte Hoffnung ist die Hebamm'. Sie hat die Kinder gebadet – sie muß doch wissen –«

»Die hol' ich morgen,« sagte der Mann, indem er einen der Buben vom Bett nahm.

»Ach Gott, ach Gott, so halt doch, so halt –« kreischte die Frau ihm nach, »'s isch der letz' – der andere ist's –«

Die Hebamme war gekommen. Sie erklärte, an keinem der Kinder ein besonderes Merkmal wahrgenommen zu haben. Aber sie tat den weisen Spruch: »Müßt halt jetzt aufpassen, Ispringerin, die Stimm' der Natur ist das sicherste, die wird sich schon regen, wenn Ihr aufpaßt.«

Das wollte die Ispringerin gewißlich. Sie ließ sich täglich den kleinen Säger-Niklos herüberbringen, badete 188 das schlechtgehaltene Kind, zog's frisch an und saß dann stundenlang mit den Kleinen zusammen und wartete auf die Stimme der Natur. Sie regte sich nicht.

Sie lief hinüber zur Sägerin und legte dieser die Kinder auf die Knie mit der angstvollen Frage:

»Regt sich in dir nichts?«

Die Sägerin schüttelte den Kopf: »Was soll sich auch regen bei so einem Korb voll verrissenem Sach –«

Da meinte sich die Ispringerin Tag und Nacht die Augen rot, ließ die Mägde schalten im Haus und hatte kein gutes Wort mehr für ihren Mann, dem sie das ganze Unheil in die Schuhe schob.

Der Ispringer hatte ein sanftes, heiteres Weib gehabt, immer bereit, die Härten seines Wesens mit liebevollen Händen zu glätten. Ihr einziger Kummer war, daß sie keinen Erben hatten. Nun war einer da, und ein boshaftes Geschick vergällte ihnen die ganze Freude. Es lag ihm ja selber schwer auf, daß möglicherweise sein Fleisch und Blut bei den Sägersleuten nicht satt hatte und des Sägers Bub bei ihm im Überfluß aufwuchs. Das Blut stieg ihm zu Kopf bei dieser Vorstellung. Er wendete sich in seiner Not an den Geistlichen, und der kam und sprach den Eltern Trost zu. Brav beten um Erleuchtung, empfahl er fürs erste als Hauptsache. Sodann tat er den Ausspruch, daß sich's wohl im dritten, vielleicht auch schon im zweiten Jahr unfehlbar bei den Kindern zeigen müsse, wo sie hingehörten, indem es dann zum Vorschein komme, wem sie nachschlügen. Er machte die Eheleute auf ihre eigenen Absonderlichkeiten aufmerksam: daß dem Mann die Nase ein wenig linkswärts stehe und seine blauen 189 Augen braune Spritzer aufwiesen. Seine Haarfarbe aber sei von einem ausgesprochenen Aschblond, während die schwarzen Zöpfe der Frau einen bläulichen Glanz hätten, was zu den Seltenheiten gehöre. All das seien Merkmale, von denen jetzt freilich noch nichts an den Kindern wahrzunehmen sei, die sich aber mit der Zeit unfehlbar ausbilden würden.

Der Ispringer hoffte auf die Zukunft und lag seiner Arbeit ob. Die Frau beruhigte sich nicht. Wenn der Säger-Niklos der ihrige war und mußte seine Kindheit in dem muffigen Wägele zubringen, in dem vor ihm sämtliche Sägers-Kinder gelegen hatten – der Spreusack immer schmutzig, Kissen und Decke in Fetzen – das sollte ihr gleichgültig sein?

Die Ispringerin schleppte neues Zeug ins Sägerhäuschen hinüber, saß stundenlang in der dumpfen Stube, in der sie es sonst keine fünf Minuten ausgehalten, studierte die Gesichtszüge der Sägersleute und verglich den auf dem schmutzigen Fußboden herumkrabbelnden Niklaus mit dem ihren.

Herrgott, wenn der ihr Bübele war, ihr Fleisch und Blut!

Eben steckte er eine verrostete Haarnadel in den Mund.

Die Sägerin, die in ihrer faulen, lässigen Art an einem Paar Hosen flickte, meinte gelassen:

»Lieber Gott, wenn ich gleich schreien wollt'! Sie wachsen alle gesund auf, was sie auch schlucken – hab' noch keines krank gehabt.«

Sie war rund und voll, trotz ihrer Armut, und hatte feste, rote Backen. Die reiche Ispringerin sah 190 wie die teure Zeit neben ihr aus. Der Kummer, an dem sie litt, zehrte ihr an Mark und Knochen. Die Sägerin ließ sich die Sache nicht anfechten. Ihr machte die Möglichkeit einer Verwechslung keine Sorgen. War der Ispringer-Niklos der ihre, so hatte er's wie ein Prinz. Das sollte sie kränken? Auch floß ihr seit der Taufe der Buben so manches zu. Fuhr die Große mit dem Niklos durchs Dorf, kam sie kaum vorwärts; jeder wollte den Kleinen sehen, denn es war von nichts anderem die Rede als von den verwechselten Buben. Bei all dem Herumstehen und Mutmaßen, ob der Ispringer-Niklos der Säger-Niklos oder der Säger-Niklos der Ispringer-Niklos sei, legte manche mitleidige Frau dem Kind eine Gabe ins Wägele und rannte dann spornstreichs zur Ispringer, um dieser rein und heilig zu versichern, der Säger-Niklos sei ihr und ihrem Mann geradeswegs aus dem Gesicht geschnitten. Sie solle sich das Kind nur schnell holen, bevor's im Schmutz verkomme.

Da erfaßte die Ispringerin von neuem die Verzweiflung, daß sie weinte und sich einschloß und keine Nahrung zu sich nehmen wollte.

So war des Ispringers Haus zu einer Stätte des Leids und des Grams geworden. Die Eheleute fanden den Weg nicht mehr zueinander. Die Dörfler, die sich fortwährend in den Handel mischten und damit das Unheil noch verschlimmerten, fanden bald in ihrem früher so verträglichen Bürgermeister einen zornigen Widersacher, der sie mit harten Worten anfuhr und ihnen die Tür wies.

Auch im Wirtshaus ließ er sich nicht mehr blicken.

191 Denn wenn die Leute sich auch nicht mehr getrauten, die alte Geschichte aufs Tapet zu bringen, in ihren Mienen zeigte sich's nur zu deutlich, daß sie an nichts andres dachten.

Der vereinsamte Mann zog sich ganz auf sein Anwesen zurück, schaffte von früh bis spät und machte seinen Untergebenen das Leben nicht wenig schwer, indem er alles sah und bemerkte und keinerlei Gnade gelten ließ. Die war sonst aus dem Herzen der Frau gekommen, die ihrem Mann sowie seinem Tun und Treiben jetzt fremd geworden war. Das Kind aber hegte und pflegte sie, daß es gedieh und zu einem bildschönen Büblein würde. Nur ein wenig ernst. Denn es wuchs unter Tränen auf, die es nicht begriff und die seinen blauen Augen einen erschrockenen Ausdruck verliehen. Kam es doch nicht selten vor, daß ihn die Mutter plötzlich mit einem zornigen Blick von sich stieß, die Hände rang und in das Wehgeschrei ausbrach: »'s isch der letz' – der letz'« –

Aber im Haus die Mägde rissen sich darum, den Kleinen zu herzen. Die Knechte nahmen ihn vor sich aufs Pferd und ritten mit ihm durch den Hof.

Sogar der Ispringer hatte sich mit dem Kleinen ausgesöhnt, der blond war wie er und blaue Augen hatte. Freilich, die braunen Spritzer, die des Ispringers Augen aufwiesen, fehlten. Nichtsdestoweniger nahm der Bürgermeister den Buben mit in die Ställe und Scheunen und trug ihn in den Garten, an den sich das weite Wiesenland anschloß. An dieses hinwiederum grenzte das schön bestellte Ackerland, soweit das Auge reichte. Eine kleine Welt für sich, über die der Erbe des 192 Hauses einstmals herrschen sollte. Aber wer war der Rechte?

Dem Mann half die Arbeit über den Zweifel weg. Die Frau beruhigte sich nicht. Sie stand am Fenster einer dem Sägerhaus gegenüberliegenden Stube und beobachtete den kleinen Niklos von drüben, der im Sand spielte.

Die Kinder hatten längst keinerlei Ähnlichkeit mehr miteinander. Zudem, der eine war wohlgehalten, der andere vernachlässigt. Aber der Säger-Niklos hatte rabenschwarzes Haar.

»So schwarzes wie ich,« sagte sich die Ispringerin.

Indes der Säger drüben war auch schwarz und sein Weib blond.

Es war zum Verrücktwerden.

Aber wenn sie dann die blauen Augen ihres blonden Büble so ernsthaft auf sich gerichtet sah, dann stand ihr dieses Kind wieder am nächsten, und sie herzte und küßte es – bis das schwarze Köpfchen des Nachbarbuben auf der Bildfläche auftauchte.

Er spielte im Sand und schrie und lachte und jubilierte ganz allein für sich, ohne jede äußere Ursache. Heulen hörte man ihn nur, wenn die Ispringerin kam und ihm das Gesicht wusch. Sie konnte es nicht lassen, sich um das Wohl des Säger-Niklos zu sorgen. Indes, was sie auch an Kleidungsstücken für den Kleinen hinübersandte – der Bub sah immer gleich vernachlässigt und schmutzig aus. Er konnte kaum auf den Füßen stehen, da kümmerte sich vollends kein Mensch mehr um ihn, denn in seinem Bettchen lag ein neues kleines Wesen, das die Sorge der älteren Geschwister 193 in Anspruch nahm, und der Niklos mußte zusehen, wie er allein fertig wurde.

»Wenn's der meine wär – wenn's der meine wär –«

Darüber kam die Ispringerin nicht hinaus. Zugleich aber auch fürchtete sie sich vor dem Zeitpunkt, da es sich offenbaren würde, wie es um die Ähnlichkeit der Knaben stand – welcher von ihnen in des Ispringers, welcher in des Sägers Geschlecht schlug. Den kleinen Niklos, den sie mit Liebe, wenn auch unter Tränen, geherzt und gepflegt – wieder hergeben zu müssen –.

»Ach Gott, ach Gott,« seufzte die gequälte Frau, »gibt's denn keinen Ausweg – keine Rettung aus meinem Elend?«

So ging sie eines Abends durch das Wiesenland. Der Mond stand am Himmel. Es war hell, fast wie am Tag. Das Heu lag frisch gemäht in Haufen. Die Frau atmete tief den herbfrischen Duft ein. Es kam ihr plötzlich in den Sinn, daß sie sich all die Zeit nicht um den Gang der Dinge gekümmert hatte. Der Mann schaffte allein, fragte nicht, sprach von nichts – ihr Auge blieb sinnend an dem langen schmalen Schatten hängen, den sie vor sich her warf.

Sie erschrak – das war sie – ein stattliches, volles Weib noch vor kurzer Zeit –. Sie seufzte tief auf: Vom Druck kommt's, von dem schweren Druck –.

Sie weinte und schritt weiter. Keine Seele hatte sie, der sie sich hätte anvertrauen können. Denn sie war sich's wohl bewußt, man lachte im Dorf über die Verwechslungsgeschichte, und alle Ratschläge, die man ihr gab, liefen auf weiter nichts als dummes Zeug 194 hinaus. So blieb ihr nichts anderes übrig, als sich von den Leuten so viel als möglich fernzuhalten, wenn ihr die Verwirrung nicht völlig über den Kopf wachsen sollte.

Ihr Fuß stieß gegen etwas Weiches am Boden. Sie bückte sich. Ein kleines Kätzchen war's, noch blind, wohl kaum einen Tag alt. Die Ispringerin hatte das weiche Körperchen aufgenommen und trug's heim.

Im Stall hatte eine Katze Junge. Der legte sie den Findling in den Korb. Eines Augenblicks Länge stutzte die Alte, alsdann leckte sie den kleinen Findling so eifrig ab wie die eigenen Jungen und schnurrte zufrieden bei seinem Appetit. Die Ispringerin stand lange vor diesem Korb. In der Nacht, in ihrem Bett, war ihr zumut, als sei ihre Seele plötzlich befreit von allem Druck. Sie lag in tiefem Sinnen. Sie kam mit sich ins reine. Das Tier, dem sie ein Fremdes gebracht, hatte ihr den Ausweg gezeigt, nach dem sie so lange gesucht und gerungen. Weder sie noch irgendein Mensch war auf die einfachste aller Lösungen gekommen.

Der Ispringer machte große Augen, als seine Frau am andern Morgen ihm den Kaffee einschenkte wie früher.

»Ja, Mann,« nickte sie ihm zu, und es war, als strahle etwas von dem alten Glanz aus ihren bisher so trüben Augen, »ich weiß jetzt einen Ausweg. Die Qual hat ein End'! Du mußt nur Amen sagen zu meinem Tun – dann wird alles gut – versprich mir's.«

»Was du willst, was du willst,« fiel er ihr mit einem tiefen Aufatmen ins Wort, »wenn's nur wieder wird wie früher.«

195 »Das soll's,« nickte sie ihm zu, lächelte zuversichtlich und verließ die Stube.

Er trat ans Fenster und sah ihr nach. Wohl trug sie das Haupt gesenkt wie all die Zeit her, aber aus ihrem Gang, der schleppend und schwer geworden war, sprach plötzlich eine rasche, kräftige Sicherheit. Sie verschwand im Sägerhäuschen.

Die Sägerin saß an ihrem Tisch vor einem Haufen Flickarbeit und stopfte Strümpfe. Das Kleinste schrie in seinem Bettchen. Die Großen balgten sich um ein paar Birnen, und der Niklos suchte sich mit einem unzeitigen Apfel abzufinden. Beim Anblick der Ispringerin schloß er sich dem allgemeinen Geschrei auf das kräftigste an, indem er versuchte, das Gesicht hinter dem aufgehobenen Röckchen zu verstecken. – Die Ispringerin wusch ihn heute nicht, sondern nahm der Kameradin gegenüber Platz.

»Bei dir geht's auch zu,« meinte sie, »man hört sein eigenes Wort nicht.«

»Bin's gewohnt so,« gab ihr die Sägerin zur Antwort, »hör's gar nimmer, wenn sie zusammen schreien.«

»Da tät ein Aufbau aufs Häusle not.«

»Woher nehmen, wenn nicht stehlen. Dein Mann ist keiner, der vorschießt. Meiner sagt, so hart hab er's noch nie gehabt. Er ging am liebsten auf und davon, wenn er die vielen Kinder nicht hätt –«

Die Ispringerin erhob sich. Der Lärm ging ihr auf die Nerven. Sie jagte die größern Kinder zur Stube hinaus, riß dem kleinen Niklos den unreifen Apfel aus der Hand und gab ihm dafür einen reifen, den sie aus dem Rocksack holte.

196 Dann, als es still war, nahm sie wieder Platz und meinte: »'s könnt' alles anders werden bei euch, von Grund aus anders, dafür wollt ich schon sorgen. Das Stockwerk wär' euch sicher, ein Stück Garten auch – denn schau, ich geh zugrund an meinen Zweifeln.«

»Wer wird auch so übertrieben sein,« meinte die Sägerin, ohne in ihrer Arbeit innezuhalten, »zu so was hat unsereins halt keine Zeit!«

»Ja, weil du's gar so gelassen nimmst – das kann ich halt nicht,« nahm die Ispringerin nach einer Pause wieder das Wort, »drum hab' ich gedacht – ich weiß keinen andern Ausweg in meiner Not – schau, laß mir die beiden Kinder – dann hatt' meine arme Seel' Ruh.«

Die Sägerin dachte: Dann hätt' auch ich's sicher, daß es meiner gut kriegt –

Aber sie stopfte beharrlich an ihrem Strumpf weiter und meinte erst nach einer längeren Pause: »Mein Mann hat's halt gar so schlecht bei deinem.«

Die Ispringerin, die in Herzensangst an der Kameradin Lippen hing, versicherte dieser hoch und teuer: »Das wird anders, darauf kannst du dich verlassen. Er soll nicht knausern, meiner. Er soll's deinem recht machen. Dafür steh ich. Sie können ja die Sach' dann miteinander bereden.«

Die Sägerin dachte: Wenn ich doch nicht weiß, welcher meiner ist, warum soll ich mich lang sperren, da wir's alle gut kriegen –

Die Ispringerin fuhr fort: »Später, wenn sich's dann durch die Ähnlichkeit rausstellt, wo ein jeder hingehört, da könnt's am End' mit dem Vertauschen doch so eine Sach' sein –«

197 »Freilich,« fiel ihr die Sägerin plötzlich ins Wort, »was sollt ich denn mit einem so verwöhnten Prinzle anfangen, wenn mir dein Niklos ins Haus käm'? Da nimm lieber meinen gleich mit, daß die arm' Seel' Ruh' hat –«

Die Ispringerin bückte sich rasch, riß den Buben an sich und war mit zwei Schritten zur Türe hinaus.

Der Ispringer sah sie mit dem Kleinen daherkommen – strahlend, hocherhobenen Hauptes.

 


 

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