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Aus meiner Heimat

Hermine Villinger: Aus meiner Heimat - Kapitel 17
Quellenangabe
typenarrative
booktitleAus meiner Heimat
authorHermine Villinger
yearca. 1910
firstpub1887
publisherF. Fontane & Co.
addressBerlin
titleAus meiner Heimat
pages197
created20150102
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Stiftmühle zu Säckingen.

Im Sommer 1887 machte ich während meines Aufenthaltes in der rheindurchrauschten, bergumsäumten Trompeterstadt die Entdeckung, auf eine stolze Reihe von Vorfahren zurückblicken zu dürfen, ob zwar jene nichts weniger als stolz, sondern nur einfache Lehensleute waren auf der Mühle des Säckingischen Damenstifts. Im Jahre 1763 ging besagte Mühle an Johann Villinger über und blieb seither im Besitz der Nachkommenschaft.

Auf der Schwelle des langen, einstöckigen Hauses mit den grünen Fensterladen und dem klappernden Mühlrad empfing mich die Jungfer Villinger, die letzte der alten Generation, im ganzen Städtchen ihrer vielverzweigten Patenschaft wegen nur 's Gotteli genannt. Sie kam gerade aus der Küche:

»Numme no en Augeblick hab' i' z' thue,« sagte sie, nachdem sie mir die Hand gegeben, »mer hänt Inquatierung – sechs Ma – Priiße sind's – uf'm Durchmarsch zu de Manöver – g'spaßige Lütt' – i verstoh' sie kei Wörtli, und sie mi au nit, aber mine Knöpfli und Nüdeli, mit selle verstoh'n sie si scho – nit e Bröseli bliebt uf der Schüssel liege. – Wan i 163 halt numme köchle cha, sel isch mer's liebscht, wenn's de Lütte recht schmeckt. – Aber froh bin i, daß Sie jetzt no chomme sin un i Ihne 's Hus zeige cha, wie 's g'si isch, so lang mine un Ihre Lütt' drin g'lebt: uf 's Spätjohr gibt der jung' Müller d' Mühli ab, un i goh uf Basel zu miner Nichte: 's isch frili nit licht, d' Heimet z' verlasse, in der mer alt isch worde in Freud' und Leid un Arbet – aber der lieb' Got hat mer no allemol d' Chraft gebe, die i brucht ha.« – Sie fuhr sich mit der Hand über die Augen, legte die Küchenschürze ab und führte mich in die schmale Stube zu ebener Erde vor zwei Oelbilder, die sie mir als meine Urgroßeltern vorstellte, mit der Erläuterung: »Ihr Herr Großvader, der Herr Kreisrat isch der ältest' Sohn vom Stiftmüller un mi Herr Onkel g'si, der einzig, der us der Stiftmühli g'studiert hät'.«

Mein Urgroßvater sah aus wie die Seelengüte in der behaglichsten Form – rund, rosig, mit einem Zipfelkäpplein; die Urgroßmutter, mager, schien mit ihren großen, schwarzen Augen die Dinge fest aufs Korn zu nehmen.

»Sel isch e weng e g'naui g'si,« sagte 's Gotteli und wies zum Fensterplatz, »do isch sie vielmol g'sesse, d' Stiftmülleri, un hät de Arme 's Brot usteilt – 's liegt hüt no der Laib dört – 's isch e Vermächtnis.«

Und auf meine Bitte führte mich nun das liebe Gotteli in die Zeiten meiner Urväter ein; was sie nicht miterlebt; wußte sie vom Bäsli, und 's Bäsli hatte es wieder von ihrer Mutter, die selber dabei gewesen.

164 Es war zur Zeit der französischen Revolution; in Säckingen, wie überall in den vorderösterreichischen Landen, versammelten sich die Soldaten zum Schutz gegen die Franzosen. Aber sie kamen doch; plündernd zogen sie ins Land, zerlumpt und barfuß, warfen sie die Leute, deren sie habhaft werden konnten, einfach zu Boden und zogen ihnen Schuh' und Strümpfe aus. In den Häusern ging's nicht weniger wüst her, und wer sich widersetzte, Hab und Gut wegzugeben, dem wurde übel mitgespielt. Der Stiftmüller, damals im besten Mannesalter, erfreute sich einer etwas gelinderen Behandlung, weil die Franzosen Brot haben mußten, der Mühle also nichts geschehen durfte. Besonders schlecht aber erging's den Brüdern des Stiftmüllers; beide von Haus und Hof verjagt, der eine mit einem Bajonettstich im Arm, der andere noch nicht von einer schweren Krankheit genesen, so kamen sie mit ihren Weibern und einer Schar Kinder zur Mühle. Der Stiftmüller mit seinem runden Bäuchlein konnte nicht schnell genug die Treppe vom Fruchtspeicher herunterkommen, denn drunten hörte er die Frau zu den Ankömmlingen sagen: »Jo, ihr liebe Lütt', wie soll i euch alli unterbringe, do müeßt i jo mi gueti Stub' hergebe!«

»He natürli, natürli,« polterte der Stiftmüller die Treppe herunter, »so lang i e Plätzli hab' so lang habe mine Lütt' e Heimet – mach alle Thüre uf, Wib – i heiß euch herzli willchomme.« – Die Hauptmühe hatte nun freilich die Müllerin; sie stand den ganzen Tag in der Küche und sorgte und teilte ein; kam sie einmal heraus, schlug sie die Hände zusammen über die 165 Kinderwirtschaft; als sei der ungetrübteste Friede in der Welt, lachte und sang die Vettern- und Bäslischar in fröhlichster Kinderlust und ließ sich's wenig anfechten, daß sie in der Nacht mit dem Haupt auf dem »Bündeli« ruhen mußten – jeden Augenblick zur Flucht bereit. Denn immer neue Truppen zogen in das schwergeprüfte Städtlein ein, und das Brandschatzen und Plündern wollte kein Ende nehmen. Die Obstbäume wurden aus Mutwillen gefällt, die schönsten Holzstämme des Stadtwaldes den Rhein hinabgeführt und die Felder verwüstet; was den Franzosen sonst gefiel vom Eigentum der Bürger, wurde als Kontribution aufgepackt, und der erste beste Säckinger hatte die Ehre, den beladenen Wagen hinter den durchmarschierenden Truppen herzuführen.

Da nahm die Müllerin eines Tages den Laib Brot, den ihr Mann jeden Morgen auf den Tisch am Fenster zur Speisung der Armen legte, weg mit den Worten: »Oder hescht villicht Luscht, selber z' faschte, wil 's zum Hergebe nimme längt?«

»He natürli,« entgegnete der Stiftmüller, »glaubsch, mir schmeckt's, wenn d' Lütt' dus stöhn mit der stumme Frog: ›Wo ist ünser Brot‹?«

Da, als die Verzweiflung der Bürger, der Uebermut der Franzosen aufs höchste gestiegen war, ging's wie ein Lauffeuer von Mund zu Mund – der Erzherzog Karl kommt – die Kaiserlichen haben das Breisgau befreit – sie treiben den Feind über den Rhein! – Die Franzosen packten, was sie an Kleidungsstücken und Viktualien erheben konnten, noch schleunigst auf, forderten 166 eine große Summe baren Geldes und gingen damit über den Rhein, hinter sich die Brücke in Brand steckend.

Im Gefolge der Flüchtigen befand sich der Stiftmüller von Säckingen. Auf den Befehl hin, daß einer aus der Mühle den Transport der Kontribution zu übernehmen habe, hatte er sich nach kurzem Besinnen entschlossen, selber zu fahren und spannte demgemäß seinen alten Schimmel vor den Wagen. Da kam die Frau herbeigestürzt; sie hielt den alten, grauen Knecht, der sich versteckt gehalten, beim Wams und trat dem Mann in den Weg:

»Der hät z' goh, nit du, der Herr vom Hus, der Ma, der Vader, 's bescht was mer hänt – un i loß di nit – un du darfsch mer nit.«

»Natürli mueß i goh,« gab der Stiftmüller zur Antwort, »i cha doch des alt Wib, der Jokob nit schicke, schau numme, wie er do stoht, der stirbt jo vor Aengschte, ehnder uf 'm Wagen hockt – d' Brüeder aber sin z'chrank für so e wite Reis' – i denk', ich mach's scho, halte brav Hus un bliebe g'sund.«

Da hing sich das Weib an ihn: »I cha's nit natürli finde, si Wib, sine Chinder, si Hus un G'schäft z'verlasse, un in e sichere Tod z'goh!« –

Aber er ging. – Von nun an glich Säckingen einem Lazarett; alle Häuser, die Wagen auf den Gassen lagen voll verwundeter Franzosen. Bei Schliengen waren die Kaiserlichen über sie gekommen und trieben sie in wilder Flucht vor sich her. Der Feind aber pflanzte 167 seine Kanonen auf dem gegenüberliegenden Rheinufer auf, und die entlastete Stadt wagte noch nicht aufzuatmen.

Nach all den Plünderungen, immerwährenden Durchmärschen, Einquartierungen und Brandschatzungen kam nun die Not, und auch in der Stiftmühle war Schmalhans Küchenmeister. Aber so teuer das Korn, so schwer die Ernährung der vielen Gäste des Hauses, auf dem Tisch am Fenster lag Tag für Tag das Armenbrot, und so oft die Müllerin ein Stück hinausreichte, verfehlte sie nie, die Bitte hinzuzufügen: »Bete au e Vaterünser für mi Ma!«

Nachdem der Krieg ins Innere Oesterreichs gezogen, fing endlich auch die Stadt an, sich von ihren Heimsuchungen zu erholen; man schlief wieder ruhig in seinem Bett, baute sein Haus auf und bestellte das zusammengetretene Feld. Auch die Flüchtigen auf der Stiftmühle verließen das gastliche Dach, nachdem sie das eigene Heim zum Wohnen aufgerichtet. Die Müllerin aber saß Jahr um Jahr harrend am Fenster, schnitt Brot für die Armen und ließ für ihren Mann beten. Schon überragte sie der älteste ihrer Söhne, denn sie war klein von Gestalt, und die Fragen der Kinder: »Wann chummt der Vader?« wurden seltener. Haus und Geschäft blühten inzwischen unter der strengen und genauen Herrschaft der Frau tüchtig auf; sie gönnte sich keine Ruhe, um alles schön im Stand zu haben, wenn Gott es fügte, daß der Mann einst wiederkehrte.

Nur des Sonntags, wenn die Mühle feierte, das Gesinde zur Vesper gegangen war, und die Kinder auf 168 dem Kirchenplatze wilde Kriegsspiele aufführten, dann ruhte auch sie, an ihrem Fensterplatz zum vielhundertstenmal den Stoßseufzer einer betrübten Witib aus dem braunledernen Gebetbuch lesend. – So saß sie auch wieder einmal, als ein zerlumpter bärtiger Mann, Sandalen statt Schuhe tragend, in den Hof der Stiftmühle trat.

»Der schaut bös us,« murmelte die Müllerin, schnitt ein großes Stück Brot vom Laib und reichte es dem Mann zum Fenster hinaus, noch bevor er den Mund zu einer Bitte geöffnet. Er nahm das Brot mit zitternder Hand in Empfang, wollte sprechen, allein die Lippen versagten ihm den Dienst.

»Gelle, Ihr möchte gern e paar alti Schuh?« meinte die Frau.

»Kennscht mi denn nit?« fragte er.

Da schrie die Müllerin laut auf: »Mi Ma – Jesus im Himmel, mi Ma« – und fassungslos, schluchzend wie ein Kind, fiel sie über das Fenstergesimse an seinen Hals.

Und nun galt's, für den lang Verlorenen, Totgeglaubten zu sorgen; die Frau rief dem Knecht, und der alte Jokob kam herbei, verwundert den Kopf zur Thüre hereinstreckend. Da nickte ihm der Mann auf dem Ledersofa ernsthaft zu und streckte ihm die Hand entgegen. Und der Knecht taumelte, wie vom Schlag getroffen, in die Stube und stürzte laut schluchzend zu den Füßen seines Herrn nieder.

»Isch noch die alt' Marei,« sagte der Stiftmüller und schnellte sich die Thränen von den Wangen. »Stand 169 uf, Cherli, un hol' mer mine Chinder, sel isch g'schiter als hüle.«

Der alte Geselle erhob sich und wankte zur Thüre; dort wandte er sich noch einmal um: »Un 's Schimmeli, Herr?«

»Schamst di nit, unz'friedener Mensch,« schalt der Stiftmüller, »isch's nit g'nug, daß i do bin, soll an no der Schimmel her?«

Und der Knecht trollte sich mit der Versicherung: »Frili, frili isch's g'nug, aber 's hätt' mi halt no meh g'freut, wenn ihr beidi chomme wäre.«

»Ma,« sagte die Müllerin, nachdem sie ihre Thränen getrocknet, »jetzt sag' mer endli eis – wo bisch denn g'si in dene lange, lange Johre?«

»Sie hän mi ing'sperrt in Paris mit mine Landslütt' z'samme, mer denke scho, mer sin vergesse, endli chomme mer vor 's G'richt – frogt mi der Cherli, der Dolmetsch, ob's wohr, daß mer hinter der Armee her dütsche Lieder g'sunge? ›He natürli,‹ sag i, ›mer chönne in keiner andern Sproch singe, wil mer keini verstohnt.‹ – Druf frogt er, ob's wohr, daß mer im Cachet unser Kaiserhus habe lebe lo un der Erzherzog? ›Natürli,‹ sag i, ›solle mer ebber uf die Herre Franzose anstoße, die uns fünf Johr lang insperre, wil mer ne unser Eigentum ins Land g'fohre?‹ Druf heißt's bigott, mer wäre Spione – so übel mer's z' Muet gsi, i lach' dene Herre lut ins Gsicht: ›So, so, Spione – z' Nacht sin mer achomme un gli ins Cachet, und nit e einzigs Chirchtürmli g'seh – möcht' wisse, was mer do verrote solle, als daß mer in Angscht und Sehnsucht 170 uf die Stund blankt hän, wo's endli heißt: goht heim.‹ Noch e Wil hän sie diskuriert – i weiß nit, was es g'si isch, – z'letzt aber hän sie uns goh heiße. – Wib, Wib, i ha nit g'wüßt, daß's Menscheherz e so e g'waltige Freud fasse cha – i ha nit g'wüßt, daß es im Lebe e Seligkeit gibt, größer als d' Erd' und 's Himmelrich z'sammeg'nomme – i bin wie e Narr g'si, wie e Chind –«

In diesem Augenblick stürmten die Buben über die Schwelle mit dem jauchzenden Geschrei: »Der Vader isch do – der Vader!«

Und der Stiftmüller öffnete die Arme und drückte seine Kinder alle zugleich ans Herz, schluchzend und jubelnd in die Worte ausbrechend: »Gott si Dank un Lob un Pris in alli Ewigkeit!« –

»Ma, Ma,« unterbrach ihn die Frau, die Hände zusammenschlagend, »i glaub' gar, du hesch die Johre voll Chümmernis un Trübsal un schwerer Trennung scho jetzt vergesse?«

»He natürli,« gab er zur Antwort. 171

 


 

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