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Aus meiner Heimat

Hermine Villinger: Aus meiner Heimat - Kapitel 13
Quellenangabe
typenarrative
booktitleAus meiner Heimat
authorHermine Villinger
yearca. 1910
firstpub1887
publisherF. Fontane & Co.
addressBerlin
titleAus meiner Heimat
pages197
created20150102
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Das Leben des Leonhard Gras zu Grasseck.

Auf dem Wirtstisch zum silbernen Sternen im kleinen Dorf Neut lag zur dritten Nachmittagsstunde ein weißer Packen, um den etliche Männer und Frauen saßen, mit Essen und Trinken beschäftigt. Der Packen war der eben getaufte Leonhard Gras zu Grasseck, der mit dem Schlage drei die vierte Stunde seines Lebens antrat. Die Sonne schien ihm grell ins krebsrote Gesichtchen, er schloß und öffnete immerfort die Augen, was er gerade so mit dem Munde that, offenbar erfreut, wenigstens über diese beiden Körperteile Herr zu sein; denn sonst lag er, die Aermchen stramm an den Körper gewickelt, da, und nur der Kopf ragte aus dem weißen Leinen.

»Ja, Grassecker,« sagte die Hebamme zu dem nicht mehr jungen, sehr herabgekommen aussehenden Vater, der immer wieder sein volles Glas den beiden Taufpaten und der Hebamme entgegenhielt, »ja, ich kenn' reiche Leut', aber so lassen sie den Wein nicht fließen wie Ihr, so nicht!«

»Ich muß halt die Frau vergessen,« meinte der 117 Angeredete, »ich muß versuchen, über den Schmerz wegzukommen, ich muß mich hinein finden.«

»Das muß er,« nickte der Taufpate rechts.

»Er muß es,« nickte die Patin links, und sofort stießen sie andächtig mit dem Vater an, eine Pflicht, die sie keinen Augenblick außer acht ließen.

»Dem Kind geht's gut,« sagte die Hebamme, auf den kleinen Packen deutend; »denn wenn es auch die Mutter verloren hat, man braucht nur den Vater anzuschauen.«

»Ich will kein bekannter Schneider sein im Umkreis von drei guten Stunden,« rief der Pate rechts, »wenn man's ihm nicht deutlich ansieht, daß er einen aparten Namen hat. Ich hab' immer zu meinen Kunden gesagt: Zuerst kommt der Grassecker, denn er hat einen doppelten Namen und stammt vermutlich aus einem aus der Welt geschiedenen Rittergeschlecht.«

Die Patin nickte; sie ließ das Glas nie aus der langen dürren Hand, an der sie farbige Perlenringe trug; ihr Rock war braun, die Jacke grün, ums Haupt trug sie ein olivenfarbiges Tuch mit eingesetzten Flecken von allen Farben.

Sie nickte und sprach: »Ich weiß, was ich weiß; diese meine Hände haben mit adeligen Knochen und Lumpen zu thun. Ich kann's unterscheiden; ich weiß, was Bauernknochen sind und was Herrschaftsknochen sind. Ich kenn' mich aus. Der Bub' hat ein Gesicht wie ein Graf.«

Sie schaute von einem zum anderen, trank und hatte die Genugthuung, das Beste gesagt zu haben, denn 118 den Grafen überbot niemand. Der Vater in seiner Herzensfreude ließ frischen Wein kommen, schenkte ein und sprach: »Mein Vater selig, den das ewige Leben erfreuen möge, hat nur einmal gesagt: ›Wir sind Herrenleut' gewesen, aber 's ging schief.‹ Es liegt ein Fluch auf uns; wenn ich nur wüßt', was für einer!« Er starrte in sein Glas, die Antwort duftete ihm daraus entgegen, aber ohne Erfolg.

»Ich, die Hopsern,« begann die Hebamme als die angesehenste der Gesellschaft abermals den Reigen der Unterhaltung, »ich erklär', der Bub' wird gesund; zwanzig Jahr' trag' ich die Kinder von drunten nach Neut herauf, und es ist mir noch keins unterwegs gestorben. Aber solche Pausbacken wie der Leonhard hat noch keiner gehabt. Drum sag' ich, der wird gesund, wie der Fisch im Wasser.«

Der Schneider sprang in die Höhe: »Ich will nicht bekannt sein bis herauf nach Neut, wenn der Bub' nicht bei der Tauf' Augen gemacht hat, als verstünd' er alles und noch mehr. Ich sag' Euch, nehmt Euch zusammen, Grassecker, der thut keine Feldarbeit, das ist einer, der spekuliert auf seine Ahnenväter, und wenn ich's noch erleb', so baut er sich ein Schloß.«

Die Patin trank, nickte und sprach: »Ich weiß, was ich weiß; diese meine Augen haben sich noch nie getäuscht, ich kann adelige Gesichter von Bauerngesichtern unterscheiden, denn meine Lumpen und Knochen kommen aus Schlössern und Hütten, und ich kenn' mich aus. Er wird schön werden wie ein Prinz.«

Die Taufgesellschaft befand sich jetzt in einer Stimmung, 119 der nichts mehr übertrieben schien; wo sie noch mit ihren Vergleichen hingekommen wäre, blieb jedoch unentschieden, da die Wirtin plötzlich mit der Erklärung an den Tisch trat: »Ich schenke keinen Wein mehr, für das Kind ist's hohe Zeit, daß ihr fortkommt; da merkt man auch, daß keine Mutter daheim wartet!«

Als nun aber die Gesellschaft die Stube verlassen wollte, entstand ein solches Schwanken und Taumeln, Stoßen und Drängen unter der Thüre, daß Wirt und Wirtin herzuspringen mußten, um ein vollständiges Uebereinanderpurzeln zu verhüten. Alsdann standen die wackeren Zechbrüder und -schwestern unter dem blauen Himmel und lächelten einander an. Der Wirt aber spannte seinen Braunen vor den Leiterwagen, lud die Gäste hinauf, legte das Kind in die Mitte, und der Knecht Jonathan fuhr mit der Taufgesellschaft davon. Gar lustig ging's den Berg hinab über Stock und Stein, jedes wollte erzählen, keines zuhören – dann mit dem Abend wurde es allgemach ruhiger. Der Bauer und die Hopser neigten sich schlaftrunken die Köpfe zu, um bei jedem Zusammenstoß erschreckt in die Höhe zu fahren. Dem Schneider war nicht wohl; er hatte Anfälle von Seekrankheit und seufzte dazwischen zum Himmel hinauf:

»Ich kann den Mond nicht ertragen – thut mir den Mond weg – o ihr geliebten Mitchristen, holt mir das Rindvieh da oben vom Himmel, sonst muß ich sterben.« – Aber niemand kümmerte sich um ihn; die Lumpen- und Knochensammlerin sang mit krächzender Stimme ein Lied von einem Königssohn, wobei sie vor 120 Rührung über ihren eigenen Gesang laut schluchzte. Es war dunkel, als man im Orte drunten ankam. Der Leiterwagen hielt vor der baufälligen Hütte des Grassecker, der bei dieser Gelegenheit samt seiner Nachbarin aus dem Schlummer auffuhr. Man half sich beim Aussteigen, und Frau Hopser erklärte:

»Ich werd' also diese Nacht das Kind warten.«

»Und ich morgen,« nickte die Patin.

»So werden wir abwechseln, Grassecker,« versicherte die Hopser, »und immer wieder von vorn anfangen.«

»Gott vergelt's euch,« lallte der Vater und öffnete die Thüre seiner Hütte.

»Nun,« sagte die Hebamme, die Arme in die Luft streckend, »gebt das Kind her!«

»Das Kind?« wunderte sich die Patin.

»Das Kind!« schrie der Schneider und fuhr in beide Hosentaschen.

»Grassecker, habt Ihr das Kind nicht?« rief die Hebamme.

»Ich?« Er kam ganz ernüchtert zurück. »Das Kind habt doch Ihr?«

Man fiel über den Leiterwagen her; es half nichts, alles Suchen war umsonst. Das Kind blieb verschwunden. Jonathan fuhr mit dem Versprechen davon, auf den Weg zu achten. Unter den Zurückgebliebenen hagelte es Vorwürfe, von heftigen Bewegungen begleitet; jedes schrie, klagte an, verteidigte sich. Nach halbstündigem Toben merkte man, daß dabei nichts herauskam. Der Schneider duckte sich mit der Bemerkung, er sei erzkrank, worauf man ihn heimschickte; die Hebamme 121 verfügte sich ins Haus, um bei der toten Frau Wache zu halten, und Grassecker mit der Patin machte sich auf, um das verlorene Kind zu suchen. Die Nacht war stürmisch, als sie zum Dorf hinaus ins freie Feld traten; der Mann hielt mit beiden Händen seinen breitrandigen Filz, unter dem die langen Enden seines spitzen Schnurrbarts hervorragten. Der Lumpensammlerin gelbes Umschlagetuch bauschte sich hoch auf, und scharf traten ihre Kniee aus dem sie eng umflatternden Rock. Die beiden gingen so die ganze Nacht, sich bückend und beratend, den Weg zurück, den sie gekommen waren. In Neut oben klopften sie die Wirtsleute aus dem Schlaf, die aus den Betten fuhren und in den Nachtmützen am Fenster erschienen, verwundert auf das seltsame Paar starrend, das mit vor Kälte zitternder Stimme nach dem Kind verlangte. Es war nicht oben, und so schlotterten sie wieder den Berg hinab, nachdem sie sich auf der Bank vor dem Haus ein wenig ausgeruht und mit Schnaps erwärmt hatten. Als sie aus dem dunkeln Waldweg traten, lagen Wiesen und Felder in dichtem Nebel, hinter dem die blasse Morgensonne unruhig blinkte. Da und dort sah man einen Baum und jetzt auch die Spitze eines Hügels, auf welchem gehörnte Ziegenköpflein wie aus Wolken schauten.

»Dort oben muß der Hirt sein,« meinte die Patin, »den führt der Weg durchs Thal; gebt acht, der weiß was! Wenn ich so einen schnellen Gedanken hab', das ist allemal ein Fingerzeig!«

Sie kletterten den nassen, schlüpferigen Weg hinan; 122 als sie jedoch so unverhofft aus dem weißen Nebel traten, das Weib in seiner farbigen Tracht, die durch die eben durchbrechende Sonne doppelt wirkte, überkam den Hirtenbuben eine Angst, so daß er ein Kreuz schlug und dann mit verheißender Gebärde den Stab schwang. Des Bauern menschlicheres Aussehen, sowie dessen Ansprache, beruhigte den Buben; mit gesenktem Prügel, trotzig dreinschauend, erwartete er die beiden. Sie hatten ihn mit dem breiten Schafsfell über den Schultern und dem Hut im Rücken für einen erwachsenen Menschen gehalten; als sie näher kamen, bemerkten sie, daß der Bursche, der auf einem Felsblock stand, kaum acht Jahre zählen konnte.

»Du, Bub',« schrie ihm die Lumpensammlerin schon auf zwanzig Schritte entgegen, »hast du kein Kind gefunden?«

Der Hirt nickte, und damit standen beide dicht vor ihm.

»Wo ist's?« fragte der Vater.

Ein Achselzucken war die ganze Antwort.

»Aber wenn du's doch gefunden hast,« ereiferte sich die Patin, »wo hast du's gefunden?«

»Im Gras.«

»Was hast du damit gemacht?«

»Mitgenommen.«

»Wo aber hast du's gelassen?«

»Bei der Gansliesel – hat mir ihre Glaskugel dafür geben.«

»Hat's noch gelebt?«

Der Bube schaute eine Weile ganz erstaunt drein, 123 endlich kam er zu dem Schluß: »Da hätt' mir die Gansliesel auch die Glaskugel nicht geben.«

Mehr war nicht aus ihm herauszukriegen; wo sich die Gansliesel aufhielt, wurde dem Paar noch mit dem Stab gewiesen, dann verließ dieses den Hügel und eilte, was die Kräfte vermochten, hinab, der jetzt sonnenbeschienenen Wiese zu.

Und im blinkenden Tau saß wirklich ein Mägdlein und flocht sich die Haare, zwischen den Lippen einen Kamm haltend, an dem gerade noch zwei Zähne weit auseinander standen. Verwundert schaute sie dem heraneilenden Paar entgegen.

»Wo hast du das Kind?« rief Grassecker von weitem.

Die Kleine fing sofort an zu brüllen: »Möcht' meine Glaskugel wieder, meine Glaskugel wieder!«

Die Lumpensammlerin zog einen ihrer Perlenringe vom Finger und hielt ihn dem Mädchen hin: »Den bekommst, wenn du uns sagst, wo das Kind ist.«

Die Ganshirtin war ganz hingerissen von dem, was sie sah; ihr Kummer war wie weggeflogen, verlangend streckte sie beide Hände nach dem Ringlein aus. Allein die Lumpensammlerin schüttelte den Kopf.

»Ob dir der Geisbub' das Kind gebracht?« fragte sie.

Die Kleine nickte: »Ich soll ihm die Glaskugel dafür geben, hat er gesagt.«

»Und dann?« drang der unglückliche Vater in sie.

»Dann hab' ich's spazieren tragen.«

»Und dann?« schrie die Patin.

Das Kind besann sich. »Hab' heim wollen,« meinte es endlich und steckte alle zehn Finger in den Mund.

124 »Und da war dir das Kind zu schwer – war dir's nicht zu schwer?« fragte die Frau.

Die Kleine nickte: »Hab's der krummen Linze schenkt – sie hat ein Wägele.«

Die Lumpensammlerin schlug die Hände zusammen: »Wenn er das alles ausgehalten hat, Grassecker, so ist er zu was Besonderem geboren.«

Der Mann stand in Gedanken. »Ich muß heim, mein Weib jetzt begraben,« erklärte er: »ich muß doch dabei sein!« und seufzend kratzte er sich hinter den Ohren.

Da klopfte ihm die Patin ermutigend die Schulter:

»Wen Gott lieb hat, Grassecker, den züchtigt er!« worauf sie den weiten Weg ins Dorf zurückgingen.

Nach dem Begräbnis, am folgenden Tag, sah man alle viere zusammen auf die Wanderschaft gehen. Erst wurde die kleine Ganshirtin ins Gebet genommen, welche auf ihrem alten Platze saß, das Fingerchen mit dem blauen Perlenring weit von sich streckend.

»Den kriegt der Geisbub' aber nicht!« versicherte sie den Ankommenden. Von der krummen Linze wußte sie weiter nichts, als daß sie droben im Berg wohne. Nach längerer Unterhandlung begab sich die Gesellschaft ins nächste Dorf am Fuß des bewußten Berges. Man verfügte sich in den Laden, den einzigen des Ortes, und der junge Kaufmann empfing die Eintretenden mit außergewöhnlicher Zuvorkommenheit, da auf ihn die Leute aus dem Nachbardorfe den Eindruck von Großstädtern machten.

125 »Wir möchten gern wissen,« begann die Hopser, »wo eine gewisse krumme Linze wohnt?«

»Linze!« rief der Kaufmann, »das kann ich genau sagen, als wir da haben im Ort eine Hinse und noch zwei Linzen.«

»Aber die Linze, die krumm ist,« betonte Frau Hopser.

»Krumm, ganz recht; aber krumm ist nicht allein die Linze, krumm ist auch die alte Mitter-Bärbel, lahm ist der Schnupf-Peter und stumm der Armen-Hannes.«

Grassecker starrte, die Hände in den Taschen, fortwährend auf einen Fleck; der Zustand der Nüchternheit, in dem er sich seit zwei Tagen befand, bekam dem Gewohnheitstrinker übel. Der Schneider tanzte schon lange von einem Bein aufs andere, die Lumpensammlerin spielte fieberhaft mit ihren Perlenringen und Frau Hopser band ihre Haubenbändel auf, als fehle es ihr an Luft. Der Kaufmann aber hatte sich vor der Thüre aufgestellt, und als gälte es das Glück seines Lebens, redete er mit fliegender Hast alles herunter, was sich in Tagen, Wochen und Monden in seinem Hirn aufgespeichert hatte.

Seiner Rede that endlich der Aufschrei der Lumpensammlerin Einhalt: »Heiliger Sebastel, es ist eine Maus ins Butterfaß!«

»Schon wieder!« schrie der Kaufmann, ergriff die neben dem Butterfaß liegende Zange und machte sich über den Eindringling her. Diesen Augenblick benutzten die Unglücklichen, indem sie über Hals und Kopf zum Laden hinaus auf die Gasse stürzten. Natürlich war jetzt Stärkung vor allem das nötigste, und im 126 Wirtshaus beim Glas Wein fand denn auch jeder seine Lebensgeister wieder.

Der Wirt erteilte den Leuten genauen Bericht über den Aufenthalt der krummen Linze, die alle Woche einmal mit ihrem kleinen Karren in den Ort herunterkam und für die Heilmittel, welche ihre Großmutter braute, Eßwaren eintauschte. Der Weg hinauf dauerte drei gute Stunden. Die Hebamme war ihrer Wohlbeleibtheit wegen keine gute Fußgängerin, der Schneider hinkte ein wenig; also ging's langsam vorwärts.

»Wenn er den Weg da herauf überstanden hat,« meinte Frau Hopser, über die spitzigen Steine seufzend, »so steht ihm was Großes bevor.«

»Ich will nicht der bekannteste Schneider im Umlauf einiger Meilen sein,« ächzte das kleine Männlein, »wenn ich ihm nicht den ersten Rock als Patengeschenk zum dritten Geburtstag hinlege!«

Die Lumpensammlerin erklärte: »Ich weiß, was ich weiß. Meine Ahnungen sind wie die Sterne am Himmel. Ich sage, das Kind macht's klüger, als wir's uns alle einbilden. Wenn er nicht Pfarrer wird, so wird er was anderes, aber drunter nichts.«

Grassecker schmunzelte über die Ehre, die seinem Fleisch und Blut angethan ward, und that das Gelübde: »Meinen letzten Acker verkaufe ich zu einem Freudeschmaus, wenn ich sonst kein Geld herkrieg'.«

Gemächlich wanderte man weiter; durch die Bäume blinkte jetzt das Abendrot, wurde allmählich blässer und verschwand. Den Schneider überkam eine Gänsehaut im Waldesdunkel, denn die Lumpensammlerin behauptete, 127 lange weiße Gespenster zwischen den Baumstämmen wandeln zu sehen; es waren verstorbene Bekannte, von denen sie haarsträubende Beschreibungen gab. Frau Hopser war weniger abergläubisch, aber sie stolperte fortwährend, da sie den Weg nicht sah, und so wechselten Schreie des Schreckens mit Ausrufungen des Schmerzes.

An Grassecker, der gut zu Fuß war und keine Gespenster fürchtete, hing sich nun die ganze zitternde und zagende Gesellschaft fest, und so im Dunkel wälzte sich der Knäuel weiter, stürzte über eine Rinne, erhob sich, rannte an Baumstämme und gelangte endlich zerschlagen – Pate und Patin zähneklappernd vor Angst – am Ausgange des Waldwegs an. Der Gesang einer kindlichen Stimme, die hell in die Nacht hinaustönte, lockte die unglücklichen Fußgänger noch etwas höher; oben angelangt, blieben sie betroffen, eng aneinander gedrückt stehen. Der Mond beschien einen kleinen Friedhof. Um ein Hügelchen abseits bewegte sich eine hinkende Gestalt, Blumen über den kleinen Hügel werfend; dazu sang sie:

»Schlaf, Kindlein, schlaf.«

Wenig Schritte weiter, im Dunkel mächtiger Tannen, stand eine Hütte; durch das Fenster sah man ein Herdfeuer flackern, über dessen Glut sich ein scharfes altes Gesicht neigte.

»Geht voraus, Grassecker, 's ist Euer Sohn,« meinte der Schneider, sich an des Bauern Rockschoß festhaltend; alsdann gab er den Frauen die Weisung: »Nun kommt ihr hinter uns Männern drein.«

128 Also näherten sie sich dem unheimlichen Ort, und ihr Erscheinen brachte auf das kleine hinkende Mädchen einen solchen Eindruck hervor, daß es seine Blumen fallen ließ und laut aufschreiend der Hütte zueilte. Die alte Frau beugte sich aus dem Fenster.

»Wer ist da?« fragte sie mit furchtloser Stimme.

Grassecker erwiderte: »Wir sind gekommen, zu fragen, ob Ihr nicht ein Kind, Namens Leonhard Gras zu Grasseck, hier oben habt, das die hinkende Linze soll aus ihrem Karren mitgenommen haben?«

Die Alte beugte sich weiter aus dem Fenster und sprach, mit der Feuerzange nach dem kleinen Hügel deutend: »Dort liegt's – die Linze hat's mitgebracht schon halb tot. Heute abend hat's der Herr Pfarrer begraben.«

Einen Augenblick herrschte Todesstille, dann wandten sich die vier Gestalten gleichzeitig dem kleinen Grabe zu, das Wasserblumen und Waldblumen liebreich bedeckten.

»Er hat viel durchgemacht,« begann die Hebamme, worauf die ganze Gesellschaft in ein heftiges Schluchzen ausbrach, das lange kein Ende nehmen wollte. Fand nun der Vater diesen allgemeinen Schmerz nicht berechtigt – genug, er fragte plötzlich mitten aus seiner Trauer heraus: »Was brüllt ihr denn so? Ich aber hab' die Stütze meiner alten Tage verloren, denn dieser mein Sohn, der hier für ewig stumm liegt, hätt' mich zu Ehren und Reichtum gebracht.«

Da trocknete Frau Hopser schnell ihre Augen. »Grassecker,« meinte sie, »ich muß Euch nur gestehen, so weit wär's mit dem armen Kind seiner Lebtag nicht 129 gekommen; es war kaum auf der Welt, dacht' ich, was das Kind für kuriose Augen hat! Dafür hab' ich einen Blick, ich hab's nur nicht sagen wollen – aber mit den Augen war's nicht richtig, darauf laß ich mich verbrennen.«

»Ich will,« fiel ihr der Schneider ins Wort, »nie mehr in meinem Leben das rechte Maß finden, wenn ich nicht gedacht, das Kind ist unter der richtigen Größennummer, es ist zu kurz geraten; wo aber einer im Wachstum zurückbleibt, da scheidet er besser aus dem Leben.«

»Kurzum,« fügte die Lumpensammlerin hinzu, »es hatte einen Wasserkopf und war unfähig, zu leben.«

»So,« fuhr nun der Vater auf, »und wo bleiben denn auf einmal eure schönen Versprechungen – war er nicht zu klug, um Feldarbeit zu thun – hatte er nicht ein Gesicht wie ein Prinz – und der Herr Pfarrer, unter dem er's nicht that – hm?«

»Grassecker,« sprach die Lumpensammlerin mit Würde, »ich weiß, was ich sage. Ich hab' gesagt, das Kind macht's klüger, als wir's uns alle einbilden. Und hat er's nicht klüger gemacht? Er ist unter die Engel gegangen; ist das vielleicht unter dem Pfarrer?«

»Es ist drüber,« erklärten der Schneider und die Hopser.

Grassecker schaute auf den kleinen mondbeschienenen Hügel, nickte, fuhr sich mit dem Rockärmel übers Gesicht und sprach die denkwürdigen Worte: »Ein frühes End' hat noch keinen gereut.«

Worauf sie alle mit vollster Ueberzeugung »Amen!« sprachen. 130

 


 

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