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Aus meiner Heimat

Hermine Villinger: Aus meiner Heimat - Kapitel 12
Quellenangabe
typenarrative
booktitleAus meiner Heimat
authorHermine Villinger
yearca. 1910
firstpub1887
publisherF. Fontane & Co.
addressBerlin
titleAus meiner Heimat
pages197
created20150102
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Pf. T.

Ein großgewachsener, breitschulteriger Mann, sauber, aber nachlässig gekleidet, schritt, leise vor sich hinpfeifend, den Weg zum Friedhof entlang. Einige Kreuze ragten über die Mauer und glitzerten weithin unter den Strahlen der Nachmittagssonne. Hinter dem Heim der Toten erhob sich freundliches Hügelland mählich anwachsend in die blaue Ferne hinein.

Der Mann hielt vor einem der Steinmetzhäuschen und wollte die Thür öffnen, sie war verschlossen; nun klopfte er, riß ungestüm am Drücker, stampfte schließlich auf die Erde und ging nach der Rückseite des Hauses, wo er das erste beste Fenster mit der Faust aufstieß. Der Steinmetz mit seinem spärlich gelockten Haar fuhr zwischen seinen Kreuzen und trauernden Genien empor, indem er in ein zornig lachendes: »Zum Donnerwetter« ausbrach, »nicht einmal verschließen kann man sich vor Ihnen, ei, da soll doch gleich . . .«

»Ich laß nicht locker, bis ich meinen Willen hab',« erklärte der andere und legte sich mit der ganzen Breite seines Oberkörpers ins Fenster herein – ein derbes Menschenbild, das die Natur in einer ganz 107 besonders geschmacklosen Laune ins Leben gekleckst zu haben schien.

»Nicht locker laß ich,« wiederholte er und ein breites, ruhiges Lachen legte sich über sein Gesicht.

Der Meister drinnen schien Lust zu haben, mit dem Kopf gegen die Steine zu rennen, als ihn ein Gekicher aus dem Nebenraum, wo seine Gesellen arbeiteten, veranlaßte, die Thüre seiner Werkstätte zuzuwerfen.

»Mann« schrie er den Arbeiter an, »seit acht Tagen machen Sie mich täglich wild; könnt' ich, gäbe ich nach, um Friede zu haben, aber ich kann's nicht, 's ist Ungeschmack, lächerlich, und am Steinmetz bleibt's hängen; ich gravier' kein ›Pfui Teufel‹ auf einen Grabstein, ich nicht.«

Damit stand er in seinem langen Leinwandkittel am Fenster und versuchte, es zu schließen. Allein der Mann auf dem Gesimse rührte sich nicht.

»Pfui Teufel,« sprach er, »muß darauf stehen, es ist eine heilige Pflicht, seit meinem vierzehnten Jahre denke ich nichts anders, und ich bin jetzt Ende der Dreißig; so was giebt man nicht so leicht auf, auch wenn's Ungeschmack ist, das hat keine Bedeutung für mich.«

»Aber für mich,« schrie der Steinmetz; »heiliges Gewitter, sehen Sie denn nicht ein, daß es jedem wie Spott und Hohn erscheinen muß, ›Pfui Teufel‹ als Grabschrift.«

»Nu ja, schön ist's nicht,« unterbrach ihn der andere, »aber was kann mir daran liegen, wenn ich's eben diesem Wort verdanke, daß ich kein Lotterbube 108 worden bin, mit der Aussicht einer unfreiwillig staatlichen Versorgung. Hätt' mir ein frommes Gotteswort geholfen, das wär' hübscher, aber da es dieses war, will ich mich seiner nicht schämen.«

»Wie ging's denn eigentlich mit Ihrem ›Pfui Teufel‹ zu,« meinte der Steinmetz mit einem Anflug von Belustigung, »darf man's nicht wissen?«

Der Mann nickte: »Warum nicht? und wissen Sie's, thun Sie mir auch den Willen.«

Wie sich sammelnd, schaute er über die Kreuze und Steine hinweg ins Leere, und über seine groben Züge legte sich ein tiefer Ernst.

»Da hinten,« begann er, mit dem Daumen nach rückwärts deutend, »was man so Heimat nennt, war für mich der Wald; der Vater, Fabrikarbeiter, versoff alles; die Mutter keifte das Beste vom Tag weg; von mir dachten sie, ich habe meinen Dickkopf bloß dazu mit auf die Welt bekommen, damit jeder seinen Zorn drauf austrommeln könne. Aber mit Zwölfen schlug ich schon tapfer um mich, und Vater und Mutter hatten nicht weniger Beulen und Flecken aufzuweisen als ich; nur blieb die Mutter deshalb die mächtigere, da sie mich hungern lassen konnte; Eicheln im Wald waren oft mein ganzes Mittagessen, und ich träumte von nichts als einer Räuberbande, der ich mich anschließen könne. Einmal – ich sollt' nur unter der Bedingung ein Abendbrot bekommen, wenn ich ein schönes Bündel Holz nach Hause brächte – ging ich ein Stück in den Wald hinein und schaute in einen Seitenweg, hinter dem die Sonne glühend rot versank. Aus dem Gold heraus kam eine 109 kleine Gestalt mit einer so großen Last Holz auf dem Rücken, daß man darunter nichts sah, als ein Paar bloße dünne Beine. Wie das Kind näher kommt, es war ein Fabrikarbeiterskind, ich kannt' es wohl, nehm' ich ihm das Holz ab und sag': ›Laß sehen, wie schwer!‹

›Ich hab' auch den ganzen Tag gesucht,‹ sagt das Mariele.

›So, ja, das hilft nichts, ich behalt' das Holz.‹

›Gelt, du machst Spaß?‹ und sie langt nach ihrem Bündel.

›Ich mach' so wenig Spaß,‹ schrei ich sie an, ›als ich Hunger hab' wie ein Wolf.‹

Und nun lauf' ich heim, und sie immer nebenher:

›Gib mir mein Holz, wir haben so viele Kinder, ich kann nicht länger suchen gehen, es thut mir alles so weh, das Kreuz und die Seit' und die Kniee.‹

›Lügenbrut, was noch?‹ schrei' ich sie an.

Sie stellt sich mir in den Weg, sie streckt mir die gefalteten Hände entgegen, kleine wachsgelbe Hände: ›Gib mir mein Holz!‹

›Jawohl,‹ lach' ich, ›bin froh, daß ich's hab'.‹

Da ruft sie mir nach: ›Es ist nicht wahr, es kann keiner froh sein, der zu sich selber sagen muß: »Pfui Teufel!«‹

Des Abends bei der Suppe, die mir die Mutter zum Lohn für das Holz gekocht, schnitt ich Grimassen in die Fensterscheibe vor mir und höhnte laut: ›Pfui Teufel, ei pfui Teufel, und ich bin doch froh!‹ In der Nacht hatt' ich einen Traum; ein schönes goldiges Licht strahlte in der Ferne, und ich fing an zu laufen in 110 atemloser Hast, brennend vor Verlangen, es zu erreichen. Da sprach eine Stimme, ganz dicht an meinem Ohr: ›Pfui Teufel!‹ Ich fuhr aus dem Schlaf, ich wollte lachen, aber es saß mir wie in den Ohren fest und ich mußt' es hören, ob ich wollt' oder nicht. Mit dem Tag war alles vergessen, auch plagte mich kein Traum mehr in den Nächten. Da geschah's einmal, daß die Mädel so feierlich flüsternd mit Blumen und Kränzen aus der Schule zogen; ich frag', was es gibt, und es heißt: ›'s Mariele ist tot, ob ich's nicht sehen wolle, wie ein Engelein läg's im Sarg.‹ Nein, ich wollte nicht, ich rannte von den vielen Kindern weg, ich rannte blindlings in den Wald, weiter und weiter hinein, aber es half nichts, ich konnt's nicht aus dem Sinn kriegen – tot – 's Mariele tot. – Ich weiß nicht, wie mir der Gedanke gekommen, ich fang' an, Holz zu sammeln, ich bück' mich mit Lust, kriech' ins tiefste Dickicht, schlag' die Aeste von den Bäumen und ruh' nicht, bis ich einen Bündel beisammen hab', ums Doppelte so groß wie jener, den ich dem Mariele gestohlen. Es lag im Stall, der weit offen stand, ein Kerzlein flackerte drin und warf sein Licht über den kleinen Sarg; ringsum war's dunkel. Ich leg' mein Holz zu Marieles Füßen nieder und such' in meinem Kopf nach einem Gebet, such' und starr' dabei ins Dunkle. Da hör' ich's rascheln dicht am Sarg, und aus dem Dämmerschein hebt sich ein altes fahles Gesicht und nickt mir ernsthaft zu; zum erstenmal in meinem Leben steh' ich vor Schrecken rat- und thatlos. Dann aber seh' ich näher und merk', es ist die alte Großmutter, die bei der Totenwache 111 eingeschlafen und deren Kopf sich hin und her und auf und nieder bewegt, und was so raschelte, war die Ziege, die an den Blumen naschte, welche das tote Kind bedeckten, und manchmal stieß sie mit der Nase nach den wachsgelben Händchen, die da gefaltet lagen.

Nicht, daß ich ums Umsehen ein anderer geworden wär'; was sich früh zum Haken gebogen, ist nicht mit einem Schlage gerad zu biegen, aber es war mit der Gedankenlosigkeit vorbei, es schlug mir etwas in der Brust, wenn sich's um Schlechtigkeiten handelte.

Ich war in die Fabrik getreten, ein Mensch mit der Arbeitskraft eines Pferdes, indes was half's, ein gleichalteriger Kamerad, ein feiner Gesell', trug doch den Sieg davon bei der Tochter des Werkmeisters. Sie nannte mich Hampelmann, die Josephe, und wollte sich tot lachen, als ich eines Sonntags im schönsten Putz, wie ich mir einbildete, um die Ehre bat, sie zum Tanz führen zu dürfen.

Es liefen ihr vor Lachen die Thränen über die Wangen. ›Nein, mein lieber Hampelmann, ich geh nicht mit Ihnen zum Tanz, nicht um alle Welt!‹

›Warum?‹ frag' ich. Da führt sie mich vor den Spiegel, in dem sie nun freilich aussah wie eine Zuckerpuppe, und ich wie ein aufgeputzter Tanzbär, aber ich wiederhole doch: ›Warum?‹

›Wenn Sie denn keine Augen im Kopfe haben, weil jeder über Sie lachen müßt' und ich mit, und dazu sind Sie mir am Ende doch zu schad'.‹

Am Sonntag drauf ging sie mit dem anderen, und 's war ausgemacht, er war ihr Schatz. Da kam 112 die alte Roheit über mich; ohne zu zögern, hätt' ich dem Burschen sein Mädel gern weggenommen, wie damals dem Kinde das Holz, es war nicht so leichte Sache diesmal, und ich überlegte, wie's zu machen sei – und fand's auch . . . Reizen wollte ich den Kerl auf dem Tanzboden, ihn vor des Mädels Augen so schmählich durchbläuen, daß ihr die Lust an ihm vergehen solle. Aber – statt auf den Tanzboden rückten wir ins Feld, und als wir, die Wacht am Rhein singend, gegen die Franzosen marschierten, dacht' ich – vielleicht ist ihm eine Kugel bestimmt – so oder so – fallen muß er! – Wir standen beide bei den Grenadieren; er war mein Nebenmann – und in der Schlacht bei Nuits, mitten unter dem Hurrageschrei und Niederprasseln der Kugeln kam's über mich – jetzt! – und ich wollt' schon anlegen – da thut der Bursche einen Sprung in die Luft, und eh' ichs recht erfaßt, trifft mich's selber. – Das Pfeifen der Kugeln brachte mich, ich weiß nicht nach wie langer Zeit, wieder zu mir; ein Stöhnen zu meinen Füßen, die Worte: Wasser, Wasser, oder ich sterbe – waren das erste, was mein Ohr traf: ich richt' mich auf, vor mir liegt der Mann, dessen Tod mein heißester Wunsch war. – Er erkennt mich, sieht mir ins Aug':

›Du willst mich morden,‹ keucht er, ›jetzt, so elend – pfui Teufel!‹ –

Da war's heraus, da gellte mir's in den Ohren und fuhr mir durch und durch. – Ich geb' ihm zu trinken, reiß ihm den Rock auf und lege sein Haupt auf meinen Schoß – so warten wirs ab, bis man 113 kommt und uns holt. – Er ist nicht gleich gestorben; er hat die Heimfahrt noch überstanden, und sein Schatz hat ihn gepflegt und ihm die Augen zugedrückt. Ich hab' sie lange nicht gesehen, mich auch nicht hingetraut, nachdem sie längst die Trauerkleider abgelegt. Es herrschte damals viel Unruh' unter den Fabrikleuten; Grollen und Drohen ging von Mund zu Mund; die meisten der jüngeren Männer kamen aus dem Krieg – das Feldleben hatte sie roh und unstät gemacht – nun plötzlich wieder das schwere Arbeiten, die alte Not des Nichtauskommens. Man hielt eine geheime Zusammenkunft: Lohnerhöhung! lautete die Losung; wurde sie nicht bewilligt, Gewalt. Immer lauter und frecher ging's her, das eigene und anderer Leben hatte keinen Wert mehr für Leute, denen das Kriegshandwerk noch in den Adern spukte. Ich saß und trank und schüttelte den Kopf, als ein paar Gesellen zu höhnen anfingen:

›Oho, der Hampelmann hätt' wohl Lust, eine Schlafkappe zu werden und fein den Hinterlistigen zu spielen, um dem Werkmeister schön zu thun – man weiß ja, wer dem Hampelmann im Kopf steckt –‹

Ich schaff' mir Platz, einen ausgiebigen, bei Gott! ich hole den Sprecher am Rockkragen vom Tisch und stell' mich selber hinauf:

›Männer,‹ sag' ich, ›ich verberg's nicht, ich bin nicht einverstanden, zum Drohen und Morden sind wir zu gut; ich denk', wir zeigen dem reichen Mann, der aus silbernen Schüsseln ißt, daß der Arbeiter unter seinem groben Kittel auch so was wie ein Gewissen hat, und wenn ihr wollt', ich sag's ihm selber in's Gesicht: 114 Herr, uns reicht der Lohn nicht aus zum Sattwerden, und hier im Haus, da laufen die Schüsseln über; ich hoff', es schmeckt Ihnen nicht, Herr, wenn Sie sich sagen, meinen Leuten geht's zu knapp, denn wenn's Ihnen doch schmeckte, das wär' nicht hübsch, nicht gleich anständig gegen uns gehandelt, wie wir gegen Sie handeln. Sintemalen, Herr, wir ausgezogen sind, um das zu bitten, was uns zukommt, nicht um darum zu raufen und zu händeln, indem wir uns nicht gern in die Lage bringen möchten, zu uns selber sagen zu müssen: Pfui Teufel! Und die Lage, Herr, die werden auch Sie vermeiden wollen, denn sie ist mißlich und verteufelt schief –‹

Darauf kommen die Vernünftigsten überein: ›Wenn der Hampelmann selber zum Herrn gehen will und ihm das sagen, genau so wie er's uns gesagt, so wollen wir zuwarten.‹

Ich versprach's; ich wollt's am Sonntag thun. Am anderen Morgen werd' ich vom Werkführer von der Arbeit weg zum Herrn hinauf befohlen. Rußig, im blauen Kittel tret' ich hinter dem Alten ins Bureauzimmer. Da kommt der Herr direkt auf mich zu: ›Sie sind ein braver Mann, geben Sie mir Ihre Hand, wenn sie auch schwarz ist, nur ruhig her damit! Ich habe Wind bekommen, gestern abend, vom Nebenzimmer aus alles gehört, meine Leute sollen satt zu essen haben, vor Ihnen aber allen Respekt, allen Respekt –‹

's war der erste Respekt, der mir im Leben so mir nichts dir nichts geworden! Wie mit Gewalt zog's mich nach dem alten Kirchhof hin, dort, wo die Kinder 115 liegen; als Bube hatt' ich selbst das Kreuzlein geschnitzt und mit Wagenschmiere den Namen ›Marie‹ draufgemalt; ich fand's, halb zersplittert, aus dem hohen Grase ragen, und wie damals gelobt ich's auch diesmal, ihr einen Grabstein zu setzen mit den zwei Worten, die mich zu dem gemacht, was ich bin, denn ich war nicht von guten Eltern, und was ich ohne die zwei Worte, genug – der Vorsatz war gefaßt – nur kam so allerlei dazwischen – die Josephe ist jetzt meine Frau, und es liegt ihr nichts mehr daran, wenn die Leute auch manchmal noch über mich lachen; zwei Buben, die Hampelmännlein nennt man sie in der Fabrik, holen mich zu Mittag heim; doch, daß ich's nur gestehe, einen Ehestreit hatten wir all die Jahre her; auch sie wollt' nichts von der Inschrift wissen.«

Nie wohl im Leben mochte der Hampelmann lächerlicher ausgesehen haben, als jetzt in dem erfolglosen Kampfe zu lachen, während ihm die Rührung den Hals zusammenschnürte.

Der Steinmetz nahm von diesen Anstrengungen keine Notiz:

»Wie wär's,« meinte er, tüchtig darauf los hämmernd, »wie wär's, Mann Gottes, wenn ich zum Beispiel ein Relief in den Stein machte mit einem Engel und darunter bloß die Anfangsbuchstaben ›Pf. T.‹? Sie wissen, was sie bedeuten, und niemand kann sich sonst dran stoßen.«

»Bei Gott,« schrie der Mann und schlug fast das Fensterkreuz entzwei, »da sieht man, was ein feiner Kopf ist, – ich kapitaler Esel, ich – nun, nichts für ungut, lieber Meister, wegen der Quälerei – ein Engel also und ›Pf. T.‹!« 116

 


 

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