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Aus meiner Heimat

Hermine Villinger: Aus meiner Heimat - Kapitel 11
Quellenangabe
typenarrative
booktitleAus meiner Heimat
authorHermine Villinger
yearca. 1910
firstpub1887
publisherF. Fontane & Co.
addressBerlin
titleAus meiner Heimat
pages197
created20150102
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Heiligen von der Quell'.

Ueber das Geländer gelehnt, unter dem die Wunderquelle plätscherte, beobachteten zwei junge Geistliche das Getreibe der Wallfahrer, die seit dem Nachmittagsgottesdienst in buntem Durcheinander das wunderthätige Wasser umdrängten. Es kam aus einem Fels, an den sich die Kapelle anschloß; rechts und links vom Brünnlein erhoben sich die weißen, grobgeschnitzten Statuen der Heiligen von der Quell'; der eine trug eine Hacke, der andere ein Gefäß übersprudelnden Wassers, das aber nicht recht zu erkennen war, weshalb ihn die Bauern kurzweg »den mit dem Rauchfaß« nannten. Die Legende berichtete, daß die beiden, von einem grausamen Heidenmenschen zum Tode des Verschmachtens verurteilt, plötzlich ein leises Pochen im Innern des Felsens vernommen und nach kurzem Graben die Quelle entdeckt hatten.

Diese füllte seither geduldig Krug um Krug, sprudelte lustig über alle möglichen kranken und krummen Gliedmaßen und verschlang in ihrem traulichen Gemurmel gutmütig alle andächtigen und unandächtigen Vaterunser. Auch nahm die Zahl der frommen Gläubigen mit der Zeit, wie sich's heuer wieder zeigte, eher zu als ab; nur 98 schien sich gegen Abend plötzlich ein allgemeines Magenknurren zu verbreiten, denn ebenso lebhaft, wie man sich zur Kapelle herein gedrängt hatte, drängte man nun zur Kapelle hinaus, und bald bewegte sich das ganze lebhafte Farbenspiel von roten Westen, blauen Röcken, grünen Schürzen und weißen Hemdärmeln dem Gotteshaus gegenüber im Wirtshause, wo ebenso eifrig gejohlt und gezecht als vorher gebetet wurde.

Auch die Geistlichen schickten sich an, die kleine Brücke, welche den oben geteilten Fels verband, zu verlassen, als sich der jüngere plötzlich mit der Bemerkung umwandte:

»Ei, schau, das kleine Mädel; ich hab's schon den ganzen Nachmittag mit seinem großmächtigen Krug da hinten warten sehen; was das wohl für einen Kummer haben mag?«

Die Herren lehnten sich übers Geländer und schauten dem Kind eine Weile zu; es trug ein vielfach geflicktes Röcklein über dem groben Hemd, das Haar fiel ihm leicht gelockt bis tief in den gebräunten Hals.

Gar eifrig war's beschäftigt, mit dem an einer Kette befestigten Becher Wasser in den großen Krug zu schöpfen, denn es vermochte diesen nicht zu dem sprudelnden Quell empor zu heben.

»Wem gehörst, Kind?« fragte der jüngere der Geistlichen, dessen Augen einen gar munteren Glanz besaßen.

Die Kleine blickte auf: »'m Kuhhirt droben, aber ich mag ihn nit –«

99 »So, – ei der Tausend! Warum magst den Vater nicht, sag'?«

Die blauen Augen des Kindes schauten voll tiefen Ernstes zu dem Frager empor:

»Zuerst ist er mei'm Mütterli nachg'laufen, daß 'm die Wädeli g'wackelt haben, und jetzt haut er's.«

»Was du nicht sagst! Und warum holst nun vom heiligen Wasser?«

»He, darum!«

»Du denkst, das hilft?«

»Freili, 's hat auch der Nachbari ihrem Pepi g'holfen –«

»Was hat ihm denn gefehlt?«

»Ein krank's Herzli.«

»Und ist gesund worden?«

»Wie ein Vögeli –«

Der Krug war voll, und das Kind nahm ihn mit vor Anstrengung geröteten Wangen vom Boden auf.

»Halt!« rief der Frager, »das kannst ja nicht tragen, so viel braucht's nicht.«

»Freili,« versicherte es, »der Vader ist gar ein großer Mann.«

»Ja, Kind, wie willst's denn aber machen mit deinem Wasser?«

»Ich schütt's ihm halt über den Kopf, wenn er schlaft,« erklärte es, »und bet' jetzt noch sieben Vaterunser zur Schmerzhaft'.«

Und mit den bloßen Füßchen lautlos über den Boden gleitend, kniete es vor den Seitenaltar nieder, pflanzte den Krug vor sich hin und hub an, zu beten. 100 Der Mond, voll zum Fenster herein scheinend, umfloß die kleine Gestalt; sie sprach ihre Vaterunser laut und unterließ nie, die Zahl vor ein jedes zu setzen. Die jungen Geistlichen lauschten auf das silberne Stimmchen, als hätten sie in ihrem Leben noch kein Vaterunser gehört; ungefähr beim fünften wurden die Worte des Kindes wirr, es folgte ein Stocken, dann ein Lallen, zuletzt ein leiser Fall. Die Lauscher eilten herbei und fanden die Kleine im besten Schlummer auf dem geblümten Altarteppich liegen.

»Wird hungrig sein, wenn's aufwacht,« meinte der Jüngere, eilte zur Kapelle hinaus und kam gleich darauf mit einem Stück Brot und ein paar Aepfeln zurück, die er neben das Kind hinlegte. Dann schauten sie ihm zu, wie es so ruhig atmete, den linken Arm fest um seinen Krug Wasser geschlungen.

»Wenn nur zu helfen wär',« meinte der Aeltere, »aber ich bin schon droben gewesen, da könnt' man ebensogut der Herde als dem Hirten predigen.«

Der andere besann sich eine Weile; plötzlich lachte er laut auf und flüsterte dann dem Kollegen etwas zu, wobei er eine sehr bezeichnende Bewegung mit der Hand machte. Es war nämlich noch gar nicht lange her, daß er selber ein derber, fröhlicher Bauernbube gewesen, und darum glaubte er auch ganz genau zu wissen, was bei seinesgleichen zu wirken pflegte. Und das Kind in Gottes Hut lassend, eilten die beiden unter anhaltendem Lachen und Kichern zur Kapelle hinaus.

Die Nacht war herrlich, ein Meer glitzernder Sterne wölbte sich über der Hochebene, allwo Vieh und Hirte 101 in Frieden ruhten; nur ein Rappe ragte stolz aus der Schar behäbiger Wiederkäuer, mit gesenkter Mähne das mondbeschienene Gras stampfend; dabei schaute er sich manchmal leise wiehernd um, als bedauere er, daß niemand teilnahm an seiner Verklärung. Allein sämtliche Kuh- und Ochsenaugen waren geschlossen und die des Hirten blickten grämlich in den dunklen Schatten, den er selber warf. Regungslos lag er da, den Kopf auf einen gefällten Baumstamm stützend, eine verdrossene Natur, nicht eben schlecht, aber so zerfressen von innerer Langweile, daß ihm der Anblick eines frohgemuten Gesichtes weh that. Darum, wenn er heim kam und fand sein Weib rührig bei der Arbeit, stets aufgelegt zum Schwatzen, war er überzeugt, solch' ein Gebaren könne nur von strafbarem Leichtsinn herrühren, und also fing der Tag unwiderruflich damit an, daß er schon unter der Thüre nach seiner Kätter schrie, worauf sie zähneklappernd, mit der Morgensuppe in den Händen, in die Stube trat. Alsdann dampfte die Suppe entweder zu stark oder sie dampfte zu wenig, und unter heillosem Geschimpfe über das gottvergessene Weibervolk schwang der Hirt seinen Prügel über dem Rücken der Gattin. Im übrigen lebte man in vollständigem Frieden, nur wurde der Frau Sitzen und Gehen oft sauer, und dann meinte sie wohl mit einem Seufzer: »Wie nett haben's doch die, die sich nit der ganz' Tag selber spüren.«

Als der Hirte eben seinem Rappen, der sich mit schnaubenden Nüstern an ihn herandrängte, einen Stoß versetzen wollte, that dieser plötzlich einen wilden Satz mitten unter die ruhenden Rinder und sauste dann mit 102 fliegender Mähne, an Gestein und Geröll Funken schlagend, über den weiten Platz hin. Mit lautem Gebrüll fuhren die erschreckten Tiere in die Höhe, stießen aneinander, überpurzelten sich und stoben schließlich wie die wilde Jagd nach allen Richtungen. Der Hirt war aufgesprungen; statt sich aber um sein Vieh zu kümmern, starrte er aschfahlen Gesichts zwei Erscheinungen entgegen, die langsam, völlig lautlos den Weg heraufkamen; sie trugen lange weiße Gewänder und ihre Züge waren von gespensterhafter Blässe; der eine hielt einen mächtigen Prügel in der Hand, und der andere schwang ein Rauchfaß, aus dem feine Funken zum Himmel stiegen. Kaum atmete der Hirt den Weihrauch ein, als er mit dem Aufschrei: »Die Heiligen von der Quell'!« platt auf die Nase fiel.

»Kopf in die Höhe, Hirt,« sprach der mit dem Prügel. »Deine Stunde ist gekommen; glaubst, wir haben's nicht satt da oben, ruhig zuzuschauen, wie du dein Weib haust?«

»Will's gewiß nimmer thun,« heulte der Mann.

»Ja freilich,« sagte der Heilige, »damit kommst nicht weg, – erst der Denkzettel und dann die Verordnungen – leg' dich 'rum, Hirt!«

Er that, wie ihm befohlen, und wuchtige Stockschläge bearbeiteten ihm alsbald die Glieder. Der zweite Heilige schwang unverdrossen das Rauchfaß, und gar lieblich waren die Düfte, welche dem Hirten in die Nase stiegen; er stöhnte und wimmerte und krümmte sich vor Schmerz, aber laut zu schreien wagte er nicht, denn wer hätte ihm sollen gegen zwei Heilige beistehen? Da sagte der 103 mit dem Rauchfaß: »Ist genug!« – Und sofort hatten die Schläge ein Ende. Schluchzend erhob sich der Zerbläute:

»O du – mit dem Rauchfaß – o dir stift' ich gewiß eine Kerz'!« greinte er.

Die Rauchwölkchen wurden jetzt so stark, daß die Gesichter der Heiligen für einen Augenblick ganz verhüllt waren; dann sprach der mit dem Prügel:

»So, jetzt weißt', wie Schläge thun, und rührst das Weib noch einmal an, so mach' ich dir den Garaus. Wird dir aber im Laufe des Tages ein Zeichen in Gestalt eines Wasserstrahles – wo er auch herkommen mag – halt' still, bet' ein Vaterunser und thu' ein heilig' Gelübd', denn unsere Ohren reichen durch Ritzen und Mauern, und unsere Hände noch ein Stück weiter. Jetzt leg' dich auf's Gesicht, Hirt.«

Er fiel nieder, und als er sich voll Ehrfurcht wieder aufrichtete, waren die beiden Gestalten ebenso lautlos verschwunden, wie sie gekommen waren, und nur ein leiser Weihrauchduft erfüllte noch die Lüfte.

Nun galt's, das verlaufene Vieh zusammen zu treiben – ein schwer Stück Arbeit für elend zerschlagene Glieder –, und so erschien denn auch der gestrenge Eheherr viel später als gewöhnlich in seinem Häuslein unterhalb des Weideplatzes. Er rief nicht nach Kätter unter der Thüre, sondern warf sich mit ächzendem Laut aufs Bett, wo er nur zu stöhnen, nicht zu schimpfen wagte, eingedenk der langen Ohren der Heiligen. Am Ende schlief er aber doch aus lauter Erschöpfung ein, und sein Aechzen ging allmählich in Schnarchen über.

104 Die Frau mit der Suppe lauschte an der Thüre und getraute sich nicht hinein. Sie hätte so gern gefragt, ob die Kleine mit auf der Weide gewesen in der Nacht; das geschah manchmal, denn gegen das Kind war er gut. Endlich überwand sie ihre Furcht und trat in die Stube; sie setzte die Suppe auf den Tisch und blieb ratlos daneben stehen, den schlafenden Mann anstarrend. Plötzlich kam ihr ein entsetzlicher Gedanke:

»Es geht nit mit rechten Dingen zu, daß er so friedlich liegt – er will dir einen Tuck anthun« – und unter den heftigsten Schlägen war ihr nicht so unheimlich zu Mut gewesen, als in diesem Augenblick.

Da plötzlich erschien das Kind unter der offenen Thüre, von der Morgenröte ganz umflutet.

»Je, wo kommst denn her?« schrie die Frau auf und kauerte sich zu ihm nieder, »und der schwer' Krug – und wie dein Herzli klopft – Jesus Maria!« – Sie fuhr ihm mit der Schürze über das erhitzte Gesichtchen. – »Ja, Kind, aber so red' doch, wo kommst her?«

»Von der Quell'!« flüsterte es und legte den Finger auf den Mund. »Weißt, Mütterli, 's ist heilig's Wasser, und ich leer's dem Vader über den Kopf, dann schlagt er dich nimmer, – g'wiß nimmer!« setzte es mit strahlender Zuversicht hinzu.

Die Frau überfiel ein Zittern: »Thu's lieber nit, er könnt' wild werden – er ist gar so schlecht im Gemüt heut'!« –

»Aber wenn's doch heilig's Wasser ist, Mütterli!« unterbrach sie die Kleine, nahm ihren Krug und schleppte ihn zum Bett des Vaters.

105 Die Frau hielt sich die Ohren zu; da sie es indes nicht wagte, an der Heiligkeit des Wassers zu zweifeln, rannte sie wie der Blitz in den Stall und warf sich dort, in Erwartung von etwas ganz Ungeheuerlichem, auf die Spreu. Die Kleine aber stand hinter dem Kopfende des Bettes auf einem Stuhle und leerte bedächtig ihren Krug über das Haupt des Schnarchenden. Erst schnappte der Hirt, zum Tode erschrocken, ein paarmal nach Luft, dann wollte er fluchend aufspringen, als ihn sein Rückgrat energisch an die Verordnungen des Heiligen erinnerte. Ganz verzweifelt, mit den Zähnen klappernd, begann er sein Vaterunser, indes das Kind mit heiligem Eifer den Krug tiefer und tiefer bog, damit ja kein Tröpflein des köstlichen Wassers zurückbleibe.

»Nun ja, – Herrgott Donnerwetter, hört auf – ich mach' mein Gelübd' – fort mit dem Prügel – ich rühr' den Prügel – Zeit meines Lebens – nimmer an –«

Aufjauchzend ließ das Kind den Krug sinken, sprang vom Stuhle, holte den Prügel aus der Ecke und war damit zur Thüre draußen, ehe noch der durchnäßte Mann aus den Augen sehen konnte. Ein paar Minuten später kam die Kleine in atemloser Hast in den Stall gestürzt:

»Mütterli, er ist fort, – der Prügel ist fort – der ganz' Berg 'nunter – niemand find' ihn mehr, – gelt aber, jetzt bist froh?«

Und die Frau zog ihr Kind auf den Schoß: »Du Engeli Gottes!« flüsterte sie und herzte und küßte es. 106

 


 

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