Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Selma Lagerlöf >

Aus meinen Kindertagen

Selma Lagerlöf: Aus meinen Kindertagen - Kapitel 9
Quellenangabe
authorSelma Lagerlöf
titleAus meinen Kindertagen
publisherAlbert Langen
year1931
printrun1. bis 10. Tausend
translatorPauline Klaiber-Gottschau
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20190424
projectid278d7116
Schließen

Navigation:

Die Marseillaise

Wenn mich nur Onkel Christofer nicht entdeckt hätte, als ich dort neben dem Stachelbeerstrauch saß und in der Offenbarung las, und wenn er nicht mit Vater darüber gesprochen hätte, und wenn Vater dann nicht Mutter darüber ausgefragt hätte, dann wäre Vater gewiß ganz gesund geworden. Aber da er jetzt alles miteinander erfahren hat, ehe ich fertig war, konnte es ja nichts helfen, und er mußte seine Krankheit behalten.

Im Sommer geht es Vater ziemlich gut, aber sobald es im Herbst kalt wird, stellt sich der heftige Husten wieder ein, der gar nicht besser werden will, obgleich Vater jeden Abend unter den Füßen mit Unschlitt eingeschmiert wird und den Strumpf, den er bei Tag am linken Bein trug, um den Hals wickelt.

Mutter bittet immerfort, er solle doch nach dem Doktor in Sunne schicken. Aber Vater sagt, er wolle Doktor Piscator nur sehr ungern herkommen lassen, denn »er ist ein schrecklicher Hocker«, sagt er. Seht, Doktor Piscator hat sein ganzes Leben in Upsala verbracht, und da hatte er sich daran gewöhnt, bis in die späte Nacht hinein aufzusitzen und Toddy zu trinken. Vor zwei Uhr am Morgen wird man ihn nicht wieder los, und das findet Vater allzu anstrengend.

Statt dessen versucht Vater sich selbst zu kurieren. Er macht Schluß mit den Spaziergängen auf der Landstraße, die er sonst jeden Tag unternimmt; denn wenn er Bekannten begegnet, muß er stehenbleiben und mit ihnen plaudern. Vater hat Angst, er könnte sich erkälten, wenn er stehenbleibt. Mutter meint allerdings, er brauchte ja nicht stehenzubleiben und mit den Leuten zu reden, er solle nur grüßen und weitergehen, aber Vater sagt, das wäre ihm unmöglich.

Jeden Abend will Vater Roggenbrei essen. Er will keine Einladungen mehr annehmen, weil er in den andern Häusern keinen Roggenbrei bekommt. Mit knapper Not kann Mutter ihn dazu überreden, nach Sunne in die Propstei zu fahren, um den Professor Fryxell zu besuchen. Ja, er wollte nicht einmal nach Gårdsjö mitkommen, bis Tante Augusta auf den Gedanken kam, Jungfer Stina Roggenbrei für ihn kochen zu lassen. Er ist auch nicht erfreut, wenn Gäste zu uns auf Besuch kommen, denn Tante Lovisa ist es eine Verlegenheit, wenn er dann am Tisch sitzen und Roggenbrei essen soll; sie tut dann, als habe sie den Brei vergessen.

Aber Vater gibt nicht nach. Er sagt, er werde nie wieder gesund, wenn er seinen Roggenbrei nicht bekomme, Tante Lovisa ist also gezwungen, ihm einen Teller voll Grütze vorzusetzen, einerlei, wie viele und wie vornehme Gäste wir haben.

Vater ist auch darauf gekommen, vor dem Gabelfrühstück einen und vor dem Mittagessen zwei Schnäpse zu trinken. Er sagt, Branntwein sei das beste von allen Heilmitteln, und wenn er diese Arznei nur genügend lange einnehme, werde er vollkommen gesund sein. Das weiß Vater so gewiß wie nur etwas. Vater hat vor seinem siebzehnten Jahr niemals Branntwein gekostet; aber dann bekam er einmal einen Schüttelfrost, und da hat ihn die Großmutter mit Branntwein wieder gesund gemacht. Aber Mutter und auch Tante Lovisa sagen, nach dem, was sie gesehen hätten, würden die Menschen vom Branntweintrinken nur verrückt und elend. Aber darin will Vater ihnen nicht recht geben, sondern er behauptet, es gehe ihm mit jedem Tag besser.

Aber wir Kinder sehen wohl, wie krank Vater ist, denn an den Abenden spielt er jetzt nie mehr Haschhasch mit uns.

Einen ganzen Winter lang hat Vater nun an sich selbst herumgedoktert, und jetzt auch schon weit in den zweiten hinein. Aber nun ist sein Husten auch so schlimm, daß er Tag und Nacht keine Ruhe hat.

Mutter würde sofort den Doktor kommen lassen; aber Vater sträubt sich aus aller Macht dagegen, denn jetzt ist zwischen Frankreich und Deutschland Krieg, und seit der angefangen hat, ist es noch viel gefährlicher als vorher, Doktor Piscator holen zu lassen.

Seht, der Doktor steht auf Seite der Deutschen, und das tut ja sonst kein Mensch. Er hält sie für außerordentlich tüchtig und kann nie aufhören, von ihnen zu reden. Einmal, als er bei Nilssons in Visteberg war, gerieten er und Herr Nilsson in eine so aufgeregte Aussprache über Frankreich und Deutschland hinein, daß sie die ganze Nacht hindurch miteinander weiter stritten. Frau Nilsson mußte dem Doktor noch ein Frühstück vorsetzen, ehe er abfuhr. Es ist also ganz wahr, was Vater sagt, nämlich, daß es geradezu ein Wagestück sei, den Doktor Piscator zu holen.

Aber schließlich setzt Mutter ihren Willen doch durch, und der Doktor wird an einem Nachmittag geholt. Als er eintrifft, ist es noch nicht einmal vier Uhr, und nachdem er Vater untersucht und ihm ein Rezept aufgeschrieben und noch Kaffee getrunken hat, hoffen wir alle bestimmt, er werde nun gleich abfahren.

Aber siehe, er bleibt sitzen und schwatzt und schwatzt. Als es fünf Uhr ist, bestellt Vater heißes Wasser und Zucker und Kognak ins Schlafzimmer, damit der Doktor einen Toddy bekommt, denn ohne den fahre er nicht ab, sagt Vater.

Den Tag über war es nicht besonders kalt gewesen, aber gegen Abend wird es plötzlich bitterkalt. Um halb sechs Uhr zeigt das Thermometer schon zwanzig Grad. Wir sitzen um den runden Tisch im Eßzimmer und machen wie gewöhnlich Handarbeiten. Wir häkeln und sticken und nähen, aber wir fühlen, wie die Kälte durch den Fußboden hereindringt und unsere Füße allmählich wie Eisklumpen werden. Und wir bedauern den Stallknecht von ganzem Herzen, weil er den Doktor in einer so kalten Nacht nach Sunne zurückfahren muß.

Als es sechs Uhr ist, fragt Tante Lovisa, ob der Doktor am Ende zum Abendbrot dableiben wolle; aber Mutter und Aline Laurell beruhigen sie und sagen, das könnten sie sich nicht denken. Warum sollte er denn dableiben? Ein Doktor müßte doch wohl so viel Verstand haben, zu begreifen, daß Vater zeitig zu Bett gehen müßte.

Während wir noch darüber reden, kommt die Haushälterin herein. Sie sagt, am Himmel sei etwas ganz Wunderbares zu sehen, und sie meine, die Herrschaften sollten herauskommen und es sich anschauen. Wir holen schnell Tücher und Mäntel und laufen alle miteinander hinaus.

Und siehe, der Himmel ist glutrot, wie wenn er in Flammen stünde!

Aline Laurell sagt sofort, es sei ein Nordlicht, obgleich der Himmel bei einem Nordlicht für gewöhnlich nicht so dunkelrot ist. Wir schauen unverwandt nur immerfort den Himmel an, denn so etwas haben wir noch nie gesehen. Ganz oben hängt es wie mehrere Reihen rote Orgelpfeifen herunter, und dann fahren blau und grün schimmernde Wolken darüber hin, und während sie daherjagen, ist es, als zischte es um sie her.

Dieser Anblick kommt uns allen furchtbar unheimlich vor. Wir können wegen der großen Kälte nicht lange draußen bleiben; aber im Hineingehen haben wir das Gefühl, als seien Bomben und Granaten auf uns geschleudert worden. Uns ist, als könnten wir jetzt verstehen, wie es all den Menschen in der großen belagerten Stadt zumute sein muß.

Als wir wieder drinnen sind, ist es halb sieben, und Tante Lovisa fragt aufs neue, ob der Doktor wohl zum Abendessen dableiben wolle. Sie hat zwar, wie sie sagt, draußen eine Wurst im Wasser liegen, aber sie meint, diese werde wohl sehr gesalzen sein; außerdem sei sie als Belag für das Butterbrot bestimmt. Mutter erwidert ihr noch einmal, der Doktor werde ganz gewiß vorher fortfahren, denn von der Apotheke in Sunne müßte ja die Arznei geschickt werden, und das wäre unmöglich, wenn der Doktor nicht vor nachtschlafender Zeit fortginge.

Um sieben Uhr erscheint Vater mit dem guten Bescheid, daß der Doktor jetzt aufbrechen wolle. Man solle den Stallknecht anspannen lassen. Anna läuft mit diesem Auftrag sofort in die Küche hinaus, und wir werden alle miteinander höchst froh gestimmt, weil der Doktor jetzt heimfährt, und Vater zur Ruhe gehen kann.

Ehe Vater das Zimmer wieder verläßt, stellt Mutter rasch eine Frage an ihn.

»Gustav, sag mir doch, was ihr miteinander verhandelt?« sagt sie.

»Ach, wir reden nur über Bismarck,« antwortet Vater, »und was für ein merkwürdiger Mann er ist.«

Wir aber bedauern Vater geradezu, weil er zuhören muß, wie Bismarck gelobt wird, denn er ist ja an all dem Unglück schuld, das über Frankreich hereingebrochen ist. Seht, jetzt, nachdem wir vorhin draußen gewesen sind und gesehen haben, wie Paris bombardiert wird, sind wir uns darüber vollkommen klar geworden.

Der Stallknecht verliert keine Zeit beim Anspannen. Wir hören das Schellengeklingel, als er an der Freitreppe vorfährt; das müßten die Herren drin in der Schlafstube doch auch gehört haben; aber da drinnen geht das Gespräch wie vorher weiter.

»Selma, geh du hinein und sag ihnen, daß der Schlitten vorgefahren ist,« sagt Mutter.

Ich gehe natürlich sofort, und als ich die Tür aufmache, sehe ich Vater und den Doktor mit dem Toddybrett zwischen sich am Schreibtisch sitzen. Der Doktor ist so im Eifer, daß er mit der Hand auf den Tisch schlägt und ruft:

»Das verdammte spanische Weib war's, verstehst du!«

Als er mich erblickt, unterbricht er sich und fragt, was ich wolle, und nachdem ich meinen Auftrag, daß der Schlitten vor der Tür stehe, ausgerichtet habe, winkt er nur mit der Hand ab.

»Ja, es ist gut,« sagt er, und dann wendet er sich wieder wie vorher Vater zu.

Ich gehe ins Eßzimmer zurück und erzähle natürlich, was der Doktor gesagt hat. Da wird Aline Laurell ganz aufgebracht, und sie sagt, es sei eine Schande, wenn man auf solche Weise von einer armen, abgesetzten, verbannten Kaiserin rede.

Wir sitzen aufs neue im Wohnzimmer und schauen auf das Thermometer. Jetzt zeigt es fünfundzwanzig Grad Kälte, und wir bekommen recht Angst für den Knecht und das Pferd. Mutter schickt dem Knecht einen Pelzmantel und für das Pferd eine wollene Decke hinaus. »Mehr kann ich nicht tun,« sagt sie.

Als es halb acht Uhr ist, hören wir den Knecht in den Flur hereinkommen und mit schweren Schritten in die Schlafstube gehen. Was er dort sagt, können wir nicht verstehen; aber er will natürlich Bescheid darüber haben, ob er noch länger warten soll. Jedenfalls bleibt er nicht lange drinnen, und nun macht er die Wohnzimmertür auf.

»Was soll ich denn tun, gnädige Frau?« fragt er. »Das Pferd kann ja erfrieren.«

»Was sagten denn die Herren drinnen?« fragt Mutter.

»Was sie sagten?« wiederholt der Knecht. »Der Herr Leutnant konnte kein einziges Wort sagen, denn sobald mich der Doktor zu sehen kriegte, goß er mir einen großen Schluck Kognak ein, dann gab er mir zwei Reichstaler, und dann hieß er mich meiner Wege gehen.«

»Ach so,« erwidert Mutter. »Ja, dann ist es am besten, Sie spannen wieder aus und führen das Pferd in den Stall zurück, Jansson.«

Gleich nachdem der Knecht die Tür hinter sich zugemacht hat, tritt Vater von der andern Seite her ein und sagt, der Doktor werde nicht vor dem Abendessen abfahren.

»Dann müssen wir wohl bald zu Abend essen, damit er nicht noch die ganze Nacht dableibt,« erwidert Mutter.

»Ja, das weiß Gott!« seufzt Vater. »Aber jedenfalls können wir ihn nicht hinauswerfen.«

Darauf geht er wieder zu sich hinein, und Tante Lovisa murmelt etwas davon, daß es wohl wie bei Nilssons in Visteberg gehen werde und wir ihm auch noch Frühstück geben müßten.

Mutter aber sagt: »Das kann Vater ja gar nicht aushalten. Dann muß er morgen sicher wieder das Bett hüten.«

Als Mutter das sagt, werden wir alle sehr betrübt, und wir sind wütend über Doktor Piscator, weil er nicht fortgehen will. Ach, es ist uns ebenso unheimlich zumute wie an dem Tag, wo Vater heimkam und Lungenentzündung hatte.

Aber wie wir nun so recht entmutigt und betrübt beieinander sitzen, bricht Aline Laurell plötzlich in ein helles Gelächter aus.

»Ich glaube, ich kann den Doktor zum Fortgehen bewegen, wenn du, Luise, mir nur die Erlaubnis dazu gibst,« sagt sie.

»Gewiß erlaube ich es dir, wenn du nur nichts tust, worüber der Doktor aufgebracht wird,« erwidert Mutter.

»O nein, ich habe ganz und gar nichts Gefährliches vor,« entgegnet Aline.

Damit legt sie ihre Handarbeit zusammen und steht auf. Und Mutter und Tante Lovisa und Anna und Emma und Gerda sehen alle miteinander ganz graubleich aus, weil sie frieren und so niedergedrückt sind. Aline aber hat rote Rosen auf den Wangen, und ihre Augen strahlen.

Früher hatten wir nur ein Tafelklavier, um darauf zu spielen, aber als der Großvater vor ein paar Jahren starb, erbten wir sein Pianino, und das steht jetzt in der guten Stube. Aline geht in die gute Stube hinein, und wir hören sie das Pianino aufmachen. Dann zündet sie Licht an und raschelt mit Papier; sie sucht also etwas unter den Noten. Und gleich darauf beginnt sie einen Marsch zu spielen.

Wir sitzen ganz stumm und regungslos da, wir sind überaus gespannt, können weder stricken noch nähen.

»Was spielt sie denn?« fragt Tante Lovisa. »Ich glaube, ich habe das früher schon gehört.«

»Es geht mir auch so,« erwidert Mutter. »Ach, weißt du, was? Es ist ganz bestimmt die Marseillaise.«

»Ja, wahrhaftig, ich glaube, du hast recht,« sagt Tante Lovisa. »Das ist ein prachtvoller Marsch; ich freue mich, daß ich ihn wieder einmal zu hören bekomme.«

»In meiner Jugend wurde er in Filipstadt beständig gespielt,« versetzt Mutter, »und ich erinnere mich wohl; wie aufgeräumt Vater wurde, sooft er ihn hörte.«

Mutter und Tante Lovisa sehen geradezu erfrischt aus, aber wir andern, Anna und Emma und Gerda und ich, begreifen gar nichts.

»Die Marseillaise, was ist denn das?« fragt Anna.

»Es ist ein französischer Marsch,« antwortet Mutter. »Dieser Marsch wurde unter der Französischen Revolution in Frankreich gespielt und gesungen. Hör nur, wie schön er ist!«

»Ich habe Aline noch nie so gut spielen hören,« sagt Tante Lovisa; »aber ich möchte wohl wissen, was Doktor Piscator über diese Musik sagen wird.«

Jetzt erinnere ich mich, daß ich über die Marseillaise etwas gelesen habe, entweder in »Nösselts allgemeiner Geschichte für Damen« oder anderswo.

»Ich erinnere mich, daß die Franzosen so ganz besonders begeistert für sie waren, und daß sie, wenn sie sie hörten, noch einmal so tapfer wurden als vorher,« sage ich.

Nun sitzen wir ganz andächtig da und hören zu, wie Aline die Marseillaise spielt. Sie spielt und spielt in einem fort und fängt den Marsch immer wieder von vorne an, ohne zu ermüden, und sie spielt mit Feuer und Nachdruck.

Ich weiß nicht, wie es kommt, aber dieser Marsch klingt ganz wunderbar. Es ist einem, als könnte man gar nicht ruhig sitzenbleiben und auch nicht weiter häkeln und nähen. Es ist einem, als müßte man aufspringen und schreien und singen. Es ist einem, als möchte man etwas Großes und Außergewöhnliches leisten.

Noch niemals hab' ich Aline auf diese Weise spielen hören. Und keines von uns hat je gewußt, daß in Großvaters altem Pianino ein solcher Klang steckt. Mir ist, als hörte ich Trommelwirbel, als hörte ich, wie sie schießen und kämpfen, mir ist, als zittre der Boden. Mir ist, als hätte ich noch niemals so etwas Schönes gehört.

Das Schlafzimmer, wo Vater mit Doktor Piscator sitzt, liegt dicht neben der guten Stube; die beiden da drinnen müssen ja auch hören, daß Aline die Marseillaise spielt. Und unwillkürlich frage ich mich, ob sie sie nicht auch schön finden.

Als Aline sich ans Klavier setzte und anfing die Marseillaise zu spielen, war es genau acht Uhr, und jetzt ist es ein Viertel darüber; aber sie spielt noch ebenso kräftig und unverdrossen weiter.

Aline will uns, die wir zuhören, etwas mitteilen. Ich höre es, aber ich weiß nicht recht, was es ist. Vielleicht will sie sagen, daß man die Franzosen nicht verachten darf, denn sie sind jedenfalls ein großes, wunderbares Volk. Oder vielleicht will sie sagen, man dürfe nicht darüber trauern, weil sie geschlagen worden sind, denn sie werden sich mit der Zeit aufs neue erheben. Etwas Derartiges, denke ich, klingt aus ihrem Spiel heraus.

Aber dann steht Vater plötzlich unter der Tür der guten Stube.

»Jetzt kannst du aufhören, Aline,« sagt er, »denn jetzt ist der Doktor fort.«

Dann erzählt Vater, wie merkwürdig es war, als Doktor Piscator die Marseillaise vernahm. Zuerst schenkte er ihr gar kein Gehör, sondern redete weiter wie vorher; und als die Musik nicht aufhörte, brummte er ein wenig darüber und sagte, sie störe ihn.

Aber bald verstummte er vollständig und hörte nur noch aufmerksam zu. Dann fing er an den Takt mitzutreten und mitzusummen. Vater war nicht ganz sicher, ob ihm nicht sogar Tränen in den Augen standen.

Plötzlich sprang er auf und ging zur Tür, wo sein Pelzmantel hing. Er warf diesen eiligst über und zog die Mütze über die Ohren herein.

»Gut Nacht, Erik Gustav!« rief er. »Jetzt fahr ich heim.«

Er öffnete die Tür und ging in den Flur, aber Vater war ihm nachgeeilt.

»Lieber Doktor, so wart doch, bis das Pferd vorgefahren ist!« hatte Vater gemahnt. »Komm noch ein Weilchen herein, damit ich nach der Knechtskammer Bescheid schicken kann.«

Aber der Doktor machte nur in aller Eile die Haustür auf.

»Meinst du denn, ich könnte den Weg nach der Knechtskammer nicht selbst finden?« rief er. »Ich will nicht länger hierbleiben. Wenn ich diese Marseillaise noch eine Weile mit anhöre, werde ich ebenso verhext in die Franzosen wie ihr andern alle auch!«

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.