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Aus meinen Kindertagen

Selma Lagerlöf: Aus meinen Kindertagen - Kapitel 5
Quellenangabe
authorSelma Lagerlöf
titleAus meinen Kindertagen
publisherAlbert Langen
year1931
printrun1. bis 10. Tausend
translatorPauline Klaiber-Gottschau
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20190424
projectid278d7116
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Gårdsjö

Wir freuen uns sehr, wenn wir nach Gårdsjö fahren dürfen, um Onkel Karl Wallroth und Tante Augusta und Hilda und Emilia und Karl August und Elin und Julie und Hugo zu besuchen.

Wir finden Gårdsjö sehr schön, weil das Haus weiß gestrichen ist und einen Oberstock und ein Schieferdach hat. Daheim auf Mårbacka ist das Haus rot angestrichen, und es hat nur ein Stockwerk und ein Ziegeldach. Wir haben nicht wie sie auf Gårdsjö einen großen Saal, wo man spielen und tanzen kann, wenn Gesellschaft ist. Wir haben nur einen kleinen Salon.

Auf Gårdsjö gibt es einen See und einige Kähne, und wenn wir dort auf Besuch sind, dürfen wir rudern. Und es macht uns viel Freude, von den Booten aus Seerosen zu pflücken. Wir rudern auch gern zwischen das Schilf hinein bis zu einem runden freien Platz, wo uns niemand mehr sehen kann und wo das Schilf so hoch ist, daß alles miteinander grün aussieht, das Wasser und der Kahn und die Ruder, ja, auch wir selbst. Wir halten da mäuschenstill und warten nur; und schließlich kommt eine Entenmutter mit vielen jungen Entlein in einer Reihe hinter sich daher geschwommen. Ach, wie sehr bedauern wir doch, daß wir daheim auf Mårbacka keinen Teich haben, auf dem wir herumrudern können! Wir haben nur einen kleinen Ententümpel.

Auf Gårdsjö haben sie auch einen Fluß, und über den Fluß führt eine Brücke, von der aus man angeln kann. Sobald wir in Gårdsjö eingetroffen sind, läßt sich jedes eine Angelrute geben, und mit dieser stellen wir uns auf die Brücke und angeln. Manchmal wird auch tüchtig angebissen, und wir ziehen kleine Rotaugen und Barsche und Kaulbarsche heraus. Wir freuen uns riesig, wenn wir Barsche fangen, denn der Barsch ist ein guter Fisch, es lohnt sich, ihn zu braten; die Rotaugen dagegen haben sehr viele Gräten, niemand mag sie essen. Immerhin braucht man sich nicht darüber zu schämen, wenn ein Rotauge an der Angel hängt, man muß froh sein, wenn nicht Kaulbarsche daran zappeln, denn dieser ganze Fisch ist wie lauter Schleim, und man kann ihn kaum der Katze zum Fressen geben. Wie glücklich wären wir doch, wenn wir daheim einen solchen Fluß hätten, in dem wir angeln könnten! Unser Fluß heißt Amtan, und der ist den ganzen Sommer über nur ein Bach, auch ist er recht weit weg und überdies sehr lehmig. Wir haben es gar nie versucht, da zu angeln.

Auf Gårdsjö gibt es so viel Interessantes zu sehen, daß wir Kinder kaum alles miteinander aufsuchen und genießen können. Denn Gårdsjö ist ein richtiges Hüttenwerk mit einer Hammerschmiede, einer Ziegelhütte, einer Mühle und einer Sägmühle. Von all dem haben wir auf Mårbacka nichts. Wir haben nur eine kleine Schmiede, in der Per in Berlin Schlittenkufen und Wagenräder verfertigt, und im Speicher haben wir eine alte Handmühle, wo zur Schlachtzeit Salz gemahlen wird. Als Vater die Scheune baute, holte man den Lehm aus dem Ententümpel und machte Ziegel daraus; aber damit ist es nun zu Ende, und Lars in London und Magnus in Wien sägen Holz auf dem Platz vor dem Stall; aber da zuzusehen, ist ja nicht unterhaltend.

Drunten bei der Hammerschmiede auf Gårdsjö sind alle Wege schwarz von Kohlenstaub. Wir finden das sehr schön, und wir meinen auch, es gehe sich leichter und glatter auf solchen Wegen als auf solchen, die nur mit gewöhnlichem Kies bedeckt sind.

Wenn wir zum Hüttenwerk kommen, bleiben wir zuerst ruhig stehen und starren in den Mühlkanal hinunter. Der liegt ganz unheimlich zwischen hohen Bäumen, und das Wasser darin ist glänzend braun, und einmal hat sich ein Mühlknecht hineingestürzt, weil er die Müllerstochter nicht bekam. Uns ist ganz seltsam zumute, während wir hier auf dem gleichen Fleck stehen, wo sich ein Mensch das Leben genommen hat.

Niemals hat irgend jemand den Versuch gemacht, sich daheim auf Mårbacka in dem Ententeich zu ertränken, und der ist auch sicher nicht so tief, daß sich der Versuch lohnen würde.

Wir haben keine große Lust, in die Mühle hineinzugehen, denn es fliegt da gar so viel Mühlstaub in der Luft umher. Viel lieber gehen wir nach der Hammerschmiede.

Die Hammerschmiede ist furchtbar groß und ganz schwarz, und es ist keine andere Beleuchtung drinnen als der Schein, der durch die halbrunde Öffnung vorn an der Esse herausfällt. Es sind keine Fenster in der Schmiede und sie hat keinen Holzboden und keine innere Decke, sondern man kann bis zu den Dachpfannen hinaufsehen. Einige Ziegel haben Löcher, und andere sind vom Sturm fortgeblasen; und das ist ein rechtes Glück; sonst würden wir in der Dunkelheit da drinnen gar nicht sehen können, wohin wir treten.

Und wir wissen von früher her, daß in der Schmiede ein großes viereckiges Loch ganz voll mit Kohlen und Wasser ist, und wenn man da hineinfiele, so wäre das das größte Unglück, das einem passieren könnte, besonders wenn man fein angezogen ist. In der Hammerschmiede muß man sich sehr in acht nehmen und langsame und vorsichtige Schritte machen. Man könnte auch auf eine der Eisenstangen treten, die da auf dem Boden herumliegen und wie alle andern Eisenstangen aussehen, aber frisch geschmiedet und so heiß sind, daß sie einem die ganze Schuhsohle durchbrennen könnten.

In der alten Schmiede auf Gårdsjö ist es furchtbar feierlich. Es ist wie in einer Kirche, ehe der Gottesdienst begonnen hat. Da sitzen der alte Stjernberg und ein anderer Schmied auf einer kleinen Holzbank gleich neben der Esse, und sie haben nichts anderes an als lange Hemden und Holzschuhe und Brillen auf der Nase. Wir Kinder aber haben einen grausigen Respekt vor dem alten Stjernberg und auch vor dem andern Schmied, denn die beiden sehen sehr ernst und streng aus. Wir wagen kaum zu sprechen, damit sie nicht etwa gestört werden und uns hinauswerfen.

Bisweilen ist es Stjernberg und bisweilen ist es der andere Schmied, der aufsteht, an die Esse hingeht, einen eisernen Spieß hineinsteckt und dann drinnen in etwas Zähem und Schwerem herumstochert und -stößt. Und dann fliegen Funken aus dem Herdloch, so daß der Schmied zurückspringt. Bisweilen fallen auch Kohlen auf seine Füße heraus, und er muß eiligst seine Holzschuhe fortschleudern.

Dazwischen einmal kommt der Schmiedejunge mit seinem Schiebkarren herein und schöpft nasse Kohlen aus der gefährlichen Grube, und diese Kohlen schaufelt er in das Feuerloch der Esse hinein. Dann geschieht lange nichts weiter, und wir werden von der langen Wartezeit ganz müde, aber es fällt uns gar nicht ein, fortzugehen.

Schließlich kommt der Augenblick, wo beide Schmiede aufstehen, jeder seinen Spieß ergreift, mit denen sie nun in die Esse hineinstoßen. Sie wühlen und ziehen und stoßen, der Schweiß läuft an ihnen herunter, und bald rollt etwas Rotes aus der Esse heraus, das knistert und leuchtet und so weich ist wie ein Teig, aber doch zusammenhängt. Die beiden Schmiede packen es mit ihren Zangen, nehmen es auf, schleppen es von der Esse weg über den Boden hin und heben es auf den Amboß.

Nun scheint das Schlimmste getan zu sein, denn jetzt sieht der alte Stjernberg richtig befriedigt aus. Sein Genosse zieht an einem herunterhängenden Seil, und zugleich beginnt sich der große Schmiedehammer herabzusenken. Aber zu sehen, wie dieser Hammer auf die rote Schmelzmasse, die da auf dem Amboß liegt, herunterfällt und Funken aus ihr herausschlägt, das ist das Schönste und Feierlichste, das ich kenne. Der Hammer fällt und fällt, es dröhnt und knirscht, das Wasserloch davor dreht sich in einem Kranz von Schaum, die Funken fliegen durch die ganze Schmiede. Das ist prachtvoll.

Auch nach der Ziegelei zu gehen, ist vergnüglich. Denn da bekommen wir tönerne Kuckucke und manchmal auch Tonklumpen, die wir glatt drücken und zu Schalen und Tellern kneten können. Und ebenso vergnüglich ist ein Gang nach dem Sägewerk, aber das ist so weit entfernt, daß ich meist nicht mitgehen kann.

Wir Kinder sind gar nicht ärgerlich, daß Gårdsjö weiß angestrichen ist und ein oberes Stockwerk und ein Schieferdach hat, oder daß ein See und Schilf und Einbäume und eine Brücke und Angelruten und ein Mühlkanal und eine Hammerschmiede und eine Ziegelei und ein Sägewerk und so vieles andere da ist, was es auf Mårbacka nicht gibt. Nein, darüber sind wir ganz und gar nicht ärgerlich, denn so lange Onkel Kalle da wohnt, dürfen wir fast jeden Sonntag hinfahren, und das ist genau so, als ob wir selbst an allem teil hätten, was es dort gibt.

Aber wenn ich groß bin, möchte ich sehr gern in einem Hause wohnen, das weiß angestrichen ist und ein oberes Stockwerk und ein Schieferdach und einen großen Salon hat, wo man spielen und tanzen kann, wenn man eine Gesellschaft gibt.

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