Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Selma Lagerlöf >

Aus meinen Kindertagen

Selma Lagerlöf: Aus meinen Kindertagen - Kapitel 4
Quellenangabe
authorSelma Lagerlöf
titleAus meinen Kindertagen
publisherAlbert Langen
year1931
printrun1. bis 10. Tausend
translatorPauline Klaiber-Gottschau
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20190424
projectid278d7116
Schließen

Navigation:

Das Gelübde

Nichts ist so vergnüglich, als wenn Vater von einer Reise heimkommt.

Am Tage, nachdem wir der Erbauungsstunde beigewohnt hatten, war Vater fortgefahren und seither nicht wieder dagewesen. Wir finden es recht langweilig, wenn Vater nicht daheim ist. Niemand plaudert, während wir zu Mittag essen, und niemand spielt mit uns nach dem Abendbrot. Das Kindermädchen Maja sagt, er reise umher und erhebe Steuern, und sie will behaupten, er sei erst ein paar Wochen fort. Aber wir verlassen uns nicht mehr auf Maja, seit sie mit Lars Nylund dort im Gasthaus auf der Stalltreppe stand, sondern wir meinen, Vater sei schon viele Monate von Hause fort.

Aber dann eines Morgens sagt Mutter, heute abend komme Vater wieder heim, und wir sind hochbeglückt über diese Nachricht.

Den ganzen Tag hindurch, sobald sich nur Gelegenheit dazu bietet, machen wir die Haustür auf, laufen auf die Freitreppe und horchen und lugen hinaus. Mutter sagt, wir müßten im Hause bleiben, denn wir würden uns draußen nur erkälten; aber wir kümmern uns nicht einen Deut darum.

Aline Laurell beklagt sich über uns, weil wir unsere Gedanken nicht beisammen haben, als sie uns unsere Aufgaben abhört.

»Wenn ich nicht wüßte, wer heut abend erwartet wird,« sagt sie, »dann würdet ihr alle miteinander schlechte Noten bekommen.«

Gerda ist den ganzen Tag mit ihren Puppen beschäftigt. Sie zieht sie an, zieht sie wieder aus und zieht sie wieder an. Sie kann sie gar nicht schön genug machen.

Anna und ich sagen zu Emma Laurell, sie könne ganz sicher sein, daß unser Vater auch für sie Spielsachen mitbringe, wie für uns. Oh, sie kennt unsern Vater nicht, wenn sie daran zweifeln kann!

Als es vier Uhr schlägt und die Unterrichtstunden zu Ende sind, sagt Aline Laurell, sie wolle uns die Aufgaben für den nächsten Tag erlassen, denn wir könnten sie ja doch nicht lernen, das wisse sie im voraus. Und wir alle miteinander, Anna und Emma Laurell, Gerda und ich eilen nun hinaus zum Empfang unseres Vaters. Zuerst gehen wir in den Stall und holen den großen Ziegenbock, den Johann in der letzten Weihnachtszeit für uns eingefahren hat, und spannen ihn vor den Schlitten, damit es recht feierlich aussehen soll. Die Schlittenbahn ist fast ganz aufgetaut, aber Vater freut sich doch, wenn er uns mit dem Ziegenbock ihm entgegenkommen sieht.

Ach, und was haben wir für ein Glück – »Dusel« pflegt Emma Laurell zu sagen –, wir haben kaum das Ende der Allee erreicht, als wir auch schon Schlittengeklingel hören. Und gleich darauf kommt jemand dahergefahren, und wir erkennen den Braunen und den Schlitten und Magnus in Wien und den Vater selbst in seinem großen Wolfspelz. Es gelingt uns gerade noch, durch Stoßen und Schieben den Ziegenbock in Bewegung zu setzen; denn so gut eingefahren, daß er ausweicht, wenn ihm ein Pferd entgegenkommt, ist er nicht, sondern er stellt sich dann lieber auf die Hinterbeine und schiebt den Kopf vor und will das Pferd in den Graben stoßen.

Aber wie merkwürdig ist es doch: Vater hält diesmal gar nicht an, und begrüßt uns auch nicht! Wir haben ja nicht weit nach Hause, aber wir hatten doch geglaubt, daß Gerda und ich, oder wenigstens Gerda, in den Schlitten steigen und mit Vater bis zur Haustür fahren dürften. Aber Vater nickt uns nur ein ganz klein wenig zu und fährt an uns vorbei.

Jetzt bereuen wir es, daß wir den Ziegenbock mitgenommen haben, denn wir wollen so rasch wie möglich heim, aber der Ziegenbock ist eben noch nicht ganz eingefahren; er dreht nicht um, wenn man am Zügel zieht, nein, das Umwenden wird auf andere Weise bewerkstelligt. Wir müssen uns alle vier auf seine eine Seite stellen und schieben und schieben, bis er schließlich begreift, worum es sich handelt.

Dadurch kommen wir zu spät, um Vater zu empfangen, als er an der Freitreppe vorfährt. Aber daß er auch nicht da stehen bleibt und auf uns wartet! Wir können das durchaus nicht begreifen.

Wir stürmen in den Flur hinein, aber auch da ist er nicht. Er hat gewiß etwas ganz Besonderes für uns bereit, denken wir, und wir fragen uns, ob wir ins Schlafzimmer hineingehen sollen. Aber in diesem Augenblick macht Mutter die Schlafzimmertür auf und kommt zu uns heraus.

»Kinder, seid lieb und geht leise die Treppe hinauf,« sagt sie. »Und bleibt dann im Kinderzimmer, denn Vater ist krank. Er hat Fieber und muß sich gleich zu Bett legen.«

Mutters Stimme zittert, als sie das sagt, und darüber erschrecken wir furchtbar. Und nachdem wir die Treppe hinaufgeschlichen und im Kinderzimmer angekommen sind, sagt Anna, sie glaube, daß Vater am Sterben sei.

Wenn wir am Abend zu Bett gegangen sind, kommt immer Mutter und hört zu, während wir unsere Abendgebete sprechen. Wir beten das Vaterunser und »Der Herr segne uns« und »Gott im Himmel droben« und »Es geht ein Engel«. Mutter geht von Bett zu Bett, und wir sagen dieselben Gebete her, zuerst Anna, dann Emma Laurell und zuletzt ich. Emma Laurell betet auch, Gott möge ihre Mutter und ihre Geschwister und alle guten Menschen behüten. Aber dieses Gebet pflegen wir andern nicht zu beten, denn man hat es uns nicht gelehrt, als wir klein waren.

Jetzt am Abend kommt Mutter, obgleich Vater krank ist, wie gewöhnlich zu uns herein und setzt sich an Annas Bett. Und Anna betet wie sonst das Vaterunser und »Der Herr segne uns« und »Gott im Himmel droben« und »Es geht ein Engel«. Aber sie begnügt sich nicht damit, sondern schließt in derselben Weise wie Emma Laurell und sagt: »Gott behüte meinen Vater und meine Mutter und meine Geschwister und alle gute Menschen.«

Anna betet das, weil sie Gott bitten will, daß er Vater, der krank ist, behüten soll, und das versteht Mutter, denn sie beugt sich nieder und küßt sie.

Dann geht Mutter weiter zu Emma Laurell, und diese betet das Vaterunser und »Der Herr segne uns« und »Gott im Himmel droben« und »Es geht ein Engel«. Dann betet sie für ihre Mutter, für ihre Geschwister und für alle guten Menschen. Und ganz zuletzt fügt sie hinzu: »Gott behüte den lieben Onkel Lagerlöf, damit er nicht stirbt wie mein Vater.«

Als Emma Laurell mit ihrem Gebet fertig ist, beugt sich Mutter hinunter und küßt sie ebenso, wie sie Anna geküßt hat. Dann tritt Mutter an mein Bett.

Und ich bete das Vaterunser und »Der Herr segne uns« und »Gott im Himmel droben« und »Es geht ein Engel«, aber dann füge ich nichts mehr hinzu. Ich möchte von Herzen gern, aber es ist mir ganz unmöglich, noch ein weiteres Wort herauszubringen.

Mutter bleibt still stehen und wartet ein Weilchen, und dann sagt sie:

»Willst du nicht Gott bitten, daß er dir deinen Vater nicht nimmt?«

Ja, ich will, ich will so furchtbar gern, und ich weiß, wie schlimm es aussieht, daß ich nichts sage, aber ich kann eben nicht.

Mutter wartet noch einen Augenblick, und ich weiß, sie denkt an all das, was Vater für mich getan hat, an die Reise nach Strömstadt, die meinetwegen gemacht wurde, und an meinen Aufenthalt in Stockholm, wo ich einen ganzen Winter lang in die Gymnastik gehen durfte; aber ich kann eben mit dem besten Willen kein Wort herausbringen. Und dann steht Mutter auf und geht, ohne mich zu küssen.

Aber seit Mutter gegangen ist, muß ich nun immerfort ein und dasselbe denken:

Vielleicht, ach vielleicht wird Vater nun sterben, weil ich nicht für ihn gebetet habe!

Vielleicht, weil ich Gott nicht gebeten habe, meinen Vater zu bewahren, ist Gott nun so böse auf mich, daß er ihn mir nimmt!

Ach, was soll ich tun, um Gott zu beweisen, daß ich nicht will, daß Vater stirbt?

Ich besitze ein kleines goldenes Herz, das mir Mamsell Spak, die Schwester meiner Tante Wennervik, geschenkt hat, und auch ein kleines Granatkreuz. Wenn ich diese weggebe, dann versteht Gott vielleicht, daß ich es tue, damit mein Vater am Leben bleibt. Aber ich werde sie eben nicht hergeben dürfen, Mutter wird es mir wohl nicht erlauben. Ich muß mir durchaus etwas anderes ausdenken.

*

Jetzt ist der Doktor dagewesen, und als er wieder fortgefahren war, teilte uns Mutter mit, daß Vater eine Lungenentzündung hat. Vater hat auf der Reise einmal in einem Bett mit feuchten Laken schlafen müssen, und feuchte Laken sind das gefährlichste, was es gibt.

Aline Laurell hat in der Nacht mit Mutter bei Vater gewacht, und auch heute am Tage ist sie meist im Schlafzimmer drinnen. Mutter wüßte gar nicht, was sie tun sollte, wenn sie Aline Laurell nicht hätte, denn sie ist sehr besonnen und ruhig. Tante Lovisa hat so furchtbar Angst, daß Vater sterben könnte; von ihr ist also nicht viel Hilfe zu erwarten.

Aline Laurell gibt uns Aufgaben zu lernen, aber sie kommt nicht herauf, um sie abzuhören, und sie gibt uns große Rechnungen auf, aber sie kommt nicht, um in unserem Rechenheft nachzusehen, ob wir richtig gerechnet haben. Und schließlich wird es uns Kindern da allein in der Kinderstube, so weit entfernt von allen Menschen, gar zu unheimlich zumute. Wir schleichen uns auf die Treppe hinaus, Anna, Emma Laurell und ich, und gehen zu Tante Lovisa in die Küchenstube. Und da sitzt Tante Lovisa an ihrem Nähtisch und liest in einem großen dicken Buch, und Gerda sitzt auf einem Schemelchen neben ihr und näht an einem Puppenkleidchen.

Wir drei, Anna, Emma Laurell und ich, kauern uns auf Tante Lovisas Sofa zusammen und sitzen da ganz still, ohne etwas zu sagen. Und Gerda kommt uns ganz sonderbar vor, weil sie an einem Tag wie dem heutigen mit ihren Puppen spielen kann. Aber seht, Gerda ist ja erst sechs Jahr alt, und so versteht sie nicht, daß Vater am Sterben ist.

Und es ist, als fühlten wir uns etwas ruhiger, seit wir uns in der Küchenstube befinden. Alle Menschen finden es hier bei der Tante höchst behaglich. Sie sagen, hier erkennten sie das alte Mårbacka wieder. Da steht die große Bettstatt, in der Großvater und Großmutter schliefen und die Tante Lovisa nach ihrem Tode geerbt hat. Hier ist die alte große Standuhr in ihrem hohen Gehäuse, und hier steht Großmutters schöne Schreibkommode, die der ausgezeichnete Tischler in Askersby aus dem Holz der alten Apfel- und Fliederbäume von Mårbacka zusammengeschreinert hat. Den Überzug des Sofas hat Großmutter mit ihren eigenen Händen gewebt, und das merkwürdige Muster hat sie von Tante Wennervik gelernt, die mit Großmutters Bruder verheiratet war. Der Stuhl, auf dem Tante Lovisa sitzt, ist Großvaters eigener Schreibtischstuhl, und Tantes Spiegel, der auf der Kommode steht und mit einem Schleier bedeckt ist, ist auch in Askersby verfertigt worden. Aber die großen, urnenförmigen, hölzernen Kruken, die zu beiden Seiten des Spiegels stehen und mit trockenen Rosenblättern gefüllt sind, hat Tante Lovisa in Valsäter auf einer Auktion erstanden; dort hatte ihre Schwester Anna, die mit dem Onkel Wachenfeldt verheiratet war, ihr Heim.

Von nichts hier in der Küchenstube würde sich Tante Lovisa lieber trennen, als von dem schwarzen Aufsatz über der Kellertreppe, aber wenn Vater davon redet, daß er ihn wegnehmen lassen wolle, dann sagt Tante Lovisa doch, es sei am besten, er bleibe da, wo er sei, weil er alt sei, und sie würde sich in ihrem eigenen Zimmer nicht mehr auskennen, wenn er nicht mehr da wäre.

Über Tante Lovisas Bett hängt ein Bild, das eine weiße, von hohen Bäumen umgebene Kirche und eine niedere Kirchhofmauer mit einem eisernen Gittertor vorstellt. Aber dieses Bild ist nicht gemalt, sondern ausgeschnitten, und Tante Anna Wachenfeldt ist es gewesen, die die Schere geführt hat. Tante Lovisa sagt immer, dieses Bild sei außerordentlich gut ausgeschnitten und aufgeklebt, und es sei ganz besonders schön, trotzdem kommt es mir aber doch ein wenig ärmlich vor.

Um den Spiegel herum hängen vier kleine Bilder, die Tante Lovisa zu der Zeit, wo sie in Amål in der Pension war, selbst gemalt hat. Das eine stellt eine Rose vor, das zweite eine Narzisse, das dritte eine Nelke und das vierte eine Dahlie, und ich finde sie alle sehr schön. Tante Lovisa besitzt immer noch ihren Farbenkasten und ihre Pinsel, aber so etwas Schönes malt sie nie wieder.

Tante Lovisa hat auch noch ein anderes Bild, das hinter uns über dem Sofa hängt, und es stellt einen dicken Jungen und ein dickes Mädchen vor, die in einem kleinen runden Kahn, in dem sie kaum Platz haben, hinausrudern. Das ganze Bild ist mit Kreuzstich auf Stramin genäht, und Aline Laurell sagt immer wieder, Tante Lovisa solle es doch aus dem Rahmen herausnehmen und ein Sofakissen daraus machen; aber Tante Lovisa will an diesem Altertum nichts ändern, sondern es soll da hängen bleiben, wo es hängt.

Drüben am Fenster stehen die drei mit großen rosaroten Blüten übersäten Oleanderbäume, und an der Wand hängt ein kleines Bücherbord, wo nur gerade das Gesangbuch und das Neue Testament und »Die christliche Liebe« von Johan Michael Lindblad Platz haben, sowie auch das dicke Buch, aus dem Tante Lovisa lernte, als sie in Amål in der Pension war. Darin ist alles, was man von Französisch und Geographie und schwedischer Geschichte und Weltgeschichte und Naturgeschichte und Haushaltführung zu wissen brauchte, in einem und demselben Band zusammengefaßt.

Jetzt wischt sich Tante Lovisa eine Träne aus dem Auge, aber sie sagt nichts, sondern liest nur weiter. Dann steht Gerda von ihrem Schemel auf und fragt Tante Lovisa, ob sie ihrer Puppe einen weißen oder schwarzen Ausputz an das Kleid machen soll.

»Liebes Kind, tu, was du willst!« antwortet Tante Lovisa kurz; aber nach einem Weilchen bereut sie ihre Worte, und sie bespricht mit Gerda, was diese wissen möchte.

Ich grüble die ganze Zeit darüber nach, was ich tun könnte, damit Gott mir meinen Vater nicht nimmt, und auch ich hätte Tante Lovisa gerne um Rat gefragt, aber ich bin zu schüchtern dazu.

Es dauert dann auch nicht lange, bis die Küchentür aufgeht und die Haushälterin mit einem Kaffeebrett hereinkommt.

»Mamsell Lovisa möchte doch wohl ein Täßchen Kaffee haben,« sagt sie. »Das hat man nötig, wenn hier alles so traurig aussieht. Nicht, daß der Herr Leutnant am Sterben wäre, nein, aber auf alle Fälle ... Ach, Mamsell Lovisa, meinen Sie nicht, Sie könnten der gnädigen Frau auch eine Tasse bringen?«

»Nein, Maja, ich bringe heute keinen Kaffee hinunter,« erwidert Tante Lovisa. Aber dann denkt sie wohl, wenn die Haushälterin sich nun doch einmal die Mühe gemacht habe, Kaffee zu kochen, dann sähe es unfreundlich aus, wenn sie keinen tränke; sie schiebt also das Buch zurück und schenkt sich eine Tasse ein.

Und in dem Augenblick, wo Tante Lovisa aufschaut, beeile ich mich, herauszufinden, was das für ein Buch ist, worin sie liest. Alle andern Bücher hier im Hause kenne ich, aber dieses hier hab' ich noch nie gesehen. Es ist furchtbar dick, und es hat einen steifen braunen Ledereinband, der ganz verschossen und da und dort ausgebessert ist, und es sind Messingbeschläge daran. Auf der ersten Seite steht der Titel; aber der ist mit so verschnörkelten Buchstaben gedruckt, daß ich sie kaum herausbuchstabieren kann.

»Ei sieh, die Bibel des Herrn Regimentsschreibers!« sagt die Haushälterin. »Die hab' ich seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen. Ja, ich hab' mich geradezu gefragt, wo sie wohl hingekommen ist.«

»Sie hat seit dem Tod meiner Mutter droben in meiner Bodenkammer im Schrank gelegen,« versetzt Tante Lovisa, »aber heute hatte ich das Bedürfnis, sie herunterzuholen.«

»Ja, da haben Sie recht daran getan,« erwidert die Haushälterin. »Der Herr Regimentsschreiber sagte immer, daß dieses Buch besser sei als alle Doktoren und alle Medikamente der Welt.«

»Ja, sie war sein Trost in aller Not,« bestätigt Tante Lovisa. »Erinnern Sie sich, Maja, daß mein Vater immer behauptete, er habe sie fünfzigmal gelesen?«

»O ja, das weiß ich noch gut,« antwortet die Haushälterin. »Ach, wie beruhigt konnte man am Abend draußen in der Küche einschlafen, wenn man wußte, daß der Herr Regimentsschreiber hier im Bett lag und in der Bibel las! Das war, wie wenn einem nichts Böses widerfahren könnte!«

Als Tante Lovisa und die Haushälterin so davon reden, daß der Großvater die Bibel fünfzigmal gelesen habe, richte ich plötzlich den Kopf auf.

»Sag, Maja, glaubst du, daß Gott den Großvater darum lieb gehabt hat, weil er die Bibel so oft durchgelesen hat?« frage ich.

»Ja, das tat er, das kannst du doch wohl begreifen, Selma,« erwidert sie.

Als ich diese Antwort höre, überkommt mich etwas Merkwürdiges. Es ist nichts, das ich mir selbst ausdenke, sondern jemand flüstert mir zu, was Gott will, daß ich tun soll, damit mein Vater wieder gesund wird.

Gleich zuerst erschrecke ich geradezu. Denn denkt euch, ein so furchtbar dickes Buch! Und wie, wenn es nun nichts anderes enthielte, als Predigten und Ermahnungen! Aber das hat gar nichts zu bedeuten, wenn nur der Vater am Leben bleibt. Ich falte meine Hände und gebe Gott das Versprechen, daß ich das ganze Bibelbuch durchlesen will, wenn nur mein Vater wieder gesund wird. Ja, ich will es von einem Ende zum andern durchlesen und kein einziges Wort überspringen.

Und kaum habe ich das Versprechen gegeben, als auch schon Mutter unter der Küchentür steht. Sie nickt uns zu und sieht ganz anders aus als gestern.

»Wie lieb von dir, Lovisa, daß du dich der Kinder annimmst!« sagt sie, und sie tut, als merke sie gar nicht, daß wir nicht bei unsern Aufgaben sind. »Ich wollte dir nur sagen, daß es Gustav schon eine Weile besser geht. Er redet nicht mehr irre und kennt uns auch wieder. Es wird natürlich noch länger dauern, bis er wieder gesund ist, aber mit Gottes Hilfe werden wir ihn nun wohl behalten dürfen.«

*

Ach, für den Großvater ist es gewiß nicht so schwer gewesen, die Bibel fünfzigmal durchzulesen, wie für mich, das ein einziges Mal zu tun!

Denn seht, der Großvater konnte in aller Ruhe lesen, wann er wollte, und er bekam von Großmutter Kerzen, da konnte er am Abend auch noch im Bett lesen.

Wenn ich Mutter oder Tante Lovisa sagen würde, daß ich Gott versprochen habe, die ganze Bibel durchzulesen, damit Vater wieder gesund wird, dann bekäme ich vielleicht ein Licht und könnte auch im Bett lesen. Aber seht, das geht ganz und gar nicht, denn ich darf mit keinem Menschen darüber sprechen. Es war einmal eine Prinzessin, die hatte zwölf Brüder. Diese waren in wilde Schwäne verwandelt worden, und damit sie wieder Menschen würden, mußte die Prinzessin für jeden von ihnen ein Hemd aus Nesselgarn häkeln. Aber sie durfte niemand sagen, warum sie diese Hemden häkelte. Man war auf dem Punkt, sie den Feuertod erleiden zu lassen, weil sie schwieg, aber sie sagte deshalb doch kein Wort. Und ich, ich werde auch nichts sagen.

Die Ärzte in der Gymnastikschule in Stockholm hatten angeordnet, daß ich um die Mittagszeit immer eine Stunde ausruhen sollte; und das muß ich nun zu Hause auch fortsetzen, denn es ist ja genau das, was unser Vater immer so eifrig eingehalten hat. Und während dieser Zeit lese ich nun in der Bibel. Aber ich darf nicht lange lesen, denn immer kommt Mutter und sagt, ich solle das Buch zumachen und ein wenig schlafen.

Jedenfalls ist es ein besonderer Glücksfall – »Dusel«, wie Emma Laurell sagt –, daß Tante Lovisa Großvaters Bibel nicht in ihre Bodenkammer zurückbrachte und sie nicht in ihren großen Schrank verschloß. Sie hat sie nur in den gelben halbrunden Eckschrank gelegt, der auf dem Absatz über dem Kellerhals steht. Und dieser Schrank ist nie verschlossen, ich kann also die Bibel herausnehmen, so oft ich darin lesen will.

Tante Lovisa denkt nur, es sei ganz gut, wenn ich in der Bibel lese, denn unter dem Deckel ihres Nähkorbs hat sie immer einen Roman liegen, in dem sie liest, wenn es niemand sieht, und ab und zu habe ich auch schon einen von den Romanen an mich genommen, aber vergessen, ihn wieder hineinzulegen. Jetzt aber, wenn ich in der Bibel lese, lasse ich ihre Romane in Ruhe.

Dasselbe denkt auch Mutter sowie Aline Laurell. Es ist ihnen nicht recht, wenn ich alles nur Erreichbare lese, und einmal haben sie mir einen Roman weggenommen, der hieß ›Die weißgekleidete Frau‹, gerade als es am allerspannendsten war. Aber gegen mein Bibellesen hat weder Mutter etwas noch Aline Laurell, denn die Bibel ist das Wort Gottes.

Und etwas Gutes ist auch noch dabei. Es ist Frühling, und da ist es am Morgen zeitig hell. An den Sonntagen, wo wir nicht vor acht Uhr aufstehen müssen, kann ich mehrere Stunden lang im Bett in der Bibel lesen. Aber die Bibel ist eben schrecklich lang. Mir ist, als käme ich gar nicht vom Fleck.

Gerda liegt sonst in der Schlafstube drunten, aber an den Sonntagen kommt sie, ehe sie richtig angezogen ist, herauf ins Kinderschlafzimmer, und dann spielen sie und ich miteinander, und wir führen Krieg mit den Kopfkissen. Nun kann Gerda gar nicht begreifen, warum ich immerfort lese und nicht spielen will, und sie wird ganz ärgerlich darüber. Aber es hilft alles nichts. Man muß Schlimmeres ertragen als dies, wenn man die ganze Bibel lesen soll und erst zehn Jahr alt ist.

Bisweilen frage ich mich, ob wohl der Großvater wie ich jedes einzelne Wort in der Bibel gelesen hat. Ich lese alle Stammbäume und alle Gesetze und alles über die Opfer und über die Stiftshütte und über das Gewand des Hohenpriesters. Und ich frage mich auch, ob wohl der Großvater sich alle die seltsamen Worte auslegen konnte, so daß er alles begriff, was er las.

Seht, ich habe ja das meiste von dem, was in der Bibel steht, gelernt. Ich wußte schon vorher alles von Adam und Eva, von der Sintflut und vom Turmbau zu Babel und von Abraham und Josef und David; aber darum lese ich natürlich doch Wort für Wort, denn das habe ich auf mich genommen.

*

Es ist Sonntagmorgen, und wir, Anna und Emma Laurell und Gerda und ich, gehen auf der Landstraße spazieren. Und wir finden es recht langweilig, daß es Mai ist, denn da kann man draußen rein gar nichts unternehmen. Im Winter, da ist es viel besser, da kann man schlittschuhlaufen oder rodeln oder mit dem Ziegenbock ausfahren. Sogar der April ist besser, denn da kann man im Schneematsch auf der Landstraße Kanäle graben und Wasserfälle im Bach abdämmen. Aber im Mai! Da kann man gar nichts anderes tun als Anemonen pflücken. Und Anemonen pflücken, das kann ja ein paar Tage ganz unterhaltend sein, aber jetzt macht uns das schon keinen Spaß mehr. Jetzt gehen wir nur immer geradeaus auf dem Wege, und es ist uns ebenso langweilig zumute, wie wenn wir erwachsen wären.

Anna und Emma Laurell gehen auf der einen Seite des Wegs, und sie reden ganz leise miteinander. Sie reden gewiß von großen Jungen und schönen Kleidern, und sie meinen, Gerda und ich seien zu klein, um es zu verstehen. Gerda und ich gehen auf der andern Seite des Weges, und wir sprechen von der Zeit, wo ich in Stockholm war und in die Heilgymnastik ging. Und unter anderem erzähle ich ihr von einem schönen Stück, das ich im Schauspielhaus gesehen habe, und das ›Meine Rose im Walde‹ hieß.

In diesem Augenblick kommen Anna und Emma Laurell auf unsere Seite herüber. Sie wollen alles mögliche von dem Stück wissen, und sie sagen, das müsse sehr schön gewesen sein. Und Emma Laurell erzählt, daß sie und ihre Geschwister, als ihr Vater noch lebte und sie in Karlstadt wohnten, sich oft verkleidet und Theater gespielt hätten. Und da sagt Anna, das könnten wir vielleicht auch einmal tun.

Wir gehen keinen Schritt weiter auf der Landstraße, sondern wenden jählings um, ja, wir laufen fast, nur um nach Hause zu kommen und ›Meine Rose im Walde‹ zu spielen. Aber wir schwatzen eifrig und beratschlagen die ganze Zeit. Ehe wir die Allee erreichen, sind schon alle Rollen verteilt. Emma Laurell soll das junge Mädchen sein, das ›Meine Rose im Walde‹ genannt wird, weil sie so schöne rote Wangen hat. Und Anna soll den jungen Herrn spielen, der sie, ›Meine Rose im Walde‹, lieb hat. Sie ist bleich und hat dunkles Haar, und das paßt für einen Mann. Und der Alte im Walde, bei dem Emma Laurell wohnt, werde ich sein, denn ich habe langes, ganz helles, fast weißes Haar, ganz wie der Mann im Schauspielhaus. Am schwierigsten war es, jemand zu finden, der die Haushälterin des Alten spielen könnte, denn Gerda war zu klein für diese Rolle, darüber waren wir uns alle einig. Schließlich aber entschlossen wir uns, das Kindermädchen Maja wieder in Gnaden anzunehmen und sie die Haushälterin sein zu lassen, obgleich sie damals mit Lars Nylund so lange auf der Stalltreppe geschwatzt hatte.

Gerda ist verdrießlich, als sie merkt, daß sie nicht mittun und sich nicht verkleiden darf, und sie fängt an zu weinen, denn mit Tränen ist sie immer gleich bei der Hand. Und wir andern erschrecken sehr; denn seht, wenn Gerda will, kann sie einen ganzen Tag immerfort weinen, und dann meinen die Großen, wir seien häßlich gegen sie gewesen, und dann dürfen wir vielleicht gar nicht Theater spielen. Deshalb sagen wir zu Gerda, sie dürfe ein kleiner Bruder von Emma Laurell sein und auf einem Schemelchen sitzen und Puppen anziehen.

Das erste, was wir hören, als wir heimkommen, ist, daß jetzt eine Predigt gelesen wird, und das ist ja recht hinderlich. Aber sobald sie zu Ende ist, berichten wir Mutter, daß wir Theater spielen wollen. Und siehe, Mutter gibt uns den Schlüssel zu der großen Bodenkammer, und dort suchen wir alle möglichen alten Kleider hervor. Wir probieren an, und jedes kleidet sich nach seiner Rolle, und wir haben einen Hauptspaß.

Das Theater wird natürlich in der Kinderstube errichtet; es muß ja einen großen Wald vorstellen mit einer kleinen, von einer Mauer umgebenen Hütte davor. Nun können wir zwar weder einen Wald noch eine Hütte herbeischaffen, aber wir halten auch die Mauer für das wichtigste, weil Anna darüber springen muß, wenn sie kommt und um Emma Laurell freit.

Deshalb bauen wir zuerst eine Mauer aus allen Betten und Bänken und Kommoden und Tischen und Stühlen, die in der Kinderstube sind, und bedecken sie mit Wolldecken und Bettüberwürfen, damit es wie eine Mauer aussehen soll, denn ohne eine solche kann es unmöglich so werden wie in Stockholm. Aber es ist sehr schwer, diese Mauer zum Stehen zu bringen, immer wieder stürzt sie ein. Die Auftretenden, die auf der Bühne sind, müssen sie festhalten.

Die Plätze der Zuschauer sind draußen auf dem Bodenraum, und ein Vorhang ist nicht nötig, denn sobald wir die Kinderstubentür aufmachen, hat das Publikum die ganze Bühne vor sich. Innerhalb der Mauer haben wir einen Tisch und einen Stuhl hingestellt sowie den Schemel, auf dem Gerda sitzen soll. Und hoffentlich werden alle Zuschauer begreifen, daß der Tisch und der Stuhl und der Schemel die Hütte vorstellen, in der »Meine Rose im Walde« mit ihrem Großvater wohnt. Wir spielen das Stück einmal durch, und da trichtere ich Anna und Emma Laurell und dem Kindermädchen Maja ein, was sie sagen müssen. Aber Emma Laurell kann fast das Lachen nicht verbeißen, was mich nicht wenig besorgt macht.

Gerade als die Vorstellung beginnen soll, kommt Onkel Kalle Wallroth mit Tante Augusta von Gårdsjö auf Besuch, um sich nach Vaters Befinden zu erkundigen. Das ist sehr ärgerlich, denn nun kann weder Vater noch Tante Lovisa noch Aline Laurell der Vorstellung anwohnen, weil sie ja der Tante und dem Onkel Gesellschaft leisten müssen. Als aber Onkel und Tante hören, daß ein Stück vom Schauspielhaus in Stockholm aufgeführt werden soll, wollen sie es auch gern sehen. Da wird Vater ganz aufgeräumt, er zieht seinen Pelzmantel an und geht auch mit hinauf ins Theater.

Es ist natürlich etwas ärgerlich, daß Gerda auf der Bühne sitzen und Puppen anziehen soll, obgleich sie gar nicht mit zu dem Stück gehört. Sobald wir die Tür aufmachen und anfangen wollen, fragt auch Vater gleich, was sie denn vorstelle, und Gerda gibt ganz so Antwort, wie wenn sie Gerda wäre und nicht der Bruder von »Meine Rose im Walde«. Wer auch nicht gut ist, das ist Maja. Sie ist furchtbar geziert. Unsere Haushälterin hat ihr ihren gewirkten Schal geliehen; sie geht gebückt und hat einen Stock in der Hand, mit dem sie auf den Boden stampft, und sie grinst immerfort, ja, sie sieht wie eine alte Hexe aus.

Aber seht, Emma Laurell, die ist reizend, und das ist Anna auch. Anna steckt in Vaters Uniformrock aus der Zeit, wo er Offiziersaspirant in Stockholm war; ihr Haar ist unter einer Militärmütze verborgen, und wir haben ihr mit einem angekohlten Kork noch ein kleines Schnurrbärtchen gemalt. Und Emma hat Mutters Brautkleid an, und ihr Haar wallt ihr aufgelöst auf die Schultern herab.

Auch mein Haar hängt offen herunter, damit ich wie der alte Mann im Schauspielhaus aussehe; dazu trage ich einen alten Lodenrock, aus dem Johan hinausgewachsen ist, sowie die langen Hosen, die ich bei der Heilgymnastik in Stockholm hatte, und so denke ich, nun werden alle verstehen, daß ich ein alter Großvater bin.

Und ach, wie froh bin ich! Ich sehe, es gelingt Anna wirklich, über die Mauer zu kommen, ohne daß weder sie noch die Mauer stürzt; denn das ist doch das wichtigste.

Einmal, als ich auf der Bühne stehe und gerade Emma Laurell schelte, weil sie Anna über die Mauer steigen ließ, höre ich die Zuschauer draußen auf dem Bodenraum lachen. Und als ich mich umschaue, hält Gerda eben drohend einen Finger gegen eine Puppe auf und macht mich nach. Nein, sie darf nie mehr dabei sein, wenn wir wieder einmal Theater spielen!

Emma Laurell ist allerliebst, aber als Anna sie küßte, hat sie einen schwarzen Fleck auf der Oberlippe davongetragen, und von da an können wir uns kaum mehr das Lachen verbeißen.

Als alles fertig ist, wird uns natürlich eifrig Beifall geklatscht, fast mehr, als die bekamen, die das Stück im Schauspielhaus in Stockholm spielten.

Nachher haben wir in der Kinderstube und in Mutters Bodenkammer sehr viel wieder in Ordnung zu bringen, und es dauert eine gute Weile, bis wir fertig sind. Als wir dann hinunterkommen, sagt Mutter, Vater sei müde geworden und zu Bett gegangen, aber wir dürften noch zu ihm hineingehen. Und das tun wir selbstverständlich.

Als wir dann in einer Reihe vor Vaters Bett stehen, sagt er: »Kinder, ich danke euch! Wißt ihr, ich glaube, diese Vorstellung hat mir besser getan als alle Pillen von Doktor Piscator.«

Und das ist natürlich das allerbeste, was uns gesagt werden kann.

Dann gehen wir in die gute Stube und begrüßen Onkel Kalle und Tante Augusta, denn das haben wir ja vorher nicht tun können. Und sie sind auch ganz entzückt und sagen, sie hätten sich königlich amüsiert.

All das steigt uns zu Kopf, und wir halten uns allmählich für etwas ganz Besonderes, Anna, Emma Laurell und ich, ja auch Gerda, obgleich sie nichts anderes getan hat, als Schwierigkeiten machen.

Als wir aber zu Onkel Kalle kommen, legt er mir die Hand auf den Kopf und dreht mein Gesicht nach oben.

»So, so, dieses Mädchen hier ist also der Theaterdirektor,« sagt er mit seiner freundlichen Stimme, und ich erwarte, daß er hinzufügen wird, ich hätte meine Sache sehr gut gemacht, weil ich mit den andern ein Stück von dem Schauspielhaus in Stockholm eingeübt hätte. Statt dessen aber fügt er hinzu: »Und ich hatte doch gehört, sie sei eine kleine Betschwester geworden, die immer eine große Bibel mit sich herumschleppt.«

Ich werde verlegen und weiß nicht, was ich tun soll. Und ich darf ja auch nicht sagen, wie alles mit dem Bibellesen zusammenhängt.

Der Onkel muß gemerkt haben, daß ich betrübt bin, denn nun tätschelt er mich auf die Wange und sagt:

»Tante und ich haben seit langer Zeit nicht so viel gelacht, und wenn ihr das nächste Mal nach Gårdsjö kommt, dann müßt ihr das Stück noch einmal aufführen.«

Onkel Kalle will mich trösten, das verstehe ich wohl; aber ich bin trotzdem betrübt. Wie, wenn nun Vater zu hören bekäme, daß ich eine Betschwester geworden sei?

Ach, man muß viel durchmachen, wenn man die ganze Bibel durchlesen will und erst zehn Jahr alt ist!

*

Frau Unger in West-Ämtervik hat Aline Laurell einen Roman geliehen, der ganz furchtbar unterhaltend sein soll. Aline gibt ihn Mutter und Tante Lovisa zu lesen, und sie sind so begierig, zu erfahren, wie er ausgeht, daß sie das Buch kaum wieder weglegen können.

Ich habe das Buch sowohl im Schlafzimmer als auch in der Küchenstube liegen sehen, und ich weiß auch, wie es heißt, nämlich: »Eine launenhafte Frau.« Und es ist von Emilie Flygare-Carlén. Ach, ich möchte es auch schrecklich gern lesen!

An einem Sonntagvormittag lag das Buch mehrere Stunden auf dem Tisch im Eßzimmer, und ich hätte recht lang darin lesen können; aber ich tat es nicht. Ehe ich die Bibel ausgelesen habe, will ich kein anderes Buch anfangen.

 

Wie schön, daß es nun Sommer geworden ist!

Aline und Emma Laurell sind nach Karlstadt heimgereist, wir brauchen morgens nicht vor acht Uhr aufzustehen, und wir haben keine Aufgaben zu machen; ich kann also mehrere Stunden am Tage in der Bibel lesen.

Aber auch der Sommer hat seine Schwierigkeiten, denn nun sind Daniel und Johan von der Schule nach Hause gekommen.

Sie haben natürlich erfahren, daß ich die ganze Bibel lesen will, und sie können es nicht lassen, mich deswegen zu necken.

»Hör einmal, Selma,« sagen sie, »da du so fleißig in der Bibel liest, weißt du, wohin Jakob ging, als er vierzehn Jahr alt war?«

»Oder weißt du, was die zwölf Apostel im Himmelreich machen?«

Und noch andere Neckereien haben sie bei der Hand.

Aber das tut ja gar nichts. Man muß Schlimmeres ertragen, wenn man die ganze Bibel durchlesen will und erst zehn Jahr alt ist.

 

Vater ist jetzt auf und angezogen, aber er liegt noch mehrere Stunden auf dem Sofa. Er fühlt sich matt und schwach und kann seinen Husten durchaus nicht loswerden. Er sagt, er werde wohl nie mehr ganz der alte.

Aber jetzt hat Mutter etwas herausgefunden. Er soll nach Strömstadt reisen und dort baden, denn so gesund, wie sie in dem Sommer waren, als sie dort waren und badeten, sind sie weder vorher noch nachher je gewesen. Ich weiß zwar, daß es nicht nötig ist, denn Vater wird ja in jedem Fall gesund, wenn ich nur erst mit der Bibel fertig bin, aber das darf ich eben niemand sagen. Nun, vielleicht richtet Gott selbst es so ein, daß Vater fortreist, damit ich das Lesen fortsetzen kann.

Solange Vater nicht ganz wieder der alte ist, hat niemand das Herz, ihm etwas mitzuteilen, worüber er ärgerlich werden könnte. Deshalb hat ihm auch hier daheim niemand gesagt, daß ich damals, als wir im Gasthaus Paulus Andersson von Sandarne Erbauungsstunde halten hörten, bekehrt worden sei.

Aber er könnte es eben doch auf irgendeine Weise erfahren, und was sollte ich dann antworten, wenn er mich fragte, warum ich in der Bibel lese? Lügen dürfte ich nicht, aber die Wahrheit sagen, das dürfte ich auch nicht.

Jedenfalls bin ich froh über die langen, hellen Sommernächte. Wenn Mutter hier oben bei uns gewesen ist und wir unsere Gebete gesprochen haben und Anna eingeschlafen ist, schlüpfe ich aus meinem Bett heraus, setze mich ans Fenster und lese und lese und lese.

 

Jetzt ist Vater wieder daheim, und wir sind alle miteinander überglücklich, denn er ist gesund und ganz wie früher, ehe er fortreiste, um Steuern zu erheben, wobei er dann auf den feuchten Bettüchern schlafen mußte.

Und wir haben sehr viele Gäste, sehr, sehr viele! Onkel Schenson ist da mit Ernst und Klas und Alma, und Onkel Hammargren und Tante Nana sind da mit Theodor und Otto und Hugo, und Onkel Oriel Afzelius und Tante Georgina mit Elin und Allan sind da, und dann noch Onkel Christofer Wallroth, der unverheiratet ist.

Aline und Emma Laurell sind auch wieder da, aber nicht, um mit dem Unterricht zu beginnen, sondern nur, um den siebzehnten August, wo Vater fünfzig Jahr alt wird, mitzufeiern.

Das Wetter ist herrlich, und es gibt sehr viele Johannis- und Stachelbeeren und Kirschen, und die Astrachanäpfel sind auch am Reifen. Alles ist herrlich. Nur eines ist ärgerlich: ich habe nämlich noch nicht die ganze Bibel durchlesen können. Ich bin zwar fast fertig und jetzt an der Offenbarung, aber wenn wir so viele Gäste im Hause haben, sind alle Stuben voll besetzt; es gibt im ganzen Hause keinen Raum, wo ich eine einzige Stunde in Ruhe und Frieden die Bibel vollends auslesen könnte.

Aber jetzt am Nachmittag hat Mutter den Vorschlag gemacht, daß alle miteinander nach dem Storsnipan wandern und dort die schöne Aussicht bewundern sollen. Sie sind schon aufgebrochen, groß und klein, und ich bin ganz allein daheim. Ich wäre auch gern mitgegangen, aber Mutter sagte, der Weg sei zu weit für mich. Sie sagte, ich hätte in den letzten Tagen so viel gespielt und sei so viel herumgesprungen, und so hätte sie Angst, ich könnte wieder zu hinken anfangen, wie zu der Zeit, ehe ich nach Stockholm kam und in die Heilgymnastik ging.

Ich bleibe gern daheim, denn ich denke an die Bibel, und sobald die andern fortgegangen sind, laufe ich in die Küchenstube und nehme die Bibel aus dem halbrunden Schrank heraus. Dann gehe ich in den Baumgarten und setze mich neben einen Stachelbeerstrauch. Und dann esse ich Stachelbeeren und lese in der Offenbarung. Und ich bin sehr befriedigt. Ich denke daran, daß ich nun bald fertig bin und dann keine Heimlichkeiten mehr haben muß.

Wie ich eben so recht eifrig lese, sehe ich Onkel Christofer daherkommen, und als er mich mit Großvaters großer Bibel im Schoß neben dem Stachelbeerstrauch sitzen sieht, geht er geradeswegs auf mich zu. Ich hatte ganz sicher geglaubt, Onkel Christofer sei mit den andern nach dem Storsnipan gegangen, und als er jetzt zu mir tritt und mich fragt, was ich da lese, erschrecke ich sehr.

Aber ich antworte doch, ich lese in der Bibel, und als er fragt, wie weit ich damit gekommen sei, erzähle ich ihm, daß ich ganz vorne angefangen habe und jetzt bei der Offenbarung sei.

Darauf sagt er eigentlich nichts mehr, und als er weitergeht, sieht es aus, als hätte er große Lust, hell herauszulachen.

Sobald er gegangen ist, mache ich die Bibel zu und trage sie zurück in den Schrank im Küchenzimmer. Denn das weiß ich, sobald Vater und Onkel Schenson und Onkel Hammargren und Onkel Oriel vom Storsnipan zurückkommen, erzählt ihnen Onkel Christofer, daß er mich drunten im Obstgarten neben dem Stachelbeerstrauch getroffen hat, und daß ich da in der Offenbarung gelesen habe.

Und wenn Onkel Christofer etwas erzählt, dann ist das so komisch, daß man sich totlachen muß.

Nun gehe ich in die Küche und helfe Tante Lovisa und der Haushälterin beim Zubereiten des Abendbrots. Ich laufe hinunter in den Küchengarten und pflücke Petersilie und Dill, und ich eile in die Vorratskammer nach Pfeffer und Zwiebeln. Ich besorge alles mögliche, um nur nicht drinnen zu sein, wenn die andern heimkommen, und dann mit anhören zu müssen, daß Onkel Christofer ihnen erzählt, wie lächerlich das war, als ich dort neben dem Stachelbeerstrauch saß und in der Bibel las.

Wenn das Haus so voll von Gästen ist, gibt es sehr viel zu tun. Nach dem Essen helfe ich beim Aufwaschen, und ich bleibe so lange in der Küche, bis es Schlafenszeit für mich ist.

Wenn wir so viele Gäste haben, dürfen wir nicht im Kinderzimmer schlafen, dort schlafen jetzt Tante Nana und Tante Georgina und Aline Laurell. Anna und Emma Laurell und Alma Schenson ist die Kleiderkammer angewiesen, während ich meine Lagerstatt auf dem Ecksofa in der Eltern Schlafzimmer habe.

Ich gehe zu Bett und schlafe ein; aber später in der Nacht erwache ich, und da höre ich, daß Vater und Mutter miteinander über mich sprechen.

»Hast du gehört, was Christofer von Selma erzählte?« fragt Vater, und er scheint durchaus nicht böse zu sein, sondern nur ein wenig verwundert.

»Jawohl,« antwortet Mutter, »aber ich meine, Christofer hätte das Kind in Ruhe lassen sollen.«

»Nun, ich bin ja jetzt im Sommer fort gewesen,« erwidert Vater, »aber du hast doch wohl gesehen, ob sie wirklich gar so häufig in der Bibel liest?«

»Ja, sie hat den ganzen Sommer über früh und spät in der Bibel gelesen,« erklärt Mutter.

»Aber, liebe Luise,« sagt Vater, »das hättest du ihr doch eigentlich verbieten müssen. Das ist doch schließlich kein Lesestoff für ein Kind.«

»Nein,« erwidert Mutter, »aber Aline und ich hielten es für besser, sie in Frieden zu lassen.«

»Dann werde ich wohl selbst mit ihr reden müssen,« versetzt Vater. »Ich will nicht, daß sie eine Betschwester wird.«

»Ach, das laß lieber sein, Gustav!« wirft Mutter ein.

»Aber ich verstehe nicht ...« entgegnet Vater.

»Ja, siehst du, Gustav,« erklärt Mutter, »ich glaube nun, daß Selma die ganze Bibel von A bis Z durchlesen will, damit du wieder gesund wirst.«

»Aber das ist doch wohl nicht möglich!« fährt Vater auf.

»Doch, du weißt, wie betrübt sie war, als du krank wurdest. Es hat sie tiefer gepackt, als irgend eins von den andern, und seit der Zeit hat sie immerfort in der Bibel gelesen.«

»Aber das ist doch wohl nicht möglich!« sagt Vater noch einmal, und er räuspert sich mehrere Male, als werde es ihm schwer, die Worte herauszubringen. »Es ist doch wohl nicht möglich, daß das Mädchen so einfältig ist!«

Mutter erwidert nichts darauf, und Vater sagt auch nichts mehr; es wird ganz still im Zimmer.

Es ist doch sonderbar! Die Gäste reisen wieder ab, und ich weiß, seit Mutter mich in Schutz genommen hat, darf ich in der Bibel lesen, so viel ich will. Aber ich nehme diese nie mehr aus dem Eckschrank heraus, um die letzten paar Seiten der Offenbarung zu lesen. Seht, seit das Geheimnis offenbar gemacht war, fand sich keinerlei Kraft mehr in dem, was ich versprochen hatte. Es hatte keinen Wert mehr, noch weiter zu lesen.

Alles miteinander war ganz nutzlos gewesen.

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.