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Aus meinen Kindertagen

Selma Lagerlöf: Aus meinen Kindertagen - Kapitel 3
Quellenangabe
authorSelma Lagerlöf
titleAus meinen Kindertagen
publisherAlbert Langen
year1931
printrun1. bis 10. Tausend
translatorPauline Klaiber-Gottschau
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20190424
projectid278d7116
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Die Erbauungsstunde

Wir freuen uns immer, wenn wir am Sonntagnachmittag die Postsachen holen dürfen. Aber nur wir Großen, Anna, Emma Laurell und ich dürfen gehen. Wir schleichen uns davon, ehe Gerda von ihrem Nachmittagschlaf aufwacht, damit sie nicht zu weinen braucht, weil sie nicht mitkommen darf. Seht, Gerda ist erst sechs Jahr alt, und wir meinen, der Weg ist für so eine kleine Person zu schwierig, weil sie nicht über Gräben springen oder über Zäune klettern kann, ohne daß man ihr hilft.

Bisweilen kommt das Kindermädchen Maja dazu und fragt, ob sie mitgehen dürfe, denn es ist ihr langweilig, wenn sie einen ganzen Sonntag daheim bleiben soll. Maja ist Gerdas Kindermädchen, und weder Vater noch Mutter haben ihr befohlen, mit uns zu gehen, um uns zu beaufsichtigen. Wenn Anna zwölf Jahr alt ist und Emma Laurell elf und ich zehn, dann meinen wir wirklich, daß wir niemand brauchen, der uns behütet. Maja geht nur mit, weil es ihr selbst Spaß macht. Sie will lieber mit Anna und Emma Laurell und mir die Post holen, als sich daheim auf dem Hofplatz mit Lars Nylund und Magnus Engström unterhalten. Maja sagt, diese Burschen schwatzen lauter dummes Zeug.

An diesem Tag geht Maja auch wieder mit uns, und die ganze Zeit, während wir am Viehstall vorbei und über die Wiesen hinunter und an Per in Berlins Leutnant Lagerlöf hatte die Häuser seiner Kätner nach den Hauptstädten in Europa genannt: Per in Berlin, Magnus in Wien, Lars in London. Häuschen vorbeigehen, erzählt uns Maja, wie es war, als sie und Lars Nylund und die andern kleinen Kinder von der Högbergalm die Schafe im Åßwalde hüteten. Und Lars Nylund hatte einmal eine Kreuzotter totgeschlagen, gerade in dem Augenblick, wo sie Maja in die große Zehe beißen wollte. Und einmal war Maja bis zum Kinn in ein tiefes Moor eingesunken, und sie hätte nie wieder das Tageslicht erblickt, wenn nicht Lars Nylund herbeigeeilt wäre und sie herausgezogen hätte.

Maja erzählen zu hören, wie es damals beim Viehhüten war, ist immer unterhaltend; doch dann sagt Anna plötzlich, man könne wohl merken, daß Maja recht verliebt in Lars Nylund ist. Maja aber erwidert, das sei nicht wahr, denn jetzt habe sie Schluß gemacht; sie hätten nur so gespielt, als sie noch klein waren. Ich aber war ärgerlich, weil Anna die Maja böse gemacht hatte, denn nun wollte diese nichts mehr erzählen.

Es ist doch recht gut, daß Gerda nicht mitgekommen ist, denn sie wäre schrecklich müde geworden, weil sie doch erst sechs Jahr alt ist! Ich selbst werde ja müde, und ich bin zehn. Aber nicht, weil es mich sonst anstrengen würde, wenn ich eine Viertelmeile oder auch mehr gehe. Seit dem Winter, wo ich in Stockholm war und in die Gymnastik ging, tut mir mein Bein gar nicht mehr weh. Aber seht, der Weg von Per in Berlins Hütte bis zum Wirtshaus in Högberg ist so aufgeweicht wie ein Moor. Wenn man den Fuß hebt, quietscht der Boden. Wir haben nicht gewußt, daß es hier westwärts schon richtig aufgetaut ist, denn es taut ja erst seit ein paar Tagen. Anna sagt, der Postillon sei auch gewiß durch den schlechten Weg aufgehalten worden und wir würden gar keine Post bekommen.

Ich begreife nicht, wie Anna alles wissen kann. Denn siehe, als wir am Wirtshaus ankommen, ist das erste, was wir hören, daß der Postillon noch nicht vorbeigefahren ist und keine Post für Mårbacka abgegeben hat. Anna meint, wir sollten gleich umkehren, aber Maja fragt, ob wir nicht lieber eine Weile warten sollten, weil der Herr Leutnant Lagerlöf sehr ärgerlich sein würde, wenn wir ohne Post nach Hause kämen.

Ich bin froh, als Anna nachgibt, weil ich nun in die große Wirtshausstube gehen und mich da ein wenig ausruhen kann. Die Wirtsfrau stellt in der Nähe der Tür Stühle für uns hin, und wir bleiben da ganz still und stumm sitzen, denn niemand redet uns an. Statt dessen sehen wir uns in der Stube um. Auf einem großen Tisch vorn am Fenster ist Brot und Butter und Käse aufgestellt, und auf einem andern Tisch stehen viele Kaffeetassen und Kuchenschalen. Auf dem Herd sehe ich mehrere große Kaffeekannen, die zischen und summen und ab und zu überkochen. Die älteste Tochter des Hauses mahlt eifrig Kaffee. Maja sagt halblaut, nichts rieche so gut wie Kaffee, besonders wenn man müde und naß und verfroren sei, und das meinen wir andern alle auch; aber Anna gebietet uns Schweigen, damit die Wirtsleute nicht etwa auf den Gedanken kommen könnten, wir erwarteten, daß man uns etwas anbiete.

Man bietet uns auch nichts an, und nach einer Weile geht Maja hinaus, um zu sehen, ob man den Postillon noch nicht drüben am Hügel erblicken kann. Sie bleibt so lange fort, daß wir glauben, wir würden sie nie mehr zu sehen bekommen, und außerdem werden wir unruhig, weil wir sehen, daß sich draußen auf dem Hofplatz sehr viele Leute versammeln. Einige öffnen die Tür, wie um hereinzukommen, aber sobald sie uns wahrnehmen, schütteln sie den Kopf und drehen wieder um. Und wir hören, daß die älteste Tochter, die vorhin Kaffee gemahlen hat, der Wirtsfrau zuflüstert, ob denn die Kinder von Mårbacka gar nicht wieder gehen würden. Und Anna flüstert Emma Laurell und mir zu, sie glaube, hier werde ein Fest gefeiert, und man möchte uns gerne los sein. Wir wollen auch nicht im Wege sein, und wir beschließen, schnellstens fortzugehen, sobald Maja wieder erscheint.

Aber Maja ist und bleibt fort, und ich höre, wie Anna Emma Laurell zuflüstert, Maja habe sich wohl hier im Wirtshaus mit Lars Nylund zusammenbestellt und deshalb sei sie wohl so darauf aus gewesen, mit uns zu gehen. Aber ich kann Maja solche Verschlagenheit nicht zutrauen. Ich schaue die ganze Zeit unverwandt durchs Fenster hinaus, ob ich sie nicht auftauchen sehe.

Mir gerade gegenüber auf der andern Seite des Hofs ist ein Stallgebäude, und an der Ecke dieses Stalls befindet sich eine alte Treppe, so eingebaut, daß man nur die zwei untersten Stufen sehen kann. Und auf dieser Treppe stehen zwei Menschen. Ich kann nicht sehen, wer sie sind, denn von dem einen ist nur ein Paar Stiefel sichtbar und ein Stück von einem Paar Hosenbeinen, und von dem andern nur ein Paar Schuhe und ein Stück von einem gestreiften Rock. Aber die beiden müssen einander sehr viel zu sagen haben, denn sie haben jetzt schon eine gute Weile da auf der Treppe gestanden. Das sonderbarste aber ist, daß ich den gestreiften Rock zu kennen meine, obgleich es ja recht merkwürdig wäre, wenn Maja sich da hinstellen und sich mit einem Paar Hosenbeinen unterhalten würde, wenn sie doch hinausging, um nach dem Postillon auszuschauen, der auf der Landstraße dahergefahren kommt.

Ich wollte eben Anna fragen, was sie von dem gestreiften Rock denke, als die Wirtsfrau zu uns herüberkommt. Sie redet nicht mit uns, als sie vorbeigeht, sondern sagt wie zu sich selbst: »Ja, es ist eine rechte Freude, Paulus Andersson von Sandarne reden zu hören.«

Wir sitzen ganz still und hören nur zu. Die Wirtsfrau steht nun hinter uns und nimmt einige Scheite aus dem Holzkasten.

»Gott sei Lob und Dank, daß Paulus Andersson heute nachmittag um vier Uhr in meinem Haus eine Erbauungsstunde halten wird!« sagt sie vor sich hin, während sie mit den Holzscheiten wettert. »Alle, die hierbleiben und zuhören wollen, sind uns willkommen,« fährt sie fort. »Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen, sage ich, wie der Heiland. Aber wer die Menschen mehr fürchtet als Gott, der soll seiner Wege gehen.«

Unsere Augen richten sich sofort alle miteinander auf die große Wanduhr. Und siehe, es sind nur noch fünf Minuten bis vier! Und Emma Laurell und ich, wir springen von unsern Stühlen auf, um zu gehen; aber Anna bleibt unbeweglich sitzen, und sie macht uns ein Zeichen, daß wir auch sitzen bleiben sollen.

Aber was um alles in der Welt denkt sich Anna nur? Meint sie denn, wir sollen hier bleiben und der Erbauungsstunde anwohnen? Denkt Anna denn gar nicht daran, daß Kolporteure und Stundenhalter das schlimmste sind, was unser Vater kennt? Hat sie vergessen, wie oft Vater gesagt hat, wenn irgend jemand aus seinem Hause in so eine Erbauungsstunde ginge, dürfe er sich nie mehr bei ihm blicken lassen?

Es gelingt mir nicht mehr, Anna zu fragen, was sie denkt und zu tun im Sinne hat, denn jetzt erscheint Maja. Fast atemlos teilt sie uns eifrig mit, daß in dieser Stube um vier Uhr Erbauungsstunde gehalten werde und wir uns deshalb sofort auf den Heimweg machen müßten. Aber Anna will nicht fortgehen.

»Aber Anna, dein Vater will doch nicht, daß wir einen Stundenhalter hören, das weißt du recht gut!«

Doch Anna erwidert: »Wir können ja nichts dafür, daß hier eine Erbauungsstunde gehalten wird, während wir hier auf die Post warten.«

»Aber jetzt bekomme ich furchtbar Angst, und ich glaube, ich laufe allein nach Hause,« sagt Maja.

»Ich habe schon die ganze Zeit heimgehen wollen,« flüstert Anna, und man hört ihr an, wie böse sie auf Maja ist. »Aber du hast uns verlockt, hierzubleiben, damit du mit Lars Nylund schwatzen konntest. Jetzt mußt du die Folgen auf dich nehmen.«

Und jetzt können wir auch nicht noch länger beraten, denn ein paar junge Burschen kommen herein. Sie stellen Bänke und Stühle auf, und als dies getan ist, stürmen alle die Leute, die draußen auf dem Hofplatz gewartet haben, in die Stube herein, die sofort gedrückt voll ist. Wir schieben unsere Stühle nur etwas weiter nach der Wand zurück und bleiben da sitzen, denn wenn Anna keine Angst hat, dann ist es wohl für uns andere auch nicht so gefährlich. Und wir sind ja auch alle überaus neugierig, wie es bei so einer Erbauungsstunde zugeht.

Zuletzt erscheint Paulus Andersson von Sandarne. Er sieht indes ganz wie ein gewöhnlicher Bauer aus, und so kann ich mir nichts anderes denken, als daß er auf ganz gewöhnliche Art predigen wird. Aber ich kann dem, was er sagt, nicht richtig folgen, ich muß nur immer daran denken, wie es uns gehen wird, wenn wir heimkommen.

Es wird gar nichts helfen, wenn wir zu Vater sagen, wir hätten auf die Post gewartet. Das kann sich selbst Anna nicht einbilden. Nein, wir werden aus unserer guten Heimat hinausgeworfen werden, weil wir ungehorsam und neugierig waren. Es wird uns gehen, wie einst Adam und Eva.

Womit wird uns Anna verteidigen können, wenn wir heimkommen, und was soll dann aus uns werden? Wir müssen wohl auf die Landstraße hinaus und betteln. Maja hat ihre Eltern auf der Högbergalm, und Emma Laurell hat ihre Mutter in Karlstadt, aber Anna und ich, wir haben nichts als Mårbacka.

Wenn ich daran denke, daß Vater zu sagen pflegt, Kolporteure und Stundenhalter seien ein schlimmeres Gesindel als Diebe und Mörder, und sie müßten alle miteinander in Marstrand im Gefängnis eingesperrt werden, dann kann man ja nichts anderes erwarten, als daß er uns auf die Landstraße hinausjagen wird.

Ach, Gerda, die heute nicht mitkommen durfte, die Post zu holen, ja, die hat es gut! Sie weiß gar nicht, wie glücklich sie ist!

Jetzt stößt mich Anna mit dem Ellbogen an, und ich sehe einen großen Mann an der Tür stehen, der eine Posttasche in die Höhe hält. Sofort schleichen wir uns hinaus und gehen nun heimwärts, Anna und Emma Laurell, Maja und ich; aber wir sind sehr niedergedrückt und verdrießlich und angstvoll; auf dem ganzen Heimweg bringt keines von uns ein einziges Wort über die Lippen.

Als wir an Per in Berlins Haus vorüber sind und über die Wiesen hin und den Scheunenhügel hinauf sehen können, erblicken wir unsere große Köchin Lina, die dort auf uns wartet.

Ach, sie ist immer so sehr nett! Jetzt will sie sicher nichts weiter, als uns warnen.

»Warum kommt ihr so spät?« fragt sie. »Kaum war't ihr fort, als der Herr Leutnant erfuhr, daß im Gasthaus eine Erbauungsstunde gehalten werden soll, und jetzt hat er den ganzen Abend über euer Ausbleiben losgezogen, weil er Angst hatte, ihr könntet auch gleich solche Mucker werden.«

Wir haben keine Zeit, ihr zu antworten, wir eilen nur durch den Hof nach der Treppe; aber siehe da, nun wagt Maja nicht, mit uns durch den großen Hauseingang hineinzugehen, sie schleicht sich nach der Küchentür davon.

Aber Anna hat kein bißchen Angst, sie geht nur ruhig weiter. Und gerade, wie sie die Flurtür aufmacht, sagt sie zu uns, wir sollten lieber nichts von Majas Zusammensein mit Lars Nylund sagen, denn sie wolle nicht, daß Maja deshalb Verdruß bekomme. Aber sie sagt kein Wort davon, daß wir über die Erbauungsstunde schweigen sollen.

Anna geht durch den Flur geradeswegs in die Stube hinein, und ich und Emma folgen ihr. Anna legt nicht einmal ihre Überkleider ab, und wir andern tun es auch nicht. Wir halten es für das beste, zu tun, was sie tut.

Im Saal sind die Vorhänge zugezogen, und die Lampe ist angezündet. Mutter und Aline Laurell sitzen an dem runden Tisch vor dem Sofa und legen Sympathiepatience. Tante Lovisa hat Gerda neben sich und zeichnet ihr eine kleine Blume, Vater sitzt im Schaukelstuhl und plaudert wie gewöhnlich mit den andern.

Und obgleich Anna weiß, daß sie bei der Erbauungsstunde zugegen war, was uns ja Vater verboten hat, geht sie doch gerade auf ihn zu und reicht ihm die Posttasche.

»Hier ist die Post, Vater,« sagt sie.

Aber jetzt sieht es aus, als ob Vater so tun wollte, als bemerke er gar nicht, daß wir heimgekommen sind. Anna muß unbeachtet mit ihrer Posttasche vor ihm stehen bleiben. Er nimmt sie ihr nicht ab, sondern plaudert mit Mutter und Aline Laurell weiter.

Und wenn Vater das tut, dann ist es ein Beweis, daß er sehr böse ist.

Mutter und Aline legen ihre Sympathiepatiencekarten zusammen, und Tante Lovisa zeichnet nicht weiter an ihrer kleinen Blüte. Und keines von ihnen sagt ein Wort. Emma Laurell und ich fassen einander an der Hand, weil wir Todesangst haben, aber Anna ist ganz ruhig und freimütig.

»Die Wege waren sehr schlecht, deshalb ist der Postillon zu spät gekommen,« sagt sie. »Wir mußten im Gasthaus bis fünf Uhr warten.«

Vater schaukelt nur weiter und hört gar nicht, was Anna sagt; aber jetzt ergreift Mutter das Wort.

»Sag, Anna, was tatet ihr, während ihr dort im Wirtshaus gewartet habt?«

»Während der ersten Stunde taten wir gar nichts. Dann kam ein Kolporteur herein und hielt eine Erbauungsstunde,« antwortet Anna. »Aber sobald der Postillon mit der Posttasche da war, gingen wir nach Hause.«

»Aber, Anna,« sagt Mutter, »du weißt doch, daß Vater euch verboten hat, die Predigten von solchen Stundenhaltern anzuhören?«

»Jawohl,« antwortet Anna, »aber siehst du, Mutter, es war ja Paulus von Sandarne, und du weißt doch, daß er der allergefährlichste von allen miteinander ist.«

»Ja, aber liebes Kind,« erwidert die Mutter, »war es ein Grund, dazubleiben, weil er so gefährlich ist?«

»Wir wußten nicht, daß eine Erbauungsstunde gehalten werden sollte, erst gerade bevor sie anfing, erfuhren wir es,« erklärt Anna. »Und ich dachte, wenn wir in diesem Augenblick fortgingen, dann könnte er so böse auf uns werden, daß er hierher nach Mårbacka kommen und stehlen würde.«

»Aber was faselt denn das Mädchen?« murmelt Vater, und er hält den Schaukelstuhl jäh an. »Sie wird doch nicht verrückt geworden sein?«

Plötzlich sehe ich, daß Aline Laurell sich mit dunkelroten aufgeblasenen Wangen über die Spielkarten vorbeugt, damit man nicht merken soll, daß sie auf dem Punkt ist, in helles Lachen auszubrechen. Aber Tante Lovisa lehnt sich in die Sofaecke zurück und lacht so widerstandslos, daß sie sich die Hände in die Seiten drücken muß.

»Ja, da siehst du's, Gustav,« sagt Mutter, und man hört es ihrer Stimme an, daß sie auch gern gelacht hätte, »wie es geht, wenn du so übertreibst.«

Darauf wendet sie sich wieder an Anna und fragt: »Wer hat denn gesagt, daß Paulus von Sandarne ein Dieb sein soll?«

»Aber Vater hat doch gesagt, er sei ein ärgerer Halunke als Lasse-Maja,« antwortet Anna, »und er müßte eigentlich im Gefängnis sitzen.«

Und jetzt lachen Emma Laurell und ich auch mit, denn wir haben ja immer begriffen, wie Vater es meinte, wenn er sagte, die Kolporteure und Stundenhalter seien ebenso schlimm wie Zuchthäusler. Und wir hätten uns doch niemals denken können, daß Anna, die volle zwölf Jahr alt ist, das Wort für Wort glauben könnte.

Als nun alle miteinander laut lachen, geht Anna wohl ein Licht darüber auf, daß sie etwas Dummes gemacht hat, und ihre Oberlippe beginnt zu zittern, wie wenn sie in Tränen ausbrechen wollte.

Doch nun steht Vater von seinem Stuhl auf und nimmt ihr die Posttasche ab.

»Ja, es ist gut, Anna,« sagt er. »Du bist mein liebes Mädchen. Kümmere dich nicht um die andern, die jetzt lachen, denn siehst du, wir zwei, wir haben recht. Nimm jetzt Emma und Selma mit, legt eure Überkleider ab und zieht andre Schuhe an! Und dann dürft ihr die Tante um Sirup und Mandeln bitten, damit ihr euch gebrannte Mandeln machen könnt, denn ihr müßt doch wohl eine kleine Belohnung bekommen, weil ihr so lange auf die Post habt warten müssen.«

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