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Aus meinen Kindertagen

Selma Lagerlöf: Aus meinen Kindertagen - Kapitel 24
Quellenangabe
authorSelma Lagerlöf
titleAus meinen Kindertagen
publisherAlbert Langen
year1931
printrun1. bis 10. Tausend
translatorPauline Klaiber-Gottschau
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20190424
projectid278d7116
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Tante Nanas Erzählung

Es war zur Zeit meiner Eltern und mitten im Sommer, als sich folgendes bei uns zutrug. Unsere Haushälterin, Maja Perstochter, die bis zum heutigen Tag hier noch tüchtig mitarbeitet, saß in der Küche und stieß Salz in einem Messingmörser. Da kam ein Mann zur Tür herein und fragte nach dem Herrn Regimentsschreiber. Die Haushälterin antwortete der Wahrheit gemäß, der Herr sei verreist. Darauf fragte der Mann, ob er nicht mit Frau Lagerlöf sprechen könnte.

»Nein, sie ist krank,« sagte die Haushälterin, und das war auch wahr, denn meine Mutter hatte den ganzen Tag Zahnschmerzen gehabt und lag nun mit einem Breiumschlag auf der Wange auf dem Sofa in der Stube neben der Küche.

Nachdem der fremde Mann diesen Bescheid bekommen hatte, hätte er eigentlich seiner Wege gehen sollen, aber das schien er nicht zu verstehen. Statt dessen zog er den langen Schemel unter der Tischbank hervor, setzte sich darauf und streckte die Beine weit von sich.

»Ich möchte doch wissen, ob Frau Lagerlöf so krank ist, daß ich nicht mit ihr reden kann, wenn ich noch eine Weile warte,« sagte er.

Da fragte ihn die Haushälterin, was er denn von der Herrschaft wolle.

Ja, er sei ein Brunnengräber und habe gehört, daß es auf Mårbacka kein gutes Wasser gebe, und nun sei er gekommen, einen richtigen Brunnen zu graben. Er heiße Germund Germundsson und wisse, daß dieser Name im ganzen Wärmland wohlbekannt sei, denn fast auf allen den Herrenhöfen habe er schon Brunnen gegraben, und überall habe er gutes Wasser herbeigeschafft, so daß man ihm überall ein gutes Andenken bewahre.

Aber die Haushälterin hatte noch nie ein Wort über ihn und seinen großen Ruf gehört, und als sie ihn nun etwas näher betrachtete, dachte sie, wenn es auf sie ankäme, würde er von der Herrschaft keinen Auftrag bekommen. Der Mann war schrecklich groß und breit, der Kopf dagegen war klein und nach oben schmal. Die Augen waren dunkel und scharf, die Nase sprang hervor wie der Schnabel eines Vogels, und das Kinn war grob und kräftig. Es war ein Mensch, den sie am liebsten so rasch wie möglich zum Haus draußen gehabt hätte.

»Zu der Zeit des Herrn Regimentschreibers und auch früher schon sind eine ganze Menge Brunnengräber hier gewesen,« sagte sie. »Die sind mit Wünschelruten hügelauf und hügelab gelaufen, aber darum haben wir doch kein besseres Trinkwasser bekommen.«

»Ach, das waren eben Stümper, die die Sache nicht verstanden,« erwiderte der Brunnengräber. »Bei mir ist es ganz anders, und ich meine, Sie könnten doch wenigstens zu Frau Lagerlöf hineingehen und sie wissen lassen, daß ich da bin.«

Aber das wollte die Haushälterin nicht. Daß das Wasser auf Mårbacka schlecht war, ach, das wußte niemand besser als sie! Man hatte nur einen Brunnen, der zwar selbst bei der größten Trockenheit das ganze Jahr hindurch Wasser gab, aber das Wasser war nicht vollkommen klar, sondern trübe und rötlich. Man konnte es nicht als Trinkwasser benützen; dieses mußte jeden Tag an einer Quelle geholt werden, die recht weit vom Hofe entfernt lag. Aber lieber wollte die Haushälterin Zeit ihres Lebens das Trinkwasser weit her schleppen, als mit einem Landstreicher wie Germund Germundsson etwas zu tun haben.

»Bilden Sie sich nur nicht ein, Sie könnten mich dazu bringen, zu der gnädigen Frau hineinzugehen,« sagte sie. »Sie hat Zahnweh; ich hab' ihr erst vorhin einen warmen Breiumschlag gemacht, und jetzt wird sie wohl eingeschlafen sein.«

»Na ja, dann bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als zu warten, bis sie aufwacht,« versetzte der Brunnengräber.

Damit schlug er das eine Bein über das andere und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Tischbank, um es sich so recht bequem zu machen. Die Haushälterin begann wieder Salz zu stoßen, und eine gute Weile sagte keines von ihnen ein Wort.

»Was stoßen Sie denn da?« fragte der Brunnengräber, als einige Minuten vergangen waren.

»Salz,« antwortete die Haushälterin.

»Ach so, deshalb sind Sie so scharf und bitter,« sagte der Brunnengräber.

Die Haushälterin schwieg. Sie wollte sich mit einem dahergelaufenen Spottvogel in keinen Wortwechsel einlassen, und wieder war es ganz still in der Küche.

Nach einer Weile wurde die Küchentür aufgemacht, und zwei Mägde kamen herein, die einen Eimer Wasser trugen. Sie hatten es vom Brunnen geholt und trugen nun den vollen Eimer wie gewöhnlich zwischen sich an einer Stange, die auf ihren Schultern ruhte. Es war eine schwere Last, das sah man ihren Rücken an, als sie den Eimer auf den Boden stellten und ihn dann auf das Holzkreuz hoben, das ihm als Unterlage dienen sollte.

Aber sobald die Mägde den Eimer auf seinen Platz gestellt hatten, stand der Brunnengräber auf, trat an den Eimer und sah sich das Wasser an, das noch trüber und salziger aussah als gewöhnlich, weil es eben erst aus dem Brunnen geholt worden war.

»Pfui Teufel, ist das ein Gebräu!« sagte er und spuckte gerade in das Wasser hinein.

Aber das war das schlimmste, was er hätte tun können. Es war schon schlimm genug, daß er das Wasser unbrauchbar gemacht hatte und die beiden Mägde nun gezwungen waren, einen neuen Eimer voll zu holen; aber so ins Wasser zu spucken, das werdet ihr Kinder wohl verstehen, das ist ebenso schlimm, wie auf Brot zu treten.

Die Mägde waren auch ganz wütend. Sie gingen auf ihn los, die eine mit der Tragstange, die andere mit der großen kupfernen Schöpfkelle, die immer am Eimerrand hing, um ihn aus der Küche hinauszujagen.

»Hinaus mit Ihnen!« schrien sie. »Was haben Sie hier zu schaffen? Sie wissen ja gar nicht, was sich gehört!«

Aber der Mann setzte sich zur Wehr, und es gab einen schrecklichen Lärm und Aufruhr in der Küche, und es dauerte auch nicht lange, da ging die Tür der Küchenstube auf, und meine Mutter erschien auf der Schwelle.

»Aber was ist denn hier los?« fragte sie.

Jetzt wurde es auf einmal ganz still in der Küche. Der Fremde wendete sich eilig von den Mägden ab und begrüßte meine Mutter äußerst höflich.

»Es ist nicht so arg, wie es aussieht,« sagte er.

»Das Scheusal hat in den Wassereimer gespuckt!« schrien die Mägde.

»Ich mußte doch ein wenig Radau machen, damit die gnädige Frau aufwacht,« sagte der Brunnengräber, »aber der Schaden ist bald wieder gut gemacht.«

Damit ergriff er den Eimer an beiden Henkeln, hob ihn auf, trug ihn mit ausgestreckten Armen durch die Küche und zur Tür hinaus, wo er das verunreinigte Wasser auf die Steine vor der Hausschwelle schüttete.

Meine Mutter und die Haushälterin und die beiden Mägde sahen zu, ohne ein Wort zu sagen. Als sie merkten, wie stark der Mann war, verstummten sie vollständig.

Aber sie sollten noch mehr zu sehen bekommen. Germund Germundsson ergriff den Eimer an dem einen Handgriff und schwang ihn so leicht, wie ein anderer ein Bierglas schwingt, trug ihn zum Brunnen hinunter und begann ihn mit Wasser zu füllen. Als meine Mutter das sah, schickte sie die Köchin mit der Tragstange nach, aber er wollte keine Hilfe haben. Er ergriff den Eimer wieder an den Henkeln und trug ihn auf gestreckten Armen durch den Wirtschaftshof in die Küche, wo er ihn auf das Holzkreuz stellte.

Na, als er dies geleistet hatte, war er ja in aller Augen entschuldigt, und nun durfte er natürlich auf Mårbacka so viele Brunnen graben, wie er nur wollte. Man gibt einem Manne, der einem das Dach über dem Kopfe wegreißen könnte, nicht gern einen abschlägigen Bescheid.

Und sobald meine Mutter ihm erlaubt hatte, einen Brunnen zu graben, fragte er auch schon, wo auf dem Hofe sie ihn haben wollte.

»Er muß wohl da sein, wo Wasser in der Erde ist,« antwortete meine Mutter; »aber es wäre ja sehr gut, wenn wir ihn so nahe wie möglich beim Waschhaus hätten, denn da brauchen wir am meisten Wasser.«

»Wenn die gnädige Frau den Brunnen beim Waschhaus haben möchte, so wird er da gegraben werden,« antwortete Germund.

Am nächsten Tag fing er auch wirklich ganz dicht vordem Waschhaus zu graben an. Niemand hatte ihn mit einer Wünschelrute umhergehen oder irgendwelche Untersuchungen anstellen sehen. Es war, als fühlte er sich als Herr über alle Wasseradern in der Erde und könnte sie zwingen, in der Richtung zu fließen, die er wünschte.

Beim Graben selbst wollte er keine Hilfe haben; aber er verlangte als Handlanger ein paar Jungen mit Schiebkarren, die den Kies und die Erde wegschaffen sollten. Und er betrieb die Arbeit mit solchem Eifer, daß die Jungen sich noch nie in ihrem Leben so hatten plagen müssen. Kaum war der eine Schiebkarren geleert, als der andre schon voll war und auch geleert werden mußte. Germund hatte im Umkreis von wenigstens sechzehn Ellen einen Platz abgegrenzt. Und das war kein kleines Stück Grabarbeit. Aber noch vor dem Abend hatte er sich so tief in die Erde hinunter gearbeitet, daß nicht einmal mehr sein Kopf über dem Grabenrand heraussah.

Meine Mutter sagte öfters, während der Zeit, wo Germund den Brunnen grub, habe sie es nicht drinnen bei ihrer Näherei ausgehalten, denn sie sei furchtbar gespannt gewesen, ob er auch wirklich Wasser finden würde, und außerdem habe sie ihm auch gerne bei seiner Arbeit zugesehen, denn sie hätte ja nie geglaubt, daß ein Mensch so stark und so ausdauernd sein könnte.

Der Brunnengräber war mit der Bodenbeschaffenheit sehr zufrieden und behauptete, es seien alle Anzeichen vorhanden, daß er bald auf eine Wasserader stoßen würde. Er war auf kein Gestein oder eine harte Erdart gestoßen, sondern sobald er die oberste Erdschicht weggeschafft hatte, hatte er trockenen Kies angetroffen. Und sobald er nun auf dem Grunde der Kiesschicht angekommen sei, sagte er, werde sich das Wasser zeigen. Davon war er fest überzeugt.

Aber die Kiesschicht ging tief hinunter, und Germund mußte auch noch den ganzen nächsten Tag weitergraben. Jetzt ging es ja auch nicht mehr so rasch wie am ersten Tag. Er mußte Leute zur Hilfe haben, die ein Gerüst aufstellten, auf dem zwei Männer stehen konnten, die all den Kies, den Germund zu ihnen hinaufschleuderte, auffingen und ihn über den Rand der Grube hinauswarfen. Bald aber genügte auch das nicht mehr. Der Schacht war jetzt so tief, daß man aus langen Seilen und ein paar Tonnen daran eine Art Aufzug herstellen mußte, die in der Art, wie Erz aus den Gruben heraus befördert wird, auf und ab liefen.

Am Abend des dritten Tages wurde meine Mutter ernstlich besorgt. Germund grub sich immer tiefer in die Erde hinein, aber es zeigte sich eben kein Wasser. Wenn meine Mutter gewußt hätte, daß dies eine so langwierige Arbeit sein würde, hätte sie es nie gewagt, sie auf eigene Faust in Angriff nehmen zu lassen. Sie hatte ja gehofft, ihrem Manne bei seiner Heimkehr mit diesem Wasser eine frohe Überraschung bereiten zu können. Aber jetzt fürchtete sie, sich statt dessen schämen zu müssen, weil sie sich auf etwas eingelassen hatte, das sie nicht durchführen konnte.

Eines Tages trat Regenwetter ein, und da strömte das Wasser von allen Seiten in den tiefen Schacht. Das war indes nur sogenanntes Tagwasser, aber durchaus keine Wasserader. Es mußte fortgeschafft werden, und es dauerte geraume Zeit, bis der Schacht wieder trocken war.

Der Brunnengräber grub und grub immer weiter. Jetzt mußte man die große Feuerleiter nehmen, die sonst am Wohnhaus lehnte, und sie in das Brunnenloch stecken, damit er herauf und hinunter kommen konnte. Doch bald reichte auch diese Leiter nicht mehr, und sie mußte mit andern Leitern verlängert werden.

Aber das schlimmste von allem war, daß man sich mitten in der Erntezeit befand. Das Heu war trocken und sollte eingefahren, und der Roggen war reif und sollte geschnitten werden. Meine Mutter wußte nicht, wie sie das bewerkstelligen sollte, denn alle Taglöhner waren vollauf mit dem Brunnen beschäftigt, und alles andere wurde hintangesetzt.

Sie schlug dem Brunnengräber vor, nun mit dem Graben aufzuhören, aber davon wollte er nichts wissen. Dann fragte sie ihn, ob er nicht lieber an einer anderen Stelle einen Versuch machen wolle, aber auch das schlug er rundweg ab. Nun wußte sie nicht mehr aus noch ein. Sie hatte das Gefühl, er wäre im stand, irgend etwas Schreckliches anzustellen, wenn er gezwungen würde, die Arbeit aufzugeben, auf die er nun einmal seinen Kopf gesetzt hatte.

Eines Tages sah meine Mutter, daß das gelbe Roggenfeld schon in Braun überging. Das war ein deutliches Zeichen, daß die reifen Körner nun auf dem Punkt waren, auszufallen, und so konnte mit dem Schneiden nicht länger gewartet werden. Mein Vater befand sich zwar nicht weit weg, sondern nur drüben auf dem Kymsberger Hüttenwerk in Gräsmark, wo er Disponent war, und meine Mutter hätte ihn also leicht herbeirufen können. Aber das wollte sie nur im äußersten Notfall tun. Sie hätte es wohl für eine Schande gehalten, wenn sie hätte zugeben müssen, daß sie sich nicht selbst helfen könnte.

Mitten in ihrer großen Not kam ihr plötzlich ein guter Gedanke. Sie ging zu dem Brunnengräber hin und rief ihn aus seinem Loch heraus, um mit ihm sprechen zu können.

Er kam die Leiter herauf, mit Kies und Lehm über und über bedeckt. Man konnte kaum noch sehen, woraus er eigentlich bestand. Meine Mutter setzte ihm nun auseinander, daß der Roggen am nächsten Tag geschnitten werden müßte, und fragte ihn, ob er nicht bei der Roggenernte helfen wollte.

Germund warf den Kopf zurück, schob das Kinn vor und verzog die Lippen zu einem verächtlichen Grinsen.

»Ich hab' freilich in meinem Leben oft genug Roggen geschnitten,« sagte er, »aber ich betrachte das eigentlich nicht als eine passende Arbeit für mich.«

»Aber der Roggen ist jedenfalls das, wovon wir alle leben müssen, Germund,« erwiderte meine Mutter. »Und wenn Ihr Brunnen noch so viel Wasser gibt, so nützt uns das gar nichts, wenn wir kein Brot haben.«

Da warf ihr der Brunnengräber einen funkelnden Blick aus seinen dunkeln Augen zu, aber er lächelte gnädig dabei. Es kam ihm wohl komisch vor, daß eine Frau ihm auf solche Weise die Wahrheit zu sagen wagte.

»Na also, ich werde tun, was die gnädige Frau verlangt,« sagte er. »Aber ich will die längste Sense, die es auf dem Hofe gibt, zum Schneiden haben und überdies genügend Garbenbinderinnen, damit ich nicht erst lange warten muß, bis sie mir nachkommen.«

Ja, das versprach ihm meine Mutter.

Am Abend besichtigte der Brunnengräber alle Sensen des Hofs. Er war aber so unzufrieden mit ihnen, daß er sein Versprechen, bei der Roggenernte zu helfen, kurzerhand zurücknahm. Solche Sensen könne man doch keinem erwachsenen Menschen zumuten, diese seien ja nur Kinderspielsachen. Schließlich mußte meine Mutter noch mitten in der Nacht Klein-Bengt fortschicken, um einen Schmied zu holen, der eine zwei Ellen lange Sense herstellte.

Am nächsten Morgen war meine Mutter schon um vier Uhr auf, als die Leute an die Arbeit gingen, denn sie hatte Angst, Germund könnte mit neuen Einwendungen daherkommen. Und es war gut, daß sie zur Hand war, sonst hätte er sich am Ende doch noch von der Arbeit gedrückt.

Germund kam mit der Sense über der Schulter zur selben Zeit wie die andern Erntearbeiter daher. Er ging natürlich an der Spitze der Schar und war auch der erste, der anfing zu schneiden. Aber als er die Sense ein paarmal geschwungen hatte, drehte er sich um und betrachtete seine Garbenbinderinnen.

»Was soll denn das heißen?« rief er. »Soll ich nicht mehr als zwei Garbenbinderinnen haben? Dann kann ich ebensogut wieder heimgehen und mich aufs Ohr legen!«

»Das sind die besten Garbenbinderinnen, die wir auf Mårbacka haben,« sagte meine Mutter; aber darauf zuckte der Brunnengräber nur mit den Achseln, ohne weiter zu schneiden.

»Nun, wenn es sonst an nichts fehlt,« erwiderte meine Mutter, »dann werde ich Ihnen eine Binderin verschaffen, die immer hinter zwei Schnittern her binden konnte. Die wird Ihnen vielleicht genügen.«

»Na ja, die ist vielleicht von der richtigen Sorte,« gab Germund zu.

Meine Mutter ging ins Haus zurück und sagte zu der Haushälterin, jetzt solle sie zeigen, was sie leisten könne, damit dieser hochmütige Mensch etwas Respekt vor den Leuten auf Mårbacka bekomme.

Und Maja Perstochter, die den Roggen hinter zwei Schnittern her binden konnte, ging sofort nach dem Roggenfeld; aber siehe, Germund war ein Schnitter, der sowohl ihr als auch den zwei andern Binderinnen vollauf zu tun gab.

An diesem Tage wurde auf Mårbacka eine Roggenernte geleistet, wie man nie eine gesehen hatte. Als die andern Arbeiter sahen, wie Germund seine Sense schwang, blieben sie zuerst nur still stehen und starrten ihn an, dann aber gingen sie wie rasend auf den Roggen los, und die Halme fielen so rasch wie unter einem Platzregen. An einem einzigen Tag war das ganze Feld geschnitten.

Nun, das war eine große Erleichterung für meine Mutter, und so dachte sie, jetzt, wo der Roggen geschnitten sei, könnte Germund schon noch ein paar Tage an dem Brunnen arbeiten. Aber bald merkte sie, daß die Aufregungen und Sorgen kein Ende nahmen, so lange dieser Germund auf Mårbacka war.

An demselben Tag, wo der Roggen geschnitten wurde, erschien ein fremdes junges Mädchen auf dem Hof. Sie kam die große Freitreppe herauf und in den Flur herein, nahm aber von da den Weg nach der Küche.

Hier traf sie meine Mutter, denn die Haushälterin und alle Mägde waren draußen auf dem Feld bei der Roggenernte, und so mußte meine Mutter selbst für das Abendessen sorgen.

Meine Mutter warf der Eintretenden einen raschen Blick zu und fragte sich, wer denn das sein könnte. Sie war wie ein Fräulein angezogen, aber die Kleider waren abgetragen und saßen so schlecht, wie wenn sie ursprünglich nicht für sie angefertigt worden wären. Sie mochte etwa zwanzig Jahr alt sein und war klein und mager, hatte jedoch große, an grobe Arbeit gewöhnte Hände. Schön war sie nicht, aber auch nicht geradezu häßlich, denn sie hatte eine helle, rosige Gesichtsfarbe und runde Wangen. Wenn meine Mutter sie später beschreiben wollte, sagte sie immer, sie habe zu denen gehört, die man nicht weiter bemerke, sondern öfters sehen müsse, bis man sie wiedererkenne.

»Ich möchte gern mit Frau Lagerlöf sprechen,« sagte die Fremde.

»Ich bin Frau Lagerlöf,« erwiderte meine Mutter.

Da trat das junge Mädchen näher. »Ich bin Johanna Octopius, die Tochter des Propstes Octopius auf Brunskog,« sagte sie und streckte die Hand zum Gruß aus.

Während meine Mutter ihr die Hand reichte, suchte sie sich zu erinnern, was sie von dem Propst Octopius und seiner Familie wußte. Meine Mutter war ja selbst eine Pfarrerstochter und mit allen Pfarrersfamilien im Wärmland verwandt, und so meinte sie, sie müßte auch über die Octopius Bescheid wissen.

»Aber der Propst Octopius in Brunskog ist doch gestorben?« sagte sie.

»Ja, allerdings,« antwortete die andere. »Zu meinem großen Schmerz und Unglück sind mir Vater und Mutter schon vor vielen Jahren gestorben.«

Jetzt war meiner Mutter plötzlich alles klar. Sie erinnerte sich, daß Propst Octopius und seine Frau fast gleichzeitig gestorben waren und ein einziges Kind, ein kleines Mädchen, hinterlassen hatten, das nicht ganz wie andere Kinder war. Verwandte, die sich des Kindes annehmen konnten, waren nicht vorhanden gewesen, und so war das arme Ding als eine Art Aschenbrödel bei dem Nachfolger ihres Vaters geblieben. Sie bekam Kost und abgelegte Kleider und half mit, wo sie konnte, aber das war nicht viel. Es hieß, sie sei nicht geradezu blödsinnig, aber man könne auch nicht behaupten, daß sie den gewöhnlichen Menschenverstand habe.

Diese Johanna Octopius war es also, die jetzt nach Mårbacka gekommen war, das verstand meine Mutter sofort. Aber was in aller Welt wollte sie nur hier?

Johanna Octopius rückte auch gleich mit ihrem Anliegen heraus. Sie wolle fragen, ob sie nicht ein paar Tage dableiben dürfe.

»Ganz unmöglich wäre es wohl nicht,« sagte meine Mutter, »aber ich möchte doch wissen, warum Sie bei mir bleiben wollen.«

Das arme Mädchen hatte durchaus nichts Aufdringliches an sich. Sie sprach so leise, daß die Worte fast nur flüsternd herauskamen; auch tat sie scheu und geheimnisvoll, und eine solche Frage wie diese hatte sie sicherlich nicht erwartet. Sie errötete tief und schwieg und zerrte an einem Finger, bis die Gelenke knackten.

»Das ist nicht so leicht zu sagen,« antwortete sie schließlich. »Es ist mir die Eingebung geworden, hierher zu gehen.«

»Ist vielleicht jemand hier, den Sie treffen wollen?«

Nun sah das Mädchen noch unglücklicher aus.

»Ich habe nie lügen können,« sagte sie, »und so will ich die Frage, ob hier jemand ist, den ich gerne treffen möchte, nicht beantworten. Aber jedenfalls bin ich nicht darum hier, sondern weil ich gestern gemahnt wurde, hierher zu gehen, um zur Hand zu sein, wenn es nötig wäre.«

Meine Mutter hörte an dieser Antwort, daß es bei dem Mädchen nicht ganz richtig im Oberstübchen war, und das arme Wesen tat ihr leid. So hielt sie es für das beste, sie auf Mårbacka zu behalten, bis sich eine Gelegenheit zu ihrer Zurückbeförderung fände.

»Ja, Sie können hier bleiben, Mamsell Octopius,« sagte sie. »Gehen Sie jetzt nur in die Stube hier nebenan und ruhen Sie sich aus, während ich das Abendessen zubereite. Ich habe heute weder Haushälterin noch Mägde daheim. Sie sind alle draußen beim Garbenbinden.«

Als Johanna Octopius das hörte, sagte sie gleich, sie sei gar nicht müde, und sie wolle gern beim Kochen helfen.

Meine Mutter merkte freilich sofort, daß sie alles verkehrt anfaßte, aber willig war sie jedenfalls. Sie trug Holz herbei und machte Feuer an. Ja, außerordentlich dienstfertig war sie. Sie tat so viel Salz an die Grütze, daß sie vollkommen versalzen war, und man sie wegschütten mußte. Und die neugekochte Grütze ließ sie anbrennen.

Als es acht Uhr war und die Leute zum Abendessen in die Küche kamen, stand Johanna Octopius am Herd und schöpfte die angebrannte Grütze in eine große Schüssel. Der Brunnengräber trat zuerst herein, aber als er Johanna Octopius erblickte, stieß er einen Fluch aus. Sie ihrerseits fluchte nicht, aber sie ließ einen Schöpflöffel voll Grütze ins Feuer fallen, wodurch ein noch ärgerer Dunst in der Küche entstand als vorher. Aber die beiden grüßten einander nicht, und es wurde kein Wort zwischen ihnen gewechselt.

Am nächsten Tage jedoch erzählte die Haushälterin meiner Mutter, Klein-Bengt habe gesagt, diese verrückte Pfarrerstochter habe sich in diesem Frühling, als Germund auf dem Brunskoger Pfarrhof einen Brunnen grub, in ihn verliebt. Im Anfang hätte sich Germund auch etwas geschmeichelt gefühlt, weil eine, die von besseren Leuten stammte, ihn so in ihr Herz geschlossen hätte, aber bald wäre sie ihm so widerwärtig geworden, daß er ihren Anblick nicht mehr habe ertragen können. Sie aber sei ihm überall nachgelaufen. Schließlich habe er geradezu Angst gehabt, er müßte sie noch totschlagen, um sie loszuwerden.

Ja, meine Mutter hatte sich's gleich gedacht, daß hinter diesem geheimnisvollen Besuch eine Liebesgeschichte steckte, und jetzt, wo sie ihrer Sache gewiß war, befahl sie sofort Klein-Bengt, anzuspannen, um Johanna Octopius nach Brunskog zurück zu befördern.

Dann redete sie auch mit dem Mädchen und versuchte, ihm klar zu machen, wie unpassend es sich aufführte. Ob sie denn nicht einsähe, daß es eine große Schande sei, einem Manne nachzulaufen, der nichts von ihr wissen wolle? Und zum Schluß sagte sie ihr ganz einfach, sie müsse jetzt nach Hause zurückkehren und dürfe sich nicht einfallen lassen, wieder zu kommen.

Johanna Octopius antwortete nicht viel, sondern beugte sich wie das schwanke Rohr, das sie war. Ohne den geringsten Widerstand zu leisten, setzte sie sich in den Wagen und fuhr vom Hofe fort.

Aber nachdem Klein-Bengt ungefähr eine Viertelmeile weit gefahren war, löste sich ein Deichselbolzen, und so mußte Klein-Bengt aussteigen, um ihn wieder festzumachen. Das war nun zwar im Handumdrehen geschehen, aber im selben Augenblick sprang Johanna Octopius aus dem Wagen und entfloh in den Wald hinein. Das ging alles so leise und leicht vor sich, daß der Knecht es erst merkte, als sie schon weit drinnen unter den Bäumen war. Er versuchte es zwar, sie einzufangen, aber des Pferdes wegen konnte er nicht zu weit weglaufen, und so entkam sie.

Auf solche Weise sich fortzuschleichen und zu verschwinden, einem wie Wasser zwischen den Händen zu zerrinnen, das war das einzige, worauf Johanna Octopius sich recht verstand. Ihr ganzes Leben lang hatte sie sich wohl in dieser Kunst geübt.

Klein-Bengt mußte unverrichtetersache umkehren, und Johanna Octopius kam an diesem ganzen Tag nicht mehr zum Vorschein. Meine Mutter fragte sich, ob sie sich am Ende ein Leid angetan hätte, weil sie so streng mit ihr geredet hatte, und sie fühlte sich ganz unglücklich.

Aber siehe da, früh am nächsten Morgen war der Flüchtling in den Stall gekommen und hatte um Milch gebeten, die sie auch erhielt. Die Stallmagd hatte zwar in aller Stille meine Mutter benachrichtigt, aber als diese kam, um mit dem Mädchen zu reden, war es schon wieder auf und davon.

Der Brunnengräber war wütend. Die eine Seite des Brunnenschachts war eingestürzt und die ganze Öffnung lag voller Schutt. Na ja, sobald diese Narren-Hanna sich zeige, habe er immer Pech. Seiner Lebtag habe er noch keinen Menschen totgeschlagen, aber wenn diese Person ihn noch weiter verfolge, müsse er sich ihrer schließlich doch irgendwie entledigen.

Meine Mutter war fest überzeugt, daß irgendein Unglück geschehen würde. Dieses Gefühl war sie nicht mehr los geworden, seit sie Germund zum erstenmal im Haus gesehen hatte. Sie schrieb nun an den Propst in Brunskog und bat ihn, das Mädchen abholen zu lassen, bekam aber keine Antwort. Dann versuchte sie, des Mädchens habhaft zu werden, um sie eingesperrt zu halten; aber Johanna Octopius war auf ihrer Hut und entfloh, sobald sie eines Menschen ansichtig wurde. Im übrigen hätte sie wohl meine Mutter auch gar nicht davon abbringen können, ihre eigenen Wege zu gehen.

Eines Tages sah meine Mutter Johanna Octopius durch den Hof daherschleichen und an dem Brunnenschacht haltmachen. Da blieb sie stehen und schaute hinunter. Germund grub drunten in der Tiefe; aber er mußte irgendwie gespürt haben, daß sie da droben stand, denn bald kam er oben auf der Leiter zum Vorschein und überhäufte sie mit lautem Geschrei und Drohungen. Sie entfloh eiligst; aber er warf ihr noch Kies und Steine nach und jagte sie wie einen räudigen Hund weg. Doch Johanna Octopius ließ sich dadurch nicht abschrecken, sondern schlich auch weiter auf dem Hof umher.

Aber dann kam ein Morgen. Man hatte nun alle Unglücksfälle durchgemacht, die beim Brunnengraben überhaupt eintreffen können, und der Brunnenschacht war jetzt über die Maßen tief. Wer da drunten stand, sah die Sterne am Himmel, obgleich es oben auf der Erde heller Tag war.

Ja, wie gesagt, eines Morgens kam ein Mann atemlos in die Küche hereingestürzt.

»Wasser!« schrie er. »Wasser!« Und dann lief er wieder davon.

Meine Mutter und die Haushälterin und alle Mägde liefen hinter ihm drein, und bald standen sie miteinander über den Brunnenschacht vorgebeugt und schauten in die Tiefe hinab. Und wirklich, ganz drunten sahen sie helles Wasser blinken!

Es ist etwas Feierliches, wenn man auf diese Weise auf einem Gute zu Wasser kommt. Meine Mutter hatte ja eine schwere Zeit hinter sich und gewiß oft gewünscht, sie hätte diese Brunnengräberei gar nicht erst anfangen lassen, aber jetzt, wo Wasser da war, dankte sie Gott von ganzem Herzen für dieses große Geschenk.

Alsdann fragte sie nach Germund.

»Er ist noch da drunten,« sagte einer der Knechte. »Er wird Nachsehen wollen, ob er eine richtige Quellader gefunden hat.«

Man rief ihm zu, erhielt aber keine Antwort. Einer der Knechte wollte eben hinuntersteigen, um nachzusehen, ob ihm etwas zugestoßen sei, als der Brunnengräber auf der untersten Leiter erschien.

Es ging aber sehr langsam mit dem Aufstieg, durchaus nicht mit der gewohnten Eile. Mit der einen Hand tastete er nach den Sprossen, die andere hielt er vor die Augen gepreßt.

Die Leute dachten, es werde ihm wohl ein Sandkorn ins Auge gekommen sein.

Als er die ganze Leiter heraufgekommen war, streckte er die Hand aus. Zwei von den Männern sprangen vor, um ihm zu helfen, aber es war fast unmöglich, ihn auf den festen Boden zu bekommen. Er brauchte nur den Fuß auszustrecken und einen Schritt zu machen, aber er wagte es nicht.

»Lieber Germund, wie froh sind wir, daß Sie doch schließlich Wasser gefunden haben,« sagte meine Mutter.

»Ja, dieses Wasser ist teuer erkauft, gnädige Frau,« erwiderte Germund. »Dort unten war etwas, das über mich herfiel, gerade als das Wasser hervorbrach. Wie Rauch flog es mir in die Augen hinein. Und jetzt sehe ich gar nichts mehr.«

Schließlich bekamen sie ihn doch auf festen Grund und Boden, doch da warf er sich sofort aufs Gras und drückte die Hände vor die Augen. Die andern standen stumm und abwartend daneben. Keiner konnte ihn gut leiden; aber der Gedanke, daß er das Augenlicht verloren haben könnte, war ihnen furchtbar.

Nach einer Weile setzte er sich auf. »Es ist noch dieselbe Finsternis um mich her,« sagte er. »Ich bin blind. Mit mir ist's aus!«

Meine Mutter versuchte ihn zu beruhigen. Sie sagte, das werde bald vorübergehen. Er werde wohl zu lange in der Dunkelheit drunten gewesen sein und sei nun nicht mehr ans Tageslicht gewöhnt.

»Nein, nein!« rief er. »Es brennt wie Feuer. Meine Augen sind ausgebrannt! Ich bin blind. Ach, was soll jetzt aus mir werden!«

Mit diesen Worten sprang er auf, streckte die Arme in die Höhe und wollte sich in den Brunnen stürzen. Mehrere von den Männern sprangen vor und versuchten, ihn zurückzuziehen; aber er schleuderte sie weg.

»Laßt mich!« brüllte er. »Ich will da drunten sterben!«

Es war entsetzlich. Die Männer konnten ihn nicht festhalten; aber während des Handgemenges hatte er die Richtung nach dem Brunnenschacht verloren und bewegte sich nun in verkehrter Richtung.

Er lief im Kreise herum, schrie und fluchte und griff mit den Händen in die Luft, wie um jemand zu fangen.

»Zeigt mir, wo das Loch ist!« schrie er. »Sonst zerdrücke ich den zu Brei, den ich zu fassen kriege!«

Wie ein Wahnsinniger tobte er umher. Doch es geschah kein Unglück, weil die Leute zurückwichen, und merkwürdigerweise geriet er auch nicht in die Nähe des weiten Schachts.

Während er sich noch immer so rasend gebärdete und kein starker, erwachsener Mann sich ihm zu nähern wagte, kam auf einmal diese halb verrückte Johanna Octopius herbeigeschlichen. Niemand hatte sie bemerkt, bis sie dicht neben Germund stand.

Meine Mutter wollte vorstürzen, um sie zu warnen; aber es war zu spät, sie hatte schon ihre Hand auf die seinige gelegt.

»Fluche nicht so!« sagte sie mit ihrer gewohnten, leisen, sanften Stimme. »Ich bin ja hier, um dir zu helfen.«

Niemand erwartete etwas anderes, als daß Germund ihr seine Hände um den Hals legen und sie erwürgen würde. Er brach auch sogleich in ein wildes, häßliches Gelächter aus, tat ihr aber nichts.

»Ich bin hier,« sagte sie noch einmal. »Sie, die gewußt haben, daß dies geschehen würde, haben mich hergeschickt. Ich bin ja zu nichts anderem auf die Welt gekommen, als dir zu helfen.«

Es mußte etwas von ihr ausgehen, das ihm wohltat. Er ergriff ihre Hände und legte sie auf seine brennenden Augen.

»Du Narren-Hanna!« sagte er. »Du Narren-Hanna!«

Aber man hörte dem Tonfall an, daß es als Freundlichkeit gemeint war.

»Es tut nichts, daß du blind bist,« sagte sie. »Ich habe Augen für dich.«

In seiner Hilflosigkeit und Verzweiflung empfand er es wohl als einen Trost, daß ihn jemand lieb hatte, einerlei ob er blind oder sehend, schwach oder stark, böse oder gut, arm oder reich war.

Meine Mutter hielt sich noch immer in der Nähe auf. Sie war wohl nicht ganz sicher, wie dies ablaufen würde, doch nun hörte sie Germund sagen: »Deine Hand auf meinen Augen tut mir wohl.« Und da fühlte sie sich beruhigt.

Sie wendete sich zum Gehen und winkte auch den andern, sich zu entfernen. Seht, sie begriff, daß hier ein großes Wunder geschehen war. Die Liebe war nicht irre gegangen. Es war von Anfang Gottes Absicht gewesen, daß diese zwei zusammengehören sollten.

Hier hört Tante Nana auf zu erzählen. Wir danken ihr vielmals und sagen, das gute Trinkwasser auf Mårbacka habe es wirklich verdient, seine eigene Geschichte zu haben.

»Es ist doch sehr merkwürdig. Nana,« sagt Tante Lovisa, »wie viele von Mutters alten Geschichten du noch weißt. Ich erinnere mich allerdings auch noch, daß sie sagte, der Mann, der den Brunnen grub, sei blind geworden, aber wie er hieß und was sonst damit zusammenhing, ist mir entfallen.«

»Ja, das ist merkwürdig mit Nana,« sagt auch Vater. »Aber bist du auch ganz sicher, daß das Mädchen Octopius hieß? Der Name klingt so sonderbar.«

Tante Nana lacht ein wenig, dann sagt sie:

»Du hast ganz recht, Gustav. Sie hieß anders, aber ich wollte ihren richtigen Namen nicht nennen, und so hab' ich einen erfunden.«

»Ach so, ach so,« versetzt Vater. »Ja, so machen es die richtigen Erzählerinnen.«

»Aber,« wirft Mutter ein, »wie kamst du nur darauf, diese Geschichte gerade heut abend zu erzählen? Ich kann mich nicht entsinnen, sie früher einmal gehört zu haben.«

»Ach,« sagt Tante Nana ein wenig zögernd. »Das kann ich nicht recht erklären. Vielleicht, weil in den letzten Tagen so viel von dem Teich gesprochen wurde ...

Jetzt stellt Elin Laurell auch noch eine Frage.

»Meinen Sie, Frau Hammargren,« sagt sie, »man müsse immer glauben, die Liebe zeige den rechten Weg? Soll man nicht fragen und forschen, sondern ihr einfach folgen?«

Tante Nana schweigt eine gute Weile, ehe sie antwortet.

»Ich will Ihnen etwas sagen, Mamsell Laurell,« sagt sie dann, »ich glaube schon, daß sie den rechten Weg zeigt, aber es gehört großer Mut dazu, ihr zu gehorchen, und das ist es, was uns fehlt.«

Vater hebt alle Wärmlandszeitungen in einem kleinen Schrank hinter dem Schreibtisch auf, und am nächsten Tag befiehlt er mir, gerade die Zeitung in das Schränkchen zu legen, die Tante gelesen hatte, ehe sie die heftigen Kopfschmerzen bekam. Und als ich das Blatt zusammenfalte, sehe ich zwei runde Flecken wie von Tränen auf der Vorderseite. Und ich glaube, die Zeitung und das Kopfweh und die Erzählung haben etwas miteinander zu tun, aber ich kann den Zusammenhang nicht verstehen. Und ich bin eben noch sehr klein, und so will ihn mir niemand erklären. Ich werde ihn wohl niemals erfahren.

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