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Aus meinen Kindertagen

Selma Lagerlöf: Aus meinen Kindertagen - Kapitel 22
Quellenangabe
authorSelma Lagerlöf
titleAus meinen Kindertagen
publisherAlbert Langen
year1931
printrun1. bis 10. Tausend
translatorPauline Klaiber-Gottschau
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20190424
projectid278d7116
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Am Landungssteg

Und wir sind nach dem Herrestader Landungsplatz gefahren, mit der großen Kutsche und mit der Droschke und einem großen Frachtwagen, weil Onkel Schenson und Ernst und Claes und Alma nach Karlstadt und Onkel Oriel Afzelius und Tante Georgina und Elin und Allan nach Stockholm zurückreisen.

Gerade als die Wagen von Mårbacka abfahren wollen, sagt Vater, es sei noch Platz übrig, und so könnten noch zwei von uns Kindern mitfahren, wenn wir Lust dazu hätten. Und auf diese Weise sind Gerda und ich mit an den Landungsplatz gekommen. Auf der Hinfahrt haben wir zwar nicht besonders gut Platz, aber auf dem Heimweg, das wissen wir zum voraus, da dürfen wir auf dem Vordersitz in der Droschke sitzen, und wir sind auch eigentlich nur deshalb mitgefahren.

Vater ist immer sehr darauf aus, daß die Gäste bei guter Zeit fortkommen, wenn sie mit dem Dampfboot reisen wollen. Deshalb haben wir das Abschiedsfrühstück schon um neun Uhr eingenommen; um zehn Uhr fuhren die Wagen vor, und jetzt um elf Uhr sind wir drunten am Landungsplatz.

Hier müssen wir wenigstens eine Stunde lang warten, das ist ganz sicher, denn das Dampfboot »Anders Fryxell« erreicht den Herrestader Landungsplatz nie vor zwölf Uhr. Tante Schenson und Onkel Oriel waren über den frühen Aufbruch nicht gerade erfreut gewesen, aber Vater sagte, es könnte ja auf dem Wege allerlei passieren. Die Pferde könnten lahmen, oder ein Radreifen könnte springen, und deshalb sei es gut, man habe Zeit vor sich.

Und sobald wir am Landungsplatz angekommen sind, gehen wir natürlich bis an die äußerste Spitze vor und schauen in nördlicher Richtung nach dem Dampfboot aus. Aber keines kann auch nur einen Schein davon entdecken, und das ist ja auch nicht zu erwarten.

Dann geht Tante Georgina den Waldhügel über dem Landungsplatz hinauf und setzt sich da auf einen Steinblock, und Onkel Oriel wirft sich neben ihr aufs Moos; da liegt er der Länge nach ausgestreckt mit dem Hut auf dem Gesicht und sagt, wir sollten nicht vergessen, ihn zu wecken, wenn das Dampfboot kommt. Onkel Schenson läßt sich auf den Steinblock neben Tante Georgina nieder, um sich mit ihr zu unterhalten, aber darauf legt die Tante durchaus keinen Wert.

»Hör, Schenson, du könntest wie Oriel auch ein wenig schlafen,« sagt sie. »Ich werde mich wach erhalten und euch rufen, wenn das Dampfboot kommt.«

Ernst und Claes und Alma und Elin und Allan und Gerda und ich gehen im Herrestader Park spazieren. Wir betrachten uns den schönen Pavillon des Ingenieur Noreen, der jetzt verfällt, weil Noreens nicht mehr auf Herrestad wohnen, sondern auf dem kleinen Gut Eriksberg in der Nähe der Kirche. Wir gehen auch nach dem Bärenloch und zeigen den andern die merkwürdigen Brombeerbüsche, die im ganzen Kirchspiel sonst nirgends wachsen.

Wir gehen so langsam wie möglich, denn wir haben ja eine ganze Stunde vor uns; unter der großen Kiefer, die sich über das Bärenloch neigt, lassen wir uns nieder, und wie gewöhnlich reden wir davon, wie es wäre, wenn ein Bär da drunten in der Tiefe gefangen säße und zu uns heraufzuklettern versuchte.

Aber während wir ganz gemütlich dasitzen, kommt ein Mann eiligst dahergelaufen und ruft uns zu, daß das Dampfboot von Sunne abgefahren sei. Es sei schon an dem Rottneroser Landungssteg und könne in einer halben Stunde hier sein.

Natürlich beeilen wir uns, an den Landungsplatz zu kommen. Da stellen wir uns wieder so weit vor wie nur möglich und schauen gespannt nach dem Schiff aus, und wir glauben wirklich, Rauch und etwas Dunkles zu sehen, das sich weit draußen im Nordwesten herwärts bewegt. Und jetzt sind alle sehr vergnügt und befriedigt, daß Vater den Aufbruch von Mårbacka so beschleunigt hat; denn sonst hätten wir ja zu spät kommen können.

Onkel Oriel und Tante Georgina und Onkel Schenson sehen nach, ob sie alle Koffer und Reisetaschen und Körbe richtig beisammen haben, und Tante Georgina weist jedem an, was er zu tragen hat, wenn an Bord gegangen wird. Sie wissen zwar, daß das Schiff vor einer halben Stunde nicht da sein kann, aber ich muß gestehen, es ist doch immer ein wenig unsicher mit dem Dampfboot. Manchmal kann es am Herrestader Landungsplatz gar nicht anlegen, weil es zu sehr weht und stürmt, und manchmal muß es ein paar große Frachtkähne mitschleppen, dann hat es Verspätung und erreicht die Frykstation nicht mehr zu rechter Zeit. Deshalb sind alle so froh und eifrig, weil sie nun wissen, daß das Schiff Rottneros schon erreicht hat.

»So, nun weiß man doch, daß man bald unterwegs ist, und das ist recht gut,« sagt Onkel Schenson. »Es wäre vielleicht ein wenig unvorsichtig, wenn man erst im letzten Augenblick aufbräche, aber man reißt sich eben nur sehr schwer von dem lieben Mårbacka los.«

»Fängt deine Schule schon morgen an, Schenson?« fragt Tante Georgina.

»Ja, morgen um zehn Uhr,« antwortet Onkel Schenson. »Du hältst mich wohl für ein wenig sonderbar, Georgina?«

»Ja, das sind meiner Meinung nach alle Herrn,« erwidert Tante Georgina. »Oriel macht es gerade so. Er muß seinen Dienst in Stockholm übermorgen antreten, und wir sind erst morgen abend da. Wenn ich es wäre, so würde ich wenigstens eine Woche vorher abreisen. Bedenke doch, was alles passieren könnte!«

»Jawohl, aber jetzt sehen wir ja das Schiff herankommen,« sagt Onkel Schenson. »Und das ist ja das einzig unsichere Element. Nachher fahren wir mit der Eisenbahn.«

»Nun ja, hoffen wir, daß alles gut geht!« entgegnet die Tante.

Aber sie ist jedenfalls etwas beunruhigt, denn jetzt geht sie zu dem Kaufmann hin und spricht mit ihm.

»Meinen Sie nicht, das Boot hält sich drüben bei Rottneros recht lange auf?« fragt sie.

»Jawohl, gnädige Frau, und es wird wohl auch noch eine gute Weile dort liegen bleiben müssen, das glaube ich bestimmt,« antwortet der Kaufmann und lacht. »Gestern kam nämlich eine ganze Schar Herren aus Karlstadt mit dem Boot, die den Gutsherrn von Rottneros besuchen wollten. Und dann ist es durchaus nicht sicher, ob sie um diese Zeit schon mit dem Frühstück fertig sind.«

»Der Gutsherr auf Rottneros?« sagt die Tante in fragendem Ton. »Wem gehört denn das Gut jetzt?«

»Er heißt Wall, Gustav Adolf Wall,« antwortet der Kaufmann, »und das ist ein ganz verflixter Kerl.«

»Ach freilich,« versetzt Tante Georgina, »jetzt erinnere ich mich, daß ich von dem Manne habe sprechen hören. Aber das Dampfschiff muß doch seine vorgeschriebenen Zeiten einhalten, selbst wenn der Gutsherr Wall ein Abschiedsfrühstück gibt.«

»Hö, hö, hö!« lacht der Kaufmann. »Die gnädige Frau hat noch nie mit Wall zu tun gehabt, das merkt man wohl. Wenn es der Schiffskapitän wagen wollte, ohne Herrn Walls Gäste von Rottneros abzufahren, dann hätte er sicherlich zum letztenmal auf der Kommandobrücke des ›Anders Fryxell‹ gestanden.«

»Ach so,« sagt Tante Georgina, »ja, dann will ich mich, glaub' ich, noch eine Weile droben auf den Hügel setzen.«

Und die Tante geht wieder den Hügel hinauf und setzt sich auf denselben Steinblock wie vorher, und Onkel Schenson und Onkel Oriel folgen bald nach. Ernst und Claes und Elin und Allan bleiben drunten am Landungsplatz, aber Alma und Gerda und ich setzen uns auf die Steine zu den Großen.

»Georgina, ich hab' dich vorhin den Kaufmann fragen hören, wem Rottneros jetzt gehört,« sagt Onkel Schenson. »Es ist merkwürdig, daß es noch jemand gibt, der über G. A. Wall nicht Bescheid weiß.«

»Ach so, du hältst ihn wohl für besonders hervorragend?«

»Ohne alle Frage ist er der erste Mann in Wärmland,« erwidert Onkel Schenson. »Das Rottneroswerk hat er ganz unglaublich in die Höhe gebracht. Jedes Jahr Erweiterungen. Und er denkt nicht nur an den Nutzen. Das Hauptgebäude scheint er so hergerichtet zu haben, daß es geradezu fürstlich ist. Und desgleichen sind Garten und Park auch ausgezeichnet unterhalten. Ich wäre während meines Aufenthalts auf Mårbacka schon öfter gerne einmal hingefahren, aber das geht ja nicht, weil die Familien keinen Verkehr untereinander haben.«

Onkel Oriel ist, seit wir von daheim aufgebrochen sind, recht schweigsam gewesen, aber jetzt wirft er ein paar Worte ein.

»Es ist sehr recht von Lagerlöf, daß er mit G. A. Wall nicht umgeht.«

»Natürlich sind sie, was das Vermögen betrifft, nicht in denselben Verhältnissen,« sagt Onkel Schenson, »aber sonst ist Wall gewiß nicht hochmütig.«

»Ein ganz verflixter Lümmel ist er!« sagt Onkel Oriel. »In fünf Jahren bankerott!«

»Aber, Oriel!« wendet Onkel Schenson ein. »Er war ja schon vor dem Kriege vermöglich, und bei der gegenwärtigen ausgezeichneten Konjunktur ist er offenbar furchtbar reich geworden. In ganz Sunne kauft er alle Güter und alten Hüttenwerke auf. Soviel ich gehört habe, sind jetzt schon die Güter Lövstaholm, Bada, Torsby, Christinefors, Stöpafors und Öjervik sein Eigentum.«

Onkel Oriel liegt auf dem Moos mit dem Hut über den Augen. Er nimmt ihn nicht einmal weg, als er antwortet:

»Ach so, ein Güterspekulant also auch! Bankerott in vier Jahren!«

»Hör, Oriel!« erwidert Onkel Schenson. der wirklich etwas ärgerlich zu sein scheint. »Ich versichere dir, der Mann ist kein Abenteurer. Zum Beispiel scheint er ungewöhnlich human gegen seine Arbeiter zu sein. Denk dir, in jedem Arbeiterhaushalt auf Rottneros werden jeden Herbst ein Schwein und eine Kuh geschlachtet! Und in dem Notjahr 1868, wo man hier in der Frykstalgegend Rindenbrot aß, durften sich die Schmiede auf Rottneros an Weizenbrot und Schweinefleisch satt essen.«

Jetzt nimmt Onkel Oriel wirklich den Hut vom Gesicht weg und richtet sich auf den Ellbogen auf.

»Ach so, auch noch Verschwender!« sagt er. »Bankerott in drei Jahren!«

Uns drei Kindern, Alma, Gerda und mir, ist Onkel Oriel ganz unverständlich. Wir wissen doch, daß der Gutsbesitzer Wall ebenso mächtig ist, wie wenn er Aladdins Lampe besäße. Er braucht sich nur etwas zu wünschen, dann hat er es auch. Onkel Oriel will Onkel Schenson gewiß nur etwas reizen, denn Onkel Oriel, der so furchtbar redegewandt und witzig ist, läßt sich gern mit andern in ein Wortgefecht ein.

Aber Onkel Schenson gibt nicht nach, sondern verteidigt G. A. Wall noch weiter.

»Du bedenkst nicht, in welch hohem Ansehen der Mann steht,« sagt er. »Er ist ja zum Reichstagsabgeordneten ausersehen.«

»Vielgeschäftigkeit!« ruft Onkel Oriel. »Bankerott in zwei Jahren!«

»Nein, du bist zu hart, Oriel,« widerspricht Onkel Schenson. »Man setzt ja die allergrößten Erwartungen auf ihn und seine Tüchtigkeit. Er will auch den alten Plan, den Frykensee mit dem Wenersee durch einen Kanal zu verbinden, wieder aufnehmen.«

»Ach so, auch Kanalbauer!« ruft Onkel Oriel. »Bankerott in einem Jahr!«

Onkel Schenson erwidert nichts mehr; statt dessen zieht er seine Uhr heraus.

»Es ist bald ein Uhr,« sagt er. »Ich glaube, ich gehe hinunter an den Landungsplatz und schaue nach, ob das Dampfboot nicht bald kommt.«

Onkel Schenson geht halbwegs den Hügel hinab, aber dann dreht er sich um.

»Oriel, du bedenkst eines nicht,« bemerkt er. »Wenn es so geht, wie du sagst, dann bricht nicht nur Wall, sondern das ganze Frykstal zusammen.«

»Kann ich es verhindern?« erwidert Onkel Oriel. »So muß es immer gehen, weil nie jemand lernt, vernünftige Menschen von Unglücksraben zu unterscheiden.«

»Aber welche Beweise hast du denn dafür?« beharrt Schenson.

»Lieber Schenson,« antwortet Onkel Oriel. »Wozu noch Beweise? Ich bin viele Jahre älter als du und habe mehr von der Welt gesehen als du oder sonst jemand im Wärmland. Und siehst du, das weiß ich: wenn ein Mann so lange Abschiedsfrühstücke gibt, daß andere Leute stundenlang warten müssen und Gefahr laufen, nicht rechtzeitig an ihren Bestimmungsort zu kommen, dann ist dieser Mann seinem Falle nahe. Verlaß dich auf meine Worte!«

Ich verstehe ja nicht recht, ob Onkel Oriel scherzt oder im Ernst so redet, aber auf der ganzen Heimfahrt muß ich immerfort an das, was er gesagt hat, denken.

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