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Aus meinen Kindertagen

Selma Lagerlöf: Aus meinen Kindertagen - Kapitel 21
Quellenangabe
authorSelma Lagerlöf
titleAus meinen Kindertagen
publisherAlbert Langen
year1931
printrun1. bis 10. Tausend
translatorPauline Klaiber-Gottschau
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20190424
projectid278d7116
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Agrippa Prästberg

Und jetzt tanzen sie drinnen im Eßzimmer; aber mir tut das Herz nach dem, was ich am Vormittag gehört habe, noch so weh, daß ich nicht tanzen möchte, selbst wenn ich dazu aufgefordert würde. Statt dessen stehe ich draußen in der Laube am Hauseingang, wo die alten Herrn mit den Toddygläsern vor sich um einen großen runden Tisch sitzen, und höre dem zu, was sie sich erzählen.

Ich weiß nicht, wie sie darauf gekommen sind, von dem alten Landstreicher Agrippa Prästberg zu sprechen, der in jedem Frühjahr hierher kommt, die Küchenuhr wieder in Gang zu bringen. Es ist viel unterhaltender, wenn sie von den merkwürdigen Menschen erzählen, die in ihrer Jugend gelebt haben; aber wenn sie nun Prästberg einmal auf dem Tapet haben, dann sind sie eine gute Weile nicht davon abzubringen.

Es ist sonderbar, daß alle Herren Agrippa Prästberg so gut leiden können. Ich bekomme Angst, so oft ich ihn sehe, denn er hat eine große Nase mit wenigstens drei Höckern, sein Bart steht wie Borsten hinaus, und überdies hat er boshafte giftiggrüne Augen. Niemals sagt er zu irgendeinem Menschen ein freundliches oder höfliches Wort, sondern er poltert und flucht nur, wo er auch ist. Mir kommt er wie ein alter Wolf vor.

Prästberg behauptet, er sei bei den Wärmländischen Jägern Trommler gewesen; deshalb betrachtet ihn Vater wohl als einen alten Kriegskameraden und ist immer gut gegen ihn. Vater weiß ja ebensogut wie wir andern, daß Prästberg nicht das geringste von der Uhrmacherei versteht, aber trotzdem läßt er ihn mehrere Tage bei uns bleiben und sich mit der Küchenuhr beschäftigen.

Seht, Tante Lovisa läßt Prästberg niemals an die Uhr in der Küchenstube heran, und Mutter hat befohlen, daß er die neue Uhr im Eßzimmer nicht einmal angucken darf; aber die Küchenuhr, die hat er ja schon kaputt gemacht, sie geht nicht mehr, sondern steht ein für allemal. Und wenn nun Prästberg im Frühjahr daherkommt und Arbeit verlangt, dann läßt Vater ihn sich aufs neue mit der Küchenuhr befassen. Prästberg nimmt sie auseinander, schmiert sie mit Klauenfett, feilt und hämmert an den Rädern und setzt alles wieder zusammen. Diese Arbeit zieht er wenigstens drei Tage in die Länge, und während dieser Zeit läßt er in der Küche sein Werkzeug und seine Schmiere umherliegen, bis es die Haushälterin und die Mägde nicht mehr aushalten können. Wenn er dann endlich fertig ist und die Uhr wieder an die Wand gehängt hat, dann schwingt der Pendel hin und her, bis Prästberg auf die Landstraße hinausgekommen ist. Alsdann bleibt die Uhr wieder stehen, und niemand macht mehr etwas daran, bis Prästberg im nächsten Frühjahr wieder zum Uhreninstandsetzen kommt.

Aber nicht allein Vater kann Prästberg gut leiden. Das merkt man gleich, wenn man hört, wie eifrig alle Herrn von Ost-Ämtervik, Onkel Oriel und Onkel Hammargren und den anderen Gästen, die vorher nichts von Prästberg gehört haben, von ihm erzählen.

Aber sie erzählen immer nur die alten gewohnten Prästberggeschichten, die ich schon tausendmal gehört habe.

Einmal wohnte Prästberg in einer kleinen Hütte bei der Kirche von Ost-Ämtervik; aber da war er so abscheulich gegen seine Frau, daß die Leute glaubten, er werde sie totschlagen. Und am allerschlimmsten hatte sie es immer an Weihnachten, wo es in jedem Winkel Branntwein zu trinken gab. Und einmal tat den Herren Schullström, deren Laden sich dicht neben Prästbergs Hütte befindet, das arme Weib so leid, daß sie beschlossen, ihr ein ruhiges Weihnachtsfest zu verschaffen. Am Heiligen Abend selbst ließen sie Prästberg rufen und zeigten ihm einen dicken Brief mit einem großen Siegel darauf. Unter dem Siegel war eine Feder befestigt, und die Herren sagten zu Prästberg, dies sei ein Eilbrief, der sofort befördert werden müsse, und er als ein Diener des Staats müsse den Brief dem Kapitän Belfrage in Karlstadt bringen. Und Prästberg wanderte Tag und Nacht hindurch nach Karlstadt; aber das Wetter war so erbärmlich, daß er nicht vor dem dritten Weihnachtsfeiertag wieder zurückkam. Aber da hatte er auch erfahren, daß in dem Brief nichts als Stroh und Hobelspäne waren; was ihn jedoch am meisten ärgerte, war, daß er sich von den Herren Schullström hatte an der Nase herumführen lassen, und von da an wollte er nicht mehr in Ost-Ämtervik wohnen bleiben. Jetzt hielt er sich hauptsächlich in Sunne auf, wo er sich in den Läden herumtrieb und für die Ladeninhaber Besorgungen machte, wenn es gerade welche gab.

Die Herren von Ost-Ämtervik sprachen auch davon, was für eine sonderbare Wohnung sich Prästberg hergerichtet hatte. Er hatte sich eine Menge halbverfaulte Balken und Bretterstücke erbettelt, die unbenutzt in den Bauernhöfen umherlagen. Aus diesen zimmerte er sich ein Floß zusammen, das er auf den Frykensee hinaussetzte. Auf diesem Floß errichtete er dann ein kleines Haus, wo er im Sommer wohnt. Das Haus hat Fußboden und Dach, Fenster und Tür, es fehlt weder Herd noch Bett, noch Dreh- und Hobelbank. Vor dem Haus ist so viel Platz, daß Prästberg da sitzen und sich sein Mittagessen aus dem Frykensee angeln kann. An das Floß hat er einen Einbaum angebunden, in dem er an Land rudern kann, sobald er nur will, und außerdem kann er ja seine Wohnung jederzeit fortschaffen; wenn er also nicht mehr auf der Ostseite bleiben will kann er sein Floß auf die Westseite hinüber bugsieren, und wenn er der Westseite überdrüssig geworden ist, kann er das Floß wieder nach dem Ostufer zurückbringen. Und einmal, als wir mit dem Dampfboot nach Karlstadt fuhren, sah ich Prästbergs Haus in einer schönen Bucht liegen, und Prästberg kam mir durchaus nicht bedauernswert vor. Ich hätte recht gerne selbst so ein Haus zum Darinwohnen gehabt.

Kantor Melanoz hat sich auch einen feinen Namen für dieses Haus ausgedacht. Er nennt es Moses.

Und als die Gäste dies hören, brechen sie in ein schallendes Gelächter aus, und sie schütteln die Köpfe gegen Melanoz.

»Aber, aber, Kantor Melanoz!« rufen sie. »Wie kann ein Kantor und Volksschullehrer auf so etwas Gottloses verfallen? Was sagen die hier anwesenden Pfarrer dazu?«

Aber der Kantor sieht kein bißchen verlegen aus.

»Ich will Ihnen etwas sagen, meine Herren,« erwidert er. »Prästbergs Moses ist wirklich hübsch, wenn er da draußen liegt und sich im Wasser spiegelt. Sogar eine ägyptische Königstochter könnte Gefallen daran finden. Und er gilt für eine der Sehenswürdigkeiten der ganzen Umgegend. Im vorigen Sommer kam sogar ein Herr von der Wärmlandszeitung hierher, der das Floß abzeichnete und einen langen Artikel darüber schrieb.«

»Prosit, Melanoz!« sagt Vater. »Laß Er sich von diesen Stockholmer Herren nicht unterkriegen! Verteidige Er sich! Denn das kann Er!«

Damit hebt er sein Glas und stößt mit dem Kantor an, denn er hält sehr viel von Melanoz und sagt immer, wenn dieser Mann in seiner Jugend so viel hätte lernen dürfen, wie die Jungen heutzutage, dann hätte er eine Flugmaschine erfunden und wäre in den Mond hinaufgeflogen.

»Aber da wir nun einmal von dem Moses reden,« sagt der Kantor, »darf ich vielleicht eine Geschichte erzählen, die sich vor sieben bis acht Jahren zugetragen hat.«

Ja, natürlich sollte der Kantor erzählen! Und das freut auch mich, weil er nun eine Prästberggeschichte erzählt, die ich noch nie gehört habe.

»Ich weiß nicht, wie es kam,« beginnt der Kantor, »aber der alte Agrippa mußte durch all das Lob, das seinem Moses zuteil wurde, so hochmütig geworden sein, daß er beschloß, ihn rot anzustreichen. Er wanderte auf den Bauernhöfen umher und bat um rote Farbe und einen Farbentopf nebst Pinsel, und eines schönen Tages kochte er sich rote Farbe. Der Moses lag in der Nähe der Sunner Propstei gerade an der Sundbrücke, und so konnte jedermann, wer immer über die Brücke fuhr, sehen, was er im Sinne hatte, und das hatte er vielleicht auch beabsichtigt.«

»Ach so, es ist diese Geschichte,« sagt Vater, und er scheint etwas enttäuscht zu sein. »Kann Er nicht eine andere nehmen?«

Aber der Kantor fährt fort, ohne sich durch Vaters Frage unterbrechen zu lassen.

»Ich sagte vorhin, auch einer ägyptischen Prinzessin hätte der Moses gefallen können, und ich muß gestehen, mir selbst hat er es auch angetan. Aber die besten Freunde und Bewunderer sind doch die Kinder. Sobald sie ihn draußen auf dem See erblickten, versammeln sie sich am Ufer und schicken sehnsüchtige Blicke zu ihm hin, denn an Bord dürfen sie ja niemals kommen. Und nun, da Moses rot angestrichen wurde, standen sie natürlich in großen Haufen auf der Sundbrücke und sahen zu.«

»Aber nun mach Er ein wenig rasch, Melanoz!« wirft Vater ein. »Es wird Zeit, daß wir hinuntergehen und uns die bunten Laternen ansehen.«

»Ja, sehen Sie, Herr Leutnant,« fährt Melanoz fort, »nun wollte es das Unglück, daß gerade, als Prästberg den Moses eifrig anstrich, Herr Rystedt, der Ladeninhaber vom Lerbrohügel, nach Prästberg schickte, damit er ihm seine Fische im Kirchspiel verkaufe. Und es eilte sehr, denn Herr Rystedt hatte an dem Morgen so viele Fische gefangen, daß er nicht wußte, wie er sie los werden sollte, denn da es ein heißer Tag war, wären sie rasch verdorben. Und wie wichtig es Prästberg mit dem Malen des Moses auch hatte, so wagte er dem Handelsherrn Rystedt doch keine abschlägige Antwort zu geben, denn gerade im Winter war dessen Laden in erster Linie seine Zuflucht. Deshalb legte er den Pinsel weg, ruderte an Land und machte sich als Fischhändler auf den Weg.«

»Aber,« wirft Onkel Oriel ein, »er hatte doch wohl die Kinderschar vorher weggejagt?«

»Das ist es ja gerade. Nein, das hatte er eben nicht getan. Er dachte wohl, die Kinder hätten von früher her noch so viel Respekt vor ihm, daß sie sich nicht an sein Eigentum heranwagen würden. Aber das ist doch klar: wenn sie auf diese Weise um ihren Leckerbissen betrogen wurden, dann vergingen sie vor Ungeduld. Sie hatten ja gehofft, den Moses vor dem Abend ganz rot angestrichen zu sehen, und nun wurde nichts daraus. Und nach einer Weile rückte ein Unglücksvogel mit dem Vorschlag heraus, Prästberg beim Anstreichen des Moses zu helfen. Es geschah durchaus nicht aus Bosheit, sondern nur, weil den Kindern der Moses so gut gefiel und sie ihn gerne herausgeputzt gesehen hätten. Und als die Lust erst richtig geweckt war, verspielten die Kinder auch keine Zeit mit Überlegungen, sondern liefen eiligst heimwärts, um sich Malpinsel zu verschaffen. In ein paar Häusern bekamen sie sie wohl geschenkt, in andern stahlen sie sie vielleicht, aber jedenfalls war ein ganzer Haufen darunter, die sich Pinsel hatten verschaffen können. Ein Boot zu erlangen und nach dem Moses hinüber zu rudern, war nur eine Kleinigkeit, und dann begann das Anstreichen mit der roten Farbe.«

Als der Küster so mitten im Erzählen ist, kommen Johan und Daniel und Theodor Hammargren und Ernst Schenson an uns vorbei gelaufen, denn das Tanzen ist zu Ende, und jetzt sollen die farbigen Lampions angezündet werden. Und eine Menge junge Mädchen und junge Herren, die nun nicht mehr tanzen können, kommen in die Laube heraus und bleiben da stehen, um dem Kantor zuzuhören. Und alle halten es sicherlich für eine lustige Geschichte, Vater ausgenommen, dem es am liebsten gewesen wäre, wenn Melanoz aufgehört hätte.

»Von Anfang an war wohl keine böse Absicht dabei,« fährt der Kantor fort. »Die Kinder malten nach Herzenslust, und mit dem Moses, der ja gar nicht sehr groß war, waren sie auch bald fertig. Aber als sie ihn vom Dachrand bis unten hin so rot wie eine Rose angemalt hatten, gefiel das Malen den Kindern ausgezeichnet, und nun wollten sie weiter malen. Auch war so viel rote Farbe gekocht, die gut für ein zweistöckiges Haus gereicht hätte, und Pinsel hatten sie ja auch. Wer selbst in seinen jungen Jahren mit beim Anstreichen geholfen hat, weiß wohl, daß einem die Lust zum Malen übermächtig werden kann und man auf alles, was man sieht, Farbe klecksen möchte.«

»Ich meine, jetzt hätte Er genug Entschuldigungen für die Kinder vorgebracht,« sagt Vater. »Laß Er uns nun weiter hören!«

»Ja,« erwidert der Kantor, »es kann ja sein, daß ich Entschuldigungen für die Kinder vorbringe, aber das ist auch notwendig. Das erste, was sie weiter rot anstrichen, war das Floß, auf dem das Haus stand, und das war ja eine ziemlich unschuldige Sache. Dann kam das Dach und der Schornstein dran, und auch das war ja nicht so gar schlimm. Aber seht, die Kinder waren eben immer noch von dem Maleifer besessen, und nun gingen sie in das Haus und strichen die Wände und die Decke und den Fußboden an. Das war freilich ganz ungehörig, denn die rote Farbe paßt ja nicht für das Innere eines Hauses; sie sitzt nie ganz fest und färbt immer ab. Aber das allerschlimmste kam erst noch. Die Kinder fanden das Anstreichen über die Maßen ergötzlich, und so überstrichen sie nun auch noch die Hobelbank und das Bett und die Drehbank und den Stuhl und den Tisch und alle Gerätschaften und das ganze Handwerkszeug. Sie, Herr Leutnant, behaupten stets, ich sei Kindern gegenüber immer schwach und wolle sie bis aufs äußerste entschuldigen, aber in diesem Falle tu ich es nicht, sondern ich sage, daß es ein sehr schlimmer Streich war, und daß einem Prästberg recht leid tun konnte. Ich hätte nicht in seiner Haut stecken mögen, als er heimkam und sah, was die Schlingel angestellt hatten.«

»Nun, und was tat er?« fragte Onkel Oriel; aber er lachte dabei. » Fi donc, heimzukommen und seine Löffel und Gläser und Krüge und Bettstücke mit roter Farbe überschmiert zu finden! Diese Kinder bekamen doch hoffentlich einen ordentlichen Denkzettel von ihm?«

»Nein, Herr Auditeur, sie bekamen keinen Denkzettel. Als der alte Agrippa sah, wie mit seinem Eigentum umgegangen worden war, verlor er allen Lebensmut; er legte sich nur in seinen Einbaum, denn das war sein einziger Besitz, der nicht rot angestrichen war, und da blieb er unbeweglich liegen, ohne irgend etwas zu tun. Aber ein anderer geriet statt seiner in Zorn ... Doch jetzt weiß ich nicht, ob ich noch weiter erzählen darf?«

Der Kantor schweigt und sieht Vater an. Und Vater sagt ganz verdrießlich: »Ach was, wenn Er so viel berichtet hat, ist es am besten, Er erzählt alles miteinander.«

»Nun ja,« fährt der Kantor fort, »wer in Zorn geriet, das war Herr Leutnant Lagerlöf. Sobald ihm die Geschichte zu Ohren kam, beschloß er, nach Sunne zu fahren, um diese ganze Bande durchzuprügeln. Frau Lagerlöf versuchte es zwar auf jede Weise, ihn davon abzubringen. Sie sagte, was in Sunne geschähe, das gehe ihn nichts an. Sie meinte, eher als die Kinder würde er selbst Prügel bekommen. Aber der Herr Leutnant fühlte sich als Prästbergs alter Kriegskamerad. Er meinte, einer müßte doch da sein, der so einen armen Tropf verteidige, und so fuhr er nach Sunne.«

Jetzt ist es aber ganz dunkel geworden, und ich sehe die ersten Laternen, die die Jungen nun ringsum aufhängen, aus der Finsternis aufblitzen. Und der Himmel wird auf einmal tiefblau, und die hohen Ebereschen, die das Rondell umgeben, sehen schwarz aus. Auch ist es ganz windstill und gar nicht kalt. Und in demselben Augenblick, wo der Kantor sagt, daß Vater nach Sunne fuhr, um die Kinder durchzuprügeln, ist mir, als tue mir mein Herz etwas weniger weh. Ich kann zwar Prästberg gar nicht leiden, aber es gefällt mir doch sehr gut, daß Vater ihm helfen wollte.

»Ja, er fuhr nach Sunne,« fährt der Kantor fort, und ein Lächeln fliegt dabei über sein Gesicht; »aber als er da an der Propstei vorbeifuhr, stand eben der Propst mit Mamsell Eva davor, die von ihrem Morgenspaziergang zurückgekommen waren. Und der Herr Leutnant, der den Professor Fryxell so sehr verehrt, sprang von seinem Wagen und begrüßte die beiden. Und sie luden ihn gleich zu einem kleinen Plauderstündchen zu sich ein. Und Professor Fryxell weiß immer sehr viel zu erzählen; er hat ja den Herrn Leutnant schon als ganz kleinen Jungen gekannt, und ich möchte behaupten, daß er eine gewisse Schwäche für ihn hat. Er wird immer sehr aufgeräumt, wenn er mit ihm zusammentrifft, und so hatten sie sich gegenseitig gar viel zu sagen. Als aber eine Stunde vergangen war, fiel dem Herrn Leutnant plötzlich wieder ein, warum er nach Sunne gekommen war; er sprang rasch auf und sagte, jetzt müsse er gehen.«

Mir tut Vater leid, denn diese Geschichte quält ihn offenbar. Er dreht und wendet sich auf seinem Stuhl hin und her. Es ist ihm unerträglich, daß der Kantor etwas von ihm selbst erzählt.

»Aber Mamsell Eva Fryxell hatte wohl gemerkt, daß sich ihr Vater in der Gesellschaft des Leutnants Lagerlöf äußerst wohl befand, und so sagte sie, er werde es wohl nicht so eilig mit dem Fortgehen haben. Ob er nicht mit ihnen zu Mittag essen wolle? Und als der Leutnant die Einladung ausschlägt und sich mit einer wichtigen Besorgung entschuldigt, will sie wissen, worum es sich handelt. Und schließlich muß der Herr Leutnant mit seiner Absicht herausrücken, und der Professor hört auch zu.«

»O weh!« ruft Onkel Hammargren. »Da kam er schön an!«

»Ja, das kann man wohl sagen,« entgegnet der Kantor; »denn wie ich schon gesagt habe, Professor Fryxell hat den Herrn Leutnant sehr gern. Sobald er nun die Geschichte von Prästberg hört, nimmt er Leutnant Lagerlöf bei der Hand und führt ihn in sein Studierzimmer, wo der große Schreibtisch mittendrin steht und das ganze Zimmer ringsum voller Bücher und Dokumente ist. Meine Wenigkeit kann nie in dieses Zimmer hineinkommen, ohne daß ich mich wie in ein Heiligtum, weg von allem Kleinlichen und Jämmerlichen, versetzt fühle. Und den Herrn Leutnant überkam wohl dasselbe Gefühl. Nun zog der Professor eine Schublade seines Schreibtisches auf und zeigte Leutnant Lagerlöf eine gewaltige Menge Briefe und Zeitungsartikel.

»Da sieh her, Erik Gustav,« sagte er. »In dieser Schublade verwahre ich alles, was über mich geschrieben wurde, als ich meine Weltgeschichte vom zweiundzwanzigsten bis zum neunundzwanzigsten Band herausgab, nämlich die Bände, die von Karl XII. handeln. Na, da hab' ich ordentliche Denkzettel bekommen! Ich kann fast sagen, man ging schlimmer mit mir um, als diese Kinder mit Prästberg umgegangen sind, denn ich wurde furchtbar häßlich angemalt und heruntergerissen, und das alles galt mir persönlich, nicht nur meinem Boot. Mein lieber Erik Gustav, wir waren zwar von jeher gute Freunde, aber du bist damals trotzdem nicht atemlos dahergefahren gekommen, um meine Angreifer durchzuprügeln.

Der Professor hatte freundlich mit einem schelmischen Funkeln im Auge gesprochen, aber begreiflicherweise fühlte sich der Herr Leutnant verlegen. Er versuchte sich auch sicherlich damit zu entschuldigen, daß Professor Fryxell ein Mann sei, der sich selbst verteidigen könne.

Da lachte der Professor hell auf. ›Nein, nein, Erik Gustav,‹ sagte er, ›so ist es nicht, sondern der Grund ist der, daß uns Schweden, dir ganz gewiß und mir bis zu einem gewissen Grad auch, solche Abenteurer und Tollköpfe wie Agrippa Prästberg und Karl XII. gefallen. Und das ist auch der Grund, warum du hierher kommst und die Kinder, die sich abscheulich gegen ihn benommen haben, durchprügeln willst. Aber überleg nun einmal, Erik Gustav! Meinst du, der Kerl verdiene es, daß sich der Leutnant Lagerlöf zu seinem Ritter aufwirft? Wir hier in Sunne halten ihn für eine richtige Landplage. Und du, ein angesehener und tüchtiger ...‹«

Aber nun hält es Vater nicht länger aus. »Nehm Er sich in acht, Melanoz!« warnt er und klopft mit den Knöcheln auf die Tischplatte.

»Ja, ja, Herr Leutnant,« sagt der Kantor, »ich bin gleich fertig. Ich will nur noch berichten, wie es ging.«

Und ich glaube, es war gut, daß Vater auf den Tisch klopfte, denn sonst hätte der Kantor bis in alle Ewigkeit über Professor Fryxell weitergesprochen, denn den liebt er. Und das ist ja nicht mehr als billig, denn Professor Fryxell hat ihm einst geholfen, und dadurch ist er, der nur ein armer Bauernjunge war, ein Kantor und Volksschullehrer geworden.

»Nun, der Herr Leutnant mußte schließlich nachgeben,« fährt der Kantor fort. »Er mußte versprechen, zum Mittagessen dazubleiben, sowie auch heimzufahren, ohne sich Prästbergs wegen in zweifelhafte Unternehmungen einzulassen. Ich muß gestehen, es ist nicht leicht, einem solchen Großen wie Professor Fryxell zu widerstehen. Man kann ja nicht anders, als sich ihm gegenüber klein und gering zu fühlen, ob man sich auch sonst für einen ganz tüchtigen Menschen halten darf. Deshalb verstehe ich wohl, daß der Herr Leutnant nachgab; aber ich begreife auch, daß er auf dem Grund seiner Seele etwas unzufrieden war und meinte, er hätte den Kriegskameraden im Stiche gelassen. Und das merkte Professor Fryxell natürlich.«

Jetzt klopft Vater noch einmal auf den Tisch.

»Ja, ja, Herr Leutnant,« sagt der Kantor. »Jetzt bleiben nur noch ein paar Worte übrig. Nun ja, nach dem Mittagessen nahm der Professor den Herrn Leutnant mit in den Garten, und sie gingen zwischen den schönen Terrassen die breiten Stufen zum Frykensee hinunter. Und als sie die unterste Terrasse, die über das Wasser hinaushängt, erreicht hatten, was erblickten sie da dicht vor sich, wenn nicht den Moses und den kleinen Einbaum, in dem Prästberg lag und sich grämte, wie er sich seit dem Tage, wo das Unglück geschah, immerfort gegrämt hatte. ›Ja, da sehen Sie, daß alles wahr ist, was ich gesagt habe,‹ sagte Leutnant Lagerlöf rasch. ›Er kann nicht mehr in seinem Haus wohnen.‹

›Ja, ich sehe,‹ erwiderte der Professor. Aber zugleich trat er ganz dicht an das Geländer vor und betrachtete den Moses. ›Nun, mein lieber Erik Gustav, was sagst du zu dieser roten Farbe?‹ fragte er dann.

Denn Professor Fryxell hat seine Augen überall, und so hatte er gleich gesehen, daß der Moses nicht rot, sondern eher grau gestreift aussah. Das Wasser des Sees aber war weit herum rot.

Und dann beugte sich Professor Fryxell über das Geländer vor und rief Prästberg an: ›Hör Er mal, Prästberg! Hat Er denn, als er damals die Farbe kochte, kein Roggenmehl hinein getan?‹

Prästberg fuhr auf und stand mit einem Satz kerzengerade in seinem Boot.

›Beim Satan!‹ rief er, ›Sie haben recht, Herr Professor. Ich hatte vergessen, etwas Roggenmehl mitzukochen.‹

Er wußte zwar ganz genau, wie notwendig es ist, Roggenmehl unter die rote Farbe zu mischen, sonst klebt sie nicht fest, sondern man kann sie wie Kreide wegwaschen; aber er hatte es wohl so eilig mit dem Anstreichen des Moses gehabt, daß er es vergaß.

›Ja, da hat Er Glück gehabt, Prästberg,‹ sagte Professor Fryxell. ›Nun kann Er ja bald wieder in sein Haus einziehen.‹

Dann wendete er sich an den Herrn Leutnant. ›Jetzt wollen wir zuerst hineingehen und mit meinen wohltätigen Töchtern Luise und Mathilda reden. Sie kennen alle Kinder in der ganzen Umgegend und werden bald wissen, welche bei dem Unfug mitgetan haben. Und nun soll diesen Kindern befohlen werden, den Moses innen und außen wieder rein zu scheuern, denn Strafe muß sein, und ich glaube, das wird ihnen eine bessere Lehre sein als eine Tracht Prügel. Auf diese Weise bekommt Prästberg sein Haus wieder, und du, mein lieber Erik Gustav, kannst dich wohlverrichteter Sache wieder nach Hause begeben.‹«

Jetzt klopft Vater zum drittenmal auf den Tisch.

»Ja, ich verstehe,« sagt der Kantor. »Ich soll nicht erzählen, wie der Herr Leutnant dem Professor Fryxell dankte, und das kann ich ja auch unterlassen.«

Zugleich aber steht der Kantor mit dem Toddyglas in der Hand auf.

»Herr Leutnant Lagerlöf,« sagt er, »ich glaube, wir alle miteinander sind sehr froh darüber, daß Sie damals nach Sunne fuhren, um dem alten Kriegskameraden zu helfen. Deshalb schlage ich vor, daß wir Leutnant Lagerlöf ein dreifaches Hoch darbringen!«

Und dann wird Hurra gerufen, und als das geschehen, sehen wir, daß die Illumination gerichtet ist und alle die bunten Laternen angezündet sind. Die Blumen auf Tante Lovisas Rabatten schimmern durchsichtig wie Blumen aus Glas und drüben in den Gebüschen leuchtet das Laub abwechslungsweise blau und gelblichweiß und rosa und in allen möglichen Farben. Und die Nacht ist still und warm; etwas merkwürdig Feines, Duftreiches strömt uns entgegen, das die Herzen mit Freude erfüllt.

Aber auf dem Sandweg vor der Veranda stehen Schullströmer und Asker und singen:

»Wer ist's, der nicht des Bruders denkt?«

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