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Aus meinen Kindertagen

Selma Lagerlöf: Aus meinen Kindertagen - Kapitel 20
Quellenangabe
authorSelma Lagerlöf
titleAus meinen Kindertagen
publisherAlbert Langen
year1931
printrun1. bis 10. Tausend
translatorPauline Klaiber-Gottschau
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20190424
projectid278d7116
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Der Teich

1.

Und ich erinnere mich noch sehr gut an den Ententeich, den es, als wir klein waren, auf Mårbacka gab.

Es war ein kleiner, runder Teich, und im Sommer war er so voller Kaulquappen, daß er ganz schwarz aussah. Gegen den Herbst überzog sich dann die Oberfläche mit einer grünen Schicht, die das Wasser vollkommen zudeckte; und darüber waren wir fast froh, denn auf diese Weise wurden wir den Anblick der Froschbrut los.

Das Wasser in dem alten Ententeich war sehr trüb und schmutzig; man konnte keine Wäsche darin spülen, und ebensowenig konnte man darin baden, denn es gab da so viele Pferdeegel, und wenn sich ein Pferdeegel festbeißt, läßt er nicht mehr los, bis er einem alles Blut aus dem Leibe herausgesogen hat. Die Haushälterin sagt, diese Pferdeegel seien noch viel gefährlicher als die großen Blutegel, die sie in einer Wasserflasche im Küchenfenster stehen hat, damit sie denen, die Zahnweh oder ein geschwollenes Gesicht haben, das kranke Blut aussaugen.

Ich kann mich durchaus nicht erinnern, daß wir uns je einmal über den Teich gefreut hätten, so lange er offen war; aber wenn er im Herbst zufror, war es ganz anders. An dem Morgen, wo uns das Kindermädchen Maja mitteilte, daß das Eis trüge, waren wir seelenvergnügt, und wir konnten nicht rasch genug in die Kleider kommen.

Vater ging selbst mit hinunter und stieß mit einem Stock auf die Eisdecke, um zu untersuchen, ob sie hielt, damit es uns nicht etwa ginge, wie König Ring und Ingeborg, als sie zu einem Gastmahl fuhren. Wir suchten in der Bodenkammer alle unsere alten Schlittschuhe zusammen und liefen zum Stallknecht, damit er sie schleife und, wo es nötig war, neue Riemen einsetze.

Ach, wie herrlich war das Schlittschuhlaufen, als wir noch klein waren! Was tat es, daß wir nur einen kleinen Teich hatten, auf dem wir laufen konnten! Und wenn gegen Weihnachten Schnee fiel, mußten wir uns schrecklich abmühen, um unsere Schlittschuhbahn freizuhalten. Wir kehrten und wir schaufelten immer wieder, bis schließlich das große dreizehntägige Schneegestöber eintrat. Da mußten wir es aufgeben, dafür aber kam nun das Rodeln an die Reihe.

Und bisweilen hörten wir die Leute zu Vater sagen, es sei doch merkwürdig, daß er, der ein solcher Schönheitsbewunderer sei, diesen Ententeich so lasse, wie er sei, anstatt ihn trockenzulegen. Er sei ja rein zu gar nichts nütze, ja, mit dem schlechten Geruch, der in der heißesten Sommerzeit von ihm ausströme, könne er geradezu schädlich sein. Und da er überdies ganz dicht am Wege liege, müßten ihn ja alle, die nach Mårbacka führen, sofort sehen. Sogar Tante Lovisa, die so treulich an allem Alten festhielt, sagte öfters zu Vater, dieser Teich sei ein Schandfleck für das ganze Gut.

Sooft jemand mit Vater davon sprach, daß er den Ententeich trockenlegen solle, wurden wir Kinder ganz ängstlich. Uns war es einerlei, ob er voller Kaulquappen war oder im Sommer nicht besonders gut roch, wir dachten nur an das Schlittschuhlaufen. Ach, es gibt ja nicht viel Vergnügliches, das man im November und Dezember unternehmen kann; deshalb hatten wir den Teich zum Schlittschuhlaufen so nötig.

Und ich kann mich nicht mehr recht erinnern, wie es war, aber es dauerte gewiß sehr lange, bis Vater irgend etwas mit dem Ententeich vornahm. Er baute den Viehstall fertig, und er legte den Garten anders an, aber den Teich ließ er, wie er war. Und wir Kinder glaubten natürlich, er lasse ihn unsertwegen nicht trockenlegen, denn außer uns hatte ja niemand eine Freude an dem Teich.

Aber in einem Sommer fingen plötzlich Sven in Paris und Magnus Engström drüben am Ententeich zu arbeiten an. Wir waren natürlich furchtbar betrübt, denn darüber waren wir uns klar: nun hatte Vater Tante Lovisa und allen den andern, die den Teich los sein wollten, nachgeben müssen.

Auch konnten wir nicht recht begreifen, was Sven in Paris und Magnus Engström eigentlich im Sinn hatten. Sie fuhren Steine und Kies herbei und häuften sie auf wie zu einem Wall; aber nicht ganz dicht bis zum Ententeich hin, sondern in einer kleinen Entfernung davon. Wozu in aller Welt sollte denn nur dieser Wall dienen? Eines aber war uns jedenfalls klar: nun war es aus mit dem Schlittschuhlaufen, und ich erinnere mich auch, daß wir oftmals sagten, es sei doch recht häßlich von Tante Lovisa, daß sie Vater zum Austrocknen des Teichs überredet habe, und daß Vater uns doch wohl nicht so sehr lieb hätte, wie wir bisher geglaubt hatten, wenn er übers Herz bringe, uns unserer größten Freude zu berauben.

Und wir fragten Sven in Paris und Magnus Engström, was denn dieser Steinwall, den sie da bauten, für einen Zweck habe. Und was antworteten sie? Sie sagten, der Zweck sei, mit dem alten Sumpfloch, in dem es nichts als Frösche und Pferdeegel gebe, ein Ende zu machen.

Von da an schenkten wir dem Wall kaum noch einen Blick; aber trotz aller unserer Herzenswünsche wuchs und wuchs er heran, und schließlich schien er fertig zu sein. Dann machten sich Sven in Paris und Magnus Engström daran, rings um den Teich her das Erdreich abzuheben, und als dies getan war, sollte nun wohl die Austrocknung selbst vorgenommen werden.

Eines Morgens, als wir gerade aufgestanden waren, sahen wir alle die Großen nach dem Ententeich hinuntergehen, und zwar nicht nur Vater, sondern auch Mutter und Tante Lovisa und Onkel Schenson und die Haushälterin. Wir begriffen sofort, daß nun der Teich ausgelassen werden sollte, aber wir waren so unglücklich über dieses ganze Unternehmen, daß wir sagten, wir wollten nicht hingehen, um den ganzen Jammer mit ansehen zu müssen. Aber dann muß doch wohl die Neugier die Oberhand bekommen haben, denn es dauerte nicht lange, bis auch wir Kinder drunten am Ententeich standen und mit den andern eifrig zuschauten.

Und wir waren gerade im rechten Augenblick gekommen, denn auf der Südseite des Teichs standen Magnus Engström und Sven in Paris barfuß und mit erhobenen Spaten, um den Teichrand durchzustechen. Vater kommandierte: Eins, zwei, drei! und damit begann das Ausgraben. Die Spaten glänzten, die Erde wurde aufgeworfen, und das Wasser des Teichs strömte in einer schmalen Rinne heraus.

Perlend und sprudelnd lief es dahin. Uns kam es vor, als laufe es gar so munter heraus; aber wir sagten, wenn es wüßte, daß es mit dem alten Ententeich nun zu Ende sei, dann würde es nicht mit so großer Freude davonlaufen.

Eilig und hurtig lief es an der Südseite des Teichs, da, wo die Grasnarbe abgehoben war, hinaus und füllte jede kleine Vertiefung, machte einen Umweg um jeden kleinen Stein, zog sich aber weiter und weiter hinaus. Manchmal hielt es ein Weilchen an, wie wenn es ermattet wäre, aber bald kam Verstärkung vom Teich her, und dann ging's wieder vorwärts. Schließlich erreichte das Wasser den Kieswall, aber da wurde es aufgehalten. Es konnte nun nicht mehr in gerader Richtung weiterlaufen, sondern mußte sich an dem Wall ausbreiten.

Sven in Paris und Magnus Engström gruben immerfort eifrig, und das Wasser aus dem Teich strömte immer stärker heraus. Schon nach kurzem konnten die beiden das Graben einstellen, denn das Wasser bahnte sich selbst seinen Weg. Ganz wie aus einem Faß, das auf der einen Seite ein Loch bekommen hat, floß es am südlichen Teichrand entlang. Und in vielen kleinen Bächen zog es sich nach dem Wall hin, um sich da auszubreiten. Aber bald ging es nicht mehr so rasch, und das Wasser blieb in Lachen und Tümpeln stehen. Uns Kindern kam es vor, als habe es keine so große Eile mehr, seinen alten Aufenthaltsort zu verlassen. Aber da machten Sven in Paris und Magnus Engström auch auf der östlichen Seite ein Loch, und darauf ging's wieder rascher. Wir konnten durchaus nicht verstehen, daß so viel Wasser im Ententeich war. Es breitete sich nach Süden und Osten über eine Fläche aus, die dreimal so groß war als der alte Teich, und deckte sie ganz zu.

Und wir Kinder waren furchtbar dumm! Da standen wir, und die ganze Zeit über waren wir betrübt und ärgerlich, weil es nun mit dem alten Teich zu Ende sein sollte; nein, wir begriffen gar nichts.

Aber zum Schluß sahen wir doch, daß der Ententeich gar nicht leer wurde. Statt dessen breitete er sich aus und wurde viele Male größer, als er vorher gewesen war. Wenn er aber so groß blieb, dann bekamen wir ja eine furchtbar große Schlittschuhbahn! Uns schwindelte geradezu bei diesem Gedanken.

Wir sahen zu und verwunderten uns. Aber so recht freuen wollten wir uns nicht, ehe wir ganz sicher sein dürften; doch bald konnten wir nicht mehr zweifeln. Nein, nein, der Teich sollte durchaus nicht trockengelegt werden!

Ach, wie beglückt fühlten wir uns! Bis jetzt hatten wir etwas abseits für uns selbst gestanden, aber nun liefen wir zu den Großen hin. Und da hörten wir, wie Vater erklärte, er habe gedacht, es wäre besser, den Teich zu erweitern, anstatt ihn trockenzulegen. Wenn der Teich größer wäre, würde das Wasser darin gewiß reiner und besser. Man könnte es dann für die Wäsche benützen, und wenn einmal eine Feuersbrunst ausbräche, würde man über einen großen Teich, aus dem man Wasser schöpfen könnte, sehr froh sein.

Und alle die Großen, Mutter und Tante Lovisa und Onkel Schenson, lobten Vater und sagten, dieses Unternehmen sei ihm wirklich ausgezeichnet gelungen.

Weder Vater noch sonst jemand sagte ein einziges Wort vom Schlittschuhlaufen. Wir Kinder aber ließen uns nicht täuschen. Wir waren fest überzeugt, Vater hätte die ganze Sache nur in Gang gesetzt, damit wir Kinder einen größeren Spielraum auf dem Eise hätten.

Und später im Sommer, als Hammargrens und Afzeliusens und Frau Hedberg und Onkel Christofer und Tante Julia auf Besuch nach Mårbacka kamen, waren sie über die Maßen erstaunt, als sie an Stelle des alten Ententeichs den neuen Mårbackasee sahen. Und an den Vormittagen nahm Vater Onkel Hammargren und Onkel Oriel und Onkel Schenson und Onkel Christofer mit nach dem Teich und zeigte ihnen, daß er quer durch den Wall eine Ablaufrinne gegraben hatte mit einer Falle daran, die man verschließen konnte, damit nicht allzuviel Wasser abflösse. Alsdann nahm er sie auch mit hinauf in den Wald und zeigte ihnen, wie er da gegraben und eine Rinne angelegt hatte, damit das Wasser aus dem Wald in den Teich hinabliefe.

Und natürlich fanden alle miteinander, wie ausgezeichnet das alles sei, und vor allem rühmten sie die große steinerne Rinne, die Vater unter der Landstraße hindurchgeführt hatte, damit das Wasser aus dem Walde durchlaufen könnte. Und Vater war sehr glücklich. Ich glaube, daß er für nichts, was er je unternommen hatte, so viel Lob erntete wie für diese Teicherweiterung.

Eines Abends nun machten Onkel Schenson und Frau Hedberg in der Dämmerung einen Spaziergang, und als sie zurückkamen, behaupteten sie, sie hätten einen merkwürdigen Schein über dem Teich schweben sehen. Nun, daß der Schein nicht vom Mond herrührte, war ganz gewiß, denn der Mond war noch nicht aufgegangen, und ebensowenig konnte es der Widerschein vom Sonnenuntergang sein, denn an jenem Abend hatte eine große Wolke die Sonne verhüllt. Und obgleich das Abendessen schon auf dem Tisch stand, liefen doch alle Gäste, und Vater natürlich mit, eiligst an den Teich hinunter, sich den Schein anzusehen.

Als sie zurückkamen, sagten einige von ihnen, sie glaubten, es liege eine Anchovisdose unten im Wasser auf dem Boden und leuchte herauf, andere meinten, es müsse von Leuchtholz herrühren, das auf irgendeine Weise in den Teich geworfen worden sei; aber Frau Hedberg wollte weder die eine noch die andere Erklärung gelten lassen. Sie sagte, was sie gesehen habe, sei ein bläulicher, aus dem Wasser aufsteigender Phosphorschimmer, einfach etwas Übernatürliches und Geheimnisvolles.

Und wir Kinder waren auch drunten am Teich, aber wir konnten ganz und gar nichts Merkwürdiges erblicken, und so glaubten wir beinahe, daß Frau Hedda Hedberg alles miteinander erfunden hätte.

Aber den Großen war dieser geheimnisvolle Schein von größter Wichtigkeit. Jeden Abend wanderten sie in feierlichem Zug nach dem Teich, um den aus dem Wasser herausleuchtenden Phosphorglanz zu beobachten. Und einige von ihnen sahen ihn, die andern sahen ihn nicht, und es wurde ewig darüber hin und her geredet. Schließlich schlug Onkel Oriel vor, den neuen Mårbackasee »Phosphoresk« zu heißen, und darin stimmten ihm alle bei.

Aber dieser merkwürdige Schein, der aus dem Mårbackasee aufstieg, wurde im ganzen Kirchspiel besprochen, und als Vaters Geburtstag herankam und der Kantor Melanoz Vater zu Ehren wie gewöhnlich ein Gedicht verfaßte, kam auch der Teich mit in die Geburtstagsverse hinein.

Es war ein langes Gedicht, und es ging nach der Melodie »Ich denke der schönen Zeit« von Frau Lenngren. Die Herren Schullström und Gustaf Asker und Frau Jakobson, die Schwester von Frau Schullström, sangen es vor. Und das Gedicht war ganz besonders schön und anziehend, aber ich kann mich mit dem besten Willen an nichts davon erinnern, als an die Zeilen, die von dem Teich handelten:

»Durch diesen Sinn für Schönheit
Der Tümpel ward zum Teich,
Mit seinem Wunderscheine
Hieß ›Phosphoresk‹ er gleich.«

 

2

Dann ereignete sich, soviel ich mich erinnere, bis zum nächsten Frühjahr nichts Merkwürdiges mehr mit dem Teich.

Aber da kam eines Morgens das Kindermädchen Maja zu uns ins Schlafzimmer und sagte, nun sei es aus mit dem Mårbackasee, jetzt sei der alte Ententeich zurückgekehrt. Mehr wollte sie nicht sagen, wir sollten selbst sehen, wenn wir angekleidet wären und hingehen könnten.

Wir waren ja natürlich außerordentlich stolz darauf gewesen, daß wir nun auf Mårbacka auch einen See hatten, wie die auf Gårdsjö und auf Herrestad, deshalb zogen wir uns so rasch wie möglich an und liefen hinaus. Und da sahen wir mit unseren eigenen Augen, wie wahr Maja gesprochen hatte.

Seht, man war mitten in den schlimmsten Frühjahrsstürmen, und am Tag vorher war das Eis auf dem Mårbackasee aufgebrochen; noch nie hatten wir den See so großartig gesehen, als nachdem er die Eisdecke abgeworfen hatte. Er war bis an den Rand voll gewesen und hatte richtige Wellen gehabt. Und vom Walde her war eine riesige Menge Wasser dahergeströmt, und durch die Falle lief soviel Wasser, daß wir schon daran gedacht hatten, das kleine Hammerwerk, das uns Johan zu Weihnachten zusammengeschreinert hatte, das wir aber sonst nur im Bache aufstellten, hierher zu versetzen.

Aber in dieser letzten Nacht mußte es ganz schrecklich geregnet haben, und der Teich war so voll geworden, daß er den ganzen Wall wegsprengte, den Sven in Paris und Magnus Engström im letzten Sommer wieder instand gesetzt hatten. Wir waren ganz bestürzt, als wir sahen, welche Gewalt das Wasser gehabt hatte, denn es hatte große Steine herausgerissen und auf die Äcker geworfen. Den Kies hatte es noch weiter fortgeschwemmt, und einige Weidenzweige, die Vater auf dem Wall gepflanzt hatte, waren jetzt gewiß auf dem Weg nach dem Frykensee.

Ach, welch eine Verwüstung war das! Das ganze Erdreich, auf dem das Wasser noch am vorhergehenden Tage so stolz gewogt hatte, lag nun nackt da. Es war nur noch ein Lehmbrei zu sehen und da und dort eine Wasserpfütze dazwischen. Das einzige Unbeschädigte war der alte Ententeich.

Ja, unser alter Ententeich, der lag klein und rund wie früher innerhalb seiner alten sicheren Ufer. Er war weder größer noch kleiner als gewöhnlich, aber wir glaubten, er sähe etwas schadenfroh aus und meine, jetzt werde er wieder zu Ehren kommen.

Aber Vater war es natürlich ganz unmöglich, alles wieder wie früher zu lassen. Für dieses Verschönerungswerk war er ja mehr gelobt worden, als für irgendein anderes seiner Vorhaben. Der Kantor hatte Verse darüber verfaßt; alle Verwandten hatten großen Anteil daran genommen, und Frau Hedberg hatte jenen wunderbaren bläulichen Schein über dem Wasser schweben sehen. Also war Vater so gut wie gezwungen, den Teichwall noch einmal aufzurichten. Die Ehre des ganzen Guts stand auf dem Spiel.

Und obgleich man es mit der Frühlingsarbeit sehr eilig hatte, konnte Vater sich nicht ruhig an diese machen, ehe der Teichwall wieder in Ordnung war. Es hieß Steine und Lehm und Kies herbeischaffen, hieß mischen, mauern und auffüllen, statt zu eggen und zu säen. Lars in London und Magnus in Wien schüttelten den Kopf über diese neuen Anordnungen, aber der alte Per in Berlin, der ein Finne war und sich auf die Geheimnisse der Natur verstand, sagte geradezu, mit all diesem mache man sich unnötige Mühe, denn es zeige sich ja, daß in dem alten Teich etliche Wesen wohnten, die es durchaus so haben wollten, wie es von urdenklichen Zeiten her gewesen war.

Aber der Wall wurde dennoch errichtet, und zwar wurde er diesmal mit Rasenstücken bedeckt und nicht nur mit Kies wie beim erstenmal. Alsdann wurden zwei Reihen Weidenzweige eingepflanzt, die ihre langen Wurzeln zwischen die Steine hineintreiben und sie zusammenhalten sollten.

Das war wirklich eine tüchtige Arbeit; schon nach wenigen Regengüssen füllte sich der Teich wieder mit Wasser, und als im August die Gäste eintrafen, schimmerte und glitzerte der Mårbackasee weithin, gerade wie im vorigen Jahre. Der einzige Unterschied war, daß Frau Hedberg keinen bläulichen Phosphorschein mehr auf der Wasserfläche sehen konnte. Dieser war gewiß bei der großen Verwüstung im Frühjahr fortgeschwemmt worden.

Im nächsten Jahr war Vater während der ganzen Eisgangzeit äußerst wachsam. Jeden Tag schritt er den ganzen Wall ab und sah nach, ob sich vielleicht irgendwo Risse zeigten, durch die das Wasser hinauslaufen könnte. Und sobald an der Außenseite des Walls nur ein einziger Tropfen Wasser herausquoll, rief Vater Leute herbei, die den Wall mit Steinen und Lehm und Kies verstärken mußten.

Und wenn es in der Nacht einmal regnete, stand Vater auf, ging an den See hinunter und hielt dort Wache für den Fall, daß irgend etwas geschehe.

Und des Teiches wegen herrschte im ganzen Hause große Aufregung. Niemand fühlte sich ruhig und sicher, bis endlich der Sommer kam und alle Frühlingsstürme und Unwetter überstanden waren.

Kleine Risse werden sich wohl in jedem Jahre an dem Wall gezeigt haben, so daß man regelmäßig stützen und flicken mußte, aber er wurde doch nie wieder ganz weggeschwemmt bis zu dem Jahr, wo Vater auf den nassen Laken schlafen mußte und Lungenentzündung bekam.

Da hatte Mutter durchaus keine Zeit gehabt, an den Teich zu denken und die Risse zustopfen zu lassen. Und in jenem Jahr ging das Eis besonders frühzeitig auf; Ostern kam heran, und alles miteinander war schrecklich ungünstig.

Am Abend des Osterfestes kam der Stallknecht daher und berichtete, daß das Wasser allmählich unter dem Wall durchsickere. Da erschrak Mutter sehr; sie sagte, das sei doch zu schlimm, und sie bat den Knecht, doch jemand ausfindig zu machen, der uns behilflich sein könnte.

Aber das war natürlich unmöglich, denn es war ja Ostern, und die Leute hatten sich in ihren Hütten mit Branntwein versehen, und keiner von ihnen kümmerte sich überhaupt groß um den Teich, der erst vor ein paar Jahren künstlich hergestellt worden war.

Demzufolge konnte das Wasser während des ganzen Osterfests weiter arbeiten, wie es wollte, und am Ostermontag lag der ganze Wall auf den Äckern, gerade wie das letztemal. Und der ganze Teichgrund sah wüst und nackt aus. Nur der alte Ententeich lag ebenso rund und sicher inmitten seiner Ufer wie früher, und er glänzte und glitzerte, wie wenn er hochbeglückt wäre, weil er nun wieder allein Herr auf dem Hofe war.

Aber als Vater wieder aufstehen durfte und da erfuhr, daß der Wall abermals ein schlimmes Ende genommen hatte, war er über die Maßen enttäuscht, wir hatten beinahe Angst, er würde aufs neue krank werden. Und sobald er selbst die Oberaufsicht des Hofs wieder übernehmen konnte, war es sein erstes, den Teichwall zum dritten Male aufzurichten.

Vater war sicher nicht erfreut, daß er sich abermals mit dem Wall beschäftigen mußte. Die Frühjahrsarbeit war in vollem Gang, und die Leute hatten das ewige Schuften mit dem Wall, der ja zu ganz und gar nichts nütze war, herzlich satt. Aber es blieb eben nichts andres übrig; Vater sagte, die Ehre des Guts verlange, daß der Mårbackasee instand gehalten bleibe. Nach all dem Lobe, das Vater zuteil geworden war, schien es ihm ganz unmöglich, wieder mit dem alten Ententeich vorliebzunehmen.

Aber siehe, als sich gerade alle Taglöhner mit Steinen und Kies drunten am Teich abmühten, kam Onkel Wachenfeldt dahergefahren! Er hatte auf irgendeine Weise von Vaters Krankheit gehört und kam nun, sich nach dessen Befinden zu erkundigen.

Onkel Wachenfeldt hielt das Pferd an, als er die Arbeiter an dem neuen Wall sah, und er schüttelte den Kopf. Und als er dann am Hause vorfuhr, sagte er, ehe er noch aus dem Wagen gestiegen war, zu Vater:

»Wenn du deinen Wall auf diese Weise immer wieder aufbaust, Erik Gustav, dann mußt du ihn in jedem Jahr neu errichten.«

»So, meinst du, Wachenfeldt?« erwiderte Vater. »Ja, du bist ja von jeher so klug gewesen.«

»Es wird dir nie gelingen, den Wall haltbar zu machen, solange du mit losem Kies arbeitest,« sagte Onkel Wachenfeldt. »Du mußt den Kies in Säcke füllen; das tut man, wenn man im Krieg Schanzen baut.«

Nun, diesen Rat befolgte Vater, und seither hat der Teichwall gehalten. Und darüber sind wir alle sehr froh; denn in jedem Frühjahr war man vorher in größter Angst gewesen, weil man jeden Tag das Einstürzen des Walls befürchten mußte.

 

3

Gleich nachdem es Vater gelungen war, den Wall widerstandsfähig zu machen, reiste er nach Strömstadt, und er dachte sicherlich da drüben am Meer jeden Tag an seinen Teich daheim auf Mårbacka. Und dann meinte er wohl, es fehle immer noch sehr viel daran, wenn er ihn mit dem Kattegat verglich. Wenigstens war Vater kaum heimgekommen, als er auch schon mit Verbesserungen anfing.

Aufs neue wurden auf den Seiten des Walls zwei Reihen Weidenzweige angepflanzt, und dazwischen wurde ein Kiesweg angelegt, damit wir eine Strandpromenade bekämen, genau wie die auf dem Laholm in Strömstadt. Und Vater sagte zu uns Kindern, wenn die Weiden erst groß seien, dann werde er an dem südlichen Ende des Teichs einen Pavillon errichten, denn dort sei es am allerschönsten. Und wenn er alt sei, wolle er im August bei Mondschein in dem Pavillon sitzen und sehen, wie sich die Bäume, die er gepflanzt habe, im Wasser des Teichs spiegelten.

Ach, mir tut Vater ordentlich leid, denn diese Weiden wuchsen ja wohl heran; aber mit allem andern, was er unternahm, um den Teich recht schön und außergewöhnlich zu gestalten, hatte er kein Glück.

Wenn Daniel und Johan im Sommer daheim sind, dann hilft Daniel meist Tante Lovisa beim Pflegen der Blumen. Er gießt und jätet wie ein richtiger Gärtner, und die Tante ist hocherfreut über alle die Hilfe, die sie von ihm hat. Johan aber macht Tischler- und Drechslerarbeit mehr Freude, und als Vater von Strömstadt wieder nach Hause kam, sagte Johan, er wolle gern eine Art Fahrzeug herstellen, das man auf dem Teich verwenden könnte. Und Vater war ja in Strömstadt jeden Tag draußen auf dem Wasser herumgefahren, und so kam ihm der Mårbackasee im Vergleich zum Kattegat sehr minderwertig vor, solange weder ein Boot noch ein Einbaum darauf war. Er gab deshalb Johan auch sofort die Erlaubnis, zu versuchen, seinen Vorschlag ins Werk zu setzen.

Und Johan schlug zuerst ein kleines Floß zusammen, das zwei Ellen im Viereck maß; darunter befestigte er vier leere Bierfäßchen, damit das Floß nicht untersinken, sondern eine wirklich schwere Last tragen könnte. Alsdann verfertigte er eine Dampfbootmaschine aus dem Rad eines alten Spinnrädchens und einer Ofenklappe.

Und seht, Johan hatte es sich so ausgedacht:

Die Ofenklappe sollte unter dem Floß sitzen und der Propeller sein. Das Rad aber sollte obendrauf sein, und neben dem Rad sollte Johan stehen und es drehen. Und in demselben Augenblick, wo Johan das Rad zu drehen begann, sollte der Propeller im Wasser drunten arbeiten, und das ganze Floß sollte durch das Wasser dahinschießen, dann könnte Johan von dem einen Ufer des Teichs nach dem andern hinüber fahren, ganz wie es ihm behagte.

Wir alle waren außerordentlich erfreut über Johans Erfindung. Wie glücklich würde er doch sein, wenn er da auf dem Teich herumfahren könnte! Und wir dachten schon, ob er nicht am Ende ein zweiter John Ericsson werden würde. Aber es mußte doch irgendein Fehler in den Berechnungen gewesen sein, denn wie eifrig Johan auch das Rad drehte, das Floß bewegte sich nicht vom Fleck. Und da war es aus mit der Freude.

Aber dort drunten in Strömstadt gab es ja noch vieles andere als Boote und sonstige Fahrzeuge, die sich auf dem Wasser bewegten. Es gab dort auch Enten und Eidergänse, und in dieser Beziehung meinte Vater den Wettbewerb aufnehmen zu können. Er schrieb also an einen Ort in Westgötland, und eines Tages trafen an dem Landungsplatz von Herrestad sieben junge Gänse ein, die der Stallknecht da holen sollte. Und jedermann sah, daß es wirklich schöne Gänse waren. Sie waren durchaus nicht mehr ganz klein, sondern beinahe ausgewachsen. Und Tante Lovisa freute sich ganz besonders, weil es nun wie zur Zeit ihrer Eltern wieder Gänse auf Mårbacka gab, und die Haushälterin erzählte von jenem Gänserich, der zu der Zeit, wo Frau Raklitz auf Mårbacka regierte, in einem Frühjahr einmal mit den Wildgänsen davongeflogen war, aber im Herbst mit einer Frau und neun ausgewachsenen Jungen wiederkam. Wir Kinder waren nicht ganz zufrieden mit den Gänsen, weil sie nicht weiß, sondern grau oder graugesprenkelt waren; aber die Großen sagten, es seien darum nicht minder gute Gänse.

Eine Woche lang mußten die Gänse in ihrem Verschlag im Viehstall eingesperrt bleiben, damit sie sich hergewöhnten und sich nachher, wenn sie hinausgelassen würden, nicht verirrten; am achten Tag aber durften sie hinaus und herumlaufen. Sie waren auch ordentlich und gesittet, liefen einem nicht immer nach und zerrten einem nicht an den Kleidern, wie das Gänse gewöhnlich tun, sondern gleich nachdem sie herausgelassen wurden, liefen sie auf den nächsten Acker und fraßen Gras, wie wenn sie Kühe oder Schafe wären.

Wir Kinder konnten es fast nicht erwarten, sie auf dem Teich schwimmen zu sehen; aber es war sehr weit vom Stall bis zum Teich, und so meinte Vater, man solle die Gänse am ersten Tag in der Nähe des Wirtschaftshofes lassen, damit sie sich an die Umgebung gewöhnten.

»Morgen aber,« sagte Vater, »dürft ihr sie zu einem Schwimmausflug auf den Mårbackasee führen.«

Aber im Wirtschaftshofe auf Mårbacka ist auch ein kleiner Teich, aus dem die Kühe trinken, wenn sie von der Weide zurückkommen, und wir waren so ungeduldig, die Westgötagänse schwimmen zu sehen, daß wir es wagten, sie nach dem kleinen Teich hinzutreiben. Wir hatten ja immer geglaubt, alle Gänse würden über den kleinsten Wassertümpel überglücklich sein und sofort eiligst hineinplumpsen; aber diese Gänse hier wollten durchaus nicht in den kleinen Teich des Wirtschaftshofs hinein. Da sagten wir untereinander, diese Gänse seien wohl zu fein und verwöhnt, um mit einem schmutzigen Wirtschaftshofteich vorlieb nehmen zu können. Am nächsten Tag, wenn sie in schönem, reinem Wasser schwimmen dürften, werde es ganz anders sein.

Am nächsten Tag trieben wir also die Gänse an den richtigen Teich. Aber die feinen Westgötagänse schienen nicht zu verstehen, wie viel besser als der Tümpel im Wirtschaftshofe dieser See hier war. Sie liefen am Teichrand umher, schnatterten und pflückten Gras; sie wandelten um den ganzen Mårbackasee rings herum, sahen aber gar nicht nach dem Wasser hin, ja, sie steckten nicht einmal den Schnabel in den Teich, um Wasser in sich hineinzuschlappern.

Und Onkel Schenson sagte, diese Westgötagänse seien wahrscheinlich auf einem Hof aufgewachsen, wo kein offenes Wasser gewesen sei, so hätten sie als kleine Gössel nicht schwimmen gelernt und wüßten nun gar nicht, daß sie Wasservögel waren.

Wir versuchten sie ans Wasser zu gewöhnen, wir warfen Korn und Brotstückchen ins Wasser, damit die Gänse hinausschwömmen und sie holten; aber nein, die Gänse versuchten nur, sich darum zu drücken! Sie hatten mehr Angst vor dem Wasser als unsere Truthennen.

Und einmal, daran erinnere ich mich genau, stellten wir uns, alle Jungen und Mädchen, die es auf Mårbacka gab, rings um die Gänse her und trieben sie zu dem Teich hin. Aber als die Gänse vor dem Wasser angekommen waren und merkten, daß es keinen andern Ausweg für sie gab, spannten sie ihre kleinen Flügel aus und flogen in heller Todesangst quer übers Wasser nach dem andern Ufer hinüber. Ach, und wie glücklich waren sie, weil sie sich vor dem Ertrinken hatten retten können! Denn seht, sie konnten eben einfach nicht schwimmen.

Man darf also wohl sagen, daß Vater Unglück mit seinen Verschönerungsplänen hatte und einem darum ordentlich leid tat.

Aber Vater ist auch nicht von denen, die sich so leicht unterkriegen lassen.

Er hatte wohl gedacht, wenn er nun keine Boote und Wasservögel haben könnte, die auf der Oberfläche des Teichs umherschwämmen, dann hätte er vielleicht mehr Glück, wenn er Leben und Bewegung im Wasser drunten schaffte.

Deshalb gab er ein paar kleinen Jungen, die am Gårdsee wohnten, den Auftrag, ihm kleine lebende Fische zu fangen. Und jeden Sonntag, wo die Jungen keine Schule hatten, kamen sie mit großen Töpfen voller Plötzen und Barschen daher. Vater setzte alle in den Teich, und dann standen Vater und wir Kinder die ganze Woche davor und warfen Brotkrumen für die Fische hinein.

Aber wie sonderbar war es doch! Obgleich Vater jeden Sonntag eine solche Menge Fischlein in den Teich goß, sah man doch nie etwas von ihnen. Niemals zeigten sie sich am Wasserrand, und niemals machten sie kleine Sprünge aus dem Wasser heraus, um Mücken zu fangen, was die Fische doch in der Dämmerung zu tun pflegen. Nein, die Fische verschwanden mit einem Mal. Aber gestorben konnten sie doch auch nicht sein, denn dann wären sie auf der Oberfläche des Teichs herumgeschwommen.

Da kam Vater auf den Gedanken, sie schwämmen am Ende durch den Ablaufgraben davon, und so setzte er eine Art Gitter davor, durch das zwar das Wasser ablaufen, die Fische aber nicht hindurchschwimmen konnten.

Am nächsten Sonntag, als die Jungen von der Högbergalm mit ihren Plötzen und Barschen ankamen, war das Gitter angebracht, und jetzt wußte Vater, daß er seine Fische behalten würde. Aber das war keine lange Freude, denn siehe, am nächsten Morgen war der Teich mit lauter toten Fischen bedeckt. Ach, wie traurig sah das aus, als alle die Fischlein da bleich und aufgetrieben, den Bauch nach oben, im Wasser lagen! Und wenn man daran dachte, wie sie am vorhergehenden Abend ihre kleinen Flossen bewegt hatten und munter und gesund umhergeschwommen waren, so hätte man am liebsten geweint.

Und wir Kinder sagten zueinander, nun müßte Vater die Sache doch aufgeben, denn es sähe ja ganz danach aus, als ob wir keine Fische in unserem Teich haben könnten.

Aber nach ein paar Tagen hörten wir Vater Sven in Paris fragen, ob nicht er, der sich sein ganzes Leben hier in den Wäldern herumgetrieben habe, irgendeinen Teich wüßte, wo es Karauschen gäbe.

Sven in Paris kratzte sich am Kopf und überlegte, und schließlich sagte er, als ganz kleiner Junge habe er einmal mit seinem Vater in einem Waldsee weit drinnen in den Gårdseebergen Karauschen gefischt.

»Wir fingen sie nicht mit der Angel,« sagte er, »sondern wir setzten einen Backtrog aus, auf dessen Boden wir Teig geklebt hatten, und sobald der Backtrog ins Wasser kam, war er auch schon voll von Fischen. Sie waren groß und glänzten wie Gold, man konnte sie aber nicht essen. Als wir mit ihnen heimkamen, wollte Mutter sie kaum kochen; sie sagte, sie schmeckten nur nach Lehm, und damit hatte sie auch ganz recht.«

Am nächsten Sonntag aber schickte Vater Sven in Paris nach jenem Waldsee in den Gårdseebergen, damit er dort Karauschen für unsern Teich fische. Und er nahm richtig einen alten Backtrog und einen Klumpen Teig mit, sowie ein Messinggefäß, um die Fische darin heimzutragen.

Und all dies wurde, sozusagen, ganz heimlich ins Werk gesetzt. Ich glaube, weder Mutter noch Tante Lovisa wußten, was Sven für einen Auftrag hatte. Nur wir Kinder waren eingeweiht.

Den ganzen Sonntag warteten wir in großer Spannung, aber Sven in Paris kam und kam nicht. Wir dachten, er habe wohl den Karauschenteich nicht mehr finden können, und so habe er die ganze Sache aufgegeben und sei zu sich heimgegangen.

Am Montag kam Sven in Paris wie gewöhnlich um fünf Uhr morgens auf den Hof. Er ging geradeswegs in den Viehstall und half der Stallmagd bei den Kühen, bis sie auf die Weide hinausgetrieben waren. Von irgendwelchen Karauschen ließ er gegen niemand ein Wort verlauten.

Als Vater gefrühstückt hatte, ging er nach dem Stall, und da traf er Sven in Paris, der mit einem Schiebkarren daher kam.

»Nun, Sven, hast du den Karauschenteich gefunden?« fragte Vater.

»Beim Satan! Ja, ich hab' ihn gefunden,« antwortete Sven; »aber ich habe den ganzen Sonntag im Wald herumstrolchen müssen.«

»So, aber hast du Karauschen gefangen?«

»Nein, keine, die was taugten. Nur ganz kleine kamen in den Backtrog herein und fraßen den Teig auf. Die großen lagen wohl drunten auf dem Boden des Sees und schliefen.«

»Und so hieltest du es wohl nicht der Mühe wert, die kleinen mitzunehmen?« fragte Vater.

»Nein, zum Mitnehmen waren keine darunter,« antwortete Sven.

»So, aber das Messinggefäß und der Backtrog, wo sind die?«

»Die hab' ich in die Knechtskammer gestellt, als ich heut morgen hierherkam.«

Ach! Vater dachte gewiß, in all diesen Plänen mit dem Teich werde er doch von einem merkwürdigen Mißgeschick verfolgt; aber er war doch ebenso ruhig wie gewöhnlich. Er gab Sven in Paris einen Reichstaler für seine Mühe und befahl uns Kindern, in die Knechtskammer zu gehen und das Messinggefäß und den Backtrog in die Küche zurückzutragen.

Aber als wir in die Knechtskammer kamen, stand da das Messinggefäß, und siehe, es war ganz voll mit Wasser, und in dem Wasser schwamm eine Menge kleiner, gelber allerliebster Fische herum.

Wir liefen natürlich so schnell wir konnten zu Vater zurück und zeigten ihm die Fische. Als er sie sah, war er hocherfreut. Ja, das seien richtige Karauschen, sagte er. Warum aber Sven nicht hatte sagen wollen, daß er welche gebracht hatte, das begriff niemand; aber Sven hatte eben, wie Vater sagte, immer so seinen eigenen Kopf.

Dann gossen wir die Fische in den Teich; aber nur Vater und wir Kinder wußten etwas davon, daß nun Fische in dem Teich waren, denn Vater befahl uns, niemand etwas davon zu sagen.

»Wir wollen erst sehen, wie es weitergeht,« erklärte er.

Das Gitter saß vor der Ablaufrinne, und so konnten die kleinen Karauschen nicht davonschwimmen; aber wir hatten doch sehr Angst, daß es mit ihnen gehen könnte, wie mit den Barschen und Plötzen aus dem Gårdsee. Doch nicht eine einzige von den Karauschen schwamm am nächsten Morgen tot auf dem Wasser.

Ein paarmal in der Woche nahm Vater uns mit in das Lagerhaus und füllte unsere Schürzen mit Roggenkörnern, die wir zur Fütterung für die Karauschen in den Teich werfen sollten. Wir sahen allerdings nie eines von den Fischlein, und so waren wir beinahe sicher, daß sie doch auf irgendeine Weise hinausgeschlüpft seien; aber wir taten natürlich doch, was Vater uns auftrug.

Manchmal war Vater beim Mittagessen etwas mißgestimmt, weil er, wie er sagte, Tag für Tag nur Rindfleisch und Schweinefleisch bekomme.

»Bedenk doch, bei Schenson, der in Karlstadt nur einen Steinwurf vom Klarelf entfernt wohnt, kommen jeden Tag Fische auf den Tisch,« sagte er zu Tante Lovisa.

Das aber sagte er nur, weil er selbst Fische für sein Leben gern aß. Aber Onkel Schenson bekam Angst, Tante Lovisa könnte meinen, er sei von der Kost auf Mårbacka nicht befriedigt, und so versuchte er die Sache durch einen Scherz beizulegen.

»Mit dem Fischessen müssen wir wohl warten, bis wir aus dem Mårbackasee Fische mit der Angel herausziehen können,« sagte er.

Da schwieg Vater, denn weder Tante Lovisa noch Onkel Schenson sollten etwas von den Karauschen erfahren.

Aber bis der Teich schließlich zufror, mußten wir Kinder immer wieder Roggenkörner in den Teich werfen. Und nachdem der Teich zugefroren war, ging Vater jeden Tag auf das Eis hinaus und sah nach, ob ein Luftloch geschlagen war, damit die Karauschen atmen könnten.

Als der Winter vorbei war und der Sommer wiederkam, nahm uns Vater aufs neue mit ins Lagerhaus und füllte uns unsere Schürzen mit Roggen, den wir dann in den Teich warfen. Und das haben wir nun seit mehreren Jahren getan. Aber wir sahen niemals auch nur einen Fischschwanz, und wir halten es geradezu für eine Sünde, daß so viele gute Roggenkörner für nichts und wieder nichts fortgeworfen werden; aber wir tun es natürlich ohne Murren.

 

4

Wie merkwürdig, heute ist Vaters Geburtstag, und wir wissen gar nicht, was wir tun sollen! Jansson ist am Landungsplatz gewesen, um den Lachs zu holen, der in Karlstadt bestellt war, aber er ist mit dem Bescheid zurückgekommen, daß das Dampfschiff überhaupt keine Fische mitgebracht hat.

Die Haushälterin und Tante Lovisa sowie auch Mutter sind ganz außer sich. Sie wissen sich durchaus nicht zu helfen, nein, sie müssen Vater, der mit Onkel Schenson vor dem Hause sitzt, mitteilen, wie schlimm es steht!

»Da sollen wir nun ein Festmahl für vielleicht hundert Menschen zubereiten,« klagt Tante Lovisa, »und wir haben keinen Lachs!«

»Meinst du nicht, es wäre am besten, wir schickten nach Gårdsee und bäten sie, aus ihrem Fischkasten ein paar Hechte mitzubringen?« schlägt Mutter vor.

»Ja, es wird wohl nichts anderes übrig bleiben,« sagt Tante Lovisa, »aber es ist doch schmählich, wenn man nichts anderes vorzusetzen hat, als ein paar halbverhungerte Hechte aus dem Fischkasten.«

»Ja, jetzt wären ein paar Fische aus dem Mårbackasee recht am Platz,« wirft Onkel Schenson ein.

Aber als Vater das hört, kann er sich nicht länger bezwingen. Jetzt ist der rechte Augenblick zur Enthüllung seines Geheimnisses da.

»Sei ganz ruhig, Luise!« sagt er. »Zum Abendbrot wird es hier Fische geben, und in einer Stunde werden wir sie haben.«

Damit setzt Vater seinen Hut auf, sieht sich nach Daniel und Johan um und schickt sie mit einem Auftrag nach Halla zu Pastor Lindegren hinüber.

Und Pastor Lindegren kennt kein größeres Vergnügen als zu fischen, das wissen wir genau. Die Brüder sind schon mehrere Male mit ihm weit fort auf dem Fischfang gewesen; aber wir verstehen doch nicht, wie er uns hier helfen könnte, denn er hatte heute gewiß kein Netz ausgeworfen. Vor morgen früh kann er uns unmöglich Fische schicken, und dann ist das Festessen vorbei.

Aber nach einer kleinen Weile sehen wir Pastor Lindegren und die Jungen drüben auf dem Wege daherkommen. Die Jungen schleppen sich mit einem schweren, zusammengewickelten Fischnetz, und Pastor Lindegren selbst trägt über der Schulter einen recht großen Hamen.

Und sie kommen nicht hierher, sie bleiben am Teich stehen.

Da eilen wir alle miteinander auch dorthin, und die Gäste natürlich auch mit. Hammargrens und Afzeliusens und Frau Hedberg und alle Basen, die zur Feier von Vaters Geburtstag schon eingetroffen sind.

Pastor Lindegren steht draußen auf dem kleinen Klappsteg, der immer in der nordöstlichen Ecke liegt, und versenkt den Hamen in den Teich hinunter. Er führt ihn vorsichtig im Wasser hin und her, aber wie er ihn heraufzieht, ist er vollständig leer.

Und da sagen natürlich alle die Gäste, das hätten sie nicht anders erwartet. Was denn für Fische in dem Teich sein sollten?

»Es sind doch nur Kröten drin,« sagt Onkel Schenson.

Aber Pastor Lindegren gibt die Sache noch nicht auf. Er wickelt das Fischnetz auseinander, und Johan und Daniel ziehen ihre Schuhe aus und waten mit dem Netz am Teichrand entlang nach dem andern Ufer hinüber. Da senken sie es ins Wasser und ziehen es ein Stück weit über den Teichgrund hin.

Ei, und da kommt Leben in das Wasser! Es brodelt, wie wenn es kochte, und man hört Schwappen, wie wenn große Tiere drunten in der Tiefe hin und her sausten. Und plötzlich ertönt ein Platsch, und ein großer, gelber, goldschimmernder Fisch macht einen Satz in die Luft hinauf.

Nun wird Pastor Lindegren so eifrig, daß er sich nicht mehr beherrschen kann. Er ruft Daniel und Johan zu, und da heben sie das Netz über das Wasser empor. Und siehe, am ganzen Netz hin sitzt ein goldschimmernder Fisch neben dem andern, und sie blinken und funkeln im Sonnenschein. Es ist, als hätten sie Goldklumpen herausgefischt.

»Was sagst du nun, Schenson?« fragt Vater. »Ich denke, diese Fische wird man essen können.«

Und da steht Pastor Lindegren prächtig und stolz, aber wer noch strahlender aussieht, das ist mein Vater. Jetzt wird er für viel Ärger und viele spitze Bemerkungen entschädigt. Jetzt hört er wieder Glückwünsche und Lobsprüche ganz wie zu der Zeit, wo der Teich frisch ausgegraben war und »Phosphoresk« genannt wurde.

Aber Tante Nana Hammargren und Tante Georgina Afzelius stehen ein wenig entfernt von den andern und sprechen miteinander, während die Fische aus dem Netz herausgenommen werden. Sie sehen gewiß nicht, daß ich dicht neben ihnen bin, oder vielleicht denken sie auch, so ein kleines Mädchen wie ich verstehe ja nichts, denn das denken die Großen immer.

»Weißt du, Georgina,« sagt Tante Nana, »ich habe keine Freude an diesem hier. Wenn wir früher nach Mårbacka kamen, war Gustav immer voller Eifer, uns alle seine Neuerungen und Verbesserungen zu zeigen. Da hatte er Käufe zur Vergrößerung des Guts gemacht, oder er hatte neue Häuser gebaut oder einen Garten angelegt oder Eichen und Pyramidenpappeln gepflanzt. Da gab es immer etwas Nützliches oder Schönes zu sehen; aber jetzt handelt es sich niemals mehr um etwas anderes, als um diesen langweiligen Teich.«

»Ich will dir etwas sagen, Nana,« versetzt Tante Georgina, »Luise ist sehr besorgt um Gustav. ›Er ist nicht gesund,‹ sagt sie. ›Seit er vor drei Jahren die schwere Lungenentzündung gehabt hat, ist er nicht mehr ganz der Alte?‹«

»Ja, er ist ja auch ungewöhnlich rasch grau geworden,« sagt Tante Nana nachdenklich.

»Und abgemagert ist er auch.«

»Aber inwiefern hat denn seine Krankheit etwas mit dem Teich zu tun?«

»Ja, siehst du, Luise meint, Gustaf habe nicht mehr die Kraft, sich mit etwas Rechtem zu befassen. Aber etwas will er doch haben, womit er sich beschäftigt, weil er sich dann einbilden kann, daß er etwas leiste, und das ist nun eben dieser Teich.«

»Armer lieber Bruder!« seufzt Tante Nana.

Wie unglücklich ist es doch für mich, daß ich das gerade am siebzehnten August, wo wir sonst alle so sehr vergnügt sind, hören muß! Das Herz ist mir so schwer und tut mir schrecklich weh. Gewiß wird es mir nun weh tun, solang ich lebe.

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