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Aus meinen Kindertagen

Selma Lagerlöf: Aus meinen Kindertagen - Kapitel 2
Quellenangabe
authorSelma Lagerlöf
titleAus meinen Kindertagen
publisherAlbert Langen
year1931
printrun1. bis 10. Tausend
translatorPauline Klaiber-Gottschau
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20190424
projectid278d7116
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Plan des Erdgeschosses im alten Mårbacka

Plan des Erdgeschosses im alten Mårbacka

Aline Laurell

Wir freuen uns sehr, daß wir hier auf Mårbacka eine so liebe Erzieherin bekommen haben.

Sie heißt Aline Laurell; ihr Vater wohnte in Karlstadt, wo er erster Landesvermesser war, und die Familie war gewiß reich, so lange er lebte. Aber als er starb, wurde Almes Mutter arm, und Alines Tante, Frau Unger in West-Ämtervik, machte mit Vater und Mutter aus, daß Aline zu uns kommen und Anna und mir Unterricht im Französischen und im Klavierspiel geben sollte.

Und wir freuen uns auch sehr, daß sie eine Schwester mitbringt, die auch bei uns wohnen und mit uns andern bei Aline lernen wird. Sie heißt Emma und ist zehn Jahr alt. Und man merkt es ihr wohl an, daß die Familie reich gewesen ist, denn Emma hat sehr viele Mammelucken Gestickte Ansatzteile, die zur Verschönerung unten an den Höschen aufgeheftet werden. mit feinen Stickereien daran, die sie von Aline und ihren Schwestern geerbt hat; aber wir auf Mårbacka haben nie welche getragen. Und am Sonntagmorgen müht sich Emma damit ab, diese Mammelucken an ihre Beinkleider anzuheften, und das ist ein schreckliches Geschäft. Die einen sind zu weit, die andern zu lang; und wenn Emma sie dann anzieht, hängt das eine Hosenbein bis auf den Fuß herunter, und das andere geht nur bis unters Knie. Wir halten diese angesetzten Mammelucken für gar nichts Hübsches, besonders nicht, wenn sie schief sitzen; aber Emma denkt wohl, wenn sie eine ganze Schublade voll davon hat und sie überdies so schön gestickt sind, dann muß sie sie auch tragen.

Und es ist recht merkwürdig: gerade in dem Herbst, wo Aline zu uns kam, war ich nach Stockholm geschickt worden, um gymnastischen Unterricht zu nehmen, und dort wohnte ich in der Klarastraße Nr. 7 bei Onkel Oriel Afzelius und Tante Georgina und Elin und Allan. Ich war den ganzen Winter von Hause weg, und so sah ich Aline erst im nächsten Frühjahr. Ich war sehr glücklich, als ich wieder heimreisen durfte, aber doch war mir etwas bänglich zumute, weil ich wußte, daß wir eine Erzieherin bekommen hatten, und ich glaubte, alle Erzieherinnen seien alt und häßlich und böse.

Und als ich von Stockholm heimkam, hatte ich einen Panamahut mit einem blau und weißen Band und einer weißen Feder mit einer Schnalle darauf, sowie einen weißen Sommermantel mit glänzenden Knöpfen und ein Kleid aus blau und weißem Nesseltuch, das Tante Georgina mir hatte machen lassen, so daß ich also furchtbar fein war, als ich zu Hause eintraf. Und die gymnastischen Übungen hatten mir außerordentlich gut getan, man konnte jetzt kaum mehr sehen, daß ich hinkte. Ich war auch gewachsen, war ordentlich groß geworden und gar nicht mehr so blaß und mager wie im Herbst, wo ich nach Stockholm kam, sondern dick und rotbackig. Mein Haar hing mir jetzt in einen Zopf geflochten den Rücken hinab, anstatt daß es an den Ohren in Schnecken aufgesteckt war. Ja, die daheim konnten mich kaum wieder erkennen. Sie sagten, eine ganz neue Selma sei von Stockholm zurückgekommen.

Als ich Aline sah, war ich über die Maßen erstaunt, weil sie jung und hübsch war, und sie gefiel mir vom ersten Augenblick an. Aber als Aline mich sah, dachte sie, ich sähe aus wie ein richtiger kleiner Stockholmer Fratz, und sie fürchtete, daß ich recht verwöhnt und geziert sei.

Ich war sehr lange weg gewesen. Oh, ich hatte so viel zu berichten, daß ich nur immer schwatzte und schwatzte. Ich erzählte, daß ich in der Oper und im Schauspielhaus und im Kleinen Theater gewesen sei, und daß ich am ersten Mai im Tiergarten gestanden und den König Karl XV. und die Königin Lovisa und die kleine Sessan gesehen habe. Und ich erzählte, daß Laura Thiselius, das schönste Mädchen von Stockholm, in die gleiche Gymnastikschule gegangen war wie ich, wo ich sie jeden Tag anschauen konnte, und daß das Haus, in dem Onkel Oriel wohnte, einem Herzog gehörte, der ein Franzose war und d'Otrante hieß, und daß dieser Pferde und Wagen, Kutscher und Diener hatte, und daß sein Vater während der Französischen Revolution etwas ganz Furchtbares gewesen sei. Und ich zeigte alle die schönen Bücher vor, die der Onkel und die Tante mir zu Weihnachten geschenkt hatten. Und ich prahlte mit dem großen Weihnachtsschmaus bei dem Großkaufmann Glosemeyer, zu dem Elin und Allan und ich eingeladen waren; und wie wir dort den Christbaum plündern durften und dann jedes von uns noch eine Tüte Süßigkeiten mit nach Hause bekam. Und ich war bei Lejas im Laden gewesen, wo ich unzählig viele Spielsachen und Schokoladezigarren sowie einen Springbrunnen mit rotem und blauem und grünem Wasser gesehen hatte, der Kalospinterokzomatokrene hieß.

All das hörte Aline Laurell mit an, und sie sagte weiter nichts dazu, aber sie dachte, diese Selma, die jetzt von Stockholm nach Hause gekommen war, sei doch ein recht altkluges kleines Ding.

Das schlimmste aber war, daß ich die ganze Zeit stockholmisch redete. Das wußte ich zwar selbst nicht, aber Aline Laurell hielt es für einen Beweis, wie geziert und verdreht ich war; denn wer in Wärmland geboren sei, der brauche sich doch wahrlich seiner Muttersprache nicht zu schämen.

Ich warf um mich mit Namen wie Königinstraße und Berzeliuspark und Schleuse und Blasienholm, ich redete von der Wachtparade und dem königlichen Schloß, ich war in der katholischen Kirche gewesen, hatte da den heiligen Georg und in der Hauptkirche das Jüngste Gericht gesehen, hatte von Onkel Oriel alle Romane von Walter Scott zum Lesen bekommen, und ich hatte Unterricht bei einer sehr netten Lehrerin gehabt, die sagte, daß sie glaube, ich könnte auch einmal Lehrerin werden, wenn ich groß sei.

All dies hörte Aline Laurell mit an, und sie dachte, mit diesem Mädchen, das so eingebildet sei, werde sie sich niemals befreunden können.

Und weil es jetzt nur noch vierzehn Tage bis zu den Sommerferien waren, wo Aline und Emma zu ihrer Mutter nach Karlstadt reisen durften, sagte mein Vater, es hätte keinen Wert, wenn ich jetzt mit dem Unterricht bei Aline anfinge, sondern ich dürfe bis zum Herbst ganz los und ledig sein.

Und das behagte mir sehr. Ich ging in die Küche und plauderte mit der Haushälterin, und ich betrachtete mir Gerdas Puppen und spielte mit den Hunden und den Miezekätzchen, las meiner Mutter aus »Nösselts allgemeiner Weltgeschichte für Damen« vor, half Tante Lovisa im Garten beim Säen und Pflanzen; aber als ich ein paar Tage zu Hause gewesen war, ging ich an einem Vormittag mitten in den Unterrichtsstunden ins Kinderzimmer, natürlich nicht, um zu lernen oder zu rechnen oder zu schreiben, sondern nur, um zu sehen, was sie da trieben.

Aline gibt Anna und Emma gerade Religionsstunde, und Anna liest eben den langen schweren Spruch vor: »So die Heiden, die das Gesetz nicht haben ...«

Als Anna fertig ist, spricht Aline mit ihr und Emma über das Gewissen. Sie erklärt ihnen den langen und schweren Spruch so gut, daß Anna und Emma die Bedeutung vollkommen verstehen und ich ebenfalls. Aline hat sicher sehr recht, wenn sie sagt, daß wir immer das tun sollten, was unser Gewissen uns befiehlt. Denn dann ersparten wir uns Gewissensbisse.

Als die Stunde zu Ende ist, schlägt es elf Uhr, und Anna und Emma dürfen zehn Minuten lang im Freien spielen, ich aber bleibe im Kinderzimmer.

Ich stelle mich neben Aline; ich bekomme ganz heiße Wangen und frage mit so leiser Stimme, daß Aline mich kaum verstehen kann, ob sie mir helfen wolle, einer Bahnwärterfrau, die in Laxå wohne, vierundzwanzig Schillinge zu schicken.

»Ja, das werde ich schon können,« sagt Aline, »wenn du nur weißt, wie sie heißt.«

»Nein, das weiß ich nicht,« erwidere ich, »denn als der Zug, mit dem ich heimreiste, nach Laxå kam, überfuhr er einen Bahnwärter. Ich hab' ihn nicht gesehen, aber die Leute im Zug sagten, er sei mitten durchgeschnitten worden.«

»Ach so,« sagt Aline, »und nun tut dir die Frau so sehr leid?«

»Sie schrie ganz entsetzlich,« antworte ich. »Sie kam vom Bahnhof hergerannt. Ach, sie schrie ganz entsetzlich. Die Leute sagten auch, sie ist arm und hat viele Kinder.«

»Ja, jetzt erinnere ich mich, daß ich von dem Unglück in der Zeitung gelesen habe,« sagt Aline. »Aber hat man nicht gleich eine Sammlung für sie veranstaltet?«

»Doch,« antworte ich, »das tat man. Ein Schaffner kam zu uns in den Wagen herein und fragte, ob wir der Bahnwärterfrau helfen wollten. Und viele gaben etwas, ich aber gab nichts.«

»Hattest du denn Geld?« fragt Aline.

»Ja, ich hatte zwei Zwölfschillingstücke, aber dafür hatte ich unterwegs in Karlstadt gebrannte Mandeln und Haselnüsse kaufen wollen, damit ich für Anna und Gerda etwas zum Mitbringen hätte. Und es ging auch alles so schnell. Der Schaffner hatte es sehr eilig, und er sah nicht ein einziges Mal nach meiner Seite hin. Und ich brachte es nicht über mich, ihm mein Geld zu geben.«

»Aber jetzt willst du es doch hinschicken?«

»Ja, wenn man mir nur dazu helfen will. In Karlstadt hab' ich dann keine gebrannten Mandeln gekauft, und so hab' ich das Geld noch. Ich schämte mich, während ich da im Zuge saß, mir war, als sähen mich alle, die in dem Abteil saßen, an und fragten, warum ich nichts gegeben hätte. Und ich hab' mich auch hier daheim noch jeden Tag darüber geschämt. Nun möchte ich eben der Bahnwärterfrau so schrecklich gern dieses Geld schicken.«

Aline sieht mich mit ihren großen grauen Augen an.

»Warum hast du nicht mit deiner Mutter darüber geredet?« fragt sie.

»Ich wollte keinem Menschen etwas davon sagen, aber nun hab' ich gehört, was du vorhin über das Gewissen gesagt hast.«

»Ach so,« erwidert Aline. »Ja, dann werde ich dir wohl helfen müssen.«

Und ich hole meine zwei Zwölfschillingstücke und gebe sie ihr.

Aber von da an sind Aline und ich gute Freunde. Ich bespreche alles mit ihr, was ich sonst keinem Menschen sage. Ja, ich erzähle ihr sogar, daß ich einmal, als ich erst sieben Jahr alt war, ein sehr schönes Buch gelesen habe, das »Oceala« hieß, und daß ich damals beschlossen hätte, wenn ich erst groß sei, wollte ich nichts anderes mehr tun, als Romane schreiben.

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