Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Selma Lagerlöf >

Aus meinen Kindertagen

Selma Lagerlöf: Aus meinen Kindertagen - Kapitel 19
Quellenangabe
authorSelma Lagerlöf
titleAus meinen Kindertagen
publisherAlbert Langen
year1931
printrun1. bis 10. Tausend
translatorPauline Klaiber-Gottschau
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20190424
projectid278d7116
Schließen

Navigation:

Onkel Schenson

Onkel Schenson ist mit Johanna Wallroth, der Schwester von meiner Mutter und Tante Georgina und Tante Julia, verheiratet gewesen, aber sie ist schon sehr lange tot, wir Kinder können uns kaum noch an sie erinnern.

Doch wenn auch Mutters Schwester, Tante Johanna, tot ist, so kommt doch Onkel Schenson jeden Sommer hierher nach Mårbacka ganz in derselben Weise wie unser Onkel Wachenfeldt, der mit Tante Anna verheiratet war und uns immer an Weinachten und Ostern besucht.

Onkel Schenson ist Schullehrer in Karlstadt, und am Tag, nachdem die Schule im Frühjahr geschlossen ist, kommt er zu uns, und im Herbst, am Tag vor dem Wiederbeginn der Schule, reist er wieder weg. Er bleibt also den ganzen Sommer da.

Wenn Onkel Schenson angereist kommt, bringt er immer eine große Tüte Haselnüsse mit, und darüber sind wir Kinder sehr erfreut; aber Tante Lovisa wird recht böse, wenn sie die Haselnüsse in der Tüte rasseln hört, denn sie hat so schlechte Zähne, daß sie sie nicht kauen kann.

»Dieser Schenson ist doch zu sonderbar,« sagt sie. »Da hat er nun die Konditorei von Yhnels, die beste, die es überhaupt gibt, und dann kommt er mit solchem Schund daher, den kein Mensch essen kann.«

Aber das ist auch das einzige, was Tante Lovisa an Onkel Schenson auszusetzen hat.

Onkel Schenson selbst ist kein beschwerlicher Gast, und er ist auch ganz überzeugt, daß er niemand zur Last fällt. Und das ist wahr, er begnügt sich mit denselben Gerichten, die wir sonst auch essen; aber natürlich gibt es, seit er da ist, vor dem Essen appetitreizende Brötchen und Schnaps sowie mehrmals in der Woche einen Nachtisch. Auch kann man ihm nicht nur Roggenzwieback zum Nachmittagskaffee anbieten, sondern es muß allerlei kleines Gebäck sein. Und wenn wir nicht jeden Abend Kognak und kaltes Wasser aufstellen, damit er sich einen Grog mischen kann, würde er glauben, wir seien seiner überdrüssig und wollten ihm ein Zeichen geben, daß er abreisen solle.

Onkel Schenson schätzt diese Sommermonate auf Mårbacka im höchsten Grad, und so will er sich vom ersten bis zum letzten Tag auch nützlich machen. Sobald er gefrühstückt hat, geht er mit Vater durch die Ställe und die Wirtschaftsgebäude und hinaus zu den Leuten, die auf den Feldern arbeiten. Er nennt das »die Runde« machen. Und wenn er auf diese Weise Vater bei der Landwirtschaft geholfen hat, gewahrt er wohl Tante Lovisa, die auf der Veranda sitzt und Beeren putzt oder Erbsen auspalt. Dann tritt er rasch heran und bittet sie, ihr helfen zu dürfen. Und er kann nichts dafür, wenn Tante Lovisa sagt, diese Arbeit mache sie am liebsten allein, aber es würde allerdings viel schneller gehen, wenn er sich eine Weile zu ihr setzen und etwas von den großen Gesellschaften im letzten Winter beim Bischof oder dem Landeshauptmann erzählen wollte. Wenn dann Onkel Schenson Tantes Arbeit auf diese Weise eine gute Weile gefördert hat, geht er seiner Wege. Er sieht sich nach Daniel und Johan um und nimmt sie zum Baden mit nach dem Gårdsee. Der ganze Weg dorthin ist sehr uneben und steinig und sumpfig, und es ist nicht gewiß, ob die Jungen sich die Mühe machen würden, dahin zu gehen, wenn nicht Onkel Schenson sie mitnähme. Wenn er dann gegen ein Uhr vom Bad zurückkommt, ist er sich bewußt, sein Mittagessen wohl verdient zu haben.

Nach dem Mittagessen begleitet Onkel Schenson Vater ins Schreibzimmer und macht da sein Mittagschläfchen. Danach trinkt er Kaffee, und dann liest er Mutter und Tante Lovisa und denen, die noch zuhören wollen, vor. Onkel Schenson ist groß und dick und aufgedunsen; er liest langsam und räuspert sich oft, und ich glaube, das Vorlesen ist eine rechte Anstrengung für ihn, aber er will uns eben nicht nur zur Last sein, sondern auch von Nutzen.

Nach dem Vorlesen trinkt Onkel seinen Grog, und dann pflegt er mit Anna und Gerda und mir und andern jungen Mädchen, die gerade bei uns auf Besuch sind, spazieren zu gehen. Aber Onkel Schenson geht nicht nur deshalb mit uns spazieren, weil ihm das Vergnügen macht, sondern weil er sich nützlich machen will und achtgeben, daß keine wilden Stiere und Kühe, die auf der Weide sind, auf uns losgehen. Wir wissen wohl, wie große Angst Onkel Schenson vor allem, was Stier oder Kuh heißt, hat, deshalb verstehen wir recht gut, wie lieb es von ihm ist, wenn er uns begleitet.

Und an Sonntagen, wo wir nicht in die Kirche fahren, könnten ja Onkel Schenson und wir andern es für recht vergnüglich halten, draußen auf dem Rasen zu liegen und ein hübsches Buch zu lesen. Aber nein, da liest er uns eine Predigt vor. Ich glaube gewiß, daß das ein Opfer für ihn ist, aber er meint wohl, er müsse dafür sorgen, daß wir uns ein wenig der Gottseligkeit befleißigen.

Wenn Onkel Schenson nicht überzeugt wäre, daß er uns nicht zur Last fällt, sondern sich vom ersten bis zum letzten Tag nützlich macht, dann würde er nie nach Mårbacka kommen, denn Onkel Schenson ist außerordentlich gewissenhaft und zartfühlend.

Wenn Onkel Schenson bei uns ist, müssen wir immer sehr acht darauf geben, was wir über andere sagen. Wir wagen es kaum, von einem Menschen zu sagen, er sei häßlich oder geizig oder lügenhaft, denn da wird Onkel Schenson dieses Menschen wegen ganz empört.

»So darf man nicht über seinen Nächsten reden,« sagt er und hebt mahnend den Zeigefinger.

Wir sagen immer, Onkel Schenson hätte Pfarrer werden und die Menschen im Gutsein unterrichten sollen, und wir können nicht verstehen, warum er nur in Algebra und Euklides Unterricht gibt.

Wenn Onkel Schenson ausfährt und man einen Hügel hinauf muß, steigt er immer aus, um die Pferde zu schonen. Manchmal bleiben Vater und der Knecht und alle andern im Gefährt sitzen, aber Onkel Schenson nie.

Und wenn Onkel Schenson auf einer Gesellschaft ist, schaut er sich immer um, ob nicht eine alte, arme Mamsell oder Witwe da ist, um die sich niemand kümmert, und dann setzt er sich neben sie. Und er weiß immer, wovon er mit solchen alten, armen Menschen reden kann.

Und Onkel Schenson ist groß und schwer und macht sich bestimmt nichts aus dem Tanzen, aber wenn er bei einer Tanzgesellschaft jemand entdeckt, den niemand auffordert, dann ist er sofort zur Stelle. Und dann tanzt er in vorsichtigem, langsamem Walzerschritt ein paarmal rund herum. Und die Leute lächeln zwar ein wenig, aber sie finden es doch schön von ihm.

Onkel Schenson besitzt in Karlstadt ein kleines, hübsches, am Flusse gelegenes Haus, worin niemand weiter wohnt, als er und seine Familie. Wir steigen immer dort ab, wenn wir in Karlstadt etwas zu besorgen haben, und bei unserer Ankunft ist Onkel immer auf dem Bahnhof, uns zu empfangen, und wenn wir abreisen, begleitet uns Onkel auch jedesmal und kauft unsere Fahrkarten. Und dann gibt er uns zum Abschied noch ein halbes Pfund Zuckersachen mit auf den Weg; das vergißt er nie.

Ich erinnere mich auch an jenes Mal, wo ich mit Mutter zum Schulexamen fuhr. Wir hatten wie gewöhnlich bei Onkel Schenson gewohnt und es ganz herrlich dort gehabt, denn Onkel Schensons Heim in Karlstadt ist besonders hübsch und behaglich. Und da sah ich so recht, wie gut Onkel Schenson ist, denn seine alte Mutter wohnte noch bei ihm, und sie war schon so alt, daß sie nicht mehr aufstehen konnte, sondern immer zu Bett liegen mußte. Außerdem hatte Onkel Schenson auch noch eine Schwester bei sich, Tante Mathilda Schenson, die ihm den Haushalt führte, sowie auch zwei arme Basen, die als Hausgehilfinnen mitarbeiteten. Und Tante Mathilda mit den Hausgehilfinnen waren gewiß überaus fleißig, und so war es vielleicht nicht nur Güte von seiner Seite, als er sie bei sich aufnahm; aber er hatte auch noch eine andere Verwandte ...

Onkel Schenson hat drei Kinder, Ernst und Claes und Alma, und diese wohnten im oberen Stockwerk des kleinen Hauses. Und einmal, als ich eben die Treppe hinaufstieg, um in Almas Zimmer zu gehen, erblickte ich plötzlich ein Gesicht, das über das Treppengeländer weg auf mich heruntersah. Und es war niemand, den ich kannte, niemand, der meines Wissens im Hause wohnte, und so war ich sehr bestürzt. Und dann sah ich, wie die Gestalt da droben eine geballte Faust drohend gegen mich aufhob, und die Augen in diesem fremden Gesicht glühten ganz wild, mir war, als sprühten sie Feuer. Und im nächsten Augenblick sah ich eine kleine Gestalt einem Schatten gleich in der Dunkelheit des Bodenraums verschwinden.

Ich war nicht ganz sicher, ob ich nicht ein Gespenst gesehen hätte, und von Gespenstern soll man in dem Augenblick, wo man sie sieht, nicht sprechen, und so sagte ich Mutter erst etwas davon, als wir auf dem Heimweg waren. Und da sagte Mutter, die Gestalt, die ich gesehen hätte, sei eine Schwester von Onkel Schenson, und sie sei nicht recht klug.

»Sie ist nicht gefährlich,« sagte Mutter, »aber sie ist menschenscheu.«

Und ich dachte, wie gut doch Onkel Schenson sei, daß er so eine arme, unglückliche Schwester, die nicht klug ist, in seinem Hause wohnen läßt.

Und bisweilen einmal erzählt Mutter von ihrer Schwester Johanna, die mit Onkel Schenson verheiratet war. Mutter sagt, sie sei zwar schön, aber nicht wie andere Mädchen gewesen. Die Großmutter habe ihretwegen sehr viel Kummer gehabt. Nichts sei ihr lieber gewesen, als mit Pferden umzugehen und auszufahren. Und als Kind habe sie einen Ziegenbock gehabt, mit dem sei sie durch ganz Filipstadt kutschiert.

Und Tante Johanna war schon als kleines Mädchen gar nicht schüchtern oder ängstlich, im Gegenteil, sie unterhielt sich mit den Bauern, die auf dem Markt verkauften. Bisweilen durfte sie mit ihnen bis weit vor die Stadt hinausfahren, und Großvater mußte dann Leute ausschicken, sie zu suchen. Und mit allen den wilden Gesellen von den Wagen voll Eisenerz, die ihre Unterkunft auf Großvaters Gutshof in Filipstadt zu haben pflegten, befreundete sie sich. Aber Großmutter konnte doch keine Freude daran haben, wenn sie ihre Tochter auf einem Fuhrschlitten in Gesellschaft eines Haufens von halbbetrunkenen Männern sitzen sah, wo sie sich an dem Schwarzbrot und Speck aus deren Brotbeutel gütlich tat.

Es war fast unmöglich, Tante Johanna an eine einfache weibliche Arbeit zu gewöhnen, aber um so gewandter war sie, wenn sie in Großvaters Kaufladen helfen durfte. »Wenn sie doch nur ein Junge gewesen wäre!« sagt Mutter, »damit sie im Laden stehen und Sirup und Heringe hätte verkaufen können, dann wäre sie gewiß reich und glücklich geworden. Aber so machte sie uns allen nur Kummer.«

Großvater und Großmutter hatten einen Versuch gemacht, sie in ein Erziehungsheim nach Södertälje zu schicken, aber das war ganz und gar mißlungen. Sie hatte dort ein Bild verfertigt, das eine Schweizerlandschaft vorstellte und nur aus Steinchen und Moos und Spiegelstückchen gemacht war. »Das Bild war in der Tat sehr schön,« seufzte Mutter, »und es hängt heute noch drinnen bei Schensons; aber sonst hatte sie auch gar nichts gelernt. Als das Bild fertig war, ging Tante Johanna auf und davon, und keine Macht der Welt konnte sie dazu bringen, wieder nach Södertälje zurückzukehren. Denn Tante Johanna behauptete, so ein Erziehungsheim sei ein Ort, wo man nichts weiter lerne als Lügen und Betrügen, und mit so etwas wollte sie sich nicht befassen.«

Und als wir hören, daß Tante Johanna so selbstbewußt und eigenwillig war, fragen wir unwillkürlich, wie es käme, daß sie Onkel Schenson geheiratet hätte, einen so vorsichtigen und abgemessenen Mann, der Angst vor Pferden hat und sich wohl überlegt, was er über andere Menschen aussagt. Wir haben Mutter oftmals gefragt, wie die Heirat zwischen diesen beiden zustande gekommen sei, aber darüber redet Mutter nicht mit uns.

Wir wissen zwar nichts Gewisses, aber wir können eben unmöglich glauben, daß Onkel Schenson in seinem Ehestand mit Tante Johanna glücklich war; denn sie waren doch von Grund aus verschieden. Und eines wissen wir ganz gewiß, nämlich, daß Tante Johanna auch, nachdem sie verheiratet war, so sehr gern kutschierte und sich mit Pferden abgab.

Onkel Kalle auf Gårdsjö hat ein Pferd, das der »Springer« heißt, und mit diesem fährt er aus, wenn er allein irgendwo hin muß; denn dieses Pferd läuft so furchtbar schnell und ist so wild, daß niemand mit ihm zu fahren wagt. Tante Johanna war gewiß die einzige, die außer Onkel Kalle mit dem »Springer« eine Fahrt wagte.

Und einmal war Onkel Kalle mit dem »Springer« nach Karlstadt gefahren, und da hatte Tante Johanna ihn gebeten, sie doch eine Fahrt mit dem »Springer« machen zu lassen. Und sie hatte Tante Nana Hammargren, die damals auch in Karlstadt wohnte, dazu eingeladen. Aber diese Fahrt vergißt Tante Nana in ihrem ganzen Leben nicht. Der »Springer« jagte nur so davon, die Hufe schienen den Boden nicht zu berühren, die Augen sprühten Feuer, und die Eissplitter, die das Pferd mit den Hufen aus dem Boden schlug, flogen einem wie scharfe Nadeln ins Gesicht. Tante Nana meinte die ganze Zeit, das Pferd sei durchgegangen, und sie glaubte, sie werde nun und nimmer lebend zurückkommen; aber Tante Johanna fuhr mit schlaffen Zügeln – denn den »Springer« zurückhalten zu wollen, war unmöglich, dann schlug er über die Stränge – und war hochbefriedigt. »Ist es nicht prächtig, Nana?« rief sie. »Der ›Springer‹ ist meine Wonne! Hast du je so ein Pferd gesehen?«

Aber ob Onkel Schenson und Tante Johanna, auch nachdem sie verheiratet waren, einander lieb hatten und glücklich waren, das werden wir nie erfahren.

Dagegen überlegen wir Kinder gerade in diesem Jahre miteinander, ob denn nicht vielleicht Onkel Schenson und Tante Lovisa einander heiraten könnten. Wir meinen, es sähe doch schon seit mehreren Jahren so aus, als hätte er solche Gedanken in Beziehung auf sie, und jetzt ist seine alte Mutter tot, und eine seiner Basen will nach Amerika, deshalb denkt er vielleicht, er habe nun etwas mehr Platz in seinem Hause und könne es sich eher leisten, sich zu verheiraten.

Wir sind auch durchaus nicht sicher, ob nicht Tante Lovisa selbst in dieser Hinsicht ähnliche Gedanken hegt. Wenigstens gibt sie sich mehr als je vorher Mühe, gute Gerichte für ihn zu kochen. Onkel Schenson und Tante Lovisa würden furchtbar gut für einander passen. Alle beide sind Menschen, die es lebhaft und fröhlich um sich haben wollen, aber selbst still dabei sitzen mögen. Und bedenkt doch, wie viel große Gesellschaften Tante Lovisa dann zu halten hätte! Sie würde den Bischof und den Landeshauptmann einladen dürfen. Und wie viele große Gesellschaften dürfte sie selbst mitmachen! Dann hätte sie nie mehr Zeit, an irgend etwas Unangenehmes zu denken.

Und bedenkt doch, wie angenehm es für sie wäre, gnädige Frau genannt und mit den älteren Damen zugleich bedient zu werden, anstatt wie jetzt warten zu müssen, bis auch die jüngeren Frauen sich versehen haben.

Und bedenkt doch, wie aufmerksam und liebenswürdig Onkel Schenson gegen sie wäre! Und wie langsam sie fahren würden, wenn sie einmal einen Ausflug machten; welche gesetzten, alten und verständigen Pferde sie sich unterwegs in den Gasthäusern auswählen würden!

Tante Lovisa hätte allerdings wohl am liebsten einen Pfarrer gehabt, aber Onkel Schenson ist ja fast wie ein Pfarrer. Er ist glattrasiert, und er geht jeden Sonntag in die Kirche, und alle Pfarrer in der Diözese kehren bei ihm ein, wenn sie in Karlstadt sind.

Wir können uns wirklich keine Menschen denken, die besser füreinander paßten, als Onkel Schenson und Tante Lovisa, und Vater und Mutter sind unserer Meinung nach derselben Ansicht. Oh, wir sind schrecklich neugierig, wie es gehen wird!

Seht, Alma Schenson ist den ganzen Sommer über auf Gårdsjö, aber jetzt ist sie auf ein paar Tage zu uns gekommen, weil sie sich so gesehnt hatte, mit ihrem Vater zusammen zu sein. Alma ist nur ein kleines Mädchen, erst elf Jahr alt, aber sie ist so sehr nett und ist gewohnt, sich mit Jungen herumzustreiten, denn sie hat ja selbst zwei Brüder, und außerdem hat Onkel Schenson eine ganze Menge Schüler bei sich in Kost. Und es ist ganz merkwürdig, wie gern alle die Jungen sie haben, so klein sie auch ist. Sie lassen sie nie in Frieden. Manchmal sind sie so unartig gegen sie, daß sie in Tränen ausbricht, aber sie gefällt allen doch außerordentlich gut, das glaub' ich gewiß.

Aber Alma macht sich gar nichts aus den Jungen, ihre ganze Liebe gehört ihrem Vater. Wahrscheinlich, weil ihre Mutter tot ist, hängt sie so sehr an ihm. Sie kennt nichts Höheres, als auf seinem Schoß zu sitzen und seine Hand zu streicheln. Onkel Schenson braucht gar nichts mit ihr zu sprechen, sie ist schon zufrieden, wenn sie in seiner Nähe sein darf.

Wir haben ja unsern Vater auch lieb und halten ihn für den besten Vater der ganzen Welt, aber es ist eben doch in anderer Art.

Es ist, als müßte Alma sterben, wenn ihr Vater sie nicht lieb hätte.

Und wenn Alma glaubt, es sei jemand da, den ihr Vater lieber hätte als sie, dann wird sie ganz verzweifelt, und dann haßt sie diesen Menschen so, daß sie ihn ermorden könnte.

Und ich glaube nicht, daß Alma eine Stiefmutter haben möchte, zwar nicht, weil sie Angst hätte, diese Stiefmutter würde böse gegen sie sein, sondern aus Angst, Onkel Schenson könnte die Stiefmutter lieber haben als seine Tochter.

Wir sprechen mit Alma über alles; aber davon, daß Onkel Schenson und Tante Lovisa sich heiraten sollten, haben wir nichts zu ihr gesagt. Wir hielten es für besser, wenn Onkel selbst mit ihr darüber redete.

Aber einmal ist das Kindermädchen Maja im Kinderzimmer und hilft Alma beim Kämmen, denn wir erwarten Besuch, und da fragt Maja Alma, was sie dazu sagen würde, wenn sie eine Stiefmutter bekäme.

Und Alma fährt von ihrem Stuhl auf, reißt Maja ihr Haar aus den Händen und pflanzt sich gerade vor ihr auf.

»Was redet sie denn da, Maja?« sagt sie, und sie spricht es mit sehr harter, rauher Stimme, die gar nicht wie sonst klingt.

Es ist, als bekomme Maja Angst, und sie erwidert: »Ja, dann ist vielleicht nichts dran, sondern es ist nur etwas, was die Leute sich einbilden.«

Aber Alma unterwirft sie einem strengen Verhör.

»Denkt sie an Tante Lovisa?« fragt sie.

»Eine bessere Stiefmutter könntest du ja gar nicht bekommen,« antwortet Maja, um Alma wieder zu versöhnen.

Aber Alma zu versöhnen, wenn es sich um eine Stiefmutter handelt, ist eine Unmöglichkeit.

Sie ergreift ein auf dem Tische liegendes Radiermesser; es ist nur ein kleines, unschädliches Ding, aber Alma schwingt es wie ein Beil vor Majas Gesicht hin und her.

»Mein Vater kann Tante Lovisa heiraten, oder wen er sonst will!« ruft sie, »aber er weiß, wie es geht, wenn er es tut.«

Alma hat sehr schöne blaue Augen mit langen schwarzen Wimpern, die geradezu bezaubernd sind, das sagen alle Menschen. Aber in diesem Augenblick, als sie mit dem auf Majas Gesicht gezückten Messer dasteht, geschieht etwas Merkwürdiges. In Almas Augen erscheint derselbe Ausdruck, den ich damals in Karlstadt, als ich dort die Treppe hinaufging, in den Augen der verrückten Tante gesehen hatte.

»Du wirst doch nicht jemand erstechen wollen?« sagt Maja.

»Nei–n, das werde ich nicht,« erwidert Alma, »aber ich gehe in den Klarelf. Und das weiß Vater.«

Und obgleich Alma nur ein kleines Mädel ist, so wissen wir doch, daß es ihr ernst ist. Nein, Onkel Schenson darf sich nicht wieder verheiraten, das begreifen wir jetzt. Sonst wird sein liebes kleines Mädchen verrückt wie seine Schwester.

Und er tut es auch nicht. Seit Alma wieder nach Gårdsjö abreiste, ist er etwas weniger auffallend artig gegen Tante Lovisa, und sie kocht nicht mehr so viele gute Nachtische.

Sonst ist alles wie vorher, wenigstens so weit wir Kinder es beurteilen können.

 << Kapitel 18  Kapitel 20 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.