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Aus meinen Kindertagen

Selma Lagerlöf: Aus meinen Kindertagen - Kapitel 12
Quellenangabe
authorSelma Lagerlöf
titleAus meinen Kindertagen
publisherAlbert Langen
year1931
printrun1. bis 10. Tausend
translatorPauline Klaiber-Gottschau
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20190424
projectid278d7116
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Der Kirchenbesuch

Wir freuen uns immer, wenn wir mit in die Kirche fahren dürfen.

Es geht einen steilen Hügel hinauf, ehe wir den ebenen Platz vor der Kirche erreichen; aber der Knecht knallt mit der Peitsche, und so gelangen wir in vollem Trab hinauf. Auf der niederen Mauer, die rings um die Kirche läuft, sitzt immer eine Schar von Leuten, die auf den Beginn des Gottesdienstes warten. Wenn sie die Herrschaft von Mårbacka anfahren sehen, stehen sie alle miteinander auf, knicksen und verbeugen sich, und das finden wir alle sehr schön. Auf dem Kirchplatz, ja, auf dem Wege selbst, stehen viele Leute, und sie treten eiligst auf die Seite, wenn wir dahergefahren kommen. Und Mutter ermahnt den Kutscher, doch ja recht vorsichtig zu fahren; Vater aber hat beständig den Hut in der Hand und grüßt nach allen Seiten, und er lacht nur, denn er weiß wohl, daß Jansson niemand überfährt.

Wir halten vor dem Gemeindehaus, wo ein kleines Zimmer bereit steht; wer will, kann da hineingehen und sich das Haar glatt streichen und seine Kleider nach der Fahrt ausschütteln. Außer den Herrschaften findet sich indes fast nie jemand da ein. Wir aber treffen da meist Tante Augusta Wallroth mit Hilda und Emilia und Frau Nilsson von Visteberg mit Emilie und Ingrid. Und in dieser Stube des Gemeindehauses sind wir höchst vergnügt und plaudern von allem Möglichen. Wenn wir aber wieder auf den Kirchplatz hinaustreten, werden wir ganz still und feierlich, denn so ist es Brauch in Ost-Ämtervik.

Wenn Mutter zur Kirche fährt, nimmt sie immer einen großen Blumenstrauß mit, und nachdem sie im Gemeindehaus gewesen ist, geht sie auf den Kirchhof, und Anna und ich gehen natürlich auch mit, um die Blumen auf Großmutters Grab zu legen. Mutter sammelt die dürren Blätter zusammen, die auf den Rasen gefallen sind, und biegt die Zweige des Weißdornbuschs auf dem Grabe ein wenig zurecht; und zum Schluß spricht sie ein Gebet und legt den Strauß nieder.

Ich habe ein Schwesterchen gehabt, das gestorben ist; ich habe es nie gesehen, aber Vater und Mutter haben es sehr lieb gehabt. Es liegt neben der Großmutter begraben, und Mutter nimmt ein paar von den schönsten Blumen aus dem großen Strauß heraus und steckt sie für sich besonders in eine Ecke des Rasens.

Ich verstehe wohl, wem sie diese Blumen widmet, aber ich frage mich doch unwillkürlich, ob Mutter wirklich wünschen könnte, noch ein weiteres lebendes Mädchen zu besitzen. Sie hat doch wahrhaftig für Anna und Gerda und mich schon so viel zu stopfen und zu flicken und zu stricken, daß sie nicht noch mehr leisten könnte.

Vom Kirchhof gehen wir geradeswegs in die Kirche, und sobald Mutter eine ihr bekannte Bauersfrau sieht, wie Katrina von Wästmyr oder Mutter Britta von Gata, oder Mutter Katrina, die Tochter von Jon Larssa in Äs, oder Mutter Maja von Prästbol oder Mutter Kerstin Där-Ner in Mårbacka, bleibt sie stehen und spricht ein paar Worte mit ihnen. Mutter ist ja zu Begräbnissen und Hochzeiten bei ihnen gewesen; sie weiß, wie es bei ihnen steht, deshalb weiß sie auch jedem einzelnen von ihnen etwas zu sagen.

Wenn wir dann in die Kirche hineingehen, setzen wir uns natürlich in die ersten Bänke der Empore, denn da sitzen die Herrschaften. Wir sitzen immer auf der linken Seite der Empore. Auf der rechten dürfen wir nicht sitzen, das geht durchaus nicht, denn das ist die Männerseite. Wenn die Frauenseite auch ganz dicht besetzt und drüben bei den Männern noch viel Platz wäre, so dürfte man doch nicht da hinübergehen. Eher muß man während des ganzen Gottesdienstes stehen.

Wenn wir auf der Bank sitzen, beugen wir den Kopf vor und sprechen ein Gebet, und danach schauen wir uns um. Wir sehen nach, ob der Kantor Melanoz vor der Orgel sitzt, und ob Herr Alfred Schullström, dem das Ladengeschäft in Älvik gehört, wie gewöhnlich neben ihm sitzt, ob die Kirchengemeinderäte ihre Plätze auf der kleinen Bank im Chor eingenommen haben, und ob Frau Lindegren auf Halla im Pfarrstuhl gleich unter der Kanzel sitzt. Wir sehen auch nach, ob Jan Asker, der Mesner, unter der Sakristeitür steht und achtgibt, ob die Kirchenbesucher alle hereingekommen sind, damit der Gottesdienst beginnen kann. Desgleichen sehen wir nach, ob die Nummern der Lieder an den schwarzen Schiefertafeln aufgesteckt sind und ob der Rockschoß des Bälgetreters hinter der Orgel hervorschaut, damit wir wissen, ob er auf seinem Platz ist. Und wenn wir auf diese Weise gesehen haben, daß alles in Ordnung ist, haben wir während des ganzen Gottesdienstes eigentlich nichts mehr zu tun.

Seht, es ist natürlich sehr vornehm, wenn man auf der vordersten Bank der Empore sitzt; aber dieser Platz hat den Fehler, daß man nichts von dem versteht, was der Pastor drunten in der Kirche sagt. Doch, natürlich, die ersten Worte der Liturgie bis zum Sündenbekenntnis versteht man, aber dann ist es, als würde alles von den Wänden und der Decke verschluckt. Man hört wohl, daß gesprochen wird, aber man kann die einzelnen Worte nicht unterscheiden. Wenigstens können wir Kinder es nicht.

Wenn die Orgel erklingt, so hören wir das allerdings, aber auch das ist nicht lauter Freude, denn in der Kirche von Ost-Ämtervik wagt kein Mensch zu singen. Wir sitzen mit den Gesangbüchern in der Hand da und lesen das Lied nach, aber keines von uns wagt einen Ton laut werden zu lassen. Einmal, als ich noch klein war, verstand ich noch nicht, wie man sich zu benehmen hatte, sondern ich sang einen ganzen Vers so laut, als ich nur konnte, mit; denn ich singe sehr gern, und daheim singe ich den ganzen Tag. Als man aber an den zweiten Vers kam, beugte sich Anna zu mir her und sagte, ich müsse aufhören.

»Siehst du denn nicht, wie Emilie Nilsson dich anstarrt, weil du singst?« sagte sie.

Der einzige, der in der Kirche singt, ist Jan von Skrolycka, der nicht recht gescheit ist.

Und ich frage mich bisweilen, ob der Kantor Melanoz nicht auf die Kirchgänger böse ist, weil sie ihn ein Lied ums andere spielen lassen, ohne mitzusingen, denn plötzlich macht er etwas an der Orgel, und dann braust und dröhnt und heult sie so stark, daß wir glauben, das Kirchendach werde gleich auf uns herabstürzen. Das würde dem Kantor Melanoz ganz gleich sehen, denn er ist sehr lustig und voller Schelmenstreiche.

Aber daß ich die Predigt nicht verstehen kann, das tut mir wirklich leid, denn Pastor Lindegren wohnt auf Halla dicht bei Mårbacka, und wir sind sehr befreundet mit ihm. Er ist immer nett mit uns Kindern, und er ist auch so sehr schön. Zwar schön ist er jederzeit, aber doch nie so schön, als wenn er auf der Kanzel steht und predigt. Er redet sehr eifrig und wedelt mit seinem großen Taschentuch, das er in der Hand hält, und je länger er predigt, desto schöner wird er. Und beinahe bei jeder Predigt, die er hält, wird er so gerührt, daß er weint. Und dann frage ich mich, ob er weint, weil wir uns nicht bessern und bekehren, er mag sagen, was er will. Aber für uns wenigstens, die wir auf der ersten Bank der Empore sitzen, ist es nicht so leicht, uns nach ihm zu richten, denn wir verstehen ja kein Wort von dem, was er sagt.

Die Großen, die sind es ja gewohnt, daß sie sich langweilen, denen macht es wohl nichts aus; aber uns Kindern fällt es sehr schwer, die Zeit herumzubringen. Emilie Wallroth hat mir gesagt, sie zähle die Nagelköpfe an der Kirchendecke, und Ingrid Nilsson sagt, sie beobachte, wie oft die Bauern drunten in der Kirche einander eine Prise anböten. Emilie Nilsson addiert die Nummern auf den Nummertafeln und subtrahiert, multipliziert und dividiert sie. Sie sagt, solange sie das tue, habe sie wenigstens keine sündigen Gedanken im Kopf. Es wäre schlimmer, wenn sie Hilda Wallroths schönen Hut betrachtete und sich wünschte, auch so einen zu haben. Anna aber sagt, sie lerne Lieder auswendig, und dann denken wir alle, daß das noch besser ist als multiplizieren und subtrahieren.

Ich rechne weder, noch sehe ich nach, wer schnupft. Nein, ich male mir aus, wie es wäre, wenn der Blitz in den Kirchturm einschlüge und die ganze Kirche in Brand geriete. Dann würden alle Leute furchtbar Angst bekommen; sie würden hinausstürzen wollen und einander dabei fast zu Tode treten. Ich aber würde da auf der Bank der Empore meine Stimme erheben und sie ermahnen, doch ruhig zu sein. Und dann würde ich sie in eine lange Reihe stellen, ganz wie es in der Fritjofsage heißt: »Jetzt vom Tempel zum nahen Strand dehnt sich eine Kette von Händen.« Und durch meine Besonnenheit würde der Brand gelöscht, und man würde in der Wärmlandszeitung über mich schreiben.

Sobald der Gottesdienst zu Ende ist, machen Mutter und Anna und ich den alten Mamsellen Myrin einen Besuch.

Sie wohnen im Dachstock des Schulhauses, das dicht neben der Kirche ist, und Anna und ich sagen, wir würden es niemals wagen, so nahe beim Kirchhof zu wohnen. Wir würden nur mitten am Tage ausgehen, aber niemals, wenn es schon dunkel ist, denn da könnten die Gespenster vom Kirchhof kommen und uns mitnehmen.

Die Mamsellen Myrin haben einstmals auf Herrestad gewohnt, aber das war lange vor unserer Zeit. Ich glaube, sie sind jetzt recht arm; aber niemand läßt sie das merken, sondern man spricht mit ihnen genau, wie wenn ihnen Herrestad auch heute noch gehörte.

Die Treppe, die zu dem Zimmer der Mamsellen Myrin hinaufführt, ist am Sonntag immer frisch gescheuert und mit Wacholderreis bestreut, denn die Mamsellen Myrin warten immer auf den Besuch der Herrschaften, die in der Kirche gewesen sind. Mutter hat gewöhnlich eine Flasche Rahm oder ein Pfund Butter für sie in ihrem Beutel, und diese stellt sie in die Küche, wenn sie an der Küchentür vorübergeht. Und auf der Treppe begegnen wir fast immer Bauersfrauen, die alle etwas unter dem Arm tragen, das sie ganz verstohlen in die Küche legen.

Die Mamsellen Myrin wohnen in einem schönen, gemütlichen Zimmer, und beide sitzen stets sehr fein und sonntäglich gekleidet in ihren Korbstühlen und erwarten die Besuche, und sie wissen nicht das geringste von dem, was in ihre Küche gelegt wird. Alle beide haben große Mantillen an und schwarze Tüllhauben auf; aber Mamsell Marie Myrin ist groß und hat weiße Haare, und ihre Finger sind von Gicht gekrümmt, Mamsell Rora Myrin dagegen ist klein und dunkelhaarig und hat gesunde Hände, die man herzhaft drücken darf.

Und sobald Mutter zu den Mamsellen Myrin hineintritt, bewundert sie deren Vorhänge und Tischdecken, deren Sofaschoner und Bettüberwürfe. Die Mamsellen Myrin haben alles miteinander selbst verfertigt, und zwar alles mit Fischschuppenstich gestrickt. Und Mamsell Rora erzählt, wie viele Decken und Vorhänge bei ihnen bestellt sind. Und sie sagen, es sei ganz merkwürdig, wie sehr entzückt alle Leute in Ost-Ämtervik von dem Fischschuppenstich seien. Dann benützt Mutter die Gelegenheit und sagt, sie sei ebenfalls aus diesem Grunde gekommen. Sie hätte gern eine große runde Decke für den Tisch, der im Eßzimmer vor dem Sofa steht. Es ist ein Tisch aus Erlenholz, und Mutter sagt, die Platte sei sehr schön poliert, es wäre ihr sehr leid, wenn sie verkratzt würde, deshalb wäre es gut, wenn sie eine Decke darauf hätte. Aber vielleicht hätten die Mamsellen Myrin schon so viele Aufträge, daß sie jetzt gar keine Bestellung mehr annehmen könnten.

Mamsell Marie sieht etwas zweifelhaft aus, aber Mamsell Rora ist entschlossener; rasch zieht sie eine Schublade auf, die bis zum Rande mit solchen im Fischschuppenstich gestrickten Arbeiten voll ist. Mutter hat nur zu wählen, sie kann so viele Decken bekommen, wie sie will. Und Mutter ist sehr erfreut, weil sie nun nicht mit leeren Händen heimkehren muß. Sie kauft auch nicht nur eine Decke für den runden Tisch, sondern auch noch zwei Schutzdeckchen für die Schaukelstühle.

Als dies getan ist, will Mutter sich verabschieden; aber nun sagen die Mamsellen Myrin, da sie ein so großes Geschäft gemacht hätten, wollten sie uns nun auch mit einer Tasse Kaffee aufwarten. Mutter wehrt sich dagegen, aber es hilft alles nichts, sie muß notgedrungen dableiben.

Die Mamsellen Myrin haben einen Bruder, der ein reicher Hüttenbesitzer ist und auf dem Gut Bada in Lysvik wohnt. Der Gutsbesitzer Myrin hat drei Töchter, die ihre alten Tanten ab und zu besuchen, und da bringen sie immer eine große Menge Kaffeegebäck und Kuchen mit, damit die Tanten ihren Sonntagsgästen etwas vorzusetzen haben. Und diese Nichten sind überaus freigebig, die Mamsellen Myrin brauchen das ganze Jahr hindurch keine Kuchen zu backen.

Und wenn nun das Kaffeebrett hereinkommt, dann werden Anna und ich sehr vergnügt, denn mitten auf dem Brett steht eine große Schale mit Kaffeegebäck, und das sieht außerordentlich lecker aus. Aber Mutter spricht mit den Mamsellen sofort über ihre liebenswürdigen Nichten, und sie fragt, wann sie zuletzt bei ihren Tanten gewesen seien. Und dann erzählen die Mamsellen Myrin unserer Mutter, daß die Nichten seit dem vorigen Herbst nicht mehr da waren.

Mutter nimmt zu ihrem Kaffee nur zwei trockene Zwiebacke, und uns ermahnt sie, nicht gierig zu sein und nicht unsere ganze Untertasse ringsum mit kleinen Kuchen zu belegen. Die Mamsellen Myrin möchten doch gewiß auch selbst etwas von dem guten Gebäck genießen, das sie von ihren Nichten bekommen haben.

Und wenn Mutter das zu uns sagt, nehmen wir natürlich nur zwei von den allerkleinsten Plätzchen.

Wenn wir dann wieder heimkommen, sind wir doch äußerst befriedigt, daß wir mit in der Kirche waren. Obgleich wir keine Lieder gesungen und die Predigt nicht verstanden und bei den Mamsellen Myrin nur zwei ganz kleine Plätzchen gegessen haben, scheint es uns doch, daß Mutter recht hätte, wenn sie sagt, es sei gut, mehrere Stunden in Gottes Haus zu verbringen.

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