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Aus meinem Jugendland

Isolde Kurz: Aus meinem Jugendland - Kapitel 8
Quellenangabe
typeautobio
booktitleAus meinem Jugendland
authorIsolde Kurz
year1918
firstpub1918
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart/Berlin
titleAus meinem Jugendland
pages264
created20151108
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Ein Fluchtversuch

Als einziges Mädchen zwischen vier Brüdern hatte ich trotz dem Vorzug, den ich beim Vater genoß, einen schweren Stand, denn ich war so zwischen die wilde Schar hineingeschneit, daß ich weder auf das Ansehen einer ältesten noch auf die Begünstigung einer jüngsten Schwester Anspruch hatte. Edgar war wegen seiner ehemals zarten Gesundheit an viele Rücksichten gewöhnt worden und nahm jetzt durch das Recht der Erstgeburt und seine hervorragende geistige Begabung eine Sonderstellung ein, die er als ein Naturrecht behauptete. Aber der derbe, urgesunde Alfred erkannte sein Übergewicht nicht an, für ihn galt nur das Recht des Stärkeren, und das neigte sich auf seine Seite. Daher brandete um den gebietenden Erstgeborenen ein beständiger Aufruhr, von dem alle Geschwister mitzuleiden hatten, und es wiederholte sich im kleinen das Drama, das ein ganzes Volk erschüttert, wenn zwei gleich kraftvolle, aber ungleich geartete Stämme im Hochgefühl ihrer Sonderart um die Vormacht ringen. Meine Mutter konnte die gewaltsamen Geister nicht bändigen, und den Vater, der drei Viertel des Tages auf der Schloßbibliothek mit amtlichen und literarischen Arbeiten beschäftigt war, verschonte man, wenn er spät nach Hause kam, so viel wie möglich mit der Chronik des Bruderzwistes.

Ich habe das spätere Leben dieser beiden Brüder, ihr segensreiches ärztliches Wirken in Italien und ihr treues Zusammenstehen bis zu ihrem vorzeitigen Tode anderwärts erzählt,Florentinische Erinnerungen. und in meiner Hermann-Kurz-Biographie ist auch ihr frühes Knabenbildnis zusammenfassend gezeichnet, so daß 77 mir hier nur wenig nachzuholen bleibt. Wenn sie nun auf diesen Blättern manchmal weniger liebenswürdig erscheinen werden, als in den ihnen eigens gewidmeten Aufzeichnungen, so erklärt sich das von selbst aus ihrer damaligen Unreife und aus der Beleuchtung des häuslichen Alltags. Besonders Alfred, der kleine, trotzige »Butzel«, hatte eine harte Schale abzulegen, ehe seine frühere Wildheit sich als die unwiderstehliche Lebensfülle kundtat, die ihm später alle Herzen gewinnen sollte. Damals hielt er mit seinen Entwicklungskrämpfen das ganze Haus in Atem. Seine Rauheit stach dermaßen von Edgars vornehmem Anstand und des jüngeren Erwin zierlicher Geschmeidigkeit ab, daß Mama entsetzt klagte, in diesem Sohne seien alle Reutlinger Zinn- und Glockengießer wieder lebendig geworden. Aber mein Vater sagte lächelnd: Laßt ihr Aristokraten mir meine Vorfahren und deinen Butzel ungeschoren. Der wird noch der Beste von allen, wenn er einmal seine Hörner abgelaufen hat.

Gegen das weibliche Geschlecht hatte der Trotzkopf einen dämonischen Haß, den er schon als kleines Kind an den Dienstmädchen und den weiblichen Gästen des Hauses zu betätigen suchte. In der Schule wurde er in dieser Gesinnung noch bestärkt, denn die Mädchen standen da in tiefer Mißachtung, und wenn ein »Bub« mit einem »Mädle« ging, so sangen ihm die Kameraden seinen Namen in einem Spottvers nach:

N. N. möcht' ich gar nicht heißen,
N. N. ist ein wüster Name,
N. N. hat sich küssen lassen
Von den Mädeln auf der Gassen.

Wenn dem wilden Alfred ein solcher Schimpf zugestoßen wäre, er hätte sich vor beleidigtem Ehrgefühl zu Tode gekränkt. Ich war natürlich die nächste, die seinen von ihm selber unverstandenen dumpfen Groll zu spüren bekam. Trotz seiner unendlichen Gutherzigkeit hatte ich mich jahrelang vor 78 ihm zu hüten; es war ihm ein stetes Bedürfnis, mich irgendwie zu peinigen. Auf der Straße kannte er mich überhaupt nicht, denn er hielt es unter seiner Knabenwürde, eine Schwester zu besitzen. Nicht einmal mit seiner Mutter, die er doch leidenschaftlich liebte, ließ er sich gern öffentlich sehen, es schien ihm ein Makel, vom Weibe geboren zu sein. Dabei wußte ich wohl, daß er für jedes der Seinigen augenblicklich sein Leben gegeben hätte. An einem Wintertage jedoch – es war in meinem zehnten Jahre – geschah etwas Ungeheuerliches, das mich an ihm und an der ganzen Menschheit irremachte. Ich hatte mir einmal ein Herz gefaßt und war trotz meiner Furcht vor der bösen Straßenjugend am Vormittag, als eben die Schulen zu Ende gingen, allein das Mühlgäßchen hinaufgewandert, das damals, zwischen die hohe Stadtmauer und die brausende Ammer eingezwängt, bedeutend enger und steiler war als heute. Aber an der steilsten Steigung kam mir ein Trupp Schuljungen entgegen, die bei meinem Anblick ein Indianergeheul ausstießen und mich mit Schneeklumpen überschütteten, worein zum Teil sogar Steine geballt waren. Im Nu war mein neues braunes Kastormäntelchen über und über weiß bestäubt, und nirgends ein Entrinnen aus diesem langen, schlauchartigen Engpaß. Und nun erkannte ich mitten unter der Meute meinen Alfred, der tat, als hätte er mich nie gesehen und, statt mir zu Hilfe zu kommen, sich bückte, um mich gleichfalls mit Schneeballen zu bewerfen. So mag es Cäsar zumute gewesen sein, als er seinen Brutus unter den Mördern sah. In der höchsten Not kam ein breiter Bierwagen den engen Steilpaß herabgerasselt und drängte die bösen Buben gegen die Mauer, daß ich unterdessen Zeit zur Flucht gewann. Ich sprach kein Wort über den Vorfall, denn ich hatte allen Grund, häusliche Katastrophen zu vermeiden – es gab deren genug ohne mein Zutun –, aber es wollte mir fast das Herz abdrücken, daß eine solche Treulosigkeit möglich war. Nicht nur, daß ich mich auf der Straße von 79 lauter Feindseligkeit umgeben sah, deren Ursache mir dunkel blieb, nun gesellte sich auch noch der eigene Bruder, der mich hätte schützen sollen, zu meinen Widersachern! Es war einfach eine Tragödie. Hätte ich mich dem Vater anvertraut, so würde er mir mit seiner Einsicht und Milde den großen Schmerz ausgeredet und den Sünder mit einer Verwarnung entlassen haben. Aber ich verachtete die Angeber und ging lieber in stummer Verwerfung an dem Missetäter vorüber. Ich wußte nicht und erfuhr es erst in seinen Mannesjahren von ihm selbst, daß der arme Junge lange Zeit das Gefühl einer schweren Verschuldung herumtrug, deren er sich tödlich schämte und die er doch bei der nächsten Gelegenheit abermals auf sich geladen hätte. Für einen Bruder, so bekannte er mir, hätte er sich gleich in Stücke hauen lassen, auch wenn er im übrigen mit ihm in Fehde stand, aber sich zu einer Schwester bekennen, nachdem er stets ihr Dasein vor den Kameraden abgeleugnet hatte, das ging über seine Kraft. Und das böse Gewissen machte, daß er sich nur immer mehr im Trotz gegen mich versteifte.

Edgar, der Älteste, hatte keine Spur von Geschlechtshochmut, er war vielmehr stolz auf den Besitz der Schwester, und was andere Jungen etwa meinten und redeten, kümmerte ihn wenig. Aber er machte es mir auf seine Weise ebenso schwer. Er geriet in den schmerzlichsten Zorn, wenn ich anders wollte als er, und ohne sich davon Rechenschaft zu geben, suchte er mir in allem sein Urteil und seinen Geschmack aufzuzwingen. Wenn ich mich wehrte, war er tief unglücklich und empfand es als einen Verrat an dem gemeinsamen Kinderland, durch das wir Hand in Hand in inniger Eintracht gegangen waren. Wir litten dann beide und vermochten die Kluft nicht zu füllen. Es gab aber auch ganz dunkle Tage, wo sich alle gemeinsam gegen mich wandten und wo selbst unser kleiner Balde, der Nestling, sein Blondköpfchen zwischen den Gitterstäben des Bettchens vorstreckte, um mit lallender 80 Kinderstimme zu sagen: Ein Mädle, pfui! Ich tät' mich schämen, wenn ich ein Mädle wär'. Ging ich aus einer geschwisterlichen Auseinandersetzung zerzaust hervor, so wurde ich meist noch von der Mutter gescholten, die, rasch, wie sie war, nicht so genau zusah, auf welcher Seite sich das größere Unrecht befand. Sie pflegte dann nur zu sagen, daß ich als Mädchen durch Sanftmut die Gewalttätigkeit der Brüder entwaffnen müßte, wobei sie aber nicht mit der menschlichen Natur rechnete. Denn wenn ich mich nach diesem Rat einrichten wollte, war ich der wilden Schar erst recht ausgeliefert und kam in die Lage, mich mit doppeltem Nachdruck wehren zu müssen. Selig die Friedfertigen, aber nur, wenn alle Nachbarn ringsum die gleiche Gesinnung hegen.

Allmählich bildete sich in mir die Überzeugung aus, daß ich ein unglückliches Kind sei und daß ich am besten täte, auszuwandern. Der jüngere Erwin, wegen seiner lichten Haare und seiner sonnigen Gemütsart das Goldele genannt, befand sich im gleichen Falle, auch er hielt sich für ein unglückliches Kind, denn er hatte dem hochmögenden Ältesten unlängst auf mütterlichen Befehl ein empfangenes Gastgeschenk überlassen müssen, das er nicht verschmerzen konnte. Wir zwei Gekränkte besprachen uns miteinander und stellten fest, daß wir die Parias im Hause wären, weil wir als die ungefährlichsten (der Allerjüngste genoß das Vorrecht seines zarten Alters) bei jeder Streitfrage unrecht bekamen. Und wir beschlossen, das undankbare Elternhaus zu verlassen, um auswärts unser Heil zu suchen. Beide besaßen wir kleine Sparbüchsen, in die bald von den Eltern, bald von Verwandten und Freunden ein kleiner Spargroschen für unsere kindlichen Bedürfnisse gelegt wurde. Als ich zwölf ganze Gulden beisammen hatte und Erwin, der seine Kasse zuweilen angriff, sechs bis sieben, schien uns dieser Betrag ausreichend, um damit den Weg in die weite Welt zu nehmen, die schöne weite Welt, in die alle Märchen hinauswiesen und nach der ich schon damals ein 81 brennendes Verlangen trug. An einem Sonntagvormittag, tief im Winter, brachen wir auf. Ich zog dem siebenjährigen Bruder noch zuvor sorglich die Pelzfäustlinge über, dann wanderten wir zusammen über das nahe Bahngeleise in die wundervoll schimmernde Schneelandschaft hinaus. Es war ein köstlicher Tag, die kalte Sonnenluft schnitt mir in die Backen, daß sie brannten, ich fühlte mich wohlgeborgen in dem hübschen braunen Kastormantel, und der Schnee knarrte so angenehm unter meinen Stiefelchen. Ein Stück von Hause nahm ich in der Person des Bruders mit, also war auch gegen das Heimweh vorgesorgt. Mochten sie nun daheim zusehen, wie sie es aushielten ohne uns zwei Verkannte. Wir ließen das Waldhörnle, wo wir sonst mit den Eltern eingekehrt waren, links liegen und schritten flott gegen Sebastiansweiler los, das die Grenze des uns bekannten Erdteils war. Sebastiansweiler, der Name hatte mir's angetan, obschon oder weil ich sonst von dem Ort rein gar nichts wußte. So zog es mich ganz von selbst in dieser Richtung. Jenseits Sebastiansweiler begann dann erst die eigentliche weite Welt, das große Unerforschte. Wir waren schon am Bläsibad vorüber, da schrieb das Schicksal uns ein warnendes Menetekel an den Weg. Mitten im Schnee der Straße lag eine große schöne Elster vor meinen Füßen, die kraftlos die Flügel bewegte, erstarrt vor Kälte, wie mir schien. Ich hob sie auf und suchte sie unter dem Mantel zu erwärmen und ihr Lebenshauch einzublasen. Umsonst, sie wurde nur immer »maudriger«, also nahm ich an, daß sie verhungert sei. Die stumme Symbolik dieser Erscheinung ging mir zwar nicht auf, aber ich wußte, daß es nirgends auf der Welt Wärme und Atzung gab als am heimischen Herde, den wir verlassen hatten. Vergessen war mit einem Male alles, was uns kränkte, vergessen die Lockung der schönen weiten Welt jenseits Sebastiansweiler; wir dachten nur noch an die Rettung des gefiederten Schützlings. Vielleicht war aber uns beiden der 82 Anlaß, unser Abenteuer zu beenden, auch unbewußt willkommen, denn die Seele hat ihre Heimlichkeiten, von denen sie selbst nichts weiß. Wir machten in stummem Einverständnis Kehrt und liefen, was wir konnten, den weiten Weg zurück nach Hause. Es war noch immer Vormittag, als wir ankamen, und keine Seele hatte sich noch um unser Verschwinden Sorge gemacht. Aber sobald Edgar der unterdessen verendeten Elster ansichtig ward, die ich noch immer an die Brust gedrückt hielt in der Hoffnung, sie am Ofen wieder aufleben zu sehen, da nahm er mir den toten Vogel, um ihn ohne weiteres zu sezieren. Ich widersetzte mich, denn ich wollte die arme Elster, wenn sie nicht mehr zum Leben gebracht werden konnte, mit ihrem schillernden Gefieder ehrlich begraben. Sie wurde mir jedoch abgesprochen und dem Seziermesser überwiesen. Edgar war von klein auf gewöhnt, was in seine Hand kam, zu zerlegen und auf seine innere Beschaffenheit hin zu untersuchen, doch hatte sich dieser Hang bisher auf Erzeugnisse der Mechanik beschränkt, neuerdings regte sich aber der künftige Anatom in ihm, und er begann nun auch zu meinem unaussprechlichen Widerwillen tote Tiere zu zerschneiden. Die gute Fina beeilte sich mit einer Ergebenheit, die ich verwerflich fand, ihrem jungen Herrn und Gebieter ein ausgedientes Hackbrett und ein ebensolches Vorlegmesser zu bringen, und ich sah mit Entsetzen, wie das schöne Tier zersäbelt wurde und wie das Blut über die feinen harten Knabenfinger lief. Er holte Herz und Lunge und Leber heraus und betrachtete sie aufmerksam, während ich mich vor Abscheu weinend im hintersten Winkel der gemeinsamen Stube verkroch. Ich konnte gar nicht glauben, daß diese blutigen Hände noch die meines Bruders seien, in denen die meinigen sonst so traulich gelegen hatten. Aber ich wollte nicht mehr fort, die Wärme des Elternhauses umfing mich nach der Eisesluft, in der heimatlose Vögel starben, mit unsäglichem Wohlbehagen, und ich fühlte mich wieder in die 83 leidenschaftliche Liebeskraft eingeschlossen, mit der meine Mutter alle ihre Küchlein umhegte. Allmählich dämmerte mir auch auf, welchen Schrecken ich den zärtlichsten Eltern hatte bereiten wollen und wie gut es mein Schutzgeist mit mir meinte, als er mich durch die sterbende Elster so sänftlich zur Umkehr mahnte. Das nur drei Stunden entfernte Sebastiansweiler aber habe ich während meines ganzen Tübinger Aufenthalts niemals mit Augen gesehen, daher es noch heute im Lichte der schönsten Romantik ohne jeden Zug ernüchternder Wirklichkeit vor meiner Seele steht. 84

 

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