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Aus meinem Jugendland

Isolde Kurz: Aus meinem Jugendland - Kapitel 3
Quellenangabe
typeautobio
booktitleAus meinem Jugendland
authorIsolde Kurz
year1918
firstpub1918
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart/Berlin
titleAus meinem Jugendland
pages264
created20151108
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Lebensmorgen

Es hat einen tiefen Reiz für das geistige Ich, seinen eigenen Anfängen nachzuspüren. Wann und wie ist von diesem Bewußtsein, das später die ganze Welt des Seienden, des Gewesenen und gar noch des Künftigen umspannen möchte, der erste Funke aufgedämmert? Die tägliche Umgebung, in die wir hineingeboren wurden, läßt kaum einen bewußten Eindruck zurück, sie ist uns das Selbstverständliche gewesen, auch sind es nicht Personen, sondern Dinge, die uns zuerst die Vorstellung der Außenwelt als mit uns im Gegensatz befindlich geben.

Am Anfang meiner Erinnerungen steht ein Rad. Diese früheste Gedächtnisspur hat sich mir in meinem achtzehnten Lebensmonat eingegraben. Es war ein mit grünem Schlamm behangenes, verwittertes Mühlrad, das sich in einem eilenden Schwarzwaldbach drehte. Ich hielt es für den großen Garnhaspel unserer Josephine, woraus ich schließen muß, daß mir dieser schon eine ganz geläufige Vorstellung war, aber wann ich seiner bewußt wurde, weiß ich nicht. Das Rad war also nicht das erste, ich müßte vielleicht sagen: im Anfang war der Haspel; allein nun stutze ich wie der Doktor Faust bei der Bibelübersetzung: ich kann den Haspel so hoch unmöglich schätzen. Es müssen noch andere Erkenntnisse in Menge vor und mit dem Haspel gewesen sein, jedoch sie sind auf ewig unter die Schwelle meines Bewußtseins hinabgetaucht, und das Mühlrad steht als erster sicherer Meilenstein auf meiner Lebensstraße. Ich zappelte also vom Arm des Kindermädchens herunter, um den vermeintlichen Haspel aus dem Wasser zu langen – die Größenverhältnisse waren mir noch nicht aufgegangen – und ich setzte durch diese Absicht das Mädchen in berechtigtes Erstaunen, denn sie trug 12 mich schleunig hinweg, wobei ich meine Mißbilligung durch Schreien und Treten aufs lebhafteste äußerte. Dieses Mädchen hieß Justine, sie war bei der gleichnamigen Heldin des Weihnachtsfundes, den mein Vater um jene Zeit schrieb, Pate gestanden, und der Auftritt spielte auf einer moosbewachsenen Steinbrücke in dem kleinen Schwarzwaldbad Liebenzell, die ich bei einem vor wenigen Jahren dort abgestatteten Besuch auf der Stelle wieder erkannte.

Dieselbe Justine, die, beiläufig gesagt, erst vierzehn Jahre alt war, mir aber als eine sehr ehrwürdige Persönlichkeit erschien, trug mich einmal in eine Schmiede, wo rußige Männer tief innen um loderndes Feuer hantierten. Ich sah sie mit unbeschreiblichem Entsetzen und hielt sie für Teufel. Wie aber kam der Teufel, von dem ich nie gehört hatte, in meine Vorstellung? Ich weiß es nicht und kann nur annehmen, daß der Teufel zu den angeborenen Begriffen gehört. Ich schrie und sträubte mich gewaltig, als es in diese Hölle ging, und als gar einer der Schwarzen – es war, wie ich später erfuhr, der Vater des Mädchens – sich mir verbindlich nähern wollte, ließ ich jenes im ganzen Ort bekannte Geschrei ertönen, woran mich der Nachtwächter straßenweit zu erkennen pflegte, daß das Mädchen eiligst mit mir das Weite suchte. Ich konnte mich übrigens damals schon ganz gut verständlich machen, denn ich sprach, wie man mir erzählte, schon im ersten Lebensjahr zusammenhängend. Mein um elf Monate älteres, sonst sehr begabtes Brüderchen Edgar lernte es erst an meinem Beispiel. Aber wahrscheinlich hätte er es ebenso früh wie ich gekonnt und ließ sich nur durch irgendein inneres Hemmnis die Zunge binden, denn er war ein wunderliches, äußerst schwierig veranlagtes kleines Menschenkind, dem meine größere Unbefangenheit ebenso nützlich war wie mir sein schon entwickelterer Verstand.

Mein nächster bleibender Eindruck war ein frischgefallener Schnee in den Straßen von Stuttgart, den ich mit inniger 13 Freude für Streuzucker ansah. Dann aber kam eine Stunde unvergeßlichen Jammers. Unsere Josephine, das geliebte Erbstück aus dem großväterlichen Hause, hatte mich im Wägelchen auf den Schloßplatz geführt und war unter der sogenannten Ehrensäule, die auf einem, wie mir schien, himmelhohen Unterbau eine Gruppe von Steinfiguren trägt, mit mir angefahren. In einer dieser Gestalten glaubte ich unsere Mutter zu erkennen und rief sie erschrocken an herabzukommen. Da sie sich nicht regte, schrie ich immer ängstlicher und flehender mein »Mamale, komm lunter«. Dieses starre, steinerne Dastehen flößte mir eine bange Furcht, ein wachsendes Grauen ein, ich begann zu ahnen, daß es ein Entrücktsein geben könne, wo kein Ruf die geliebte Seele mehr erreicht. In meinen Jammer mischte sich noch ein dunkles Schuldgefühl, als ob dieses Unglück die Strafe für irgendeine von mir begangene Unbotmäßigkeit wäre, ich brach in ein fürchterliches Wehgeschrei aus und blieb für alle Tröstungen taub, während man mich schreiend die ganze Königstraße entlang nach Hause führte, wo erst der lebendige Anblick der für verloren Beweinten mir den Frieden wiedergab.

Und dann sehe ich in eben dieser Königstraße eine braune einflügelige Eichentür mit messingener Klinke, die so niedrig stand, daß ich sie mit einiger Mühe gerade erreichen und aufdrücken konnte. Sie führte in einen Bäckerladen, den wir Kinder täglich auf unserem Spaziergang mit Josephine besuchten. Dort durfte jedes von uns sich ein schmackhaftes Backwerk, eine sogenannte »Seele«, selber vom Tisch langen. Eines Tages kam Edgar mit seiner Wahl nicht zustande. Welche Seele man ihm anbot, es war immer nicht die rechte. Er wurde darüber sehr schwermütig und erklärte immerzu: 's Herzele will was und 's Herzele kriegt nix. Als Josephine nach vielen vergeblichen Versuchen, ihn zu befriedigen, endlich mit uns den Laden verließ, verwandelte sich sein Gram in lauten Jammer, und während wir anderen freudig unsere 14 Seelen verzehrten, erfuhr es die ganze Königstraße hinab jeder Vorübergehende, daß das Herzele etwas wollte und nichts bekam. Daheim ergoß sich der Enttäuschungsschmerz in einen Strom von Tränen, bis Josephine ihren Liebling still beiseite nahm und ihm die heimlich eingesteckte Seele reichte. Er verzehrte sie befriedigt und sagte dann: 's Herzele will noch mehr.

In mein drittes Lebensjahr fällt die erste Bekanntschaft mit dem Dichter Ludwig Pfau, der als politischer Flüchtling in Paris lebte und nun zu heimlichem Besuche nach Stuttgart gekommen war. Es verkehrten zwar viele Freunde in meinem Elternhause, aber sie alle tauchen in meinem Gedächtnis erst viel später auf. Aus jener frühen Stuttgarter Zeit blicken mich nur Ludwig Pfaus vorstehende blaue Augen aus einem rötlich umrahmten Gesicht strafend an. Das ging so zu: Pfau hielt sich acht Tage in unserem Hause verborgen und pflegte während der Arbeitsstunden meines Vaters bei meiner Mutter zu sitzen, mit deren Anschauungen er sich besonders gut verstand. Mich konnte er nicht ausstehen, und diese Gesinnung war gegenseitig, denn wir waren einander im Wege. Ich war durchaus nicht gewohnt, daß die Mama, die ich sonst nur mit den Brüdern zu teilen hatte, sich so viel und andauernd mit einer fremden Person beschäftigte. Wenn die beiden also politisierend in dem großen Besuchszimmer auf und ab gingen, drängte ich mich gewaltsam zwischen die mütterlichen Knie, daß ihr der Schritt gesperrt wurde, und der Gast ärgerte sich heftig, ohne daß er bei der abgöttischen Liebe, die meine Mutter für ihre Kleinen hatte, es wagen durfte, mich vor die Tür zu setzen. Er wollte sich daher in Güte mit mir einigen, und nachdem er sich eines Tages doch zu einem Ausgang entschlossen hatte, brachte er eine Tüte voll Zuckerwerk mit, dem er den mir noch unbekannten Namen Bonbons gab. Dieses unschöne Wort für einen so schönen Gegenstand mißfiel mir sehr: in dem nasalen O und in der Verdoppelung der 15 Silbe fühlte ich dunkel etwas Groblüsternes und Unwürdiges. Wie mich ein neues Wort, das meinen Ohren schön oder geheimnisvoll klang, in einen stillen Rausch versetzen konnte, auch wenn ich seinen Sinn gar nicht verstand, ja dann erst recht, so daß ich damit umherging wie mit dem schönsten Geschenk, so gab es andere, die mir einen Widerwillen einflößten und die ich einfach nicht in den Mund nahm. Ich wurde nun auf den breiten hölzernen Tritt gesetzt, der das halbe Zimmer ausfüllte, und unter dem Beding, mich für eine Weile ruhig zu verhalten, erhielt ich ein rundes bernsteinfarbiges Zuckerchen, das ich alsbald in Arbeit nahm. Aber es rutschte mir glatt den Hals hinunter, mich um den Genuß betrügend. Sogleich brach ich den Frieden, indem ich wie Quecksilber auffuhr und mich miauend zwischen die Knie der Mutter klemmte, in der Hoffnung, eine Entschädigung zu erlangen. Fordern mochte ich sie nicht, weil ich nicht wußte, wie das Ding benamsen, da mir das widerwärtige Wort, das ich ganz leicht hätte aussprechen können, nicht von der Zunge wollte. Ich antwortete also auf die erschreckte Frage, was mir geschehen sei, nur, ich hätte »das Ding« verschluckt. Was für ein Ding? fragte sie, schon an allen Gliedern zitternd, denn sie dachte an irgendeinen spitzigen oder gar giftigen Gegenstand. Das Ding! Das Ding! rief ich geängstigt, daß man mich nicht verstand, und nun erst recht entschlossen, das verhaßte Wort keinenfalls auszusprechen. Mama war schon aus der Tür gestürzt, um den Arzt zu rufen, aber der Gast hatte die Geistesgegenwart, mich besser ins Verhör zu nehmen: Wie sah denn das Ding aus? – Es war rund und gelb und ganz süß, sagte ich schnell, erleichtert, daß ich nun endlich den Weg sah, mich verständlich zu machen. Du dummes Kind, das war ja dein Bonbon, konntest du das nicht gleich sagen? hieß es nun. Mama wurde zurückgerufen, die mich jubelnd als eine Gerettete in die Arme schloß, ich erhielt ein zweites Bonbon, das ich trotz dem widrigen Namen vergnügt in Empfang 16 nahm, und das Zwiegespräch konnte endlich seinen Fortgang nehmen. Aber diesen Zwischenfall hat mir Pfau nie vergessen. Er versicherte mir später oft, ich sei das unausstehlichste Kind gewesen, was ich ihm von seinem Standpunkt aus gerne zugeben will.

Frühzeitig schlich sich auch die Nachtseite des Lebens in meine Innenwelt. Die Mißgestalten des Struwwelpeters arbeiteten zum Nachteil meines Seelenfriedens in meiner Phantasie, die genötigt war, im Traum noch mehr solcher Ungeheuer zu erzeugen. Eins der schrecklichsten war der Häkelmann, eine Gestalt, die mich jahrelang verfolgte. Er war lang und mager mit grasgrünem Frack und roten Beinkleidern und fuhr blitzschnell durch alle Zimmer, indem er mit einem langen Haken die Kinder, die sich vor ihm verkrochen, unter den Tischen und Betten hervorzuhäkeln suchte. Wann er erschien, brachte er das ganze Haus um den Schlaf, so furchtbar war mein Angstgeschrei. Wie bei Nacht vor dem Häkelmann, so fürchtete ich mich wachend vor der Lichtputzschere, die damals noch im Gebrauche war. Ich hatte nämlich auf einem Bilderbogen eine solche gesehen, die ein kleines Mädchen einschnappte, und glaubte mich seitdem zum gleichen Schicksal bestimmt. Wenn es dämmerte und die Kerzen angezündet wurden, so blinzelte ich immer mit tiefem Mißtrauen nach der messingenen Putzschere, und so oft sie in Tätigkeit trat, fürchtete ich, in dem gähnenden schwarzen Rachen verschwinden zu müssen, denn so frühreif ich in allem anderen war, die Größenverhältnisse waren mir noch immer nicht aufgegangen. Desgleichen gab es im Hause einen Bilderkalender mit einer Karikatur, aus der ich schreckliche Ängste sog: das waren die Kränzelesfrauen. Mit großgeblumten Kleidern im Biedermeierstil, Kaffeekannen und Tassen in der Hand, saßen sie um einen runden Tisch; sie hatten grausige Drachenköpfe auf langen, schlangenartigen Hälsen und auf den Köpfen große nickende Hauben, und sie neigten diese 17 unheimlichen Köpfe geifernd und schnatternd gegeneinander. Ein längeres Gedicht mit Aufzählung ihrer Untaten war beigegeben, wovon jeder Vers mit dem Kehrreim schloß: Hütet euch vor den Kränzelesfrauen. Ich nahm mir natürlich vor, mich vor diesen Ungetümen zu hüten, doch hat mir das im Leben wenig genutzt, denn als ich ihnen später leibhaftig begegnete, da hatten sie leider keine Drachenköpfe noch Schlangenhälse, woran ich sie zu erkennen vermocht hätte; sie schnatterten mir auch nicht entgegen, sondern küßten mich auf beide Wangen, und erst wenn ich den Rücken gedreht hatte, spritzten sie ihr Gift. Da wußte ich nun, weshalb sie mir in den frühesten Kinderjahren den tödlichen Abscheu eingeflößt hatten.

Meine erste Bekanntschaft mit den Kränzelesfrauen fällt übrigens schon nicht mehr in meine illiterate Zeit, denn ich erinnere mich, besagtes Gedicht zu wiederholten Malen selbst gelesen zu haben. Allerdings hatte ich diese Kunst schon im dritten Jahr, dem älteren Bruder zur Gesellschaft, unter mütterlicher Leitung zu erlernen begonnen. Auch in die klassische Literatur wurde ich bereits eingeführt, denn Mama ließ mich als erstes das Uhlandsche Gedicht vom Wirte wundermild schreiben und auswendig hersagen; und etwas später, es mag zwischen meinem vierten und fünften Lebensjahr gewesen sein, las sie mir Schillersche Balladen vor, die mich sehr entzückten, mit Ausnahme der Bürgschaft, die ich als einen unzarten Angriff auf meine Tränendrüsen empfand und verstimmt abgleiten ließ. Der scheinbare Kaltsinn empörte mein rasches Mütterlein, sie schalt mich einen Eisklotz und hielt mir zur Rüge vor, daß mein von mir sehr bewunderter Bruder Edgar beim Vorlesen in Tränen zerflossen sei. Aber es half nichts, ich konnte über die Bürgschaft nicht weinen, und es war gerade die frühreife Empfänglichkeit, die mich gegen das gröbere Pathos störrisch machte. Die Bürgschaft ist auch zeitlebens für mich auf dem Index geblieben, ein Beweis für die vollkommene Unveränderlichkeit unserer angeborenen Innenwelt.

18 Hier ziehe ich einen Siebenmeilenschuh an und stapfe ohne weiteres in unsere Obereßlinger Tage hinüber. Da ich aber alle äußere Szenerie sowie die Fülle der teils rührenden, teils wunderlichen Käuze, die unsere Kinderstube umgaben, schon in meiner Hermann-Kurz-Biographie ausführlich geschildert habe, werde ich auch hier fortfahren, nur von den inneren Erlebnissen zu reden, an denen das kleine Menschlein allmählich zum Menschen ward.

Das nächste, was sich mir eingeprägt hat, war eine erste Liebe – o daß sie ewig grünend bliebe! Aber sie nahm leider ein Ende mit Schrecken. Ich war jetzt fünf Jahre alt, und er hieß Dr. Adolf Bacmeister. Er trug einen braunen Vollbart nebst Brille und war Präzeptor. Daß er nebenbei auch ein Poet und ein feiner Erforscher sprachlicher Altertümer war, wußte ich damals noch nicht. Wenn er ins Haus kam, galt seine erste Frage dem kleinen Fräulein, ich wurde dann allein aus der ganzen Kinderschar herausgerufen, damit er mir Geschichten erzählen und mit mir spielen konnte. Er beteuerte, mich unendlich zu lieben und warb eifrig um meine Gegenliebe, die ich ihm nicht versagte. Auch hörte ich es nicht ungern, daß er mich sein Bräutchen nannte. Nur küssen durfte er mich nicht, weil der Bart kratzte. Durch keine Bitte noch Versprechung, auch nicht durch elterliches Zureden, ja nicht einmal durch Gewalt war es ihm je gelungen, einen Kuß von mir zu erlangen. Aber die Eifersucht brachte es eines Tages dahin. Ich hatte mir nie vorgestellt, daß eine andere sich zwischen mich und meinen Freund schieben könnte, den ich für mein ausschließliches, unveräußerliches Besitztum hielt. Daher fuhr es mir wie ein Strahl in die Glieder, als ich eines Tages aus den Reden der Eltern, die ihn sehr hoch hielten, entnahm, daß sie damit umgingen, ihn mit der Tochter eines nahen Freundes zu verheiraten. An diese Gefahr hatte ich nie gedacht, denn das liebenswürdige Mädchen, das etwa siebzehn alt sein mochte, erschien mir wie eine Matrone. Ich begriff 19 meine Mutter nicht, die um einer Fremden willen ihre eigene Tochter benachteiligte. Als mein Verehrer wiederkam, ließ ich mich auf den Schoß nehmen und trotz dem größten inneren Widerstreben von den bärtigen Lippen küssen. Wir waren eben allein im Zimmer neben dem gedeckten Mittagstisch. Da sagte das Ungeheuer: Weißt du auch, warum ich dich so lieb habe? Weil du ein so zartes festes weißes Fleisch hast; das schmeckt fein zu französischem Senf. So kleine Mädchen esse ich am allerliebsten. Dabei blinzelte er nach einem langen Messer, das neben dem Senftopf lag, und ich entwich mit einem gräßlichen Schrei. Da in diesem Augenblick die Eltern hereinkamen, verkroch ich mich bebend unter dem Kanapee. Nach einiger Zeit wurde mein Verschwinden bemerkt, und man rief nach mir, aber ich hielt mich ganz still. Tränen liefen mir über das Gesicht, und alle Pulse klopften. Das Untier! Die gemeine Seele! Darum hatte er mir geschmeichelt und mich angelockt. Ich sah auf einmal in seinem Gesicht die ganze Scheusäligkeit des Kannibalen. Furcht hatte ich keine, denn daß mein guter Papa ihm nicht gestatten würde, seine Leckerhaftigkeit zu befriedigen, war mir klar. Zorn, Haß, Verachtung und die Beschämung verratener Liebe arbeiteten in dem kleinen Seelchen. Der Oger saß inzwischen ruhig essend und plaudernd am Tisch, ohne Ahnung von des Kindes grimmigem Schmerz, denn er hielt mich für viel zu verständig, um den groben Spaß zu glauben. Er reiste ab und hat die Kälte, mit der ich ihn später bei seinen seltenen Besuchen empfing, gewiß nicht auf Rechnung seines Kannibalentums gesetzt. Mir selber ist es rätselhaft, wie neben meiner überschnellen geistigen Entwicklung so viel kindlicher Schwachsinn fortbestehen konnte. Aber ich nahm mir diese Erfahrung zur Lehre, daß man mit Kindern im Spassen nicht zu weit gehen darf, auch wenn man sie für kluge Kinder hält. Und seltsam, es blieb etwas von jenem Eindruck hängen; ich konnte auch, als ich heranwuchs und mein ehemaliger Freund mir mancherlei 20 liebenswürdige Aufmerksamkeit erwies, kein herzliches Gefühl mehr für diesen Gegenstand meiner ersten Liebe erschwingen, so gewaltsam hatte ich ihn aus meiner Seele gerissen.

Obgleich das bißchen Lernen in Gesellschaft des Bruders mühelos und mit Riesenschritten vor sich ging – Lesen, Rechtschreiben, das Einmaleins, die Mythologie, die Anfänge der Geschichte glitten uns wie von selber zu –, so wurde ich doch in bezug auf die Leichtgläubigkeit noch lange nicht gescheiter. Was man mir sagte, nahm ich ohne weiteres für wahr und schmückte es noch durch die Einbildung aus. Im Kämmerchen unserer Josephine befanden sich drei ungebrauchte kaufmännische Rechnungsbücher von einem Umfang, der mir, an meiner eigenen Größe gemessen, riesenhaft erschien. Auf eines dieser Bücher richteten wir zwei älteren Kinder unser Begehr, um es mit den Erzeugnissen unserer Zeichenkunst zu füllen. Fina, die Gute, widerstand lange, endlich überließ sie uns eines, und als es vollgeschmiert war, auch das zweite. Wir zeichneten unser selbsterfundenes Märchen vom Schnuffeltier und Buffeltier hinein, von dem wir jeden Tag ein neues Begebnis ersannen. Fina sah uns zu, aber immer von Zeit zu Zeit seufzte sie: Ach, was wird Herr Sch. sagen, der mir diese Bücher zum Aufheben gegeben hat! (Herr Sch. war ein Jugendbekannter Mamas, dessen Namen wir oft gehört hatten.) Gewiß wird er einmal kommen und nach den Büchern fragen. Und wenn er sie in diesem Zustand findet, dann setzt er mir den Kopf zwischen die Ohren.

Diese Reden ängstigten mich unaussprechlich. Ich hielt das Kopf-zwischen-die-Ohren-Setzen für eine grausige Marter, und es war fürchterlich, daß unserer treuen Pflegerin diese Gefahr um unseretwillen drohte. Gleichwohl half ich auch das nächste Buch beschmieren, aber immer dachte ich an den gefürchteten Herrn Sch. und ob er nicht komme. An einem Spätnachmittag trat ein elegant gekleideter Herr in senfgelbem Überzieher in unser Haus und fragte nach Mama. 21 Augenblicklich durchzuckte es mich: Das ist er! Und er war es in der Tat, wie ich aus Josephinens Begrüßung ersah. Sie wies ihn die Treppe hinauf und kehrte heldenhaft in ihre Küche zurück, gefaßt, wie mir schien, das äußerste zu leiden. Ich wäre am liebsten jammernd in den Garten entwichen, aber ein kategorischer Imperativ zwang mich, wiewohl an allen Gliedern schlotternd, dem Furchtbaren die Treppe hinauf nachzuschleichen, ob ich nichts zur Rettung unserer Geliebten zu unternehmen vermöchte. Was ich nun am Schlüsselloch sah und hörte, war so merkwürdig, daß ich auf einmal alle Angst vergaß und nur Augen und Ohren aufsperrte. Der fremde Herr saß ganz vertraulich neben meiner Mutter und hatte eine Anzahl messingener und zinnerner Röhren auf dem geschliffenen Sofatisch ausgebreitet, das zerlegte Modell einer Erfindung, durch die er jeden Krieg siegreich, aber unblutig beenden zu können vermeinte. Es war, wenn meine Mutter, von der ich diese Erklärung habe, ihn richtig verstand, ein Geschütz, durch das ganze Heere mittels abgeschossener feiner Ketten umspannt und wehrlos gemacht werden sollten, und der phantasievolle Erfinder hatte die Absicht, damit nach Paris zu reisen und das Modell an Napoleon III. zu verkaufen. Meine sonst so geistvolle Mutter verstand von Mechanik nicht viel mehr als ihr Töchterlein am Schlüsselloch und war fast ebenso leichtgläubig. – Was, an den Tyrannen? hörte ich sie entrüstet sagen. Du solltest dich schämen, der Reaktion zu dienen. Ich hoffe, daß du dich anders besinnst und mit dem Modell nach Italien zu Garibaldi fährst, damit er es zum Heil der Freiheit verwende.

Der Besucher packte seine Röhren zusammen und antwortete, er werde jetzt, wie geplant, nach Paris reisen und sein Geheimnis um zwei Millionen dem Franzosenkaiser verkaufen, weil er das Geld brauche. Hernach aber wolle er jenen um den Vorteil bringen, indem er ein zweites Modell Garibaldi unentgeltlich zur Verfügung stelle. Er ging auch in die Küche 22 und sprach vertraulich mit Josephine, und als er fort war, überzeugte ich mich, daß ihr Kopf auf dem alten Flecke stand. Ich wagte endlich wegen der Bücher zu forschen, da gestand sie, mich nur geneckt zu haben. Die Bücher waren ihr Eigentum, über das sie frei verfügen konnte. Der Herr, dessen sinnreiche Einfälle übrigens bekannt waren, hatte einmal mit seiner Frau als Gast bei meiner damals noch unverheirateten Mutter gewohnt, und da er eben nicht bei Kasse war, Josephine jene unbenutzten Bücher statt eines anderen Entgelts für ihre Dienste hinterlassen.

Die vielen bei Tage ausgestandenen Ängste, die ich meist aus unüberlegten Reden der Erwachsenen schöpfte – auch die Furcht, eines meiner Lieben zu verlieren, gehörte dazu, obwohl ich vom Tode noch nichts wußte –, kehrten bei Nacht in abenteuerlichen Vermummungen wieder und machten mir oft genug den Schlaf zu einer ganz bedenklichen Angelegenheit. Das ging bis zu Sinnestäuschungen im vermeintlich wachen Zustand. So sah ich eines Nachts im Mondschein ganz deutlich meine Mutter im langen weißen Hemd vom Lager steigen, sich neben meinem Bettchen einen Strumpf knüpfen, und als ich erwartete, daß sie sich jetzt über mich beugen werde, lautlos hinter den Ofen gleiten. Als sie gar nicht zurückkommen wollte, kroch ich nach längerem Warten ängstlich aus dem Bett und sah den Raum hinter dem Ofen leer. Eine schreckliche Unruhe befiel mich, aber als ich nun vor ihr Lager schlich, lag sie in festem Schlafe. Eine solche kindliche Halluzination hätte vielleicht im Mittelalter genügt, eine unglückliche Frau der Hexerei und der Schornsteinfahrt zu überführen.

Aber diesen Kinderleiden, von denen die Erwachsenen nichts zu ahnen pflegen, hielt eine unermeßliche Kinderseligkeit die Wage. Solche Fest- und Wonnetage wie unsere Geburtstage konnte das spätere Leben aus all seinem Reichtum nicht mehr hervorbringen. Der feierlichste war der meinige, der Thomastag; da er in die Weihnachtswoche fiel, wurde 23 an diesem Abend der Baum angezündet und die Bescherung gehalten. Schon viele Tage vorher hantierte unsere Josephine mit köstlichen süßen Teigen und stach mit den hochehrwürdigen alten Modeln, die ich immer irgendwie mit unseren altgermanischen Göttern in Zusammenhang bringen mußte – vielleicht hatte unser Vater einmal die Bemerkung gemacht, daß die »Springerlein« Wodans Roß bedeuten –, das herrlichste Backwerk aus. Es wurde in überschwenglichen Mengen hergestellt und mit den Freundeshäusern korbweise als Geschenk getauscht. Mama saß mit befreundeten Damen und »dockelte« heimlich, d. h. sie nähte aus bunten Seidenlappen die schönsten Puppenkleider. Immer hing da und dort ein goldener Faden, der diese feenhafte Tätigkeit verriet. Die übrigen Lappen hütete ich in einer Pappschachtel, sie waren mir als Stoff zu künftiger Gestaltung fast noch werter als die fertigen Kleidchen. Die Großen begriffen nicht, warum diese Schachtel jede Nacht an meinem Bett stehen mußte, aber ich wußte recht wohl, was ich tat, denn wer hätte sie sonst gerettet, falls des Nachts ein Brand ausbrach? Ich hatte schon den Griff eingeübt, womit ich sie fassen wollte, während ich im anderen Arm die Puppen hielt, um durch die Flammen zu springen. Man sage noch, daß kleine Kinder keine Voraussicht hätten! – Wenn dann nach einer herzklopfenden Erwartung endlich die Tür des Weihnachtszimmers aufging und der Duft und Glanz des mit goldenen Nüssen behangenen Baums uns entgegenströmte, dann war mit dem ersten seligen Aufatmen auch der Höhepunkt des Glückes überschritten. So herrlich Puppenstube, Küche, Kaufladen mit ihrem Inhalt waren, der Gedanke, daß auch dieser Abend unaufhaltsam zu Ende gehen mußte wie jeder andere, machte den Besitz im voraus zunichte. Das Schönste an dem Fest war jedesmal der letzte Augenblick der Erwartung.

An den Geburtstagen der Brüder wurden immer alle Geschwister mitbeschenkt. Man erwachte früh bei noch geschlossenen Läden voll Hoffnung und Ungeduld, stellte sich aber schlafend 24 und blinzelte nur nach den Dingen, die da kommen sollten, während mütterliche Hände ganz leise vor jedes Kinderbett ein Tischchen rückten. Da standen dann im Morgenlicht bezaubernde Dinge, wie Farbenschachteln, bunte Bleistifte, goldgeränderte Tassen, für mich eine Glasschachtel mit goldenen, silbernen und farbigen Perlen zum Sticken und Anreihen, und was mich immer am höchsten beglückte: ein blühendes Rosenstöckchen mit vielen Knospen, das ich selber pflegen durfte. Vor dem Geburtstagskind aber brannten die Jahreskerzen über dem Kuchen. – Wenn ich meine seligen Obereßlinger Erinnerungen gegen die Briefe meiner Mutter aus jener für sie so schweren und düsteren Zeit halte, so kann ich erst ganz die Größe dieser unendlichen Liebe ermessen, die den Himmel über unseren jungen Häuptern so rein und blau erhielt. Obereßlingen war die Sandbank, auf die politische Verfemung und literarisches Nichtverstandensein meinen Vater geworfen hatten. Sein Genius büßte dort in der Enge des Daseins und der Eintönigkeit der Landschaft, die dabei nichts Großartiges hatte, die Schwungkraft ein. Aber das Kind sah anders. Ihm war die bloße Berührung des ungepflasterten Erdbodens und seine grüne Nähe Glückes genug, der Hopfsche Garten, wo man Stachel- und Johannisbeeren pflücken und der Henne ins Nest gucken durfte, das Paradies. Ein ungewöhnlich entwickeltes Geruchsvermögen machte mir auch all die hundert Kräutlein im Grase zu lauter kleinen Persönlichkeiten, mit denen ich in Beziehung trat.

Edgar und ich hielten in der Kinderschar am engsten zusammen, weil wir zuerst vor allen anderen dagewesen waren und uns eine gemeinsame Welt erbaut hatten. Daß ich aber auch noch als Sechsjährige am liebsten mit ihm von einem Teller aß und in einem Bettchen schlief, wobei wir bis zum Einschlafen zusammen Verse verfertigten, weiß ich nicht mehr aus eigener Erinnerung, sondern aus Briefen der Mutter. Und daß an diesen Versen, wie sie schrieb, nichts 25 Gutes war als die Leichtigkeit des Reims, ist nicht zu verwundern. Unseren Spielen hatten sich bald zwei andere Brüder, Alfred und Erwin, gesellt, ohne daß sich mir der Zeitpunkt ihres ersten Erscheinens eingeprägt hätte. Mit Bewußtsein erlebte ich nur die Geburt des Jüngsten, der im Jahre 1860 zur Welt kam und nach Mamas Lieblingshelden Garibaldi genannt wurde. Im Familienkreise hieß er nie anders als Balde. Ich brachte ihm zunächst keine große Begeisterung entgegen, denn ich hatte aus unvorsichtigen Reden Erwachsener entnommen, daß seine bevorstehende Ankunft eine unliebsame Überraschung war, und das machte mich zunächst ein wenig zurückhaltend. Daß ich, statt wie bisher die wilden Spiele der Brüder im sommerlichen Garten zu teilen, jetzt Nachmittagelang sitzen und seinen Schlaf hüten sollte, stimmte mich auch nicht froher. Aber als ich eines Tages eine Fliege in den offenen Mund des Kindes kriechen sah und alle Mühe hatte, sie herauszubringen, ohne ihn zu wecken, da wurde mir seine ganze Hilflosigkeit klar; von Stunde an liebte ich ihn zärtlich und widmete ihm auch gerne meine Zeit.

Es mag in jenem Jahre oder auch etwas früher gewesen sein, daß ich zum erstenmal meine eigene Bekanntschaft machte. Im großen Zimmer in Obereßlingen waren zwischen den Fenstern zwei lange schmale Wandspiegel eingelassen, die auf einem niedrigen, rings umlaufenden Sockel ruhten. Eines Tages, ob es nun Wirkung der Beleuchtung oder sonst ein Zufall war, blieb ich plötzlich betroffen mitten im Zimmer stehen und starrte in einen dieser Spiegel, der mir mein eigenes Bild entgegenhielt. Ein leiser Schauder überlief mich, und ich dachte einen niegedachten Gedanken: Also das bin ich! Zwischen Scheu und Wißbegier trat ich ganz nahe hinzu und musterte das schmale, durchscheinende Kindergesicht, das fast nur aus Augen bestand, aus großen, erstaunten Augen, die mich rätselhaft und forschend anblickten, wie ich sie: Also das sind meine Augen, meine Stirn, mein Mund! 26 Mit diesem Gesicht, mit diesen Gliedern muß ich nun immer beisammen sein und alles mit ihnen gemeinsam erleben! – Dieser Frater Corpus, der »Bruder Leib«, den ich da plötzlich vor mir sah, schien mir aber keineswegs mein Ich zu sein, sondern ein eben auf mich zugetretener Weggenosse, mit dem ich jetzt weiter zu pilgern hätte. Und es kam mir vor, als wäre eine Zeit gewesen, wo wir zwei uns noch gar nichts angingen. Bisher war mir nämlich meine Körperlichkeit nur bewußt geworden, wenn ich mir eine Beule an die Stirn rannte oder mit der großen Zehe gegen einen Stein stieß. Es war auch bloß ein kurzer Augenblick der Befremdung, in dem mich dieses unfaßbare Zweisein berührte. Die frühe Kindheit mag solchen halb metaphysischen Empfindungen zugänglicher sein als die reifgewordene Jugend, die im unbändigen Stolz ihrer physischen Kraft und Herrlichkeit vielmehr den Bruder Leib für den eigentlichen Menschen ansieht.

In die gleiche Zeit fiel eine andere erschütterndere Entdeckung. Ich sah eines Tages durchs Fester eine Schar schwarzgekleideter Männer vorübergehen und einen mit schwarzem Tuch verhüllten Gegenstand tragen, der mir wie ein großer Koffer erschien. Der Anblick berührte mich peinlich, und Christine, unser neues Kindermädchen, das seit kurzem im Hause war, sagte auf meine Frage, das sei eine Leiche, mit der die Leute auf den Kirchhof gingen. – Was ist eine Leiche? fragte ich mit Widerwillen, denn ich hatte das Wort noch nie gehört, und es klang mir fremd und unheimlich. Sie antwortete, das sei ein toter Mensch. Ich wunderte mich, daß auch Menschen sterben sollten, denn ich hatte gemeint, das sei ein übler Zufall, der nur Vögel, Hunde, Katzen und solches Getier betreffe. Christine wollte mich auf andere Gedanken bringen, aber nun ließ ich nicht mehr los, sondern stürzte zur Mutter: Ist es wahr, daß Menschen sterben? – Wer hat dir das gesagt? – Die Christine. – Ich sah gleich, daß die Christine ein Verbot übertreten hatte. – Armes Kind, 27 sagte mein Mütterlein, du hättest es noch lange nicht erfahren sollen. Aber jetzt ist es heraus. Ja, es ist wahr, die Menschen sterben. – Aber doch nicht alle, Mama? – Ja, Kind, alle. – Sie hielt mich im Arme, wie um mich zu schützen und zu trösten, ich war aber mit dem Gedanken noch lange nicht so weit. – Aber doch du nicht, Mama? – Ich auch, Kind. Alle. – Aber der Papa doch nicht? – Auch der Papa. – Also vielleicht auch ich? – Auch du, aber erst in langer, langer Zeit. Wir alle erst in langer Zeit. – Und man kann gar nichts dagegen tun? Es muß kommen? – Gar nichts, Kind, es muß kommen, aber jetzt noch lange nicht.

Das war mir durchaus kein Trost, die lange Zeit, von der sie sprach, war in diesem Augenblick schon vorüber. Ein schwarzer, furchtbarer Abgrund ging auf, der alles verschluckte. Ja, wenn es doch kommen mußte, dann lieber gleich, als diese lange dunkle Erwartung. Ein plötzlich eintretender Zufall schien mir lange nicht so schauerlich wie dieses unausweichliche »Später«. Dennoch wirkte die Mitteilung nicht eigentlich überraschend. Es war mir, als hörte ich da etwas, das ich zuvor schon gewußt, aber wieder vergessen hätte. Ich dachte fortan oft über das Sterben nach, und die Unerbittlichkeit des Vorausbestimmten erfüllte mich mit immer neuem Grausen: Also einmal muß es sein, jeder Tag bringt mich dem letzten Ziele näher. Und wenn ich mich unter das Kleid der Mama verkröche, es würde mir doch nichts nützen. Und wenn ich sogar zum Papa ginge, auch er könnte mir nicht helfen. Niemand, niemand kann mir helfen, ganz allein stehe ich dem Furchtbaren gegenüber – dem Tod! Dabei war mir zumute, als befände ich mich in einem langen, engen Gang, wo kein Entrinnen, keine Umkehr möglich, und am Ende des Ganges, da warte es auf mich, das Rätselhafte, Unbegreifliche; ich aber müsse immer weiter, so gerne ich stehenbliebe, unaufhaltsam, Schritt für Schritt bis zum gefürchteten Ausgang. Natürlich wurde trotz dem unheimlichen »Später« fortgetollt, 28 als wäre alles wie zuvor, und niemand erfuhr, was in dem kleinen Seelchen vorging. Aber mitten im Spielen schlug es zuweilen herein: Trotz alledem – es wird doch einmal ein Tag kommen, wo ich kalt und starr daliege, wo ich selber eine Leiche bin. Das Wort behielt mir auf lange hinaus etwas unsäglich Widriges und Abscheuliches, es haftete ihm schon ein Geruch wie von Verwesung an.

Auch das gehört für mich zu den Rätseln der Kinderseele, daß mir die Entdeckung des Todes als des allgemeinen Schicksals so neu und überwältigend war, während ich doch ganz frühe schon das mannigfachste Lesefutter, und gewiß nicht immer auf das dunkle Geheimnis hin gesichtet, in die Hände bekam. So las ich seit lange in einem Bande Pfennigmagazin, der in der Kinderstube lag, Geschichten und Abhandlungen über alle möglichen Dinge wahllos durcheinander; die Tatsache des Sterbenmüssens hatte ich schlechterdings übersehen. Wahrscheinlich ist der kindliche Geist nicht imstande, die Erscheinungen zu verknüpfen und zu verallgemeinern. Es gibt ja auch Negerstämme, die jeden Todesfall immer wieder als dämonischen Einzelvorgang betrachten, auf den sie mit Teufelsaustreibung antworten, damit er sich inskünftige nicht mehr wiederhole.

Im Lernen konnte unser gutes Mütterlein, das selber einen nie zu stillenden Wissenstrieb besaß, uns zwei Älteste nicht schnell genug vorwärts bringen. Einzig für das Rechnen, das ihr selber nicht allzu geläufig war, wurde ein junger Hilfslehrer aus Eßlingen angestellt, ein bäurischer Mensch, der den unachtsamen Alfred etwas derb mit dem schweren Taschenmesser auf die Fingerknöchel klopfte und sich sogar einmal gegen Edgars junge Majestät verging, so daß Mama ihn entrüstet wieder entließ. Davon hatte ich den Schaden, weil ich gerade im Bruchrechnen stehenblieb, das die Brüder später in der Schule fortsetzen konnten, während ich in der ganzen Arithmetik, für die ich zuerst eine gute Fassungskraft 29 gezeigt hatte, nicht mehr weiter unterrichtet wurde und somit in den Zahlen für immer schwach blieb. Alle anderen Fächer übernahm sie selber, und wir machten ihr das Lehren leicht. Sie besaß kein wirkliches Lehrtalent, weil alles Methodische ihrer Natur aufs tiefste widerstrebte, wie ich auch glaube, daß diese Apostelseele für keines der vielen irdischen Geschäfte, denen sie sich allen willig unterzog, so recht eigentlich geboren war. Ihr natürliches Amt war einzig, höheres Leben entzünden, wachhalten und verbreiten. Keine Mühe war ihr dafür zu groß: neben unserem Unterricht und den häuslichen Geschäften führte sie noch begabte Dorfmädchen ins Französische und in die Literatur ein. Schon hatte sie auch die Anfänge des Lateinischen in unsere Stunden aufgenommen. Ihre eigenen in der Jugend erworbenen Kenntnisse kamen ihr dabei zustatten, und wir holten sie allmählich munter ein. Über grammatische Schwierigkeiten halfen beiden Teilen die lustigen Reimregeln weg:

Was man nicht deklinieren kann,
Das sieht man als ein Neutrum an, usw.

So blieb das Lernen immer ein Spiel unter anderen Spielen. Wir übersetzten kleine Übungsstückchen aus dem »Middendorf«, lasen eine Seite in L'Hommonds Viri Illustres und verfertigten sogar gereimte Knittelverschen in unserem Suppenlatein, alles mit dem gleichen Vergnügen, mit dem wir die uns überlassenen Rabatten anpflanzten, auf hohen Erntewagen fuhren, den ländlichen Pferden und Ochsen auf den Rücken kletterten, den Nachbarinnen beim Ausgraben der Kartoffeln halfen oder auf langen Spaziergängen, wobei man barfuß in kleinen Seen und Pfützen quatschen durfte, für Edgars Aquarium Salamander und Kaulquappen fingen. Das schönste aber war, im offenen Neckar zu baden, an seinen Weidenufern die ausgeworfenen Muschelschalen zu sammeln, in denen man sich die Farben 30 anrieb, oder seine niedere Furt unter Josephinens Führung mit hochgeschürzten Kleidern zu durchwaten, um dann jenseits im Sirnauer Wäldchen sich auszutollen. Der eigentümliche Geruch des fließenden Süßwassers, der an den Neckarufern besonders stark war, hat sich mir aufs tiefste eingeprägt und erregt mir, wo ich ihm begegne, ein unbeschreibliches Jugend- und Heimatgefühl. In dem sonnbestrahlten, silbern rieselnden Neckar verehrte ich ein beseeltes höheres Wesen. Ich warf ihm ab und zu ein paar Blumen oder eine Handvoll glitzernder Perlen aus meiner Perlenschachtel hinein, und wenn ein Fisch aufhüpfte, schien mir das irgendwie ein gutes Zeichen. Er hatte aber auch noch ein anderes dämonisch wildes Gesicht, das ich schaudernd noch mehr liebte: dort an der nach Eßlingen führenden bedeckten Brücke, die wir das Wasserhaus nannten, verbreiterte sich sein Lauf für mein Auge ins Unermeßliche. Unter den Pfeilern schüttelte er wilde braune Locken, schnaubte und rüttelte an dem Bau, daß ich wie gebannt stand und kaum von der Brücke wegzubringen war. Am geheimnisvollsten aber erschien er mir in Eßlingen selber, wohin wir oft durch das alte Wolfstor pilgerten. Dort stand ich in dem befreundeten Haus die ganze Zeit am Fenster und sah auf die stille Flut hinunter, die die Rückseite des Gebäudes unmittelbar bespülte. Ich war dann, während die Mütter auf dem Sofa saßen und Kaffee tranken, in Venedig, sah schwarzgeschnäbelte Gondeln, die ich aus Abbildungen kannte, und Marmorpaläste in feierlicher Pracht.

In meiner Vorstellung ist es in Obereßlingen immer Sommer gewesen. Wie es möglich war, uns während der langen Wintermonate in den engen Räumen zu halten, ist mir nicht erinnerlich. Unsere Lebhaftigkeit mag die dichterischen Gebilde, mit denen sich unser Vater trug, schwer genug beeinträchtigt haben und war die Ursache, daß er den Tag über nur selten das Kinderzimmer betrat, ja nicht einmal die Mahlzeiten mit der Familie teilte. Deshalb tritt auch seine Gestalt 31 in meinen frühen Erinnerungen wenig hervor; sie wandelt nur manchmal ernst und hoheitsvoll über den Hintergrund.

O die Sommerseligkeit, als man selber noch nicht höher war als die reifen sonneduftenden Ähren, zwischen denen man sich durchwand, um die blauen Kornblumen und die flammend roten Mohnrosen herauszuholen. Wenn ich noch einmal nachempfinden könnte, was das Kinderohr bei den Schillerschen Versen:

Windet zum Kranze die goldenen Ähren,
Flechtet auch blaue Zyanen hinein –

an Fülle des Seins genoß! Die güldenen Halme, das satte Blau und Rot der Blumen sahen mich daraus noch schöner an, durch einen tiefen Goldton aus der Farbenschale der Poesie verklärt. Damals waren die Worte der Sprache keine rein geistige Sache, es haftete ihnen noch eine köstliche Stofflichkeit von den Dingen, die sie bezeichnen, an. Ich lebte und webte um jene Zeit in den Schillerschen Balladen. Die Götter Griechenlands, Die Klage der Ceres, Kassandra und vor allem Das Siegesfest waren mir die liebsten. Ihr glockenartiger Klang bezauberte mich, während ihre Gegenstände meine innere Welt bevölkerten. Selbst ein rein philosophisch gerichtetes Gedicht wie Das Ideal und das Leben war mir schon in meiner Frühzeit völlig geläufig und sogar ganz besonders teuer. Das Gedankliche darin, das ich noch nicht mitdenken konnte, empfand ich als ein dunkles prophetisches Raunen von höheren Dingen, und es wirkte poetisch, eben weil ich es nicht verstand. Zugleich hatte es auch eine erhebende Macht, wie ein unverstandenes, aber gläubig verehrtes Stück Sittengesetz. Ich hütete mich überhaupt, ein Gedicht zu zergliedern oder auch nur einem Worte nachzuforschen, dessen Sinn mir dunkel war. Denn das höhere Ahnen labte mich viel mehr als irgendeine tatsächliche Erkenntnis. Indem mir solche Verse im Heranwachsen immer gegenwärtig blieben, 32 bemerkte ich es selber nicht, wie ich allmählich in das richtige Verständnis hinüberglitt. Ich glaube, daß unsere Mutter richtig geleitet war, als sie uns die Schillerschen Gedichte in einem so frühen Lebensalter in die Hände gab. Denn sie verbreiten neben einem reichen sachlichen Inhalt die hohe und reine Luft, worauf es doch für die Kindheit vor allem ankommt. Hernach mag sich das reifende künstlerische Bedürfnis seine Weide suchen, wo ihm am wohlsten ist. Daß meine erste Welt eine so schöne und weihevolle war, verdanke ich diesem Dichter vorzugsweise mit, obgleich er nicht ihr eigentlicher Schöpfer, sondern nur ihr Vermehrer und Erhalter gewesen ist. Die frühesten Eindrücke kamen mir aus den Homerischen Gesängen, die uns Mama, sobald wir nur geläufig lesen konnten, zunächst in prosaischer Bearbeitung, in die Hände gegeben hatte. Die griechische Götter- und Heldensage verband sich blitzschnell und unauflöslich mit unserer Vorstellung. Der Olymp mit allen seinen Insassen thronte leibhaftig in unserem Garten. Wir selber übten uns fleißig im Speerwerfen und Bogenschießen. In dem quatschigen gelben Obereßlinger Lehm bis an die Ellbogen wühlend, bauten wir die heilige Troja auf, schleppten aus dem Röhrenbrunnen zahllose Wassereimer herbei, um die Windungen des Skamanderbettes zu füllen. Dann verwandelten wir uns selbst in Helden und Götter, und um die Mauern Trojas wurde mit Macht gerungen. Ich trug wie die Brüder Helm und Schild und Lanze aus Pappdeckel und Goldpapier sowie ein mit dem Medusenhaupt geschmücktes Panzerhemd und warf den dicken Alfred, wenn er als Ares anstürmte, im Nahkampf nieder, wobei er vorschriftsmäßig brüllte »wie zehntausend Männer«. Dieser schöne Knabe, der sich selber Butzel nannte, war nach der Schilderung meiner Mutter bis ins zweite Lebensjahr das putzigste und liebenswürdigste Kerlchen gewesen; nach einer Kinderkrankheit aber hatte ihn plötzlich eine nicht zu bändigende Wildheit und Unart befallen. Von Feld und 33 Wiesen brachte er aus dem Schatz der Bauernsprache nie gehörte schnöde Redensarten heim, die unseren Ohren ganz barbarisch klangen und bei denen man sich, da er sie nur verstümmelt und dem Klang nach auffaßte, nicht einmal etwas denken konnte.

Zuweilen kam ein Kind aus befreundetem Hause mit seinen Eltern von Stuttgart herüber und mengte sich zitternd zwischen Lust und Grausen in unser wildes Spiel. Es war ein zartes kleines, äußerst wohlerzogenes Mädchen, dessen kühnster Traum war, einmal mit uns »dreckeln« zu dürfen: so nannte man das Schaffen in dem feuchten Lehm, wonach man immer von Kopf zu Füßen frisch gewaschen werden mußte. Daß wir die heilige Troja bauten, war ihr zwar noch nicht aufgegangen, aber die Sache hatte auch so einen dämonischen Reiz. Bevor sie kam, unterzog Papa den rauhen Butzel einer strengen Ermahnung, das kleine Mädchen ja nicht umzuwerfen und ihr auch sonst keinen Schaden zu tun. Dies hinderte den Wildfang nicht, sich mit schreckhafter Miene vor ihr aufzupflanzen und drei peinliche Fragen an sie zu stellen: Emy, kannst du griechisch? (Er hielt nämlich die dialektfreiere Aussprache unseres Hauses dafür.) – Kannst du mit dem Fuß an den Ohren kratzen? – Sie bebte, denn sie hatte beides noch nicht versucht. Aber nun kam schnell die dritte Frage: Kannst du grunzen wie ein Schwein? Dabei wartete er die Antwort nicht ab, sondern gab alsbald selber den bezeichneten Ton von sich und mit solcher Stärke, daß die arme Kleine fast vor Schreck in die Bohnen fiel.

Bei solcher Gemütsart konnte ihm nichts besser passen als den Ares zu spielen. Ein andermal aber mußte er Hektor sein und sich von Edgar-Achilleus fällen lassen. Daß ihm bei unseren Spielen jedesmal die Rolle eines Unterliegenden zufiel, wurde mit ein Grund zu seiner immer wühlenden heimlichen Erbitterung gegen den älteren Bruder und die Schwester, vor der ich mich im Heranwachsen hüten mußte, da er mich oft unversehens mit seinem dicken Kopf anzurennen und 34 umzuwerfen suchte. Edgar, der Bastler, verfertigte einen richtigen antiken Kriegswagen, an dem er vorhatte, den Hektor zu schleifen, allein die zwei Räder wollten nie so recht rollen, da sie vom Drechsler als massive, in der Mitte durchbohrte Scheiben geliefert wurden. Dagegen überspannte er mit Erfolg alte Zigarrenschachteln mit Darmsaiten und verfertigte Leiern daraus, auf denen die junge Götterschar fleißig klimperte. Der vierjährige Erwin fiel aber zuweilen aus der Rolle, indem er kleine Stecklein vom Boden aufhob und in den Mund steckte, um zu paffen; das ärgerte die reiferen Götter, und wenn er sich gar nicht belehren lassen wollte, daß ein griechischer Gott keine Zigarren raucht, wurde er für eine Weile vom Spiel ausgeschlossen. Nie aber wären uns Götter und Helden so vertraut geworden, hätten wir nicht auch ihre leiblichen Züge aus den vielen in des Vaters Studierzimmer liegenden Stichen und aus Mamas Gipsgüssen gekannt. Ich zeichnete sie unermüdlich nach und erweckte dadurch in meinen Eltern die lange genährte Hoffnung, daß ich ein hervorragendes Talent für bildende Kunst besäße, was sich dann erst in dem jüngeren Erwin verwirklichen sollte. Als wir älter wurden, erhielten wir die Voßsche Iliasübersetzung, in deren markigem, altertümlichem Deutsch sich die homerischen Gestalten noch schöner verkörperten. Häufig entspann sich nun im Rate der Götter ein Streit, wer denn eigentlich edler sei, Hektor oder Achilleus, wobei Mama und Josephine dazu neigten, dem tapferen und unglücklichen Verteidiger von Herd und Heimat den Preis zu geben. Dies erregte meinen stärksten Widerspruch, denn die höhere Natur des zarten und furchtbaren Griechenhelden war mir unwiderstehlich aufgegangen; sein frühes vorbestimmtes Sterbenmüssen erfüllte mich mit unsäglicher Tragik, in der schon der Schmerz um das kurze Dasein alles Schönen lag. Wogegen mir der Untergang Hektors nicht ungerechter schien, als daß der Mond verbleichen muß, wenn die Sonne aufgeht.

35 In einem Winkel des Obstgartens hatten wir aus herumliegenden Steinbrocken den großen Himmlischen einen Altar errichtet, und ich nahm dieses Spiel im stillen ernst wie alle unsere Spiele. Mama hatte in der Jugend viel von religiösen Zweifeln gelitten, bis die angeborene philosophische Richtung über den gleichfalls vorhandenen mystischen Hang den Sieg davontrug. Besonders aus Anlaß der Konfirmation und der ersten Kommunion hatte sie schwere innere Kämpfe zu bestehen gehabt. Um unseren zarten Jahren ähnliche Qualen zu ersparen, war sie auf den Ausweg verfallen, uns die religiösen Begriffe gänzlich fernzuhalten, ebenso wie sie es mit dem Tode gemacht hatte. Aber die Empfindung eines Göttlichen liegt doch von Hause aus in der Seele, wenigstens lag sie in der meinigen. Also glaubte ich an die Götter Griechenlands. Ich schlich mich öfter in der Morgenstille zu unserem Steinaltar, um Opfer in Gestalt von Blumen oder Kornähren darzubringen und mich in die Betrachtung eines großen erhabenen Seins zu versenken. Natürlich nahm ich die junge Götterschar, deren Rollen wir selber spielten, nicht allzu ernsthaft, aber ihr Oberhaupt erweckte meine Ehrfurcht. Ein Weltenvater, Erschaffer und Erhalter alles Seins war mir schon von der Schichtung der Familie her eine natürliche und notwendige Vorstellung. Ihm galt meine Andacht. Meine persönlichen Angelegenheiten brachte ich nicht vor ihn, dafür stand er mir zu hoch. Diese trug ich ja nicht einmal zu meinem irdischen Vater, mit dem der Verkehr gleichfalls ein höherer, geistigerer war; sie gingen einzig und allein die Mutter an. Diese stillen Erbauungsstunden waren mein tiefstes Geheimnis, im übrigen aber war unser Götterwesen ruchbar geworden, und im Dorfe hatte sich das Gerücht verbreitet, hinter unserer Gartenmauer würde Abgötterei getrieben. Ein elfjähriges Bauernmädchen aus dem Nachbarhaus, das uns die Milch brachte, fragte mich eines Tages, ob wir denn nie etwas von unserem Herrn Christus gehört 36 hätten. Ich verneinte voller Wißbegier. Nun lud sie uns ein, uns nachmittags auf dem Mäuerlein, das unsere Gärten trennte, einzufinden; sie werde uns einen Korb voll ihrer feinsten Birnen, Gaishirtlein genannt, mitbringen unter dem Beding, daß wir aufmerksam anhören wollten, was sie uns zu erzählen habe; unserer Josephine dürften wir nichts davon sagen, weil sie eine Heidin sei wie wir. Sehr erwartungsvoll kamen wir zur Stelle, wo unser kleiner Apostel uns nun voll rührenden Eifers, aber mit sehr unzulänglichen Kräften zunächst in die Schöpfungsgeschichte einführte. Das vertrug sich noch so ziemlich mit unserer griechischen Vorstellung. Als sie dann aber auch die Mysterien der Menschwerdung und der Welterlösung erklären wollte, versagte ihr geistliches Rüstzeug. Wir konnten uns Göttliches nur im höchsten Glanze denken. – Warum, warum ließ er sich das alles gefallen? – Geohrfeigt, gepeitscht! Ein Gott! Warum holte er keinen Blitz vom Himmel? Unmöglich! Nein, dagegen empörte sich unser Gefühl.

Der gläubige Amerikaner Ralph Waldo Trim stellt in seinem »Neubau des Lebens« die Frage auf, was wohl ein natürlicher, sonst wohlgebildeter Mensch, der, wenn solches möglich, ganz ohne Kenntnis religiöser Lehrsätze aufgewachsen wäre, bei seiner ersten Berührung mit dem Christentum empfände. Und er kommt zu dem Schluß, daß der gemarterte, geschändete Heiland ihm nur das tiefste Befremden erregen könnte. Wir waren damals in diesem schier nicht auszudenkenden Fall, und die arme Rike kam arg ins Gedränge, als sie uns das Unfaßliche faßlich machen wollte. Sie schalt, wir schalten wieder, und es entspann sich eine richtige Disputation, die unser Vierjähriger durch die Frage unterbrach: Ja, weißt du denn nicht, daß wir die griechischen Götter sind? Da griff sie entsetzt nach ihrem leer gewordenen Korb und glitt die Mauer hinab, wir aber ließen uns von der anderen Seite erschöpft ins Gras fallen. Allein das Gehörte begann doch in mir zu wühlen, ich ging wie gewöhnlich zur Mutter 37 und verlangte Rechenschaft über den gekreuzigten Gott. Sie antwortete, ich sei für solche Fragen noch zu jung, ich solle ruhig weiterspielen; wenn ich einmal älter sei, werde sie über das alles mit mir reden.

Ich möchte ja nun die Ansicht meiner Mutter über diese Erziehungsfrage nicht ohne weiteres gutheißen. Schon weil man einem Kinde das künftige Leben nicht leichter macht, wenn man es so streng von der Außenwelt absperrt, daß es nicht einmal die religiösen Vorstellungen seiner Zeitgenossen kennt. Aber ein Gutes war doch dabei: daß mir später die unbegreifliche Gestalt des Menschensohnes so ursprünglich und unberührt von Phrase und Herkommen aus den Evangelien entgegentrat, wie ihn die frühen christlichen Jahrhunderte gekannt haben.

Die Rike aber hatte sich über uns im Dorfe beklagt, und eines Tages rückte die ländliche Jugend mit Stecken und Steinen bewaffnet vor unsere Gartentür und forderte unsere Heidenschaft zum Kampf. Wir sahen von der Gartenmauer, daß sie uns an Zahl und Körpergröße sehr überlegen waren. Dafür aber waren wir Götter und Helden, sie nur Bauernjungen. Schnell wurden die Rüstungen angelegt, und als wir hinter dem Pförtchen aufgestellt waren, drückte Edgar, der den Oberbefehl hatte, auf die Klinke, wir anderen stießen mit unseren goldenen Speeren die Tür vollends auf. Die Rotte stand einen Augenblick sprachlos vor so viel Goldpapier, und wir glaubten schon Sieger zu sein. Da prasselte ein Regen von Steinen und Kastanien auf uns, ein langer Lümmel ging mit einem großen Stecken auf unseren schmächtigen aber tapferen Führer los; sowohl der dicke Ares wie Pallas Athene wollten ihm zu Hilfe kommen, da wurde letztere von hinten am Arm zurückgezogen, denn die gute Josephine war auf den Lärm herzugestürzt. Sie verscheuchte mit Drohungen die Gassenbengel und führte Götter und Helden ins Haus zurück. 38

 

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