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Aus meinem Jugendland

Isolde Kurz: Aus meinem Jugendland - Kapitel 23
Quellenangabe
typeautobio
booktitleAus meinem Jugendland
authorIsolde Kurz
year1918
firstpub1918
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart/Berlin
titleAus meinem Jugendland
pages264
created20151108
sendergerd.bouillon@t-online.de
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München

Es waren freundliche Sterne, die das junge Mädchen nach München führten. Ich fand von vornherein herzlichen Anschluß an zwei Familien, die mich zuvor schon als Gast beherbergt hatten, die des berühmten Rechtslehrers v. Brinz, eines köstlich frischen, tatfrohen Österreichers, und seiner seelenvollen Gattin, die uns von Tübingen her nahestanden, sowie an das Ludwig Bareißsche Haus, jenes Urbild altschwäbischer Gastlichkeit, das um jene Zeit unsern alten Freund Ludwig Pfau als Dauergast beherbergte. Dieser erwies mir nun den Liebesdienst, mich in die Münchner Schriftsteller- und Künstlerkreise einzuführen, vor allem in das Haus des Komponisten Robert v. Hornstein, dessen entzückende Frau mich alsbald unter ihre Fittiche nahm. Baronin Hornstein war eine feenhafte Persönlichkeit, in der sich Schönheit, Anmut, Seelengüte, Mutterwitz mit dem leichtbeweglichen rheinischen Naturell zu einer unvergleichlichen Mischung vereinigten. Wer diese Frau gesehen hatte, der konnte desselben Tages nicht mehr traurig sein; sie hielt immerdar ein unsichtbares Füllhorn in der Hand, aus dem der Segen auf alles, was ihr nahetrat, strömte. Sie kam gleich, zu sehen, wie ich untergebracht sei, und da ihr mein Ofen kein Zutrauen einflößte, schickte sie mir einen aus ihrem eigenen Haushalt. Zuneigung ist eine Sache, die sich auf magnetischem Wege mitteilt, sie füllt die Luft und braucht nicht ausgesprochen zu werden. So ging es mir mit Charlotte v. Hornstein. Ich wußte sogleich, daß ich dieser Frau unbedingt vertrauen durfte und daß ich sie nie wieder aus meinem Leben verlieren würde. Sie erwies mir die Auszeichnung, mich gleich als ständigen Gast zu ihrem berühmten Sonntagskaffee einzuladen, 238 wo ich als einziges junges Mädchen unter lauter reiferen Frauen und den Spitzen der Münchner Künstler- und Gelehrtenwelt saß. Der Hausherr war äußerlich das völlige Widerspiel seiner eleganten, glänzenden Gattin. Klein, unansehnlich, von wenig gepflegtem Anzug, schweigend, wenn er nicht etwas Besonderes zu sagen hatte, zog er doch mit seinem köstlichen Humor und seiner geistreichen Urwüchsigkeit stets die Lacher auf seine Seite. Er schwäbelte ein wenig und hatte bei seiner Abstammung von einem alten reichsfreiherrlichen Geschlecht den allerdemokratischsten Hang im Blute, der ihn zwang, von Zeit zu Zeit für ein paar Tage wie ein Handwerksbursch auf die Wanderung zu gehen und sich unter dem Volke umherzutreiben. Solche Nahrhaftigkeit und Freude an allem Ursprünglichen bei altadligem Geblüt und großer seelischer Verfeinerung heimelte mich von meiner Mutter her an, und ich schloß mit ihm noch eine Sonderfreundschaft, wie in der Folge mit allen Gliedern seiner Familie.

Noch eine andere der gefeierten Münchner Frauen nahm sich des jungen, alleinstehenden Mädchens mit Wärme an, die durch selbständiges Denken und männliche Charaktereigenschaften sowie durch ihre strenge Schönheit ausgezeichnete Rosalie Braun-Artaria, die mir auch einen ernsteren geistigen Austausch bot und deren Freundschaft mich gleichfalls durchs Leben begleiten sollte. Damit war der Eingang in die sonst so abgeschlossene Münchner Gesellschaft gefunden, und manches glänzende Haus öffnete mir seine gastlichen Pforten. Aber auch wenn es anders gewesen wäre, der bloße Umstand, daß ich keinen kleinstädtischen Mißverständnissen mehr ausgesetzt und nur noch für mein eigenes Tun und Lassen verantwortlich war, ließ mich aufatmen. Nur was ich mir von Kindheit an so innig ersehnt hatte, das volle »Dazugehören«, fand ich auch in München nicht. War's die Folge der langen Verkennung und Anfeindung, war's, daß ich mich jetzt als einzige Werdende unter 239 lauter Gereiften, Fertigen befand, oder war's mir angeboren? Ich konnte mich nur als liebevoll empfangenen Gast, nicht als Mitglied des erlesenen Kreises empfinden, und das Gefühl des Fremdseins, das immer und überall mit mir ging, verließ mich auch in München nicht. Was der empfindsamen Kindesseele Leides zugefügt worden ist, das hinterläßt eine Narbenschrift, die schwer verlöscht. Und ich brauchte auch noch größeren Raum, um zu wachsen.

Daß Paul Heyses von edelstem künstlerischem Geschmack regiertes Haus, wo die junge, sehr schöne, von ihm angebetete Frau anmutig thronte, mir gleichfalls gastlich offen stand, ergab sich aus seiner engen Freundschaft mit meinem verstorbenen Vater von selbst. Heyse, in seiner lange bewahrten Jugendlichkeit selber noch ein schöner und gewinnend liebenswürdiger Mann, herrschte widerspruchslos in der Gesellschaft wie in der Literatur, wo sich ja sein Einfluß bis in die Schreibart herunter bemerkbar machte. Als ein Meister der Rede hatte er mit seiner hohen Kultur und seinem ganz norddeutsch gerichteten Witz, der in hundert Fassetten funkelte und auch das Wortspiel bis herab zum Kalauer nicht verschmähte, in jedem Gespräch die Oberhand, wobei er doch nie die vornehme Verbindlichkeit außer acht ließ, die ihn zu einer wahrhaft fürstlichen Erscheinung machte. Dieser spielerischen Grazie, die das Wort als Selbstzweck behandelte, waren die süddeutschen Zungen nicht gewachsen. Zwar im schlagenden Einfall war ihm Franz Lenbach, im leichten gesellschaftlichen Geplänkel die Baronin Hornstein ebenbürtig. Aber bei schärferen Redekämpfen fand sich niemand, der ihm die Stange hielt, und es war ein Schauspiel, Heyse in solchen Augenblicken zu sehen. Einer so bestechenden Dichterpersönlichkeit konnte eine begeisterte weibliche Gemeinde nicht fehlen, die ihm stets unbedingt beipflichtete und sich geistig ganz nach ihm gemodelt hatte. An der Tochter seines Freundes, der er bisher aus der Ferne eine Art literarischer Vormund gewesen war. fand 240 er aber im persönlichen Verkehr ein unlenksames Mündel. Zwar seinen Rat, keine Gedichte drucken zu lassen, ehe ein ausgereifter Band beisammen wäre, habe ich weislich befolgt und ihm zeitlebens gedankt. Im übrigen aber wehrte ich mich gewaltig gegen sein Übergewicht. Was er meinem Vater gewesen, in dessen verdüstertes Leben er den letzten tröstlichen Abendschimmer goß, konnte mich nur mit tiefer Dankbarkeit erfüllen, und ich war ja zur Verehrung für ihn geradezu erzogen worden. Auf beide Eltern hatte er einen unerhörten, bestrickenden und sie selbst beglückenden Zauber geübt: andere Freunde, die meine Mutter mit ihrem Überschwang necken wollten, sprachen von ihm nur als von »Ihme«. Allein wenn er mit meinem Vater zu Fuß durch die alten Städtlein und Dörflein Württembergs wanderte, voll feurigen Eingehens auf den älteren Freund und voll Freude an jeder Äußerung des Volkstums, so war er ein anderer als in seiner eigenen Umwelt, die fast einem Hofe glich, wo der Ton ein gedämpfterer war, wo alle Natur wie stilisiert erschien und das Leben sich nur in einwandfreierer Gestalt zu zeigen wagte. Heyse war ja zeitlebens auf den Höhen der Menschheit gewandelt, und sein tiefes Ordnungs- und Schönheitsbedürfnis zwang ihn, von dem dämonischen Untergrund alles Daseins, der Elend und Schuld gebiert, die Augen abzuwenden, dem Vernunftwidrigen aus dem Wege zu gehen. Er stand sogar solchen Verwicklungen, wie er sie in seinen Werken darzustellen liebte, im bürgerlichen Leben schroff gegenüber, wie mir übrigens ähnliches auch von Ibsen erzählt worden ist. Ging doch sein Sinn für das Herkommen so weit, daß er es richtig fand, seine eigenen Romane, die damals für sehr frei und den ganz Zurückgebliebenen sogar für unmoralisch galten, jungen Mädchen lieber nicht in die Hand zu geben. Von dem allem war der Geist, in dem ich aufgezogen worden, fast das gerade Gegenteil, und unsere Gespräche endeten daher meistens in ein kleines Scharmützel. So war ihm auch mein romantischer 241 Napoleonkultus höchlich zuwider, und er konnte sich bis zum Zorn, ja bis zur Ableugnung der titanischen Größe dagegen ereifern. Zwischen Gleichaltrigen hätten die Gegensätze zu einem fruchtbaren Austausch geführt, allein meiner Jugend stand ein Fertiger gegenüber, der sich die Welt auf seine Art ausgelegt und sein Weltbild der näheren und ferneren Umgebung, ja, man kann wohl sagen, einer ganzen literarischen Epoche seines Vaterlandes aufgezwungen hatte. Ich fühlte es auch bald selber, daß mein anfänglich ganz unbefangener Widerspruch wie Undankbarkeit erscheinen konnte – und beginnt nicht jede Entwicklung mit einer Auflehnung und einem Undank? – Darum hielt ich es nun, wo ich nicht mitgehen konnte, für passender, zu schweigen, aber das verletzliche Gewissen ließ mich dieses Verstummen als Unaufrichtigkeit empfinden und machte mich alsdann beklommen. So hatte ich von seiner Gegenwart häufig nicht den Vollgenuß, den mir sonst der Anblick einer so sieghaften Persönlichkeit bereitet hätte. Ganz wundervoll war Heyses Auftreten bei gesellschaftlichen Empfängen; ich dachte oft, daß hinter dem Dichter eigentlich ein hoher Diplomat stecke, und wahrlich, wenn solche nicht angelernte, sondern aus dem Innersten fließende Würde und Höflichkeit in Deutschland eine verbreitetere wäre, so stände es besser um das Ansehen der Deutschen in der Welt.

Grundverschieden von Heyse und doch ihm aufs innigste befreundet war mein engerer Landsmann, der von allen geliebte Dichter Wilhelm Hertz. Ein Stück edelsten Schwabentums, wurzelecht wie ein Erzschwabe, aber ins Weltschwabentum erweitert und erhöht. Die Uhlandsche Geisteswelt war in ihm wiedergeboren, nur ohne den Zug ins Altbürgerliche und ohne politische Richtung, ganz aufs Schöne gewendet. Jene edle Grenzmark der Poesie und Wissenschaft, in der man so tiefe, befreite Atemzüge tun konnte. Wo er erschien, da strömte seine untersetzte Gestalt mit dem keineswegs schönen 242 aber männlichen Gesicht eine Ruhe und Sicherheit aus, die wie unmittelbar aus dem Erdboden kam; man mußte sich fragen, ob er nicht in einem fernen Vorleben ein Baum gewesen sei, so einer mit tiefen Wurzeln und breitem Wipfel, und ob er nicht dunkle Erinnerungen an den Erdenschoß bewahre. In einer beglückenden wissenschaftlichen und dichterischen Tätigkeit und einer ungemein harmonischen Ehe lebend, erschien er als der Glückliche schlechtweg, bei dessen Anblick auch andere zufrieden wurden. Er war zugleich ein künstlerischer Genießer des Lebens, der aus jeder Gabe Gottes ihren vollen Wert zu ziehen wußte und der einen edlen Tropfen Weins auf der Zunge zergehen ließ wie einen Vers von Goethe. Wenn Hertz seine dunkle Stimme erhob, um sein Wort langsam und nachdrücklich ohne alles persönliche Schimmern in die Erörterung zu werfen, so war es, als hätten jetzt die Dinge selbst gesprochen und ihr wahres Wesen enthüllt, so daß gar keine Zweifel übrigblieben. Vor allem bewunderte ich den Gerechtigkeitssinn, mit dem er sich dem so leicht einreißenden Spott über Abwesende widersetzte. Er widersprach nur ungern und schonend; lieber erzählte er dann einen rühmlichen Zug aus dem Leben des Betroffenen, der diesen über jeden Angriff hinaushob. Hertz war mir ein glänzender Beweis, wie viel mehr Geist dazu gehört, die Vorzüge der Menschen zu sehen als ihre Fehler. Welch ein Meister der Geselligkeit er war, erfuhr ich freilich erst bei meinen späteren Aufenthalten, wenn ich an den Hertzschen Teenachmittagen teilnehmen durfte, die mir stets als Musterbeispiel edelster geistiger Bewirtung vorschwebten. Da war kein Ungefähr im Zusammenstellen der Gäste, alle verstanden und ergänzten sich, und nie ging die Zahl über die klassischen Neune hinaus. Der Hausherr hielt das Gespräch unmerklich in der Hand, daß es nicht zersplitterte und daß jeder der Geladenen sich nach seiner persönlichen Art entfalten konnte, während die Hausfrau ihn geräuschlos in den Pflichten des Wirtes 243 unterstützte. Da wurde die Luft so hell und rein, und die verschiedenen Stimmen klangen wie ein Konzert ineinander, daß für einen Augenblick die Welt ganz Harmonie war. Und das müßte ja der Zweck jeder edleren Geselligkeit sein. Zum Schlusse erschien dann immer noch eine Flasche Sekt, und die Gäste trennten sich auf dem Höhepunkt der Stimmung, die noch tagelang nachklang.

Eine weitere sehr ausgeprägte Persönlichkeit war der nach allen Seiten frondierende Maler, Poet und Artillerieoberst Heinrich Reder, ein begabter, eigenwilliger Mann, der sich wegen gesellschaftlicher Unstimmigkeiten von seiner ehemaligen Tafelrunde, dem Heyse-Hornstein-Kreis, in einen Schmollwinkel zurückgezogen hatte, zu dem ich aber wegen seiner Freundschaft mit unserer spanischen Freundin den Zugang fand.

So war es also mit der gesellschaftlichen Anlehnung trefflich bestellt, und im übrigen hieß es abwarten. Ich hatte nach einigen Erfahrungen an Münchner Zimmervermieterinnen mit Erwin eine kleine leere Wohnung zu ebener Erde an der Ecke der Karls- und Luisenstraße bezogen, die wir selber einrichteten. Das Essen ließen wir uns aus einer nahen Wirtschaft holen, es kostete damals nur 50 Pfennig für die Person, war aber auch danach. Gelegentlich kam von Hause eine Schachtel mit einem großen, von Josephine geschmorten Braten, der uns auf mehrere Tage sättigte. Als ich mir in der Au eine durch Frau von Hornstein empfohlene Zugeherin besorgen wollte, erlebte ich gleich zum Einstand ein sehr bezeichnendes Stück Münchner Volkstum. Im tiefen Schnee der Straße kam mir eine Jammergestalt laut klagend entgegen, mit Schlappen an den Füßen, im allerdünnsten Kattunröckchen und ebensolcher Bluse, Kopf und Hals bloß. Sie rief mich an, ob ich kein Dienstmädchen brauchen könne, sie sei in schrecklicher Not und wolle mir gewiß treu sein, wenn ich mich ihrer annehme. Ich konnte zwar die Leidensgeschichte, 244 die sie mir erzählte, nicht nachprüfen, nahm aber an, daß es meine Pflicht sei, sie zu retten. Also ließ ich die Gutempfohlene fahren und dingte die Zugelaufene, der ich außerdem noch 10 Mark Vorschuß geben mußte, um ihren von der früheren Herrschaft – ich weiß nicht weshalb – zurückbehaltenen Koffer auszulösen. Sie schrieb mir ihren Namen auf einen Zettel, das war meine Sicherheit. Natürlich wurde ich von den befreundeten Damen weidlich ausgelacht, ich ließ mich jedoch nicht irremachen, und siehe, am bestimmten Tage stellte sich das Mädchen, ein spindeldürres, scheinbar gelbsüchtiges und auszehrendes Geschöpf, in anständiger Kleidung bei mir ein. Ich brachte sie bei einer benachbarten Kramerin unter, die ihr gleichfalls Arbeit gab, und sie bediente mich längere Zeit gewissenhaft und anhänglich. Sie war jedoch eine geborene Streunerin und wurde des trockenen Tones bald satt, also verschwand sie eines Nachts geräuschlos durch das Fenster, um, wie die Kramerin sagte, »mit den Maurern zu gehen«; sie hielt es scheint's mit dieser ganzen Berufsklasse. Aber scheidend hatte sie noch für mich gesorgt, indem sie den Bäcker, die Milchfrau und andere Lieferanten beauftragte, mir morgens den Bedarf, den sie sonst abholte, vor die Tür zu stellen, ein Charakterzug, der mich mit ihrem Leichtsinn versöhnte.

In Erwartung meiner ersten Unterrichtsstunden brauchte ich nicht müßig zu gehen, sondern übersetzte in buchhändlerischem Auftrag die Geschichte der Kommune von Marx' Schwiegersohn Lissagaray, wozu mir meine in Frankreich gesammelten Kenntnisse des Gegenstandes nützlich waren; für militärische Fachausdrücke beriet mich Oberst Reder. Allmählich fanden sich auch einige Schülerinnen ein. Die erste war eine baltische Baronin, die ich im Italienischen zu unterrichten hatte, eine Dame von sehr großem Stil, die deshalb zu meinem Erstaunen von der Gesellschaft für eine bedeutende Persönlichkeit angesehen wurde, nach deren häufigen Migränen man mich 245 stets mit eifrigem Anteil befragte. Da sie mich oft weit über die Stunde hinaus festhielt, um sich über alles Erdenkliche auszusprechen, sah ich unter den schönen Verkehrsformen in eine geistig ganz unfruchtbare und schablonenhafte Natur hinein. Es war das erstemal, daß mir dieses Mißverständnis der Gesellschaft begegnete, daher es meiner Indianerseele als merkwürdig auffiel.

Bei weitem anziehender war eine geistig regsame und selbständige Schwedin, die sich bei mir im Deutschen üben wollte und die mir den Unterricht leicht machte, da ich mir nur von ihr den Faust und die Iphigenie vorlesen zu lassen und mit ihr über das Gelesene zu sprechen brauchte, wobei ich die Freude hatte, ihre Augen immer höher aufglänzen zu sehen. Sie bat sich von vornherein aus, daß ich sie im falschen Gebrauch der Artikel nicht stören dürfe, weil sie aus einer Familie stamme, in der bei hohem Bildungsstand niemand je mit dem Der, Die, Das zurechtgekommen sei. Ich war es zufrieden; die deutschen Sprachschnitzer meiner Schülerinnen klangen mir immer so drollig, daß es mir leid tat, sie schulmeisterlich berichtigen zu sollen. Noch besser verstand ich mich mit einer gleichaltrigen Amerikanerin, die sich ganz allein in Europa aufhielt, einem Geschöpf von kecker, knabenhafter Anmut, jungfrisch und so voraussetzungslos, als wäre sie eben aus dem Ozean gestiegen. Auch diese Liebenswürdige wollte, wie sie mir anvertraute, nichts als »ein Gespräch höheren Stils in deutscher Sprache führen lernen«, und der Unterricht bestand bei ihr wie bei der Schwedin darin, daß sie auf meinem Kanapee saß, um über Literatur und Verwandtes zu plaudern. Als sie entdeckte, daß auch ich ihre Lieblinge Burns und Byron liebte, war ihre Freude groß. Ich lernte ebenso von ihr wie sie von mir, denn ich horchte auf die Äußerungen amerikanischen Seelenlebens; das mir noch nie zuvor so nahe getreten war. Ich hatte dabei zum erstenmal den Eindruck, der sich mir bei späteren Beziehungen zu Amerikanern stets 246 wiederholte und vertiefte, daß der amerikanische Denkapparat viel einfacher eingerichtet sei als der unsrige und unsere verwickelteren Gedankengänge gar nicht mit uns gehen könne, daher unsere halb scherzhaften Paradoxen und unsere übertragenen Wendungen oft ganz naiv tatsächlich und buchstäblich genommen werden. Solch ein amerikanisches Gehirn erschien mir als ein jungfräulicher Grund, noch nicht durch die Denkarbeit früherer Geschlechter durchwühlt und vorbereitet und deshalb im geistigen Verkehr mit der kulturälteren deutschen Welt Mißverständnissen ausgesetzt.

Erwin, der die Malklasse besuchte, war mir ein guter Kamerad. Zwar kam er gern des Abends etwas spät nach Hause, wobei ich ihn zu erwarten pflegte, aber ich gönnte ihm die Freiheit und wußte ja auch hinlänglich, daß Ermahnungen in solchen Fällen nichts fruchteten. Dafür kam er auch einmal in die Lage, mich erwarten zu müssen, als ich ohne Hausschlüssel ausblieb, was ihm ein großer Triumph war. Ich hatte mich von Hornsteins überreden lassen, den Abend mit ihnen auf einem weitentlegenen Keller zu verbringen, weil ich das Münchner Kellerleben noch nicht kannte. Es wurde spät und später, ich konnte nicht mehr allein nach Hause und mußte ausharren bis zum Schluß. Zwei Herren, darunter Wilhelm Hertz, hatten denselben Heimweg, sie brachten mich vor meine Tür, aber jetzt war guter Rat teuer; wie hineingelangen? Hertz schlug mir einen Einbruch durch mein eigenes Fenster vor, wofür er seinen Rücken als Aufsteigschemel anbot; er meinte, einer geübten Reiterin müsse das Auskunftsmittel passen. Aber meine schönen Milchtöpfe, die auf dem inneren Fensterbrett standen, schon halb gestockt, die Hoffnung des morgigen Abends? Während ich noch zauderte, wurden sie plötzlich von innen leise weggestellt, und Erwins Kopf erschien, von allen mit Zuruf begrüßt. Es war der ganz unverhoffte Fall eingetreten, daß der Bruder früher als die Schwester aus dem Wirtshause gekommen war und 247 einmal seinerseits auf die Heimkehr der Nachtschwärmerin warten mußte.

Aber schöner als die schönste Geselligkeit war es doch, des Abends ganz allein im stillen Zimmer zu sitzen. Da kam ein Besuch, der von allen der willkommenste war, der unsichtbare »Andere«. Seit meinem Märchen für den kranken Bruder traute ich mir nun wirklich etwas zu, ich nahm also einen stärkeren Anlauf und versuchte es mit einer Novelle. Eine romantische Liebesgeschichte mit Treue in der Untreue nebst einer Anzahl nach der lebendigen Mustersammlung gemalter Nebenfiguren war leicht erfunden, Zeit und Gegend, in die ich sie verlegte, gaben Gelegenheit zu abenteuerlichen Begebnissen und zu weiten Landschaftsbildern nach meinem Herzen. Im Feuer des Gestaltens gönnte ich mir nicht einmal mehr die nötige Zeit zum Essen und Schlafen, aus Furcht, ich könnte etwa über Nacht wegsterben und mein Werk unvollendet hinterlassen. Jeden Morgen fühlte ich eine ganz besondere Genugtuung, noch am Leben zu sein und mich sogleich wieder an den Schreibtisch setzen zu können, um zu erfahren, wie die Geschichte weiterging. Denn dies wußte ich selber nicht, ließ es mir vielmehr von jenem Unsichtbaren gewissermaßen in die Feder diktieren. Es ging mit Windeseile, ganze Stöße beschriebenes Papier türmten sich auf, und wenn auf dem kleinen Tisch der Raum zu eng wurde, so schob ich, ohne aufzusehen, die Blätter über den Rand hinunter auf den Boden, um ja keine der kostbaren Minuten, wo die Esse glühte, zu verlieren. Im Schreiben verliebte ich mich selber in meinen Helden, in dem ich ein Stück dämonisches Übermenschentum hatte schildern wollen, und als er tot und die Geschichte zu Ende war, legte ich den Kopf auf den Tisch und weinte selige, befreite Tränen. Es war drei Uhr nachts am dritten Tag, nachdem ich zu schreiben begonnen hatte. Nun konnte ich endlich beruhigt zu Bette gehen.

248 Es ist schön, ein Geisteskind in die Welt zu setzen, aber wenn es hernach da ist und seine Geschicke auf die unsern einzuwirken beginnen, bekommt die Sache ein anderes Gesicht. Durch gewogene Freundesherzen, denen ich mich anvertraut hatte und die an der hervorgesprudelten Erzählung ein Wohlgefallen fanden, erfuhr Paul Heyse davon. Zu meinem größten Schrecken erschien er gleich in meiner Wohnung und begehrte als väterlicher Freund und Zensor, der über mein literarisches Heil zu wachen habe, die Novelle zu lesen. Ich verweigerte sie, denn ich wußte, daß ich von andern nichts lernen konnte, sondern abwarten mußte, was mir das Leben selber zu sagen hatte. Aber schon war er auf dem Schreibtisch der aufgestapelten Blätter ansichtig geworden, hatte sie blitzschnell, bevor ich es hindern konnte, in die Tasche gesteckt und suchte trotz meinem Widerspruch mit seinem Raub lachend das Weite. Mir schwante Böses, als ich des andern Tags durch einen Zettel zu ihm gerufen wurde, aber auf eine Strafpredigt wie die, womit ich empfangen wurde, war ich nicht gefaßt. Hätte er mir doch lieber den Rat gegeben, das Erzeugnis einzusiegeln und erst nach Jahresfrist wieder zu eröffnen, gewiß wäre mir hernach seine Unreife von selber aufgegangen, und die Handschrift wäre vermutlich ins Feuer gewandert. Allein er griff mich von der moralischen Seite statt von der künstlerischen an, indem er sich über die sittliche Anbrüchigkeit meines Helden wie über eine wirkliche Person entrüstete und die Behauptung vertrat, ein so gewissenloser Mann könne einer reinen Frauenseele keine Leidenschaft einflößen, wovon sich leicht aus Geschichte und Leben das Gegenteil erhärten ließ. Hier war gewiß der Brennpunkt all unserer Meinungsverschiedenheiten: er sah das Leben vernunftgemäß an und verlangte auch von der Dichtung widerspruchslose, gesetzmäßig aufzulösende Charaktere, während für mich zur inneren Wahrheit die Widersprüche mit gehörten. Niemand verstand es, wärmer und herzlicher zu loben als Heyse, wo 249 er innerlich einstimmte; umgekehrtenfalls konnte er aber unverhältnismäßig schroff werden, wie ich ihn diesmal sah. Wir stritten heftiger als je, und das kalte Sturzbad mitten in die ersten Schöpferfreuden hinein griff mich mehr an, als ich zeigen mochte. Aber heimlich dachte ich doch, erfundene Gestalten, die solchen Sturm entfesselten, könnten nicht ganz talentlos gemacht sein. Und nun geschah es in der Folge, daß die Novelle gedruckt wurde zu einer Zeit, wo ich schon darüber hinausgewachsen war und ihre Schwächen einsah, daß sie bei den Lesern mehr Anklang fand, als mir lieb war, und zu meinem größten Verdruß während einiger Jahre bald da, bald dort nachgedruckt wurde, ohne daß ich es zu hindern vermochte. Da ich vor lauter Ernüchterung nicht einmal mehr die Korrekturbogen gelesen, sondern sie schleunigst verkrümelt hatte, ging das Ding nun auch noch mit den irrsinnigsten Fehlern behaftet durch den Blätterwald. Nur der Umstand, daß ich damals schon in Italien lebte und daß von all den Menschen, die mir in den Straßen von Florenz begegneten, wohl niemand die Mißgeburt gelesen hatte, tröstete mich über den unerwünschten Erfolg.

Sobald die Münchner Sonne wärmer schien, war es mein erstes, mir zur Lust und den Tübinger Moralbegriffen zum Trotz Schwimmunterricht zu nehmen in der Würm. München besaß natürlich in dem durch einen Stellwagen mit der Stadt verbundenen Ungererbad schon seine Damenschwimmschule. Nach dreien Malen war es geschehen: ich konnte meine Schwimmblasen wegwerfen und mich vom Wasser tragen lassen; welch ein Hochgefühl! Aber noch ahnte ich nicht, wozu das binnen kurzem gut sein sollte.

Eines Tages stand Edgar wie aus der Pistole geschossen vor mir: er kam, von meinen Briefen angezogen, sich nach einem Wirkungskreis in München umzusehen. Die leidigen Verhältnisse wiesen ihn, der durchaus für eine glänzende wissenschaftliche Laufbahn geboren war, in die Praxis, 250 aber die Heimat hatte keine Verwendung für ihn. Stuttgart war überfüllt mit Ärzten, zum Landarzt paßte er nicht, in eine Kleinstadt noch weniger; auch legte man ihm seiner sozialistischen Gesinnung wegen überall Schwierigkeiten in den Weg. Zwei Tage hielt er sich in München auf, besuchte Kliniken und Ärzte, und ich gab mich schon der Hoffnung hin, ihn gleichfalls festwachsen zu sehen. Aber der dritte Tag machte diese Erwartung zunichte, er erklärte, daß München kein Platz für ihn sei. Ob die Umstände wirklich so ungünstig lagen oder ob der Drang nach einem ferneren, lockenderen Ziele ihn weitertrieb, weiß ich nicht. Edgar war kein Mann von langsamen Entschlüssen: ehe ich mich's versah, hatte er sich schon verabschiedet und fuhr Italien zu.

Das war im Frühjahr gewesen. Bevor der Sommer ins Land kam, hatte er sich ohne irgendwelchen Vorschub noch Gönnerschaft in Florenz eine ärztliche Stellung gegründet, und es war bereits beschlossene Sache, daß ihm Mama mit Balde, dem man durch ein südliches Klima das Leben zu fristen hoffte, dorthin nachfolgen sollte. Die Sorge für den Kranken hatte schon bestimmend auf die Wahl des Aufenthalts eingewirkt. Jetzt verband er sich mit der Mutter, um auch mich zum Anschluß zu bewegen. Dieser Vorschlag war wie ein Blitz, der in eine plötzlich erhellte wundersame Gegend blicken läßt, und nahm mir fast den Atem. Es ging ja gegen alle bürgerliche Vernunft, das wertvolle kaum Errungene schon nach drei Vierteljahren um etwas völlig Unbekanntes zu vertauschen. Allein die großen Entscheidungen des Lebens werden nicht durch die Vernunft getroffen, sondern durch das Dämonische in uns, das unsere Bedürfnisse besser kennt als wir selber. Ich habe sein Walten niemals bereut. Es entzog mich der damaligen deutschen Kulturphase, die keine schöne war, und ließ mich mein Weltbild ungetrübt aus dem eigenen Innern gestalten. Freilich forderte es einen hohen Preis dafür, indem es mich all der unberechenbaren Vorteile beraubte, die der 251 Zusammenschluß mit anderen gewährt. Ich hatte meinen künstlerischen Weg nun ganz allein, ohne Vorschub noch Anlehnung irgendwelcher Art, zu machen. Meine neuen Freunde schüttelten natürlich die Köpfe und hielten mir alle Bedenken vor, die mir schon selber aufgestiegen waren. Aber Edgar schrieb von den alten Palästen am Arno, von der Etruskerstadt Fiesole und von Sommern an dem nahen Meere. Das war es, was am stärksten zog; nicht die Kunst Italiens, von der ich noch wenig wußte, nicht die herrlichen Städtebilder, die man ja nicht wie heute schon aus ungezählten Abbildungen kannte, auch nicht im dunkeln Laub die Goldorangen beherrschten so meine Träume wie das blaue, unendliche Meer. Ich meinte, erst am Meere könne mein innerer Mensch sich vollenden. Der Wunsch, wieder mit den Meinigen vereint zu sein, und literarische Aufträge, die mich hoffen ließen, auch dort meine Selbständigkeit begründen zu können, zogen die Wage vollends nach dieser Seite herunter. Als ich der hoffenden und wartenden Mutter mein Ja geschrieben hatte und den Brief in einen Briefkasten der Briennerstraße werfen wollte, zuckte meine Hand noch einmal zurück. Ein plötzlicher Zweifel hatte mich befallen, und ich beschloß, die Frage noch einmal in die Hand des Schicksals zurückzulegen. Ich zählte die Fenster des Hauses auf Ja und Nein. Der Spruch hieß Ja, der Brief fiel in den Kasten, und ein großer Jubel erfüllte meine ganze Seele.

Bevor ich schied, erwarteten mich noch vierzehn köstliche Sommertage, die ich bei Hornsteins in Ambach am Starnberger See verbringen durfte. Des Morgens auf Feld und Wiesen entstanden kleine Lieder, die der Hausherr alsbald in Musik setzte und die des Abends schon von der gleichfalls als Gast anwesenden gefeierten Sängerin Aglaja Orgeniy am Klavier gesungen wurden. Die ganze übrige Zeit lag ich im See und genoß voraus die Wonne, daß ich künftig im Meere schwimmen würde! Ich erinnere mich, wie 252 einmal Ludwig II. in seiner glänzenden Karosse schnell wie ein Traumgedanke an unserem Badestrand vorüberrollte und wie die jungen Mädchen gleich Wasservögelchen in die Höhe fuhren, um ihm aus den Fluten ihren Knicks zu machen. Eine selige Losgebundenheit und überschwengliche Erwartung verzauberte mir die ganze Welt, und das neue Glück, dem ich entgegenging, verschönte das gegenwärtige, das ich verlassen sollte. 253

 

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