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Aus meinem Jugendland

Isolde Kurz: Aus meinem Jugendland - Kapitel 22
Quellenangabe
typeautobio
booktitleAus meinem Jugendland
authorIsolde Kurz
year1918
firstpub1918
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart/Berlin
titleAus meinem Jugendland
pages264
created20151108
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Unzeitgemäßes und was es für Folgen hatte

Noch einmal ging mir in der Heimat ein neues Leben auf, als ich meiner guten Mutter die Erlaubnis abgedrungen hatte, die Reitschule der Universität besuchen zu dürfen. Schon als Kind war ich auf jeden mir erreichbaren Pferderücken gestiegen, und da sich der Hausarzt meinem Wunsche anschloß, um mir bei dem seßhaft gewordenen Leben mehr Bewegung zu verschaffen, wagte sie nicht nein zu sagen. Die Reitschule war als akademische Anstalt nach damaligen Begriffen dem weiblichen Geschlechte verschlossen, daher nie ein Frauenfuß die Reitbahn betrat. Auch wurde mir eingewendet, daß die nur wenig zugerittenen Zuchthengste vom Landesgestüt in Marbach, die dem studentischen Reitunterricht dienten, nicht zu Damenpferden geeignet seien. Dies schreckte mich jedoch nicht ab, und der damalige Universitätsstallmeister Baron Sternenfels, der ein Mann von Welt war, kam meinen Wünschen aufs artigste entgegen. So saß ich denn eines Tages im Sattel, und binnen kurzem war es so weit, daß ich auf meinem friedlichen alten Ebor neben dem feurigen Othello des Stallmeisters gen Lustnau trabte. Und da der Lehrer mir nicht auf die Länge so viel Zeit allein widmen konnte, verband er von nun an meinen Unterricht mit dem der Schüler. Einmal neckte er mich, indem er mir am unteren Ende der Reitbahn den Platz anwies und dann einen plötzlichen Kavalleriesturm gegen meine Stellung befahl. Als Roß und Reiterin ruhig blieben, war er mit meinen Nerven zufrieden. Da sah man denn des öfteren einen langen Reiterzug durch die Straßen stampfen mit einem blonden Mägdlein an der Spitze neben dem Stallmeister, ein in Tübingen nie 228 dagewesener Anblick. Es tat mir leid, meinen Mitbürgern, die ohnehin an dem Tone unseres Hauses so viel auszusetzen fanden, ein erneutes Ärgernis geben zu müssen, allein ich konnte doch unmöglich warten, bis ihre Anschauungen sich so weit gewandelt hatten, daß sie an einer Dame zu Pferd keinen Anstoß mehr nahmen, was noch Jahrzehnte dauern sollte. Es wäre auch zu schade gewesen. Jene Morgenfrühen, wo es durch die schlafende Stadt hinausging in Felder und Wälder, die noch im Tau funkelten, und wo die Pferde mit Freudengewieher den weit aufgehenden Raum begrüßten, möchte ich nicht um vieles in meiner Erinnerung missen; es war ein Gefühl wie von Herrschaft über die Erde.

Im Stall befand sich ein stattlicher Rapphengst, auf den ich wegen seines schönen, rundgebogenen Halses mit der wallenden Mähne gleich ein Auge geworfen hatte. Er hieß Shales, war englisches Halbblut mit sehr gutem Stammbaum, aber persönlich ein launenhafter, tückischer Gesell, dessen ungute Charaktereigenschaften sich auch auf alle seine Nachkommen vererbten, daß im Landesgestüt noch lange danach die Bosheiten des Shalesschen Geschlechts wohlbekannt blieben. Einmal sperrte er mich, als ich ihm freundlich in seinen Stand ein Stück Zucker brachte, ein, indem er mir mit den Hinterbeinen den Ausgang verschloß. Kein Zureden half, auch die Reitknechte waren machtlos, erst die Kommandostimme seines Gebieters bewog ihn, mich wieder freizugeben. Ich war jedoch verliebt in den Shales und nahm ihm seine Unarten nicht übel. Und ich lag immer aufs neue dem Stallmeister in den Ohren, einmal den Shales für mich satteln zu lassen, was er als zu gefährlich ablehnte.

Eines Morgens kam meine Mutter noch im Dunkeln an mein Bett und bat mich dringend, nur heute nicht auszureiten: sie habe mich soeben im Traum auf einem durchgegangenen schwarzen Pferde gesehen, in wildem Galopp auf der Landstraße hinrasend. Ich beteuerte ihr, daß sie völlig ruhig sein 229 dürfe, weil der einzige Rappe, der in Betracht käme, mir noch ganz kürzlich rundweg verweigert worden sei. Das ängstliche Mutterherz wollte sich schwer zufriedengeben und blickte mir vom Fenster nach, solange ich mit der Gerte in der Hand, das lange Reitkleid über den Arm geschlagen – man trug damals noch die tief herabwallenden Reitkleider, die zwar sehr schön, aber auch sehr gefährlich waren –, die Kronengasse hinunterschritt. Im Reitstall fand ich einen der rotröckigen Knechte, der noch halbverschlafen zu meiner höchsten Überraschung soeben dem Shales den Damensattel auflegte. Er erzählte, in aller Frühe, noch beim Laternenschein, sei der Herr Baron herübergekommen und habe ihm so befohlen. – Heut können wir was erleben, brummte der Mann, der mit sichtlichem Widerstreben gehorchte, das Vieh ist hartmäulig und kommt ja fast immer ohne seinen Reiter heim. Blitzschnell schoß mir Mamas Traum durch den Kopf, doch das Wohlgefallen an dem stolzen Anblick des Tieres drängte das Bedenken zurück. Beim Ausritt hieß der Stallmeister mich in der Nachhut bleiben, allein der Shales setzte sich gewaltsam an die Spitze, und ich spürte gleich, daß ich ihn nicht im Zügel hatte. Auf der Straße hielt er sich noch gesittet, aber kaum waren wir in der Nähe des Waldhörnle auf Wiesengrund gekommen, der auch die anderen Pferde aufregte, so war es mit der Mäßigung des Shales vorbei, er brach quer über die Wiese los, erflog die Böschung und rannte mit mir auf der Landstraße unaufhaltsam gegen die Stadt zurück. Ich hörte noch den Befehl des Stallmeisters: Alle zurückbleiben! dann war ich schon weit hinweg. Kein Zügel wirkte das geringste, doch ich saß zum Glück fest und ließ den Shales in Gottes Namen rennen. Es war jetzt genau das Bild, das meine Mutter zwei Stunden zuvor im Traum gesehen hatte. Wir waren schon nahe an den Bahnschranken, wo die Sache kritisch werden konnte, da hörte ich endlich die Hufe des Othello hinter mir donnern, was 230 den Shales natürlich zu vermehrtem Laufe antrieb. Aber jetzt wurde er von einer Männerfaust gepackt und in den Zügeln gerüttelt und bekam von dem Gertenknauf des Barons einen Hieb um den andern auf seine arme Nase, bis ihm das Blut herunterlief und er endlich Vernunft annahm. Zu Hause schwieg ich von dem Vorfall, jedoch der Zügel hatte mir den dicken Lederhandschuh buchstäblich durchgesägt und in die Hand eingeschnitten, auch war mein linker Arm von der Anspannung so verschwollen, daß er vierzehn Tage lang unbrauchbar blieb; so kam Mama allmählich doch hinter die Sache. Es war nicht das einzige Mal, daß sie Dinge träumte, die unmittelbar danach geschahen. Diese Anlage zu Wahrträumen hatte sie auch auf mich vererbt, nur daß ihr der Traum den kommenden Vorgang klar erzählte, während er ihn mir in ein mehr oder minder durchsichtiges Symbol zu verschleiern liebte, das sich erst beim Erwachen enthüllte.

Bald nach dem Abenteuer mit dem Shales wurde zu meinem Leid Baron Sternenfels von einem Herzschlag jählings hinweggenommen. Sein Nachfolger, Rittmeister Haffner, war ein gemütlich derber alter Schnauzbart, dessen Ton von dem ritterlich vornehmen seines Vorgängers wesentlich abstach, der aber einen prächtigen eigenen Stall mitbrachte. Er war außer sich über die unlenksamen Zuchthengste, die jedesmal in den Frühjahrsmonaten bei ihrem eigentlichen Beruf auf den »Platten« wieder ganz verwilderten, auf denen er daher den Studenten keine feinere Reitkunst beibringen konnte. Seine Verzweiflung darüber pflegte sich in drastischer Weise zu äußern. Diese Hunde von Hengsten, schrie er einmal, blau vor Wut, als wieder alles durcheinander ging – und die Esel, die auf den Hunden sitzen, es ist eine Schweinewirtschaft!

Zoologie schwach, bemerkte ein neben mir reitender Mediziner.

231 Ich ritt nun die feingeschulten Tiere seines eigenen Stalles, was freilich eine ganz andere Sache war. Er besaß zwei edle arabische Hengste, den Schimmel Soliman, der für mich bestimmt wurde, und Abdel Kerim, den Goldfuchsen, den er zuerst ganz allein ritt, weil das Tier für schwierig galt und in der Tat unter seinem Herrn, den es nicht zu lieben schien, immer unruhig ging. Es hatte ebensolchen »Schwanenhals« wie der Shales und dazu die feurige Anmut seiner edlen Rasse. Mein Wunsch, auch einmal den Fuchsen besteigen zu dürfen, wurde anfänglich als unerfüllbar abgelehnt. Aber schließlich geschah doch, was ich wollte, und diesmal wurde mein Vertrauen nicht getäuscht. Der Araber war ein ritterlicher Charakter und völlig verschieden von dem undankbaren Shales. Er ging so gern unter der leichteren Last und der weicheren Hand, daß er fortan mein Leibroß wurde und sich willig auch von mir das Gebiß anlegen ließ. Das kluge Tier zeigte ein sichtliches Verantwortlichkeitsgefühl, sobald der lange Reitrock an ihm niederwallte, und machte niemals mit mir die geringsten Mätzchen. Es horchte sogar auf unser Gespräch, denn wenn ich halblaut den Stallmeister um die Erlaubnis zum Galoppieren bat, setzte es sich sogleich, ohne die Hilfen abzuwarten, in Galopp. Immer willig trug mich Abdel Kerim steile Waldeshänge hinauf und hinab bis in die Ausläufer des Schwarzwalds hinüber, bald durch seichte Wasserläufe patschend, bald über Wiesen hinfliegend, und wenn er sehr gut gelaunt war, so gab er im Schritt eigentümliche summende Töne von sich, die wie Gesang klangen. Wer nie die Welt von einem Pferderücken aus gesehen hat, der weiß nichts von dem Rausch des Raums, der die Sinne ergreift und sich mit dem aufsteigenden Dampf des Pferdekörpers zu einem halb göttlichen, halb tierischen Wonnegefühl mischt. Mein neuer Lehrer ritt fast immer mit mir allein, was mich in der Kunst sehr förderte. Er war stolz auf seine einzige Schülerin und liebte es besonders, mich bei der Rückkehr nach 232 der Stadt in so kurzem Galopp ansprengen zu lassen, daß sein Soliman daneben Schritt gehen konnte. Die Mähne meines prachtvollen Tieres wehte dabei hochauf und flog wie Goldstaub durch die Luft, die Hufe dröhnten und blitzten. Dieses Kunststück erschien den wackeren Bürgersleuten als eine gewollte Herausforderung und trug mir das grimme Mißfallen des damaligen Stadtoberhauptes ein. Unser Hauswirt, der wackere Pole Genschowsky, der mein besonderer Freund war, hatte alle Not, im Gemeinderat unsere Familie gegen die Maßregelungen in Schutz zu nehmen, mit denen der Hochmögende mir von Amts wegen das Reiten zu verleiden suchte. Die Gassenjugend war mir gleichfalls feindlich; diese kleinen Unholde gehören ja immer zu den stärksten Verfechtern des Vorurteils. Als ich später nach vieljähriger Abwesenheit wieder einmal aus der Fremde kam, betrachtete ich mit einer Art von Rührung die neuen, in der Straße spielenden Blondköpfe, weil von diesen wenigstens keiner je mit Steinen nach mir geworfen hatte. Einen Seelentrost aber trug ich davon, als eines Tages im Mühlgäßchen ein einfacher Mann mich ansprach, um mir zu sagen, er sei ein alter Unteroffizier der Kavallerie und er fühle sich gedrungen, mir wegen meiner Zügelführung seine Hochachtung auszusprechen. Das fachmännische Lob tröstete mich über viele Kränkungen.

Mein Griechischlernen hatte die Gemüter auch nicht milder gegen mich gestimmt. Ich hätte diesen Schatz ja gerne als tiefstes Geheimnis gehütet, wäre das bei dem Temperament meiner Mutter möglich gewesen. Unwissenheit galt damals noch als besondere Zierde der deutschen Jungfrau, die noch ganz unter dem Banne des Gretchenideals stand; an keinerlei geistigen Dingen durfte sie irgendwelchen Anteil äußern, und große Namen mußten ihr so ungeläufig sein, daß sie mit der Zunge darüber stolperte. Schon Hamlet kannte den Pfiff. »Ihr stellt euch aus Eitelkeit unwissend, gebt Gottes Ebenbildern verhunzte Namen.« Wenn Frauenlyrik an die 233 Öffentlichkeit trat, so mußte sie ganz zahm und hausbacken sein oder in formlose Empfindelei zerfließen. Heyse und Bodenstedt bemühten sich damals vergeblich, ein paar Gedichte von mir in ich weiß nicht mehr welchen Almanach zu bringen. Der Verleger verweigerte die Aufnahme, er fand die Sprache für ein junges Mädchen zu kraftvoll. Da war es denn schließlich auch kein Wunder, wenn die gute Stadt Tübingen sich dagegen auflehnte, daß es in ihren Mauern eine Familie gab, die ihre einzige Tochter unter geistigen und körperlichen Übungen aufwachsen ließ wie ein Fürstenkind der italienischen Renaissance oder sagen wir schlechtweg: wie ein junges Mädchen des damals noch ungeborenen 20. Jahrhunderts.

Ein Tropfen brachte endlich die Schale zum Überfließen. Wenn ich in den heißen Sommern so Tag für Tag die Brüder zu dem großen Schwimmbecken, genannt die Badschüssel, eilen sah, während die Damen sich mit den engen Badehüttchen am Neckar begnügen mußten, ohne Gelegenheit, das Schwimmen zu erlernen, stieg in mir nach und nach der umstürzlerische Gedanke auf, den Senat zu bitten, daß wenigstens an einem Tag der Woche, und wäre es auch nur für eine Stunde, das Schwimmbad den Männern verschlossen und dem weiblichen Geschlecht zur Verfügung gestellt werde. Der städtische Schwimm- und Turnlehrer und eine liebenswürdige junge Professorsgattin von auswärts waren meine Mitschuldigen. Den beiden schadete es in der öffentlichen Meinung weiter nichts, die ganze Entrüstung wandte sich gegen mich als die Anstifterin des unsittlichen Vorschlags. Wie, man wollte die Phantasie der männlichen Jugend beim Baden durch die Vorstellung vergiften, daß in diesem selben Wasserbecken sich kurz zuvor junge Mädchenleiber getummelt hatten? Und wenn gar einer oder der andere sich im Gebüsch verstecken würde, um heimlich dem Schwimmunterricht der Damen zuzusehen? Der Untergang aller guten Sitten stand vor der 234 Tür, wenn mir gestattet wurde, dem Unwesen des Reitens, dem man nicht hatte steuern können, das noch ärgere des Schwimmens hinzuzufügen. Eine würdige Matrone übernahm es, mir im Namen sämtlicher Mütter und sämtlicher Töchter ihr Quousque tandem, Catilina! – zu deutsch: Wo hinaus mit dir, du Schädling am Gemeinwesen? – zuzurufen. Es war einer der schicksalsvollen Augenblicke, wo ein kleiner Anstoß eine lange verzögerte Absicht zum Durchbruch bringt. Sie hatte noch nicht ausgesprochen, so stand in mir der Entschluß fest, nunmehr Tübingen auf ganz zu verlassen.

Es war hohe und höchste Zeit, daß einmal ein entscheidender Lebensschritt geschah, von dem bisher nur die Wärme des mütterlichen Nestes den flügge gewordenen Vogel zurückgehalten hatte. Ein Puff war dazu nötig, und ich danke es der wackeren Kleinstädterin von Herzen, daß sie ihn mir gab. Ich hatte ja doch allerlei gelernt, Sprachen und anderes, womit ich auswärts ebensogut und besser vorwärts kommen konnte als daheim. Wohin ich wollte, wußte ich gleichfalls, denn ich hatte schon bei wiederholten Besuchen in München den Boden abgetastet und die Hoffnung geschöpft, dort Fuß fassen zu können. Daß Erwin mir dorthin vorangegangen war als Zögling der Akademie der bildenden Künste, erleichterte meiner Mutter die Trennung, denn sie konnte die Geschwister eins in des anderen Obhut empfehlen. Auch ich riß mich getrosten Mutes los, weil sie mich als Stütze in häuslichen Stürmen nicht mehr brauchte. Es gab deren keine mehr. Edgar und Alfred, die ehemals feindlichen Brüder, begannen jetzt in ihre lebenslange Freundschaft hineinzuwachsen. Und an unseres Balde Krankenbett waren die beiden Mediziner nützlicher als ich.

Der arme, so liebenswürdig angelegte Junge, der in der Pause zwischen den Krankheitsstürmen ängstlich geschont und gehütet werden mußte, hatte rein gar nichts von seinem jungen Leben als die aufopfernde Liebe seiner Mutter. Diese nahm 235 er mit der Naivität des Kranken ganz für sich in Beschlag. Wenn er nicht selber lesen konnte, worin er unermüdlich war, so mußte sie ihm Tage und halbe Nächte lang vorlesen oder Geschichten erzählen. Zuweilen durfte ich sie ablösen. Ich vereinfachte dann das Verfahren, indem ich das Buch, das er zu kennen verlangte, rasch durchflog und ihm den Inhalt erzählte. Eines Tages wünschte er, daß ich ihm Bret Hartes Goldene Träume, eine im »Novellenschatz des Auslands« erschienene Goldgräbergeschichte, vorlese. Da mir die Zeit dazu gebrach, gab ich vor, das Buch schon zu kennen, und erzählte ihm schlankweg ein Märchen von goldenen Träumen, das ich aus dem Stegreif erfand. Dieses Märchen machte ihm so viel Vergnügen, daß ich es immer aufs neue erzählen und schließlich mit denselben Worten für ihn niederschreiben mußte. Es war das erstemal, daß ich in Prosa schrieb; ich hatte bisher geglaubt, mich nur metrisch ausdrücken zu können. Ohne des kranken Bruders innige Freude an den Goldenen Träumen, die den Anfang meines späteren Märchenbuchs bildeten, wäre ich vielleicht nie auf diesen Weg gekommen.

Auf dem Friedhof war unterdessen das Denkmal nach meinen Wünschen aufgerichtet worden: inmitten einer schönen Tannengruppe stand auf hohem Sockel die trauernde Muse, die mit ihrem Lorbeer so viel Unverstandensein zu vergüten suchte. Auf der Vorderseite des Sockels blieb zunächst noch ein Raum frei, den Erwin später, als er Bildhauer geworden war, mit einem Reliefbildnis unseres Vaters in Terrakotta ausfüllte. Das Denkmal hatte zusamt den Nebenausgaben die tausend Gulden meines ersten großen Honorars verschlungen, und ich ging mit leeren Händen, aber mit der unverwüstlichen Zuversicht der Jugend in mein neues Leben hinein.

Einer der letzten Abende in Tübingen bleibt mir unvergeßlich. Eine Freundin von auswärts, die ihr Herz an Edgar 236 verloren hatte und, vor einer entsagungsvollen Verlobung stehend, ihn noch einmal sehen wollte, war mit dabei. Wir gingen zu dreien im Walde von Bebenhausen spazieren. Von der Stimmung der beiden, die sich unter Scherzworten Tieferes sagten, worauf ich nicht sonderlich achtete, ging eine seltsame Verzauberung aus. Mich brachten sie durch Vorspiegelung von einem unsagbar geheimnisvollen Etwas, das unter diesen Bäumen warte, dahin, daß ich mit offenen Augen träumte und mich immer tiefer in den Wald verschleppen ließ. Auf einer mondumflossenen Lichtung sollte mein Lieblingsroß grasen, es würde sich, wenn ich käme, neigen, um mich aufsteigen zu lassen und mich ins Reich der Wunder zu tragen. Eine Stimmung wob durch die Blätter wie auf Böcklins Schweigen im Walde. Rufe ihn, sagten sie. Abdel Kerim! Abdel Kerim! rief ich und eilte mit ausgestreckten Armen vorwärts. Die beiden lachten hinter mir her wie toll, ich glaube, sie küßten sich hinter meinem Rücken, die Schelme. 237

 

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