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Aus meinem Jugendland

Isolde Kurz: Aus meinem Jugendland - Kapitel 21
Quellenangabe
typeautobio
booktitleAus meinem Jugendland
authorIsolde Kurz
year1918
firstpub1918
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart/Berlin
titleAus meinem Jugendland
pages264
created20151108
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Wieder bei den Griechen

Im Jahr, das auf meines Vaters Tod folgte, kam Ernst Mohl von einer Hofmeisterstelle in der Pfalz noch einmal zur Vollendung seiner Studien auf kürzere Zeit nach Tübingen zurück. Und jetzt machte dieser Freund meiner Tugend, der stets für die Bedürfnisse meiner Natur das meiste Verständnis gezeigt und mich durch seinen Glauben gestützt hatte, mir ein Geschenk, das mich auf alle Jahre meines Lebens bereichern und erheben sollte: er unterrichtete mich im Griechischen.

Den Homer in der Ursprache zu lesen, war mein alter Wunsch, allein die Zeit, die vor uns lag, war knapp, und ich zweifelte, ob es möglich sein würde, in der Schnelligkeit so weit zu kommen. Der unternehmende Lehrer aber war seiner Sache sicher. Wir begannen nach kurzer Vorbereitung mit dem Xenophon, der mir durch seine immer wiederkehrenden Wendungen schnell einen gewissen Wort- und Formenschatz übermittelte. Während des Sommers wurden vier Bücher der Anabasis gelesen. Dann unterbrach eine Reise nach Wien die Studien, die noch kaum zwei Monate gedauert hatten. Als ich, erfüllt von den Eindrücken der Kaiserstadt, vom Burgtheater mit der Wolter und Lewinsky und nicht am wenigsten vom Wurstlprater, zurückkehrte, wurde das Griechische frisch aufgenommen. Und zwar ging es jetzt ohne weiteres ans Ziel meiner Wünsche, die Ilias, die mir von den beiden wunderbaren Gedichten immer das unvergleichlich höhere war. Die Begeisterung für den Inhalt trieb uns mit Sturmschritten vorwärts. Am ersten Tag wurden fünfundzwanzig Zeilen gelesen, am nächsten fünfzig, am dritten hundert, und jeden Tag wurde nun die Zahl verdoppelt, bis wir dahin kamen, in einer jeweiligen Sitzung einen ganzen 221 Gesang aufzuarbeiten, wenn es auch bis zum Abend dauerte. Da der Umtrieb im gemeinsamen Wohnzimmer dabei zu störend war und die sparsame Josephine in dem kalten Frühwinter kein zweites Zimmer heizen wollte, brachte der eifrige Lehrer zuweilen ein paar Scheiter aus seinem eigenen Vorrat unter dem Mantel mit, was dann doch die Strenge der sorgenden Schaffnerin zum Schmelzen brachte, daß sie uns ein ruhiges Lernstübchen wärmte. Unbeschreiblich war mein Entzücken am Urtext meiner Lieblingsdichtung. Der treffliche alte Voß hatte mir ja mit dem Inhalt wohl auch die Ehrwürdigkeit der homerischen Sprache übermittelt, aber er konnte nur ihr Alter wiedergeben, nicht ihre Jugend, weil ihm keine junge Sprache zur Verfügung stand. Wie anders klang das alles nun im Griechischen! Aus jedem Wort und jedem Partikelchen strömte Jugend herein, eine Jugend, wie es seitdem keine mehr auf der Welt gegeben hat. Oft war es, wie wenn ein Kind in seiner bilderhaften Unschuldsprache Dinge redet, in denen sich ein höherer Sinn spiegelt. Da, wo Hektor die Warnung des ungünstigen Vogelflugs zurückweist, läßt Voß den Helden antworten:

Ein Wahrzeichen nur gilt: fürs Vaterland tapfer zu kämpfen.

Wacker und gut. Aber wie lautete nun die Stelle bei Homer?

Εἰς οἰωνὸς ἄριστος ἀμύνεσϑαι περὶ πάτρης.
(Ein Vogel ist der beste: die Heimat beschirmen.)

Es war, als ob mitten in dem harten deutschen Frostwetter der schöne griechische Vogel leibhaft zum Fenster hereingeflattert käme, daß ich vor Überraschung einen Schrei ausstieß. In nicht mehr als dreißig Tagen wurde die ganze Ilias mein, eine Meisterleistung des Lehrers, die ihm später niemand glauben wollte. Die Brüder, die mindestens ihre vier Jahre im Gymnasium hatten schanzen müssen, bevor sie überhaupt an den Homer kamen, schüttelten ungläubig die Köpfe und 222 ärgerten sich doch zugleich ein wenig über die von ihnen verbrauchte Zeit; besonders Alfred rächte sich am Lehrer und an der Schülerin durch spöttische Bemerkungen. Allein wir ließen uns nicht stören. Wenn es auch etwas holterpolter durch die Grammatik ging, so war doch der Lehrer zu gewissenhaft, um meine Findigkeit im Erraten des Sinnes durchgehen zu lassen; es mußte jede schwierige Form vorgenommen und genauer untersucht werden, bevor er meine Ungeduld weitereilen ließ. Daher mir trotz dem von den Brüdern bemängelten Laufschritt der Geist der Sprache recht wohl aufging, wenn ich auch natürlich in der Grammatik nicht sattelfest werden konnte wie sie. Aber ein wie viel größerer Lebensgewinn floß mir aus den karg bemessenen Studien zu, als ihnen die dauerhaftere Kenntnis der unregelmäßigen Verba und der sichere Gebrauch des Aorists gewähren konnte. Meine glückseligen Kindertage kamen mir noch einmal in verstärktem Glanze zurück. Da stand wieder das unsterbliche Roß des Achilleus, wie es die wallende Mähne trauernd durch das Joch senkt, während es dem Halbgott sein nahes Ende verkündigt. Und ich verstand jetzt klarer, was mich am Bilde dieses Helden von jeher so einzig gefesselt hatte: daß es keine höhere Verkörperung des Idealismus durch die Poesie gibt als ihn. Sämtliche Gestalten der Ilias sind nach dem Leben gebildet von dem vielredenden Nestor bis zu dem rohen Draufgänger Diomedes, von Odysseus ganz zu schweigen, aus dem der griechische Mensch mit seinem geschichtlichen Charakter blickt. Achill allein ist nicht aus der Erfahrung, sondern aus der Seele geholt. In ihm sehen wir, wie das adligste aller Völker sich den adligsten aller Menschen dachte. (Die griechische Geschichte hat nur einen hervorgebracht, der an ihn erinnert: Alexander, in dem man mitunter die bewußte Angleichung zu spüren glaubt.) Als Sohn der zartesten Göttin verbindet der Heros das Feingefühl mit dem Dämonischen und erscheint durchweg auf das 223 Gemütsleben gerichtet. Nicht die Taten des Achilleus will Homer singen, sondern seinen Zorn. Darum wird er nur gegen das Ende kämpfend eingeführt, während man die andern immer beim Totschlagen sieht. Indes jene würgen, sitzt er am Meer und spielt die Leier, aber es ist dafür gesorgt, daß wir nicht vergessen, wie ohne ihn nichts Rechtes geschehen kann. Jedes Lob der andern wird eingeschränkt durch den Zusatz »nach dem tadellosen Achilleus«, wie der König von jedem Zins den Löwenanteil empfängt; nur die Schlauheit wird ihm abgesprochen: sie gehört der niederen Menschheit, nicht ihrem Idealbilde an. Er allein von den Helden Homers ist über das Irdische erhaben und dadurch den Göttern ähnlich. Er bedarf der Nahrung nicht, wenn seine Seele in ihren Tiefen aufgestürmt ist, während Odysseus als der hochbegabte, aber innerlich gemeine Mensch keinen Augenblick des Leibes Notdurft vergißt. Alle die andern gieren als naive Naturmenschen nach Gewinn, der Sohn der Thetis schätzt Beute und Sühnegeschenke nur um der Ehre willen und nimmt auch hierin das spätere Ritterideal voraus. So erscheint auch seine ganze Umgebung durch ihn veredelt, indem sie sich ihm angleicht, und sie wirft ihren Adel auf ihn zurück. Patroklos vor allen, »so sanftgesinnt und so tapfer«, ist wie die schwächere Verdoppelung eines Regenbogens, ihm in allem ähnlich, aber weniger als er. Für ihn allein geschehen Wunder: von seinem unbeschützten Haupt lodert die Feuerflamme Athenes, das unsterbliche Roß gewinnt Sprache, der kunstfertige Gott schmiedet ihm die Waffen im Schweiße seines Angesichts. Aber all diese Vorrechte genießt er nur, weil er das Leben, das ihm so hold ist, wegwirft, um seinem Herzen zu genügen.

Wie weise der Dichter ihn vom Kampfe aufspart bis zuletzt; der Held wäre gemein, wenn er jetzt nicht, um den Freund zu rächen, über alle Schranken ginge, daß seine Taten mit denen der anderen in gar keinen Vergleich mehr gebracht werden können. Sein Kampf mit dem Stromgott ist ein 224 Stück antiker Romantik inmitten der Sachlichkeit Homers. Der tobende Ausbruch des Helden muß seine nachfolgende schöne Menschlichkeit dem Gemüte desto lebendiger machen, während er doch auch in seinen weichsten Augenblicken noch der Gefährliche bleibt und selber vor dem Dämon, der ihn fortreißen könnte, warnt. Wie er mit dem alten Priamos im Zelte sitzt und die zwei Todfeinde über den Jammer des Kriegs, dessen Opfer sie beide sind und dem sie bei aller Macht keinen Einhalt zu tun vermögen, zusammen weinen, das ist vielleicht das Größte, was der Dichtung jemals gelang.

Auch die homerische Landschaft, die so wunderbar an das Raumgefühl spricht, wirkte mächtig auf die Einbildung. Die Skamanderebene mit den gemauerten Gruben für die troischen Wäscherinnen, wie ich deren später in südlichen Landen viele sehen sollte, und dem ehrwürdigen Male des Ilos, das in eine graue Zeitenferne zurückweisend dadurch die dargestellte Gegenwart so jung und so lebendig macht, das nahe Rauschen der Meerflut, aus der die Thetis steigt, die geheimnisvolle südliche Nacht, die bei dem Schleichgang des Dolon um die Griechenzelte webt: dies alles wurde zur persönlichen Nähe und weckte ein unauslöschliches Verlangen nach dem Boden, aus dem jene ewigen Gesänge gestiegen sind. Damals gaben Lehrer und Schülerin sich das Wort, wenn einmal beide es im Leben zu etwas gebracht hätten, zusammen Griechenland und die Inseln zu bereisen. Ein Menschenleben mußte vergehen, bevor das Gelübde erfüllt werden konnte. Als es endlich dahin kam, hielt der griechische Boden noch mehr, als er versprochen hatte, und war zugleich so vertraut, als ob man eine lange vermißte Heimat wiederfände: aus Landschaft und Kunst blickte mich wie durch einen verschönernden Spiegel die deutsche Seele mit an. Vor den noch erhaltenen Werken der großen Zeit ging mir ganz plötzlich das Geheimnis der Griechenkunst auf: daß sie nicht um der Kunst willen da war, sondern um der Religion und dem 225 Vaterlande zu dienen und das Band der Einheit fester zu schlingen. Der griechische Boden predigt mit tausend Zungen, daß kein Mensch sich geistig außerhalb des eigenen Volkstums stellen kann. Und die Hellenen, die mir so oft Lehrmeister gewesen waren, lehrten mich auch, nach einem im Ausland verbrachten Leben wieder Deutsche zu werden.

– – Wir erleben zur Zeit in der erhöhten völkischen Stimmung wieder einmal einen Ansturm auf die Pflege der Alten. Denen, die da meinen, daß die Beschäftigung mit den Griechen das Gefühl des Deutschtums gefährde, möchte ich einmal sagen dürfen, daß gerade das Gegenteil der Fall ist. Wo der Geschmack nicht von Jugend an auf den großen Stil eingestellt und durch die ewigen Vorbilder des Schönen gefestigt ist, da dringen die ausländischen Modeströmungen am leichtesten ein. Die Französelei unserer Damenwelt hängt eng damit zusammen. Man geht dann ebenso wie an den Griechen an Goethe und Kleist vorüber und nährt sich vom billigen Tageserzeugnis, das allerdings vom Ausland geschickter und besser geliefert wird als von der einheimischen Mache. Dadurch geht viel jugendliches Streben einer echten deutschen Bildung verloren.

Wenn die deutsche Jugend die Urverwandtschaft zwischen Griechen- und Germanentum nicht mehr versteht, so liegt es freilich an der Art, wie sie zumeist mit Homer und den Tragikern bekanntgemacht wird. Seit den Tagen des heiligen Augustin war die Schule aller Länder bestrebt, aus den Griechenwerken die Seele herauszublasen und die Schüler mit der leeren Schale zu peinigen. Die großen Alten selber haben am wenigsten dabei zu verlieren, wenn man sie aus dem staatlichen Unterricht verdrängt. Sie können es abwarten, daß wieder einmal junge Seelen mit neuen Entdeckerwonnen in ihr Heiligtum der ewigen Jugend eindringen. –

Nach Beendigung der Ilias lasen wir noch in ähnlichem Zeitmaß die Antigone und Bruchstücke aus den Lyrikern. 226 Aber der Agamemnon des Äschylos, nach dem mich gleichfalls verlangte, entmutigte mich bald durch seine Schwierigkeiten, und auch den begonnenen Aristophanischen Wolken zeigte sich meine Sprachkenntnis nicht gewachsen.

Um die Weihnachtszeit verließ uns Ernst, um nach Rußland zu gehen. Sein Abschied war ein kleines Fest. Mama, die ihre Rührung nicht zeigen wollte, zerdrückte ab und zu im Nebenzimmer eine Träne. Der Scheidende wollte beim Aufbruch ein paar bewegte Worte sagen, aber seine Schülerin schob ihm, als er den Mund öffnete, schnell ein Stück Kuchen hinein und stopfte, während er damit rang, ein zweites nach, daß er zwischen Lachen, Weinen und Kauen nicht mehr zum Sprechen kam. So schied dieser treueste meiner Jugendfreunde auf Jahrzehnte aus meinem Leben.

Das Griechische wurde danach noch eine Zeitlang unter anderer Leitung, aber mehr im philologischen Sinne fortgesetzt, wobei die Poesie hinter der Grammatik zurücktrat. Dagegen gaben Edgar und ich uns das Wort, inskünftige, solange wir noch beisammen wären, jedes Jahr die Antigone gemeinsam in der Ursprache zu lesen, wozu es jedoch nur einmal und bruchstückweise kommen sollte. Mir aber waren und blieben die Griechen mehr als bloße Wegweiser des Schönen; diese herrlich strengen, jeder Willkür abholden Lehrmeister wurden mir auch Erzieher fürs Leben. Sie bildeten mein seelisches Rückgrat, denn in der unbegrenzten Freiheit, in der ich mir selber Maß und Gesetz suchen mußte, wäre ich vielleicht ohne sie zerflattert. Sie warnten mich auch, den Fuß nicht allzu fest auf die Erde zu setzen und das Auge nie vor den schaurigen Abgründen zu verschließen, an denen die Blumen des Lebens blühen. 227

 

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