Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Isolde Kurz >

Aus meinem Jugendland

Isolde Kurz: Aus meinem Jugendland - Kapitel 20
Quellenangabe
typeautobio
booktitleAus meinem Jugendland
authorIsolde Kurz
year1918
firstpub1918
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart/Berlin
titleAus meinem Jugendland
pages264
created20151108
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Der 10. Oktober

Während die Geister der Jugend im stärksten Brausen waren und noch kaum irgendwo die Linien einer künftigen Entwicklung hervortraten, neigte sich das Leben des Vaters still und unbemerkt zum plötzlichen Ende. Ich sollte ihn verlieren, ohne der Schätze, die er zu geben hatte, anders als durch die Luft, die ihn umwehte, teilhaft geworden zu sein. Einen zärtlicheren Vater hat es nie gegeben. Er liebte alle seine Kinder mit gleicher Stärke, ich aber war ihm mehr als bloß ein heißgeliebtes Kind, er glänzte auf, wenn ich nur ins Zimmer trat, denn in der einzigen Tochter sah seine abgöttische Zärtlichkeit die Harmonie der Dinge selbst, den Beginn der Ordnung im Chaos. Bei seiner hohen Schätzung des weiblichen Geschlechtes sprach er mit mir gar nicht wie der Vater mit seinem Kinde, sondern wie ein Ritter mit der Dame seines Herzens. Aber gerade das hatte zur Folge, daß ich geistig nicht so viel von ihm empfangen konnte, wie es für beide Teile wohltuend gewesen wäre. Bei ihm gesellte sich zu einer angeborenen Zurückhaltung, die der fast mimosenhaften Zartheit seiner Seele entsprach, die Scheu, der inneren Entwicklung vorzugreifen, daher ich meistens nur ahnte, aber es nicht aus seinem Munde wußte, wie er selber die Dinge ansah. Diese Scheu wirkte nun aber hemmend auf mich zurück, daß ich nicht wagte, ihm von dem zu reden, was eigentlich in mir vorging. So fand ich auch nicht den Mut, mit ihm über seine Werke zu sprechen, die mir doch längst vertraut waren, und wie wohl hätte dem Unverstandenen diese Teilnahme getan! Die Schweigsamkeit, die ich von jeher an ihm kannte, ließ mich den Weg nicht finden, und den Brüdern ging es, wie 211 sie mir später gestanden, ebenso. Immer verschob ich, was ich ihm gerne sagen wollte, bis es plötzlich zu spät war. Er selber war ja ohne Familie aufgewachsen und hatte sich erst in vorgerückteren Jahren, nach einer Jugend voll Kampf und Entbehrung, verheiratet; so trat er schwer mehr aus der inneren Einsamkeit heraus. Und das drängende junge Wachstum überwucherte nun fast den edlen Stamm. Vor allem stand der Altersunterschied von vierzig Jahren einem so unmittelbaren Austausch wie mit der Mutter entgegen. Manches Wort von ihm, das wie ein Lichtstrahl auf die Dinge fiel, würde mir erst im späteren Leben richtig ausgegangen sein, hätte das ungetreue Gedächtnis mehr davon bewahrt. So fragte ich ihn einmal über das Hohelied: Was meint nur Salomo, wenn er sagt: Du bist schön wie der Mond und schrecklich wie Heeresspitzen? Da lächelte der Dichter: Dem Liebenden ist der Anblick der Geliebten immer furchterregend. Das klang mir ganz sibyllinisch, weil ich die Macht, von der die Rede war, selber noch nicht erfahren hatte.

Daß ich ihn verlieren könnte, trat mir nie so recht deutlich vor die Seele, benommen, wie ich war, von der steten Sorge um die Mutter. Es kamen ja jetzt die Tage, wo sie ganz in der Pflege ihres herzkranken Jüngsten aufging, sich nicht mehr schlafen legte und niemals von ihrer geliebten Pflicht abgelöst sein wollte. Sie alterte und wurde bleich wie ein Schemen; freilich genügte dann ein Wort, das in ihrem Innern zündete, sie augenblicks zu verwandeln und zu verjüngen. Der Vater aber stand noch hoch und aufrecht, mit den ersten Schneeflocken in Haar und Bart und dem immer wieder hervorbrechenden Glanz der Augen. Der heiße Sommer 1873 brachte eine ängstigende Erscheinung. Geistige Anstrengung und ein leichter Sonnenstich hatten eine Überreizung des Gehirns verursacht, die ihn rastlos umtrieb. In diesem Zustand wollte er nur mich um sich haben, weil er bei mir die 212 Ruhe fand, die seinen Nerven nottat. Täglich machten wir damals zusammen lange, stürmende Gänge über Felder und Wiesen, die ihn zu erfrischen schienen. Dabei erlebte ich einmal einen heftigen Schrecken, als auf dem Heimweg unter dem Museum ein stark angetrunkener Korpsstudent mir mit glasigen Augen allzu frech ins Gesicht starrte und mein Vater auf ihn zutrat, wie um ihn zu zermalmen; zum Glück rissen die Kommilitonen den Berauschten weg. Mit Eintritt der kühleren Jahreszeit schien sich das Leiden zu bessern. Aber ich erinnere mich noch gut, daß die Bangigkeit nicht mehr aus meiner Seele wich, Angstträume suchten mich heim, ich fühlte in allen Nerven das Heranrücken eines Unglücks, wußte aber nicht, von welcher Seite es erwarten, denn der Sorgen waren so viele. Da kam der verhängnisvolle 10. Oktober, der uns den Vater unvorbereitet und ohne Abschied hinwegnahm.

Ich weiß nicht, ob es Seelen gibt, die imstande sind, einen jähen, unermeßlichen Verlust, besonders wenn es der erste ist, augenblicklich mit seiner ganzen Schwere ins Bewußtsein aufzunehmen. Wenn ich später Menschen in solchen Fällen sogleich in ein verzweifeltes Weinen ausbrechen sah, so blieb es mir immer ungewiß, ob dies nicht eher eine Abwehrbewegung gegen die Erkenntnis oder gar ein unbewußt vollzogenes Herkommen sei. Ich jedenfalls konnte, auf der Straße von der Schreckensbotschaft überrascht, das Geschehene im vollen Sinn des Wortes nicht fassen, und dieses Unvermögen verursachte eine schaurige Leere, die quälender war als der wildeste Schmerz. Beim atemlosen Heimstürzen gingen die Stimmen des Tages weiter in meinem Ohr, die jähe Lähmung des Gefühls war durch das Wort »tot«, das ich mir innerlich zurief, ohne einen Sinn darin zu finden, nicht zu heben. Und das friedevolle, aber zu Stein gewordene Haupt in den Kissen, leicht zur Seite geneigt, als wollte es die Welt nicht mehr sehen, machte mir das Rätsel des Todes nur noch rätselhafter. Ein Märtyrerantlitz, in dem das tiefe 213 Lebensleid durch überirdische Hoheit nicht ausgelöscht, aber überwunden war. Kein Nachglanz einer Freude lag darauf, nur das Erlösungswort: Es ist vollbracht. Ich lernte nun plötzlich sein Wesen, das ich bisher nur bruchstückweise im Licht der Stunde gesehen hatte, als ein Ganzes zu überschauen und begriff den nie ausgesprochenen Schmerz um die unverstandenen Werke seines Genius und den noch größeren um die nicht geschaffenen, die durch den Druck des Lebens in ihm ertötet worden waren. Und sein Alleinstehen inmitten einer liebenden, aber für ihn zu lauten Familie. Es fehlte die Seele, die nur für ihn gelebt und ihm in wunschloser Hingabe durch ihr Eingehen vergütet hätte. Seiner Gattin war unter den zerreibenden Mutterpflichten und dem heroischen Kampfe gegen die Not die Zeit für ihn immer knapper geworden. Ich war zu jung und von innen und außen zu sehr bedrängt für das, was er bedurft hätte: ein stilles Hand in Hand durch feierliche Abendlande Gehen. Und jetzt kam alles Erkennen zu spät. Wie oft hatte ich schon geträumt, ich hätte eines meiner Lieben verloren, und als der Morgen durchs Fenster sah, war alles wieder gut. Daß es jetzt nie wieder gut werden konnte, mußte erst Tag für Tag neu erlebt werden.

In dieser jähen Wende lernte ich meine Mutter von einer völlig neuen Seite kennen, die sie aber späterhin bei allen schweren Schicksalsschlägen hervorgekehrt hat: die leidenschaftliche Frau, die jedes Unglück Jahre voraus beweinte, stand jedesmal, wenn es wirklich eintraf, in der erhabensten Fassung da. Am Morgen nach unseres Vaters Tode fand ich sie, wie sie im Wohnzimmer, das sie sorglicher als sonst aufgeräumt hatte, dem Kanarienvogel das Wasser wechselte. Du sollst nicht mit uns leiden müssen, armes Tierchen, hörte ich sie sagen. War's heldenhafte Selbstüberwindung oder vermochte auch sie den Tod nicht zu erfassen? Ich konnte es nie ergründen. Eine Gehobenheit lag über ihrem ganzen 214 Wesen, die mich den schwersten Rückschlag fürchten ließ. Es kam keiner. Sie faßte sich ganz fest in die Zügel. Mit einem Blick übersah sie unsere unsäglich schwierige Lage und ihre Pflicht, das Ganze zusammenzuhalten. Jetzt zeigte sich erst recht die sittliche Macht ihrer Natur in der Wirkung auf ihre Umgebung, da die wilden Jungen trotz der Erziehungsfehler, die sie begangen hatte, nicht um Haaresbreite von dem engen Wege abwichen, auf dem es nun weiterzugehen galt. Die Jüngeren mußten im Heranwachsen auf all das verzichten, was sie den Ältesten hatten genießen sehen. Sie taten es, ohne zu murren. Es war ja das Selbstverständliche, aber das Selbstverständliche ist nicht immer das, worauf man mit Sicherheit zählen kann.

Das Alltagsleben renkte sich wieder ein. Aber eine Stille lag jetzt über dem Hause, in der die Stimme des Toten lauter zu den Seinigen redete als es je die des Lebenden getan hatte. Paul Heyse, der ihm in seinem letzten Jahrzehnt nahe Verbundene, nahm sich mit Freundestreue des geistigen Nachlasses, dem wir noch nicht gewachsen waren, an und gab schon im folgenden Jahr die gesammelten Werke heraus. Man hatte Korrekturen zu lesen, Texte zu vergleichen und Stoff für die Lebensbeschreibung herbeizuschaffen. Im Sommer 1874 übersandte sein alter Freund Mörike nach einer ergreifenden Begegnung mit mir in Stuttgart und einem darauffolgenden Besuch, den Mama und ich ihm in Bebenhausen machten, unseres Vaters Jugendbriefe, die zusammen mit denen Mörikes einen köstlichen, später von J. Bächtold bei der Herausgabe nicht völlig gehobenen Schatz bildeten. Dazwischen kamen neue Erschütterungen durch die wiederkehrenden schweren Krankheitsanfälle, die unseren Jüngsten mit steigender Gefahr heimsuchten. Die beiden Mediziner Edgar und Alfred konnten schon mit ärztlicher Hilfe beispringen und teilten die Nachtwachen mit der angstgequälten Mutter. Ich saß fast die ganze Zeit am zweiten Bande meiner Nievoübersetzung. Über den Ertrag 215 war im voraus bestimmt. Der leere, schon einsinkende Hügel auf dem Friedhof, wo unsere Blumengrüße von der Sonne gedörrt und vom Regen zerklatscht wurden, sah mich bei jedem Besuch wie ein stiller Vorwurf an. Eine Zeitlang wartete ich, ob sich nicht die Heimat jetzt ihres verkannten großen Sohnes erinnern und ihm den späten Dank an seinem Grabe abtragen würde. Als aber alles still blieb, trat ich selbst mit einem Bildhauer in Unterhandlung. Und nun sollte das Denkmal auch so feierlich wie nur möglich sein, kein bloßer behauener Stein, sondern ein Stück atmender Kunst. Man einigte sich über die Kopie einer lebensgroßen antiken Muse in Sandstein auf hohem Sockel. Der geforderte sehr hohe Preis stand außer allem Verhältnis zu meiner Lebenslage, aber gerade das empfand ich wohltuend. Solch ein Totenopfer für den Abgeschiedenen, der sich nicht mehr daran freuen konnte, der mit einem Zehntel dieser Hingabe im Leben glücklich gewesen wäre, mochte wohl einer kühlen Vernunft widerstreiten, aber der erschütterten Seele war es ein Bedürfnis. Und auch die Vernunft wollte sich der materialistischen Zeitströmung zum Trotz nicht völlig überzeugen, daß zwischen dem Gestorbenen und uns kein Band mehr möglich sei; aus Träumen kam es oft wie ein tröstliches Zeichen. Schritte führten in das dunkle Land hinein, denen man einmal ruhig nachgehen konnte. Vielleicht daß sich dann von drüben eine Hand entgegenstreckte, deren Berührung wieder Schutz gab. Aber das, was hier noch übrig war und da unten lag in der unendlichen Vereinsamung des Grabes, ängstete die Vorstellung. Denn die Wohltat der Verbrennung, die er sich ersehnt hatte, gestatteten die Satzungen seiner Zeit noch nicht. Die Winterkälte der zufrierenden Erde wurde etwas Entsetzliches. Jeder Schritt auf der Eisbahn, die sonst das Winterparadies gewesen, schien fühllos über die verlassenen Toten wegzugleiten. Und jeder kalte Windstoß fuhr mit einem schaurigen Griff ins Herz: 216

Die weißen Flocken fallen dicht
Auf Dach und Mauern;
Ich drück' ins Kissen mein Gesicht
Mit Schauern.

An einen Schläfer denk' ich, hart
Im steinigen Bette.
Sein Pfuhl ist kalt, von Eise starrt
Die Stätte.

Im engen Schreine hingestreckt,
Ruht er verborgen,
Kein Lichtstrahl wärmt ihn mehr, ihn weckt
Kein Morgen.

Und um sein kaltes Kissen, weh,
Die Winde blasen,
Mit weißem Linnen deckt der Schnee
Den Rasen.

Mich schauert und die Ruh' ist fort
In nächtiger Stunde,
Denk' ich an jenen Schläfer
dort Im Grunde.

In der tiefen Stille jener Tage war plötzlich der unsichtbare Gefährte meiner ersten Jugend zurückgekehrt. Er redete wieder vernehmbar in den Nächten, und ich schrieb alles unbedenklich nach, was er sagte. Ich nannte ihn bei mir den »Anderen« und meinte mitunter seine Nähe körperlich zu spüren. Es konnte vorkommen, daß ich des Nachts bei plötzlichem Erwachen seine Stimme noch nachklingen hörte mit irgendeiner Traumgabe, hinter der ich dann einen tieferen Sinn suchte. Aber es blieb alles nur Selbstgespräch und verschönernde Umgestaltung des eigenen Lebens. Wir Schwabenkinder wußten nicht, wie man aus Poesie Literatur macht. Nur ein paar meiner Sachen fanden durch Vermittlung unserer treuen Freunde Hemsen und Vollmer den Weg in ich weiß nicht mehr welches Dichteralbum. Immerhin war es schon 217 ein Trost, den Schwerpunkt in sich selber zu fühlen, da jede neue Verlockung, das Lebenssteuer bequem in andere Hände zu legen, an einem neuen Nein des Herzens scheiterte. Da war einer, der mir in sehr schwerer Zeit zart und hilfreich zur Seite gestanden und der in der Stille sein Leben auf mich eingerichtet hatte. Da er mich niemals bedrängte, glaubte ich eine wahre und tiefe Dankbarkeit für ihn zu empfinden. Aber wie schnell nimmt sich das Herz sein Recht zum Undank, wenn es entdeckt, daß mit den Liebesdiensten erworben werden soll, was außer jedem Preise steht. So kam der Tag, wo ich zu meinem eigenen Leid auch diese Erwartung vernichten und ein wertes Band zerschneiden mußte. Es war immer derselbe gute Geist, der von innen heraus unheilbare Mißgriffe verhindern wollte, aber er schuf damit eine Leere um mich her, in der die junge Seele bisweilen an sich selber irre ward. Der Kreis lebensfroher junger Menschen, der uns in den letzten Jahren umgeben hatte, war in alle Winde zerstreut, denn in einer Universitätsstadt wechseln die Gesichter schnell. Neue kamen und glitten wie ein Schattenspiel vorüber. Dazu die dunkle Pein der Jugend, keinen Zusammenhang in den Dingen zu sehen und von sich selber nichts zu wissen. Gestriges war gleich verwischt, das Heute hatte nur eine halbe Wirklichkeit und fiel jeden Abend wie welke Blätter zu Boden; da war nur immerdar ein lockendes, versprechendes Morgen, das vor einem herwich wie der Horizont.

Edgar lebte unterdessen mit Inbrunst den Tag, von dem er keine Stunde verlieren wollte. Die inneren Hindernisse, die mir immer wieder den Becher vom Munde zogen, begriff er nicht und sah mein Tun mit Verwunderung. Er hatte es eilig mit dem Leben, eiliger als wir anderen, als ahnte er, daß seine Zeit knapp bemessen sei. Doch hatte diese Lebensgier nichts mit der schalen Genußsucht einer späteren Jugend gemein: er wollte das Leben heroisch ausschöpfen; auch Kampf und Qual waren ihm nur andere Formen der Freude und 218 ebenso willkommen. Dabei war sein Lebensgefühl von solcher Stärke, daß er mir einmal gestand, so sehr er als Arzt die Erfahrung des Todes habe, könne er sie doch nicht auf sich selber anwenden, ja er fühle die körperliche Gewißheit in sich, daß er niemals sterben werde. Diese Worte, so wunderlich sie klangen, waren mir ganz aus der Seele gesprochen. Dasselbe unbezwingliche körperliche Hochgefühl der Jugend, dieses wie in einem Siegestanze Dahingehen und sich als unzerstörbar Empfinden war auch in mir. Wir Geschwister standen uns in den Jahren zu nahe und waren uns auf manchen Punkten zu ähnlich, um uns in der Dürre des Lebens zu ersetzen, was beiden fehlte. Wie innig würde er ein kleines, hilfloses, nur an seinen Augen hängendes Schwesterlein beschützt haben! Wie wohl hätte mir die reife Männlichkeit eines viel älteren Bruders getan! So pilgerten wir zwar immerdar nach demselben Mekka der Seele, aber häufig, wie einst auf unserer Schweizer Fahrt, auf beiden Seiten der Straße. Jedes gab dem andern die Schuld. Er fühlte seine Liebe als die leidenschaftlichere und hielt sie deshalb für unerwidert, ohne zu begreifen, wie schwer es bei seinen auf und ab zuckenden Stimmungen und der Gewaltsamkeit seines Wesens war, ihn zu begleiten. Einmal verglich ich uns beide in einem nur für mich bestimmten Gedicht mit dem Geschwisterpaar der nordischen Sage, das den Reigen von Tag und Nacht führt und sich bei aller Liebe nie begegnen kann. Mama steckte ihm das Gedicht zu. Er nahm das Gleichnis auf in einer schmerzlichen Antwort, worin die Worte standen:

Weißt du denn, welche Geister in mir wohnen?
Kennst du mich, der ein Leben durchgelebt?
Nicht Schatten, nein, lebendige Dämonen
Sind es, in deren Zwang mein Herz erbebt.

Er hatte recht, ich kannte ihn nicht und hielt auch diese Worte nur für eine poetische Formel. In der Familie beobachtet man eine allmähliche Wandlung am allerwenigsten. 219 Für mich hatte er immer noch viel von dem Jünglingsknaben, der mir in Niedernau im eifersüchtigen Schmerz die Kränze vom Arm gerissen und mich auf dem Rigi durch seine Wunderlichkeiten gepeinigt hatte, weil er jenem auch äußerlich noch so ähnlich sah. Daß nach seinem Übergang von der Philologie zur Medizin der schwärmerische Blick seiner Augen nach und nach einem Ausdruck durchdringender Bestimmtheit wich, das vollzog sich zu langsam, um in die Wahrnehmung zu fallen. Ich wußte auch vor allem nichts von den Herzensstürmen, die schon über ihn hereingebraust waren, und wie Frauenliebe an ihm gemodelt hatte. Und die dämonischen Plötzlichkeiten, denen man ausweichen mußte, ließen den darunter verborgenen, straff gespannten und stetigen Willen nicht in seiner wahren Bedeutung erscheinen. An die Schnelligkeit seiner wissenschaftlichen Entwicklung aber war man schon so gewöhnt, daß sich niemand groß verwunderte, ihn mit 21 Jahren als Assistenzarzt an der geburtshilflichen Klinik zu sehen, wo er seine Altersgenossen und zum Teil noch ältere Studierende zu Schülern hatte. 220

 

 << Kapitel 19  Kapitel 21 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.