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Aus meinem Jugendland

Isolde Kurz: Aus meinem Jugendland - Kapitel 17
Quellenangabe
typeautobio
booktitleAus meinem Jugendland
authorIsolde Kurz
year1918
firstpub1918
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart/Berlin
titleAus meinem Jugendland
pages264
created20151108
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Besuch in Frankreich

Anderthalb Jahre nach dem Sturz der Kommune mahnte Mutter Vaillant meine Eltern an ihr altes Versprechen. Sie lebte jetzt ganz allein in Vierzon. Ihr fils adoré, wie sie ihn nannte, war verbannt und zum Tode verurteilt, mit ihrer Tochter war sie zerfallen, weil diese sich von dem Bruder seiner politischen Haltung wegen losgesagt hatte. Unter solchen Umständen mochte mein Vater der einsamen Frau ihren alten Wunsch nicht abschlagen. Ich selber war begierig, eine neue Welt kennen zu lernen, das Land der schönen Form und der verfeinerten Sitte. So überwand er seine Bedenken und gab mir Urlaub. Unterwegs brachte ich einen Tag in Straßburg bei der jung verheirateten Lili zu, mit der ich das Münster bestieg und den Rhein begrüßte. Daß man zu einer Zeit, wo noch ein deutsches Heer auf französischem Boden stand, ein blutjunges deutsches Mädchen ohne Sorge allein in die Mitte Frankreichs reisen lassen konnte, ist, in heutige französische Empfindung übersetzt, nicht mehr vorstellbar. Damals ging alles glatt. War es Zufall oder gab es zu jener Zeit wirklich eine französische Ritterlichkeit – ich bekam weder in Paris noch in der Provinz, noch auf der Reise selbst je ein unfreundliches Gesicht zu sehen noch ein verletzendes Wort zu hören. Die furchtbare Erbitterung des Bürgerkriegs schien den Groll gegen den fremden Sieger verlöscht zu haben. Aber so viele Franzosen mit mir über den Krieg sprachen, alle schlossen mit dem unausweichlichen Kehrreim: Nous ne sommes pax vaincus, nous sommes vendus. Daß vor allem Bazaine sie für ein Blutgeld verkauft habe, lag als tröstlicher Balsam auf der Wunde des Selbstgefühls, deren Schmerz dem 183 Durchschnittsfranzosen noch gar nicht so tief ins Bewußtsein gedrungen war.

In Paris wurde ich im Hause eines französischen Offiziers a. D., der mit einer Stuttgarterin, einer Jugendfreundin meiner Mutter, verheiratet war, mit offenen Armen aufgenommen. Die schon ältere Frau flog mir auf der Treppe mit einem Freudenruf um den Hals, so sehr überwältigte sie meine Ähnlichkeit mit der von ihr verehrten Großmutter Brunnow. Die Familie lebte bescheiden in einer Art von Puppenstuben mit Tapetentüren unter Möbeln, die der Hausherr selbst geschreinert hatte, alles von der putzigsten Nettigkeit; das Orangeblütenwasser, das mir jeden Abend ans Bett gestellt wurde, ist mir in duftender Erinnerung. Der Herr des Hauses mit seinem Bändchen im Knopfloch führte mich nach der Sitte des französischen Militärs ritterlich am linken Arm spazieren. Er glich nach Aussehen und Denkart ganz dem Bilde, das man sich von dem alten napoleonischen Soldaten macht, und da ich mich im Invalidendom für Napoleon begeisterte, war er sehr zufrieden mit mir. Ich besah mir die »Ruinen von Paris«, zusammengekehrte Trümmerhaufen des Stadthauses, der Tuilerien, der Finanz usw., die den letzten Verzweiflungskämpfen der Kommune zum Opfer gefallen waren. Man erzählte mir von den Petroleusen, die wahrscheinlich als historisches Seitenstück zu den Trikoteusen hexenartig im Hirn der Pariser spukten. Diese Furien sollten die Häuser entlang gehuscht sein und blitzschnell in jede Kellerluke ihr Petroleum gegossen und Zündhölzer nachgeworfen haben, wodurch ganze Straßen ein Raub der Flammen geworden seien. Wie viele unglückliche Frauen, die kein anderes Verbrechen begangen hatten, als ihre Petroleumkanne heimzutragen, mögen bei den Treibjagden der blinden Rachewut zum Opfer gefallen sein! Greuel waren von der einen und von der anderen Seite geschehen, vor denen die Bartholomäusnacht verbleicht, aber die Stadt strahlte 184 von Lebenslust, und auf den Boulevards flutete eine heitere Menge in dem eigenen leichten Schritt, der dort alles beflügelt; nur wenn bei nichtigem Anlaß ein Zusammenrennen entstand, so war's wie Nachzittern vulkanischen Bodens. Als ich einmal fragte, wohin ein Trupp Soldaten mit Trommelschlag so eilig marschiere, wurde mir geantwortet: Nach der Ebene von Satory, es ist das Exekutionspeloton. Die Hinrichtungen waren längst vorüber, aber in der Phantasie der Bevölkerung dauerten sie noch fort. Von Deutschenhaß erlebte ich in Paris nur ein einziges Beispiel an einem Halbdeutschen, dem vierzehnjährigen Kadetten, Sohn meiner Gastfreunde, der mir mit funkelnden Augen ankündigte, er werde bald in Berlin einziehen, um Rache für Sedan zu nehmen. Als er den üblen Eindruck seiner Rede sah, versprach er großmütig, die Frauen und Kinder zu schonen. Man zeigte mir einen Laib Belagerungsbrot, der zu drei Vierteln aus gemahlenem Stroh und Sand bestehen sollte und der sich anfühlte wie eine Versteinerung. Auch wurde davon gesprochen, wie fein man in gewissen Garküchen verstanden habe die Ratten zuzubereiten. Das alles war nun längst Geschichte geworden bei dem schnell lebenden Volke. Über die deutschen Soldaten hörte ich kaum eine Klage; nur auf Mr. de Bismarck war man schlecht zu sprechen. Liest man die französischen Schriftsteller der späteren Jahrzehnte, etwa die feingemeißelten Geschichten Guy de Maupassants, so sieht man, mit welch hoher Kunst dem französischen Volke das Gift des Hasses nachträglich eingeimpft worden ist.

Mein erster Tag in Vierzon bleibt mir unvergeßlich. Ein Diener des Hauses Vaillant, der alte Père Réguillard, holte mich mit meinem Gepäck am Bahnhof ab. Ich war zwischen Paris und Vierzon, wo kein Schnellzug ging, zweiter Klasse gefahren, und freute mich, mir für das ersparte Reisegeld ein anderes Vergnügen zu gönnen. Nun erfuhr ich durch Frau Vaillant, die der Diener gleich davon in Kenntnis 185 setzte, daß dies ein Mißgriff gewesen, der in Vierzon keinenfalls bekannt werden durfte, und sie bat mich, über den dunklen Punkt Schweigen zu bewahren. Ich versprach's, denn ich nahm an, daß niemand so töricht sein werde, mich zu fragen. Die dem Hause Vaillant befreundeten Damen hatten das junge deutsche Mädchen mit brennender Neugier erwartet. So früh es der Anstand erlaubte, erschienen Mesdames Poupardin, Mutter und Tochter, mit einer Freundin, um mich in Augenschein zu nehmen; sie drehten mich hin und her, schoben mich eine der anderen zu, prüften Haltung, Haartracht und Anzug und entschieden über mich weg mit Verwunderung: Mais elle est bien; elle est très bien – bis doch schließlich eine entdeckte, die Falbel meines Rockes könnte besser gezogen sein. Das schmeichelhafte Endergebnis war, daß ich nichts Deutsches an mir hätte und daß ich würdig wäre eine Französin zu sein! Es war gut gemeint und die höchste Ehre, die sie zu vergeben hatten. Als das vorüber war, erfolgte die verhängnisvolle Frage: Vous êtes venue en première? Da ich weder lügen noch der mütterlichen Freundin einen Schmerz antun wollte, fiel ich darauf, mich zu stellen, als ob mein Französisch auf diesem Punkt versage, und überließ es ihr zu antworten, daß ich selbstverständlich Erster gereist sei.

Diesem Einstand entsprachen alle ferneren Eindrücke, die ich von dem Leben in der französischen Provinz bekam.

Frau Vaillant bewohnte ein Landhaus mit schöngepflegtem Garten und einem Anwesen, das der Küche Hühner, Kaninchen, Gemüse, Salat und ein Obst von unerhörter Güte und Größe lieferte. Ihr die Riesenbirnen für den Winter aufhängen zu helfen, war eine wahre Lust. Sie enthüllte sich als eine vortreffliche und peinlich genaue Hausfrau, deren ganzes Streben in der Wirtschaftlichkeit aufging, ohne daß es nach außen den Anschein hatte. Nichts entging ihrem wachsamen Auge. Morgens um 8 Uhr stellte sie schon mit eigenen behandschuhten 186 Händen den pot au feu auf den Herd. Wenn er bis abends 6 Uhr, wo man zu Tische ging, so leise fortbrodelte, gab es ein Gericht, für das jedes Wort zu arm ist. Ich wurde in die mit heiligem Ernst behandelten Geheimnisse der französischen Gaumenlust eingeweiht, sah ihr die Bereitung allerhand schmackhafter Tunken ab, lernte, daß die Hammelkeule mit einer Ahnung von Knoblauch in den Ofen gehen und stets in Begleitung von Bohnen auf den Tisch kommen muß. Die zwei Mahlzeiten bildeten die wichtigsten Ereignisse des Tages, auch wenn sie für uns beide allein aufgetragen wurden. Wenn ich an das luftige französische Weißbrot zurückdenke, so begreife ich die Klage der Franzosen über das unsrige, von der schon Goethe weiß. Der Anstand forderte, daß man zu jedem Stück Fleisch ein mindestens gleichgroßes Stück Brot zum Munde führte, das auf der Zunge schmolz. Ich faßte eine ebenso tiefe Bewunderung für die französische Küche, wie mich die Abwesenheit aller anderen Belange bei der Gesellschaft in Erstaunen setzte. Die feinen Weine, die auf den Tisch kamen, und das nie fehlende Gläschen Likör waren das einzig Geistige, was es in Vierzon gab.

Die wenigen Familien, mit denen Frau Vaillant Verkehr pflog, Gutsbesitzer, Fabrikanten und dergleichen, drückten offenbar über ihres Sohnes politische Stellung ein Auge zu, trotz dem Todesurteil, das über ihm hing; so stark wirken Besitz und Wohlstand auf die Gemüter. Wenigstens kann ich nicht annehmen, daß sie alle im Herzen heimliche »Communards« waren. In wunderlich rührender Weise war das Mutterherz bestrebt, ihm dieses Wohlwollen, nach dem er nicht fragte, zu erhalten. Wenn ein Brief aus London kam, so erschienen die Damen voller Neugier, dann las ihnen Frau Vaillant vor meinen staunenden Ohren Grüße und Verbindlichkeiten vor, die eifrigst erwidert wurden, die aber nie aus Vaillants streng wahrhaftiger Feder geflossen sein konnten. Waren dann die Besucherinnen fort, 187 so gab sie mir die Briefe in die Hand, und es zeigte sich dann, daß die Grüße an ihren deutschen Gast gerichtet waren. Sehr merkwürdig erschien es mir, daß Frau Vaillant ihr feines Französisch nicht orthographisch schreiben konnte und sich daher ihre Briefe von mir durchsehen und berichtigen ließ.

Die Zeit stand in Vierzon ganz still. Ich lebte hinter den verzauberten Obst- und Blumenspalieren wie ein Dornröschen. Zu jedem Ausgang über die Straße bedurfte es einer Begleitung, was mir das Ausgehen ganz verleidete; ich habe daher von Vierzon-Ville fast gar keine, von der äußerst reizvollen Landschaft mit dem stillem umbuschten Flüßchen, wo die Damen überraschenderweise im Freien badeten, nur eine schwache Erinnerung bewahrt. In Vierzon-Village, wohin man häuslicher Bestellungen halber fuhr, lernte ich auch die französischen Bauern mit ihren ausgehöhlten Holzschuhen und ihren blütenweißen Betthimmeln, mit ihrem breiten Wohlstand und ihrem engen Rechengeist kennen.

Die wohlwollende, mütterlich gesinnte Frau tat ihr möglichstes, wie sie es ansah, um zwischen meinen von Hause mitgebrachten Begriffen und denen ihrer Umgebung zu vermitteln. Wie schwer ihr dies innerlich fallen mußte – denn sie stand ja selber zumeist auf dem Standpunkt ihrer Landsleute – konnte ich damals kaum übersehen. Von einem gewissen jungen Mädchen hieß es, daß man nicht mit ihr umgehen könne, weil sie ihren Vater nach Italien begleitet und ein halbes Jahr in Venedig und Rom gelebt habe, welche Städte für besonders sittenlos galten, und ich hörte den Vater schwer tadeln, daß durch seinen Unbedacht der Tochter für immer die Heiratsaussichten verbaut seien. Mit einer lebhaften jung verheirateten Frau wurde mir gleichfalls der Verkehr beschränkt im Hinweis auf ihre sittliche Vergangenheit. Ich war nicht wenig erstaunt zu hören, worin dieser Makel bestand: sie habe vor ihrer Ehe mit jungen Herren Briefe 188 gewechselt, und diese Verirrung wirke noch ungünstig auf die ärztliche Praxis ihres jetzigen Mannes nach. Auf meinen Einwand, daß ich ja gleichfalls mit den jungen Freunden meiner Familie in Briefwechsel stehe und daß sie selbst mich ermahne, ihrem Sohn nach London zu schreiben, wurde mir die einsichtige Antwort, bei einer Deutschen sei es etwas anderes. Am schroffsten spalteten sich die Meinungen bei einem tragischen Fall, der sich in der Stadt ereignete. Ein junger Mann hatte in der Notwehr einen anderen erstochen und wurde – ungerechterweise, wie alle sagten – zu dreißig Jahren Kerker verurteilt. Jedoch die allgemeine Klage galt nicht seinem Los, sondern dem seiner Schwester, die verlobt war und die nun einsam verblühen müsse, weil ja doch dem Bräutigam unter diesen Umständen gar nichts übrig bleibe, als sich zurückzuziehen. Was mich entsetzte, war nicht die Handlungsweise des Verlobten, die in jedem Land vorkommen konnte, sondern die felsenfeste Überzeugung der Gesellschaft, daß ein anderes Verhalten überhaupt nicht möglich sei. Freilich bedachte ich im jugendlichen Eifer nicht, daß in Frankreich Verlobungen unter ganz anderen Voraussetzungen geschlossen werden als bei uns, daher jene mich so wenig verstanden wie ich sie und über die unpraktischen Zumutungen des deutschen Idealismus bedenklich die Köpfe schüttelten. Die Luft wurde mir in Vierzon enger und enger. In einer deutschen Landstadt vom gleichen Umfang wäre ja der Geist im ganzen auch kein freierer gewesen, aber es hätte doch eine Reihe merkwürdiger, von der Umgebung abstechender Sonderlinge die Eintönigkeit unterbrochen. Von diesen Provinzlern entfernte sich keiner um Haaresbreite von der Linie des Nachbarn. Das waren nun meine Erfahrungen mit der französischen Kultur. Und so sah die Welt aus, der der revolutionäre, kommunistische Vaillant entstammte.

Eine etwas frischere Luft kam durch den Besuch einer angenehmen jungen Pariserin ins Haus, der Frau eines 189 gleichfalls nach London geflüchteten »Communards«. (Nebenbei gesagt, war Communard ein halbes Schimpfwort, sie selber nannten sich Communeux.) Madame Martin war Modistin und machte sich durch Anfertigung allerliebster Hütchen um die Hausbewohnerinnen verdient. Mutter Vaillant brachte den Anschauungen des Sohnes das Opfer, daß sie die junge Frau ganz als gleiche behandelte, und diese war auch an Takt und äußerer Bildung den Damen von Vierzon mindestens ebenbürtig. Auf Ausgängen wurde ich aber doch noch lieber einer ältlichen Engländerin anvertraut, einer ehemaligen Gouvernante, die ihre Ferien im Hause verbrachte und mir auf Frau Vaillants Wunsch ein wenig Klavierunterricht gab, – es war nämlich eine der Eigenheiten meiner Mutter, daß sie zu meinem größten Schmerz die Musik gänzlich aus dem Lehrplan ausgeschlossen hatte. So war ich der Miß dankbar, obgleich sie als Deutschenfeindin mir nicht sonderlich wohlwollte. Viel lieber war ihr Mademoiselle Poupardin; diese begleitete sie mit Hingebung auf dem Klavier, wenn sie des Abends herüberkam und die damals sehr beliebte herzbrechende Romanze sang:

On dit que l'on te marie,
Tu sais que j'en vais mourir -

Diese Engländerin nun war mir zur Aufsicht beigegeben, und es entbehrte nicht einer gewissen Komik, daß ich das feindliche Land mutterseelenallein durchreist hatte und nun an Ort und Stelle den Nachbarn zuliebe betreut werden mußte wie ein Kind. In der englischen Gesellschaft konnte ich einen Besuch in dem nahen Bourges unternehmen. Die Miß entledigte sich ihrer Aufgabe aber nicht in Frau Vaillants Sinne, denn auf dem Weg vom Bahnhof ins Stadtinnere ließ sie mich plötzlich stehen, um sich in einen Trupp vorbeiziehender Rekruten zu stürzen, die sie mit feuriger Ansprache zur schleunigsten Wiedereroberung von Elsaß-Lothringen 190 aufforderte. Sie erweckte, soviel ich sah, wenig Begeisterung, wahrscheinlich wurde ihr angelsächsisches Französisch gar nicht recht verstanden. Die eingetretene Stauung benützte ich, um in eine krumme Querstraße zu verschwinden. Ich fragte mich allein nach der uralten Kathedrale durch, die ich mir vom Küster zeigen ließ. Auch dort waren die Petroleusen gewesen und hatten, wie der Mann erzählte, schon die ganzen Mauern mit Petroleum begossen, nur der rasche Sturz der Kommune hinderte sie, ihr Streichholz anzustecken Zu schicklicher Besuchsstunde gab ich dann im Hause eines jungverheirateten Arztes meine Einführungskarte ab, wo man Frau Vaillants Bitte, mir die Stadt zu zeigen, sehr artig entgegenkam. Da sich unter den Merkwürdigkeiten, die man mir aufgeschrieben hatte, auch eine Militäranstalt befand, hielt es der Herr des Hauses geraten, zuvor dort anfragen zu lassen, worauf die überraschende Gegenfrage kam, wie das junge Fräulein aussehe. Auf die Antwort: groß, schlank, blond, wurde die Erlaubnis verweigert, weil dies das Signalement der verkleideten preußischen Offiziere sei. Als wir dann später in der schönen Kastanienallee, die die Stadt umzieht, einem der Herren jener Anstalt begegneten, konnte dieser nicht umhin über die angewandte Vorsicht zu lächeln und erbot sich, mir den Eintritt doch noch zu erwirken. Aber ich lehnte dankend ab und habe somit nie erfahren, was für Genüsse mich dort erwartet hätten.

Natürlich horchte ich immer hoch auf, wenn in Vierzon von den Erinnerungen der Kommune die Rede war. Hatte man mir in Paris von den Bluttaten der rasenden Menge erzählt, so hörte ich jetzt von den zehnmal größeren Schrecken, die die regulären Truppen und der elegante Pöbel verübten. Daß man die fünf Maitage, wo das Blut in einem ununterbrochenen Strom aus der Kaserne Lobau in die Seine rann und dort als roter Streifen weiterfloß, miterlebt haben und 191 mit solcher Seelenruhe über die geschehenen Dinge reden konnte, überraschte mich. Sie waren nach vierzehn Monaten schon ferne Vergangenheit geworden. Von den Communardprofilen, die da vor mir auftauchten, ist mir besonders der verbummelte Student Raoul Rigault, Vaillants ehemaliger Studiengenosse vom Quartier Latin, in Erinnerung geblieben, der böse Geist der Kommune, der als Polizeipräfekt ihren Namen mit so viel Blut besudelt hat. Nur sein mutiges Ende konnte zu seinen Gunsten gebucht werden. Über den meisten dieser Gestalten hing neben der Tragik ein eigentümlicher Zug von Leichtsinn, ganz entsprechend dem Charakter eines Volkes, das leicht tötet und leicht stirbt. In einem Schubfach fand ich die Visitenkarte des unglücklichen jungen Genieoffiziers Louis Nathanael Rossel, der in mißglückter Nachahmung eines berühmten Musters sich an die Spitze der Revolutionstruppen gestellt hatte und den kurzen Traum seines Ehrgeizes unter den Kugeln seiner ehemaligen Kameraden in der Ebene von Satory büßte. Frau Vaillant war nicht gut auf ihn zu sprechen, sie konnte ihm seine reumütige Umkehr zu der alten Trikolore nicht verzeihen, deren Wiedererscheinen auf den Mauern von Paris er mit Jubel begrüßt haben wollte. Ich aber fühlte das tragische Geschick des Soldaten mit, der sein eigenes Todesurteil als gerecht erkannte, und erbat mir seine Karte zum Andenken.

Als meine Zeit in Vierzon zu Ende ging, war es bei aller Erkenntlichkeit für die empfangene Güte doch ein Aufatmen. Abderas und Schildas gibt es auch im lieben Deutschland, schrieb mir mein Vater in seinem letzten Briefe nach Vierzon, und zwar, wie dir jetzt klar ist, immer noch erträglichere. – Es ist schwer, besonders für die Jugend, die Eindrücke eines fremden Landes nicht zu verallgemeinern. Da ich die geistigen Kreise gar nicht kennen gelernt hatte, verließ ich Frankreich mit der Überzeugung, daß in jedem französischen Hirn nur ein 192 einziger Gedanke in festgeprägter Form Platz habe: im gros bourgeois die Freuden der Tafel, im Soldaten die Gloire, im Republikaner die Republik. Diese Menschen schienen mir samt und sonders so eintönig, von so widerspruchsloser innerer Logik wie die Charaktere im französischen Drama, die am Ende glatt aufgehen wie ein Rechenexempel. Bei der Abreise überreichte mir ein feiner alter Aristokrat, der mit der Revolution liebäugelte, ein Gedicht, worin germanisches Goldhaar, Tyrannenblut und Völkerverbrüderung auf eine nicht ganz klare Weise zusammengebracht waren. Damit schied ich von Vierzon, diesmal natürlich in der ersten Klasse. Ich hatte dann noch Gelegenheit, mich vierzehn Tage bei Landsleuten in der bezaubernden Lichtstadt aufzuhalten, aber mit der französischen Gesellschaft kam ich in keine Berührung mehr.

Persönlich habe ich Vaillant nicht wiedergesehen. Er kehrte später infolge der Amnestie von 1880 nach Frankreich zurück und wurde zuerst in den Pariser Gemeinderat und dann in die Deputiertenkammer gewählt. Wir waren unterdessen nach Italien übergesiedelt. In Abständen, die natürlich mit der Zeit immer länger wurden, tauschte er noch Briefe mit meiner Mutter, und auch als die unmittelbaren Beziehungen allmählich einschliefen, blieb das freundliche Andenken beiderseits erhalten.

In Vaillants letzten Lebensjahren stand er Jaurès besonders nahe. Beider Wirken ging ja darauf aus, durch die internationale Arbeiterorganisation Kriege für immer unmöglich zu machen. Vaillant war nunmehr der Patriarch der Partei, die, wie G. Hervé sich ausdrückte, in Jaurès ihr denkendes Hirn, in dem andern ihr unsträfliches Gewissen verehrte. Père Vaillant nannten ihn alle. Es soll ein ehrwürdiger Anblick gewesen sein, wenn der alte Mann mit dem wehenden Silberbart und -haar bei öffentlichen Arbeiterumzügen die Fahne vortrug. Im Jahre 1907 kam er noch 193 einmal nach Deutschland und verließ es im Groll, weil er auf dem Parteitag in Stuttgart die deutschen Sozialdemokraten nicht für den Generalstreik und Aufstand im Kriegsfall gewinnen konnte. Als der Weltbrand ausbrach, erwartete ich, daß er sich der nationalen Erbitterung entgegenstemmen würde. Jedoch das Gegenteil geschah. Er tat selber, was er seinen deutschen Parteifreunden so sehr verargte: er stellte sich mit seinem ganzen Gewicht auf die Seite der Regierung. Er ging aber noch viel weiter, denn er predigte den Völkerhaß. Die Formel vom preußischen Militarismus beherrschte ihn ganz; er hatte ja stets auf Formeln geschworen. Als er zum zweitenmal in seinem Leben deutsche Heere auf Frankreichs Boden stehen sah, da trübte sich seine geistige Verfassung. Er glaubte jede Ungeheuerlichkeit und war unter denen, die immer am lautesten nach japanischer Hilfe riefen. Ja, er ließ sich zu der irrsinnigen Anklage hinreißen, deutsche Sendlinge hätten Jaurès ermordet. Ich schrieb ihm damals einen offenen Brief, den ich ihm in vier Abschriften über neutrale Länder zusandte und der später in deutscher und französischer Sprache gedruckt wurde. Ich nehme an, daß er ihn erhalten hat. Antwort kam keine. Was sollte er auch sagen? Mir war es vor allem darauf angekommen, ihm klarzumachen, daß das deutsche Volk heute noch dasselbe ist, für das er einmal so warm empfunden hatte, und ferner, daß die Hoffnungen unserer Feinde auf den kleindeutschen Partikularismus von ehedem trüglich sind. Wenn Vaillant einmal haßte, so war es bei ihm nur natürlich, daß sein Haß über alle Grenzen ging. Es ist mir gleichwohl nicht möglich, des Toten anders als mit Pietät zu gedenken. Leicht mag ihm seine neue Wendung auch nicht geworden sein. Der Jammer über den Krieg unterwühlte sein Leben. Man sah ihn in den Wandelgängen der Kammer hohläugig, abgezehrt, mit stieren Augen umherschleichen, und im Dezember 1915 starb er zu Paris herzgebrochen nach kurzer Krankheit. 194

 

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