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Aus meinem Jugendland

Isolde Kurz: Aus meinem Jugendland - Kapitel 15
Quellenangabe
typeautobio
booktitleAus meinem Jugendland
authorIsolde Kurz
year1918
firstpub1918
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart/Berlin
titleAus meinem Jugendland
pages264
created20151108
sendergerd.bouillon@t-online.de
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1870

Wir befanden uns mitten im Sommer 70. In Niedernau wurde eifrig getanzt. Hedwig Wilhelmi war mit ihrer jetzt zwölfjährigen Berta aus Granada gekommen und bewohnte ein Haus in der Gartenstraße, verbrachte aber fast ihre ganze Zeit mit uns. Auch Lili hielt sich unter den Fittichen ihrer Mutter wieder in Tübingen auf. Sie stand jetzt im achtzehnten Jahr und ihre Mädchentage waren gezählt, denn dies war die äußerste Frist, die ihre Mutter ihr gestellt hatte, um ihre Wahl fürs Leben zu treffen; die selbst noch schöne und begehrte Frau war im Begriff sich wieder zu verheiraten und wollte zuvor die Tochter glücklich versorgt wissen. Unter Lilis Verehrern war einer, der sich schon in ihrem dreizehnten Jahr, als sie mit dem Pelzmützchen und der wippenden Krinoline zur Schlittschuhbahn ging, in den Kopf gesetzt hatte, die junge Grazie dereinst heimzuführen. Lili hatte sich all die Jahre leise gewehrt, weil der Sanften, Willenlosen bei dem starken Willen und der rücksichtslosen Tatkraft des Freiers etwas bänglich zumute war, aber dieselben Eigenschaften gaben der Mutter die Überzeugung, daß er der rechte sei, das Glück ihrer Tochter zu bauen. So war Lili eines Tages Braut, ohne recht zu wissen, wie, und die Hand, in die sie diesmal die ihre legte, faßte mit festem Griffe zu, der nicht mehr losließ. Sie fand sich mit ihrer gelassenen Liebenswürdigkeit auch in diese neue Lage. Bei der öffentlichen Verlobung, die in der »Neckarmüllerei« mit Champagner gefeiert wurde, bat sie sich aus, noch einmal zwischen ihren zwei Herzensschwestern, mir und der kleinen Berta, sitzen zu dürfen. Es war ein letztes Anklammern an die Mädchenzeit, das der Bräutigam verstand und schonte. Unter der festlichen 168 Laube gab sie mir jetzt die letzte Anleitung in der Lebenskunst. Champagnertrinken gehöre zur Weltbildung, hatte sie mir öfters zu verstehen gegeben, das sei so recht das Tüpfelchen aufs I. Ich schämte mich also, noch keinen getrunken zu haben. Aber nach dem ersten Glas wurden mir zu meiner Verwunderung die Augendeckel schwer, und als Lili mir zur Auffrischung das zweite eingoß, begannen die Gegenstände zu verschwimmen. Die kleine Berta war im gleichen Fall, daher Lili, die zugab, etwas Ähnliches zu empfinden, uns nunmehr eine Gehprobe anriet. Wir zwei Jüngeren standen auf, die schöne Braut, die sich den ganzen Tag nicht von uns trennen wollte, schloß sich an und wir verließen unter dem Widerspruch der Herren das Fest, um vorsichtig und würdevoll, nur auf unser Gleichgewicht bedacht, einen einsamen Kiesweg abzuschreiten. Aber zur Fortsetzung des Banketts hatte keine von den dreien Lust, wir entflatterten also dem Garten und suchten Hedwigs nahe Wohnung auf, um die unerwartete Wirkung des Champagners zu verschlafen. Die Mütter sandten uns Edgar zur Begleitung nach, der sich diebisch freute, die drei Jungfräulein in diesem lasterhaften Zustand zu sehen. Als er aber auch die Treppe mit ersteigen wollte, wurde er von drei plötzlich verwandelten Mänaden mit Polstern, Kissen und was uns in die Hände fiel, beworfen, daß er sich schleunigst zurückzog. Wir lachten und tollten hinter ihm her, und der Ernst der Verlobungsfeier dämmerte uns nur noch im fernen Hintergrund. Lili bewahrte auch in dieser etwas fragwürdigen Verfassung ihre Anmut. Sie setzte sich ans Klavier und hieß uns beide tanzen, als uns ein jählings aufgestiegenes Sommergewitter, das wir nicht beachtet hatten, durchs offene Fenster mit walnußgroßen Eisstücken überfiel. Ich warf noch zur Antwort und Opferspende ein Trinkglas hinaus; danach aber fanden wir es rätlich, eine jede einen stillen Schlummerwinkel aufzusuchen.

169 Der Abend sank bereits, als Lili frisch ausgeschlafen mich aus den Kissen zog. Die Schöne war schon wieder schön gekämmt und zurechtgemacht und hatte sich jetzt augenscheinlich mit der Bedeutung des Tages abgefunden. Sie ordnete auch mir noch einmal die Haare mit all der Liebe und Sorgfalt, die sie sonst darauf zu verwenden pflegte. Dann kehrten wir, von den Müttern abgeholt, zu dem Brautfest zurück, das unterdessen im gedeckten Raume ohne Braut weitergegangen war. Der Bräutigam nahm endlich sein schönes Eigentum in Empfang und entführte sie in die dämmernden Gartenwege am Neckar, die schon wieder aufgetrocknet waren. Das Fest löste sich auf, neue Gäste kamen in die Neckarmüllerei, die nicht zu den Geladenen gehörten. Wenn ich nicht irre, war auch der ernste Vaillant darunter. An einem Nebentisch wurde wieder politisiert. Einer erhob sich und sagte mit Emphase: Meine Herren, das Jahr Achtundvierzig pocht mit ehernem Finger an die Türe – dabei klopfte er mit dem Fingerknöchel auf die Tischplatte – ich sage: das Jahr Achtzehnhundertundachtundvierzig – aber an die Tür pochte etwas völlig andres, denn gleich darauf verbreitete sich die Nachricht von der Emser Depesche.

Lilis Brauttag beschloß auch für mich den Reigen der Jugendfeste, in die wie ein Blitzstrahl die Kriegserklärung Frankreichs schlug. Die männliche Jugend eilte zu den Fahnen. Unser französischer Hausfreund war genötigt, Deutschland zu verlassen. Frau Wilhelmi mit ihrem Töchterchen begleitete ihn nach Genf, wo er zunächst noch weiterstudieren wollte. Auch die Andersdenkenden verfolgten seine Wege mit Spannung. Vaillant zweifelte keinen Augenblick, daß nunmehr die Stunden des Empire gezählt seien, denn er rechnete bestimmt auf eine französische Niederlage. Aber er liebte dieses Frankreich ebenso glühend, wie er seine Laster haßte, und es war Patriotismus, daß er den deutschen Waffen den Sieg wünschte, weil sein Vaterland nur durch schwere Schläge, 170 durch eine harte Erziehung gesunden könne. Napoleons Abdankung rief ihn auf französischen Boden. Allein die Republik Gambettas war nicht die seinige. Während der Belagerung von Paris half er mit Feuereifer die Erhebung vom 18. März vorbereiten und wurde vom Zentralausschuß in die Kommune gewählt, die an gebildeten Mitgliedern keinen Überfluß hatte. Von nun an war Vaillants Name in allen europäischen Zeitungen zu finden. Er wurde zuerst an die Spitze der inneren Angelegenheiten, dann an die des Unterrichtswesens berufen. Welche Rolle er in der Kommune gespielt hat, ist aus den widersprechenden Zeugnissen schwer zu erkennen. Daß er die Erschießung der Geiseln und andere Gewalttaten guthieß, kann ich bei seinem Fanatismus kaum bezweifeln. Er ließ die Kruzifixe aus den Schulen entfernen und setzte mit einem Federstrich dreiundzwanzig Beamte der Nationalbibliothek ab, mit deren gänzlicher Neubildung er den ehrwürdigen Gelehrten Elie Reclus betraute; das ist so ziemlich das einzige, was von seiner Verwaltungstätigkeit berichtet wird. Seine Parteigenossen warfen ihm vor, daß ihm die deutsche Philosophie den Tatsachensinn benebelt habe, und ich will gern glauben, daß der Mann der Theorie sich als Organisator wenig bewährte, aber Hegel war gewiß unschuldig daran. Übrigens waren die Vorwürfe gegenseitig, denn er seinerseits nannte bei einer Abstimmung die Kommune ein Parlament von Schwätzern, das heute zunichte mache, was es gestern geschaffen. Gleichwohl hielt er es für seine Pflicht, als einer ihrer Führer bis zum Ende auszuharren, und beim Einzug der Versailler kämpfte er auf den Barrikaden mit. Als seine Sache verloren war, gelang es ihm, durch die Einschließungslinie zu entkommen und sich als Eseltreiber verkleidet über die Pyrenäen auf spanischen Boden zu retten, von wo er nach England ging. In den Zeitungen hieß es mehrmals, daß ein falscher Vaillant erschossen worden sei. Es wurde auch wirklich einer, der ihm ähnlich sah, ergriffen und nach 171 Versailles geschleppt, aber durch die Dazwischenkunft A. Dumas', der ihn kannte, gerettet. In Frankreich war das Märchen verbreitet, die preußischen Truppen hätten Vaillant freundwillig durchgelassen wegen seiner guten Beziehungen zu Deutschland.

Die Weltereignisse trieben auch in unser abseits gelegenes Haus ihre Wellen. Mein Vater war feurig deutsch gesinnt und hatte den Anschluß an Preußen trotz 66 mit Begeisterung begrüßt; in der Gründung des Reiches sah er eine lebenslange Sehnsucht erfüllt. Meine Mutter aber konnte ihre Empfindungsweise nicht umschalten, sie beharrte mit einseitiger Treue in der revolutionären Dogmatik ihrer Jugend. Mit dem französischen Geist war sie ja ebenso durch ihre adlige Erziehung wie durch ihre 48er Vergangenheit verwachsen. Ein Krieg gegen Frankreich, das sie liebte und von dem sie als erstem die Verwirklichung ihrer Freiheitsideale erhoffte, schien ihr eine Ungeheuerlichkeit. Niemand hat gläubiger an dem Lehrsatz festgehalten, daß Frankreich der berufene Soldat der Freiheit sei. Gegen Preußen bewahrte sie ihren alten Groll und für Bismarcks Größe war sie ein für allemal unempfindlich. Diese Dinge mit ihr zu erörtern wäre zwecklos gewesen, mein Vater wußte, daß sie unbekehrbar war. Ihre tiefe Liebe und seine weise Mäßigung ließen es zu keinem Zwiespalt kommen, doch über das, was die Allgemeinheit am stärksten bewegte, konnte zwischen ihnen nicht gesprochen werden.

Edgar befand sich im Alter der höchsten Ideologie und stand unter Vaillants und Mülbergers Einfluß. Das vaterländische Ideal war ihm zu eng, er glaubte an die Marxsche Internationale. Der edle Irrtum, der mit Überspringung der nächsten Stufe ein höheres ferneres Ziel vorausnehmen und sich auf den vielleicht nach Jahrhunderten eintretenden Zustand einer entwickelteren Menschheit einstellen will, ist ja gerade für die deutsche Seele so bezeichnend. Die Sozialdemokratie sah er nicht wie sie damals war, sondern wie er 172 hoffte, daß sie werden würde, und umgab sich mit Gestalten, die zu seiner eigenen vornehm-zarten Persönlichkeit im stärksten Gegensatz standen. In seiner Großmut verschlug es ihm nichts, daß er sich durch seinen Anschluß an die Partei der Ausgestoßenen um die schönsten Möglichkeiten seiner späteren Laufbahn brachte. Denn für die bürgerlichen Kreise war damals die Sozialdemokratie der leibhaftige Gottseibeiuns. Das erfuhr einer unserer jungen Freunde, den seine Mutter, eine fromme Pfarrerswitwe, himmelhoch bat, doch während des gewittrigen Sommers keinen »Volksstaat« in der Wohnung aufzustapeln, damit der Blitz nicht ins Haus schlage.

Bei der politischen Spaltung in der Familie war es gut, daß wenigstens die Tochter ganz unpolitisch war und, indem sie zu keiner Seite neigte, verbindend zwischen allen stand. Nur daß Straßburg wieder unser war, die vom deutschen Volkslied immer festgehaltene Stadt, empfand ich mit dem Vater als ausgleichende Gerechtigkeit, aber die ungeheure Bedeutung des endlich geeinigten Vaterlandes ging mir noch nicht auf. Und gar zu wissen, welches die beste Staatsform sei, konnte ich mir wirklich nicht anmaßen. Hätten nur die Landsleute sich jetzt zu der höheren Kulturform bekehren wollen, nach der meine Seele dürstete. Aber dazu schien keine Hoffnung. Man hörte Stimmen, die zu der Bärenhaut des Urteutonentums zurückverlangten. Daß die feine Kultur Frankreichs, für die ich zur Ehrfurcht erzogen war, wenn ich auch nicht begehrte, Bürgerin dieses Landes zu werden, von solchen geschmäht wurde, die sie gar nicht kannten, verletzte mein Gefühl. Die »Wacht am Rhein«, von bierheiseren Bürgerstimmen am sicheren Wirtshaustisch gesungen, war ein Ohren- und ein Seelenschmerz. Ich konnte also nicht vaterländisch empfinden. Deutschland stand ja gewaltig und siegreich da und bedurfte nicht wie heute der Liebe aller seiner Kinder. Die deutsche Kultur war mir die Welt Goethes, ein 173 heilig gehaltenes, nirgends sichtbares Ideal, das ich tief im Herzen trug und in die fernsten Fernen mitnehmen konnte. Sie hatte mit dem, was mich umgab, nichts zu tun, sie bedeutete höchstes Menschentum, an keine Scholle gebunden. Daher tat die Mutter meinem Verständnis eine zu große Ehre an, wenn sie mich zuweilen in der Hitze bismarckisch schalt. Noch weniger freilich hoffte ich für mein Kulturideal von der Richtung, die Edgar eingeschlagen hatte; so ging jedes im Hause seinen eigenen Weg. Weil nun aber unsere Mitbürger sich von Anfang an gewöhnt hatten, alles, was ihnen an unserer Familie mißliebig war, der Tochter anzukreiden, so wurde ich auch für die politischen Ansichten von Mutter und Brüdern verantwortlich gemacht, mit denen ich selber im Widerspruch stand, und es gab damals in Tübingen erwachsene Leute, die allen Ernstes die Sechzehnjährige für eine staatsgefährliche kleine Persönlichkeit ansahen, der man geheimnisvolle politische Umtriebe zutraute. – Nur einmal, beim Friedensschluß, schlugen alle Herzen in der Familie zusammen und im Einklang mit dem Allgemeinen: in der tannengeschmückten Straße durfte auch ich meine Blumen in den festlichen Einzug der Krieger werfen. 174

 

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